Frankfurt

Frankfurt

1797-1800

[Entwürfe über Religion und Liebe]

(1797/98)

[Moralität, Liebe, Religion]

69) Positiv wird ein Glaube genannt, in dem das Praktische theoretisch vorhanden ist - das ursprünglich Subjektive nur als ein Objektives; eine Religion, die Vorstellungen von etwas Objektivem, das nicht subjektiv werden kann, als Prinzip des Lebens und der Handlungen aufstellt. Die praktische Tätigkeit handelt frei, ohne Vereinigung eines Entgegengesetzten, ohne durch dieses bestimmt zu werden - sie bringt nicht Einheit in ein gegebenes Mannigfaltiges, sondern ist die Einheit70)  selbst, die sich nur rettet gegen das mannigfaltige Entgegengesetzte, das in Rücksicht auf das praktische Vermögen immer unverbunden bleibt; die praktische Einheit wird dadurch behauptet, daß das Entgegengesetzte ganz aufgehoben wird.

Alle moralischen Gebote sind Forderungen, diese Einheit zu behaupten gegen Triebe; jene sind nur verschieden, daß sie gegen verschiedene Triebe gerichtet sind - diese Einheit vorgestellt.

1/239 Was ist: Begriff von Moralität? Die moralischen Begriffe haben nicht in dem Sinne Objekte, in dem die theoretischen Begriffe Objekte haben. Das Objekt jener ist immer das Ich; das Objekt dieser das Nicht-Ich. - Das Objekt des moralischen Begriffs ist eine gewisse Bestimmung des Ich, die, um ein Begriff zu werden, um erkannt, um Objekt werden zu können, dem Ich anders bestimmt entgegengesetzt wird, als ein Akzidens des Ich betrachtet, von der Bestimmung des Ich, das jetzt erkennt, ausgeschlossen wird. - Begriff ist eine reflektierte Tätigkeit. Ein moralischer Begriff, der nicht auf diese Art entstanden [ist], ein Begriff ohne die Tätigkeit ist ein positiver Begriff; doch soll er zugleich praktisch werden; er ist nur etwas Erkanntes, ein Gegebenes, etwas Objektives und erhält seine Macht, seine Kraft, seine Wirksamkeit nur durch ein Achtung oder Furcht erweckendes Objekt, vor dem wir vergehen, dem wir unterliegen müßten, wenn nicht in jenen Begriffen uns der Weg zu jenem Objekt, zur Hoffnung der Verschonung eröffnet würde, dadurch Einigkeit möglich würde.

Der positive moralische Begriff ist fähig, den Charakter der Positivität zu verlieren, wenn die Tätigkeit, die er ausdrückt, selbst entwickelt wird und Kraft bekommt, - aber das, was man gewöhnlich positiv nennt, ist von der Beschaffenheit, daß es nicht eine reflektierte Tätigkeit unserer selbst ist, sondern etwas Objektives und diesen Charakter nie ablegen kann.

Das Moralische kann zwar auch objektiv werden, indem es vorgestellt und begriffen wird, aber das Bewußtsein ist immer damit verbunden oder kann sogleich hergestellt werden, daß wir selbst, unsere eigne freie Kraft und Tätigkeit das Objekt des Erkennens ist. Moralisches und Objektives im gewöhnlichen Sinn sind einander gerade entgegengesetzt.

Das unendliche Objekt, seine Handlungsweise sind auch fürs Erkenntnisvermögen positiv; Wunder, Offenbarungen, Erscheinungen.

1/240 In der Anschauung soll kein Ganzes gegeben sein, das Erkenntnisvermögen soll die Gesetze seines Wesens, zu einem Teil ein Ganzes sich einzubilden, aufgeben, ein Leiden kennen, und nicht die gleiche Quantität von Tätigkeit soll ihm in der Erscheinung gegeben sein, und die soll sich die Anschauung nie als ein solches Ganzes denken. Die Tätigkeit, die Ursache soll etwas Unbekanntes sein, das eine Glied des Wechsels kein Objekt, kein Nicht-Ich und auch kein Ich, nicht wie bei den Wirkungen von Menschen, wo ein Glied ein Ich ist.

Das Wesen des praktischen Ich besteht im Hinausgehen der idealen Tätigkeit über das Wirkliche und in der Forderung, daß die objektive Tätigkeit gleich sein soll der unendlichen. Der praktische Glaube ist Glaube an jenes Ideal; positiv ist nun der Glaube, wenn jenes Hinausgehen sowohl als die Forderung der Gleichheit gegeben ist - gegeben kann diese Forderung werden nur durch ein mächtiges und beherrschendes Objektiv (Autorität), das und dessen Handlungsweise von uns aber nicht kann begriffen werden; indem wir es begriffen, würde es von uns bestimmt - seine Wirkungsarten müssen für uns Wunder sein, die für uns unmöglich sind, d. h. sie setzen eine Tätigkeit voraus, die wir nicht für die Tätigkeit eines Ich erkennen, und dadurch unterscheiden sie sich von den Handlungen, die wir als Handlungen freier Wesen erkennen, daß es Handlungen eines Ich sind.

Bei dem moralischen Zweck, den wir der Vorsehung der Gottheit beilegen, reflektieren wir nicht auf ihr übriges uns unbekanntes Wesen, sondern hier urteilen wir, daß ihre Tätigkeit insofern die Tätigkeit eines Ich sei.

Religion, eine Religion stiften

Das andere Extrem von dem, von einem Objekte abzuhängen, ist das, die Objekte [zu] fürchten, die Flucht vor ihnen, die Furcht vor Vereinigung, die höchste Subjektivität.

Objektiv

  1. das Wirkliche im Raum,

2. innere Bestimmungen objektiv mit dem Bewußtsein, daß sie innere Bestimmungen sind,

3. innere Bestimmungen ohne Bewußtsein, daß sie innere Bestimmungen sind.

1/241 Religion ist freie Verehrung der Gottheit. Bloß subjektive Religion ohne Einbildungskraft ist Rechtschaffenheit.

Begreifen ist beherrschen. Die Objekte beleben ist, sie zu Göttern machen.

Einen Bach betrachten, wie er nach Gesetzen der Schwere in die tieferen Gegenden fallen muß und von dem Boden und den Ufern eingeschränkt und gedrückt wird, heißt ihn begreifen, ihm eine Seele geben, als an seinesgleichen Anteil an ihm nehmen, - heißt ihn zum Gotte machen. Doch weil ein Bach, ein Baum zugleich auch ein Objekt, der bloßen Notwendigkeit unterworfen sein kann, so wie vergötterte Menschen auch unterschieden werden von dem Zustande, da sie bloße Menschen waren, so sind es bloße Halbgötter, nicht die Ewigen, Notwendigen. Wo Subjekt und Objekt oder Freiheit und Natur so vereinigt gedacht wird, daß Natur Freiheit ist, daß Subjekt und Objekt nicht zu trennen sind, da ist Göttliches - ein solches Ideal ist das Objekt jeder Religion. Eine Gottheit ist Subjekt und Objekt zugleich, man [kann] nicht von ihr sagen, daß sie Subjekt sei im Gegensatz gegen Objekte oder daß sie Objekte habe.

Die theoretischen Synthesen werden ganz objektiv, dem Subjekt ganz entgegengesetzt. Die praktische Tätigkeit vernichtet das Objekt und ist ganz subjektiv - nur in der Liebe allein ist man eins mit dem Objekt, es beherrscht nicht und wird nicht beherrscht. Diese Liebe, von der Einbildungskraft zum Wesen gemacht, ist die Gottheit; der getrennte Mensch hat dann Ehrfurcht, Achtung vor ihr, - der in sich einige [Mensch hat] Liebe; jenem gibt sein böses Gewissen, das Bewußtsein der Zerteilung, Furcht vor ihr.

Jene Vereinigung kann man Vereinigung des Subjekts und Objekts, der Freiheit und Natur, des Wirklichen und Möglichen nennen. Wenn das Subjekt die Form des Subjekts, das Objekt die Form des Objekts behält, die Natur immer noch Natur, so ist keine Vereinigung getroffen. Das Subjekt, das freie Wesen, ist das Übermächtige, und das Objekt, die Natur, das Beherrschte.

1/242 In alten Zeiten wandelten die Götter unter den Menschen; je mehr die Trennung zunahm, die Entfernung, desto mehr lösten sich auch die Götter von den Menschen ab, sie gewannen dafür an Opfern, Weihrauch und Dienst, - wurden mehr gefürchtet, bis die Trennung so weit vor sich ging, daß die Vereinigung nur durch Gewalt geschehen kann. Liebe kann nur stattfinden gegen das Gleiche, gegen den Spiegel, gegen das Echo unseres Wesens.

[Liebe und Religion]

71)  … so wie sie mehrere Gattungen kennenlernen, die ihnen nicht feindlich sind, nehmen sie mehrere Götter in ihr Pantheon auf. Euer Gott sei auch unser Gott, d. h. laßt uns uns nicht mehr als Besondere, sondern als Vereinigte betrachten. - Ein Volk, das alle fremden Götter verschmäht, muß den Haß des ganzen menschlichen Geschlechts im Busen tragen.

1/243 Wo die Trennung zwischen dem Trieb und der Wirklichkeit so groß ist, daß wirklicher Schmerz entsteht, so setzt er als Grund dieses Leidens zwar eine unabhängige Tätigkeit und belebt sie, aber da die Vereinigung mit dem Schmerz unmöglich ist, indem er ein Leiden ist, so ist auch die Vereinigung mit jener Ursache des Leidens unmöglich, und er setzt sie sich als ein feindliches Wesen gegenüber; hätte er nie keine Gunst von ihm genossen, so würde er ihm eine feindliche Natur, die sich nicht ändert, zuschreiben; hat er schon Freude von ihm gehabt, hat er es schon geliebt, so muß er die feindliche Gesinnung nur als vorübergehend denken, und ist er sich irgendeiner Schuld bewußt, so erkennt er in seinem Schmerz die strafende Hand der Gottheit, mit der er vorhin freundlich lebte. Ist er aber seiner Reinheit sich bewußt und hat Kraft genug, diese völlige Trennung ertragen zu können, so stellt er sich einer unbekannten Macht, in der nichts Menschliches ist, dem Schicksal mächtig gegenüber, ohne sich zu unterwerfen oder sonst eine Vereinigung mit ihm zu treffen, die mit einem mächtigeren Wesen nur eine Knechtschaft sein könnte.

Wenn da, wo in der Natur ewige Trennung ist, wenn Unvereinbares vereinigt wird, da ist Positivität. Dieses Vereinigte, dieses Ideal ist also Objekt, und es ist etwas in ihm, was nicht Subjekt ist.

Das Ideal können wir nicht außer uns setzen, sonst wäre es ein Objekt, - nicht in uns allein, sonst wäre es kein Ideal.

Die Religion ist eins mit der Liebe. Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen; wir sehen nur uns in ihm, und dann ist er doch wieder nicht wir - ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.

“Der Eingeweihte (Platon, Phaidros [251 A]), der der ewigen Schönheit vollen Anblick einst genoß, wenn er ein gottähnliches Gesicht anschaut, das eine gute Nachbildung der Schönheit oder sonst einer unkörperlichen Idee ist, so erschrickt er anfangs, und einer der ehemaligen Schauer ergreift ihn; hernach sieht er näher zu und verehrt ihn wie einen Gott; und fürchtete er nicht den Ruf des Wahnsinns, so würde er dem Geliebten wie einer Bildsäule und einem Gotte opfern.”

[Die Liebe]

1/244 72)  … welchem Zwecke denn alles Übrige dient, nichts im Kampf mit diesem, in gleichem Recht steht; - wie z. B. Abraham sich und seine Familie und nachher sein Volk - oder [wie] die ganze Christenheit sich zum Endzwecke setzt. Aber je weiter dieses Ganze ausgedehnt, je mehreres in die Gleichheit der Abhängigkeit versetzt wird - wenn der Kosmopolit das ganze Menschengeschlecht in seinem Ganzen begreift -, so kommt von der Herrschaft über die Objekte und von der Gunst des regierenden Wesens desto weniger auf einen; jeder Einzelne verliert um so mehr an seinem Wert, an seinen Ansprüchen, seiner Selbständigkeit; denn sein Wert war der Anteil an der Herrschaft; ohne den Stolz, der Mittelpunkt der Dinge zu sein, ist ihm der Zweck des kollektiven Ganzen das Höchste, und er verachtet sich, als einen so kleinen Teil, wie alle Einzelnen.

Weil diese Liebe um des Toten willen nur mit Stoff umgeben, der Stoff an sich ihr gleichgültig ist und ihr Wesen darin besteht, daß der Mensch in seiner innersten Natur ein Entgegengesetztes, Selbständiges ist, daß ihm alles Außenwelt ist, welche also so ewig ist als er selbst, so wechseln zwar seine Gegenstände, aber sie fehlen ihm nie; so gewiß er ist, sind sie und seine Gottheit; daher seine Beruhigung bei Verlust und sein gewisser Trost, daß der Verlust ihm ersetzt werde, weil er ihm ersetzt werden kann. Die Materie ist auf diese Art für den Menschen absolut; aber freilich, wenn er selbst nimmer wäre, so wäre auch nichts mehr für ihn, und warum müßte auch er sein? Daß er sein möchte, ist sehr begreiflich; denn außer seiner Sammlung von Beschränktheiten, seinem Bewußtsein liegt nicht die in sich vollendete, ewige Vereinigung, nur das dürre Nichts, aber in diesem sich zu denken kann freilich der Mensch nicht ertragen. Er ist nur als Entgegengesetztes; das Entgegengesetzte ist sich gegenseitig Bedingung und Bedingtes; er muß sich außer seinem Bewußtsein denken, kein Bestimmendes ohne Bestimmtes und umgekehrt; keines ist unbedingt; keines trägt die Wurzel seines Wesens in sich, jedes ist nur relativ notwendig; das eine ist für das andere und also auch für sich nur durch eine fremde Macht; das andere ist ihm durch ihre Gunst und Gnade zugeteilt; es ist überall nirgends als in einem Fremden ein unabhängiges Sein, von welchem Fremden dem Menschen alles geschenkt ist und dem er sich und Unsterblichkeit zu danken haben muß, um welche er mit Zittern und Zagen bettelt.

1/245 Wahre Vereinigung, eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind; sie schließt alle Entgegensetzungen aus, sie ist nicht Verstand, dessen Beziehungen das Mannigfaltige immer als Mannigfaltiges lassen und dessen Einheit selbst Entgegensetzungen sind; sie ist nicht Vernunft, die ihr Bestimmen dem Bestimmten schlechthin entgegensetzt; sie ist nichts Begrenzendes, nichts Begrenztes, nichts Endliches; sie ist ein Gefühl, aber nicht ein einzelnes Gefühl; aus dem einzelnen Gefühl, weil es nur ein Teilleben, nicht das ganze Leben ist, drängt sich das Leben durch Auflösung zur Zerstreuung in der Mannigfaltigkeit der Gefühle und um sich in diesem Ganzen der Mannigfaltigkeit zu finden; in der Liebe ist dies Ganze nicht als in der Summe vieler Besonderer, Getrennter enthalten; in ihr findet sich das Leben selbst, als eine Verdoppelung seiner selbst, und Einigkeit desselben; das Leben hat, von der unentwickelten Einigkeit aus, durch die Bildung den Kreis zu einer vollendeten Einigkeit durchlaufen; der unentwickelten Einigkeit stand die Möglichkeit der Trennung und die Welt gegenüber; in der Entwicklung produzierte die Reflexion immer mehr Entgegengesetztes, das im befriedigten Triebe vereinigt wurde, bis sie das Ganze des Menschen selbst ihm entgegensetzte, bis die Liebe die Reflexion in völliger Objektlosigkeit aufhebt, dem Entgegengesetzten allen Charakter eines Fremden raubt und das Leben sich selbst ohne weiteren Mangel findet. In der Liebe ist das Getrennte noch, aber nicht mehr als Getrenntes, [sondern] als Einiges, und das Lebendige fühlt das Lebendige.

1/248 Weil die Liebe ein Gefühl des Lebendigen ist, so können Liebende sich nur insofern unterscheiden, als sie sterblich sind, als sie diese Möglichkeit der Trennung denken, nicht insofern, als wirklich etwas getrennt wäre, als das Mögliche mit einem Sein verbunden ein Wirkliches wäre. An Liebenden ist keine Materie, sie sind ein lebendiges Ganze; Liebende haben Selbständigkeit, eigenes Lebensprinzip - [das] heißt nur: sie können sterben. Die Pflanze hat Salz und Erdeteile, die eigene Gesetze ihrer Wirkungsart in sich tragen - [das] ist die Reflexion eines Fremden und heißt nur: die Pflanze kann verwesen. Die Liebe strebt aber auch diese Unterscheidung, diese Möglichkeit als bloße Möglichkeit aufzuheben und selbst das Sterbliche zu vereinigen, es unsterblich zu machen. Das Trennbare, solange es vor der vollständigen Vereinigung noch ein eigenes ist, macht den Liebenden Verlegenheit, es ist eine Art von Widerstreit zwischen der völligen Hingebung, der einzig möglichen Vernichtung, der Vernichtung des Entgegengesetzten in der Vereinigung und der noch vorhandenen Selbständigkeit; jene fühlt sich durch diese gehindert - die Liebe ist unwillig über das noch Getrennte, über ein Eigentum; dieses Zürnen der Liebe über Individualität ist die Scham; sie ist nicht ein Zucken des Sterblichen, nicht eine Äußerung der Freiheit, sich zu erhalten, zu bestehen; bei einem Angriff ohne Liebe wird ein liebevolles Gemüt durch diese Feindseligkeit selbst beleidigt, seine Scham wird zum Zorn, der jetzt nur das Eigentum, das Recht verteidigt. Wäre die Scham nicht eine Wirkung der Liebe, die nur darüber, daß etwas Feindseliges ist, die Gestalt des Unwillens hat, sondern ihrer Natur nach selbst etwas Feindliches, das ein angreifbares Eigentum behaupten wollte, so müßte man von den Tyrannen sagen, sie haben am meisten Scham, so wie von Mädchen, die ohne Geld ihre Reize nicht preisgeben, oder von den eitlen, die durch sie fesseln wollen. Beide lieben nicht, ihre Verteidigung des Sterblichen ist das Gegenteil des Unwillens über dasselbe; sie legen ihm in sich einen Wert bei, sie sind schamlos. Ein reines Gemüt schämt sich der Liebe nicht, es schämt sich aber, daß diese nicht vollkommen ist, sie wirft es sich vor, daß noch eine Macht, ein Feindliches ist, das der Vollendung Hindernisse macht. Die Scham tritt nur ein durch die Erinnerung an den Körper, durch persönliche Gegenwart, beim Gefühl der Individualität - sie ist nicht eine Furcht für das Sterbliche, Eigene, sondern vor demselben, die, sowie die Liebe das Trennbare vermindert, mit ihm verschwindet; denn die Liebe ist stärker als die Furcht; sie fürchtet ihre Furcht nicht, aber von ihr begleitet hebt sie Trennungen auf, mit der Besorgnis, eine widerstehende, gar eine feste Entgegensetzung zu finden; sie ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben; schüchtern, ihre Gaben möchten verschmäht, schüchtern, ihrem Nehmen möchte ein Entgegengesetztes nicht weichen, versucht sie, ob die Hoffnung sie nicht getäuscht, ob sie sich selbst durchaus findet; dasjenige, das nimmt, wird dadurch nicht reicher als das andere; es bereichert [sich] zwar, aber um ebensoviel das andere; ebenso dasjenige, das gibt, macht sich nicht ärmer; indem es dem anderen gibt, hat es um ebensoviel seine eigenen Schätze vermehrt; Julia in Romeo: je mehr ich gebe, desto mehr habe ich usw. Diesen Reichtum des Lebens erwirbt die Liebe in der Auswechslung aller Gedanken, aller Mannigfaltigkeiten der Seele, indem sie unendliche Unterschiede sucht und unendliche Vereinigungen sich ausfindet, an die ganze Mannigfaltigkeit der Natur sich wendet, um aus jedem ihrer Leben die Liebe zu trinken. Das Eigenste vereinigt sich in der Berührung, in der Befühlung bis zur Bewußtlosigkeit, der Aufhebung aller Unterscheidung; das Sterbliche hat den Charakter der Trennbarkeit abgelegt, und ein Keim der Unsterblichkeit, ein Keim des ewig sich aus sich Entwickelnden und Zeugenden, ein Lebendiges ist geworden. Das Vereinigte trennt sich nicht wieder; die Gottheit hat gewirkt, erschaffen. Dieses Vereinigte aber ist nur ein Punkt, der Keim73) , die Liebenden können ihm nichts zuteilen, daß in ihm ein Mannigfaltiges sich befände; denn in der Vereinigung ist nicht ein Entgegengesetztes behandelt worden, sie ist rein von aller Trennung; alles, wodurch es ein Mannigfaltiges sein, ein Dasein haben kann, muß das Neugezeugte selbst in sich gezogen, entgegengesetzt und vereinigt haben. Der Keim wendet sich immer mehr zur Entgegensetzung los und beginnt, jede Stufe seiner Entwicklung ist eine Trennung, um wieder den ganzen Reichtum des Lebens selbst zu gewinnen. Und so ist nun: das Einige, die Getrennten und das Wiedervereinigte. Die Vereinigten trennen sich wieder, aber im Kind ist die Vereinigung selbst ungetrennt worden.

1/249 Diese Vereinigung der Liebe ist zwar vollständig, aber sie kann es nur soweit sein, als das Getrennte nur so entgegengesetzt ist, daß das Eine das Liebende, das Andere das Geliebte ist, daß also jedes Getrennte ein Organ eines Lebendigen ist; außerdem aber stehen die Liebenden noch mit vielem Toten in Verbindung, jedem gehören viele Dinge zu, d. h. es steht in Beziehung mit Entgegengesetzten, die auch für das Beziehende selbst noch Entgegengesetzte, Objekte sind; und so sind sie noch einer mannigfaltigen Entgegensetzung in dem mannigfaltigen Erwerb und Besitz von Eigentum und Rechten fähig.74)  Das unter der Gewalt des Einen befindliche Tote ist beiden entgegengesetzt, und es scheint nur die Vereinigung darüber stattfinden zu können, daß es unter die Herrschaft beider käme. Das Liebende, das das andere im Besitz eines Eigentums erblickt, muß diese Besonderheit des anderen, die es gewollt hat, fühlen; selbst kann es die ausschließliche Herrschaft des anderen nicht aufheben, denn dies wäre wieder eine Entgegensetzung gegen die Macht des anderen, da es auch keine andere Beziehung auf das Objekt finden kann als die Beherrschung desselben; es setzte eine Beherrschung der Herrschaft des anderen entgegen und höbe eine Beziehung des anderen, seine Ausschließung aller auf; und wenn der Besitz und Eigentum einen so wichtigen Teil des Menschen, seiner Sorgen und Gedanken ausmacht, so können auch Liebende sich nicht enthalten, auf diese Seite ihrer Verhältnisse zu reflektieren; und wenn schon der Gebrauch gemeinschaftlich ist, so würde damit das Recht an Besitz unentschieden bleiben, der Gedanke des Rechts würde zwar nicht vergessen, weil alles, in dessen Besitz die Menschen sind, die Rechtsform des Eigentums hat; setzt aber das Besitzende das andere auch ins gleiche Recht des Besitzes, so ist doch die Gütergemeinschaft nur das Recht eines jeden von beiden an das Ding.

[Glauben und Sein]

1/250 75) Glauben ist die Art, wie das Vereinigte, wodurch eine Antinomie vereinigt ist, in unserer Vorstellung vorhanden ist. Die Vereinigung ist die Tätigkeit; diese Tätigkeit, reflektiert als Objekt, ist das Geglaubte. Um zu vereinigen, müssen die Glieder der Antinomie als widerstreitende, ihr Verhältnis zueinander als Antinomie gefühlt oder erkannt werden; aber das Widerstreitende kann als Widerstreitendes nur dadurch erkannt werden, daß schon vereinigt worden ist; die Vereinigung ist der Maßstab, an welchem die Vergleichung geschieht, an welchem die Entgegengesetzten, als solche, als Unbefriedigte erscheinen. Wenn nun gezeigt wird, daß die entgegengesetzten Beschränkten als solche nicht bestehen könnten, daß sie sich aufheben müßten, daß sie also, um möglich zu sein, eine Vereinigung voraussetzen (schon um zeigen zu können, daß sie Entgegengesetzte seien, wird die Vereinigung vorausgesetzt), so wird damit bewiesen, daß sie vereinigt werden müssen, daß die Vereinigung sein soll. Aber die Vereinigung selbst, daß sie ist, ist dadurch nicht bewiesen, sondern diese Art von Vorhandensein der Vorstellung von derselben wird geglaubt; und [sie] kann nicht bewiesen werden, denn die Entgegengesetzten sind die Abhängigen, die Vereinigung in Rücksicht auf sie [ist] das Unabhängige; und beweisen heißt die Abhängigkeit [aufzeigen]; das in Rücksicht auf diese Entgegengesetzten Unabhängige kann freilich wieder in anderer Rücksicht ein Abhängiges, Entgegengesetztes sein; und dann muß wieder zur neuen Vereinigung fortgeschritten werden, die jetzt wieder das Geglaubte ist.

1/251 Vereinigung und Sein sind gleichbedeutend; in jedem Satz drückt das Bindewort “ist” die Vereinigung des Subjekts und Prädikats aus - ein Sein; Sein kann nur geglaubt werden; Glauben setzt ein Sein voraus; es ist also widersprechend zu sagen, um glauben zu können, müsse man sich von dem Sein vorher überzeugen. Diese Unabhängigkeit, die Absolutheit des Seins ist es, woran man sich stößt; es soll wohl sein, aber dadurch, daß es ist, sei es deswegen nicht für uns; die Unabhängigkeit des Seins soll darin bestehen, daß es ist, es sei nun für uns oder nicht für uns, das Sein soll etwas schlechthin von uns Getrenntes sein können, in dem es nicht notwendig liege, daß wir mit ihm in Beziehung kommen; inwiefern kann etwas sein, von welchem es doch möglich wäre, daß wir es nicht glaubten? d. h. es ist etwas möglich, denkbar, das wir doch nicht glauben, d. h. das deswegen doch nicht notwendig ist - aus der Denkbarkeit folgt nicht das Sein; es ist zwar insofern als Gedachtes; aber ein Gedachtes ist ein Getrenntes, dem Denkenden entgegengesetzt; es ist kein Seiendes. Nur hierdurch kann ein Mißverstand entstehen, daß es verschiedene Arten von Vereinigungen, von Sein gibt und daß man also insofern sagen kann: es ist etwas, aber deswegen ist nicht notwendig, daß ich es glaube, - mit einer Art des Seins kommt ihm deswegen nicht eine andere Art des Seins zu; ferner ist Glauben nicht Sein, sondern ein reflektiertes Sein; auch insofern kann man sagen, daß das, was ist, deswegen doch nicht reflektiert [sein], nicht zum Bewußtsein kommen muß. Das, was ist, muß nicht geglaubt werden, aber was geglaubt wird, muß sein. Das Gedachte nun als ein Getrenntes muß Vereinigtes werden, und dann erst kann es geglaubt werden; der Gedanke ist eine Vereinigung und wird geglaubt; aber das Gedachte noch nicht.

Das Getrennte findet nur in einem Sein seine Vereinigung; denn ein verschiedenes Sein in einer Rücksicht setzte eine Natur, die auch nicht Natur wäre, also einen Widerspruch voraus; eine Vereinigung könnte in derselben Rücksicht auch nicht Vereinigung sein; ein positiver Glaube nun ist ein solcher, der statt der einzig möglichen Vereinigung eine andere aufstellt, an die Stelle des einzig möglichen Seins ein anderes Sein setzt; der also die Entgegengesetzten auf eine Art vereinigt, wodurch sie zwar vereinigt, aber unvollständig, d. h. nicht in der Rücksicht vereinigt sind, in der sie vereinigt sein sollen.

1/253 Alle Vereinigung soll in der positiven Religion etwas Gegebenes sein; was gegeben wird, das hat man noch nicht, ehe man es empfängt; und nach dem Empfangen soll etwas Gegebenes teils bleiben können; allein etwas Gegebenes ist insofern nicht ein anderes als ein Entgegengesetztes, und demnach wäre die Vereinigung etwas Entgegengesetztes, und zwar insofern es vereinigt ist, welches ein Widerspruch ist. Dieser Widerspruch entsteht aus einer Täuschung, indem unvollständigere Arten von Vereinigungen, die in anderer Rücksicht noch entgegengesetzt sind, ein unvollkommenes Sein für das in der Rücksicht, in der vereinigt werden soll, vollkommne Sein [genommen werden], und eine Art des Seins wird mit einer anderen Art verwechselt. Die verschiedenen Arten des Seins sind die vollständigeren oder unvollständigeren Vereinigungen. In jeder Vereinigung ist ein Bestimmen und ein Bestimmtwerden, die eins sind; in der positiven Religion aber soll das Bestimmende, auch insofern es bestimmt, bestimmt sein; seine Handlung soll nicht eine Tätigkeit sein, sondern ein Leiden; das Bestimmende, wodurch es leidet, ist aber auch ein Vereinigtes, in dieser Vereinigung konnte das Handelnde tätig gewesen sein; aber dies ist eine niedrigere Art von Vereinigung; denn in der Handlung, die aus positivem Glauben geschieht, ist dies Vereinigte selbst wieder ein Entgegengesetztes, das sein Entgegengesetztes bestimmt, und hier ist nur unvollständige Vereinigung, denn beide bleiben Entgegengesetzte, das eine ist das Bestimmende und das andere das Bestimmte; und das Bestimmende selbst ist als Tätiges, aber die Form der Tätigkeit ist durch ein anderes bestimmt; d. h. [sie soll] gegeben sein, das Tätige, insofern es tätig ist, soll ein Bestimmtes sein; das die Tätigkeit Bestimmende muß als ein Seiendes vorher vereinigt worden sein; soll auch in dieser Vereinigung das Bestimmende ein Bestimmtes gewesen sein, so war es bestimmt durch ein anderes usf., müßte der positiv Gläubige ein schlechterdings Passives, ein absolut Bestimmtes sein, welches widersprechend ist. - Alle positiven Religionen setzen daher eine mehr oder weniger enge Grenze, worein sie die Tätigkeit einschränken, sie geben gewisse Vereinigungen zu, z. B. Anschauung, sie gestehen den Menschen ein gewisses Sein zu, z. B. daß er ein Sehendes, Hörendes ist, [ein] Bewegendes, Tätiges, aber von einer leeren Tätigkeit; in jeder bestimmten Tätigkeit hat nicht das Tätige bestimmt, sondern ist als ein insofern Tätiges ein bestimmt Tätiges.

