Fragmente, Notizen, Aphorismen

Fragmente, Notizen, Aphorismen

Fragment zur Philosophie des Geistes125)

[1822 ff.]

[Erstes Bruchstück]

§ [1]

Die Philosophie des Geistes hat den Geist als unser inneres Selbst zum Gegenstande, - weder das uns und sich selbst Äußerliche noch das sich selbst schlechthin Innerliche, [sondern] unseren Geist, der zwischen der natürlichen Welt und der ewigen Welt steht und beide als Extreme bezieht und zusammenknüpft.

§ [2]

Der Mensch wendet sein Bewußtsein früher nach diesen beiden Seiten; er lebt, empfindet, schaut an, stellt vor, denkt, will und vollbringt und hat in allem diesem äußere Dinge oder seine Zwecke, andere und zwar beschränktere Gegenstände als seine Tätigkeit in allem diesem selbst vor sich. Ebenso geht er zugleich über diesen seinen endlichen Boden hinaus zum Unendlichen, als einem ihm Ferneren oder Näheren, aber einem solchen Anderen, in welchem er verschwebt.

§ [3]

Sich selbst zu erkennen, diese Richtung auf das, was unmittelbar gegenwärtig ist, wie die endlichen Gegenstände, und als ein Inneres, wie der unendliche Gegenstand, ist später.

11/517 Erkenne dich selbst ist das bekannte Gebot des delphischen Apollo und bezeichnet den eigentümlichen Standpunkt der griechischen Bildung als der sich selbst individuellen Geistigkeit. Es macht dem grießischen Sinne Ehre, durch die Inschrift Γνωϑι σεαυτόν auf dem Tempel des höchsten Wissens dies wahrhafte Selbstbewußtsein über die Eigentümlichkeit des griechischen Geistes bewiesen zu haben. Die Auslegung jenes Gebotes im Verstande einer Selbstkenntnis, die nur auf die partikulären Zufälligkeiten, Neigungen, Fehler, Schwächen usf. des Individuums ginge, wäre, könnte man sagen, des delphischen Apollo, des Wissenden, unwürdig, weil solche subjektive Menschenkennerei dem griechischen Geiste noch fremd und ein späteres, modernes Erzeugnis ist.

§ [4]

Der Geist, als in der § 1 angegebenen Stellung ein unterschiedenes Besonderes gegen die natürliche und gegen die ewige Welt, ist endlicher Geist. Indem aber die Philosophie einen Gegenstand in seiner Wahrheit betrachtet, hat sie den Geist in seiner von der Schranke unabhängigen Unendlichkeit zu betrachten. Weil der Geist sich auf die Natur und auf die göttliche Idee zugleich bezieht, somit beides zugleich in seiner Bestimmung liegen muß, so liegt hierin schon, daß die Endlichkeit nicht seine allgemeine Bestimmung ist.

§ [5]

Es können hier zunächst die endlichen Betrachtungsweisen des Geistes erwähnt werden, welche sonst die Philosophie des Geistes ausmachten und mit ihr verwechselt werden können.

§ [6]

a) Die Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis bezieht sich auf das Zufällige und Besondere der Charaktere, ihre Neigungen, Leidenschaften, Gewohnheiten, Ansichten, Vorurteile, Launen, Schwächen, Fehler usf. - eine Kenntnis der Menschen, die oft mit der Kenntnis des Menschen, und deren Interesse und Wichtigkeit ebenso häufig mit dem Interesse und der Gewalt der Sache verwechselt wird.

11/518 Die Selbsterkenntnis hat ihr Interesse für den moralischen Zweck in Rücksicht auf das partikuläre Individuum und führt, wenn sie nicht das Substantielle und Gründliche der Moralität und Religiosität mehr vor Augen hat als die subjektiven Partikularitäten, leicht zu einer grüblerischen Ängstlichkeit, vornehmlich aber zu einer einbilderischen Selbstsucht. - Die sogenannte Menschenkenntnis, für welche man vorzüglich auch auf Romane, Schauspiele, ferner gemeine Gesellschaft usf. angewiesen ist, fällt nach der Seite der Klugheit im Leben vornehmlich hin und erlangt um so mehr Wichtigkeit in denjenigen, die desto weniger eigenen Gehalt des Charakters besitzen und sich auf Zwecke richten, die sich nicht durch die Sache selbst, sondern durch die Zufälligkeiten und Partikularitäten anderer zu erreichen hoffen, oder deren Geschäfte mit anderen es mehr mit deren Zufälligkeiten zu tun haben (wie z. B. die Kammerdiener). - Die Zufälligkeiten, Partikularitäten und noch mehr die bloßen Leidenschaften der Menschen können leicht mit dem verwechselt werden und das übersehen machen, was ihr substantieller Charakter und Wille ist. So geschieht es in einer psychologisch-pragmatischen Geschichtsansicht, daß die großen Begebenheiten nur als Produkte kleiner oder mächtigerer Leidenschanften und die Individuen in ihren Handlungen nur als von subjektiven Interessen regiert betrachtet werden, so daß die Geschichte auf diese Weise zu einem Spiele gehaltloser Tätigkeit und zufälligen Ereignisses herabsinkt.

§ [7]

11/519 b) Die Psychologie ist ihrem Fundamente nach gleichfalls empirisch, bringt aber die Erscheinungen in allgemeine Klassen und beschreibt dieselben unter dem Namen von Seelenkräften, Vermögen usf. und betrachtet den Geist nach den Besonderheiten, in die er auf diese Weise zerlegt ist, so daß er als eine Sammlung (ein Aggregat) solcher Vermögen und Kräfte vorgestellt wird, deren jede für sich nach ihrer Beschränktheit wirkt und mit den anderen nur in Wechselwirkung und somit äußerliche Beziehung tritt.

Alle Erkenntnis fängt subjektiv von Wahrnehmungen und Beobachtungen an, und die Kenntnis der Erscheinungen ist von höchster Wichtigkeit, ja eine durchaus unentbehrliche Kenntnis. Aber sowohl für die Wissenschaft als unmittelbar auch für einen solchen Gegenstand, wie der Geist ist, wird etwas ganz anderes erfordert als die Hererzählung von einer Reihe von Vermögen und die Darstellung derselben als einer unorganischen Menge. Die Forderung des harmonischen Zusammenhangs - (was ein Schlagwort in dieser Materie und ein so unbestimmtes ist, als sonst die Vollkommenheit war), in welchen jene Vermögen und deren Ausbildung gebracht werden soll, zeigt wohl die Erinnerung an eine wesentliche Einheit an, aber nur als eine sein sollende, nicht als die ursprüngliche Einheit des Begriffs, die doch jeder Mensch vor sich hat, wenn er den Geist sich vorstellt - nämlich als ein wesentlich an sich Eines, als eine Monade; diese Harmonie bleibt dann darum auch eine leere und sich nur in leeren Redensarten etwa amplifizierende Vorstellung, weil der Begriff, die ursprüngliche Einheit, nicht als das Prinzip, vielmehr das Gegenteil: die unorganische Vielheit und Besonderheit der Geisteskräfte vorausgesetzt ist.

§ [8]

11/520 c) Die rationelle Psychologie, Pneumatologie betrachtet den Geist in ganz abstrakter Allgemeinheit und ist die alte Metaphysik über den Geist, welche denselben oder die Seele als Ding und nach abstrakten Verstandesbestimmungen wie einfach oder zusammengesetzt, nach der Beziehung auf den Körper als auf ein schlechthin Selbständiges usf. faßte. In solcher Betrachtungsweise tritt das, wodurch der Geist Geist ist, nicht ein.

§ [9]

Es sind vornehmlich zwei Umstände, wodurch diese Betrachtungsweisen verdrängt worden sind: der eine ist die völlige Veränderung des Begriffs der Philosophie, welcher für die Wissenschaft weder empirische Erkenntnisse und Erscheinungen oder sogenannte Tatsachen des Bewußtseins, noch deren Erhebung zu Gattungen und Klassifikation, noch abstrakte Verstandesbestimmungen, überhaupt nicht die endliche Betrachtungsweise unseres gewöhnlichen Bewußtseins und reflektierenden Denkens für hinreichend und adäquat hält, sondern zum Gegenstand der Wissenschaft vom Geiste nur den lebendigen Geist und zur Form des Erkennens nur dessen eigenen Begriff und nach der Notwendigkeit seiner immanenten Entwicklung haben kann.

§ [10]

11/521 Der andere Umstand kommt von der empirischen Seite selbst und ist der animalische Magnetismus, welcher in der Welt des Geistes ein Gebiet von Wundern entdeckt und uns damit bekannt gemacht hat. Für die Auffassung der verschiedenen Zustände und sonstiger natürlicher Bestimmungen des Geistes, welche den Zusammenhang der Natur und des Geistes enthalten, wie für die Auffassung seines Bewußtseins und seiner geistigen Tätigkeit reicht, wenn man bei den Erscheinungen stehenbleibt, notdürftig die gewöhnliche endliche Betrachtungsweise hin, und der verständige Zusammenhang von Ursachen und Wirkung, den man den natürlichen Gang der Dinge nennt, findet in diesem äußerlichen Gebiete sein Auskommen. Aber in den Erfahrungen des tierischen Magnetismus ist es die Region der äußerlichen Erscheinungen selbst, in welcher der verständige Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen mit seinen Bedingungen von den räumlichen und zeitlichen Bestimmungen seinen Sinn verliert und innerhalb des sinnlichen Daseins selbst und seiner Bedingtheit die höhere Natur des Geistes sich geltend macht und zum Vorschein kommt. Es wird sich späterhin zeigen, daß die Erscheinungen des animalischen Magnetismus nicht aus dem Begriffe des Geistes, namentlich nicht über sein Denken und seine Vernunft, hinausgehen, daß sie im Gegenteil nur einem Zustande und einer Stufe angehören, in der er krank und in ein niedrigeres Dasein unter die Kraft seiner wahrhaften Würde herabgesunken ist. So töricht und eine so falsche Hoffnung es daher ist, in den Erscheinungen dieses Magnetismus eine Erhöhung des Geistes und eine Eröffnung von Tiefen, die weiter gingen als sein denkender Begriff, sehen zu wollen, so sind es dagegen diese Erscheinungen, welche im Felde des Erscheinens selbst nötigen, den Begriff des Geistes herbeizurufen, und nicht gestatten, bei dem begrifflosen Auffassen des Geistes, nach der gewöhnlichen Psychologie und nach dem sogenannten natürlichen Gange der Dinge, mehr stehenzubleiben. Die an diesen Erscheinungen sich beweisende Idealität der sinnlichen und verständigen, überhaupt der endlichen Bestimmungen ist es, wodurch dieses Gebiet für sich eine Verwandtschaft zur Philosophie hat, so wie es auch für die Geschichte, in welcher so vieles unter dem Namen des Wunderbaren von dem Verstand, der den Zusammenhang äußerlicher Ursachen und Wirkungen und die Bedingtheiten des sinnlichen Daseins zum Maßstabe der Wahrheit nimmt, so vieles, Ereignisse und Individuen, mißhandelt und verworfen worden ist, eine versöhnende Wichtigkeit hat.

11/523 Von schriftstellerischen Werken über die Natur des Geistes, welche von einem höheren Standpunkte der Philosophie ausgehen, als aus welchem die § [6] ff. genannten Ansichten und Wissenschaften entsprangen, sind zwei zu nennen: [C. A.] Eschenmayers Psychologie in drei Teilen als empirische, reine und angewandte, Stuttg. u. Tüb. 1817. Der zweite Teil enthält eine Logik, Ästhetik und Ethik, der dritte eine Kosmologie oder Physik; diese beiden Teile gehören also nicht hierher. Der erste, die Psychologie, macht sogleich als empirische für sich keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit; der zweite Teil, die reine Psychologie, [soll] die Bestimmung haben, die Prinzipien jenes empirischen Materials auf[zu]stellen und von dem dabei nur vorausgesetzten Schema die Konstruktion gefunden und seine Abkunft aufgezeigt [zu] haben. Eschenmayer setzt aber sogleich (§ 289) die spekulative Erkenntnis, die hier eintreten soll, bloß 1. in Reflexionen durch Begriffe, Urteile und Schlüsse und 2. in ideale Anschauung. So findet sich in diesem zweiten Teil die gewöhnliche Methode, eine Voraussetzung zu analysieren, darüber zu reflektieren, und das hierbei unentbehrliche, in der Tat ganz empirische und willkürliche Verfahren, den Inhalt ganz beliebig herzuerzählen und zu bestimmen, - der gebrauchte Name: ideale Anschauung, tut nichts zur Sache; so spricht jeder, der seine Kenntnisse und Vorstellungen in einer beliebigen Ordnung abhandelt, aus idealer Anschauung. Es ist in dieser Darstellung daher gerade die spekulative Erkenntnisweise, welche man gänzlich vermißt; und an deren Stelle dagegen die bekannte Manier, ein Schema vorauszusetzen und die vorhandenen Materialien unter dasselbe zu rubrizieren, in Verbindung mit einem Herrn Eschenmayer eigentümlichen Formalismus, mathematische Terminologie an die Stelle von Gedanken zu setzen, herrschend. [Heinrich] Steffens Anthropologie in 2 Bänden, Breslau 1822, verflicht Geologie so sehr mit Anthropologie, daß auf die letztere etwa der 10te oder 12te Teil des Ganzen kommt. Da das Ganze aus empirischem Stoffe, aus Abstraktionen und aus Kombinationen der Phantasie erzeugt, dagegen das, wodurch Wissenschaft konstituiert wird, Gedanke, Begriff und Methode, verbannt ist, so hat solches Werk wenigstens für die Philosophie kein Interesse. Die spekulative Betrachtung und Erkenntnis der Natur und Tätigkeit des Geistes ist in neueren Zeiten bis auf die Ahnung davon so sehr untergegangen, daß noch immer die Schriften des Aristoteles über diesen Teil der Philosophie beinahe oder, da die tiefen Ansichten des Spinoza doch nur ein Anfang sind, und weil sie, wie seine ganze Philosophie, nur Anfang sind, auf einer nur einseitigen Metaphysik beruhen, Leibnizens Betrachtungen aber einerseits gleichfalls nur metaphysisch, andererseits nur empirisch sind, - so bleiben also durchaus die Aristotelischen Schriften die einzigen, welche wahrhaft spekulative Entwicklungen über das Sein und die Tätigkeit des Geistes [enthalten,] obgleich nichts so sehr mißverstanden worden ist als die Aristotelische Ansicht von der allgemeinen Natur des Erkennens, daß man sogar den Aristoteles an die Spitze der Empiriker gesetzt hat und diese Ansicht seiner Lehre in allen Geschichten der Philosophie als ein festes Vorurteil zu finden ist; die Aristotelischen Spekulationen aber über die Empfindung und überhaupt über die besonderen Wirksamkeiten des Geistes sind für die Psychologie ganz unbeachtet geblieben.

§ [11]

Die Philosophie des Geistes kann weder empirisch noch metaphysisch sein, sondern hat den Begriff des Geistes in seiner immanenten, notwendigen Entwicklung aus sich selbst zu einem System seiner Tätigkeit zu betrachten.

11/524 Die empirische Betrachtungsweise des Geistes bleibt bei der Kenntnis der Erscheinung des Geistes stehen, ohne den Begriff desselben; die metaphysische Betrachtungsweise will es nur mit dem Begriffe zu tun haben, ohne seine Erscheinung; der Begriff wird so nur ein Abstraktum und die Bestimmungen desselben ein toter Begriff. Der Geist ist dies wesentlich, tätig zu sein, das heißt sich, und zwar nur seinen Begriff, zur Erscheinung zu bringen, ihn zu offenbaren. In jeder besonderen philosophischen Wissenschaft ist das Logische, als die reine allgemeine Wissenschaft, hiermit als das Wissenschaftliche in aller Wissenschaft vorausgesetzt.

Begriff des GeistesundEinteilung der Wissenschaft

§ [12]

Den Begriff des Geistes festzusetzen, dazu ist nötig, die Bestimmtheit anzugeben, wodurch er die Idee als Geist ist. Alle Bestimmtheit ist aber Bestimmtheit nur gegen eine andere Bestimmtheit; der des Geistes überhaupt steht zunächst die der Natur gegenüber, und jene ist daher nur zugleich mit dieser zu fassen. Indem dieser Unterschied des Geistes und der Natur zunächst für uns, für die subjektive Reflexion ist, so wird sich dann an ihm selbst zeigen, daß und wie Natur und Geist sich durch sich selbst aufeinander beziehen.

§ [13]

Die Bestimmtheit, in welcher die Idee als Natur ist, ist, daß sie die Idee als unmittelbar ist; die sich entwickelnden Bestimmungen aber oder, was dasselbe ist, der Inhalt der Idee in der Form der Unmittelbarkeit sind fürsichseiende Vereinzelungen, die sind, d. i. als gleichgültig gegeneinander bestehend erscheinen. Das Außereinander macht daher die allgemeine, abstrakte Bestimmtheit der Idee als Natur aus. Der Natur wird darum die Realität zugeschrieben.

§ [14]

11/525 Die Unmittelbarkeit und damit das, was die Realität der Natur heißt, ist zugleich nur eine Form, vielmehr ein Vermitteltes, und diese wesentliche Seite, nämlich die Beziehung der Natur auf den Geist, stellt dieselbe Bestimmtheit der Natur von ihrer anderen Seite dar. Sie ist nämlich das dem Geiste Andere oder Äußerliche; aber was sie gegen den Geist ist, dies ist ihre wahrhafte Bestimmung an ihr selbst, weil der Geist ihre Wahrheit ist. Sie ist deswegen das sich selbst Andere, das ihr selbst Äußerliche, und ihre Realität begründet sich somit wesentlich auf das Verhältnis zum Geiste. - Dies Außeinander macht, in seiner ganz unmittelbaren, abstrakten Form genommen, und zwar selbst sogleich in zwei Bestimmungen den Raum und die Zeit aus. Alles Natürliche ist räumlich und zeitlich. Aber die Unterschiedenheit oder die Grenze in Raum und Zeit ist nicht nur das abstrakte Eins, Raum- und Zeitpunkt, sondern das konkretere Eins, das Atom als materielles, wonach das Außereinander der Natur, und damit die allgemeine Grundlage aller ihrer daseienden Gestaltungen, sich zur Materie bestimmt, welche, weil jenes Atom, als nur Eins für sich, selbst nur ein abstraktes Moment ist, wesentlich nicht als solches Eins, sondern nur als ein Außereinander derselben, als zusammengesetzt existiert.

§ [15]

Diese erste Bestimmtheit, das Außereinander, führt die andere Bestimmtheit der natürlichen Dinge mit sich. Die Materie ist außerdem, daß sie ein sich Äußerliches überhaupt ist, vielfach bestimmt und beschaffen, und die Beziehung […]128)

[Parallelfassung zum Anfang des ersten Bruchstücks]129)

11/526 Den Geist zum Gegenstande der Betrachtung zu machen, setzt - können wir sagen - ein Bedürfnis voraus, denselben kennenzulernen. Was wir so ein Bedürfnis nennen mögen, darüber können wir uns erinnern, daß es den Griechen als ein Gebot des delphischen Apollos ausgesprochen worden ist. Erkenne dich selbst, war die berühmte Aufschrift an dem Tempel des wissenden Gottes. Um so viel höher der Himmel über der Erde, um so viel höher, ja unendlich hoch ist der Geist über der Natur, und die Erkenntnis desselben ist schon durch ihren Gegenstand die würdigste.

Dem Griechen war das Menschliche zu seinem Anteil gegeben, d. i. der freie Geist, der aber seine Unendlichkeit noch nicht erfaßt hat. - Es ist nicht der absolute, der heilige Geist, der über die griechische Welt ausgegossen wäre und zu dessen Erkenntnis er kommen könnte. Es ist der Mensch, als frei innerhalb der Natur, so daß er an ihr das Organ seines Bewußtseins behält, in ihr befangen bleibt, und indem er zwar in der Philosophie und nur in ihr, nicht in der Religion zum reinen Gedanken fortgeht, dieser selbst sich von der Abstraktion - dem der Unmittelbarkeit im Gedanken entsprechenden Befangensein - nicht losmachen [kann], nicht zum Begriffe des Geistes selbst kommt.

Die Aufgabe, den Geist zu erkennen, ist auf diese Weise an und für sich beschränkt. Auf dieselbe Stufe begrenzt sich auch die Erkenntnis, welche das Ziel dieser Wissenschaft ist. Aber zugleich bestimmt sich uns die Aufgabe auf vielfache Weise anders, eben dadurch, daß unser allgemeiner Standpunkt durch die Erhebung unseres Bewußtseins zum Bewußtsein des unendlichen Geistes - eine Erhebung, die in der Religion begonnen hat - höher gestellt ist. Durch diesen Standpunkt ist dem Geist, welcher zunächst unter dem Menschlichen verstanden zu werden pflegt, nunmehr der absolute Geist gegenübergetreten, und jener wird durch diese Vergleichung zu einem Endlichen, d. i. in der Natur Beschränkten, einerseits herabgedrückt. Andererseits aber hat der Mensch durch die Beziehung selbst, welche mit jener Vergleichung zugleich zustande kommt, in sich einen ganz freien Boden gewonnen und sich ein anderes Verhältnis gegen die Natur, das Verhältnis der Unabhängigkeit von ihr gegeben.

11/527 So ist uns der Geist, den wir hier betrachten, sogleich als eine Mitte zwischen zwei Extreme, die Natur und Gott, gestellt, - zwischen einen Ausgangspunkt und einen Endzweck und Ziel. Die Frage, was der Geist ist, schließt damit sogleich die zwei Fragen in sich, wo der Geist herkommt und wo der Geist hingeht. Und wenn dies zunächst zwei weitere Betrachtungen zu sein scheinen über die, was er ist, so wird sich bald zeigen, daß sie es allein wahrhaftig sind, durch welche erkannt wird, was er ist.

Wo er herkommt, - es ist von der Natur; wo er hingeht, - es ist zu seiner Freiheit. Was er ist, ist eben diese Bewegung selbst, von der Natur sich zu befreien. Dies ist so sehr seine Substanz selbst, daß man von ihm nicht als einem so feststehenden Subjekte sprechen darf, welches dies oder jenes tue und wirke, als ob solche Tätigkeit eine Zufälligkeit, eine Art von Zustand wäre, außer welchem es bestehe, sondern seine Tätigkeit ist seine Substantialität, die Aktuosität ist sein Sein.

[Zweites Bruchstück]

§

Die Endlichkeit des Geistes ist eine für sich, aber auch darum vornehmlich wichtige Bestimmung, weil von ihrem wahrhaften Verhältnis nur eine spekulative Erkenntnis möglich ist, diese aber, weil die Endlichkeit für eine bekannte, für sich sich verstehende und schlechthin feste Bestimmung genommen wird, so sehr den Mißverständnissen ausgesetzt ist. Obgleich die Unwahrheit solcher Bestimmung, wie die Endlichkeit überhaupt, aus der Logik vorauszusetzen ist, so ist sie in der konkreten Bedeutung als Endlichkeit des Geistes und um des besonderen Interesses [willen], das sie insofern hat, hier näher zu erörtern.

§

11/528 Die Endlichkeit ist zunächst die qualitative überhaupt, so daß die Qualität als Bestimmtheit mit dem Sein, der Gattung des Gegenstandes identisch, von ihr untrennbar [ist] und daß sie an einer anderen von diesem Subjekte ausgeschlossenen Qualität ihre Bestimmtheit und Schranke hat. Diese Endlichkeit ist die der natürlichen Dinge, wie die spezifische Schwere des Goldes vom Sein des Goldes untrennbar [ist] und an einer anderen außer dem Golde ihren Unterschied und Bestimmtheit hat, so diese Form der Zähne, der Klauen usf. eines Tieres usw. Die Endlichkeit in ihrem Begriffe aber ist die Unangemessenheit des Begriffes und seiner Realität, so daß diese seine Realität an dem Begriffe ihre Bestimmtheit oder Schranke hat, und für den Begriff eines endlichen Gegenstandes bedarf es um dieser Unangemessenheit willen, weil der Begriff ganz und ungetrennt ist, noch anderer Gegenstände - wie für den Begriff der Sonne nicht bloß der Sonne, sondern auch der Planeten und so ferner.

§

Die Idealität, welche die Qualität des Geistes ausmacht, ist ein solches, worin alle Qualität als solche sich aufhebt, das Qualitätslose, - und die Endlichkeit des Geistes ist daher so zu fassen, daß, indem er in der Idealität aller Schranken der zur Existenz gekommene freie unendliche Begriff ist, seine Endlichkeit nur in die ihm unangemessene Weise der Realität fällt.

§

Weil der Geist die zur Existenz gekommene Freiheit des Begriffes ist, so ist jene ihm unangemessene Realität, die Schranke, für ihn. Eben darin, daß sie für ihn ist, steht er über derselben, und die Beschränktheit des Geistes hat damit eben diesen ganz anderen Sinn als die der natürlichen Dinge; daß er sich als beschränkt weiß, ist der Beweis seiner Unbeschränktheit.

11/530 Die Schranken der Vernunft, die Beschränktheit des Geistes sind Vorstellungen, welche ebenso für ein Letztes, ein für sich gewisses Faktum als für etwas Bekanntes und für sich Verständliches gelten. Sie [sind] aber so wenig ein für sich Verständliches, daß die Natur des Endlichen und Unbeschränkten und ebendamit sein Verhältnis zum Unendlichen den schwersten Punkt, man könnte sagen, den einzigen Gegenstand der Philosophie ausmachen; ebenso ist die Schranke nicht das Letzte, sondern vielmehr, indem und weil der bewußte Mensch von der Schranke weiß und spricht, ist sie Gegenstand für ihn und er hinaus über sie. Diese einfache Reflexion liegt ganz nahe, und sie ist es, die nicht gemacht wird, indem von den Schranken der Vernunft und des Geistes gesprochen wird. - Der Mißverstand beruht auf der Verwechslung der qualitativen Schranken der natürlichen Dinge und der nur im Geiste, nur ideellen, wesentlich zum Scheine herabgesetzten Schranke. Die natürlichen Dinge sind eben insofern natürliche Dinge, als ihre Schranke nicht für sie selbst ist; sie ist es nur für den Geist. Die natürlichen Dinge sind beschränkt, und sie sind es für uns, in Vergleichung mit anderen Dingen und ohnehin mit dem Geiste. - Diese Vergleichung aber machen die natürlichen Dinge nicht, nur wir machen sie, machen die Vergleichung des Geistes in sich mit demselben, wie er als fühlender, verständiger, wollender usf. beschränkt ist, aber eben dieses Vergleichen, dies Aussprechen seines Beschränktseins ist selbst die Erhebung über sein Beschränktsein. - Zur Schranke gehören zwei; die Schranke ist eine Negation überhaupt; daß Etwas beschränkt sei, dazu gehört das Andere desselben; jedes der beiden ist beschränkt, und die Schranke ist, wenn man will, das Gemeinschaftliche beider oder vielmehr das Allgemeine derselben. Indem aber der Geist von der Schranke weiß, indem sie für ihn ist, darin schon ist sie selbst als Gegenstand, als das Andere gesetzt; dies Andere der Schranke aber zunächst ist das Unbeschränkte, das Andere des Endlichen ist das Unendliche. - So hat dann das Endliche seine Beschränktheit an dem Unendlichen, das Beschränkte hat das Unbeschränkte zu seiner Schranke oder Grenze. Allein diesen beiden ist so die Schranke das Gemeinschaftliche, und in der Tat ist das Unbeschränkte, die Unendlichkeit, welchen das Beschränkte, die Endlichkeit das gegenüberstehende Andere ist, selbst nur eine endliche. An den Mißverstand über die Natur der Schranken des Geistes und die Endlichkeit überhaupt schließt der Verstand sogleich diesen anderen Mißverstand an, eine solche Unendlichkeit, welcher das Endliche gegenüberstehen bleibt, für etwas mehr als ein bloßes Abstraktum des Verstandes, für etwas Wahrhaftes zu halten. - Hier, wo es sich von einer konkreten Idee, dem Geiste handelt, müssen alle diese Gewohnheit[en] des abstrakten Verstandes längst aufgegeben sein.