Das Bestimmende ist eine Macht, durch welche die Tätigkeit ihre Richtung, ihre Form erhält; auch wenn aus Zutrauen geglaubt und gehandelt wird - Zutrauen ist Identität der Person, des Willens, des Ideals bei Verschiedenheit der Zufälligkeit. Wenn ich da, wo ich nicht er bin und er nicht ich ist, ihm glaube und nach ihm handle, da werde ich bestimmt, er ist eine Macht gegen mich und ich verhalte mich positiv gegen ihn.

Der positive Glaube fordert Glauben an etwas, das nicht ist - das, was nicht ist, kann nur entweder werden oder gar nicht werden; dasjenige, das bestimmt ist, ist insofern kein Seiendes, und da an dasselbe geglaubt werden soll, so soll es doch ein Seiendes sein. Eine Macht wird gefühlt, man ist leidend gegen sie, und sie ist nicht in diesem Gefühl, sondern in der Trennung des Gefühls, in welchem das Leidende, das auf diese Art Objekt wird, dem Leiden Bewirkenden (das insofern Subjekt wird) entgegengesetzt wird.

1/254 Alle positive Religion geht von etwas Entgegengesetztem, einem, das wir nicht sind, aus, und das wir sein sollen; sie stellt ein Ideal vor seinem Sein auf; um an dasselbe glauben zu können, muß es eine Macht sein. In der positiven Religion ist das Seiende, die Vereinigung nur eine Vorstellung, ein Gedachtes - ich glaube, daß es ist, heißt, ich glaube an die Vorstellung, ich glaube, daß ich mir etwas vorstelle, ich glaube an etwas Geglaubtes (Kant, Gottheit); kant. Philosophie - positive Religion. (Gottheit heiliger Wille, Mensch absolute Negation; in der Vorstellung ist vereinigt, Vorstellungen sind vereinigt - Vorstellung ist ein Gedanke, aber das Gedachte ist kein Seiendes -)

Vertrauliche Briefe über das vormalige staatsrechtliche Verhältnis des Wadtlandes (Pays de Vaud) zur Stadt Bern

Eine völlige Aufdeckung der ehemaligen Oligarchie des Standes BernAus dem Französischen eines verstorbenen Schweizers [Jean Jacques Cart] übersetzt und mit Anmerkungen versehen [von G. W. F. Hegel]76) Frankfurt am Main / In der Jägerschen Buchhandlung1798

Inhalt

  1. Brief. Verfassung der Wadt unter Savoyen

2. Brief. Besitznehmung der Wadt durch Bern und von demselben geschehene Bestätigung ihrer Rechte

3. Brief. Bern bemächtigt sich der Kirchengüter der Wadt

4. Brief. Bern läßt die Landstände eingehen und übt die gesetzgebende Gewalt aus

5. Brief. Bern maßt sich die Macht, Auflagen zu machen, an und das Eigentum des Staatsvermögens

6. Brief. Bern maßt sich die gerichtliche Gewalt an, hebt besonders den Rechtsgang auf in der Verhaftung Martins und in den Begebenheiten im Jahre 1791

7. Brief. Fortsetzung

8. Brief. Verfügung über die bewaffnete Macht

9. Brief. Fremde Kriegsdienste

10. Brief. Bern übt die kirchliche Gewalt aus; Schicksal der Archive der Wadt

11. Brief. Die Berner Landvögte

1/255 12. Brief. Sonstige Aristokratie

Vorerinnerung

1/256 Die Briefe, von denen diese Übersetzung einen Auszug liefert, haben den Advokaten Cart aus Lausanne zum Verfasser, der seitdem in Philadelphia gestorben ist77) ; bei ihrer Erscheinung im Drucke [1792] wurden sie gleich von der Regierung in Bern bei einer schweren Geldstrafe verboten; sie enthalten nämlich im allgemeinen eine auf Urkunden gegründete Darstellung der politischen Rechte der Wadt, - eine Vergleichung des Zustandes der Wadt, wie er ihren alten Rechten gemäß hätte beschaffen sein sollen, mit demjenigen, in welchen sie durch die Herrschaft der Berner versetzt wurde; - besonders eine Geschichte des ephemerischen Siegs dieser Regierung im Jahr 1791 über das in den Wadtländern wieder aufgelebte Bedürfnis, ihre Verfassung wiederhergestellt zu sehen, - eines Siegs, der eine Niederlage ihrer noch übrigen Rechte war und zu dem Wunsche der Freiheit auch noch die tiefste Erbitterung aller Gemüter gegen ihre Unterdrücker hinzufügte. Da diese Darstellung in Briefform gegeben ist, so enthält sie zugleich auch die aus jenen Ereignissen und Umständen entspringende Empfindung, und sosehr dadurch leicht manche gegen die Glaubwürdigkeit der Sache selbst mißtrauisch werden, die nur reine historische Data verlangen, um in ihren Urteilen und Gefühlen desto freier zu sein, so ist jene Wirkung doch hier einerseits weniger zu besorgen, da die Rechte aus Urkunden und dem öffentlichen Gesetzbuche erwiesen und die Tatsachen vor dem Publikum vorgegangen sind, andererseits ist für eine große Menge Menschen eine Äußerung von Empfindung deswegen nötig, weil sie dadurch erst auf die Wichtigkeit der Sache selbst aufmerksam werden, welche sie durch die trockene Angabe der Tat-Erzählung des Geschehenen und der Umstände nicht gefühlt hätten, entweder weil sie sich in einer ähnlichen Lage nie befanden oder überhaupt in einer unbekümmerten Sorglosigkeit leben und nicht vermeinen, daß man über gewisse Dinge die Geduld verlieren könne, und, wenn sie auch die Lage der Sache sehr gut kennen, sich doch über die Resultate höchlich verwundern.

Aus der Vergleichung des Inhalts dieser Briefe mit den neuesten Begebenheiten in der Wadt78) , aus dem Kontraste des Anscheins der im Jahre 1792 erzwungenen Ruhe, des Stolzes der Regierung auf ihren Sieg mit der reellen Schwäche derselben in diesem Lande, seinem plötzlichen Abfalle von ihr, würden sich eine Menge Nutzanwendungen ergeben; doch die Begebenheiten sprechen für sich laut genug; es kann nur darum zu tun sein, sie in ihrer ganzen Fülle kennenzulernen; sie schreien laut über die Erde:

Discite iustitiam moniti,

die Tauben aber wird ihr Schicksal schwer ergreifen.

Die Anmerkungen sind neu und enthalten manche zum Teil noch nicht bekannte Data zur Kenntnis der Statistik und Verfassung Berns.

[Cart S. 71: “Es ist ein sehr großer Irrtum, die Güte einer Verfassung nach den mehr oder weniger Auflagen zu messen, die man unter derselben bezahlt. In diesem Fall wäre die Verfassung Englands die schlechteste von allen; denn nirgends bezahlt man so viele Abgaben. Und dennoch gibt es kein Volk in Europa, das eines größeren anscheinenden Wohlstandes und so vieler individueller und Nationalachtung genießt. - Weil der Engländer frei ist, weil er die in der Freiheit liegenden Rechte genießt, mit einem Worte, weil er sich selbst besteuert.”]

1/257 Der Verfasser hat es nicht mehr erlebt, wie sehr in den letztverflossenen Jahren durch die den Einnehmern mehrerer Abgaben zugestandene Gewalt, die Sicherheit des Eigentums in mancher Rücksicht bloßgestellt und die Hausrechte geschmälert, wie teils durch die Suspension des Grundgesetzes die persönliche Freiheit, teils durch positive Gesetze die staatsbürgerlichen Rechte beschränkt, - wie auffallend es geworden ist, daß ein Minister durch eine sich zu eigen gemachte Majorität im Parlament der Volksmeinung zu trotzen vermag, daß die Nation so unvollständig repräsentiert ist, daß sie im Parlament ihre Stimme nicht geltend zu machen vermag, und daß ihre Sicherheit mehr auf der Furcht vor ihrer nicht konstitutionellen Macht, auf der Klugheit der Minister oder auf der Diskretion der höheren Stände beruht. Durch diese Einsicht und durch jene Tatsachen ist denn auch die Achtung der englischen Nation selbst bei vielen ihrer stärksten Bewunderer gesunken. Die jetzige Unzulässigkeit dieses Beispiels hat übrigens mit dem Hauptsatze, daß die Güte der Verfassung eines Landes nicht nach der Größe der Abgabe zu schätzen ist, die man in denselben bezahlt, [nichts zu tun].

Daß man, wenn von der schlechten Staatsform des Kantons Bern die Rede war, gewöhnlich die Antwort erhielt, die Untertanen bezahlen aber fast keine Abgaben, und sie deswegen als glückselig und beneidenswert pries, beweist nur, für wieviel geringer es noch sehr allgemein gehalten wurde, gar keiner staatsbürgerlichen Gesetze zu genießen, als ein paar Taler jährlich weniger in der Tasche zu behalten.

Die Taxe, die das englische Parlament auf den in Amerika einzuführenden Tee machte, war höchst gering; aber das Gefühl der Amerikaner, daß mit der an sich ganz unbedeutenden Summe, welche die Taxe sie gekostet hätte, zugleich das wichtigste Recht verlorengegangen wäre, machte die amerikanische Revolution.

[Cart S. 91: “Ich glaube nicht, daß in der Wadt größere Sittlichkeit herrschte als in dem deutschen Teile des Kantons; doch wird man im Schallwerk zehn Deutsche gegen einen Wadtländer finden. Sollte dies etwa daher kommen, daß in dem einen Lande die Landvögte die peinliche Gerichtsbarkeit ausüben und im anderen nicht?”]

1/259 Das Wadt[land] hat in dieser Rücksicht viele Vorrechte vor dem deutschen Teile des Kantons; die peinlichen Gerichtshöfe der Wadt instruieren den Prozeß und sprechen in erster Instanz; der kleine Rat in Bern hat das ius aggratiandi und aggravandi; nur in Lausanne hat er das Begnadigungsrecht allein; im deutschen Kanton hingegen (einige Städte ausgenommen) ist die Kriminaljustiz gänzlich in den Händen der Regierung, verhört den eines peinlichen Verbrechens Bezichtigten, die Zeugen, und führt die ganze Untersuchung; kein Rechtsbeistand wird dem Beklagten gegeben; das Protokoll der Untersuchung wird an den Kleinen Rat geschickt, der nach demselben und nach einem Bericht darüber, den die Kriminalkommission macht, welche aus den drei jüngsten Ratsherren besteht, über Tod und Leben in erster und letzter Instanz abspricht; es ist keine Gewalt über demselben, die das Begnadigungsrecht hätte. In der Stadt hat der Großweibel (Grand Sautier, ein Mitglied des großen Rats, Polizei- und Zivilrichter bis zu einer gewissen Kompetenz und zugleich Aufwärter des großen und kleinen Rats) die peinliche Untersuchung; diese legte er in der Kanzlei zur Einsicht der Mitglieder des großen Rats nieder, der kleine Rat spricht in erster Instanz, der große Rat mehrt oder mindert oder bestätigt diese erste Sentenz, wobei der Großweibel, der die peinliche Untersuchung gehabt hatte, als offizieller Verteidiger auftritt. Wie wenig durch diese Verteidigung für den Delinquenten gesorgt ist, ist leicht begreiflich; daher er in seinem Verhör wohl soviel als möglich zu verschweigen suchen und damit denn auch oft manchen Umstand verschweigen wird, der sein Verbrechen mindert. Dadurch allein ist die bekannte Geschichte begreiflich, daß ein Mädchen als Kindsmörderin zum Tode verurteilt wurde und, da sie auf den Richtplatz geführt werden sollte, nun gegen den Geistlichen äußerte, es sei ihr nur um das Kind leid, das sie unter dem Herzen trüge; bei näherer Untersuchung wurde sie denn auch wirklich noch schwanger mit dem Kinde befunden, wegen dessen Ermordung sie in einigen Stunden sterben sollte; auf Befragen, warum sie dies nicht früher gesagt habe, gab sie zur Antwort, sie habe nicht das Herz gehabt, den gnädigen Herren, die sie verhörten, zu widersprechen.

Im Jahr 1794 bekam ein Bauer, der von seiner Gemeine das Zeugnis hatte, sich immer gut aufgeführt zu haben, der Trunkenheit nie ergeben gewesen zu sein, dabei als ein eingeschränkter Mensch bekannt war, mit einem Berner Herrn bei der Abrechnung für eine Weinfuhr, wobei der Bauer mehr, als er sonst gewohnt war, getrunken hatte, Händel; der Bauer glaubt Unrecht erlitten zu haben, kommt in der Trunkenheit vom Wortwechsel zu Schmähungen über die vornehmen Herren überhaupt und zu dem Wunsche, daß doch die Franzosen sie einmal demütigen möchten. Der Berner verklagt ihn über diese Schmähungen beim Landvogt; der Bauer, dem man gesagt hatte, er bessere durch die Entschuldigung des Rausches seine Sache nicht, verschweigt bei dem Verhör diesen Umstand, der doch wohl Reden entschuldigt hätte, und wird vom kleinen Rate auf sechs Jahre ins Schallenhaus (das Zuchthaus für größere Verbrecher) geschickt. Durch die Verwendung der Dorfvorsteher und seiner Verwandten wurde der arme Kerl, den dieses Urteil krank gemacht hatte, endlich losgegeben und nun verurteilt, ein Jahr nicht außerhalb seines Dorfes zu gehen.

Ich mag von diesen durch ihre Verbesserung zufällig bekannt gewordenen Übereilungen nicht den Schluß auf viele nicht bekannt gewordene machen; man urteile selbst, ob der Rechtsgang nicht zu einem solchen Schlusse berechtigte.

1/260 Ein noch vor einiger Zeit in vielen Landstädten üblicher Gebrauch deutet darauf hin, daß wohl das Landvolk in einem peinlichen Fall ehemals einen Verteidiger haben durfte. An dem zur Hinrichtung angesetzten Tage nämlich versammelten sich die Ortsvorsteher unter Vorsitz des Landvogts auf einem öffentlichen Platze; ein Ankläger tritt auf, auf ihn folgt nun ein Verteidiger, der vor den Ohren des Delinquenten, dem schon einige Tage vorher das Todesurteil angekündigt worden ist, sich die Lungen anstrengt, ihn zu rechtfertigen; hierauf läßt denn der Landvogt das zu Bern gefällte Todesurteil öffentlich publizieren, und der Missetäter wird zur Hinrichtung geführt. Diese Gewohnheit, die dadurch, daß sie bloße Formalität geworden ist, ganz empörend war, hat man vor einigen Jahren abgeschafft, aber damit auch den noch übrigen Schatten eines der schätzbarsten Rechte der Bürger gesitteter Staaten vertilgt.

Ich will auch nicht entscheiden, wieviel von dem, was ich sagen werde, auf die Schuld des peinlichen Rechtsganges79) , der eigentlich gar kein Rechtsgang ist, oder ob es ganz auf die Immoralität des Volkes oder, wenn man will, auf die Verderbnis der menschlichen Natur komme, daß man, wie Cart sagt, zehn Deutsche gegen einen Wadtländer in dem Schallenhaus findet, - daß, meiner Überzeugung nach, in keinem der Länder, die ich kenne, nach Verhältnis der Größe soviel gehängt, gerädert, geköpft, verbrannt wird als in diesem Kanton; ohne die authentischen Belege zu einer solchen Behauptung zu haben, wäre es vielleicht besser, sie nicht zu tun; sie sollte, hier vor das Publikum gebracht, eine Aufforderung sein, um dieses Publikums willen die Liste nur der seit 10 Jahren im Kanton Hingerichteten bekannt zu machen, wodurch allein jene Behauptung umgestoßen werden kann.

Die Regierung hat seit einigen Jahren diese Mängel selbst gefühlt und sich Vorschläge tun lassen, wie ihnen abzuhelfen wäre, auch einen Preis auf einen Plan zweckmäßiger Verbesserungen gesetzt.

1/261 [Cart S. 103 über militärische Einquartierungen in der Wadt (1791/92): “Nicht, weil ein Familienvater viele Zimmer hat, quartiert man zehn, fünfzehn, zwanzig Soldaten bei ihm ein oder vertreibt ihn aus seinem Hause, um ein Militärlazarett daraus zu machen, sondern weil er ein Patriot ist; und aus dem entgegengesetzten Grunde ist der Aristokrat frei davon.”]

Die Quartiermeister brachten aus Bern Verzeichnisse der Einwohner der Städte mit, in welche die Truppen gelegt werden sollten. Die der Regierung verdächtigen Hausväter waren auf dieser Liste mit einem M (mauvais) oder MM oder gar MMM bezeichnet; und nach diesen Zeichen bestimmte der Quartiermeister die Menge der ins Haus zu legenden Soldaten, die selbst auch bald diese Unterscheidung fühlten und [sich] danach betrugen. Auf diese Art sahen sich diese verdächtigen Bürger deswegen allein, weil sie verdächtig waren, noch vor dem Anfange irgendeiner Untersuchung bestraft.

[Cart S. 113: bei den in die Kerker geworfenen Wadtländern sei nicht der leichteste Anschein eines Verbrechens des Hochverrats vorhanden gewesen.]

Die Handlungen, die der Grund der Verurteilung sind, waren Zeichen; sie konnten angesehen werden als Zeichen der Freude über die glücklich errungene Freiheit des französischen Volkes, oder als Zeichen eines Wunsches, auch im Genusse derselben zu sein, als Zeichen des Entschlusses, seine gesetzmäßigen, aber verlorenen Rechte wieder zu erhalten, als Zeichen der Absicht, die gesetzmäßige Gewalt der Regierung auf eine unrechtmäßige Weise anzugreifen: es scheint, die Regierung habe entschieden, daß die letzte Absicht stattgefunden habe.

Anmerkung zum 7. Brief (S. 138 f.)

1/262 Wie es mit der Einführung der peinlichen Halsgerichtsordnung in der Wadt ging, erzählt Seigneux (im angegebenen Werke)80)  auf folgende Art, woraus erhellt, daß auch in diesem Falle die Regierung von Bern allein die gesetzgebende Gewalt ausübte: “Die Schweizer”, sagt er, “nahmen die Karolina an, ohne ihr jedoch gesetzliche Kraft zu geben.” (Die Berner Regierung hat auch bis auf den heutigen Tag kein peinliches Gesetzbuch, und es ist ihr auch entbehrlich, da sie zugleich gesetzgebende und richterliche Gewalt ist.) Die Regierung befahl die Befolgung derselben ihren Vasallen, die das Recht über Leben und Tod haben, und besonders der Stadt Lausanne an; in Ansehung der letzteren erhellt es aus unseren Gerichtsprotokollen, worin man findet, daß, da im Jahr 1555 ein Mädchen ihre Leibesfrucht abgetrieben hatte, das peinliche Gericht die in der Karolina darauf gesetzte Strafe der Ertränkung veränderte; die gnädigen Herren gaben dem Gerichte darüber scharfe Verweise; auf die deswegen eingereichten untertänigen Entschuldigungen antworteten sie: “daß sie zwar durch die gegebenen Entschuldigungen nicht befriedigt worden wären, doch die Sache für diesmal auf sich beruhen lassen wollten, aber sie (die peinlichen Richter von Lausanne) sollen sich wohl in acht nehmen und in Zukunft die Verbrecher nach ihren Verdiensten und nach dem kaiserlichen Rechte strafen und ihnen keine Gnade erweisen.”

Anmerkung zum 9. Brief (S. 163 f.)

1/263 Die Aristokratien, sagt Montesquieu81) , haben von denjenigen Patriziern Gefahr zu fürchten, die an der Regierung nicht teilnehmen können; sie im Zaume zu halten, sei vorzüglich das fürchterliche Inquisitionstribunal in Venedig notwendig gewesen. Die Regierung von Bern befriedigt seine überzähligen Patrizier teils durch die vielen Stellen im Kanton, die die Staatsverwaltung erfordert, teils wurde sie derselben vorzüglich durch die fremden Kriegsdienste los; seitdem diese aufgehört haben, ist sie mit denselben auch wegen der Ansprüche der niedrigeren Berner Bürgerschaft auf sogenannte bürgerliche Posten in Verlegenheit gekommen; zu welchen dieser Klasse, die nicht zu den regierenden Familien gehört, durch die jetzige zahlreichere und bedeutendere Konkurrenz vornehmerer Patrizier der Zugang schwerer wird.

Anmerkung zum 10. Brief (S. 169 ff.)

Die Pfarreien im deutschen Kanton sind von zweierlei Art, Rangpfründen und Kreditpfründen; jene werden an die Kandidaten nach ihrem Alter vergeben, diese, wie es auch schon der Name zeigt, nach dem Kredit, den die Kompetenten durch Familienverhältnisse usw. haben; zu den Rangpfründen gehören alle, deren Einkünfte gering, wenige, deren Einkünfte mittelmäßig sind; unter den Kreditpfründen sind manche, deren Ertrag sich jährlich auf 3000 Taler und darüber belaufen kann; natürlich werden diese Berner Bürgern zuteil, die einträglichsten den jüngeren Söhnen vornehmer Familien, Tochtermänner und Ratsherren usw. Für die, die im deutschen Kanton ins Predigtamt treten wollen, wozu nur die Städtebürger das Recht haben, ist in Bern eine theologische Anstalt: die drei Jahre, die zum Studium der Theologie bestimmt sind, muß der Kandidat nicht notwendig zum Studieren anwenden, er braucht sie nur verstreichen und nach Verfluß derselben sich examinieren zu lassen; denn er kann die Erlaubnis erhalten, zugleich Hauslehrer, dabei halbe und ganze Jahre abwesend zu sein, ja in den drei vollen Jahren ein Schulmeisteramt auf dem Land zu versehen und sich nur nach Verlauf derselben zum Examen einzufinden.

[Cart S. 178: “Vom Los oder vom Rang hängen die Landvogteien ab, und es kommen sehr häufig Männer darauf, die weder unsere Gesetze, noch unsere Sitten, noch unsere Verhältnisse kennen.”]

1/265 Nur ein Mitglied des großen Rats ist fähig, Landvogt zu werden. Der große und kleine Rat zusammen besteht, wenn er vollzählig ist, aus 299 Mitgliedern und darf nicht unter 200 herabsinken. Der kleine Rat wird aus und von dem großen Rat durch eine Vermittlung von Stimmgeben und Ballotieren besetzt, jedesmal nach Abgang eines Mitgliedes. Der große Rat wird erst wieder vollzählig gemacht, wenn die Anzahl der übriggebliebenen Mitglieder sich den 200 nähert, und dies trifft gewöhnlich alle zehn Jahre zu. Die Wahlherren sind der kleine Rat (mit den zwei Schultheißen 27 Männer), außerdem noch 16 (Seizeniers) von dem großen Rat, die schon eine Landvogtei gehabt haben (Alt-Landvögte). Unter denjenigen alten Landvögten, die zu derselben Zunft gehören - und alle Berner Bürger müssen Mitglieder einer Zunft (Gesellschaft) sein -, entscheidet das Los, wer Wahlherr werden soll; oft befinden sich solcher, die fähig sind, Sechzehner zu werden, 15, 12, oft auch nur einer oder zwei auf einer Zunft; da dieses Losen erst den Mittwoch vor dem Karfreitag (an welchem die Besetzung des großen Rats geschieht) vor sich geht und die Zahl aller alten Landvögte, zum Beispiel im Jahre 1795, sich auf 70 belief, so wird bei allen siebzig vorher Besuch gemacht, intrigiert, berechnet; man begreift, wie mannigfaltig die Kombinationen sein müssen, die ein Kandidat zu machen hat, um sich auf jeden Fall der Stimmen zu versichern. Die Erwählung der Mitglieder in den großen Rat selbst geschieht eigentlich durch Stimmenmehrheit; jeder der Wahlherren hat aber einen, zum Teil auch zwei Kandidaten zu ernennen, durch die gemeinschaftliche Übereinkunft, daß einem Klienten aller der Wahlherren jeder seine Stimme gibt. In Ansehung der übrigen Kandidaten bestimmt die Wichtigkeit ihrer Familien und tausendfältige andere Rücksichten die Stimmgebung. Wer hierin den übrigen am meisten zu imponieren weiß, [wer,] wenn sie seinen Willen nicht tun wollten, ihren Günstlingen seine Stimme zu verweigern am hartnäckigsten droht, der wird am meisten Einfluß haben. Da jeder der Wahlherren ein oder zwei neue Mitglieder selbst zu ernennen (namsen) hat, so ernennt der Vater seinen Sohn oder seine zwei Söhne oder seinen Bruder; hat er eine Tochter, wählt er sich einen reichen Tochtermann aus usw. Hat eine Familie mehrere junge Männer, die im Alter sind, in [den] Rat kommen zu können, und glaubt sie, doch nur einen hineinbringen zu können, so kauft derjenige, der sich als Kandidat stellen will, den übrigen es ab, daß sie sich nicht auch bewerben, - kurz, unter 92 Mitgliedern, die im Jahre 1795 in den großen Rat aufgenommen wurden, wurde nur von einem einzigen gesagt, daß seine Verdienste in etwas zu seiner Erwählung beigetragen haben. Man sieht aus dem bisherigen im allgemeinen die Form dieser Wahl; aber um von der Betriebsamkeit, die vorhergeht, den Intriguen, die dabei gemacht werden, der Mannigfaltigkeit der Kombinationen, um die Mannigfaltigkeit der Interessen zu verknüpfen, der Leidenschaft, womit dies alles betrieben wird, oder den Gefühlen, die auf den glücklichen oder unglücklichen Ausgang folgen, - von der Gewaltsamkeit dieser Hoffnungen, der Furcht, der Angst, von der Stärke dieser Freude oder dieser Verzweiflung, um von allem diesem zusammen ein Bild zu bekommen, muß man alles selbst mitangesehen haben. Man hat Beispiele, daß Männer, die ihrer Erwählung schon vorher gewiß waren (wie es überhaupt immer nur sehr wenige zweifelhaft sind), doch über die nun erreichte Wirklichkeit auf einige Tage närrisch geworden sind; - wem alle seine Sorge und Mühe mißlingt und [wer] ausgeschlossen wird, dessen Gemüt wird auf immer niedergeschlagen sein, auf immer einen nagenden Wurm in sich tragen; denn dem vornehmen Berner ist dieser einzige der höchste Lebensweg; war er auf diesem unglücklich, so kann sein Gemüt durch nichts mehr ganz erfüllt werden.

1/267 Die Landvogteien werden unter denjenigen verlost, die im gleichen Jahre in den großen Rat gekommen sind; die älteren Promotionen haben die Wahl, ob sie auf eine Landvogtei Anspruch machen wollen; findet sich unter der älteren Promotion keiner, so kommt sie an die jüngere Promotion; wer also sonst reich ist, kann einer Landvogtei am längsten entbehren und dann die beste erhalten; daher kommt es, daß in Romain Motiers (dem Beispiel, das Cart [S. 178 f.] anführt) nacheinander so viele alte Offiziere Landvögte wurden; sie hatten, als Kommandanten der Regimenter in fremden Diensten, sehr einträgliche Stellen und kamen erst im Alter zurück, um, nachdem sie vielleicht bei ihrer Ernennung in den großen Rat einer Ratssitzung beigewohnt hatten, jetzt wieder einer beizuwohnen, in der sie, als die ältesten, ohne Konkurrenz die beste Landvogtei für sich nehmen.

Daß die Magistrate von den Bürgern gewählt werden müssen

[Über die neuesten inneren Verhältnisse Württembergs, besonders über die Gebrechen der Magistratsverfassung]83)

(1798)

An das Württembergische Volk

Es wäre einmal Zeit, daß das württembergische Volk aus seinem Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung, aus seiner Abwechslung von Erwartung und von Täuschung in dieser Erwartung herausträte. Ich will nicht sagen, daß es auch Zeit wäre, daß jeder, der in einer Veränderung der Dinge oder in der Erhaltung des Alten nur seinen beschränkten Nutzen oder den Nutzen seines Standes wünscht, nur seine Eitelkeit um Rat fragt, - jene dürftigen Wünsche aufgebe, diese kleinlichen Sorgen fahren ließe und die Sorge fürs Allgemeine sich auf die Seele bände. Für die Menschen von besseren Wünschen, von reinerem Eifer wäre es besonders Zeit, ihrem unbestimmten Willen die Teile der Verfassung vorzuhalten, welche auf Ungerechtigkeit gegründet sind, und auf die notwendige Veränderung solcher Teile ihre Wirksamkeit zu richten.

1/268 Die ruhige Genügsamkeit an dem Wirklichen, die Hoffnungslosigkeit, die geduldige Ergebung in ein zu großes, allgewaltiges Schicksal ist in Hoffnung, in Erwartung, in Mut zu etwas anderem übergegangen. Das Bild besserer, gerechterer Zeiten ist lebhaft in die Seelen der Menschen gekommen, und eine Sehnsucht, ein Seufzen nach einem reineren, freieren Zustande hat alle Gemüter bewegt und mit der Wirklichkeit entzweit. Der Drang, die dürftigen Schranken zu durchbrechen, hat seine Hoffnungen an jedes Ereignis, an jeden Schimmer, selbst an Freveltaten geheftet. Woher konnten die Württemberger gerechtere Hilfe erwarten als von der Versammlung ihrer Landstände? Das Aufschieben der Befriedigung dieser Hoffnungen, die Zeit kann jene Sehnsucht nur läutern, das Reine vom Unreinen scheiden, aber sie wird den Trieb nach dem, was einem wahren Bedürfnis abhilft, nur verstärken, jene Sehnsucht wird sich durch die Zögerung nur desto tiefer in die Herzen einfressen; sie ist kein zufälliger Schwindel, der vorübergeht. Nennt sie einen Fieberparoxysmus, aber er endigt nur mit dem Tode, oder wenn die kranke Materie ausgeschwitzt ist. Er ist eine Anstrengung der noch gesunden Kraft, das Übel auszutreiben.