§

Der Begriff oder die wahrhafte Unendlichkeit überhaupt und damit die des Geistes ist, daß die Schranke als Schranke für ihn sei, daß er sich in seiner Allgemeinheit bestimme, d. i. sich eine Schranke setze, aber daß sie als ein Schein sei; er ist dies, ewig sich diesen Schein zu setzen, die Endlichkeit nur als ein Scheinen in ihm zu haben, d. i. sich Begriff so zu sein, wie der Begriff in der Philosophie ist. Das Sein des Geistes [ist] nicht Sein, insofern es von der Tätigkeit unterschieden wird, sondern sein Sein ist eben diese Bewegung, sich als Anderes seiner selbst zu setzen, und dies Andere seiner aufzuheben, zum Scheine herabzusetzen und so in sich zurückzukehren; diese sich hervorbringende Idealität […]130)

[Drittes Bruchstück]

Rassenverschiedenheit

§

Das allgemeine Naturleben der Bewegung, der freie Mechanismus des Sonnensystems und darin der individuellere der Erde ist im anthropologischen Leben - jener ganz untergeordnete Unbestimmtheit, dieser teils für sich noch nicht weiter konkrete Veränderung, teils ganz unbestimmte und untergeordnete Stimmung.

11/531 Erst die Erde kann als physikalische Individualität eine Besonderung zu qualitativ unterschiedenen Massen an ihr haben, und die physikalische Unterscheidung dieses Bodens des Menschen, als anthropologische Besonderung an dessen allgemeiner Natur zur Existenz kommend, macht das aus, was die Rassenverschiedenheit der Menschen genannt worden ist.

§

Diese Unterschiede sind Qualitäten, weil sie der natürlichen Seele, dem bloßen Sein des Geistes angehören; aber der Begriff des Geistes, Denken und Freiheit, ist höher als das bloße Sein, und der Begriff überhaupt und näher die Vernünftigkeit ist eben dies, nicht qualitativ bestimmt zu sein. Die Unterschiede fallen in die besondere Natur des Menschen oder in seine Subjektivität, die sich als Mittel zur Vernünftigkeit verhält, wodurch und worin diese sich zum Dasein betätigt. Diese Unterschiede betreffen deswegen nicht die Vernünftigkeit selbst, sondern die Art und Weise der Objektivität derselben, und begründen nicht eine ursprüngliche Verschiedenheit in Ansehung der Freiheit und Berechtigung unter den sogenannten Rassen. Aber die Unterschiedenheit ist darum, daß sie die Objektivierung der Vernünftigkeit betrifft, noch groß genug, denn die Vernünftigkeit ist wesentlich dies, sich zum Dasein zu betätigen; - eine bloß mögliche Vernünftigkeit wäre gar keine, und alle die ungeheuren Verschiedenheiten unter den Nationen und Individuen reduzieren sich allein auf die Art und Weise des Bewußtseins, d. i. der Objektivierung der Vernunft.

11/533 Die Frage, ob das Menschengeschlecht von einem Paare abstamme, welche mit der Rassenverschiedenheit zusammenhängt, hat für [uns] kein philosophisches, sondern außerdem, wie sie sich auf die religiöse Geschichte bezieht, nur ein historisches und verständiges Interesse. Ohnehin würde es nur eine müßige Frage sein, ob die mannigfaltig verschiedenen Menschenstämme von verschiedenen ursprünglichen Menschenpaaren ihre Herkunft haben, und ein näheres Interesse für den Verstand kann die Frage nur in Beziehung auf die gemeinsame oder unterschiedene Abkunft der verschiedenen Menschenrassen haben. Die historische Untersuchung müßte die geschichtlichen Daten oder Spuren, soweit sich deren vorfinden, verfolgen und die Verschiedenheit als eine geschehene oder nicht geschehene Veränderung auf ihre Weise anzugeben bemüht sein. Aber solche Untersuchung ließe schon darum nicht erwarten, zu etwas Schließlichem zu kommen, weil das Resultat, daß, soweit die Geschichte oder Sage zurückgehe, sich nur die Verschiedenheit schon als vorhanden finde, auf diesem Felde immer schlechthin die Möglichkeit übrigläßt, daß noch ältere Begebenheiten uns nur unbekannt seien. Aber ohnehin muß die geschichtliche Forschung auf solchem alten Boden des noch ganz trüben Bewußtseins der Begebenheiten und Tat[en] bald abbrechen, und es ist nur der Verstand, der gegen das geschichtliche Datum der Abstammung von einem Paare seine Zweifel erhoben, indem er die vorhandene Verschiedenheit geltend macht und auf seine Weise dieselbe sich begreiflich zu machen bestrebt ist. Dies Verstehen steht auf dem Felde natürlicher Einwirkungen und äußerlichen Ursachen für die vorhandene Verschiedenheit und befindet sich also auf einem anderen Felde als das philosophische Denken, welches die Verschiedenheiten nur in der Bestimmtheit des Begriffs aufsucht, aber um das geschichtliche Entstehen und die natürlichen Ursachen derselben unbekümmert ist. Zugleich aber kennt der Begriff des Geistes sein Verhältnis zu den geschichtlichen und verständigen Forschungen. Die Vernünftigkeit des Geistes und ebendeswegen seine an sich qualitätslose Allgemeinheit steht für sich selbst über diesen unterschiedenen Qualitäten, weil sie Besonderheiten sind, dem natürlichen Dasein angehören und daher ein natürliches Entstehen haben. Sie befinden sich daher auf einem Felde, wo der natürliche Zusammenhang und die Wirksamkeit natürlicher Ursachen statthat. Nach der Seite des Daseins und ihrer Entstehung in demselben ist deswegen die Aufsuchung der natürlichen Ursachen und die verständige Betrachtung ihrer Wirksamkeit hier an ihrem Platz, und eine solche Betrachtung ist es allein, die hier gültig sein kann; Vorstellungsweisen, worin die Idee und natürliche Existenz ineinander gebraut sind, wenn sie nicht mythologisch sind und gar die Prätention haben, etwas Philosophisches zu sein, sind nur phantastisch und unwürdig, daß der Gedanke einige Rücksicht auf sie nimmt; denn es ist die Unfähigkeit, den denkenden Begriff zu fassen und von ihm sich leiten zu lassen, welche dergleichen phantastische Extravaganzen hervorbringt.

§131)

[Viertes Bruchstück]

§

Das Allgemeine, von welchem die sich unterscheidende, individuelle Seele sich unterscheidet, ist zunächst das unmittelbare Sein ihres in sich noch eingehüllten Lebens, welches zu einer Form, einem bloßen Zustande derselben, als Schlaf, herabgesetzt ist. Aber dies Allgemeine ist auf der anderen Seite die Substanz der Seele selbst, und so unterschieden von ihrer leeren Hülse, der Allgemeinheit als bloßer Form von Unmittelbarkeit oder Sein, ist sie das innere Allgemeine, die konkrete Natur der Seele, und im Verhältnisse zu dem Unmittelbaren, welches die unmittelbare Einzelheit der Seele ist, - die Gattung im Verhältnisse zum natürlichen Individuum als solchem.

§

11/534 Dies Verhältnis begründet den Lebensprozeß aller lebendigen wie der geistigen Natur, weil es dessen Gegensatz, die innere substantielle Allgemeinheit und die unmittelbare Einzelheit enthält. Er ist die Tätigkeit, die erste, nur unmittelbare Einheit zu dem Gegensatze zu bringen und sie zu einer aus demselben sich hervorbringenden Einheit zu erheben, die unmittelbare Einzelheit dem Allgemeinen einzubilden und gemäß zu machen und ebendamit das Allgemeine in dem Individuum zu realisieren. Er ist die Entwicklung des Lebendigen überhaupt und im Geistigen als Seele oder unmittelbar existierendem Individuum die Bildung.

§

Dieser Prozeß als am natürlichen Individuum erscheint in der Zeit, und die früher nur qualitativen Unterschiede (§ ) [erscheinen] als eine Reihe unterschiedener Zustände, in denen sich der Prozeß zur Totalität vollendet. Er ist die Reihe der Lebensalter, welche mit der unmittelbaren, noch unterschiedslosen Einheit der Gattung und der Individualität als einem abstrakten, unmittelbaren Entstehen der unmittelbar seienden Einzelheit, der Geburt, beginnt und ebenso mit der Einbildung der Einzelheit in die Gattung, welche hierbei als an der seienden, hiermit der Allgemeinheit nicht adäquaten noch adäquat werden könnenden [Einzelheit] nur als Macht erscheinen kann, - hiermit der abstrakten Negation der Einzelheit, dem Tode, endigt.

§

Was die Gattung am Lebendigen als solchem, ist die objektive Vernünftigkeit im Geistigen, und weil jene gleichfalls schon innere Allgemeinheit ist, so entsprechen sich hier die anthropologischen Erscheinungen der Entwicklung im Physischen und Intelligenten inniger. Allein die geistige Natur zeigt sich zugleich unabhängiger, und es finden sich eine Menge Ausnahmen, daß Kinder sich geistig früher entwickeln, als ihr Körper zu einer entsprechenden Ausbildung gelangt ist. Doch behauptet sich dabei auch das Sprichwort, daß der Verstand nicht vor den Jahren kommt.

11/535 Es sind vornehmlich entschiedene künstlerische Talente und besonders das musikalische, die sich oft durch die Frühzeitigkeit ihrer Erscheinung ausgezeichnet haben. Auch die Intelligenz hat durch Interesse und leichteres Auffassen von mancherlei Kenntnissen und einem verständigen Räsonnement darin, besonders im mathematischen Fache, selbst auch in den sittlichen und religiösen Gegenständen eine solche frühzeitige Stärke gezeigt. Evelyn …132)  Jedoch sind es vornehmlich artistische Talente, wo die frühe Erscheinung eine Vorzüglichkeit angekündigt hat. Frühe Entwicklung allgemeinerer Intelligenz dagegen hat nicht etwa die Folge gehabt, daß solche Individuen im Jünglings- und Mannesalter vor mittelmäßigen Talenten vorausgewesen und eine besondere Auszeichnung bewiesen hätten. Fertigkeit in Kenntnissen und im Räsonnement ist noch verschieden von dem Verstand im Charakter, sowohl dem intelligenten als dem praktischen, und solcher Verstand erfordert, daß der ganze Mensch fertig sei.

§

Der Prozeß der Entwicklung des Individuums (§ ) hat näher zu seinem Ziele, daß einerseits dasselbe zu dem Gegensatze seiner Selbständigkeit gegen das Allgemeine als die an und für sich seiende, fertige und bestehende Sache komme und andererseits derselbe so in ihm versöhnt sei, daß es in ihr seine wesentliche Tätigkeit und seine eigene Befriedigung allein zu finden das Bewußtsein habe. Die Entwicklung unterscheidet sich daher in die drei Perioden, 1) die der Entwicklung der zuerst nur natürlichen Einheit des Individuums mit seinem Wesen bis zu jener geistigen Vereinung, 2) die der objektiven Geistigkeit selbst, und dann 3) die der Rückkehr derselben zu der interesselosen, die Tätigkeit darum aufgebenden Einheit, - das Kindesalter, das Mannes- und das Greisenalter.

§

11/536 Die physische Entwicklung beginnt mit dem Heraustreten, das ein Sprung ist, aus dem Zustande einer vegetativen, elementarischen Ernährung und gegensatzlosen Lebens überhaupt in den Zustand der Absonderung, des Verhältnisses zu Licht, Luft und einer vereinzelten Gegenständlichkeit, und durchs Atmen zunächst konstituiert es sich zu einem Selbständigen, welches die elementarische Strömung unterbricht, an einem einzelnen Punkte seines Organismus Speise einzieht und ebenso Luft einatmet und ausstößt.

Gegen das bloß quantitative Zunehmen und nur formelle Wachstum, wozu die Vollendung der Knochenbildung überhaupt und insbesondere das Hervortreten der Apophysen der Rückenwirbel zur Befestigung und Haltung der Rückenwirbelsäule gerechnet werden kann, ist die nächste qualitative Stufe, daß das Kind Zähne bekommt, sich aufrecht stellt und zu gehen vermag, so daß es jetzt seine Richtung nach außen und seine Individualität gewinnt.