Allgemein und tief ist das Gefühl, daß das Staatsgebäude, so wie es jetzt noch besteht, unhaltbar ist, - allgemein ist die Ängstlichkeit, daß es zusammenstürzen und in seinem Falle jeden verwunden werde. - Soll mit jener Überzeugung im Herzen diese Furcht so mächtig werden, daß man es aufs gute Glück ankommen lassen will, was umgestürzt, was erhalten werden, was stehen oder was fallen möge? Soll man nicht das Unhaltbare selbst verlassen wollen? mit ruhigem Blick untersuchen, was zu dem Unhaltbaren gehört? Gerechtigkeit ist in dieser Beurteilung der einzige Maßstab; der Mut, Gerechtigkeit zu üben, die einzige Macht, die das Wankende mit Ehre und Ruhe vollends wegschaffen und einen gesicherten Zustand hervorbringen kann.

1/269 Wie blind sind diejenigen, die glauben mögen, daß Einrichtungen, Verfassungen, Gesetze, die mit den Sitten, den Bedürfnissen, der Meinung der Menschen nicht mehr zusammenstimmen, aus denen der Geist entflohen ist, länger bestehen, daß Formen, an denen Verstand und Empfindung kein Interesse mehr nimmt, mächtig genug seien, länger das Band eines Volkes auszumachen!

Alle Versuche, Verhältnissen, Teilen einer Verfassung, aus welchen der Glaube entwichen ist, durch großsprechende Pfuschereien wieder Zutrauen zu verschaffen, die Totengräber mit schönen Worten zu übertünchen, bedecken nicht nur die sinnreichen Erfinder mit Schande, sondern bereiten einen viel fürchterlicheren Ausbruch, in welchem dem Bedürfnisse der Verbesserung sich die Rache beigesellt und die immer getäuschte, unterdrückte Menge an der Unredlichkeit auch Strafe nimmt. Bei dem Gefühle eines Wankens der Dinge sonst nichts tun, als getrost und blind den Zusammensturz des alten, überall angebrochenen, in seinen Wurzeln angegriffenen Gebäudes zu erwarten und sich von dem einstürzenden Gebälke zerschmettern zu lassen, ist ebensosehr gegen alle Klugheit als gegen die Ehre.

Wenn eine Veränderung geschehen soll, so muß etwas verändert werden. Eine so kahle Wahrheit ist darum nötig gesagt zu werden, weil die Angst, die muß, von dem Mute, der will, dadurch sich unterscheidet, daß die Menschen, die von jener getrieben werden, zwar die Notwendigkeit einer Veränderung wohl fühlen und zugeben, aber, wenn ein Anfang gemacht werden soll, doch die Schwachheit zeigen, alles behalten zu wollen, in dessen Besitze sie sich befinden, wie ein Verschwender, der in der Notwendigkeit ist, seine Ausgaben zu beschränken, aber jeden Artikel seiner bisherigen Bedürfnisse, von dessen Beschneidung man ihm spricht, unentbehrlich findet, nichts aufgeben will, bis ihm endlich sein Unentbehrliches wie das Entbehrliche genommen wird. Das Schauspiel einer solchen Schwäche darf ein Volk, dürfen Deutsche nicht geben; nach kalter Überzeugung, daß eine Veränderung notwendig ist, dürfen sie sich nun nicht fürchten, mit der Untersuchung ins einzelne zu gehen, und, was sie Ungerechtes finden, dessen Abstellung muß der, der Unrecht leidet, fordern, und der, der im ungerechten Besitz ist, muß ihn freiwillig aufopfern.

1/270 Diese Stärke, sich über sein kleines Interesse zur Gerechtigkeit erheben zu können, wird bei der folgenden Untersuchung ebensosehr vorausgesetzt als die Redlichkeit, es zu wollen und es nicht nur vorzugeben. Nur zu oft liegt hinter den Wünschen und dem Eifer fürs allgemeine Beste der Vorbehalt verborgen: soweit es mit unserem Interesse übereinstimmt. Eine solche Bereitwilligkeit, zu allen Verbesserungen das Jawort zu geben, erschrickt, erblaßt, sobald auch einmal eine Anforderung an diese Bereitwilligen selbst gemacht wird.

Fern von dieser Heuchelei fange jeder einzelne, jeder Stand, ehe er Forderungen an andere macht, ehe er die Ursache des Übels außer sich sucht, bei sich selbst damit an, seine Verhältnisse, seine Rechte abzuwägen, und wenn er sich im Besitz ungleicher Rechte findet, so strebe er danach, sich ins Gleichgewicht mit den übrigen zu setzen. Wer will, mag diese Forderung, bei sich selbst anzufangen, für blind und unwirksam halten, die Hoffnung auf diese Art Unrecht abgestellt zu … [bricht ab]

1/271 Die Anmaßungen der höheren Offizialen waren es vorzüglich, was in älteren und neueren Zeiten alles Übel über die Landschaft gebracht hat. Der Ausschuß mußte es sehr bequem finden, sich Männer zu halten, die für ihn redeten und schrieben, auch wohl im Notfall für ihn dachten. Ein großer Teil der Mitglieder des Ausschusses verzehrte mittlerweile sein Einkommen in behaglicher Ruhe, sorgte auch wohl nebenher für das Heil seiner Seele und ließ die Angelegenheiten des Landes gehen, wie es die Vorsehung und seine Führer wollten. Übel war freilich die arme Herde daran, wenn der eine der Hirten sie gegen Morgen, der andre gegen Abend führen wollte. Der größere Teil folgte natürlich dem, der den Schlüssel zum Futterboden hatte, der mit soliderer Stimme zu locken und unter seinem Schafspelz die Wolfsnatur am geschicktesten zu verbergen wußte. So wurde der Ausschuß und mit diesem das Land von den Offizialen des ersteren an der Nase herumgeführt.

Der Ausschuß selbst war nie anmaßend. Seine Konsulenten und Advokaten waren es. Er war nur indolent und gab gedankenlos zu allen Eigenmächtigkeiten jener den Namen her. Diese waren es, die den Ausschuß zu einer Freigebigkeit gegen den Hof verleiteten, der nichts gleichkommt als die Frivolität der Gründe, durch die man dergleichen Devotionsbezeugungen zu rechtfertigen suchte. Sie waren es, die der Hof zu gewinnen suchte, weil er sicher war, seinen Zweck zu erreichen, wenn er den Advokaten und den Konsulenten in sein Interesse zu ziehen gewußt hatte. Sie waren es, auf die es ankam, ob auf die Beschwerden und Wünsche einzelner Stände Rücksicht genommen werden sollte. Sie waren es, die sich der eingekommenen Aktenstücke bemächtigten und das Dasein derselben dem Ausschuß so lange verborgen hielten, bis es ihnen beliebte, die Sache zum Vortrag zu bringen. Und in der Tat hat kein Geistlicher je eine größere Macht über das Gewissen seiner Beichtkinder gehabt als diese politischen Beichtväter über das Amtsgewissen der Ausschußverwandten.

1/272 Die Konsulenten im engeren Sinne hatten übrigens nichts mit der Kasse zu tun. Die Operationen der geheimen Truhe blieben ihnen Geheimnis. Von ihnen hatte also der Eigennutz der Ausschußglieder keine Gefälligkeiten zu erwarten. Deputationen wurden ohne ihren Rat vergeben; an keiner Wahl hatten sie einen direkten Anteil. Dies sicherte dem Advokaten auch beim Mangel von Talenten und Kenntnissen ein merkliches Übergewicht. Doch war auch bei den Wahlen der indirekte Einfluß der Konsulenten unverkennbar. Der Amtskandidat hatte viele Hoffnung, den Günstling des Advokaten zu verdrängen, wenn der Lieblingskonsulent sein Freund und Fürsprecher war.

Zum Glück hat der Ausschuß auch zuzeiten Männer zu Konsulenten gehabt, die Kopf und Herz am rechten Fleck hatten, die den Ausschuß zwar gängelten, weil er nicht allein zu gehen gelernt hatte, aber ihn doch nie, wenigstens nie wissentlich und wohlbedächtlich, in den Kot hineinführten.

Mit dem Landtag hat der gefährliche Einfluß dieses monströsen Amtes eher zu- als abgenommen. Man hat sich gewöhnt, die Konsulenten als wesentliche Bestandteile der landschaftlichen Verfassung anzusehen. Man hat den offiziellen Wirkungskreis derselben erweitert. Sie haben von der Rivalität der Deputierten Vorteile gezogen. Sie haben sich von ihrem Vorgesetzten, ihrem Richter in Amtssachen, dem Ausschuß, unabhängig zu machen gewußt. Bis zum Landtag konnte der Ausschuß den pflichtvergessenen Konsulenten ohne Widerspruch entlassen. Er tat es auch mehr als einmal. Jetzt würde vielleicht der Konsulent fordern, daß der Fürst, an den er das Interesse der Landschaft verrät, sein Richter sein müsse …

[Der Geist des Christentums und sein Schicksal]

(1798-1800)

[Der Geist des Judentums]

85)  Mit Abraham, dem wahren Stammvater der Juden, beginnt die Geschichte dieses Volks, d. h. sein Geist ist die Einheit, die Seele, die alle Schicksale seiner Nachkommenschaft regierte, er erscheint in verschiedener Gestalt, je nachdem er gegen verschiedene Kräfte kämpfte oder, wenn er durch Gewalt oder Verführung unterlag, durch Aufnahme eines fremdartigen Wesens sich verunreinigte; also in verschiedener Form der Waffenrüstung und des Streits oder der Art, wie er Fesseln des Stärkeren trägt; welche Form das Schicksal genannt wird.

1/274 Von dem Gange, den die Entwicklung des Menschengeschlechts vor Abraham nahm, von dieser wichtigen Periode, in welcher die Roheit, die auf den Verlust des Naturzustandes folgte, auf verschiedenen Wegen wieder zur zerstörten Vereinigung zurückzukehren strebte, von diesem Gange sind uns nur wenige dunkle Spuren aufbehalten worden. Der Eindruck, den die noahische Flut auf die Gemüter der Menschen machte, mußte ein tief[es] Zerreißen und die Wirkung der ungeheuerste Unglaube an die Natur sein86) , die vorhin freundlich oder ruhig, nun aus dem Gleichgewicht ihrer Elemente trat, den Glauben, den das Menschengeschlecht an sie hatte, nun mit der zerstörendsten, unzuüberwältigenden, unwiderstehbarsten Feindschaft erwiderte und in ihrem Toben nichts durch einen Unterschied der Liebe verschonte, sondern die wilde Verwüstung über alles ergoß. Einige Erscheinungen, Rückwirkungen gegen den Eindruck jenes allgemeinen, durch feindselige Elemente bewirkten Menschenmordes hat uns die Geschichte angedeutet. Damit der Mensch gegen die Ausbrüche der nun feindlichen Natur bestehen könnte, so mußte sie beherrscht werden; und da das entzweite Ganze nur in Idee und Wirklichkeit entzweit sein kann, so ist die höchste Einheit der Beherrschung entweder in einem Gedachten oder in einem Wirklichen. In jenem baute Noah die zerrissene Welt zusammen; sein gedachtes Ideal machte er zum Seienden, und ihm dann gegenüber setzte er alles als Gedachtes, d. h. als Beherrschtes, es versprach ihm, die ihm dienenden Elemente so in ihren Schranken zu halten, daß keine Wasserflut mehr die Menschen verderben sollte; unter dem Lebendigen, das einer solchen Beherrschung fähig ist, legte es den Menschen das Gesetz auf, das Gebot, sich selbst so zu beschränken, daß sie einander nicht mordeten; wer diese Schranken überträte, der falle seiner Macht anheim und werde also zum Leblosen; dieses Beherrschtwerden des Menschen vergütete es ihm dagegen auch durch Herrschaft über die Tiere; aber wenn es zwar diese eine Zerreißung des Lebendigen, die Tötung der Gewächse und Tiere sanktionierte und die durch Not abgedrungenen Feindseligkeiten zur gesetzmäßigen Herrschaft machte, so wurde doch das Lebendige noch insoweit geehrt, daß das Blut der Tiere zu essen verboten wurde, weil in demselben das Leben, die Seele der Tiere wäre, Gen. 9, 4.

1/275 Auf die entgegengesetzte Art legte Nimrod (wenn es erlaubt ist, hier mit den mosaischen Nachrichten auch die passende Darstellung zu verbinden, die Josephus, Jüd[ische] Altert[ümer], 1. B., 4. Kap. von seiner Geschichte macht) in den Menschen die Einheit, setzte ihn zum Seienden ein, das die übrigen Wirklichen zu Gedachten mache, d. h. tötete, beherrschte; er versuchte es, die Natur so weit zu beherrschen, daß sie den Menschen nicht mehr gefährlich werden könnte; er setzte sich in Verteidigungszustand gegen sie, “ein tollkühner und auf seinen starken Arm trotzender Mann; im Fall Gott es sich wieder gelüsten ließe, die Welt mit einer Wasserflut zu überschwemmen, drohte er, es nicht an Macht und Mitteln fehlen zu lassen, ihm genügsamen Widerstand zu tun; denn er hätte beschlossen, einen Turm zu bauen, der weit höher werden sollte, als die Wasserwogen und Wellen je sich auftürmen könnten, und auf solche Art den Untergang seiner Voreltern zu rächen (nach einer anderen Sage, Eupol[emos] bei Eusebios87) , sollen von der Flut selbst Übriggebliebene den Turm gebaut haben); er beredete die Menschen, alles Gute hätten sie sich selbst durch ihre Tapferkeit und Stärke erworben; und so veränderte er alles und gründete in kurzem eine tyrannische Herrschaft.” Er vereinigte die mißtrauisch gewordenen, einander entfremdeten Menschen, die sich nun zerstreuen wollten, nicht wieder zur frohen, einander und der Natur vertrauenden Geselligkeit, sondern hielt sie zwar zusammen, aber durch Gewalt. Er verteidigte sich gegen das Wasser mit Mauern, war ein Jäger und ein König. So mußten im Kampf gegen die Not die Elemente, die Tiere und die Menschen das Gesetz des Stärkeren, aber eines Lebendigen tragen.

1/276 Gegen die feindselige Macht sicherte sich Noah dadurch, daß er sie und sich einem Mächtigeren unterwarf, Nimrod, daß er selbst sie bändigte; beide schlossen mit dem Feinde einen Frieden der Not und verewigten so die Feindschaft; keiner versöhnte sich mit ihm, nicht wie ein schöneres Paar, Deukalion und Pyrrha nach ihrer Flut es taten, [die] die Menschen wieder zur Freundschaft mit der Welt, zur Natur einluden, sie durch Freude und Genuß der Not und Feindschaft vergessen machten, Frieden der Liebe schlossen, die Stammeltern schöner Nationen wurden und ihre Zeit zur Mutter einer neugeborenen, ihre Jugendblüte erhaltenden Natur machten.

88)  Abraham, in Chaldäa geboren, hatte schon in der Jugend mit seinem Vater ein Vaterland verlassen; nun riß er sich auch in den Ebenen Mesopotamiens vollends von seiner Familie los, um ein ganz selbständiger, unabhängiger Mann, selbst Oberhaupt zu sein, ohne beleidigt oder verstoßen zu sein, ohne den Schmerz, der nach einem Unrecht oder einer Grausamkeit das bleibende Bedürfnis der Liebe kundtut, die zwar verletzt, aber nicht verloren, ein neues Vaterland aufsucht, um dort zu blühen und ihrer selbst froh zu werden. Der erste Akt, durch den Abraham zum Stammvater einer Nation wird, ist eine Trennung, welche die Bande des Zusammenlebens und der Liebe zerreißt, das Ganze der Beziehungen, in denen er mit Menschen und Natur bisher gelebt hatte; diese schönen Beziehungen seiner Jugend (Jos. 24, 3) stieß er von sich.

1/278 Auch Kadmos, Danaos usw. hatten ihr Vaterland, aber [sie hatten es] im Kampf verlassen; sie suchten einen Boden auf, wo sie frei wären, um lieben zu können; Abraham wollte nicht lieben und darum frei sein; jene, um in unbefleckten schönen Vereinigungen, was ihnen in ihrem Lande nicht mehr vergönnt war, leben zu können, sie trugen diese Götter mit sich fort, - Abraham wollte frei von diesen Beziehungen selbst sein; jene lockten durch ihre milden Künste und Sitten die roheren Eingeborenen an sich und vermischten sich mit ihnen zu einem frohen und geselligen Volke. Eben der Geist der Abraham von seiner Verwandtschaft weggeführt hatte, leitete ihn durch die fremden Nationen, mit denen [er] in der Folge seines Lebens zusammenstieß, - der Geist, sich in strenger Entgegensetzung gegen alles fest zu erhalten, das Gedachte erhoben zur herrschenden Einheit über die unendliche feindselige Natur, denn Feindseliges kann nur in die Beziehung der Herrschaft kommen. Abraham irrte mit seinen Herden auf einem grenzenlosen Boden umher, von dem er nicht einzelne Stücke sich durch Bebauung, Verschönerung nähergebracht und so liebgewonnen und als Teile seiner Welt aufgenommen hätte; den Boden weidete nur sein Vieh ab. Das Wasser ruhte in tiefen Brunnen, ohne lebende Bewegung; mühsam war es gegraben, teuer erkauft oder erstritten, ein erzwungenes Eigentum, ein Bedürfnis der Not für ihn und sein Vieh. Die Haine, die ihm oft Schatten und Kühlung gaben, verließ er bald wieder, er hatte zwar Theophanien, Erscheinungen seines ganzen hohen Objekts in ihnen, aber auf ihnen selbst verweilte er nicht mit der Liebe, welche sie der Göttlichkeit wert und teilhaftig gemacht hätte. Er war ein Fremdling auf Erden, wie gegen [den] Boden, so auch gegen die Menschen, unter denen er immer ein Fremder war und blieb; von ihnen [aber] nicht so entfernt und unabhängig, daß er gar nichts von ihnen zu wissen gebraucht, gar nichts mit ihnen zu tun gehabt hätte; das Land war schon so bevölkert, daß er auf seinen Zügen immer an Menschen anstieß, die sich bereits in kleine Völkerschaften vereinigt hatten, [aber] er ließ sich in keine solche Beziehungen ein; auch brauchte er Korn von ihnen, und dessenungeachtet sträubte er sich gegen sein Schicksal, das ihm ein stillstehendes Zusammenleben mit anderen geboten hätte. Er hielt an seiner Absonderung fest, die er auch durch eine sich und seinen Nachkommen auferlegte körperliche Eigenheit auffallend machte. Um Mächtigere herum, wie in Ägypten und in Gerar, bei den nichts Böses denkenden Königen, behalf er sich mißtrauisch durch List und Zweideutigkeiten, - wo Er der Stärkere zu sein glaubte, wie gegen die fünf Könige, da schlug er mit dem Schwert drein. Mit anderen, durch die er nicht in Not kam, erhielt er sich sorgfältig in der rechtlichen Beziehung. Was er brauchte, kaufte er; von dem gutmütigen Ephron ließ er sich den Begräbnisplatz für Sara schlechterdings nicht schenken und vermied es, [sich] gegen einen ihm gleichen Mann in die Beziehung dankbarer Empfindungen zu setzen. Seinen Sohn ließ er ja keine Kanaaniterin heiraten, sondern ihm von seinen Verwandten, die weit entfernt von ihm wohnten, eine Frau holen.

Die ganze schlechthin entgegengesetzte Welt, wenn sie nicht ein Nichts sein sollte, war von dem ihr fremden Gott getragen. an dem nichts in der Natur Anteil haben sollte, sondern von dem alles beherrscht wurde. Auch von ihm hatte das andere der ganzen Welt Entgegengesetzte, das als solches ebensowenig hätte sein können, - hatte Abraham Haltung, welcher durch ihn auch allein in mittelbare Beziehung mit der Welt, die einzige ihm mit der Welt mögliche Art von Verbindung kam; sein Ideal unterjochte sie für ihn, schenkte ihm so viel von ihr, als er brauchte, und gegen das übrige setzte es ihn in Sicherheit. Nur lieben konnte er nichts; selbst die einzige Liebe, die er hatte, die zu seinem Sohne, und Hoffnung der Nachkommenschaft, die einzige Art, sein Sein auszudehnen, die einzige Art der Unsterblichkeit, die er kannte und hoffte, konnte ihn drücken, sein von allem sich absonderndes Gemüt stören und es in eine Unruhe versetzen, die einmal so weit ging, daß er auch diese Liebe zerstören wollte und nur durch die Gewißheit des Gefühls beruhigt wurde, daß diese Liebe nur so stark sei, um ihm doch die Fähigkeit zu lassen, den geliebten Sohn mit eigener Hand zu schlachten.

1/279 Da Abraham selbst die einzige mögliche Beziehung, welche für die entgegengesetzte unendliche Welt möglich war, die Beherrschung, nicht realisieren konnte, so blieb sie seinem Ideale überlassen; er selbst stand zwar auch unter seiner Herrschaft, aber er, in dessen Geiste die Idee war, er, der ihr diente, genoß seiner Gunst, und da die Wurzel seiner Gottheit seine Verachtung gegen die ganze Welt war, so war auch er ganz allein der Günstling. Darum ist Abrahams Gott wesentlich von den Laren und National-Göttern verschieden, eine Familie, die ihre Laren, eine Nation, die ihren National-Gott verehrt, hat sich zwar auch isoliert, das Einige geteilt und aus ihrem Teile die übrigen ausgeschlossen, aber sie läßt dabei zugleich andere Teile zu und hat nicht das Unermeßliche sich vorbehalten und alles daraus verbannt, sondern räumt den anderen mit sich gleiche Rechte ein und erkennt die Laren und Götter der anderen als Laren und Götter an; dahingegen in Abrahams und seiner Nachkommen eifersüchtigem Gotte die entsetzliche Forderung lag, daß er allein und diese Nation die einzige sei, die einen Gott habe.

Wo es aber seinen Nachkommen vergönnt wurde, daß ihre Wirklichkeit von ihrem Ideal weniger getrennt war, so sie selbst mächtig genug waren, ihre Idee der Einheit zu realisieren, da herrschten sie denn auch ohne Schonung mit der empörendsten, härtesten, alles Leben vertilgendsten Tyrannei; denn nur über dem Tode schwebt die Einheit. So rächten die Söhne Jakobs die Beleidigung ihrer Schwester, die die Sichemiten mit beispielloser Gutmütigkeit wieder gutzumachen suchten, mit satanischer Abscheulichkeit; ein Fremdes hatte sich in ihre Familie gemischt, sich mit ihnen in Verbindung setzen und so ihre Absonderung stören wollen. Außer der unendlichen Einheit, an der außer ihnen, den Lieblingen, nichts teilhaben kann, ist alles Materie - das Haupt der Gorgo verwandelte alles in Stein -, ein lieb- und rechtloser Stoff, ein Verfluchtes, das denn, sobald die Kraft dazu da ist, auch so behandelt, ihm, das sich regen wollte, seine Stelle angewiesen wird.

1/280 Als Joseph in Ägypten Gewalt bekam, führte er die politische Hierarchie [ein], in der alle Ägypter zum Könige das Verhältnis erhielten, in dem in seiner Idee alles zu seinem Gotte stand, - er realisierte seine Gottheit. Durch das Getreide, das sie ihm selbst verehrt hatten und mit dem er sie nun in der Hungersnot speiste, brachte er alles ihr Geld, dann alles ihr Vieh, ihre Pferde, ihre Schafe und Ziegen, ihr Rindvieh und ihre Esel, dann alles Land und ihren Leib an sich; soweit sie eine Existenz hatten, machte er sie zu des Königs Eigentum.89)

Dem Schicksal, gegen das Abraham und auch noch Jakob gekämpft hatte, bleibende Wohnsitze zu haben und sich zu einem Volke zu halten, unterlag endlich Jakob, und je mehr er aus Not, gegen seinen Geist und nach Zufall in dies Verhältnis trat, um so schwerer mußte es ihn und seine Nachkommen treffen. Der Geist, der sie aus dieser Sklaverei führte und dann zu einem unabhängigen Volk organisierte, wirkt und entwickelt sich von hier an in mehreren Verhältnissen, als er bei den noch einfacheren Familien erschien, und charakterisiert sich dadurch noch bestimmter und in mannigfaltigeren Folgen.

Wie wir diese Begebenheit der Freiwerdung der Israeliten mit unserem Verstande auffassen könnten, davon kann wie bei dem Vorhergehenden hier gar nicht die Rede sein, sondern wie sie in der Phantasie und in dem erinnernden Leben der Juden vorhanden war, so handelte ihr Geist in derselben. Als Moses, in der Einsamkeit für die Befreiung seines Volks begeistert, zu den Ältesten der Israeliten kam und ihnen von seinem Vorhaben sprach, so fand sein göttlicher Beruf nicht in einem Hasse ihrer Gemüter gegen Unterdrückung, nicht in einer Sehnsucht nach Luft und Freiheit seine Legitimation, sondern in einigen Künsten, die Moses ihnen vorwunderte und die nachher von den ägyptischen Künstlern ebensogut gemacht wurden. Mosis und Arons Taten wirken gerade auf ihre Brüder wie auf die Ägypter als eine Macht, und wir sehen, daß die letzteren sich doch noch gegen die Unterjochung durch dieselbe wehren.

1/281 Durch die auf den Vortrag Mosis bei Pharao erfolgte größere Härte wurden die Juden nicht stärker gereizt, sie litten nur tiefer; wurden nicht zorniger als gegen Moses, dem sie fluchten (2. Mos. 5, 21; 6, 9). Moses allein wirkt, er erzwingt die Erlaubnis der Abreise von der Furcht des Königs, dem der Glaube der Juden auch nicht die Selbsttätigkeit läßt, seine Furcht zu vergessen und sich seinen abgedrungenen Entschluß reuen zu lassen, sondern diese Äußerung, die sich ihrem Gotte nicht unterwirft, ist bei ihnen selbst eine Wirkung ihres Gottes. Für die Juden wird Großes getan, aber sie beginnen nicht mit Heldentaten; für sie leidet Ägypten die mannigfaltigsten Plagen und Elend, unter allgemeinem Jammergeschrei ziehen sie weg, fortgetrieben von den unglücklichen Ägyptern (Ex. [2. Mos.] 12, 33/34), aber sie haben selbst nur die Schadenfreude des Feigen, dessen Feind, aber nicht durch ihn, zu Boden geworfen wird, nur das Bewußtsein des für sie verübten Wehes, nicht das der Tapferkeit, die doch eine Träne über das Elend, das sie anrichten muß, weinen darf; ihre Wirklichkeit ist unbefleckt, aber ihr Geist muß sich alles des so nützlichen Jammers freuen. Die Juden siegen, aber sie haben nicht gekämpft; die Ägypter unterliegen, aber nicht durch ihre Feinde, sie unterliegen, wie Vergiftete oder im Schlaf Ermordete, einem unsichtbaren Angriff, und die Israeliten mit dem Zeichen an ihren Häusern und dem Nutzen, den alles dies Elend bringt, sehen dabei aus wie die berüchtigten Diebe während der Pest zu Marseille. Die einzige Tat, welche Moses den Israeliten vorbehielt, ist, am Abend, den er den letzten wußte, an welchem sie ihre Nachbarn und Freunde sprächen, ein Entlehnen vorzulügen und dem Zutrauen durch Diebstahl zu entsprechen.

Es ist kein Wunder, daß dieses in seinem Freiwerden sich am sklavischsten betragende Volk bei jeder in der Folge vorkommenden Schwierigkeit oder Gefahr durch die Reue, Ägypten verlassen zu haben, und den Wunsch, wieder dahin zurückzukehren, zeigte, daß es ohne Seele und eigenes Bedürfnis der Freiheit bei seiner Befreiung gewesen war.

1/282 Der Befreier seines Volkes wurde auch sein Gesetzgeber; - [das] konnte nichts anders heißen als: derjenige, der es von einem Joch losgemacht hatte, legte ihm ein anderes auf. Eine passive Nation, die sich selbst Gesetze gäbe, wäre ein Widerspruch.

Das Prinzip der ganzen Gesetzgebung war der von den Voreltern ererbte Geist - das unendliche Objekt, der Inbegriff aller Wahrheit und aller Beziehungen, also eigentlich er das einzige unendliche Subjekt, da es nur erst Objekt genannt werden kann, insofern der Mensch mit seinem geschenkten Leben vorausgesetzt wird und das lebendige, das absolute Subjekt heißt, - sozusagen die einzige Synthese, und die Antithesen sind das jüdische Volk einerseits und andererseits das ganze übrige Menschengeschlecht und die Welt. Diese Antithesen sind die wahren, reinen Objekte, das, was diese gegen ein außer ihnen Befindliches, [ein] Unendliches sind, ohne Gehalt und leer, ohne Leben, nicht einmal tot - ein Nichts [und] nur ein Etwas, soweit das unendliche Objekt sie zu etwas macht, ein Gemachtes, kein Seiendes, das kein Leben, kein Recht, keine Liebe für sich hat.90)  Eine allgemeine Feindschaft läßt nur physische Abhängigkeit, eine animalische Existenz übrig, die also nur auf Kosten der übrigen gesichert werden kann und welche die Juden als Lehen empfingen. Diese Ausnahme, diese erwartete isolierte Sicherheit folgt notwendig aus der unendlichen Trennung; und dieses Geschenk, dies Befreien von der ägyptischen Sklaverei, der Besitz eines honig- und milchreichen Landes, ein gesichertes Essen, Trinken und Begatten sind die Ansprüche, die das Göttliche auf Verehrung hat; wie der Titel der Verehrung, so die Verehrung; jener Abhelfung der Not, diese Knechtschaft.

1/283 Das unendliche Subjekt mußte unsichtbar sein; denn alles Sichtbare ist ein Beschränktes; ehe Moses noch sein Zelt hatte, zeigte er den Israeliten nur Feuer und Wolken, die in immer neu sich entwickelndem, unbestimmtem Spiele den Blick beschäftigen, ohne ihn in einer Form zu fixieren. Ein Götterbild war ihnen eben Stein oder Holz - es sieht nicht, es hört nicht usw., mit dieser Litanei dünken sie sich wunderbar weise und verachten es, weil es sie nicht behandelt, und ahnen nichts von seiner Vergöttlichung in der Anschauung der Liebe und im Genuß der Schönheit.