11/537 Der Knabe ist zum Jüngling gereift, indem bei Eintritt der Pubertät das Leben der Gattung in ihm sich regt und seine Befriedigung sucht. Der Übergang des Jünglings oder Mädchens zum Mann oder Frau besteht nur darin, daß die Bedürfnisse von jener Stufe befriedigt seien, nicht in neuen Bedürfnissen, und ist darum durch kein physisches Entwicklungsmoment bezeichnet; außer daß etwa die vollendete Entwicklung der subjektiven Individualität, sich sträubend gegen ihr Aufgehen in der Allgemeinheit und Objektivität, noch ein Ansichhalten und Verweilen in leerer Subjektivität, - eine Hypochondrie zu bekämpfen hat. Diese Hypochondrie fällt meist etwa um das siebenundzwanzigste Jahr des Lebensalters oder zwischen dasselbe und das sechsunddreißigste; - sie mag oft unscheinbarer sein, aber es entgeht ihr nicht leicht ein Individuum; und wenn dieses Moment später eintritt, zeigt es sich unter bedenklichen Symptomen; aber da es zugleich wesentlich geistiger Natur ist und vielmehr nur von dieser Seite her zur körperlichen Erscheinung wird, kann sich jene Stimmung unter die ganze Flachheit eines Lebens, das sich nicht zum Momentanen konzentriert hat, verteilen und hindurchziehen.

Indem nun aber das subjektive Interesse und Prinzip der Tätigkeit befriedigt und sich in die objektive Welt und physisch zunächst in seinen Organismus eingelebt hat, so löscht sich der bisherige Gegensatz der Lebendigkeit aus und endigt sich in die Verknöcherung und Unerregsamkeit, und diese zur Unmittelbarkeit gediehene Allgemeinheit endigt mit dem Verschwinden der daseienden und nur durch den Gegensatz zu Interesse, Tätigkeit und Lebendigkeit erregten Einzelheit.

Um von dem natürlichen Verlaufe des Geistigen durch seine Lebensalter bestimmter und konkreter zu sprechen, muß, wie zu der Schilderung der Rassenverschiedenheit, die Kenntnis der konkreteren Geistigkeit, wie sie in der Wissenschaft auf dem Standpunkte der Anthropologie sich noch nicht gefaßt hat, antizipiert und mit zur Unterscheidung der Stufen genommen werden.

[Fünftes Bruchstück]

c. Die empfindende Seele

§

11/538 Die Seele ist erstens bestimmt (§ ), aber zweitens ist sie zur Individualität bestimmt, und die Bestimmtheiten verändern sich zunächst an sich, so daß die Seele die allgemeine Substanz dieser Veränderungen und die Totalität der Bestimmtheiten ist. Die Wahrheit dieses Verhältnisses ist daher, daß die Bestimmtheit nicht durch eine andere verändert wird sondern in der allgemeinen Seele unmittelbar eine aufgehobene und diese darin in sich reflektiert ist und so, in ihrer Allgemeinheit die Bestimmtheit negierend, erst als für sich seiende Individualität, nicht mehr nur als Individualität an sich oder Zustand bestimmt ist. Oder die Seele ist und bleibt dies allgemeine durchgängige Wesen, in dem alle Besonderheit aufgelöst; in ihrer Individualität aber ist solche Besonderheit nun gesetzt, und für die Seele.

§

Die Seele empfindet, nicht indem sie nur als wach einer Welt von Bestimmtheiten sich gegenüber, sondern indem sie sich selbst bestimmt findet. Sie ist selbst das Gedoppelte, Unterschiedene, einmal die bestimmte Seele und das andremal die allgemeine, aber indem diese und die unterschiedene Seele eins und dasselbe ist, so ist sie in dieser Bestimmtheit bei sich selbst. Aber nicht nur ist auf diese Weise die Seele nur an sich Eine, sondern daß die Bestimmtheit als unterschieden von der Allgemeinheit der Seele und als ideelle in ihr selbst ist, dadurch ist die Seele in ihrer Bestimmtheit für sich.

Wenn das neutrale Wasser, indem es z. B. gefärbt und so nur in dieser Qualität oder Zustand ist, nicht nur für uns oder, was dasselbe ist, der Möglichkeit nach von diesem seinem Zustande unterschieden, sondern selbst von sich, als so bestimmtem, zugleich unterschieden wäre, so würde es empfindend sein. Oder die Gattung Farbe existiert nur als blaue oder als irgendeine bestimmte Farbe; sie bleibt die Gattung Farbe, indem sie blau ist. Wenn aber die Farbe als Farbe, d. i. nicht als Blau, sondern zugleich als Farbe gegen sich als blaue Farbe bliebe, - der Unterschied ihrer Allgemeinheit und ihrer Besonderheit nicht bloß für uns, sondern in ihr selbst existierte, so wäre sie Empfindung des Blauen.

§

11/539 Die Bestimmtheit oder der Inhalt der Empfindung ist noch ein Seiendes; die Seele findet sich so oder anders affiziert. Daß die Seele sich so bestimmt findet, dies ist es, daß die Bestimmtheit zugleich als ideell in der Seele gesetzt, nicht eine Qualität derselben ist, und indem die Idealität dieser Bestimmtheit nicht eine andere Bestimmtheit [ist], die an deren Stelle träte und die erstere verdrängte, sondern die Seele selbst die Idealität dieser Bestimmtheit [ist], die in ihr, dem Endlichen, in sich reflektiert, d. i. unendlich ist, ist diese Bestimmtheit auch nicht ein bloßer Zustand. - Die Seele ist somit freie Lebendigkeit in der Empfindung und zugleich als seiend Bestimmtes, als Abhängiges. Der Inhalt der Empfindung ist ein Gegebenes, und die Empfindung selbst ist der Widerspruch der Reflexion der Seele in sich selbst und der Äußerlichkeit derselben; - ein Widerspruch, der in der Empfindung noch nicht aufgelöst [ist], sondern seine Auflösung in einer höheren Weise der Seele hat.

11/540 Die Endlichkeit einer Existenz, es sei einer natürlichen oder geistigen, besteht in einem Widerspruche, der sie in sich selbst ist, und es ist wesentlich, dies überhaupt, aber vornehmlich den bestimmten Widerspruch einzusehen, der die Natur einer bestimmten Existenz ausmacht. Die Empfindung ist diese erste Gestalt, in welcher die Seele als konkret, als Individualität, oder somit eigentlich erst Seele ist. Aber die Empfindung ist eben darum zugleich diese ganz untergeordnete Weise der Seele, weil sie dieser unmittelbare Widerspruch ist, das ganz Freie und zugleich als seiend bestimmt zu sein, so daß dieser Inhalt der Empfindung noch ganz unversöhnt, noch auf keine Weise geistiger Inhalt ist. Der Widerspruch der Empfindung allein ist es, welcher den Geist aus derselben hinaus oder vielmehr dazu treibt, sie aufzuheben, wie alles Höhere nur dadurch entsteht, daß das Niedrigere sich als Widerspruch in sich zu dem Höheren aufhebt. Diejenigen, welche die Empfindung oder das Gefühl für die wahre Weise des Geistigen und damit für die Weise, in welcher die Wahrheit für den Geist ist, halten, haben über das, was die Natur der Empfindung ist, sowie überhaupt über das, was Geist und Wahrheit ist, noch wenig nachgedacht.

§

Weil das, was einen Inhalt zum Inhalt der Empfindung macht, als ein Seiendes ist, ist es in vollkommener qualitativer Beschränktheit, eine unmittelbare Einzelheit. Ein solches Beschränktes ist aber nur so, daß seinem Anderen ebensogut das Sein zukommt; es ist ein Dasein, das nur den Wert der Möglichkeit hat, - ein Zufälliges. Dies macht die Zufälligkeit der Empfindung überhaupt aus, und die Empfindung heißt darum auch etwas bloß Subjektives, weil die Seele als empfindend überhaupt in beschränkter Qualität sich befindet und darum sich nach unmittelbarer Einzelheit verhält.

Die Subjektivität der Empfindung bedeutet die Beschränktheit und Zufälligkeit derselben im Gegensatz gegen das Objektive, den Inhalt, insofern er an und für sich selbst ist; seine Wahrheit besteht darin, daß er als bloßer Inhalt in sich selbst [ist], dessen Realität mit seinem Begriffe zusammenstimmt. Solches Wahre kann und ist denn auch -136)  Das Wahre, Gewußte oder Gewollte muß wesentlich ebenso ein Subjektives, der Intelligenz oder dem Willen Angehöriges, sein, als es seinem Inhalte nach objektiv ist. Aber eine solche Subjektivität, wie sie vernünftige Einsicht und vernünftiger Wille ist, ist eine ganz andere Subjektivität als die der bloßen Empfindung; diese letztere ist eben die nur ganz abstrakte Subjektivität, welche der Seele in ihrer noch ungeistigen nur unmittelbaren Einzelheit zukommt und einen wahren ebensowohl als einen falschen, einen guten sowohl als einen schlechten Inhalt haben kann.

§

11/541 Die Empfindung ist zunächst überhaupt unendlich mannigfaltiger Art, weil der Inhalt derselben eine seiende Bestimmtheit ist, diese aber zunächst den formlosen Unterschied, die vielfache Mannigfaltigkeit an ihr hat. Indem die Empfindungen nach diesem ihrem mannigfaltigen Inhalte betrachtet werden, so wird von demselben die Form, nach der er Empfindung ist, weggelassen, und es wird also von den Bestimmtheiten in ihrer sonstigen objektiven Form die Rede.

§

11/542 Insofern dabei die Empfindung nach dem Gegenstande, inneren oder äußeren, von welchem sie erregt werde, bestimmt wird, so liegt in dieser Betrachtung ein Unterschied von dem Empfindenden und dem Empfundenen, dem fühlenden Subjekte und gefühlten Objekte, sowie ein Verhältnis, so daß das Objekt einen Eindruck auf das Subjekt mache, dieses von dem Gegenstande affiziert werde, der Gegenstand Ursache oder Erregendes usf. sei. Alle diese Unterschiede aber gehören noch nicht dem Standpunkte der Empfindung selbst an, sondern einer späteren Reflexion der Seele, insofern sie sich weiterhin zu Ich und dann zum Geiste bestimmt hat, - oder wenn wir sogleich bei der Empfindung sie nach solchen Unterschieden betrachten, [gehören sie] unserer äußeren Reflexion an. Wenn ich sage, ich fühle etwas Hartes oder Warmes oder sehe etwas Rotes, oder ich habe ein Gefühl von Recht und Unrecht, so gehört diese Unterscheidung meinem Bewußtsein oder Reflexion an, welche die Unterscheidung von subjektiver Empfindung und deren Gegenstand macht, - eine Unterscheidung, welche der Empfindung als solcher noch nicht angehört. - Ich empfinde Freude, Schmerz, Zorn usf. ist insofern ein pleonastischer Ausdruck, als Freude, Schmerz, Zorn usf. selbst Empfindungen sind, und dieser Ausdruck spricht nur zuerst mein Empfinden überhaupt und dann die besondere Empfindung aus, die ich habe.

§137)

Indem das, was ich empfinde, als Seiendes in mir ist, welchen Inhalt auch dasselbe weiter an sich habe, so bin ich als empfindend, nur als Seele bestimmt. An sich ist die Seele Ich, Geist; aber die Unterschiede als Seele, Ich und Geist betreffen eben die unterschiedene Bestimmtheit, in welcher dies Ansich existiert. Die Seele aber überhaupt oder der noch als seiend bestimmte Geist ist noch der Geist in Leiblichkeit, und die Empfindung ist daher unmittelbar zugleich ein Leibliches. Die Empfindung gehört der noch unmittelbaren Einzelheit des Geistes an, und dies ist die nähere Bestimmung der Subjektivität (§ ), die der Empfindung zukommt.

§

Die Bestimmtheit der Empfindung ist noch als eine unmittelbare Affektion in der Seele, der Geist selbst damit noch als unmittelbarer Geist bestimmt. In dem Empfinden als solchem ist daher die Seele noch nicht frei. Selbst im Gefühle der Freiheit ist die Seele nach der Seite unfrei, nach welcher sie die Freiheit fühlt; diese Seite der Unmittelbarkeit ist es deswegen, an welcher alle Zufälligkeiten und Partikularitäten des Subjekts in die Freiheit sich einmischen. - Ferner aber ist die Unmittelbarkeit des Geistes als empfindenden in ihrem bestimmten Sinne zu nehmen, sie ist die Leiblichkeit; die Empfindung muß daher wesentlich als Leibliches gefaßt werden. Welchen Inhalt die Empfindung sonst auch habe, zum Beispiel auch wenn sie religiöse Empfindung ist, ist sie unmittelbar zugleich in einer Leiblichkeit.

§

11/543 Die Empfindung, weil sie leiblich ist, ist insofern animalisch. Aber ein anderes ist die Animalität des Tieres, welches nicht Mensch ist, und ein anderes die Animalität des Menschen. Die anthropologische Betrachtung kann deswegen nicht bei der Animalität des Empfindens stehenbleiben, sondern hat dasselbe als Empfinden der Seele zu fassen und deswegen als zweiseitig zu erkennen. Nämlich es ist vorhin (§ ) zwischen der bestimmtseienden Seele und der Seele als allgemeiner, für welche jene ist, unterschieden worden. In der Seele tritt diese Unterscheidung erst in dem Empfinden ein, und sie ist es, welche zugleich schon in dieser Sphäre die Seele des Tieres von der geistigen unterscheidet.

§

Die Empfindung überhaupt ist zwar die Rücknahme und Aufheben der unmittelbaren Wirklichkeit der organischen Einzelheit in der Allgemeinheit oder Gattung, so daß die Einzelheit nunmehr als konkretes Moment der Allgemeinheit ist (Enzyklop. der philos. Wissensch. [1817] § 273 u. 276)138) . Aber im Tiere ist und bleibt diese Einheit des Individuums und der Gattung selbst in ihrer Unmittelbarkeit, und die Gattung ist nicht für sich in ihrer einzelnen Bestimmung, oder die bestimmte Seele ist nicht für die allgemeine Seele. Die geistige Seele aber ist eben dies, als allgemeine für sich zu sein.

11/544 Dies Fürsichsein der allgemeinen Seele aber ist zunächst abstrakt; - hier nämlich, wo sich noch keine Bestimmtheit in diesem allgemeinen Medium gesetzt hat. Dieser ideelle Raum ist daher noch unbestimmt und leer, - er ist die tabula rasa, welche erst erfüllt werden soll und die als die abstrakte Idealität zugleich absolut weich genannt werden kann. Aber freilich wird dies Erfüllen nicht durch sogenannte Eindrücke von außen geschehen, etwa in der Weise, wie durch ein Petschaft Bilder auf Wachs abgedruckt werden. Was in dem Geiste zur Existenz kommen kann, kann nur so in ihn kommen, daß er dasselbe selbstbestimmend in sich setzt. Die Empfindung ist daher als Empfinden der geistigen Seele das Zweiteilige, das eine Mal als Affektion zu sein, welche der empfindenden, individuellen Seele überhaupt angehört, das andere Mal aber […]139)

[Sechstes Bruchstück]

γ) Die reale Individualität der empfindenden Seele140)

§

11/545 Die Empfindungen, sowohl äußere als innere, sind bestimmte, und zunächst als der formellen Individualität, dem Empfindenden überhaupt angehörig schließen sie sich gegenseitig aus, verdrängen einander und sind so in der Zeit spurlos verschwindende äußere Begebenheiten an dem Subjekt. Die Seele aber ist nicht seiende, unmittelbare, sondern allgemeine Substanz, somit ist sie in sich das Bestehen des Mannigfaltigen und nicht ein bloßes Durchlaufen von seienden Empfindungen, sondern das Aufbewahren von ideell gesetzten. Denn die bloße, abstrakte Negation des Seienden wird in der Seele zu einem Aufgehobenen als aufbewahrten; - ein Übergang, der im Begriffe und zeitlos ist und bei welchem daher auch die Bestimmung des Seienden als eines Jetzt und desselben, insofern es ideell ist, als eines Vergangenen und Gewesenen nicht das Wesentliche, sondern vielmehr das erst in der weiteren Form des äußerlichen Sinnlichen Hinzukommende ist. Die Seele ist als diese insichseiende Allgemeinheit des Bestimmten der unendliche Raum, in welchem der Inhalt unmittelbar als aufbewahrter ist; der Durchgang einer Affektion zur eigentlichen Erinnerung, welcher durch das Bewußtsein und Anschauung eines äußerlichen Gegenstandes vermittelt ist, hat hier noch nicht seine Stelle, sondern gehört einer entwickelteren Stufe des Geistes an. - Dieser so in der Seele ein Bestehen erhaltende Inhalt der Affektionen gehört nun zu dem eigenen Bestimmtsein der Seele, wie die Bestimmungen, welche die Grundlage der Triebe, Neigungen usf., überhaupt der inneren Empfindungen der Seele ausmachen; und daß dieser Stoff [als] Inhalt empfunden werde oder aus dem Ansichsein in das Fürsichsein der Seele heraustrete, ist ein Übergang und vermittelnde Tätigkeit, welche erst später als reproduzierende Tätigkeit des Geistes überhaupt zu betrachten ist.

§

Ferner nun sind die Empfindungen, wie sie als Arten bestimmt worden sind, beschränkte, qualitativ unterschiedene, auseinanderfallende Bestimmungen. Die Seele aber ist individuell überhaupt und das Mannigfaltige, das an sich zum Kreis der Totalität gehört, in ihr zur Einheit verbunden. Der Inhalt ist an ihm selbst nur das Konkrete jener vereinzelten Bestimmungen, und diese ansichseiende Verknüpfung macht die Objektivität desselben aus. Die Seele ist jedoch noch nicht als Subjekt und nicht als Geist bestimmt, darum ist der Inhalt für dieselbe noch nicht in einer eigentümlichen Objektivität, d. i. entwickelten und in ihre Bestimmungen zugleich ausgelegten Einheit (wovon nachher noch näher); die Seele hat aber überhaupt die Bestimmungen der Empfindung als einen zum Konkreten vereinigten Inhalt in ihr, und was sie aus sich reproduziert, sind solche Ganze von Inhalt.

§

11/546 Dieser konkrete Inhalt hat hier noch keine der weiteren näheren Bestimmungen, welche er daher erhalten wird, daß er durch das Bewußtsein und den Geist hindurchgegangen und durch sie gebildet worden wäre. Er ist aber auch nicht nur irgendein Inhalt, sondern an sich der allgemeine Inhalt, aber zugleich für die einzelne Seele individualisiert; die ganze - zunächst noch zukünftige - Welt des Individuums liegt in seiner Seele. Aber dies, was noch in ihr eingehüllter Stoff ist, wird ihm erst durch das Bewußtsein und die Tätigkeit des Geistes als seine Welt vorgeführt werden.

§

Insofern das Individuum noch als empfindendes existiert, ist noch nicht an den Unterschied eines objektiven Daseins und äußerer oder innerer, überhaupt gegebener Dinge gegen die Subjektivität der Seele zu denken. Die Empfindungen sind seiende Affektionen, ob ihre Bestimmtheit späterhin als durch ein Objekt veranlaßt, als Eindruck von außen, oder ob [sie] als durch vorhandene innere Affektionen bewirkt angesehen werde.

§

Indem vorhin das Empfinden überhaupt betrachtet worden ist, so ist nunmehr das Empfindende als Individuum bestimmt141) , welches zu betrachten ist, und es ist zunächst die Bestimmung anzugeben, welche in das Empfinden kommt, dadurch daß es ein individuelles ist; wie der Stoff des Empfindens durch die Individualität der Seele bestimmt wird, ist soeben angegeben worden. Das Empfinden aber als [das] der individuellen Seele ist, daß sie als empfindend für sich selbst ist, - d. i. daß sie sich empfindet und in dieser Unterscheidung zwar, aber darin in unmittelbarer Beziehung auf sich und bei sich ist.

§

11/547 Die sich empfindende Seele aber ist bestimmt und beschränkt überhaupt, weil sie nur erst auf unmittelbare Weise [ist,] näher aber ist sie ihrer selbst nicht mächtig. Daß sie frei und ihrer mächtig wäre, dazu gehört, daß ihr Inhalt und ihre natürlichen Bestimmungen sich in ihr als ideell bestimmt hätten und sie abstrakte, bestimmungslose Beziehung auf sich selbst, - als Ich wäre. Hiermit wäre verbunden, daß sie ihre Bestimmungen von sich abgetrennt, sie außer ihr selbst gesetzt hätte, und daß sie als andere, denn sie ist, als für sich seiende Objekte [ihr] gegenüberstünden. So wäre sie Bewußtsein, das abstrakte Ich, für welches der Inhalt als für sich seiender Gegenstand, als eine vorhandene Welt ist. Daß die Seele ohne Freiheit und daß ihr Inhalt ohne seine von ihr unterschiedene Objektivität an ihm selbst ist, ist eins und dasselbe. Erst als Bewußtsein, nur als diese Negativität ihrer Bestimmungen, das abstrakte nur bei sich seiende Ich, ist [sie] die Macht über dieselben, welche sie von sich ausgeschlossen hat. Aber nicht frei und mächtig ihrer selbst ist die Seele, insofern ihr noch unabgeschiedene, unmittelbar ihr immanente Bestimmungen zukommen, insofern sie somit überhaupt noch auf unmittelbare, natürliche Weise existiert.

§

Es ist gerade um der noch unmittelbaren Einheit der erst empfindenden Individualität mit sich [willen], daß die Seele in dieser Form als subjektive Seele zu bestimmen ist, - zum Unterschiede von der Objektivität des Bewußtseins und dann des Verstandes.

11/550 Es ist eine alte Vorstellung, daß der primitive Zustand der Menschen als ein Zustand der Unschuld oder als ein goldenes Zeitalter von einfacher Lebensweise, einfachen, genügsamen, von Leidenschaften freien Sitten aufgefaßt wird. Dieser Vorstellung ist in neuerer Zeit zuerst als einer geschichtlichen Theorie, die nachher von da auch in die Philosophie überging, die Bedeutung gegeben worden, daß dieser Zustand ein geistiger Zustand sowohl der Reinheit des Willens als eines ungetrübten Durchschauens der inneren Lebendigkeit der Natur und eines klaren Anschauens der göttlichen Wahrheit gewesen sei. So daß der spätere Aufgang des Bewußtseins, alle Kenntnisse von Gott und von Pflichten seiner Verehrung wie von den Gesetzen der Natur, einerseits nur eine Trübung und Verderben jenes göttlichen Lebens und Schauens gewesen, andererseits alles, was unter solchem Vorkommen noch von höherem Inhalt und Wissen sich zeige, nur nachgelassene Trümmer und Spuren aus jener ersten Reinheit und Klarheit seien. Es soll diese Vollkommenheit wesentlich nicht als eine selbstbewußte Sittlichkeit des vernünftigen Willens, noch als eine gedachte wissenschaftliche Einsicht in die Gesetze der Natur und des Geistes, noch als ein begreifendes Erkennen des göttlichen Wesens bestimmt [werden], sondern im Gegenteil ist dasjenige, wodurch solcher Zustand ein Leben in der Wahrheit sei, eben die noch ungetrennte Einheit des intelligenten und natürlichen Lebens, des Denkens und Empfindens. - So leicht, faßlich und selbst anmutig sich solche Ansicht für die Vorstellung macht, so zeigt sie sich doch bei näherer Betrachtung, nicht nur oberflächlich zu sein, sondern selbst auf der gänzlichen Verkennung der Natur des Geistes, auf der Verkennung des Begriffes überhaupt zu beruhen. Denn der Begriff, und dann der als Begriff existierende Begriff, der Geist, ist nur, insofern die durch Aufheben der Unmittelbarkeit für sich seiende Idee ist. Die unmittelbare Idee überhaupt ist nur die Natur, und der unmittelbare Geist nur der schlafende, nicht der selbstbewußte, noch weniger der wirklich denkende, wissende und erkennende Geist. Die Natur aber, in ihrer Wahrheit ist sie die ansichseiende Idee, das Leben des Allgemeinen in sich. Aber eben das Allgemeine ist nicht das Unmittelbare des Daseins; die Natur, wie sie in ihrer Unmittelbarkeit ist, bietet sie das Schauspiel der sinnlich bunten Welt dar. Sinnliches Dasein heißt nichts anderes als das Außersichsein des Begriffs, der in die Verworrenheit und Vergänglichkeit der Erscheinung verlorene Begriff. Wenn aber der Geist sich anschauend verhält, so verhält er ebendamit sich nur auf eine unmittelbare, d. i. sinnliche, sich selbst und seiner Freiheit äußerliche Weise und nur zu jener äußerlichen Weise und unvernünftigen, unwahren Gestalt der Natur. Nur erst für denkenden Geist ist die Wahrheit, die Idee als Idee; der denkende Geist aber ist nicht der empfindende und anschauende. Es hilft nichts zu sagen, jenes primitive Anschauen der Natur sei nicht ein sinnliches, äußerliches Anschauen, sondern ein Schauen durch die Äußerlichkeit der Natur, eine Gegenwart ihres Zentrums, ein intellektuelles Anschauen, indem eben in dieser Ursprünglichkeit das Denken sich noch nicht von dem Anschauen losgerissen und zum reflektierenden Erkennen sich bestimmt habe. Allein eben diese nur unmittelbare Einheit des Denkens und Anschauens ist es, worin nur das Anschauen gesetzt ist; es ist ein leeres Wort, davon zu sprechen, daß es nicht bloß Anschauen, sondern vielmehr das Denken darin enthalten sei. An sich ist freilich die Natur sowohl als der Geist Denken; aber das Denken ist eben dies, nicht bloß an sich, nicht in der gegensatzlosen Einheit und Unmittelbarkeit zu sein, und wenn es nicht bloß als innere Natur, sondern existierendes Denken sein soll, so ist es nicht in seiner nur an sich seienden Einheit mit dem Anschauen geblieben. Dieses Denken, um Wissen von dem Wahren zu sein, überhaupt daß das Wahre für dasselbe sei, muß freilich nicht auf dem Standpunkt der nur trennenden Reflexion stehenbleiben, sondern, als Idee, zur objektiven Einheit sich hindurchgearbeitet haben. Das Denken ist nur Wissen und Erkennen, insofern es sich befreit hat und zwar befreit wesentlich von der Weise der bloßen Unmittelbarkeit der Seele; diese Unmittelbarkeit werde nur als Anschauen oder als Einheit des Anschauens und Denkens genommen.

Notiz zu Hamann

[1828]

Hamann, - Drama oder Roman.

Roman vertritt bei uns die Stelle der Dramen - weil [der Mensch heute den] Zwiespalt der Charaktere in sich selbst abmachen muß. - Die Versöhnung mit sich; - [man ist] fertiger in seiner Art, - Untergang - Charakter kann ebenso als Fertigkeit, Versöhnung, wie als Untergang gefaßt werden.

Untergang ins Philisterleben - Aufgeben der schweren Tränen der Leidenschaften Ideal. Hamann [hat] nicht Ideale, Vorsätze der Jugend durchlaufen - nicht Allgemeines, Ideale [haben] sich in ihm angekündigt, - nicht Kunstanschauung. Sogleich auf einzelne Individualitäten gerichtet - deren Besserung, Berichtigung. Keine Poesie der Jugend. -

In Freundschaft sozusagen steckengeblieben, d. h. Richtung auf die Einzelheit. Polemik - nicht des Ideals gegen die Wirklichkeit.