Wenn keine Gestalt für [die] Empfindung, so mußte der Andacht, der Verehrung eines unsichtbaren Objekts doch die Richtung und eine dasselbe einschließende Umgrenzung gegeben werden - Moses gab sie durch das Allerheiligste des Zeltes und des nachherigen Tempels. Pompeius mag sich wohl sehr verwundert haben, als er sich dem Innersten des Tempels genähert, dem Mittelpunkte der Anbetung, und in ihm die Wurzel des Nationalgeistes, wohl die belebende Seele dieses ausgezeichneten Volkes in einem Mittelpunkte zu erkennen, auch ein Wesen für seine Andacht, etwas Sinnvolles für seine Ehrfurcht zu erblicken gehofft hatte und bei dem Eintritt in das Geheimnis in Ansehung des letzteren [sich] getäuscht und jenes in einem leeren Raume fand.

1/284 Und sonst sollte an das Nichts-Sein des Menschen und an das Wenige durch Gunst erhaltener Existenz bei jedem Genuß, bei jeder menschlichen Tätigkeit erinnert werden. Als Zeichen des göttlichen Eigentumsrechtes und als Anteil muß von jedem Erzeugnisse des Bodens an Gott der Zehnte entrichtet werden; alle Erstgeburt gehörte ihm, die ausgelöst werden konnte. Der menschliche Körper, der nur verliehen war und ihnen nicht eigentlich zugehörte, muß rein gehalten werden, wie der Bediente die Livree, die ihm der Herr gibt, rein zu erhalten hat, jede Verunreinigung [mußte] ausgesöhnt, d. h. durch das Hingeben irgendeiner Sache, die der Israelit sein nannte, anerkannt werden, daß die Veränderung des fremden Eigentums eine Anmaßung und unrechtmäßig war und daß ihm überhaupt kein Eigentum zukommt. Was ihm [sc. Gott] aber ganz zugehörte, ihm ganz heilig war, wie manche über Feinde gemachte Eroberungen und Beute, in dessen völligen Besitz wurde er dadurch gesetzt, daß es vernichtet wurde.

Wie das israelitische Volk nur teilweise sich gab und als was es sich im allgemeinen bezeichnete, das war ein Stamm desselben ganz; nämlich ein völliges aber dienendes Eigentum ihres Gottes91) , welche Diener denn auch ganz nur von dem Herrn genährt wurden, unmittelbar seine Haushaltung besorgten, seine Einnehmer im ganzen Lande und Hausdienerschaft ausmachten, seine Rechte zu behaupten hatten und von Besorgern der niedrigsten Dienste bis zum unmittelbaren Minister in verschiedenem Range aufstiegen. Letzterer selbst war nicht Bewahrer des Geheimnisses - nur der geheimen Dinge-, so wenig, als die übrigen Priester etwas anderes als den Dienst lernen und lehren konnten. Das Geheimnis selbst war etwas durchaus Fremdes, in das kein Mensch eingeweiht [war], von dem er nur abhängen konnte; und die Verborgenheit des Gottes im Allerheiligsten hat einen ganz anderen [Sinn] als das Geheimnis der eleusinischen Götter. Von den Bildern, den Gefühlen, der Begeisterung und Andacht zu Eleusis, von diesen Offenbarungen des Gottes war keiner ausgeschlossen, gesprochen durfte von ihnen nicht werden, denn sie würden durch Worte entweiht; von ihren Dingen und Handlungen und den Gesetzen ihres Dienstes konnten die Israeliten wohl schwatzen (5. Mos. 30, 11), denn daran ist nichts Heiliges, das Heilige war ewig außer ihnen, ungesehen und ungefühlt.

Die Erscheinungen bei der feierlichen Gesetzgebung auf Sinai hatten alle Juden so betäubt, daß sie den Moses baten, sie doch damit zu verschonen, sie Gott so nahe zu bringen, sondern er möchte nur allein mit ihm sich unterreden und ihnen dann seine Befehle überbringen.

1/285 Die drei großen jährlichen Feste, die größtenteils mit Mahlzeiten und Tänzen gefeiert wurden, sind das Menschlichste in Mosis Verfassung; aber sehr charakteristisch ist die Feier jedes siebenten Tages; Sklaven muß dies Ausruhen von der Arbeit willkommen sein, ein Tag des Nichtstuns nach sechs mühevollen Tagen; aber für sonst freie, lebendige Menschen sich einen Tag in einer bloßen Leerheit, in einer untätigen Einheit des Geistes zu halten und die Zeit, die sie Gott weihten, zu einer leeren Zeit zu machen und diese Leerheit sooft wiederkehren zu lassen, konnte nur dem Gesetzgeber eines Volkes einfallen, dem die traurige, ungefühlte Einheit das Höchste [ist], das das sechstägige Leben seines Gottes im neuen Leben einer Welt seinem Gotte entgegensetzt, es als ein fremdes Herausgehen aus sich betrachtet und ihn darauf ausruhen läßt.

1/286 Bei dieser durchgängigen Passivität blieb ihnen außer der Bezeugung ihrer Dienstbarkeit nichts übrig als das bloße, leere Bedürfnis, die physische Existenz zu erhalten und sie gegen diese Not zu sichern. Diese erhielten sie dann auch mit ihrem Leben, mehr wollten sie nicht; sie bekamen ein Land zu bewohnen, worin Milch und Honig floß; als ein sitzendes und ackerbauendes Volk wollten sie nun das Land als Eigentum besitzen, das ihre Väter schlechterdings nur als Hirten durchziehen wollten, bei welcher Lebensart sie die im Lande in Städten sich sammelnden aufkeimenden Völker doch ruhiglassen konnten, welche auch sie das unbebaute Land ruhig abweiden ließen und, als sie nicht mehr um sie herumzogen, noch ihre Gräber ehrten; als solche Nomaden kamen ihre Nachkommen nicht zurück; sie waren dem Schicksal unterlegen, gegen das ihre nomadischen Voreltern so lange angekämpft hatten und durch welchen Widerstand sie ihren Dämon und den Dämon ihres Volkes nur immer mehr verbittert hatten. Sie verließen zwar die Lebensart ihrer Voreltern, aber wie hätte ihr Genius aus ihnen weichen sollen? Er mußte um so mächtiger und entsetzlicher in ihnen werden, da mit veränderten Bedürfnissen eine Hauptscheidewand zwischen ihren Sitten und den Sitten anderer Völker wegfiel und keine andere Macht zwischen der Vereinigung mit ihnen mehr stand als ihr Gemüte allein; die Not machte sie zu Feinden, aber die Feindseligkeit durfte nicht weiter als die Not gehen, nicht über die Erzwingung der Niederlassung unter den Kanaanitern; die Verschiedenheit der Lebensart der Hirtenvölker und der Ackerbauer war weggefallen. wodurch die Menschen einig sind, ist ihr reiner Geist; was die Juden von den Kanaanitern schied, war ihr Geist allein; dieser Dämon des Hasses hieß sie die alten Einwohner ganz zu vertilgen; es rettet auch hier noch zum Teil die Ehre der menschlichen Natur der Umstand, daß, wenn auch ihr innerster Geist sich verkehrt und in Haß verwandelt hat, sie ihr ursprüngliches Wesen doch nicht ganz verleugnet und ihre Verkehrtheit nicht völlig konsequent, nicht ganz durchführt; die Israeliten ließen doch eine Menge der Bewohner, zwar geplündert und als Sklaven, doch leben.

Diejenigen, die der Tod in der Wüste das versprochene Land nicht erreichen ließ, hatten ihre Bestimmung, die Idee ihres Daseins nicht erfüllt; denn ihr Leben war einem Zwecke untergeordnet, nicht ein für sich selbst bestehendes, sich genügsames, und ihr Tod konnte daher nur als ein Übel und, wo alles unter einem Herrn steht, nur als Strafe angesehen werden.

Vom Kriegsdienste waren alle frei, die ihr neugebautes Haus noch nicht bewohnt, vom neuangelegten Weinberg noch keine Traube gegessen, mit der Braut noch nicht Hochzeit gemacht hatten, - denn sie, denen ihr Leben jetzt bevorstand, hätten töricht gehandelt, für die Wirklichkeit die ganze Möglichkeit, die Bedingung des Lebens zu wagen; es ist widersprechend, für Eigentum und Existenz dies Eigentum und diese Existenz selbst aufs Spiel zu setzen; nur Heterogenes kann füreinander aufgeopfert werden, Eigentum und Existenz nur für Ehre, Freiheit oder Schönheit, für etwas Ewiges; aber an irgendeinem Ewigen hatten die Juden keinen Teil.

1/287 Moses versiegelt seine Gesetzgebung mit einer orientalisch-schönen Drohung des Verlustes alles Genusses und alles Glückes; er brachte vor den knechtischen Geist die Vorstellung seiner selbst, den Schrecken vor der physischen Macht.

1/288 Andere Reflexionen auf den menschlichen Geist, andere Arten des Bewußtseins kommen unter den Religionsgesetzen nicht vor, und Mendelssohn92)  rechnet es seinem Glauben zum hohen Verdienst, daß in ihm keine ewigen Wahrheiten geboten seien. Daß ein Gott ist, steht an der Spitze der Staatsgesetze, und wenn man ein in dieser Form Gebotenes eine Wahrheit nennen könnte, so ließe sich freilich sagen: welche tiefere Wahrheit gibt es für Knechte als die, daß sie einen Herrn haben. Aber Mendelssohn hat Recht, jenes nicht eine Wahrheit zu nennen, denn unter der Form von Wahrheiten, Glaubenssachen, erschien ihnen das nicht, was wir als Wahrheit bei ihnen finden; denn die Wahrheit ist etwas Freies, das wir weder beherrschen, noch von ihm beherrscht werden; deswegen kommt das Dasein Gottes nicht als eine Wahrheit vor, sondern als ein Befehl; von Gott sind die Juden durch und durch abhängig, und das, von dem man abhängig ist, kann nicht die Form einer Wahrheit haben; denn die Wahrheit ist die Schönheit, mit dem Verstande vorgestellt, der negative Charakter der Wahrheit ist Freiheit. Aber wie hätten Schönheit diejenigen ahnen können, die in allem nur Stoff sahen, diejenigen Vernunft und Freiheit üben [können], die nur beherrscht wurden oder beherrschten, diejenigen nur auf die niedrige Unsterblichkeit, in der das Bewußtsein des Individuums gerettet werde, hoffen, selbständig beharren wollen, die auf Willensfähigkeit, auf Sein selbst im Dasein Verzicht getan hatten und nur Fortdauer des Besitzes ihres Ackers durch einen ihrer Nachkommen, Fortdauer eines verdienst- und ruhmlosen Namens in einem von ihnen Erzeugten wollten, die sich durchaus keines über Speise und Trank erhobenen Lebens und Bewußtseins freuten. Wie sollte es also ein Verdienst sein, dasjenige nicht durch Einschränkung verunreinigt, was nicht vorhanden war, das freigelassen zu haben, was man nicht kannte? Wie wenn Eskimos sich eines Vorzugs über irgendeinen Europäer deswegen rühmen wollten, daß man bei ihnen vom Weine keine Akzise bezahle, der Ackerbau nicht durch harte Auflagen erschwert werde.

Auf eben die Art, wie hier eine gleiche Folge, das Freilassen von Wahrheiten, aus dem Entgegengesetzten fließt, so hat in Rücksicht auf die Unterordnung der bürgerlichen Rechte unter Staatsgesetze eine Einrichtung des mosaischen Staates mit den Verhältnissen, die zwei berühmte Gesetzgeber in ihren Republiken gründeten, eine auffallende Ähnlichkeit, aber eine sehr verschiedene Quelle. Um die Gefahr, womit der Freiheit die Ungleichheit des Reichtums droht, von ihren Staaten abzuwenden, hatten Solon und Lykurg die Rechte über Eigentum auf mancherlei Art beschränkt und manche Willkür ausgeschlossen, die zu ungleichem Reichtum hätte führen können. Ebenso war im mosaischen Staate das Eigentum einer Familie auf immer in dieser befestigt; wer aus Not seine Habe und sich selbst verkauft hatte, sollte im großen Jubeljahr wieder in seine Sachrechte und sonst im siebenten Jahr in seine Personenrechte eintreten, wer mehr Felder erworben hatte, in den alten Umfang seines Ackerbesitzes zurückkehren. Wer aus einem anderen Stamme oder einem anderen Volke ein Mädchen, das keine Brüder hatte und dadurch eine Güterbesitzerin wurde, heiratete, trat dadurch in den Stamm und die Familie ein, zu welcher diese Güter gehörten, und einer Familie anzugehören hing also [weniger] von dem Eigentlichsten, was ihm zukommt, von einem sonst unauslöschlichen Charakter der Abstammung von gewissen Eltern, als von etwas Empfangenem ab.

1/290 Die Quelle dieser Gesetze in den griechischen Republiken war, weil durch die sonst entstehende Ungleichheit die Freiheit der Verarmten in Gefahr kommen und sie in eine politische Vernichtung hätten geraten können; bei den Juden, weil diese keine Freiheit und keine Rechte hatten, da sie alles nur als geliehen, nicht als Eigentum besaßen93) , weil sie als Staatsbürger alle Nichts waren; - jene Griechen sollten gleich sein, weil alle frei, selbständig, die Juden gleich, weil alle ohne Fähigkeit des Selbstbestehens waren. So gehörte jeder Jude einer Familie an, weil er einen Anteil an ihrem Boden hatte, und diesen Boden konnte sie auch nicht ihr eigen nennen; er war ihr aus Gnade nur eingeräumt; die Unfähigkeit jedes Juden, seine liegenden Gründe zu vermehren, war freilich nur ein Zweck des Gesetzgebers, und sein Volk scheint sich nie recht daran gehalten zu haben; wenn sie in der Seele des Gesetzgebers zur Ursache die Absicht gehabt hätte, die Ungleichheit des Reichtums zu verhindern, so hätten ganz andere Anstalten gemacht, viele andere Quellen der Ungleichheit verstopft werden, so hätte der große Zweck seiner Gesetzgebung Freiheit der Bürger sein müssen, ein Ideal einer Verfassung, dem kein Ton in Mosis und seines Volkes Geiste entsprach. Die Unfähigkeit, die liegenden Güter zu vermehren, war nicht eine Folge der Gleichheit der Rechte am Boden, sondern der Gleichheit, gar keine Rechte an ihm zu haben. Das Gefühl dieser Gleichheit erregte die Empörung Dathans und Korahs, welche den Vorzug, den Moses sich gab, den Vorzug, etwas zu bedeuten, inkonsequent fanden (4. Mos. 16, 3). Jener Schein eines inneren staatsrechtlichen Verhältnisses verschwand bei der Ansicht des Prinzips, aus dem jene Gesetze geflossen waren; da die Beziehung der Juden als Staatsbürger aufeinander keine andere war als die Gleichheit der Abhängigkeit aller von ihrem unsichtbaren Regenten und dessen sichtbaren Dienern und Beamten, also eigentlich gar keine Staatsbürgerschaft stattfand und in jener Abhängigkeit die Bedingung aller politischen, d. h. Freiheitsgesetze weggenommen war, so konnte sich auch gar nichts, das einem inneren Staatsrecht, einer gesetzgebenden, ein Staatsrecht bestimmenden Gewalt ähnlich sah, bei ihnen finden; wie in jeder Despotie die Frage nach einem inneren Staatsrecht widersprechend ist. - Gerichte und Beamte (Schreiber), auch eine Art von beständigen Regenten (in den Häuptern der Stämme) oder nach Willkür zufälligem Bedürfnis oder durch Gewalt entstandene und verschwindende Anführer oder Regierer können und müssen sich finden. Auch nur bei einer solchen Form der gesellschaftlichen Verbindung konnte es gleichgültig sein, unbestimmt bleiben, ob königliche Gewalt eingeführt würde oder nicht; auf den Fall, daß die Israeliten den Einfall hätten, wie andere Völker von einem König regiert zu werden, gab Moses nur einige Befehle, die teils so beschaffen sind, daß die königliche Macht sie nach Belieben befolgen konnte oder nicht, teils sich auf die Gründung einer Konstitution, einiger Volksrechte gegen die Könige, auch nur im allgemeinen, gar nicht bezogen. Für welche Rechte hatte ein Volk Gefahr zu fürchten, das keine hatte und bei dem es nichts mehr zu unterdrücken gab?

1/291 Moses erlebte die vollständige Ausführung seiner Gesetzgebung nicht mehr, welche wohl überhaupt in keiner Periode der israelitischen Geschichte in völlige Kraft gekommen ist; er starb zur Strafe einer einzigen Regung der geringen Selbsttätigkeit in einem einzigen unbefohlenen Schlag; in dem Überblick (5. Mos. 32, 11) seines politischen Lebens vergleicht er die Art, wie die Juden ihr Gott durch ihn führte, mit dem Benehmen des Adlers, der seine Jungen zum Fluge gewöhnen will; er schwingt beständig die Flügel über dem Neste, nimmt sie auch auf seine Flügel und trägt sie auf denselben fort. Nur vollendeten die Israeliten dieses schöne Bild nicht, diese Jungen sind keine Adler geworden, sie geben eher im Verhältnis mit ihrem Gotte das Bild eines Adlers, der Steine - getäuscht - erwärmte, ihnen seinen Flug vormachte und sie auf seinen Flügeln mit sich in die Wolken nahm, deren Schwere aber nie zum Flug, deren geliehene Wärme aber nie zur Flamme des Lebens aufschlug.

Alle folgenden Zustände des jüdischen Volks, bis auf den schäbigen, niederträchtigen, lausigen Zustand, in dem es sich noch heutigentags befindet, sind weiter nichts als Folgen und Entwicklungen ihres ursprünglichen Schicksals, von dem - einer unendlichen Macht, die sie sich unüberwindlich gegenübersetzten - sie mißhandelt wurden und so lange werden mißhandelt werden, bis sie es durch den Geist der Schönheit aussöhnen und so durch die Versöhnung aufheben.

Auf Mosis Tod folgte eine lange Periode der Abwechslung von Staatsunabhängigkeit und von Unterwürfigkeit unter fremde Völker. Das Schicksal, durch Glück die Unabhängigkeit zu verlieren und durch die Unterdrückung den Mut zu derselben wieder zu erhalten, dies gemeinschaftliche Schicksal aller Völker mußte als Schicksal des jüdischen Volkes zwei besondere Modifikationen haben:

1/293 a) Daß der Übergang zur Schwäche dem Zustand des Glücks als ein Übergehen zu einem Götterdienst und der Mut, sich aus der Unterdrückung zur Unabhängigkeit emporzuringen, als eine Wiederkehr zu ihrem eigentümlichen Gott erschien. Mit der Not war der Geist der Feindschaft und der Verheerung von den Juden gewichen, ihr El Schaddai, ihr Gott der Not. Menschlichere Gefühle stiegen in ihren Gemütern auf, und damit gingen freundlichere Verhältnisse hervor; sie ahnten schönere Geister und dienten fremden Göttern. Aber jetzt, in diesem Dienste selbst ergriff sie ihr Schicksal; sie konnten nicht Verehrer, nur Knechte dieser Götter werden, sie wurden nun abhängig von der Welt, die ihnen vorher entweder selbst oder ihrem Ideale unterwürfig war; und damit war ihre Kraft von ihnen gewichen, die nur auf Feindschaft ruhte, und das Band ihres Staates hatte sich völlig aufgelöst; er konnte nie dadurch einen Halt haben, daß alle Bürger einen Halt hätten; nur dadurch konnten sie als in einen Staat vereinigt bestehen, daß alle von einem Gemeinschaftlichen abhingen, aber von einem Gemeinschaftlichen, das nur ihnen wäre, allen Menschen entgegengesetzt sei. Durch fremden Götterdienst wurden sie zwar noch keinem einzelnen der Gesetze, die wir Staatsgesetze nennen, aber dem Prinzip ihrer ganzen Gesetzgebung und [ihres] Staats ungetreu, und ganz konsequent war daher ein Verbot der Abgötterei eines ihrer ersten und am meisten verpönten Gesetze. Durch die Vermischung mit anderen Völkern, durch Bande der Ehe, der Freundschaft, durch jede Art eines nicht knechtischen, sondern freundschaftlichen Zusammenlebens entwickelte sich ein Gemeinschaftliches zwischen ihnen, sie genießen zusammen der Sonne, sie blicken zusammen zum Monde und zu den Sternen auf, oder wenn sie auf ihre Empfindung selbst reflektieren, so finden sie Bande, Empfindungen, in denen sie vereinigt sind; und indem sie jene Gestirne mit der Vereinigung in denselben, ihrer Vorstellung der Empfindung, in der sie eins sind, also als ein Lebendiges sich vorstellen, so haben sie Götter. Sowie die Seele der jüdischen Nationalität, das odium generis humani, im geringsten nachließ und freundlichere Dämonen sie mit Fremden einigten und über die Grenzen, die jener Haß steckte, hinübertrugen, so waren sie Überläufer, schweiften in das Gebiet eines Genusses, das nicht in gleicher Knechtschaft stand wie ihr bisheriges; diese Erfahrung, daß außer ihrem geschenkten Erbteil noch Raum für etwas wäre, das ein menschliches Gemüte in sich aufnehmen könnte, diese Erfahrung war ein Ungehorsam der Knechte, die außer dem vom Herrn Empfangenen noch etwas kennen, ihr eigen nennen wollen. Mit der Menschlichkeit, wenn sie auch rein sie empfinden konnten und nicht wieder Knechte des in seinem Ursprung Freien wurden, wich ihre Kraft von ihnen, es war nun ein Widerspruch [in] ihnen, - wie hätten sie ihr ganzes Schicksal, den alten Bund des Hasses auf einmal abschütteln und eine schöne Vereinigung organisieren können? Sie wurden bald wieder zu jenem zurückgepeitscht; denn in dieser Auflösung ihrer Gemeinschaft und ihres Staats wurden sie ein Raub Mächtigerer, ihre Vermischung mit anderen Völkern wurde eine Abhängigkeit von ihnen. Der Druck erweckte wieder den Haß; und damit wachte ihr Gott wieder auf; ihr Trieb nach Unabhängigkeit war eigentlich Trieb nach Abhängigkeit von etwas Eigenem.

b) Diese Veränderungen, die andere Nationen oft nur in Jahrtausenden durchlaufen, mußten beim jüdischen Volke so schnell sein; jeder seiner Zustände war zu gewaltsam, als daß er hätte lange anhalten können; der Zustand der Unabhängigkeit, an allgemeine Feindschaft geknüpft, konnte nicht festhalten, er ist zu sehr der entgegengesetzte der Natur; der Zustand der Unabhängigkeit anderer Völker ist ein Zustand des Glücks, ein Zustand schönerer Menschlichkeit; der Zustand der Unabhängigkeit der Juden sollte ein Zustand einer völligen Passivität, einer völligen Häßlichkeit sein. Weil ihre Unabhängigkeit ihnen nur Essen und Trinken, eine dürftige Existenz sicherte, so war mit der Unabhängigkeit, mit diesem Wenigen auch alles verloren oder in Gefahr, es blieb nichts Lebendiges mehr übrig, das sie sich erhalten und dessen sie sich hätten erfreuen [können], dessen Genuß sie manche Not ertragen, vieles hätte aufopfern gelehrt; in dem Druck kam das kümmerliche Dasein unmittelbar in Gefahr, zu dessen Rettung sie losschlugen.94)  Dies tierische Dasein war nicht mit der schöneren Form der Menschheit verträglich, die ihnen Freiheit gegeben hätte.

1/296 Als die Juden die königliche Gewalt (die Moses für verträglich mit der Theokratie, Samuel aber damit für unverträglich hielt) bei sich einführten, erhielten viele Einzelne eine politische Wichtigkeit, die sie zwar mit den Priestern teilen oder gegen sie verteidigen mußten; wie in freien Staaten die Einführung der Monarchie alle Bürger zu Privatpersonen hinabwirft, so erhob sie dagegen in diesem Staate, in welchem jeder ein politisches Nichts war, wenigstens Einzelne zu einem mehr oder weniger eingeschränkten Etwas. Nach dem Verschwinden des ephemerischen, aber sehr drückenden Glanzes der salomonischen Regierung zerrissen die neuen Mächte, die die Einführung des Königtums noch in die Geißel ihres Schicksals eingeflochten hatten - unbändige Herrsucht und ohnmächtige Herrschaft-, das jüdische Volk vollends und kehrten gegen seine eigenen Eingeweide eben die rasende Lieb- und Gottlosigkeit, die es vorher gegen andere Nationen gewendet hatte; sie leiteten sein Schicksal durch seine eigenen Hände auf es selbst. Fremde Nationen lernte es wenigstens fürchten, es wurde aus einem in der Idee herrschenden ein in der Wirklichkeit beherrschtes Volk und erhielt das Gefühl seiner äußeren Abhängigkeit. Eine Zeitlang erhielt es sich durch Demütigungen noch eine traurige Art von Staat, bis es am Ende - wie der Politik der listigen Schwäche nie der Unglückstag ausbleibt - vollends zu Boden getreten wurde, ohne die Kraft des Wiederaufstehens zu behalten. Den alten Genius hatten von Zeit zu Zeit Begeisterte festzuhalten, den ersterbenden wiederzubeleben gesucht; doch den entflohenen Genius einer Nation kann die Begeisterung nicht zurückbeschwören, das Schicksal eines Volkes nicht unter ihren Zauber bannen, wohl [aber] einen neuen Geist aus der Tiefe des Lebens hervorrufen, wenn sie rein und lebendig ist. Aber die jüdischen Propheten zündeten ihre Flamme an der Fackel eines erschlafften Dämons an, sie suchten ihm seine alte Kraft und mit der Zerstörung des mannigfaltigen Interesses der Zeit ihm seine alte schauernd erhabene Einheit wiederherzustellen; sie konnten also nur kalte und bei ihrer Einmischung in Politik und Zwecke nur eingeschränkte und wirkungslose Fanatiker werden, nur eine Erinnerung vergangener Zeiten geben, die gegenwärtigen dadurch noch mehr verwirren, aber nicht andere Zeiten herbeiführen. Die Beimischung der Leidenschaften vermochte nie wieder in einförmige Passivität überzugehen, aber aus passiven Gemütern mußten sie um so gräßlicher wüten. Dieser schauderhaften Wirklichkeit zu entfliehen, suchten die Menschen in Ideen Trost; der gemeine Jude, der sich wohl, aber nicht sein Objekt aufgeben wollte, [suchte ihn] in der Hoffnung eines kommenden Messias; die Pharisäer in dem Treiben des Dienstes und Tun des gegenwärtigen Objektiven und [der] völligen Vereinigung des Bewußtseins mit demselben (weil sie außer dem Kreise ihres Wirkens, in welchem sie Herren waren, bei seiner Unvollständigkeit noch ihnen fremde Mächte fühlten, so glaubten sie an die Vermengung eines fremden Schicksals mit der Macht ihres Willens und ihrer Tätigkeit); die Sadduzäer in der ganzen Mannigfaltigkeit ihrer Existenz und der Zerstreuung eines wandelbaren Daseins, das nur durch Bestimmtheiten erfüllt und [in dem] die Unbestimmtheit nur als Möglichkeit eines Übergangs zu anderen Bestimmtheiten wäre; die Essener in einem Ewigen, in einer Verbrüderung, die alles scheidende Eigentum, und was damit zusammenhängt, ausschlösse und sie zu einem lebendigen Einen ohne Mannigfaltigkeit machte; in einem gemeinsamen Leben, das von allen Verhältnissen der Wirklichkeit unabhängig wäre, dessen Genuß sich auf die Gewohnheit des Zusammenseins gründete, eines Zusammenseins, das durch die völlige Gleichheit der Mitglieder von keiner Mannigfaltigkeit gestört würde. Um so durchgängiger die Abhängigkeit der Juden von ihrem Gesetze war, um so größer mußte ihr Eigensinn sein in dem, worin sie noch einen Willen haben konnten, und dies einzige war ihr Dienst selbst, wenn er eine Entgegensetzung fand. Mit so leichtem Sinn sie sich verführen ließen, ihrem Glauben untreu zu werden, wenn das ihm Fremde sich ihnen, wenn sie nicht in Not und ihr dürftiger Genuß befriedigt war, nicht als Feindliches nahte, so hartnäckig kämpften sie für ihren Dienst, wenn er angegriffen wurde. Sie stritten für ihn als Verzweifelte, sie waren selbst fähig, im Kampf für ihn seine Gebote, z. B. die Feier des Sabbaths, zu übertreten, die sie auf Befehl eines anderen mit Bewußtsein zu verletzen durch keine Gewalt vermocht werden konnten. Und so, wie das Leben in ihnen mißhandelt, wie in ihnen nichts Unbeherrschtes, nichts Heiliges gelassen war, so wurde ihr Handeln zur unheiligsten Raserei, zum wütendsten Fanatismus.

Die Hoffnung der Römer, der Fanatismus werde unter ihrer gemäßigten Herrschaft sich mildern, schlug fehl, er erglühte noch einmal und begrub sich unter seiner Zerstörung.

Das große Trauerspiel des jüdischen Volks ist kein griechisches Trauerspiel, es kann nicht Furcht noch Mitleiden erwecken, denn beide entspringen nur aus dem Schicksal des notwendigen Fehltritts eines schönen Wesens; jenes kann nur Abscheu erwecken. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist das Schicksal Machest, der aus der Natur selbst trat, sich an fremde Wesen hing und so in ihrem Dienste alles Heilige der menschlichen Natur zertreten und ermorden, von seinen Göttern (denn es waren Objekte, er war Knecht) endlich verlassen und an seinem Glauben selbst zerschmettert werden mußte.

[Grundkonzept zum Geist des Christentums]

95)  Zu der Zeit, da Jesus unter der jüdischen Nation auftrat, befand sie sich in dem Zustande, der die Bedingung einer früher oder später erfolgenden Revolution ist und immer die gleichen allgemeinen Charaktere trägt. Wenn der Geist aus einer Verfassung aus den Gesetzen gewichen ist und jener durch seine Veränderung zu diesen nicht mehr stimmt, so entsteht ein Suchen, ein Streben nach etwas anderem, das bald von jedem in etwas anderem gefunden wird, wodurch denn eine Mannigfaltigkeit der Bildungen, der Lebensweisen, der Ansprüche, der Bedürfnisse hervorgeht, die, wenn sie nach und nach so weit divergieren, daß sie nimmer nebeneinander bestehen können, endlich einen Ausbruch bewirken und einer neuen allgemeinen Form, einem neuen Bande der Menschen ihr Dasein geben; je loser dies Band ist, je mehr es unvereinigt läßt, desto mehr Samen zu neuen Ungleichheiten und künftigen Explosionen liegt darin.

1/297 So gibt das jüdische Volk zur Zeit Jesu uns nicht mehr das Bild eines Ganzen; ein Allgemeines hält sie notdürftig noch zusammen, aber es ist so viel fremdartiger und mannigfaltiger Stoff, so vielerlei Leben und Ideale vorhanden, so viel unbefriedigtes, neugierig nach Neuem umherschauendes Streben, daß jeder mit Zuversicht und Hoffnungen auftretende Reformator sich eines Anhangs für ebenso versichert halten kann als einer feindlichen Partei.

Die äußere Unabhängigkeit des jüdischen Staates war verloren, die Römer und von Römern geduldete oder gegebene Könige vereinigten darum ziemlich den allgemeinen heimlichen Haß der Juden gegen sich; die Forderung der Unabhängigkeit lag zu tief in ihrer Religion, die anderen Völkern kaum das Neben-ihr-Bestehen gönnte; wie sollte sie Herrschaft eines derselben über ihre Kinder erträglich finden? Das Volk, dessen sonstige Wirklichkeit noch ungekränkt blieb, war noch nicht auf dem Punkte, diese aufopfern wollen zu müssen, und wartete daher auf einen fremden, mit Macht ausgerüsteten Messias, der für dasselbe täte, was es selbst nicht wagte, oder es zum Wagen begeisterte und durch diese Gewalt fortrisse.

Es zeichneten sich viele durch strengere und genauere Beobachtung aller religiösen Pünktlichkeiten aus, und schon daß sie sich dadurch auszeichneten, zeigt uns den Verlust der Unbefangenheit, die Mühe und einen Kampf, etwas zu erreichen, was nicht aus sich selbst hervorging. Der Dienst, in dem sie standen, war der Dienst gegen ein blindes, nicht (wie das griechische) innerhalb der Natur liegendes Fatum, und ihre größere Religiosität [war] ein beständigeres Anhängen und Abhängen von Mannigfaltigerem, das sich auf das Eine bezöge, aber jedes andere Bewußtsein ausschlösse. Die Pharisäer suchten mit Anstrengung vollkommene Juden zu sein, und dies beweist, daß sie die Möglichkeit kannten, es nicht zu sein. Die Sadduzäer ließen ihr Jüdisches als ein Wirkliches in sich bestehen, weil es einmal da war, und waren mit Wenigem zufrieden, aber es schien für sie unmittelbar kein Interesse zu haben als nur insofern, als es einmal Bedingung ihres übrigen Genusses war, sonst waren sie und ihr Dasein sich selbst höchstes Gesetz. Auch die Essener ließen sich nicht in Kampf mit ihm ein, sondern ließen es beiseite liegen, denn dem Streite zu entfliehen, warfen sie sich in ihre einförmige Lebensart.

Es mußte endlich einer auftreten, der das Judentum selbst geradezu angriff; aber weil er in den Juden nicht fand, das ihm geholfen hätte, es zu bestreiten, das er hätte festhalten und mit welchem er es hätte stürzen können, so mußte er untergehen und unmittelbar auch nur eine Sekte gestiftet haben.

Die Wurzel des Judentums ist das Objektive, d. h. der Dienst, die Knechtschaft eines Fremden. Dies griff Jesus an.

1/298 a) Knechtschaft gegen ihr Gesetz, den Willen des Herrn - ihm entgegengesetzt Selbstbestimmung, Selbsttätigkeit. Was ist Knechtschaft gegen ein Gesetz? α) im entgegengesetzten - Willenlosigkeit; β) in Beziehung auf andere Menschen - Gefühllosigkeit, Mangel schöner Beziehungen, Liebe, Trennung γ) Gottlosigkeit

b) Der Herr, der unsichtbare Herr - ihm entgegengesetzt Schicksallosigkeit, entweder der Unschuld oder der Selbstmacht; jene nicht möglich, er konnte in sie nicht die beiden Entgegengesetzten vereinigen, weil eigentlich nur eins der Entgegengesetzten ohne Widerstreit herrschte, - dies nicht, als Gottlosigkeit - also die Herrschaft gemildert in Vaterschaft - Abhängigkeit von einem Liebenden in Ansehung der Not.

c) Andere bestimmt α) entweder von mir - diesem entgegengesetzt Moralität, oder β) von einem anderen (Verachtung der Menschen, Egoismus und Hoffen auf objektive Hilfe) - Achtung anderer, Berichtigung oder Vernichtung dieser Hoffnung. Autorität gegen Autorität - allein auf die Autorität des Glaubens an Menschennatur. Joh[annes]: er wußte, welche Kraft im Menschen war. Wunder - er hoffte auch auf ihre Wirkung - Reelles nicht Polemisches. Die Aufregung des Subjektiven in mancherlei Rücksichten - eine schöne Religion zu stiften, das Ideal davon? findet man es?

Nur dann kann zwischen Zeremonial- und Moralgesetzen unterschieden werden, wenn Moralität vindiziert ist; in der jüdischen Religion Moralität unmöglich, weil keine Freiheit darin war, sondern durchgängige Herrschaft.

Im allgemeinen [setzte Jesus das] Subjekt gegen das Gesetz.

Dem Gesetz setzte er Moralität entgegen? - Moralität ist nach Kant die Unterjochung des Einzelnen unter das Allgemeine, der Sieg des Allgemeinen über sein entgegengesetztes Einzelnes - eher Erhebung des Einzelnen zum Allgemeinen, Vereinigung - Aufhebung der beiden Entgegengesetzten durch Vereinigung.

1/299 a) Einigkeit im Bestimmten setzt Freiheit voraus, denn ein Beschränktes hat ein Entgegengesetztes96)

b) Einigkeit des ganzen Menschen

c) Ideal der Einigkeit.

Die Idee ihres Willens ist das Gegenteil des Willens; sein Zweck [ist] nicht zu wollen; aber das Objekt der Handlung, der Gedanke, der Zweck [ist] immer ein Trieb, eine Tätigkeit, eine reflektierte nämlich, aber nicht des passiven Menschen, also eines fremden Willens; zur bestimmten Handlung ein bestimmter Wille, Trieb notwendig; aber dieser bestimmte Wille [ist] nicht im passiven Menschen wirklich, also nur in der Idee, in der Vorstellung. Dieser fremde Wille [ist] ein objektives Gesetz.

Dadurch, daß er ihnen zeigte, sie haben einen schlechten Willen zeigte er ihnen, sie haben einen Willen.

In der Bergpredigt immer ein Gegenüberstellen des objektiven Gebotes und der Pflicht; ein Opfer nicht deswegen etwa, damit etwas geschenkt und verziehen wird, sondern ihr sollt verzeihen; - Eid nicht wegen des Tempels heilig, sondern ihr sollt wahrhaftig sein; die Handlung und eure Absicht sollen eins sein, ihr sollt die Handlung in ihrem ganzen Umfange tun, jede Handlung stammt aus einem Gesetz, dies Gesetz soll auch euer eigenes sein.

Von den moralischen Geboten sind nur die Verbote fähig, objektiv zu werden; moralische Gebote sind Vereinigungen als Regeln ausgedrückt, Regeln sind die Beziehungen der Objekte aufeinander; die äußere Beziehung, d. h. die Beziehung Getrennter kann nur negativ, d. h. als Verbot angegeben werden; denn die lebendige Vereinigung, Einigkeit in der moralischen Handlung ist keine äußere, d. h. die Bezogenen sind keine Getrennten mehr.

1/300 Moralität ist Aufhebung einer Trennung im Leben, theoretische Einheit ist Einheit Entgegengesetzter - das Prinzip der Moralität ist Liebe; Beziehung in Trennung: Bestimmen oder Bestimmtwerden, jenes unmoralisch gegen andere, dies gegen sich selbst - denn beides ist nur Bewirken einer theoretischen Einheit. Wollen ist das Ausschließen des Entgegengesetzten, - die Tat ist das Aufheben der Trennung zwischen dem Gewollten, jetzt noch Vorgestellten und dem Streben, der Tätigkeit, [dem] Trieb, dem Wollenden. Bei einem positiven Gesetz ist die Handlung keine Vereinigung, sondern ein Bestimmtwerden; das Prinzip nicht Liebe; das Motiv ist ein Beweggrund im eigentlichen Sinne, es verhält sich als Ursache, Wirkendes; es ist ein Fremdes, nicht eine Modifikation des Wollenden. Das Objekt der Handlung ist im Positiven nicht der reflektierte Trieb selbst oder der Trieb als Objekt, sondern ein Fremdes, von dem Triebe Verschiedenes.

Kants praktische Vernunft ist das Vermögen der Allgemeinheit, d. h. das Vermögen auszuschließen; die Triebfeder Achtung; dies Ausgeschlossene in Furcht unterjocht - eine Desorganisation, das Ausschließen eines noch Vereinigten; das Ausgeschlossene ist nicht ein Aufgehobenes, sondern ein Getrenntes noch Bestehendes. Das Gebot ist zwar subjektiv, ein Gesetz des Menschen, aber ein Gesetz, das anderen in ihm Vorhandenen widerspricht, ein Gesetz, das herrscht, es gebietet nur, die Achtung treibt zur Handlung, aber Achtung ist das Gegenteil des Prinzips, dem die Handlung gemäß ist; das Prinzip ist Allgemeinheit; Achtung ist dies nicht; die Gebote sind für die Achtung immer ein Gegebenes.

1/301 Jesus setzt dem Gebote die Gesinnung gegenüber, d. h. die Geneigtheit, so zu handeln; Neigung ist in sich gegründet, hat ihr idealisches Objekt in sich selbst; nicht in einem Fremden (dem Sittengesetze der Vernunft). Er sagt nicht: haltet solche Gebote, weil sie Gebote eures Geistes sind, nicht weil sie euren Voreltern gegeben worden sind, sondern weil ihr sie selbst euch gebt - so sagt er nicht; er setzt die Gesinnung gegenüber, die Geneigtheit, moralisch zu handeln. Da eine moralische Handlung beschränkt ist, so ist auch das Ganze, aus dem sie kommt, immer beschränkt und zeigt sich nur in dieser Beschränkung; sie ist aber nur durch ihr Objekt, durch die besondere Art der Trennung, die sie aufhebt, bestimmt; sonst innerhalb dieser Grenze ist ihr Prinzip vollständige Vereinigung; da aber diese Gesinnung bedingt, beschränkt ist, so ruht sie und handelt nur, wenn die Bedingung eintritt, dann vereinigt sie, sie ist also einerseits nur im Handeln sichtbar, in dem, was sie tut (man kann von ihr nicht im vollen Sinne sagen: sie ist, weil sie nicht unbedingt ist), andererseits ist sie in der Handlung nicht vollständig dargestellt. Denn die Handlung zeigt nur die bewirkte objektive Beziehung der bei der Handlung Vorhandenen; nicht die Vereinigung, die das Lebendige ist; aber weil diese Vereinigung nur in dieser Handlung ist, so steht sie einzeln und isoliert; es ist nicht mehr vereinigt worden, als in dieser Handlung geschehen ist.

Ist zugleich ein Streben vorhanden, diese Akte zu vervielfältigen, so ist das Prinzip nicht mehr eine ruhende Gesinnung; ein Bedürfnis und das Bedürfnis eines Ganzen der Vereinigung ist vorhanden, das Bedürfnis der Liebe (allgemeine Menschenliebe); sie sucht das Ganze in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Handlungen zu schaffen, dem Beschränkten der einzelnen Handlung durch die Menge und Vervielfältigung den Schein des Ganzen Unendlichen zu geben. Darum schöne Seelen, die unglücklich sind, entweder daß sie sich ihres Schicksals bewußt oder daß sie nur nicht in der ganzen Fülle ihrer Liebe befriedigt sind, so wohltätig sind - sie haben schöne Momente des Genusses, aber auch nur Momente, und die Tränen des Mitleids, der Rührung über eine solche schöne Handlung sind Wehmut über ihre Beschränktheit - oder die hartnäckige Ausschlagung der Annehmung des Dankes, die verborgene Großmut [ist] eine Scham über die Mangelhaftigkeit des Zustandes. Der Wohltäter ist immer größer als der Empfangende.

In [den Evangelien des] Matthäus, Markus und Lukas [ist] Christus mehr im Gegensatz gegen die Juden - mehr Moral. Im Johannes [-Evangelium ist er] mehr er selbst, mehr religiösen Inhalts, seine Beziehung auf Gott und seine Gemeine, seine Einheit mit dem Vater, und wie seine Anhänger mit ihm unter sich eins sein sollen - Er der Mittelpunkt und das Oberhaupt; wie bei der lebendigsten Vereinigung mehrerer Menschen immer noch eine Trennung stattfindet, so auch in dieser Vereinigung - dies das Gesetz der Menschheit; im Ideal das völlig vereinigt, was noch getrennt ist, die Griechen in Nationalgöttern, die Christen in Christus.

a) Moral

b) Liebe

c) Religion - Ich Christus - Reich Gottes - Gestalt desselben unter diesen Umständen - Wunder.

Gesinnung hebt die Positivität, Objektivität der Gebote auf; Liebe die Schranken der Gesinnung, Religion die Schranken der Liebe. -

1/302 In objektiven Menschen ist er [sc. der Mensch] der Macht entgegengesetzt, die ihn beherrscht, und er insofern leidend; sofern er tätig ist, verhält er sich ebenso, es ist ihm ein Leidendes gegenüber; er ist immer Sklave gegen einen Tyrannen und zugleich Tyrann gegen Sklaven; in einer positiven Religion [ist] der Mensch einerseits bestimmt, beherrscht, Gott der Herrscher, - auch sein Entgegengesetztes [ist als] Objektives nicht allein, einsam; auch ein Beherrschtes von Gott. Durch die Gesinnung ist nur das objektive Gesetz aufgehoben, aber nicht die objektive Welt; der Mensch steht einzeln und die Welt. - Die Liebe knüpft Punkte in Momenten zusammen, aber die Welt in ihr, der Mensch und ihre Beherrschung besteht noch. Die Beherrschung der Juden von Tyrannei verschieden, weil der Tyrann ein Wirkliches ist, ihr Jehova ein Unsichtbares; der wirkliche Tyrann ist feindselig, die tyrannische Idee zugleich schützend; denn jeder ist der Liebling seiner Idee - die herrschende Idee beherrscht mich, ist gegen mich; aber zugleich in meiner Entgegensetzung gegen die Welt ist sie auf meiner Seite.97)

Mit dem objektiven Gesetze fällt ein Teil des Beherrschens und des Beherrschtwerdens weg, ein Gesetz ist eine Tätigkeit als Wirkung, also eine bestimmte, beschränkte Tätigkeit, die eine Wirkung bei einer eintretenden Bedingung ist - oder vielmehr der Zusammenhang selbst zwischen der Bedingung und der Tätigkeit als Wirkung; ist der Zusammenhang notwendig, so [ist ein] Muß; ist die Nichtäußerung der Tätigkeit möglich, ein Sollen. Ist der Zusammenhang notwendig, [so ist] keine Freiheit; dies auf zweierlei Art: der vollständige Grund, d. i. der vollständige Zusammenhang in der Bedingung selbst, - lebendige Wirkung, oder nicht in der Bedingung, - tot. Zwischen beiden Freiheit und Gesetze.

a) Tauglichkeit zur Bekämpfung des Objektiven.

b) Mangelhaftigkeit.

1/303 Die Moralität hebt nur das Beherrschtwerden des Ichs auf und damit das Herrschen desselben über Lebendige; aber dadurch ist das Lebendige noch eine Menge schlechthin Getrennter, Unverbundener, und noch ein unendlicher toter Stoff übrig - und diese Vereinzelten bedürfen noch eines Herrschers, eines Gottes, und das moralische Wesen selbst [bedarf] insofern eines Herrschers, insofern es nicht moralisch (nicht: unmoralisch) ist. Es ist ein Ruhendes, das keine Gewalt tut und keine leidet; [das] auch, wo einem Wesen von einem Dritten Gewalt geschieht, abhilft; die Allgemeinheit ist eine tote, denn sie ist dem Einzelnen entgegengesetzt, und Leben ist Vereinigung beider, - Moralität ist Abhängigkeit von mir selbst, Entzweiung in sich selbst.

Das Moralgesetz hebt zugleich die rein positiven Gebote auf, indem sie kein Gesetz anerkennt als ihr eigenes, aber inkonsequent darin, indem es doch nicht bloß ein Bestimmendes, sondern Bestimmbares ist; also immer noch unter einer fremden Macht steht.

1/304 Mit der Veränderung des objektiven Gesetzes mußten sich auch die anderen Seiten des Verhältnisses des Juden ändern. Hat der Mensch selbst Willen, so steht er in ganz anderem Verhältnis zu Gott als der bloß passive; zwei unabhängige Willen, zwei Substanzen gibt es nicht; Gott und der Mensch müssen also sein - aber der Mensch der Sohn und Gott der Vater; der Mensch nicht unabhängig und auf sich selbst bestehend, er ist nur, insofern er entgegen[ge]setzt, eine Modifikation ist, und darum auch der Vater in ihm; in diesem Sohn sind auch seine Jünger; auch sie sind eins mit ihm; eine wirkliche Transsubstantiation, ein wirkliches Einwohnen des Vaters im Sohn und des Sohnes in seinen Schülern diese alle [sind] nicht Substanzen, schlechthin getrennte und nur im allgemeinen Begriffe vereinigt, sondern wie ein Weinstock und seine Reben; ein lebendiges Leben der Gottheit in ihnen. - Diesen Glauben an ihn fordert Jesus, - Glauben an den Menschensohn; daß der Vater in ihm wohne, und wer an ihn glaube, in dem wohne auch er und der Vater. Dieser Glaube ist der Objektivität der Passivität unmittelbar entgegen und unterscheidet sich von der Passivität der Schwärmer, die ein Einwohnen Gottes und Christi in sich hervorbringen oder empfinden wollen, indem sie hier sich und dieses in ihnen regierende Wesen unterscheiden, also wieder die von einem Objekte Beherrschten sind; und uns von einem objektiven historischen Christus und der Abhängigkeit von demselben dadurch befreien wollen, daß er so subjektiv gemacht wird, daß er ein Ideal sei, heißt eben, ihm das Leben nehmen, ihn zu einem Gedanken machen, dem Menschen gegenüber zur Substanz - und ein Gedanke ist nicht der lebendige Gott. Ihn zu einem bloßen Lehrer der Menschen machen, heißt die Gottheit aus der Welt, der Natur und dem Menschen nehmen. - Jesus nannte sich den Messias; ein Menschensohn und kein anderer konnte es sein, nur Unglauben an die Natur konnte einen anderen, einen übernatürlichen erwarten; - das Übernatürliche ist nur beim Unternatürlichen vorhanden; denn das Ganze, obzwar getrennt, muß immer da sein. - Gott ist die Liebe, die Liebe ist Gott, es gibt keine andere Gottheit als die Liebe - nur was nicht göttlich ist, was nicht liebt, muß die Gottheit in der Idee haben, außer sich. Wer nicht glauben kann, daß Gott in Jesus war, daß er in Menschen wohne, der verachtet die Menschen. Wohnt die Liebe, wohnt Gott unter den Menschen, so kann es Götter geben; wo nicht, so muß von ihm gesprochen werden, und es sind keine Götter möglich; die Götter sind nur die Ideale der einzelnen Trennungen, ist alles getrennt, so ist nur ein Ideal.

1/305 Die Objektivität der Gebote, der Gesetze zerstören [heißt] zeigen, daß etwas auf einem Bedürfnisse des Menschen, auf der Natur gegründet ist; Sünden vergeben (ἀϕιέναι), erlassen, gewöhnlich die Strafen der Sünden aufheben - dies ein Wunder, denn die Wirkung kann nicht von der Ursache getrennt werden, vorzüglich aber kann das Schicksal nicht zernichtet werden, denkt man sich eine Aufhebung der Strafe, so ist die Strafe etwas ganz Objektives, von einem Objektiven Kommendes, nicht ganz notwendig mit der Schuld Zusammenhängendes - überhaupt, wenn man auch Strafe als etwas von der Schuld ganz Untrennbares nimmt, so ist sie doch so weit objektiv, daß sie Folge eines Gesetzes ist, von dem man sich in der Übertretung losgemacht hat, aber doch noch von ihm abhängt; bei einem objektiven Gesetz und Richter ist das Gesetz befriedigt, wenn ich mißhandelt worden bin, wie ich mißhandelt habe, wenn die Trennung, die ich gemacht, ebenso auf mich zurückgewirkt hat, - in der moralischen Strafe ist das Getrennte nicht ein Äußeres, dem ich entfliehe, das ich überwältigen kann; die Tat ist die Strafe in sich selbst; soviel ich mit der Tat anscheinend fremdes Leben verletzt habe, soviel habe ich eigenes verletzt; Leben ist als Leben nicht vom Leben verschieden; das verletzte Leben steht mir als Schicksal gegenüber; befriedigt ist es, wenn ich seine Macht, - die Macht des Toten gefühlt habe, so wie ich im Verbrechen bloß als Macht handelte. Versöhnt kann das Gesetz nicht werden, denn es beharrt immer in seiner furchtbaren Majestät und läßt sich nicht durch Liebe beikommen; denn es ist hypothetisch, und die Möglichkeit kann nie aufgehoben, die Bedingung, unter der es eintritt, kann nie unmöglich werden; es ruht, solange diese Bedingung nicht eintritt, aber ist nicht aufgehoben; aber diese Ruhe ist keine Versöhnung, weil das Gesetz zwar kein so Bestehendes ist, daß es immer wirksam sein und trennen müßte, aber weil es bedingt, weil es nur unter [der Bedingung] einer Trennung möglich ist. Das Schicksal hingegen kann versöhnt werden, weil es selbst eins der Glieder, ein Getrenntes ist, das nicht als Getrenntes durch sein Gegenteil vernichtet, aber durch Vereinigung aufgehoben werden kann. Schicksal ist das Gesetz selbst, das ich in der Handlung (diese sei Übertretung eines anderen Gesetzes oder nicht) aufgestellt habe, in seiner Rückwirkung auf mich; die Strafe ist nur die Folge eines anderen Gesetzes - die notwendige Folge eines Geschehenen kann nicht aufgehoben werden, die Handlung müßte ungeschehen gemacht werden; wo nichts als Ursachen und Wirkungen, als Getrennte sind, da ist keine Unterbrechung der Reihe möglich. Das Schicksal hingegen, d. h. das rückwirkende Gesetz selbst, kann aufgehoben werden; denn ein Gesetz, das ich selbst aufgestellt habe, eine Trennung, die ich selbst gemacht habe, kann ich auch vernichten. Da Handlung und Rückwirkung eins ist, so versteht es sich von selbst, daß die Rückwirkung nicht einseitig aufgehoben werden kann. Die Strafe ist das Bewußtsein einer fremden Macht, eines Feindseligen; wenn sie ausgewirkt hat unter der Herrschaft des Gesetzes, so ist dieses Gesetz befriedigt, und ich bin befreit von einem Fremden, das von mir abläßt und sich wieder in die drohende Gestalt zurückzieht, das ich aber nicht zum Freunde gemacht habe. Das böse Gewissen ist das Bewußtsein einer bösen Handlung, eines Geschehenen, eines Teils eines Ganzen, über das ich keine Macht habe; eines Geschehenen, das nie, nie ungeschehen gemacht werden kann, denn es war ein Bestimmtes, ein Beschränktes. Das Schicksal ist das Bewußtsein seiner selbst (nicht der Handlung), seiner selbst als eines Ganzen, dies Bewußtsein des Ganzen reflektiert, objektiviert; da dies Ganze ein Lebendiges ist, das sich verletzt hat, so kann es wieder zu seinem Leben, zu der Liebe zurückkehren; sein Bewußtsein wird wieder Glaube an sich selbst, und die Anschauung seiner selbst ist eine andere geworden, und das Schicksal ist versöhnt. Liebe ist aber alsdann Bedürfnis; in sich selbst ist die Ruhe verloren; dies ist die Wunde, die zurückbleibt, die Anschauung seiner selbst als eines Wirklichen; dem die Anschauung seiner als eines Strebenden, das von dieser Wirklichkeit sich entfernt, entgegen ist; weil aber eben hier nur ein Streben ist, so ist es Bedürfnis und mit einer Wehmut verknüpft, die in der Liebe, dem befriedigten Streben, allein wegfällt.

1/306 Vergebung der Sünden ist daher nicht Aufhebung der Strafen (denn jede Strafe ist etwas Positives, Objektives, das nicht vernichtet werden kann), nicht Aufhebung des bösen Gewissens, denn keine Tat kann zur Nicht-Tat werden; sondern durch Liebe versöhntes Schicksal. Daher die Regel Jesu: wenn ihr die Fehler vergebt, so sind euch die eurigen vom Vater auch vergeben. Anderen verzeihen kann nur die Aufhebung der Feindschaft, die zurückgekehrte Liebe, und diese ist ganz; die Verzeihung der Fehler kommt aus ihr; diese Verzeihung ist nicht ein Fragment, eine einzelne Handlung. Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet; stellt ihr keine Gesetze auf, denn diese gelten auch für euch. Jesu zuversichtliche Ausdrücke: Dir sind deine Sünden vergeben, wo er Glaube und Liebe fand, wie bei Maria Magdalena. Die Vollmacht, die er seinen Freunden gab, zu binden und zu lösen, wenn er in ihnen den hohen Glauben an ihn (einen Menschen) gefunden hatte; einen Glauben, der die ganze Tiefe der Menschennatur gefühlt hatte; dieser Glaube schließt die Fähigkeit in sich, andere durchzufühlen und die Harmonie oder Disharmonie ihres Wesens zu empfinden; ihre Schranken und ihr Schicksal, - ihre Bande zu erkennen. Rückkehr zur Moralität hebt die Sünden und ihre Strafen, das Schicksal nicht auf; die Handlung bleibt; im Gegenteil wird sie nur um so peinigender; je größer die Moralität, um so tiefer wird das Unmoralische derselben gefühlt, die Strafe, das Schicksal wird nicht aufgehoben, weil die Moralität noch immer eine objektive Macht sich gegenüberstehen hat. Die Aufhebung der Handlung, Schadenersatz, ist eine ganz objektive Handlung.

Joh. 5, 26 f.: jener [sc. der Vater] das Einige, Ungeteilte - Schöne dies [sc. der Sohn] das Modifizierte - υἱὸς ἀνϑϱώπου, herausgegangen aus der Einigkeit. Darum hat er Macht - gegen ein Feindliches, Gegenüberstehendes -, das Gericht [zu halten], ein Gesetz gegen solche, die von ihm abtrünnig sind - Reich der Freiheit und Wirklichkeit.

A. Zeremon[ien]. Gebote über heilige Dinge und Dienst. Gegen die Privilegien der Juden Matth. 8, 10 ff.

Fasten, Matth. 9, 14: menschliches Leben und Liebe darüber erhaben: V. 16-17: Unverträglichkeit des Alten mit dem Neuen; Gefahr, die der Selbstbestimmung der Moralität durch das Positive droht - Fasten muß von der Stimmung des Gemüts zu Freude oder Leid abhängen.

Matth. 12, 1-8: Entheiligung des Sabbaths - entgegengesetzt das Beispiel ihrer Priester (die Nichtnotwendigkeit) und die Gesetzgebung des Menschen; V. 11-12: Vorzug des Bedürfnisses des Menschen.

15, 2: Hände waschen vor dem Brotessen - den Pharisäern entgegengesetzt das Übertreten eines Gebots durch die Pharisäer selbst, durch ihre objektiven Gebote; V. 11, 20: dem übrigen Volke die Gesinnung, das Subjektive des Menschen, nichts Objektives rein, keine gegebene Reinheit.

17, 25: Steuer - der König nimmt sie nur von Fremden; so sind die Söhne frei; daß sie sich aber nicht ärgern (σϰανδαλίζειν).

19, 1: die Liebe, die Gesinnung über das Gesetz - in Ansehung der Ehe.

24. Kap.

1/307 [B. Moral.] Moralität erhält, sichert nur die Möglichkeit der Liebe und ist daher ihrer Handlungsart nach nur negativ; ihr Prinzip ist die Allgemeinheit, d. h. alle als seinesgleichen - als gleiche zu behandeln, die Bedingung der Liebe; das Vermögen der Allgemeinheit ist die Vernunft; - ein durchaus nur moralischer Mensch ist ein Geiziger, der sich immer Mittel zusammenscharrt und bewahrt, ohne je zu genießen, - die moralische Handlung ist immer eine beschränkte, weil sie eine Handlung ist, und die Gesinnung ist einseitig und unvollständig, weil sie der Handlung entgegengesetzt ist. Bei Moralität ohne Liebe ist zwar in der Allgemeinheit die Entgegensetzung gegen das einzelne Objekt aufgehoben - eine Synthese Objektiver; aber das Einzelne ist als ein Ausgeschlossenes, Entgegengesetztes vorhanden.

Immoralität hebt die Möglichkeit der Liebe auf, durch, Mißhandlung Lebendiger. Rückkehr zur Moralität durch die Rückwirkung des Gesetzes, durch Schicksal und Strafe, ist Furcht vor dem Objektiven, vor dem, das man mißhandelt hat, und daß man dann auch mißhandelt wird; Rückkehr zur Legalität, d. h. zur objektiven Regel; zur Moralität nur durch Liebe, deren Bedürfnis [man] für sich gefühlt, ihre Befriedigung sich durch Immoralität unmöglich gemacht hat, und das Lebendige achtet.

C. [Religion.] Die Gottheit, so unendlich das Objekt, so unendlich die Passivität; durch Moral und Liebe diese vermindert, aber nicht zur vollendeten Selbständigkeit gebracht - diese [Passivität] besteht durch Streit gegen das Objektive, und auf diese Art [ist] keine Religion möglich. Das Objekt nicht vernichten sondern versöhnen. Das Gesetz als herrschendes durch Tugend aufgehoben. Die Beschränkung der Tugend durch Liebe - aber Liebe selbst Empfindung, mit ihr die Reflexion nicht vereinigt.

Liebe die Blüte des Lebens; Reich Gottes der ganze Baum mit allen notwendigen Modifikationen, Stufen der Entwicklung; die Modifikationen sind Ausschließungen, nicht Entgegensetzungen, d. h. es gibt keine Gesetze, d. h. das Gedachte ist dem Wirklichen gleich, es gibt kein Allgemeines, keine Beziehung ist objektiv zur Regel geworden, alle Beziehungen sind lebendig aus der Entwicklung des Lebens hervorgegangen, kein Objekt ist an ein Objekt gebunden, nichts ist festgeworden. Keine Freiheit der Entgegensetzung, kein freies Ich, kein freies Du. Aus der Entgegensetzung durch Freiheit entspringen Rechte. Freiheit ohne Entgegensetzung ist nur eine Möglichkeit. Die Menschen sind so, wie sie sein sollen; das Sein-Sollen muß freilich dann ein unendliches Streben sein, wenn das Objekt schlechthin nicht zu überwinden ist, wenn Sinnlichkeit und Vernunft - oder Freiheit und Natur, oder Subjekt und Objekt - so schlechterdings entgegengesetzt sind, daß sie absoluta sind. Durch die Synthesen: kein Objekt - kein Subjekt, oder kein Ich - kein Nicht-Ich wird ihre Eigenschaft als absoluta nicht aufgehoben.