Deutsche [sind] nicht, niemals bei sich zu Hause - von Anfang ihrer Geschichte an - Raubzüge - Völkerwanderungen - ehrlich - d. i. positive Gewohnheit - und theoretisch - Extravaganz - nicht Charakter.

Moderne Zeit - Schilderungen - Verschiedenheit der Art, außer sich zu sein, d. i. verrückt zu sein.

11/551 Hamanns Kantkritik, [Werke Bd.] VI. S. 183, 186/87. Ein anderer Keim späterer höherer Selbsterziehung von innen heraus, dessen Zeit ist, in der Jugend zu erwachen, tut sich nicht bei Hamann hervor; - eine Poesie der Jugend, wenn man will eine Phantasterei, Leidenschaft; - ein zwar noch sehr ideales, allgemeines, unreifes, aber festes Interesse, Leidenschaft für einen Gegenstand der geistigen Tätigkeit, Wissenschaft, der für das Leben entscheidend wird.

11/552 Hamann nicht in dieser Qual der Pietisten - Sündigen, Buße tun - aber [man] fühlt keine Sünden. [Sich] quälen, sich für sündig zu halten - das Sublime, höchste[r] Kummer, seine Sünden nicht einzusehen; s. Hahn143)  - den Eigendünkel, klagselig sich zu einem Sünder zu machen, sich anlügen, ein Sünder zu sein, daß man ein Sünder sei, und Gnade Gottes - Hamann war wirklich ein Sünder; schlechte Streiche.

Zwei Entwürfe zur Reformbill-Schrift144)

[1831]

1.

Der englische Pöbel begeht excès tout nets, im Sinne eines partikularen Interesses der partikularen Substanz - Dampfmaschinen zerstören, -

der französische in einem allgemeinen politischen Motiv, Julitage, Dezemberunruhen, Ministerprozeß, Febr. Kirchen, Verschwörung der Karlisten, - führt auf seine Weise aus, was der Regierung zukommt.

Man sagt verteidigend oder wenigstens entschuldigend: “Das hat das Volk getan.” Man muß nicht vergessen, wie gereizt [es ist]; es hat unrecht gegen das Gesetz, aber aus gerechtem Prinzip, - hat sich nachher wieder zur Ruhe begeben. Wenn im Gegenteil die Regierung aus einem ebensolchen politischen Motiv gegen das Gesetz revoltierte, plündern ließe [usw.], würde man dieselbe auch so entschuldigen [?]. Schreien über die ärgste Tyrannei.

Das englische Volk ist das am wenigsten politische; das politische Leben ganz schwach. Verkaufen der Stimme, wie das römische Volk in den letzten Zeiten der Republik. Die Kaiser gaben ihm, wie die Parteihäupter, Getränke und Geldgeschenke und ersparten ihm nur die Mühe, für das Geld, das es bekommen, auf dem Markte zu schreien, sich zerprügeln und morden zu lassen, dreinzuschlagen. Sein Interesse war in der einen wie in der anderen Situation Korn und Geld und circenses, und dies wurde in beiden befriedigt.

11/553 Freiheit - für Geld - und dem Meistbietenden meine Stimme zu geben.

2.

aber für die Bildung solchen Mittelpunkts die Burgflecken unentbehrlich - vom Minist[erium] viele abhängig.

α) eine neuere Hauptmaxime, daß d. Minist[erium] keinen Einfluß -, nicht nur gegen den ungeschickten, äußerlichen Betrug; - aber Beamte - dagegen Zeitungen.

β) König hat d. Min[ister] zu ernennen - sogar Ehrenpunkt, - nur einen, der dann das Minist[erium] formiert. Dieses Minist. weiß sich die Major[ität] zu verschaffen - s. u. α.).

Geringere Schattierung der Parteien. In Hauptmaxime dieselbe Aristokratie noch nie so weit wie jetzige Reformbill vom vorigen, - aber Tür und Tor aufmacht [zu] Extremen, ganz anderen Differenzen, dem demokratischen Extreme.

Reduktion des Königs zum Siegesproclamateur - électeur. Regierung wird problematisch, König unverantwortlich.

Der bereits zur Heerstraße gewordene Weg, daß die Versammlung die Regierung ganz an sich reißt, den König zu nötigen, d. Minist. zu entlassen.

Ludwig XVI. - Jakobiner - dann erst vollends ruiniert; - auch jetzt in Paris Hauptquartier in die Deputiertenkammer in Frankreich verlegt. Es fehlt nicht, daß nicht eine Regierung sei - beim Comité de salut public, - aber was für eine?145)

Es wird dem Minister übelgenommen, gesagt zu haben, daß der König seine Zustimmung zur Reformbill gegeben. Einfluß dadurch ungehörig; - Lords, Herzöge dürfen Einfluß, Patrimonate haben146) .

11/554 Nr. 93 Staatszeitung [1831], Lord Wellington: “Es würden an der Stelle derjenigen Männer, denen jetzt die Sorge für das öffentliche Interesse im Parlament anvertraut sei, ganz andere treten, und darauf könne er nicht ohne Sorge blicken.”

In Frankreich immer novi homines - bei neuster Revolution Odilon, Baude usf., - Minister, ohne Staatsmänner, hommes d’Etat, der Kammern [zu sein]. Nichts leichter als principes, - nicht über diese hinaus, immer das Allgemeine, dadurch immer zum Regieren getrieben. Nur das Regieren verändert sich, wenn sie Minister, -in England nicht (außer etwa die Ersparnisse).

Derselbe praktische konkrete Sinn schon bei Parlamentsgliedern der Opposition - nicht abstrakte Theorien.

Hetze um Minist. gibt solche Interessen für die, die das Allgemeine immer im Kopfe (unbewußt?).

Die politische Ökonomie [hat] Fortschritte gemacht, die abstrakte Gewerbefreiheit-

  • alles getan, d. h. die Regierung [hat] es aufgegeben, [sich einzumischen,] doch inkonsequent; - genötigt, für die Armen zu sorgen (in England Zweig der Staatsverwaltung).

  • kommt von einer andern Seite unter Dach, auf eine fürchterlichere Art, scheußlichere Gestalt, zu der es [die Regierung hat] gedeihen lassen: äußerste Not, Wut und Roheit dieser Not, wie die ganze irländische Population.

11/555 Damit vor Rel[igion] - moralischer Bildung, Lesen und Schreiben, allen den Gewohnheiten der Zucht.

Notizen und Aphorismen

1818-1831

Zur Philosophie

(1)

Einseitigkeit der Philosophie ist das liebste Gerede, das man am häufigsten hört, und diese Kategorie gilt für einen Talisman, der ein für allemal gegen jede Philosophie, gegen jede Zumutung derselben usf. aushilft; ein absoluter Harnisch, an dem eine Prätention derselben wenn nicht an Bekanntschaft, doch auch an äußerer Achtung abgleitet. Eine Philosophie ist einseitig, weil sie eine besondere ist, und eine solche ist sie, weil sie eine bestimmte ist, oder besser überhaupt, weil es noch andere, abweichende von ihr gibt. - Was ist also zu tun, um nicht in solche Einseitigkeit zu verfallen? Die Klugheit gibt unmittelbar ein, sich nicht bloß mit einer, sondern mit den verschiedenen Philosophien bekannt zu machen; auf diese Weise nur setzt man sich in den Stand, erst wählen zu können, damit selbsttätig und selbständig zu sein. Ist dies nicht klug, ist dies nicht der hausbackene Verstand, der sich solches vor- und umsichtige Benehmen besonnen ausgedacht hat und sich wohl und vorzüglich dabei befindet?

11/556 Ohne Unglück ist solches Benehmen jedoch nicht; denn nachdem die Nüchternheit, um sich vor Einseitigkeit zu bewahren, zur Wahl sich entschlossen haben wird, so ist das, was sie gewählt hat, selbst wieder eine bestimmte, eine besondere Philosophie; denn sie ist unmittelbar von denen verschieden, aus welchen sie gewählt worden ist, oder auch gegen welche sie aus sich selbst etwas, das sie eine Philosophie nennt, produziert hat. Dieser hausbackene Verstand, indem er die Einseitigkeit vermeiden will, fällt damit nur selbst in sie, und seine Klugheit hat ihm nicht nur nichts geholfen, sondern ihn zu dem verführt, dem er entgehen will. Kant hat die Wolffsche, Humesche Philosophie gekannt, sich eine eigene gegen sie gemacht - also eine einseitige usf.

Es ist nur ein Weg, die gefürchtete Einseitigkeit zu vermeiden: nämlich von der Philosophie dispensiert zu sein, weil eine jede einseitig. Der Verstand enthält sich dann auch, zu wählen, sich zu entscheiden. Seine Philosophie haben oder gar zu wissen, daß es mit der Philosophie nichts sei, mit jeder nichts, dieses Negative, Leere, dem ist nicht abzusprechen, daß es von Einseitigkeit frei sei, - von der Einseitigkeit irgendeines Inhalts nämlich. Eben damit tritt sogleich wieder eine andere Einseitigkeit ein; denn Unwissenheit ist wieder nur eine Seite, etwas Besonderes, weil ihr ein anderes Besonderes, nämlich Kenntnis und Wissenschaft, gegenübersteht. In der Tat ist der Verstand mit seiner Hausbackenheit so nur vom Berge seiner Absurdität in den Abgrund seiner Dummheit herabgefallen. O du glückseliger Sancho Pansa! Wer, der den Don Quichotte gelesen, hat nicht sein Vergnügen an dir gehabt!

(2)

  1. Taten 147)  des sich wissenden Gedankens. - Was, und Reihenfolge, in der der Gedanke es vor sich gebracht -

2. Mannigfache Verschiedenheit der zufälligen philosophischen Meinungen - Geben Entwicklung -

3. Beziehung auf Religion, Staat, Kunst -

a) Zusammenhang - Grundinhalt derselbe

b) Unterschied - Bewußtsein

c) Gegensatz - Philosophie freier Gedanke - rein in sich

α) Wahrheit β) Verkennung des religiösen Inhaltsαα) wirklicher Gegensatz - in alter Religion unwahrββ) nur gemeinter

11/557 d) Anfang - und was aus Zusammenhang

Zur Religion und Geschichte

(3)

Haben die alten Völkersagen einen religiösen oder einen geschichtlichen Ursprung; sind es in Symbole verhüllte Religionssysteme, oder sind es in Fabeln verhüllte Geschichtserinnerungen?

(4)

Totendienst [der Ägypter].

Zu § Veränderung, Untergang

Aus der Ehre der Toten geht nichts hervor für Glauben an Unsterblichkeit des Geistes, da die Ägypter dem Vieh ebensolche Ehre erzeigten. Bei vielen Völkern [wurden] verstorbene Heroen zu Göttern erhoben; durch diesen Weg [sind sie] dazu gekommen, das Höhere als ein Geistiges zu fassen - dies nicht bei den Ägyptern; [sie haben] keinen Heroen geopfert, sondern nur Lebendigem, und zwar Vieh. - Zwar Totengericht - über die verstorbenen Könige sowohl als andere - von den Priestern gehalten - es sei von großer Wirkung gewesen, die vor diesen üblen Andenken [bewahre]; - Osiris’ Totengericht - häufig vorgestellt. Aber an christliche Idee von Vergeltung und Bestrafung des Geistes darf man eben nicht denken - kein geistiges Totenreich- denn nach 3000 Jahren wieder als menschlicher Leib - indessen erhalten als Leben - in Tieren; - also nicht Annahme eines bevölkerten Hades - Unsterblichkeit beruht auf dem Gefühl der Unendlichkeit des Geistes in sich - aber dieser nicht vorhanden - sonst hätten sie sich nicht dem Vieh gleich, ja dieses nicht höher geachtet. - Einbalsamieren, das Sterbliche erhalten. Hätten sie an die Unsterblichkeit des Geistes geglaubt, [so hätten sie] nicht Sterbliches aufbewahrt. Iß und trink.

11/558 Priesterschaft kann nichts Besseres wissen; sie ist nicht ein Isoliertes - obgleich Kaste, in endlicher Wissenschaft, Kultur des Verstandes, aber nicht der Vernunft. - ὅσιον darum nicht eine Weisheit. - Herodot sagt einmal, er dürfe nicht sagen, mit was sich die Weiber bei einem Feste prügeln, denn es sei ὅσιον. Moral: iß und trink, denn du wirst wie dieses … [?] Nach dem Essen ein geschnitztes Bild von einem Toten herumgeboten.

(5)

Es kann und ist bei den Orientalen heraus, diese Negation -Poesie des Todes und der Eitelkeit aller Dinge um des Todes willen, - Verachtung des Todes, sowie höheren Zwecks (Mühe und Arbeit ist eitel) - und Genuß des Lebens. - Charakter persischer Dichter, Hafis - völliger - poetischer -

Bei Ägyptern wissen wir nichts von Poesie - Herodot [erwähnt] ein Lied, Linos, das sie singen, auch die Phönizier. Ich glaube sogar, er sagt, es sei das einzige gewesen, das sie singen - sonst Geschrei, Geheul - poetisch, - ungeheure Ungebundenheit des sinnlichen Genusses.

  • Ausführung: iß und trink und liebe -

(6)

Sphinxengänge - Propyläen vor den ägyptischen Tempeln.

Hirt, Gesch. der B[au]kunst I, p. 30: “Sphinxe bewachten die Zugänge des Heiligen, um die Frommen mit Scheu zu erfüllen.”

Zu vergleichen mit unserem Glockengeläute, als Vorbereitung, allgemeine Stimmung.