1/308 Gesetz ist eine gedachte Beziehung der Objekte aufeinander, im Reich Gottes kann es keine gedachte Beziehung geben, weil es keine Objekte füreinander gibt. Eine gedachte Beziehung ist fest und bleibend, ohne Geist, ein Joch, eine Zusammenkettung, eine Herrschaft und Knechtschaft - Tätigkeit und Leiden - Bestimmen und Bestimmtwerden.

Matth. 4, 17: μετανοειτε ἤγγιϰεν γὰϱ ἡ βασιλεία των οὐϱανων. - Dies ist der erste Aufruf und Versicherung, das Himmelreich sei da - und die Folge seines Aufrufs und seiner Kuren [sind] viele Anhänger.

Matth. 5, 17: πληϱωσαι, ergänzen, vollständig machen durch die Gesinnung, durch Hinzufügen des Inneren zum Äußeren. V. 20: Rechtschaffenheit seiner Jünger müsse mehr sein als die der Pharisäer und Gesetzverständigen, es müsse außer dieser auch noch das hinzukommen, daß das Gesetz, dem sie folgen, ihr eigenes sei. Ein anderer Maßstab [wird] entgegengesetzt, die Gesinnung, und nach diesem [werden] leidenschaftliche Handlungen, die in dem Bestehen eines anderen nichts ändern, ebenso verurteilt als die Störung seines für sich bestehenden Lebens, und zum Prinzip Versöhnlichkeit, d. h. Geneigtheit, die Trennung aufzuheben, angegeben.

V. 21-22: Zu dem objektiven Verbot des Mordes wird die Mißbilligung des Zorns über seinen Bruder gefügt, zum Versöhnopfer wirkliche Versöhnung usw. V. 33: Dem, daß nicht falsch geschworen werden soll, dem Herrn der Eid gehalten werden soll, [wird hinzugefügt:] gar nicht schwören bei etwas Fremdem, nicht beim Himmel, denn er ist nur der Thron Gottes usw., nicht bei unserem Haar, das nicht ganz in unserer Gewalt ist, bei nichts Fremdem überhaupt, an dies nichts hängen, sondern wir selbst sein; aber wenn der Mensch nur eins mit sich selbst ist, jede Abhängigkeit, jeden Bund mit den Objekten verschmäht, so muß er doch mit der Not einen Bund machen. 6, 25 ff.: Seid unbekümmert über die Not.

Mit der eigenen Knechtschaft hört auch die Herrschaft, die man durch die Idee der moralischen Gebote über andere ausübt, auf. 7, 1 ff.: eigene Freiheit gesteht anderen gleichfalls Freiheit zu - Sittenrichterei ist der Tod, erkennt nichts für sich Bestehendes nur alles unter einem Gesetz, unter einer Herrschaft stehend nicht das Wesen und das Gesetz eins, in einer Natur. Das Prinzip eures Verhältnisses gegen andere ist, ihre Freiheit zu ehren und, was ihr also von ihnen wollt, darum nur zu bitten.

1/309 Jesus charakterisierte als Stifter einer neuen Religion unter einem verdorbenen Volke die Entsagung der Bequemlichkeiten des Lebens, und die gleiche Forderung derselben an seine Gehilfen - auch das Entreißen [aus] sonstigen Verhältnissen und heiligen Beziehungen des Lebens.

Matth. 8, 22: Antwort, die er seinem Jünger gab, der seinen Vater begraben wollte.

Matth. 8, 10: die erste Äußerung über Kälte bei den Juden und ihre Verwerfung.

9, 15: Fasten nicht zu einem Zweck, sondern nach den Umständen.

9, 63, 10, 1 ff.: Schicken der Apostel ins Land, nicht die Menschen zu versöhnen und das Menschengeschlecht zu Freunden zu machen - (Mark. 6, 7 schickt sie Jesus fort, 6, 30 sammeln sie sich wieder zu ihm; Luk. 9, 6 und 9, 10 zurück. 10, 11 und 17, 20). Die Allgemeinheit seiner Reformation aufgegeben. - Matth. 10, 21 ff. ein Bruder wider den Bruder, der Vater [wird] das Kind zum Tode geben, Kinder die Eltern. V. 34: ich kam nicht, um Frieden auf die Erde zu werfen, sondern das Schwert; ich kam, den Mann gegen seinen Vater, die Tochter gegen die Mutter, die Braut gegen die Schwieger zu entzweien; die Hausgenossen werden die Feinde des Mannes sein; wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Gräßliches Zerreißen aller Bande der Natur, die Zerstörung aller Natur. -

Steigende Erbitterung gegen seine Zeit Matth. 11, 12 ff. V. 25: du hast dies den Verständigen und Klugen verborgen und den Einfältigen geoffenbart; so war dein Belieben.

12, 8 ff.: der Mensch höher als der Sabbath.

V. 16: er verbot den Geheilten, dies auszusagen.

V. 31: Sünde gegen den Menschensohn wohl vergeben, aber nicht die Sünde gegen den heiligen Geist.

V. 48: wer ist meine Mutter und meine Brüder? Diese, indem er sich zu seinen Anhängern wendete.

13, 54-55: ist dies nicht der Sohn des Zimmermanns? Unglauben an Menschennatur, Verachtung aller menschlichen Verhältnisse - daher seine Entfernung von denselben, in der Meinung, weil sie nicht geheiligt waren; ein Prophet gilt in seinem Vaterlande nichts; dazu s. oben 10, 36 ff. Reinheit durch alles verunreinigt, nicht wiederherzustellen, es kann dem Schicksal nicht entgangen werden, wenn die Schönheit aus allem entflohen ist; so gab er alles auf, um sie allein zuerst wiederherzustellen.

15, 2: Die Pharisäer halten ihm wieder ein positives Gebot vor, seine Antwort wie in der Bergpredigt.

16, 16-17: Du bist Christ, der Sohn des lebendigen Gottes - mein Vater hat es dir geoffenbart, nicht Fleisch noch Blut; V. 19: ich gebe dir die Schlüssel des Himmelreichs - was du auf Erden binden wirst, soll im Himmel gebunden sein usw.

1/310 [Kap.] 18: wenn ihr nicht werdet wie die Kinder. V. 20: so zwei von euch eines Sinnes sind über etwas, wird es euch von meinem Vater gewährt werden. V. 21 ff.: Verzeihung der Fehler. 18, 18: wohl lösen; binden und lösen, Gesetze geben - sobald Petrus den Glauben an Jesus als Messias gezeigt hatte, so zeigt er sich los vom Objektiven und erfüllt von der Größe der menschlichen Natur.

19, 8: Ehe erhaben über bürgerliche Gesetzgebung.

19, 12: nur der mag dieser Regel folgen, der es kann.

19, 20: Bitte der Frau des Zebedäus für ihre Söhne.

25, 40: was ihr einem der Geringsten getan habt, habt ihr mir getan.

26, 7: Das Weib, das wohlriechendes Wasser über ihn goß - seine Anhänger [forderten] Moralität nach Zwecken und tadelten die freie schöne Ergießung einer liebenden Seele.

V. 10: ϰαλὸν ἔϱγον, eine schöne Handlung - die einzige Handlung in der Geschichte der Juden, die den Beinamen ϰαλόν verdient, auch die einzige schöne Handlung, die geschieht (26, 24: ϰαλὸν ἠν αὐτῳ, daß er nicht wäre geboren worden, ϰαλόν ist mehr bedeutungslose Phrase).

Mark. 16, 17: Zeichen, die die Gläubigen begleiten werden, übernatürliche Kräfte, was die Natur vermochte, war vorhanden, war da als Erscheinung, als Tat; es war geschehen - alle Seiten der menschlichen Natur waren Sitte, Gewohnheit, Lebensweise der Völker, objektiv geworden; Taten, die als Taten göttliche sein sollten, mußten übernatürliche sein - denn göttlich ist nichts, was geschieht, sondern was ist. Etwas Göttliches, das geschieht, ist größer, als was andere tun, also relativ. Die Tat an sich ist der Zusammenhang des aufeinanderfolgenden Objektiven; soviel in dem einen Leiden, soviel in dem anderen Tätigkeit, und jedes Objektive ist ein Allgemeines, eben darum, weil es unter einem Gesetz steht.

Jesus fing seine Predigt damit an zu verkündigen, das Reich Gottes sei da; die Juden erwarteten die Wiederkehr der Theokratie; sie sollten es glauben, und das Reich Gottes kann im Glauben da sein; was im Glauben vorhanden, ist der Wirklichkeit und dem Begriff von ihr entgegengesetzt. Das Allgemeine drückt ein Soll aus, weil es ein Gedachtes ist, weil es nicht ist, aus dem gleichen Grunde, warum Dasein nicht bewiesen werden kann.

1/311 Das Reich Gottes ist der Zustand, wenn die Gottheit herrscht, also alle Bestimmungen und alle Rechte aufgehoben sind; daher zum Jüngling: verkaufe das Deinige - es ist schwer, daß ein Reicher ins Reich Gottes eingehe -, daher Christi Entsagung allen Besitzes und aller Ehre; diese Verhältnisse zu Vater, Familie, Eigentum konnten nicht zu schönen Verhältnissen werden, also sollten sie gar nicht da sein, damit wenigstens nicht das Gegenteil da wäre - entweder durch einen Sprung oder durch sukzessive Aufhebung der einzelnen Bestimmungen durch Auflösung; jenes durch Begeisterung versuchte Jesus, er versicherte, das Reich Gottes sei da, das Dasein einer Sache aussprechen.

Die Juden erwarteten mit dem Reiche Gottes, daß vieles geschähe, daß sie von der Herrschaft der Römer befreit würden, ihr Priestertum in seinem alten Glanz wiederhergestellt würde usw., das heißt, daß außer ihnen viele Veränderungen vorgingen; solche Juden konnten nicht glauben, das Reich Gottes sei da, wenn Jesus es ihnen verkündigte; die aber in sich selbst beruhten, vollendet waren, konnten es glauben; nicht als Isolierte, denn Gott ist in nichts Isoliertem, sondern in lebendiger Gemeinschaft, die im Individuum betrachtet Glaube an die Menschheit ist, Glaube ans Reich Gottes - Glaube ist das Individuelle gegen das Lebendige - nicht die Gesetze Gottes herrschen, denn Gott und seine Gesetze sind nicht zweierlei.

Leben und Rückkehr zum Leben, aber keine Regel darüber Luk. 15, 32.

98)  B. Moral.

Bergpredigt Matth. 5. Jesus fängt mit Schreien an, in dem er vor der versammelten Menge seinem Herzen, seiner anderen Beurteilungsart menschlichen Wertes Luft macht. Begeistert schreit [er] es aus, daß es nun um eine andere Gerechtigkeit, um anderen Wert der Menschen zu tun sei, begeistert entfernt er sich sogleich von der gemeinen Schätzung der Tugenden und kündigt eine andere Region des Lebens an, in der eine ihrer Freuden sein müsse, von der Welt verfolgt zu werden, der sie ihre Entgegensetzung gegen sie zeigen müssen. Das neue Leben zerbreche aber nicht die Materie der Gesetze, sondern es sei vielmehr ihre Erfüllung, die Ergänzung dessen, was unter der Form eines Entgegengesetzten, als Gesetz bisher vorhanden war. Diese Form des Gebotenseins soll durch ihr neues Leben vertilgt werden und vor der Fülle ihres Geistes, ihres Wesens verschwinden.

V. 21-26: Das Gesetz gegen Totschlag wird durch den höheren Genius der Versöhnlichkeit erfüllt und zugleich für ihn aufgehoben; für ihn gibt es kein solches Gebot.

1/312 V. 27-30: Erfüllt wird das höhere Gesetz gegen den Ehebruch durch die Heiligkeit der Liebe und durch die Fähigkeit, wenn eine der vielen Seiten des Menschen sich einläßt, sich zu seiner Ganzheit zu erheben.

V. 31-32: Ehescheidung; Aufhebung der Liebe, seiner Freundschaft gegen ein Weib, in der sie noch ist, macht sie sich selbst ungetreu werden und sündigen, und die Beobachtung der rechtlichen Pflichten und Dezenz ist eine elende Beschönigung, eine neue Härte bei dieser Verletzung ihrer Liebe.

V. 33-37: bist du wahrhaftig, so brauchst du den Zusammenhang zwischen deiner Rede und der Tat oder Gedanken nicht an ein Fremdes zu knüpfen, in die Hand eines Fremden zu legen, ihn als Herrn dieses Zusammenhangs zu erklären - du selbst bist über alle fremde Macht erhaben. Das Gesetz, nicht falsch zu schwören, Gott aber zur Macht über sein Wort zu machen, ist durch die Wahrhaftigkeit erfüllt, und zugleich ist sie darüber erhaben.

V. 38-42: Gerechtigkeit - gänzliche Erhebung über die Sphäre des Rechts oder Unrechts durch Aufhebung allen Eigentums.

V. 43 ff.: Zusammenfassung des Ganzen.

6, 1-4: Almosen nicht vor den Leuten, nicht vor dir selbst.

V. 5-15: Gebet; auch hier sei nur das Beten rein; mischet nichts Fremdes ein, gesehen zu werden; sondern betet in eurem Kämmerlein, und ein solches einsames und einzelnes Gebet ist das Vaterunser. Es ist nicht das Gebet eines Volks zu seinem Gotte, sondern das Gebet eines Isolierten, Unsicheren, Ungewissen. Dein Reich komme, dein Name werde geheiligt; der Wunsch eines Einzelnen und ein Volk kann nicht wünschen: dein Wille geschehe, ein Volk von Ehre und Stolz tut seinen eigenen Willen und weiß von keinem anderen als einem feindlichen - der Einzelne kann den Willen Gottes und den allgemeinen entgegengesetzt sehen. Gib uns heute unser usw. - eine Bitte der stillen Einfalt, die im Munde eines Volks nicht paßte, das sich seiner Herrschaft über die Nahrungsmittel bewußt ist oder unmöglich nur den Gedanken an die Speise eines Tages haben kann, sondern wohl um Gedeihen des Ganzen, um freundliche Natur beten kann; beten ist nicht bitten; vergib uns - auch ein Gebet des Einzelnen; Nationen sind Getrennte Abgesonderte, es ist nicht gedenkbar, wie sie einer anderen Nation verzeihen sollen; es könnte nicht durch eine Vereinigung, sondern durch das Gefühl der Gleichheit oder des Übergewichts der Macht, Furcht geschehen. - Das Bewußtsein eigener Sünden, diese Reflexion kann sie nur durch Schmerz erhalten; denn sie kann ihren Willen nicht unter einem Gesetz anerkennen. Aber der Einzelne kann beten, soviel Liebe ich habe, soviel möge ich erfahren.

V. 16-18: Fasten; wie beim Beten und Almosengeben nichts Fremdes einmischen.

1/313 V. 20-34: sich nicht zerstreuen und das Ganze nicht in Sorgen und Abhängigkeit verlieren; solche partiellen Dinge, Bedürfnisse, Reichtum, Nahrung, Kleidung bringen Bestimmtheit in den Menschen, die ihn objektiv des reinen Lebens unfähig machen.

7, 1-5: richten über andere, sie einer Regel unterwerfen im Urteil, die Tyrannei in Gedanken.

V. 7-12: die Vereinigung der Menschen in Bitten und Geben.

V. 13 ff.: allgemeines Bild des vollendeten Menschen.

Matth. 12, 31 f.: Wer den Menschen lästert, der lästert das Einzelne, den Besonderen; wer aber den heiligen Geist lästert, lästert die Natur und ist unfähig, Sündenvergebung zu erlangen; denn er ist unfähig, mit dem Ganzen sich zu vereinigen; er bleibt isoliert und ausgeschlossen; eine solche Sünde kommt aus der Fülle des Herzens und zeigt seine Zerstörung, seine Zerrüttung; seine Unheiligkeit ist des Heiligen unfähig, das er gelästert hat; und das Heilige, nach Trennung und Vereinigung betrachtet, ist die Liebe. Ein Zeichen könnte euch etwa erschüttern - aber der ausgetriebene Geist kommt mit sieben anderen zurück, und der Mensch wird zerrütteter als vorher.

Zu C. Religion.

1/314 Matth. 18, 1-10: Der größte ἐν τῃ βασιλείᾳ των σὐϱανων [ist,] der den Kindern am nächsten kommt; ihre Engel (V. 10) im Himmel sehen beständig das Angesicht des Vaters, der im Himmel ist. Unter den Engeln der Kinder können keine objektiven Wesen verstanden werden, denn auch von den Engeln der anderen Menschen (um in diesem Ton zu sprechen) müßte gedacht werden, daß sie Gott anschauen. Ihre unentwickelte Einigkeit, das Bewußtlose, ihr Sein und Leben in Gott, in einer Gestalt vorgestellt; dann ist auch diese wieder substantialisiert, isoliert, ihre Beziehung auf Gott eine ewige Anschauung desselben. Um den Geist, das Göttliche außer der Form dieser Beschränkung und die Gemeinschaft dieses beschränkten Lebendigen zu bezeichnen, setzt Platon das reine Leben und das Beschränkte in eine Verschiedenheit der Zeit, er läßt die reinen Geister vorhin ganz in der Anschauung des Göttlichen gelebt haben und sie im Erdenleben dieselben sein, nur mit verdunkeltem Bewußtsein jenes Himmlischen. Auf eine andere Art bezeichnet Jesus die Natur, das Göttliche des Kindes-Geistes als Engel, die immer im Anschauen Gottes leben; auch in dieser Form sind sie nicht als Gott, sondern als Söhne Gottes, als Besondere dargestellt. Die Entgegensetzung des Anschauenden gegen das Angeschaute, daß sie entgegengesetzt sind, ein Subjekt und ein Objekt, fällt in der Anschauung selbst weg - ihre Verschiedenheit ist nur die Möglichkeit der Trennung; ein Mensch, der die Sonne immer anschaute, wäre nur ein Gefühl des Lichts, das Gefühl als Wesen. Der ganz in der Anschauung eines anderen Menschen lebte, wäre dieser andere selbst, nur mit der Möglichkeit eines Anderseins. Unmittelbar ist damit in Verbindung gesetzt, - denn ὁ υἱὸς ἀνϑϱώπου ἡλϑε σωσαι τὸ ἀπολωλός [18, 11] - das Gebot, sich zu versöhnen, Entzweiung aufzuheben und einig zu werden; diese Einigkeit ist das Anschauen Gottes, das Werden wie Kinder. Wenn der Beleidiger nicht auf die Gemeine hört, so sei er als Heide und Zöllner; wer sich absondert, die versuchte Vereinigung verschmäht, fest dagegen hält …

Ferner V. 19 stellt Jesus diese Einigkeit in einer anderen Form dar: wenn zwei über etwas einig sind und ihr bittet darum, so wird es euch der Vater gewähren. Die Ausdrücke bitten, gewähren sind so gemein geworden und werden …

D. Geschichte - die Form, wie er als einzelner gegen einzelne und einzelne gegen ihn stehen, Ausbreitung seiner Lehre.

Der Anfang seines Predigens. Matth. 4, 17, ebd. 19: Anwerbung Simons und anderer.

V. 22: in beiden Fällen das Verzichttun auf das Gewebe menschlicher Verhältnisse und Bedürfnisse - Trennung von ihrem Leben. Aber nicht Absonderung von Zöllnern und Sündern, Matth. 9, 11.

Zustand des jüdischen Volks, wie Schafe ohne Hirten: 9, 36.

Zu den Pharisäern 16, 3: könnt ihr nicht die Zeichen der Zeit beurteilen?

Ausschickung der Zwölfe Matth. 10. Ihre Instruktion. Predigt: ἤγγιϰεν ἡ βασιλεία των σὐϱανων [10, 7] - das übrige alles negativ, sorgt nicht für Reisebedürfnisse; seht, wo ihr Würdige findet; wenn das Haus würdig ist, so komme euer Gruß (εἰϱήνη, er befahl vorher ein Haus zu grüßen) über es; wo nicht, so kehre er zu euch selbst zurück - der Gruß ist in beiden Fällen dasselbe, es kommt auf die Würdigkeit des Hauses an, ob er als Wort in ihm erhallt oder dieselbe Fülle ihm in den Gemütern anschlägt, mit der er gegeben ist; sonst kehrt er zu euch zurück; ihr habt den Frieden nicht verschwendet, er hört sich in euch. Also kein Belehren und Behandeln und Dressieren, Haß der Welt, Verfolgung; der Geist wird aus euch sprechen, seid nicht bekümmert, was ihr sagen wollt. Furchtlosigkeit, teils wegen eigenen Leidens, teils wegen der Zerrüttung, die ihre Sendung der Welt bringen wird.

V. 41: Wer einen Propheten als Propheten (εἰς ὄνομα πϱοϕήτου) aufnimmt, wem ein Prophet ein Prophet ist - einen Gerechten als Gerechten, einen Jünger als solchen, der hat den Lohn, den Wert eines Propheten; wie der Mensch den Menschen auffaßt, so ist er selbst.

1/315 Unwillen über die Art der Aufnahme seiner Lehren von seinem Zeitalter (Matth. 11). Beschränkung ihrer Wirksamkeit auf νηπίους, ϰοπιωντας, πεϕοϱτισμένους [Unmündige, Mühselige, Beladene]; von hier beginnen seine heftigen Ausdrücke gegen die Pharisäer; seine Antworten über Fragen, Anlässe gehen nur darauf, sie zum Schweigen zu bringen, nur polemisch, das Wahre richtet er an die anderen Zuhörer.

Matth. 12, 49: Trennung Jesu von den Beziehungen des Lebens.

1/316 Parabeln Matth. 13. Über die Art der Ausbreitung seiner Lehre, des Schicksals derselben, alle (vom guten Sämann, Weizen und Unkraut, Senfkorn, Hefeteig, gefundener Schatz usw.) ganz analog mit den Mythen - aber freilich jüdischen, an Wirklichkeiten [angeknüpft]. Es ist in ihnen kein fabula docet, keine Moral kommt aus ihnen, sondern das Geschichtliche, das Werden, der Fortgang des Seienden, des Ewigen, des Lebendigen; - das Werden des Seins ist das Geheimnis der Natur; und alles fade Geschwätz von innigerer Überzeugung vom Guten usw. ist unendlich sinnloser als die übernatürliche Erleuchtung, Wiedergeburt usw. Die Menge der Parabeln zeigt das Unvermögen, das darzustellen, auf was sie deuten sollen. nur daß das Kostbare ein großes Wünschenswertes, aber ein anderes ist, als sie kennen. V. 55: Sie sehen nichts als die Wirklichkeit, nicht den Geist, nichts, als was sie selbst sind. So auch Matth. 25. Diese Parabeln sind weder morgenländische Allegorien, noch griechische Mythen; diese beiden sprechen von der Sache selbst, von dem Sein, von dem Schönen, dessen Entwicklung, aus sich Herausgehen, Veränderungen bei den Orientalen meist so ungeheure und unnatürliche Geburten werden, weil sie für sich - von der Phantasie allein, also als Ungeheuer gehalten werden, [während sie] bei den Griechen zwar auch als Substanzen, als Modifikationen in einem Lebendigen, Wirklichen auftreten, aber von der Phantasie doch an eine natürliche Handlung an eine Menschenform geheftet werden; sie verlieren das Idealische dadurch nicht, das ihnen die orientalischen Ungeheuer behalten wollen; es wird doch kein individuelles Leben (Ceres, Venus usw.); das Unmenschliche dieser Göttergestalten ist nur Befreiung von dem ihnen Heterogenen, z. B. Schwere, Arbeit, Not usw. Diese Parabeln Christi sind eigentliche Gleichnisse, moderne Fabeln, in denen es ein tertium comparationis gibt, d. h. wo das Gleiche gedacht ist (in den alten äsopischen Fabeln waren es selbst Triebe, Instinkte, das gleich modifizierte Leben), in den Parabeln ganz wirkliche Geschichten, daher immer ein Gleichwie.

[Der Geist des Christentums]

99)  Jesus trat nicht lange vor der letzten Krise auf, welche die Gärung der mannigfachen Elemente des jüdischen Schicksals herbeizog. In dieser Zeit der inneren Gärung, der Entwicklung dieses verschiedenen Stoffes, bis er zu einem Ganzen gesammelt wird und die reinen Entgegensetzungen, offener Krieg entsteht, gingen dem letzten Akte mehrere partielle Ausbrüche vorher. Menschen von gemeinerer Seele, aber von starken Leidenschaften faßten das Schicksal des jüdischen Volkes nur unvollständig auf und waren also nicht ruhig genug, weder um leidend sich von seinen Wellen ohne Bewußtsein forttragen zu lassen und nur in der Zeit mit fortzuschwimmen, noch um weitere Entwicklung abzuwarten, die nötig gewesen wäre, um sich eine größere Macht beizugesellen; [so] liefen sie der Gärung des Ganzen zuvor und fielen ohne Ehre und ohne Wirkung.

1/317 Jesus bekämpfte nicht nur einen Teil des jüdischen Schicksals, weil er nicht von einem anderen Teil desselben befangen war, sondern stellte sich dem Ganzen entgegen; war also selbst darüber erhaben und suchte sein Volk darüber zu erheben. Aber solche Feindschaften, als er aufzuheben suchte, können nur durch Tapferkeit überwältigt, nicht durch Liebe versöhnt werden; auch sein erhabener Versuch, das Ganze des Schicksals zu überwinden, mußte darum in seinem Volke fehlschlagen und er selbst ein Opfer desselben werden. Weil Jesus sich auf keine Seite des Schicksals geschlagen hatte, so mußte zwar nicht unter seinem Volk, denn dies besaß noch zu viel, aber in der übrigen Welt seine Religion einen so großen Eingang bei Menschen finden, die keinen Anteil. mehr an dem Schicksal, gar nichts zu verteidigen oder zu behaupten hatten.

Vor dem Geiste Christi100)

[leben]digen Modifikation der Menschennatur gegründet (Rechte, die er selbst aufgibt, wenn er Gewalten über sich festsetzt) erkennen mögen, waren ihnen geboten, waren für sie durchaus positiv. Die Ordnung, in welcher hier den verschiedenen Arten von Gesetzgebung der Juden gefolgt wird, ist also eine ihr fremde, eine gemachte Ordnung, und die Unterschiede kommen erst in sie durch die Art, wie verschieden auf sie reagiert wird.

Geboten, die einen bloßen Dienst des Herrn, eine unmittelbare Knechtschaft, einen Gehorsam ohne Freude, ohne Lust und Liebe verlangten, d. h. den gottesdienstlichen Geboten stellte Jesus das ihnen gerade Entgegengesetzte, einen Trieb, sogar ein Bedürfnis des Menschen gegenüber. Da religiöse Handlungen das Geistigste, das Schönste, dasjenige sind, was auch die durch die Entwicklung notwendigen Trennungen noch zu vereinigen strebt und die Vereinigung im Ideal als völlig seiend, der Wirklichkeit nicht mehr entgegengesetzt darzustellen, also in einem Tun sie auszudrücken, zu bekräftigen sucht, so sind religiöse Handlungen, wenn ihnen jener Geist der Schönheit mangelt, die leersten; die sinnloseste Knechtschaft, die ein Bewußtsein seiner Vernichtung fordert; ein Tun, in dem der Mensch sein Nichts-Sein, seine Passivität ausdrückt; und über diese ist die Befriedigung des gemeinsten menschlichen Bedürfnisses erhaben, weil in ihm unmittelbar doch das Gefühl oder die Erhaltung eines wenn auch leeren Seins liegt.

1/318 Daß die höchste Not Heiliges verletzt, ist ein identischer Satz, denn die Not ist ein Zustand des Zerrissenseins, und eine ein heiliges Objekt verletzende Handlung ist die Not in Handlung. In der Not wird entweder der Mensch zum Objekt gemacht und unterdrückt, oder muß er Natur zu einem Objekt machen und unterdrücken. Nicht nur die Natur ist heilig, es kann auch Heiliges geben, das an sich Objekte sind, nicht nur wenn sie selbst Darstellungen eines viele vereinigenden Ideals sind, sondern [auch wenn sie] auf irgendeine Art mit diesem in Beziehung stehen, zu ihm gehören. Die Not kann die Entweihung eines solchen heiligen Dinges gebieten; aber es ohne Not zu verletzen ist Mutwillen, wenn das, worin ein Volk vereinigt ist, zugleich ein Gemeinsames, ein Eigentum aller ist; denn alsdann ist die Verletzung des Heiligtums zugleich eine ungerechte Verletzung des Rechtes aller; der fromme Eifer, der Tempel und Altäre eines fremden Gottesdienstes zerbricht, seine Priester verjagt, entweiht gemeinsame und allen gehörige Heiligtümer. Aber ist ein Heiliges nur insofern alle vereinigend, als alle entsagen, als alle dienen, so nimmt hieran jeder, der sich von [den] anderen trennt, sein Recht wieder auf, und die Verletzung eines solchen heiligen Dinges oder Gebotes ist in Rücksicht der anderen nur insofern eine Störung, als der Gemeinschaft mit ihnen entsagt und der willkürliche Gebrauch seiner Sache - sei diese Zeit, oder was es ist- wieder sich vindiziert wird. Um so geringer aber ein solches Recht und die Aufopferung desselben ist, um so weniger wird [ein] Mensch darüber seinen Mitbürgern in dem, was ihnen das Höchste ist, sich entgegensetzen, die Gemeinschaft mit ihnen im innigsten Punkte der Verknüpfung zerreißen wollen. Nur wenn das Ganze der Gemeinschaft ein Gegenstand der Verachtung ist, - und da Jesus aus der ganzen Existenz seines Volkes heraustrat, so fiel diese Art von Schonung weg, mit der sonst ein Freund sich in Gleichgültigkeiten gegen den beschränkt, mit dem er ein Herz und eine Seele ist, und um einer jüdischen Heiligkeit willen versagte er nicht, schob nicht einmal die Befriedigung eines sehr gemeinen Bedürfnisses, einer Willkür auf; er ließ darin seine Trennung von seinem Volke, seine ganze Verachtung gegen die Knechtschaft unter objektiven Geboten lesen.

1/319 Seine Begleiter gaben den Juden durch das Ausraufen der Ähren am Sabbath ein Ärgernis; der Hunger, der sie dazu trieb, konnte in jenen Ähren keine große Befriedigung finden; die Ehrfurcht für den Sabbath hätte diese geringe Befriedigung wohl um die Zeit aufschieben können, die sie bis zu einem Orte zu kommen brauchten, wo sie zubereitete Speise finden konnten. Jesus hält den Pharisäern, die jene unerlaubte Handlung rügten, David entgegen, aber dieser hatte in der äußersten Not nach den Schaubroten gegriffen; er führt auch die Entweihung des Sabbaths durch priesterliche Geschäfte an; allein da diese gesetzlich sind, so sind sie keine Entweihung desselben; und indem er auf einer Seite das Vergehen selbst durch die Bemerkung vergrößert, daß die Priester nur im Tempel den Sabbath entweihen, hier aber noch mehr sei, die Natur heiliger sei als der Tempel, so erhebt er auf der anderen Seite im allgemeinen die für die Juden götterlose, unheilige Natur über ihre Beschränkung der Welt, die mit Gott in Beziehung stehe, auf einen einzigen von den Juden gemachten Ort; unmittelbar aber setzt er der Heiligung einer Zeit den Menschen entgegen und erklärt jenes für niedriger als eine gleichgültige Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses. Am gleichen Tage heilt Jesus eine verdorrte Hand; die eigene Handlungsart der Juden, in Ansehung eines in Gefahr sich befindenden Viehes, beweist ihnen zwar, wie Davids Verbrauch der heiligen Brote oder die Geschäfte der Priester am Sabbath, daß ihnen selbst die Heiligkeit dieses Tages nicht als absolut gelte, daß sie selbst etwas Höheres als die Beobachtung dieses Gebots kennen; aber auch der Fall, den er hier den Juden entgegenhält, ist ein Notfall, und die Not tilgt die Schuld. Das Tier, das in den Brunnen fällt, erfordert augenblickliche Hilfe, - ob aber jener Mann auch noch bis zum Untergang der Sonne den Gebrauch seiner Hand entbehrte, war ganz gleichgültig; die Handlung Jesu drückte die Willkür aus, einige Stunden früher diese Handlung zu verrichten, und das Primat einer solchen Willkür über ein Gebot, das von der höchsten Autorität ausgeht.

1/320 Dem Gebrauch des Händewaschens vor dem Brotessen setzt Jesus (Matth. 15, 2) die ganze Subjektivität des Menschen entgegen, und über die Knechtschaft gegen ein Gebotenes, [über die] Reinheit oder Unreinheit eines Objektes die Reinheit oder Unreinheit des Herzens. Er machte die unbestimmte Subjektivität, den Charakter zu einer ganz anderen Sphäre, die mit der pünktlichen Befolgung objektiver Gebote gar nichts gemein habe.

1/323 Anders als gegen die rein objektiven Gebote, denen Jesus etwas ganz Fremdes, das Subjektive im allgemeinen entgegenhielt, verhielt sich Jesus gegen diejenigen Gesetze, die wir nach verschiedener Rücksicht entweder moralische oder bürgerliche Gebote nennen101) . Da sie natürliche Beziehungen des Menschen in der Form von Geboten ausdrücken, so besteht die Verirrung in Ansehung derselben darin, wenn sie entweder ganz oder zum Teil objektiv werden. Da Gesetze Vereinigungen Entgegengesetzter in einem Begriff sind, der sie also als Entgegengesetzte läßt, der Begriff aber selbst in der Entgegensetzung gegen Wirkliches besteht, so drückt er ein Sollen aus; insofern der Begriff nicht seinem Inhalt nach, sondern seiner Form nach, daß er Begriff, vom Menschen gemacht und gefaßt ist, [betrachtet wird,] ist das Gebot moralisch; insofern bloß auf den Inhalt gesehen wird, als die bestimmte Vereinigung bestimmter Entgegengesetzter, und das Sollen also nicht von der Eigenschaft des Begriffs stammt, sondern durch eine fremde Macht behauptet wird, sofern ist das Gebot bürgerlich. Weil bei der letzteren Rücksicht die Vereinigung der Entgegengesetzten nicht begriffen, nicht subjektiv ist, so enthalten bürgerliche Gesetze die Grenze der Entgegensetzung mehrerer Lebendiger - die rein moralischen aber bestimmen die Grenze der Entgegensetzung in einem Lebendigen; jene also schränken die Entgegensetzung Lebendiger gegen Lebendige, diese die Entgegensetzung einer Seite, einer Kraft eines Lebendigen gegen andere Seiten, andere Kräfte ebendesselben Lebendigen ein102) ; und eine Kraft dieses Wesens ist insofern herrschend gegen eine andere Kraft desselben. Rein moralische Gesetze, die nicht fähig sind, bürgerliche zu werden, d. h. in denen die Entgegengesetzten und die Vereinigung nicht die Form Fremder haben können, wären solche, welche die Einschränkung solcher Kräfte betreffen, deren Tätigkeit nicht eine Tätigkeit, eine Beziehung gegen andere Menschen ist. Die Gesetze, wenn sie als bloß bürgerliche Gebote wirksam sind, sind positive, und weil sie ihrer Materie nach moralischen gleich sind, oder weil die Vereinigung Objektiver im Begriffe auch eine nichtobjektive voraussetzt oder eine solche werden kann, so wäre es die Aufhebung der Form bürgerlicher Gesetze, wenn sie zu moralischen gemacht [würden], wenn ihr Soll nicht der Befehl einer fremden Macht, sondern die Folge des eigenen Begriffs, Achtung für die Pflicht ist. Aber auch diejenigen moralischen Gebote, die nicht fähig sind, bürgerliche zu werden, können dadurch objektiv werden, daß die Vereinigung (oder Einschränkung) nicht selbst als Begriff, als Gebot wirkt, sondern [als ein] der eingeschränkten Kraft Fremdes, obzwar auch Subjektives. Diese Art von Objektivität könnte nur aufgehoben werden durch Wiederherstellung des Begriffs selbst und der Beschränkung der Tätigkeit durch ihn. Auf diese Art könnte man erwarten, daß Jesus gegen die Positivität moralischer Gebote, gegen bloße Legalität gearbeitet hätte, daß er gezeigt hätte das Gesetzliche sei ein Allgemeines und seine ganze Verbindlichkeit liege in seiner Allgemeinheit, weil einesteils jedes Sollen, jedes Gebotene zwar als ein Fremdes sich ankündigt, anderenteils aber als Begriff (die Allgemeinheit) ein Subjektives ist, wodurch es als Produkt einer menschlichen Kraft, des Vermögens der Allgemeinheit, der Vernunft, seine Objektivität, seine Positivität, Heteronomie verliert und das Gebotene [als] in einer Autonomie des menschlichen Willens gegründet sich darstellt. Durch diesen Gang ist aber die Positivität nur zum Teil weggenommen103) ; und zwischen dem tungusischen Schamanen mit dem Kirche und Staat regierenden europäischen Prälaten oder dem Mogulitzen mit dem Puritaner und dem seinem Pflichtgebot Gehorchenden ist nicht der Unterschied, daß jene sich zu Knechten machten, dieser frei wäre104) ; sondern daß jener den Herrn außer sich, dieser aber den Herrn in sich trägt, zugleich aber sein eigener Knecht ist; für das Besondere, Triebe, Neigungen, pathologische Liebe, Sinnlichkeit, oder wie man es nennt, ist das Allgemeine notwendig und ewig ein Fremdes, ein Objektives; es bleibt eine unzerstörbare Positivität übrig, die vollends dadurch empörend wird, daß der Inhalt, den das allgemeine Pflichtgebot erhält, eine bestimmte Pflicht, den Widerspruch eingeschränkt und allgemein zugleich zu sein enthält und um der Form der Allgemeinheit willen für ihre Einseitigkeit die härtesten Prätentionen macht. Wehe den menschlichen Beziehungen, die nicht gerade im Begriff der Pflicht sich finden, der, sowie er nicht bloß der leere Gedanke der Allgemeinheit ist, sondern in einer Handlung sich darstellen soll, alle anderen Beziehungen ausschließt oder beherrscht.

Ein Mann, der den Menschen in seiner Ganzheit wieder herstellen wollte, konnte einen solchen Weg unmöglich einschlagen, der der Zerrissenheit des Menschen nur einen hartsinnigen Dünkel zugesellt. Im Geiste der Gesetze handeln konnte ihm nicht heißen, aus Achtung für die Pflicht mit Widerspruch der Neigungen handeln; denn beide Teile des Geistes (man kann bei diesem Zerrissensein des Gemüts nicht anders sprechen) befänden sich ja eben dadurch gar nicht im Geiste, sondern gegen den Geist der Gesetze, der eine, weil er ein Ausschließendes, also von sich selbst Beschränktes, der andere, weil er ein Unterdrücktes ist.

1/324 Unmittelbar gegen Gesetze gekehrt zeigt sich dieser über Moralität erhabene Geist Jesu in der Bergpredigt, die ein an mehreren Beispielen von Gesetzen durchgeführter Versuch ist, den Gesetzen das Gesetzliche, die Form von Gesetzen zu benehmen, der nicht Achtung für dieselben predigt, sondern dasjenige aufzeigt, was sie erfüllt, aber als Gesetze aufhebt, und also etwas Höheres ist als der Gehorsam gegen dieselben und sie entbehrlich macht. Da die Pflichtgebote eine Trennung voraussetzen und die Herrschaft des Begriffs in einem Sollen sich ankündigt, so ist dagegen dasjenige, was über diese Trennung erhaben ist, ein Sein, eine Modifikation des Lebens, welche nur in Ansehung des Objekts betrachtet ausschließend, also beschränkt ist, indem die Ausschließung nur durch die Beschränktheit des Objekts gegeben ist und nur dasselbe betrifft. Wenn Jesus auch das, was er den Gesetzen entgegen- und über sie setzt, als Gebote ausdrückt (Meinet nicht, ich wolle das Gesetz aufheben; Euer Wort sei; Ich sage euch, nicht zu widerstehen usw.; Liebe Gott und deinen Nächsten), so ist diese Wendung in einem ganz anderen Sinne Gebot als das Sollen des Pflichtgebots; sie ist nur die Folge davon, daß das Lebendige gedacht, ausgesprochen, in der ihm fremden Form des Begriffs gegeben wird, dahingegen das Pflichtgebot seinem Wesen nach als ein Allgemeines ein Begriff ist. Und wenn so das Lebendige in der Form eines Reflektierten, Gesagten gegen Menschen erscheint, so hatte Kant105)  sehr Unrecht, diese zum Lebendigen nicht gehörige Art des Ausdrucks: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten als dich selbst, als ein Gebot anzusehen, welches Achtung für ein Gesetz fordert, das Liebe befiehlt. Und auf dieser Verwechslung des Pflichtgebots, das in der Entgegensetzung des Begriffs und des Wirklichen besteht, und der ganz außerwesentlichen Art, das Lebendige auszusprechen, beruht seine tiefsinnige Zurückführung dessen, was er ein Gebot nennt: Liebe Gott über alles und den Nächsten als dich selbst, auf sein Pflichtgebot. Und seine Bemerkung, daß Liebe - oder in der Bedeutung, die er dieser Liebe geben zu müssen meint: alle Pflichten gerne ausüben - nicht geboten werden könne, fällt von selbst hinweg, weil in der Liebe aller Gedanke von Pflichten wegfällt; und auch die Ehre, die er jenem Ausspruch Jesu dagegen wieder angedeihen läßt, ihn als das von keinem Geschöpf erreichbare Ideal der Heiligkeit anzusehen, ist ebenso überflüssig verschwendet; denn ein solches Ideal, in dem die Pflichten als gerne getan vorgestellt würden, ist in sich selbst widersprechend, weil Pflichten eine Entgegensetzung und das Gernetun keine Entgegensetzung forderten; und er kann diesen Widerspruch ohne Vereinigung in seinem Ideal ertragen, indem er jedoch die vernünftigen Geschöpfe (eine sonderbare Zusammenstellung) [für fähig] zu fallen, jenes Ideal zu erreichen für unfähig erklärt.

1/325 Jesus fängt die Bergpredigt mit einer Art von Paradoxen an, in denen seine volle Seele gegen die Menge erwartender Zuhörer sogleich unzweideutig erklärt, daß sie von ihm ganz etwas Fremdes, einen anderen Genius, eine andere Welt zu erwarten haben. Es sind Schreie, in denen er sich begeistert sogleich von der gemeinen Schätzung der Tugend entfernt, begeistert ein anderes Recht und Licht, eine andere Region des Lebens ankündigt, deren Beziehung auf die Welt nur die sein könne, von dieser gehaßt und verfolgt zu werden. In diesem Himmelreiche zeige er ihnen aber nicht die Auflösung der Gesetze, sondern sie müssen durch eine Gerechtigkeit erfüllt werden, die eine andere sei, in der mehr, die vollständiger sei als die Gerechtigkeit der Pflichtlinge: eine Ausfüllung des Mangelhaften der Gesetze.

1/326 Er zeigt hierauf dies Ausfüllende an mehreren Gesetzen; man kann dies mehr in sich Enthaltende eine Geneigtheit, so zu handeln, nennen, wie die Gesetze gebieten würden106) , Einigkeit der Neigung mit dem Gesetze, wodurch dieses seine Form als Gesetz verliert; diese Übereinstimmung der Neigung ist das πλήϱωμα des Gesetzes, ein Sein, das, wie man sich sonst ausdrückte, das Komplement der Möglichkeit ist; denn Möglichkeit ist das Objekt, als ein Gedachtes, das Allgemeine; Sein [ist] die Synthese des Subjekts und Objekts, in welcher Subjekt und Objekt ihre Entgegensetzung verloren haben; ebenso jene Geneigtheit, eine Tugend, ist eine Synthese, in der das Gesetz (das Kant darum immer ein objektives nennt) seine Allgemeinheit und ebenso das Subjekt seine Besonderheit, - beide ihre Entgegensetzung verlieren; da[hingegen] in der Kantischen Tugend diese Entgegensetzung bleibt und das eine zum Herrschenden, das andere zum Beherrschten wird. Die Übereinstimmung der Neigung mit dem Gesetze ist von der Art, daß Gesetz und Neigung nicht mehr verschieden sind; und der Ausdruck Übereinstimmung der Neigung mit dem Gesetze wird darum ganz unpassend, weil in ihm noch Gesetz und Neigung als Besondere, als Entgegengesetzte vorkommen und leicht eine Unterstützung der moralischen Gesinnung, der Achtung für [das] Gesetz und des Bestimmtseins des Willens durchs Gesetz - durch die davon verschiedene Neigung verstanden werden könnte, und da die Übereinstimmenden Verschiedene sind, auch die Übereinstimmung nur zufällig, nur die Einheit Fremder, ein Gedachtes wäre. Da aber hier in dem Komplement der Gesetze (und was damit zusammenhängt) Pflicht, moralische Gesinnung und dergleichen aufhört, Allgemeines, der Neigung [entgegengesetzt], und die Neigung aufhört, Besonderes, dem Gesetze entgegengesetzt zu sein, so ist jene Übereinstimmung Leben und, als Beziehung Verschiedener, Liebe, ein Sein, das als Begriff, Gesetz ausgedrückt notwendig dem Gesetze, d. h. sich selbst gleich, oder als Wirkliches, als Neigung, dem Begriffe entgegengesetzt, gleichfalls sich selbst, der Neigung, gleich ist.107)

1/327 So ist das Gebot: du sollst nicht töten, ein Grundsatz, der für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig erkannt wird, der als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann. Jesus setzt einem solchen Gebot den höheren Genius der Versöhnlichkeit (einer Modifikation der Liebe) entgegen, der nicht nur nicht gegen jenes Gesetz handelt, sondern es ganz überflüssig macht, so viel reicher lebendiger Fülle in sich schließt, daß für ihn so etwas Dürftiges als so ein Gesetz gar nicht ist. Was der Versöhnlichkeit, da in ihr das Gesetz seine Form verliert, der Begriff vom Leben verdrängt wird, an der Allgemeinheit, die im Begriff alles Besondere in sich faßt, abgeht, ist nur ein scheinbarer Verlust und ein wahrer unendlicher Gewinn durch den Reichtum lebendiger Beziehungen mit den vielleicht wenigen Individuen, mit denen sie in Verhältnis kommt. Sie schließt nicht Wirkliches, sondern Gedachtes, Möglichkeiten aus, und dieser Reichtum der Möglichkeit in der Allgemeinheit des Begriffs, die Form des Gebots, ist selbst eine Zerreißung des Lebens und seinem Inhalt nach so dürftig, daß sie außer der einzigen in ihm verbotenen Mißhandlung alle übrigen zuläßt; vor der Versöhnlichkeit hingegen ist auch Zorn ein Verbrechen, und [ebenso] die schnelle Reaktion des Gefühls einer Unterdrückung, die Aufwallung, wieder zu unterdrücken, welche eine Art blinder Gerechtigkeit ist und also doch Gleichheit, aber Feindlicher voraussetzt; [während] der Geist der Versöhnlichkeit hingegen in sich ohne feindselige Gesinnung [ist], die Feindschaft des anderen aufzuheben strebt. Wenn nach der Liebe geurteilt wird, so ist es ihr auch, und zwar ein größeres Verbrechen als der Zorn, seinen Bruder einen Schurken zu schelten; aber ein Schurke in seinem Isolieren, in dem er sich, einen Menschen, den Menschen feindlich gegenüberstellt und in dieser Zerrüttung zu bestehen strebt, wird noch für etwas gehalten, er gilt noch, denn er wird gehaßt, und ein großer Schurke kann bewundert werden; der Liebe ist es daher noch fremder, den anderen für einen Narren zu erklären, welches nicht nur alle Beziehung mit ihm, sondern auch alle Gleichheit, alle Gemeinschaft des Wesens aufhebt, ihn in der Vorstellung völlig unterjocht, als ein Nichts bezeichnet.108)

Dagegen läßt die Liebe, die vor dem Altar [sich] einer Entzweiung bewußt wird, ihr Opfer dort, versöhnt sich mit dem Bruder und tritt dann erst rein und einig vor die einige Gottheit. Sie läßt sich nicht vom Richter ihr Recht zumessen, sondern versöhnt sich, ohne alle Rücksicht auf Recht.109)

1/328 Ebenso stellt Jesus der pflichtmäßigen Treue in der Ehe und dem Rechte, sich von dem Weibe zu scheiden, die Liebe entgegen, welche, was jene Pflicht nicht verbot, auch die Begierde ausschließt und diese Erlaubnis, die jener Pflicht widersprechend war, bis auf einen Fall aufhebt. So ist einesteils die Heiligkeit der Liebe die Ergänzung (das πλήϱωμα) des Gesetzes wider den Ehebruch; und diese Heiligkeit gibt allein Fähigkeit, wenn eine der vielen Seiten des Menschen sich zum Ganzen oder gegen das Ganze erheben wollte, sie niederzuhalten, und nur die Empfindung des Ganzen, die Liebe, vermag die Zerstreuung des Wesens zu verhindern, - anderenteils hebt die Liebe die Erlaubnis, sich zu scheiden, auf; und gegen die Liebe kann weder, solang sie lebt, noch wie sie aufhört, von Erlaubnis und Recht die Rede sein. Das Aufhören der Liebe gegen ein Weib, in welchem noch die Liebe ist, macht sie sich selbst ungetreu werden und sündigen; und eine Übertragung ihrer Leidenschaft ist nur eine Verirrung derselben, die sie mit bösem Gewissen büßen muß. Ihr Schicksal kann ihr in diesem Falle freilich nicht erspart werden, und die Ehe ist an sich getrennt, aber der Beistand, den der Mann von einem Rechte und Gesetze holt und durch den er Rechtlichkeit und Schicklichkeit auf seine Seite zieht, heißt der Verletzung der Liebe des Weibes noch eine niederträchtige Härte hinzufügen. Im Falle nur, den Jesus ausnimmt, wenn das Weib ihre Liebe einem anderen zugewandt hat, kann der Mann ihr Knecht nicht bleiben. Den Juden, σϰληϱοις ϰαϱδίᾳ, mußte Moses wohl über die Ehe Gesetze und Rechte geben; von Anfang aber war es nicht so.

1/330 In einer Versicherung über ein Wirkliches wird das Subjekt und das Objekt als Getrennte gedacht, oder in einer Versicherung über ein Künftiges, in einem Versprechen, die Erklärung eines Willens und die Tat selbst noch [als] ganz Getrennte; und es ist um die Wahrheit, d. i. den festen Zusammenhang beider zu tun; in einer eidlichen Versicherung wird die Vorstellung der entweder schon geschehenen oder erst zukünftigen Tat an etwas Göttliches geknüpft, der Zusammenhang des Worts und der Tat, die Verknüpfung, das Sein selbst dargestellt an einem Seienden, in ihm vergegenwärtigt, und weil die Wahrheit des Falles, der beschworen wird, nicht selbst sichtbar gemacht werden kann, wird an ihrer Stelle die Wahrheit selbst, Gott gesetzt und teils auf diese Art dem anderen gegeben, in ihm Überzeugung bewirkt, teils durch die Rückwirkung dieses Seienden auf das sich entschließende Gemüt des Schwörenden das Gegenteil der Wahrheit ausgeschlossen; und es ist gar nicht abzusehen, inwiefern hierin ein Aberglauben liegen soll. Wenn die Juden bei dem Himmel, bei der Erde, bei Jerusalem oder bei ihrem Haupthaar schwuren und ihren Eid Gott anheimstellten, ihn in die Hand des Herrn legten, so knüpften sie die Wirklichkeit des Versicherten an ein Objekt, setzten beide Wirklichkeiten gleich, und den Zusammenhang dieses Objektes und des Versicherten, die Gleichheit beider legten sie in die Gewalt einer fremden Macht, und Gott ist zur Macht über das Wort gesetzt, und dieser Zusammenhang soll im Menschen selbst begründet sein; die versicherte Tat und das Objekt, bei dem versichert wird, werden so aneinandergekettet, daß, wenn eins aufgehoben wird, auch das andere geleugnet, in der Vorstellung aufgehoben wird; wenn also die versprochene Tat oder die versicherte Wirklichkeit nicht wirklich ist, so ist damit auch das Objekt, bei dem geschworen wurde, der Himmel, die Erde usw. geleugnet; und in diesem Fall muß der Herr desselben es vindizieren, Gott Rächer des Seinigen werden. - Dieser Anknüpfung da versicherten Tat an etwas Objektives widerspricht Jesus, er bekräftigt nicht die Pflicht, den Eid zu halten, sondern erklärt ihn überhaupt für überflüssig; denn weder der Himmel, noch die Erde, noch Jerusalem, noch das Haupthaar ist des Menschen Geist, der allein der Verknüpfer seines Wortes und einer Handlung ist, sondern es sei fremdes Eigentum und die Gewißheit der Tat dürfe nicht an etwas Fremdes geknüpft sein, in ein Fremdes gelegt werden, sondern des Zusammenhang des Wortes und der Handlung müsse lebendig sein, in dem Menschen selbst beruhen.

Aug um Auge, Zahn um Zahn, sagen die Gesetze; die Wiedervergeltung und die Gleichheit derselben ist das heilige Prinzip aller Gerechtigkeit, das Prinzip, auf dem jede Staatsverfassung ruhen muß. Aber Jesus fordert im allgemeinen Aufgebung des Rechts, Erhebung über die ganze Sphäre der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit durch Liebe, in welcher, mit dem Rechte, auch dies Gefühl der Ungleichheit und das Soll dieses Gefühls, das Gleichheit fordert, d. i. der Haß gegen Feinde verschwindet.

1/332 Die Gesetze und Pflichten, von denen Jesus bisher sprach, waren im ganzen bürgerliche, und die Ergänzung, die er ihnen gab, war nicht die, daß er sie als Gesetze und Pflichten bestätigte, aber als Triebfeder reine Achtung für sie forderte, sondern zeigt vielmehr Verachtung gegen sie, und seine Ergänzung ist ein Geist, dessen Handlungen, wenn sie etwa nach Gesetzen und Pflichtgeboten beurteilt werden, denselben gemäß befunden werden, der aber kein Bewußtsein für Pflichten und Rechte hat. Weiterhin spricht er von einer bloß moralischen Pflicht, der Tugend der Wohltätigkeit; Jesus verurteilt bei ihr, wie beim Gebet und Fasten, das Einmischen eines Fremden, die Unreinheit der Handlung; tut es nicht, um gesehen zu werden -: der Zweck der Handlung, d. h. die Handlung als gedachte, ehe sie noch getan ist, sei gleich der vollbrachten Handlung. Außer dieser Heuchelei, die in den Gedanken der Handlung das andere, von den Menschen gesehen zu werden, einmischt, das nicht in der Handlung ist, scheint Jesus auch hier selbst das Bewußtsein der Handlung als einer erfüllten Pflicht zu entfernen. Laß die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, kann nicht vom Bekanntwerden der Handlung genommen werden, sondern ist das Gegenteil des: von den Leuten gesehen werden, und wenn es also einen Sinn haben soll, so wird es die eigene Reflexion über seine Pflichtgemäßheit bezeichnen. Ob bei der Handlung nur ich, oder ob ich denke, daß auch andere mir zuschauen, ob ich nur mein Bewußtsein oder auch den Beifall anderer genieße, ist wohl kein großer Unterschied. Denn der erkannte Beifall anderer über einen Sieg, den die Pflicht, das Allgemeine über das Besondere davongetragen hat, ist gleichsam nicht mehr bloß die gedachte, sondern die angeschaute Allgemeinheit und Besonderheit, jene in der Vorstellung der anderen, diese in den anderen als Wirklichen selbst; und das einsame Bewußtsein der erfüllten Pflicht ist von der Ehre nicht der Art nach, sondern nur insofern verschieden, als in der Ehre die Allgemeinheit nicht bloß allgemeingültig, sondern auch allgemein geltend erkannt wird; in dem eigenen Bewußtsein, die Pflicht erfüllt zu haben, gibt sich das Individuum selbst den Charakter der Allgemeinheit, es schaut sich als ein Allgemeines, als erhaben über sich selbst als Besonderes und über das, was im Begriff der Besonderheit liegt, an, über die Menge der Individuen; denn so wie der Begriff der Allgemeinheit auf das Individuum angewendet wird, so erhält der Begriff der Besonderheit auch diese Beziehung auf Individuen und ihre Entgegensetzung derselben gegen jenes sich selbst der Allgemeinheit gemäß, in Erfüllung der Pflicht Erkennende; und dieses Selbstbewußtsein ist der Handlung ebenso fremd als der Beifall der Menschen. Von dieser Überzeugung, in sich gerecht zu sein, und der Herabsetzung anderer dadurch (welches beides in notwendiger Verbindung steht, wegen der notwendigen Entgegensetzung des Besonderen gegen das Allgemeine) spricht auch Jesus in der Parabel Luk. 18, 9 ff. Der Pharisäer dankt Gott dafür, er ist so bescheiden, nicht die Kraft seines Willens darin zu erkennen, daß er nicht wie viele andere Menschen, die Räuber, Ungerechte, Ehebrecher sind, oder wie der Zöllner hier neben ihm [ist]; er faste nach der Regel und bezahle als ein rechtschaffener Mann gewissenhaft seinen Zehnten. Diesem Bewußtsein der Rechtschaffenheit, von welchem gar nicht gesagt ist, daß es nicht wahr gewesen sei, setzt Jesus den niedergesunkenen Blick, der sich nicht zum Himmel zu erheben wagt, des Zöllners entgegen, welcher an seine Brust schlägt: Gott sei mir Sünder gnädig. Das Bewußtsein des Pharisäers, seine Pflicht erfüllt zu haben, wie auch das Bewußtsein des Jünglings, ein treuer Beobachter aller Gesetze gewesen zu sein (Matth. 19, 20), dies gute Gewissen ist darum eine Heuchelei, weil es teils, wenn es schon mit der Absicht der Handlung verbunden ist, eine Reflexion über sich selbst, über die Handlung, ein Unreines, nicht zur Handlung Gehöriges ist, teils, wenn es eine Vorstellung seiner selbst als eines moralischen Menschen ist, [wie sie] beim Pharisäer und bei jenem Jüngling sich gibt, eine Vorstellung [ist], deren Inhalt die Tugenden sind, d. h. Beschränkte, denen ihr Kreis gegeben, [die] in ihrem Stoff begrenzt sind, also alle zusammen ein Unvollständiges sind, da das gute Gewissen, das Bewußtsein, seine Pflichten erfüllt zu haben, sich zum Ganzen heuchelt.

In eben diesem Geiste spricht Jesus vom Beten und Fasten; beides entweder ganz objektive, durchaus gebotene Pflichten oder nur in einem Bedürfnis gegründet; sie sind nicht fähig, als moralische Pflichten vorgestellt zu werden, weil sie keine Entgegensetzung voraussetzen, die in einem Begriffe vereinigt zu werden fähig wäre; Jesus rügt bei beidem den Schein, den man sich vor den Menschen damit gibt, und beim Gebet besonders auch das viele Schwätzen, wodurch es das Ansehen einer Pflicht und der Ausübung derselben erhält. Das Fasten beurteilt Jesus (Matth. 9, 15) nach der Empfindung, die dabei zum Grunde liegt, nach dem Bedürfnis, das dazu treibt. Außer der Entfernung der Unreinheit beim Gebet gibt Jesus auch eine Art zu beten an; die Rücksicht auf das Wahre des Gebets gehört nicht an diese Stelle.