Glockengeläute ist Ton, subjektive Vorbereitung, Stimmung des Innern.

(7)

Livius I. 45.

Servius Tullius führt den Dienst der ephesischen Diana ein, deren Tempel von den asiatischen Völkerschaften gemeinschaftlich gestiftet werden soll, um ebenso die Lateiner und Römer zu verbinden.

Dienst der Götter, äußerlich, trocken eingeführt, nicht aus eigner Anschauung und Geist. - Römer ohne Mythologie.

11/559 Securi adversus Deos, sagte Tacitus gegen die Römer von den Deutschen; - gegen die abergläubischen Römer. Febris, Pestis

(8)

wie Cloacina waren ihnen Götter. - Davon ist nicht weit zum Teufel. - Jene [sind] nur physische Teufeleien - sie ins Geistige erhoben, so haben wir Teufel.

(9)

Christus, den Menschen vorgestellt, ist noch ein ganz anderes Rätsel als das ägyptische. Dieses ist der Tierleib, aus dem ein Menschenangesicht herausbricht, - aber dort der Menschenleib, aus dem der Gott hervorbricht.

(10)

Es gibt solche, welche die spekulative Erkenntnis der christlichen Mysterien darum hassen, weil sie das Verdienst der Unvernunft verlieren. Der wahre Glaube ist unbefangen, ob die Vernunft ihm gemäß sei oder nicht, ohne Rücksicht und Beziehung auf die Vernunft; aber der polemische Glaube will glauben gegen die Vernunft.

(11)

Bewußtsein über die Innerlichkeit der Menschen

α) Hexenprozesse

β) Inquisition

γ) Kasuistik

δ) Reformation.

Es ist das Innere, das Herz, worauf es ankommt.

α) Dies Innere [ist das] Böse; - Glauben an dasselbe und Gegenwart im Menschen und Verfolgen desselben.

β) Ebenso Verfolgen des Bösen, - Glauben an dasselbe, in Vorstellungen es setzen in Abweichungen von Sätzen der Kirche.

γ) Alles Bestimmte aufheben - das Gute und Böse, in der Gesinnung - Grund, der sich stütze auf irgendein Kirchliches, suchen

11/560 δ) Göttliche Gesinnung wesentlich im Herzen.

(12)

Canova wollte die Kirche, die er in seiner Vaterstadt erbaute, Gott weihen. Dies wurde nicht zugegeben - (als impie?!). Brahma hat keine Tempel in Indien. Protestantische Kirchen sind Bethäuser. Gotteshäuser: Name im südlichen Deutschland.

(13)

Im Jahre 1764 wurde in Danzig ein neues Gesangbuch gefertigt. Von Gellert kamen nur zwei Lieder hinein, und zwar, wie sich das Geistliche Ministerium deshalb ausdrückte, weil er “auch ein Komödiendichter” war.

(14)

In Rußland wurde das Tabakrauchen 1634 bei Verlust der Nase verboten. In Konstantinopel wurde 1610 ein Türke mit durch die Nase gestoßener Pfeife zur Warnung durch die Straßen geführt. - Die Päpste Urban VIII. und Innozenz XII. taten alle in den Bann, die in der Kirche schnupfen würden. Benedikt XIII. mußte 1724 die Exkommunikation seiner Vorgänger zurücknehmen, weil er sich selbst an den Tabak gewöhnt hatte.

(15)

In der Weltgeschichte gilt die Einteilung - wie bei den Griechen und Römern - der Völker in zwei Teile: Griechen und Römer - und Barbaren.

(16)

Gottesfrieden - Frieden auf eine Zeitlang, oder an gewissen Orten; Burgfrieden - Anfang von partikul[ärem] Frieden.

(17)

11/561 Die russischen Frauen beklagen sich, wenn sie von ihren Männern nicht geprügelt werden - sie haben sie nicht lieb. Dies ist die Weltgeschichte. [Auch die Völker] wollen die Hundepeitsche.

Zur Ästhetik

(18)

Über von Kügelgens Bilder

(1820)

Auf der diesjährigen Kunstausstellung in Dresden befanden sich die vier letzten Arbeiten von [Gerhard von] Kügelgen, Brustbilder in Porträtgröße und -format, von Christus, Johannes dem Täufer und dem Evangelisten, und vom Verlorenen Sohn.

Es ist α) die Porträtgröße und -format wohl für einen Christuskopf passend, aber was ein Porträt von den anderen sagen soll, ist nicht abzusehen, vollends [nicht] vom Verlorenen Sohn und Johannes dem Evangelisten, von welchen jener wenigstens kein Heiliger ist.

11/562 β) Die Art ihres Ausdrucks und Charakters ist ferner selbst insofern porträtmäßig, als sie nicht sowohl Charaktere, Physiognomien eines anderen Volkes, einer anderen Zeit, einer anderen Welt, in sich ruhende, eigentümliche Gestalten ausdrücken, sondern den Grundton moderner Gesichtsbildung zeigen: [der] Blick, besonders [der] Mund und dessen ganze Umgebung enthält eine Ausarbeitung (es ist nicht die technische gemeint) der Muskeln, die moderne Reflexion, geistige Tätigkeit, Empfindung, viel Gedacht-, Gesprochenhaben usw. [spiegelt], die in diese untere Partie des Gesichts, welche bei den Alten ohnehin meist der Bart bedeckte, den Ton einer vielseitig bewegten und durchgearbeiteten Seele, [eines] nach vielen Richtungen und Verhältnissen hingegangenen, an sich haltenden, überlegten und geäußerten Benehmens bringt. Wo bei den Alten kein Bart ist - bei jungen und weiblichen Figuren -, ist die Form der Masoteren einfach, rund, und so die ganze Umgebung des Mundes nicht nur in momentaner Ruhe, sondern so, daß man sieht, diese Partie hat das ganze Dasein hindurch geruht. Die modernen Porträts - eines Dürer, Holbein - haben einen Teil ihrer Vortrefflichkeit in diesem geistreichen Fleiß, der in die kleinste Partie hinein den Reflex eines denkenden, betätigten, vielbeschäftigten Lebens bringt. Ihm steht entgegen das Großartige der Bildung der Antike ebenso wie das Einfache, Reine Raffaelscher Figuren.

γ) An Johannes dem Evangelisten, aber vornehmlich am Verlorenen Sohn erscheint der Ausdruck - in diesem der Zerknirschung - als ein Zustand, als eine historische Situation, als ein Momentanes, und der Grundlage der Physiognomie sieht man an, daß sie ganz andere[r] Zustände, des Glücks usf. fähig und jener Ausdruck ein nur vorübergehender sein kann. Von einer büßenden, betenden, knienden Magdalena, auch von einem jungen Künstler, machte eine empfindende Frau die Bemerkung, daß die Buße sie nicht durchdrungen und [daß], wenn sie aufgestanden, sie wieder sein könne wie vorher. In Correggios Magdalena ist diese ewige Tiefe und frommes Sinnen einer edlen Seele vielmehr das Grundwesen, und daß sie leichtsinnig gewesen, liegt hinter dem ganzen Charakter ihres Geistes: man weiß es mehr nur sonstwoher, historisch; diese Seite ist das Momentane, ein Fehler, der vergänglich ist, ein Vorübergegangenes.

Dies macht einen Hauptunterschied der großen Meister aus, - das Ewige, Unvergängliche in einem Ausdruck, der dies Ganze durchdringt, so daß nichts vor und nach, nichts anderes in diesem Charakter sein kann. Correggios Heiliger Franziskus usw., sie sind nur dies durch und durch und immer, was sie hier und jetzt sind; - es ist keine Situation, die Situation gibt nicht den Inhalt; sondern [es ist] die Form eines erhöhten, deutlicheren Ausdrucks oder bloß der Äußerung dessen, was sie in allem, durch und durch und immer sind.

11/563 Der Unterschied des eigentlichen historischen Stils liegt hierin. Alexander z. B. in einer Situation ist mehr, als was sich in dieser Situation ausdrückt; das Mehr ist sein Ganzes, und die Situation ist eine darin hervortretende Einzelheit - oder selbst ein Heterogenes, ein Erstaunen, Huld usf. (die Umgebung erklärt dies) -, die sich als ein zugleich Äußerliches und Momentanes auf dem Spiele des Gesichts und [in der] Stellung zeigt, - einem Spiegel, der noch unendlich viel anderes darstellen kann. Aber die Mutter Maria mit dem Kinde oder am Kreuze stehend ist ewig und immer nur dieses; in welche Situation sie auch komme, so behält sie diesen Grundcharakter.

(19)

Idee - reichere Kompositionen - Idee des Künstlers; Friedrich Schlegel -

Gruppierung, Anordnung, Kolorit.

Sinnlich scheußlicher Anblick - Gegenstände: Bartholomäus geschunden - Ochsen aufgeschnitten - s. Sulzer!

Malerei - in neueren Zeiten zum Gottesdienste; Christus am Kreuze - Marienbilder - Gegenstände der Verehrung - Tempelgemälde - bei den Alten mehr Skulptur - Heiligenbilder -Wahrheit und Lebendigkeit - Winckelmann, [Geschichte der Kunst] I. Bd. S. 258. Mäßigkeit hierin, - Malerei verführerisch - vornehme moderne Zeit.

Malerei, forcierte Stellungen, Abkürzungen - Bernini - Winckelmann, Vorrede S. XXV.

a) Idee - Zeichnung, skizzenhafte, zu gewaltsamen Stellungen; Malerei in Skulptur hineingebracht.

b) Technik - Verdienst der Malerei - Kolorit - Ölmalerei. Malerei - Handlung für sich verständlich, d. i. durch den Sinn des Gesichts.

Eine Figur steht vor einer andern, sprechend, - nicht verständlich - Worte aus dem Mund herausgehend -

Verkündigung der Maria durch den Engel, ganz bekannt aus der Legende. - Vaterländisch-historische Szene, nicht aus reinem Interesse; - Bezüglichkeit auf die Gegenwemart. - Mythologische und allegorische. Man ist in allem herumgekommen. -

11/564 Schlachtenstücke - der Sieg durch Mut, mehr eine Szene als Handlung - Wort und Bezeigung eines Verhältnisses. -

[Sze]nen, christliche - Die Flucht - Huldigung der Drei Könige - büßende Magdalena.

(20)

Musikalische Komposition von hic, haec, hoc von [Giacomo] Carissimi, für den Gesang (wird für vortrefflich ausgegeben). Zeichen der Sinnlosigkeit der Musik! Es soll es einer zu malen oder ein Gedicht darüber zu machen versuchen!

(21)

Goethe hat sein ganzes Leben die Liebe poetisch gemacht - sein Werther - (an diese Prosa sein Genie verschwendet). Die Poesie der Liebe hat er in den Orientalen kennengelernt - sein Diwan.

Zur Gesellschaft und Politik

(22)

Geld ist die Abbreviatur aller äußerlichen Notwendigkeit.

(23)

Der öffentlichen Meinung die öffentliche Vernunft (la raison publique) entgegengesetzt.

(24)

Morgenblatt. Liter. Beiblatt Nr. 60.

11/565 Philos[ophen] überhaupt gewählt - eine nationelle Partei -irgendeine andere auf die öffentliche Meinung wichtig wirkende Tendenz den andern gegenüberzustellen. - Von jenen wenigen auf Universitäten wie in sicheren Irrenhäusern eingesperrten philosophischen Narren nehmen weder die Tribunen noch die Presse, am allerwenigsten aber das eigentliche Volk irgendeine Notiz. - Denktier -

(25)

Morgenblatt 1827, Liter. Bl. N. 89.

Walter Scott [sagt im Leben Napoleons von den] Ursachen und dem Zweck der [französischen] Revolution: “Der Himmel zur Strafe der Sünden Frankreichs und Europas, und um dem menschlichen Geschlecht eine große Lehre zu geben überließ die Macht und Gewalt solchen Menschen, die nur die Werkzeuge seiner Rache und seiner geheimen Absichten waren.” -

Wie? Wenn die Sünden Frankreichs und Europas so groß waren, daß der gerechte Gott die furchtbarste Strafe über den Weltteil verhängte, so wäre ja die Revolution notwendig und kein neues Verbrechen, sondern nur die gerechte Züchtigung alter Verbrechen gewesen. - Anmaßende Phrasen, die kaum einem Kapuziner, der seine Unwissenheit beschönigen will, nachgesehen werden könnten! Ebenso unbekannt scheinen ihm auch die charakteristischen Grundsätze zu sein, die das Wesen der Revolution bezeichnen und [die ihr] ihre fast unermeßliche Macht über die Gemüter geben.

“Das geistreichste Volk Europas”, heißt es (Vol. I, p. 47), “ließ sich durch die gröbsten Täuschungen, durch die verderblichsten Grundsätze verführen.” - Seichter Kopf!

(26)

Der heutige Adel ist gerade in der Regel nicht aus den alten freien Grundbesitzern, vielmehr meistenteils aus den kaiserlichen, königlichen, herzoglichen Lehensleuten hervorgegangen. Mußten doch jene freien Grundbesitzer selbst Lehnsleute werden, wenn sie einige Bedeutung behalten und nicht völlig unterdrückt werden wollten.

(27)

Visà vis vom Adel sind die Höfe magnifique gewesen, haben den Adel um sich versammelt und ihn ruiniert.

11/566 Nun visá vis vom Reichtum - der Banquiers - sind die Höfe, Fürsten in Kleidung usf. einfach geworden, weil der Reichtum Kleidung, Schmuck der Frauen, Wohnung, Fêten ihnen gleichmachen kann. Demselben Reichtum gegenüber können die Höfe steif, voll Etikette sein. Diese wird verlacht, und die Hofschranzen werden als Knechte, als Zierate angesehen, qui s’avilissent en y mettant un prix.

(28)

Gewerbefreiheit heißt heutzutage das Gegenteil von dem, was ehemals Freiheit des Rechts einer Stadt, Gemeinde, Zunft [hieß] - Freiheit des Gewerbes [war] das Privileg, das ein Gewerbe hat. Jetzt Freiheit des Gewerbes: daß ein Gewerbe kein Recht habe, sondern [daß man es] mehr oder weniger ohne alle Bedingung und Regel ausüben könne.

(29)

Korporationen, Kollegien sind viel strenger im Abschlagen als Individuen. Unterschied der kollegialischen Verfassung und der persönlichen Responsabilität. Sosehr die letztere energischer sein kann, besonders anfangs, so sehr stumpft sich ihre Kraft ab. Das Individuum soll wie ein Edelmann regieren, als eine selbständige, auf sich ruhende Persönlichkeit. Aber das Individuum als bloß besonderes ist in mannigfaltiger Abhängigkeit; - dieser, jener kann oder wird können ihm schaden. Abschlagen erscheint als persönliche, individuelle Sache, und es ist in der Tat mehr oder weniger Zufälliges darin.

(30)

In England ist der Preis des Getreides und der Pachtungen der Ländereien seit 50 Jahren um das Dreifache gestiegen und der Preis des Tagelohns für Feldarbeit derselbe wöchentlich geblieben.

(31)

London, 5. 2. 28:

11/567 Das neue Ministerium kann dem König das Oberhaus verschaffen, aber kann machen, daß er das Unterhaus verliert, und wo ist dann sein Gewinn? - Die englische Aristokratie versucht das Wagestück, die Regierung von dem Volke zu trennen; sie ruft zu dem verhängnisvollen Streit des Patriziats und der Plebejer auf.

(32)

Kriegspartei in Frankreich.

  • offen nur napoleonische Politik - nicht Gesinnungen, Tugenden der Fürsten. Deren Intentionen, Persönlichkeit. - Dies ist ein scheues Feld, - Feld der Scheue, - eben darum Kabinettssache, nicht öffentlicher Debatten. - Plumpheit (wie in den Diskussionen Mauguins), keine Rücksicht darauf - oder schales - (heimlich Waffen zukommen zu lassen), - nur Macht, Gewalt -

Am meisten Intrigen noch bei Ministern - unter Direktorium, - Fürst nur ein Gegenstand der Intrigue - ist am offensten, wird bekannt, manifestiert sich - wo ein Seitenwind herkommt. Entier - deutsch Totalität - heißt eigensinnig systématique einseitig. Keines von beiden, im Ganzen sich von den Umständen regieren lassen.

(33)

Renoncierung, große Verfassung zu früh (Kaiser Josef II) - zu spät Ludwig XVI.

Sitzung vom 21.- 23. Juni [1789 in Paris] - Polen Verfassung 1793 oder 94. - Dem Könige eine Autorität einräumen. Fleuve royale - Charles X. [von Frankreich] die Ordonanzen 29. Juli [1830] zurückgenommen; - ihr habt jetzt, was ihr verlangt -

(34)

Die legislative Versammlung. König als Madame Veto verspottet; das erste war, die Charte [constitutionnelle vom 9. 8. 1830], Konstitution in Frage zu stellen; aus legislativer in konstituierende Versammlung; -

α) dieses Prickeln, Jucken (démorganison) auch jetzt -

11/568 β) notwendig, obschon Zusammenhang des Übergangs in die Charte substantielle - empiéter d’un pouvoir sur l’autre - Cormesin [?] - Primär-Versammlungen - das Programm vom Stadthause von vorne anfangen -

(35)

Pariser Bühnendichter protestierten gegen das Polizeiverbot, eine Tragödie “Marschall Ney” zu geben; regieren, in diesem Fall, die allgemeine Konsequenz ziehen, - da könnte man ja -

(36)

Die badische Kammer der Ständeversammlung hat aus dem Preßgesetz den Artikel gestrichen (- einstimmig?), der Strafe setzt auf Schmähung gegen die Fürstliche Person, Prinzen, Angehörige des Hauses; - bei den guten Badensern soll es nicht vorkommen.

Nachahmung - Solon nicht auf Vatermord -

Jenes zweideutig, keine Gewährung in dem Charakter der Badenser. - Dahinter [könnte] stecken eine Gestattung in demokratischen respektlosen Zeiten.

(37)

15. Februar 1831. Totenfeier des Herzogs von Berry in der Kirche St. Germain.

11/569 Die Anwesenden waren etwa 200. (Diese heißen nirgend das Volk - aber l’Auxerrois.) Das Volk warf später dem Pfarrer die Fenster ein. - Am 15. war das Volk am Abend nach dem erzbischöflichen Palast gezogen und hatte dort alles zertrümmert. Am 16. morgens drang das Volk in Massen in die Kirche St. Germain und zerstörte alles darin. - Das Volk rief dabei: es lebe Ludwig-Philipp. Als alles vorüber war, gab das Volk den Aufforderungen der Nationalgarde nach und zerstreute sich. (Die Nationalgarde ist nicht mehr das Volk; - es scheint, auch die Nationalgarde hat Respekt gehabt vor dem Volke - und alles geschehen lassen, - erst nachdem alles vorüber war, sind die Aufforderungen der Nationalgarde eingetreten oder dann erst befolgt worden.)

(38)

Mandat der Deputierten.

Selbst[ändigkeit] wie in manchen Städten die Kinderwärterinnen oder auch sonst Domestiken, - wohl angenommen von der Herrschaft. - Aber keine Instruktion, sondern ein Amt, selbst nicht nur seine Rechte, über die sich nicht dingen (nicht nur Deputierte machen sie ohnehin sich selbst) läßt. Ebenso Pflichten gegen den Willen und zum Trotz der Eltern - wohl das Formelle des Annehmens, aber sonst nicht in ihrem Dienste, sondern im Dienste ihres Amtes -

(39)

Deputiertenkammer - äußerst naiv, sehen auf Qualitäten (Kategorien) - bei den Pairs, aber nicht bei sich selbst.

(40)

14. oder 15. 10. 1831

In Deputiertenkammer Amendement von Moosburg bejahend entschieden; Vermögen Bedingung der Pairswürde - zugleich Mitglied des Departemental Conseil. (Die Kategorien der Pairs-Bedingungen wären ein ganz gutes Gesetz für eine Deputiertenkammer.)

Clôture - dies Geschrei ist eine Insurrektion - mußte nun mit sehr großer Majorität beschlossen werden können; eine listige, aufmerksame, berechnende, auf Zufälle spekulierende Minorität ist aufmerksam auf die Anzahl der Anwesenden ihrer Partei, übersieht ihre Scharen; wenn Zufall, Ermüdung viele der Entgegengesetzen entfernt hat, schreit sie Clôture. - Im englischen Parlament - Manöver - fortschwätzen, bis vertagt, die nahen Parteimänner herbeigerufen werden konnten; - geschwind Boten ausgeschickt -

11/570 König, Pairs - Nicht den künstlichen, gemachten - factice Kasualitäten nachgeben -

(41)

Nr. 241. Preußische Staatszeitung 1831.

Belgische Lüge; - was man seinem Publikum bieten kann. (Preßfreiheit - ob es erlaubt, das Volk zu täuschen.) Französischen Blättern dies nachgeschrieben. Absichten, magistraler Ton des Richtens; - sagen, was das Innere der Individuen und deren Handlungen, nicht der Taten war - hier das Feld ganz frei -

In der Phantasie unmöglich, Fakta als solche, d. i. Prosa aufzufassen, - so Franzosen nach Zweck, Leidenschaft, Interesse des Augenblicks, - ganz nur in solchem Sinn.

(42)

[Preußische Staatszeitung 1831] Nr. 242: [König] Leopold [von Belgien] verlangt den längeren Aufenthalt französischer Truppen in Belgien. - Dem Papst wurde dies nicht zugestanden. - Die Lüge - preußische Armee in Belgien, - auch Messagers Schimpfen gegen Preußen; - nur Kaptation der Popularität.

(43)

August 1831.

Preßfreiheit: In Berlin werde von der Zensur nicht erlaubt, Schriften herauszugeben, die sich gegen die Kontagiosität der Cholera erklären. Staatsanstalten dagegen, - zunichte gemacht, - Überzeugung von Leidenschaft und Interesse ergriffen, - zur Widersetzlichkeit berechtigt, - Grund berechtigt.

Varia

(44)

Hölty: Was ist der Mensch? - A rechter Uchse!

Die Ägypter: Was ist der Gott? - A rechter Uchse.

(45)

11/571 “Leben und Meinungen” ist ein vormaliger guter Titel gewesen; denn […] die Menschen scheiden sich in diese drei Klassen: die ein Leben haben und keine Meinungen, - andere, die nur Meinungen haben und kein Leben, - und solche, die beides haben, Leben und Meinungen. Welches die selteneren sind, [sind] die letzteren, dann die ersteren, - die gewöhnlichsten sind wie immer die Mitte.

(46)

Schüchternheit der Kinder - ob Folge einer schlechten Erziehung? Was liegt Ungezogenes darin?

Warum das Gedächtnis des Kindes früh üben? - Um etwas zusammenzubringen. - Vorstellungen zusammenbringen und halten - Hauptmoment in Erziehung - Hauptgewöhnung, - bei einer die vorhergehende vergessen.

(47)

Die lateinische Sprache [wurde] ehemals in zwei Hauptgesichtspunkten in den Schulen getrieben:

  1. der Sinn und Inhalt der Schriftsteller, Cornelius Nepos, Curtius, Julius Cäsar, Cicero, Tacitus, Horaz und derjenigen, die eine Hauptsache - Inhalt passend für die Jugend - edle, einfache, feste Gesinnungen und Handlungen - Grundsätze der Sittlichkeit, des Staatslebens in ihrer naiven Nähe und Allgemeinheit vorgestellt [haben];

2. als Sprache nach allgemeineren Regeln der Grammatik, α) Regel, das Besondere unter das Allgemeine subsumieren - Vorteil der lateinischen Sprache gegen das Griechische z. B., - so feste allgemeine Regeln, plastisch, lapidarisch - einfacher Bau der Sätze und Perioden - Sinn des Gehorsams, rechtlichen Verfahrens - feste Regel, und Handeln daran, ohne Ausnahmen, Reflexionen, Willküren - Ausreden usf. β) Nach diesen Regeln hatte der Schüler seine Aufsätze zu machen, - nicht danach, daß eine Form, Flexion, Konstruktion usf. auch gefunden wäre.

11/572 Die Verfeinerung des lateinischen Sprachstudiums (durch Holländer und Engländer vorzüglich; Drakenborch und Ruhnkenius [haben] darüber gestritten, ob simulac ego, perinde ac ego richtig, zuletzt ausgemacht: simulatque ego, und überall danach zu korrigieren - so eine Menge Feinheiten, d. i. Besonderheiten) - damit [wurde] die Natur des lateinischen Sprachstudiums als Bildungsmittel zur Zucht ganz verändert.

(48)

Spanier und Italiener: sind unbefangen, was sie sind - wollen nichts anderes sein, sich zu nichts gemacht haben - bei ihnen das Naturell überwiegend.

Spanier bringt etwas Bewußtsein seiner Würde hinein. Italiener legt seine Individualität hinein.

Franzosen, Engländer und Deutsche: Bei Franzosen und Engländern das Temperament nicht unbefangen. - Bei Deutschen Charakter, - dazu gemacht.

Franzosen: Eitelkeit - Meinen - macht sich zu was - und allgemeine Meinung; nicht ob an und für [sich] recht, sondern opinion, was allgemein gilt. Nicht lächerlich, weil dies gegen die Meinung ist. - Fröhlichkeit witzig, geistreich. Letztes Wort.

Engländer: macht sich zu sich einen Charakter. Zu besondere Meinung - Partei und Meinung subjektiv; - vor sich selbst, wie sie wollen; heißen dies Freiheit. Fröhlichkeit roh.

Deutsche - denkend - zu seiner besonderen [Meinung], welche vernünftig, allgemeingültig, an und für sich sein soll - nicht bloß, weil sie gilt, sondern sein Gewissen gerechtfertigt. - Fröhlichkeit steif, pedantisch, feierlich.

(49)

Moralität des Essens und Trinkens.

11/573 Wenn der Mensch einmal dahin gekommen, daß er es nicht mehr besser weiß als andere, d. h. daß es ihm ganz gleichgültig ist, daß die andern es schlecht gemacht - und ihn nur dies interessiert, was sie recht gemacht -, dann ist Frieden und die Affirmation in ihn eingetreten.

(50)

Wie von Gestalten in der Natur - so an der Seele Reihe von Zuständen und bloßen Seiten.

Es bleibt eine individuelle Seele - Zustand (am Wasser) fest, flüssig; Dampfform auch Zustand, aber äußerlich. Auch Lebendiges - Altern.

(51)

Das schmeckende Ding - der schmeckende Mensch: Schmecken sowohl aktiv als passiv, in Einem das Subjektive und Objektive des Empfindens.

(52)

Aufgeben, wie Aufheben, doppelsinnig: α) Aufgeben - es als verloren, vernichtet betrachten; β) [Aufgeben] - eben damit aber zugleich es zum Problem machen, dessen Gehalt nicht vernichtet ist, sondern der gerettet und dessen Verkümmerung, Schwierigkeit zu lösen ist.

(53)

Charakteristisch: Willen - ebensowohl als Wille.

(54)

11/574 Ein großer Mann verdammt die Menschen dazu, ihn zu explizieren.