1/333 Über die folgende Forderung von Abwerfung der Lebenssorgen und Verachtung der Reichtümer sowie über Matth. 19, 23: wie schwer ist es, daß ein Reicher ins Reich Gottes komme, ist wohl nichts zu sagen; es ist eine Litanei, die nur in Predigten oder in Reimen verziehen wird, denn eine solche Forderung hat keine Wahrheit für uns. Das Schicksal des Eigentums ist uns zu mächtig geworden, als daß Reflexionen darüber erträglich, seine Trennung von uns uns denkbar wäre. Aber soviel ist doch einzusehen, daß der Besitz von Reichtum, mit allen den Rechten sowie mit allen Sorgen, die damit zusammenhängen, Bestimmtheiten in den Menschen bringt, deren Schranken den Tugenden ihre Grenze setzen, ihnen Bedingungen und Abhängigkeiten angeben, innerhalb derer wohl für Pflichten und Tugenden Raum ist, die aber kein Ganzes, kein vollständiges Leben zulassen, weil es an Objekte gebunden [ist], Bedingungen seiner außer sich selbst hat, weil dem Leben noch etwas als eigen zugegeben ist, was doch nie sein Eigentum sein kann. Der Reichtum verrät sogleich seine Entgegensetzung gegen die Liebe, gegen die Ganzheit dadurch, daß er ein Recht und in einer Mannigfaltigkeit von Rechten begriffen ist, wodurch teils seine unmittelbar auf ihn sich beziehende Tugend, die Rechtschaffenheit, teils die anderen innerhalb seines Kreises möglichen Tugenden notwendig mit Ausschließung verbunden und jeder Tugendakt an sich selbst ein Entgegengesetztes ist. An einen Synkretismus, einen Zweiherrendienst ist nicht zu denken, weil das Unbestimmte und das Bestimmte mit Beibehaltung ihrer Formen nicht verbunden werden können. Jesus mußte nicht bloß das Komplement der Pflichten, sondern auch das Objekt dieser Prinzipien, das Wesen der Sphäre der Pflichten aufzeigen, um das der Liebe entgegengesetzte Gebiet zu zerstören.

1/334 Lukas (12, 13) bringt die Ansicht, nach welcher Jesus sich gegen die Reichtümer erklärt, in einer Verbindung vor, wodurch sie noch deutlicher wird. Ein Mann hatte ihn darum angesprochen, sich bei seinem Bruder über die Teilung ihrer Erbschaft zu verwenden; eine Bitte um eine solche Verwendung abzuschlagen wird nur die Verfahrungsart eines Egoisten zu sein geurteilt. Jesus scheint in seiner Antwort gegen den, der die Bitte an ihn getan hatte, unmittelbar nur seine Inkompetenz dazu entgegenzuhalten. Aber in seinem Geiste liegt mehr, als daß er nur kein Recht zu jener Teilung habe, denn er wendet sich sogleich zu seinen Jüngern mit einer Ermahnung gegen die Begierde, zu haben, und fügt eine Parabel bei von einem reichen Mann, den Gott mit der Stimme aufschreckt: “Tor! diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern - was du erworben hast, wem wird es sein? So ist es mit dem, der sich Schätze sammelt und nicht in Gott reich ist.” So wendet Jesus nur jenem Profanen die Rechtsseite zu, gegen seine Jünger fordert er Erhebung über das Gebiet des Rechts, der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Freundschaftsdienste, die Menschen in diesem Gebiete sich leisten können, über die ganze Sphäre des Eigentums.

Dem Gewissen, dem Bewußtsein der eigenen Pflichtgemäßheit oder Nichtgemäßheit steht die Anwendung der Gesetze auf andere im Urteil gegenüber; “richtet nicht”, sagt Jesus, “auf daß ihr nicht gerichtet werdet; mit welchem Maßstab ihr messet, wird euch dagegen gemessen werden”. Dies Subsumieren anderer unter einen Begriff, der im Gesetz dargestellt ist, kann darum eine Schwäche genannt werden, weil der Urteilende nicht stark genug ist, sie ganz zu ertragen. sondern sie teilt, und gegen ihre Unabhängigkeit nicht auszuhalten vermag, [sie] nicht wie sie sind, aber wie sie sein sollen [nimmt]; durch welches Urteil er sie sich, denn der Begriff, die Allgemeinheit ist sein, in Gedanken unterjocht hat. Mit diesem Richten aber hat er ein Gesetz anerkannt und sich selbst der Knechtschaft desselben unterzogen, ein Maß des Richtens auch für sich aufgestellt, und mit der liebreichen Gesinnung für seinen Bruder, ihm den Splitter aus dem Auge zu ziehen, ist er selbst unter das Reich der Liebe gesunken.

1/335 Das noch Folgende ist nicht mehr eine Entgegenstellung dessen, was höher ist als die Gesetze, gegen sie, sondern die Aufzeigung einiger Äußerungen des Lebens in seiner schönen freien Region, als die Vereinigung der Menschen im Bitten, Geben und Nehmen. Das Ganze schließt mit dem Bestreben, das Bild des Menschen, wie er im vorherigen in der Entgegensetzung gegen die Bestimmtheiten gezeichnet ist, weswegen auch das Reine mehr in seinen Modifikationen, in besonderen Tugenden als Versöhnlichkeit, eheliche Treue, Wahrhaftigkeit usw. erschien, rein außer dieser Sphäre darzustellen, welches denn freilich nur in unvollständigen Parabeln geschehen kann.

Einen Kontrast mit dieser Gesetz- und Pflichtlosigkeit in der Liebe, die Jesus als das Höchste bezeichnet, macht die Art des Johannes des Täufers, von welcher Lukas (Kap. 3) einige Proben aufbehalten hat. Wie sie noch hoffen könnten, ungeachtet sie Abraham zum Vater haben, sagt er zu den Juden, ihrem erzürnten Schicksal zu entgehen: “Die Axt liegt schon an der Wurzel der Bäume.” Und da die Juden ihn nun fragten, was sie zu tun haben, so sagte er, wer zwei Röcke oder überflüssige Speise hat, gebe es dem, der nicht hat; die Zöllner gemahnte er, nicht mehr Abgaben zu fordern, als ihnen vorgeschrieben ist; die Soldaten, niemand zu plagen, nichts zu erpressen, sondern von ihrem Solde zu leben; noch ist von ihm bekannt (Matth. 14, 4), daß er sich in Schmälen über das Verhältnis des Herodes mit seines Bruders Frau einließ; ein Schelten, das ihn den Kopf kostete; sein Schicksal vollendete sich über eine Bestimmtheit; wie sein Lehren nach den obigen Proben eine Ermahnung zu bestimmten Tugenden war und den großen Geist, die alle umfangende Seele derselben nicht in seinem Bewußtsein zeigt. Er fühlte dies auch selbst und verkündigte einen andern, der, die Wurfschaufel in der Hand, die Tenne fegen werde; Johannes hofft im Glauben statt seiner Wassertaufe von seinem Nachfolger eine Taufe mit Feuer und Geist.

1/337 Der Positivität der Juden hat Jesus den Menschen entgegengesetzt, den Gesetzen und ihren Pflichten die Tugenden, und in diesen die Immoralität des positiven Menschen aufgehoben. Der positive Mensch ist zwar in Rücksicht auf eine bestimmte Tugend, die für ihn und in ihm Dienst ist, weder moralisch noch unmoralisch, und der Dienst, in welchem er gewisse Pflichten ausübt, ist nicht unmittelbar eine Untugend gegen dieselben Pflichten, aber mit dieser bestimmten Gleichgültigkeit ist zugleich eine Immoralität von einer andern Seite verknüpft; weil sein bestimmter positiver Dienst eine Grenze hat und er über diese nicht hinauskann, so ist er jenseits ihrer unmoralisch. Diese Immoralität der Positivität geht also auf eine andere Seite der menschlichen Beziehungen als der positive Gehorsam - innerhalb seines Kreises ist nicht-moralisch nicht unmoralisch.110)  In der Setzung der Subjektivität gegen das Positive schwindet die Gleichgültigkeit des Dienstes und seine Grenze. Der Mensch steht für sich, sein Charakter und seine Tat wird Er selbst; er hat nur Schranken da, wo er sie selbst setzt, und seine Tugenden Bestimmtheiten, die er selbst begrenzt. Diese Möglichkeit der Begrenzung der Entgegensetzung ist die Freiheit, das “Oder” in Tugend oder Laster. In der Entgegensetzung des Gesetzes gegen die Natur, des Allgemeinen gegen das Besondere sind die beiden Entgegengesetzten gesetzt, wirklich, das eine ist nicht ohne das andere; in der moralischen Freiheit der Entgegensetzung der Tugend und des Lasters ist durch eines das andere ausgeschlossen, also wenn das eine gesetzt ist, das andere nur möglich. Die Entgegensetzung der Pflicht und der Neigung hat in den Modifikationen der Liebe, in den Tugenden ihre Vereinigung gefunden. Da das Gesetz nicht seinem Inhalt, sondern seiner Form nach der Liebe entgegengesetzt war, so konnte es in sie aufgenommen werden, in dieser Aufnahme aber verlor es seine Gestalt; dem Verbrechen hingegen ist es seinem Inhalt nach entgegengesetzt; es ist von ihm ausgeschlossen, und ist doch; denn das Verbrechen ist eine Zerstörung der Natur; und da die Natur einig ist, so ist im Zerstörenden soviel zerstört als im Zerstörten. Wenn das Einige entgegengesetzt ist, so ist die Vereinigung der Entgegengesetzten nur im Begriff vorhanden, es ist ein Gesetz gemacht worden; ist das Entgegengesetzte zerstört worden, so bleibt der Begriff, das Gesetz; aber es drückt alsdann nur das Fehlende, eine Lücke aus, weil sein Inhalt in der Wirklichkeit aufgehoben ist, und heißt strafendes Gesetz. Diese Form des Gesetzes ist unmittelbar, es ist seinem Inhalt nach dem Leben entgegengesetzt, weil sie die Zerstörung desselben anzeigt; aber um so schwerer scheint es zu denken zu sein, wie das Gesetz in dieser Form, als strafende Gerechtigkeit, könne aufgehoben werden; in der vorigen Aufhebung des Gesetzes durch Tugenden verschwand nur die Form des Gesetzes, sein Inhalt blieb; aber hier würde mit der Form auch sein Inhalt aufgehoben, denn sein Inhalt ist die Strafe.

1/340 Die Strafe liegt unmittelbar in dem beleidigten Gesetze; des gleichen Rechtes, das durch ein Verbrechen in einem andern verletzt worden ist, wird der Verbrecher verlustig111) . Der Verbrecher hat sich außer dem Begriff gesetzt, der der Inhalt des Gesetzes ist. Zwar spricht das Gesetz nur, er soll das im Gesetz begriffene Recht verlieren; weil es [aber] unmittelbar nur ein Gedachtes ist, so verliert nur [der] Begriff des Verbrechers das Recht; und [dazu,] daß er [es] in der Wirklichkeit verliere, d. h. daß das, was der Begriff des Verbrechers verloren hat, auch die Wirklichkeit des Verbrechers verliere, muß das Gesetz mit Lebendigem verbunden, mit Macht bekleidet werden. Wenn nun zwar das Gesetz in seiner furchtbaren Majestät beharrt, - und daß die Strafe des Verbrechens verdient ist, dies zwar kann nie aufgehoben werden; das Gesetz kann die Strafe nicht schenken, nicht gnädig sein, denn es höbe sich selbst auf; das Gesetz ist vom Verbrecher gebrochen worden, sein Inhalt ist nicht mehr für ihn, er hat ihn aufgehoben; aber die Form des Gesetzes, die Allgemeinheit verfolgt ihn und schmiegt sich sogar an sein Verbrechen an; seine Tat wird allgemein, und das Recht, das er aufgehoben hat, ist auch für ihn aufgehoben. Also das Gesetz bleibt, und das Verdienen einer Strafe bleibt; aber das Lebendige, dessen Macht sich mit dem Gesetze vereinigt hat, der Exekutor, der das im Begriff verlorene Recht dem Verbrecher in der Wirklichkeit nimmt, der Richter ist nicht die abstrakte Gerechtigkeit, sondern ein Wesen, und Gerechtigkeit nur seine Modifikation. Die Notwendigkeit des Verdienens der Strafe steht fest, aber die Übung der Gerechtigkeit ist nichts Notwendiges, weil sie als Modifikation eines Lebendigen auch vergehen, eine andere Modifikation eintreten kann; und so wird Gerechtigkeit etwas Zufälliges; es kann zwischen ihr als Allgemeinem, Gedachtem, und ihr als Wirklichem, d. h. in einem Lebendigen Seiendem ein Widerspruch sein; ein Rächer kann verzeihen, es aufgeben, sich zu rächen; ein Richter [kann aufhören,] als Richter zu handeln, kann begnadigen. Aber damit ist der Gerechtigkeit nicht Genüge geleistet; diese ist unbeugsam, und solange Gesetze das Höchste sind, so lange kann ihr nicht entflohen werden, so lange muß das Individuelle dem Allgemeinen aufgeopfert, d. h. es muß getötet werden. Darum ist es auch widersprechend zu gedenken, als ob das Gesetz an einem Repräsentanten vieler gleicher Verbrecher sich befriedigen könnte; denn insofern in ihm auch die andern die Strafe ausstehen sollten, ist er das Allgemeine, der Begriff derselben, und das Gesetz, als gebietend oder als strafend, ist nur dadurch Gesetz, daß es Besonderem entgegengesetzt ist. Das Gesetz hat die Bedingung seiner Allgemeinheit darin, daß die handelnden Menschen oder die Handlungen besondere sind; und die Handlungen sind besondere, insofern sie in Beziehung auf die Allgemeinheit, auf die Gesetze betrachtet werden, als ihnen gemäß oder zuwider; und insofern kann ihr Verhältnis, ihre Bestimmtheit keine Veränderung leiden; sie sind Wirkliche, sie sind, was sie sind; was geschehen ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, die Strafe folgt der Tat; ihr Zusammenhang ist unzerreißbar; gibt es keinen Weg, eine Handlung ungeschehen zu machen, ist ihre Wirklichkeit ewig, so ist keine Versöhnung möglich, auch nicht durch Ausstehen der Strafe; das Gesetz ist wohl dadurch befriedigt, denn der Widerspruch zwischen seinem ausgesprochenen Soll und der Wirklichkeit des Verbrechers, die Ausnahme, die der Verbrecher von der Allgemeinheit machen wollte, ist aufgehoben. Allein der Verbrecher ist nicht mit dem Gesetz (dies sei für den Verbrecher ein fremdes Wesen oder subjektiv in ihm, als böses Gewissen) versöhnt; in jenem Fall hört die fremde Macht, welche der Verbrecher gegen sich selbst geschaffen und bewaffnet hat, dieses feindselige Wesen auf, wenn es gestraft hat, auf ihn zu wirken; wenn es auf eben die Art, auf welche der Verbrecher wirkte, auf ihn zurückgewirkt hat, läßt es zwar ab, zieht sich aber in die drohende Stellung zurück, und seine Gestalt ist nicht verschwunden oder freundlich gemacht; an dem bösen Gewissen, dem Bewußtsein einer bösen Handlung, seiner selbst als eines Bösen ändert die erlittene Strafe nichts; denn der Verbrecher schaut sich immer als Verbrecher, er hat über seine Handlung als eine Wirklichkeit keine Macht, und diese seine Wirklichkeit ist im Widerspruch mit seinem Bewußtsein des Gesetzes.

Und doch kann der Mensch diese Angst nicht aushalten; der schrecklichen Wirklichkeit des Bösen und der Unveränderlichkeit des Gesetzes kann er nur zu der Gnade entfliehen, der Druck und Schmerz des bösen Gewissens kann ihn wieder zu einer Unredlichkeit treiben, sich selbst und damit dem Gesetz und der Gerechtigkeit dadurch zu entlaufen zu suchen, er wirft sich dem Handhaber der abstrakten Gerechtigkeit, seine Güte zu erfahren, in den Schoß, von welcher er hofft, daß sie ein Auge bei ihm zudrücken, ihn anders ansehen möchte, als er ist; er selbst leugnet zwar seine Vergehen nicht, aber er tut den unredlichen Wunsch, daß die Güte sich selbst seine Vergehen leugne, und findet Trost in dem Gedanken, in der unwahren Vorstellung, die [ein] anderes Wesen sich von ihm mache. Und so gäbe es keine Rückkehr zur Einigkeit des Bewußtseins auf einem reinen Wege, keine Aufhebung der Strafe, des drohenden Gesetzes und des bösen Gewissens als ein unredliches Betteln; - wenn die Strafe nur als etwas Absolutes angesehen werden muß, wenn sie unter keiner Bedingung stünde und keine Seite hätte, von welcher sie mit ihrer Bedingung eine höhere Sphäre über sich hätte. Gesetz und Strafe kann nicht versöhnt, aber in der Versöhnung des Schicksals aufgehoben werden.

1/345 Die Strafe ist Wirkung eines übertretenen Gesetzes, von dem der Mensch sich losgesagt hat, aber von welchem er noch abhängt und welchem, weder der Strafe noch seiner Tat, er nicht entfliehen kann. Denn da [der] Charakter des Gesetzes Allgemeinheit ist, so hat der Verbrecher zwar die Materie des Gesetzes zerbrochen, aber die Form, die Allgemeinheit bleibt, und das Gesetz, über das er Meister geworden zu sein [glaubte], bleibt, erscheint aber seinem Inhalt nach entgegengesetzt, es hat die Gestalt der dem vorigen Gesetz widersprechenden Tat; der Inhalt der Tat hat jetzt die Gestalt der Allgemeinheit und ist Gesetz; diese Verkehrtheit desselben, daß es das Gegenteil dessen wird, was es vorher war, ist die Strafe - indem sich der Mensch vom Gesetz losgemacht hat, bleibt er ihm noch untertan; und da das Gesetz als Allgemeines bleibt, so bleibt auch die Tat, denn sie ist das Besondere. - Die Strafe als Schicksal vorgestellt ist ganz anderer Art; im Schicksal ist die Strafe eine feindliche Macht, ein Individuelles, in dem Allgemeines und Besonderes auch in der Rücksicht vereinigt ist, daß in ihm das Sollen und die Ausführung dieses Sollens nicht getrennt ist, wie beim Gesetz, das nur eine Regel, ein Gedachtes ist und eines ihm Entgegengesetzten, eines Wirklichen bedarf, von dem es Gewalt erhält. In dieser feindlichen Macht ist auch das Allgemeine vom Besonderen nicht in der Rücksicht getrennt, wie das Gesetz als Allgemeines dem Menschen oder seinen Neigungen als dem Besonderen entgegengesetzt ist. Das Schicksal ist nur der Feind, und der Mensch steht ihm ebensogut als kämpfende Macht gegenüber; dahingegen das Gesetz als Allgemeines das Besondere beherrscht, diesen Menschen unter seinem Gehorsam hat. Das Verbrechen des Menschen, der unter einem Schicksal befangen betrachtet wird, ist dann nicht eine Empörung des Untertanen gegen seinen Regenten, das Entlaufen des Knechts von seinem Herrn, das Freimachen von einer Abhängigkeit; nicht ein Lebendigwerden aus einem toten Zustande, denn der Mensch ist, und vor der Tat ist keine Trennung, kein Entgegengesetztes, viel weniger ein Beherrschendes. Nur durch ein Herausgehen aus dem einigen, weder durch Gesetze regulierten noch gesetzwidrigen Leben, durch Töten des Lebens wird ein Fremdes geschaffen. Vernichtung des Lebens ist nicht ein Nicht-Sein desselben, sondern seine Trennung, und die Vernichtung besteht darin, daß es zum Feinde umgeschaffen worden ist. Es ist unsterblich, und getötet erscheint es als sein schreckendes Gespenst, das alle seine Zweige geltend macht, seine Eumeniden losläßt. Die Täuschung des Verbrechens, das fremdes Leben zu zerstören und sich damit erweitert glaubt, löst sich dahin auf, daß der abgeschiedene Geist des verletzten Lebens gegen es auftritt, wie Banquo, der als Freund zu Macbeth kam, in seinem Morde nicht vertilgt war, sondern im Augenblicke darauf doch seinen Stuhl einnahm; nicht als Genosse des Mahls, sondern als böser Geist. Der Verbrecher meinte es mit fremdem Leben zu tun zu haben; aber er hat nur sein eigenes Leben zerstört; denn Leben ist vom Leben nicht verschieden, weil das Leben in der einigen Gottheit ist; und in seinem Übermut hat er zwar zerstört, aber nur die Freundlichkeit des Lebens: er hat es in einen Feind verkehrt. Erst die Tat hat ein Gesetz erschaffen, dessen Herrschaft nun eintritt; dies Gesetz ist die Vereinigung im Begriffe der Gleichheit des anscheinend fremden verletzten und des eigenen verwirkten Lebens. Jetzt erst tritt das verletzte Leben als eine feindselige Macht gegen den Verbrecher auf und mißhandelt ihn, wie er mißhandelt hat; so ist die Strafe als Schicksal die gleiche Rückwirkung der Tat des Verbrechers selbst, einer Macht, die er selbst bewaffnet, eines Feindes, den er selbst sich zum Feinde machte. Mit dem Schicksal scheint eine Versöhnung noch schwerer denkbar zu sein als mit dem strafenden Gesetz, da, um das Schicksal zu versöhnen, die Vernichtung aufgehoben werden zu müssen scheint. Aber das Schicksal hat vor dem strafenden Gesetz in Ansehung der Versöhnbarkeit das voraus, daß es innerhalb des Gebietes des Lebens sich befindet, ein Verbrechen unter Gesetz und Strafe [dagegen] im Gebiete unüberwindlicher Entgegensetzungen, absoluter Wirklichkeiten. In diesem ist keine Möglichkeit denkbar, wie die Strafe aufgehoben werden und das Bewußtsein der bösen Wirklichkeit verschwinden könnte, weil das Gesetz eine Macht ist, welcher das Leben untertan ist, über welcher nichts, über welcher selbst nicht die Gottheit ist, denn sie ist nur die Gewalt des höchsten Gedankens, nur der Handhaber des Gesetzes. Eine Wirklichkeit kann nur vergessen werden, d. h. in einer anderen Schwäche sich als Vorgestelltes verlieren, wodurch ihr Sein doch als bleibend gesetzt würde. Aber bei der Strafe als Schicksal ist das Gesetz später als das Leben und steht tiefer als dieses. Es ist nur die Lücke desselben, das mangelnde Leben als Macht; und das Leben kann seine Wunden wieder heilen, das getrennte feindliche Leben wieder in sich selbst zurückkehren und das Machwerk eines Verbrechens, das Gesetz und die Strafe aufheben.112)  Von da an, wo der Verbrecher die Zerstörung seines eigenen Lebens fühlt (Strafe leidet) oder sich (im bösen Gewissen) als zerstört erkennt, hebt die Wirkung seines Schicksals an, und dies Gefühl des zerstörten Lebens muß eine Sehnsucht nach dem verlorenen werden; das Mangelnde wird erkannt als sein Teil, als das, was in ihm sein sollte und nicht in ihm ist; diese Lücke ist nicht ein Nicht-Sein, sondern das Leben als nicht-seiend erkannt und gefühlt. Dies Schicksal als möglich empfunden ist die Furcht vor ihm, und ist ein ganz anderes Gefühl als die Furcht vor der Strafe; jenes ist die Furcht vor der Trennung, eine Scheu vor sich selbst; die Furcht vor der Strafe ist die Furcht vor einem Fremden; denn wenn auch das Gesetz als eigenes Gesetz erkannt wird, so ist in der Furcht vor der Strafe die Strafe ein Fremdes, wenn sie nicht als Furcht vor Unwürdigkeit vorgestellt wird; aber in der Strafe kommt zur Unwürdigkeit auch die Wirklichkeit eines Unglücks [hinzu], daß der Begriff des Menschen verloren113) , d. h. dessen der Mensch unwürdig geworden ist; die Strafe setzt also einen fremden Herrn dieser Wirklichkeit voraus; und die Furcht vor der Strafe ist Furcht vor ihm - im Schicksal hingegen [ist] die feindliche Macht die Macht des verfeindeten Lebens, also die Furcht vor dem Schicksal nicht die Furcht vor einem Fremden. Auch bessert die Strafe nicht, weil sie nur ein Leiden ist, ein Gefühl der Ohnmacht gegen einen Herrn, mit dem der Verbrecher nichts gemein hat und nichts gemein haben will; sie kann nur Eigensinn bewirken, Hartnäckigkeit im Widerstand gegen einen Feind, von welchem unterdrückt zu werden Schande wäre, weil der Mensch sich darin selbst aufgäbe. Im Schicksal aber erkennt der Mensch sein eigenes Leben, und sein Flehen zu demselben ist nicht das Flehen zu einem Herrn, sondern ein Wiederkehren und Nahen zu sich selbst. Das Schicksal, in welchem der Mensch das Verlorene fühlt, bewirkt eine Sehnsucht nach dem verlorenen Leben. Diese Sehnsucht kann, wenn von Bessern und Gebessertwerden gesprochen werden soll, schon eine Besserung heißen, weil sie, indem sie ein Gefühl des Verlusts des Lebens ist, das Verlorene als Leben, als ihr einst Freundliches erkennt; und diese Erkenntnis ist schon selbst ein Genuß des Lebens; und die Sehnsucht kann so gewissenhaft sein, d. h. im Widerspruche des Bewußtseins ihrer Schuld und des wieder angeschauten Lebens sich von der Rückkehr zu diesem noch zurückhalten, so sehr das böse Bewußtsein und das Gefühl des Schmerzes verlängern und jeden Augenblick es aufreizen, um sich nicht leichtsinnig mit dem Leben, sondern aus tiefer Seele sich wieder zu vereinigen, es wieder als Freund zu begrüßen. In Opfern, in Büßungen haben Verbrecher sich selbst Schmerzen gemacht; als Wallfahrer im härenen Hemde und barfuß bei jedem Tritt auf den heißen Sand das Bewußtsein des Bösen, den Schmerz verlängert und vervielfältigt und einesteils ihren Verlust, ihre Lücke ganz durchgefühlt, andernteils zugleich dies Leben, obwohl als feindliches, ganz darin angeschaut und sich so die Wiederaufnahme ganz möglich gemacht; denn die Entgegensetzung ist die Möglichkeit der Wiedervereinigung, und soweit es im Schmerz entgegengesetzt war, ist es fähig, wieder aufgenommen [zu] werden. Weil auch das Feindliche als Leben gefühlt wird, darin liegt die Möglichkeit der Versöhnung des Schicksals; diese Versöhnung ist also weder die Zerstörung oder Unterdrückung eines Fremden, noch ein Widerspruch zwischen [dem] Bewußtsein seiner selbst und der gehofften Verschiedenheit der Vorstellung von sich in einem Anderen, oder ein Widerspruch zwischen dem Verdienen dem Gesetze nach und der Erfüllung desselben, [zwischen] dem Menschen als Begriff und dem Menschen als Wirklichem. Dies Gefühl des Lebens, das sich selbst wiederfindet, ist die Liebe, und in ihr versöhnt sich das Schicksal. Die Tat eines Verbrechers ist auf diese Art betrachtet kein Fragment; die Handlung, die aus dem Leben, aus dem Ganzen kommt, stellt auch das Ganze dar; das Verbrechen, das die Übertretung eines Gesetzes ist, ist nur ein Fragment, denn außer ihr ist schon das Gesetz, das nicht zu ihr gehört; das Verbrechen, das aus [dem] Leben kommt, stellt dieses Ganze, aber geteilt, dar; und die feindseligen Teile können wieder zum Ganzen zusammengehen.114)  Die Gerechtigkeit ist befriedigt, denn der Verbrecher hat das gleiche Leben, das er verletzt hat, in sich als verletzt gefühlt. Die Stacheln des Gewissens sind stumpf geworden, denn aus der Tat ist ihr böser Geist gewichen, es ist nichts Feindseliges mehr im Menschen, und sie bleibt höchstens als ein seelenloses Gerippe im Beinhause der Wirklichkeiten, im Gedächtnisse liegen.

1/346 Aber das Schicksal hat ein ausgedehnteres Gebiet als die Strafe; auch von der Schuld ohne Verbrechen wird es aufgereizt und ist darum unendlich strenger als die Strafe; seine Strenge scheint oft in die schreiendste Ungerechtigkeit überzugehen, wenn es der erhabensten Schuld, der Schuld der Unschuld gegenüber um so fürchterlicher auftritt. Weil nämlich die Gesetze nur gedachte Vereinigungen von Entgegensetzungen sind, so erschöpfen diese Begriffe bei weitem die Vielseitigkeit des Lebens nicht; und die Strafe übt nur soweit ihre Herrschaft aus, als das Leben zum Bewußtsein gekommen, wo eine Trennung im Begriffe vereinigt worden ist; aber über die Beziehungen des Lebens, die nicht aufgelöst, über die Seiten des Lebens, die lebendig vereinigt, gegeben sind, über die Grenzen der Tugenden hinaus übt sie keine Gewalt. Das Schicksal hingegen ist unbestechlich und unbegrenzt, wie das Leben; es kennt keine gegebenen Verhältnisse, keine Verschiedenheiten der Standpunkte, der Lage, keinen Bezirk der Tugend; wo Leben verletzt ist, sei es auch noch so rechtlich, so mit Selbstzufriedenheit geschehen, da tritt das Schicksal auf, und man kann darum sagen, nie hat die Unschuld gelitten, jedes Leiden ist Schuld. Aber die Ehre einer reinen Seele ist um so größer, mit je mehr Bewußtsein sie Leben verletzt hat, um das Höchste zu erhalten, um so viel schwärzer das Verbrechen ist, mit je mehr Bewußtsein eine unreine Seele Leben verletzt.

1/351 Ein Schicksal scheint nur durch fremde Tat entstanden, diese ist [indes] nur die Veranlassung; wodurch es aber entsteht, ist die Art der Aufnahme und der Reaktion gegen die fremde Tat. Wer einen ungerechten Angriff leidet, kann sich wehren und sich und sein Recht behaupten, oder auch sich nicht wehren; mit seiner Reaktion, sie sei duldender Schmerz oder Kampf, fängt seine Schuld, sein Schicksal an; in beiden Fällen leidet er, - keine Strafe, aber auch nicht Unrecht; im Kampf hält er an seinem Rechte fest und behauptet es; auch im Dulden gibt er sein Recht nicht auf; sein Schmerz ist der Widerspruch, daß er sein Recht erkennt, aber die Kraft nicht hat, in der Wirklichkeit es festzuhalten; er streitet nicht dafür, und sein Schicksal ist seine Willenlosigkeit. Wer für das kämpft, was in Gefahr ist, hat das nicht verloren, für was er streitet115) . Aber dadurch, daß er sich in Gefahr begibt, hat er sich dem Schicksal unterworfen, denn er tritt auf den Kampfplatz der Macht gegen Macht und wagt sich gegen ein Anderes; die Tapferkeit aber ist größer als schmerzendes Dulden, weil jene, wenn sie auch unterliegt, diese Möglichkeit vorher erkannte, also mit Bewußtsein die Schuld übernahm, die schmerzende Passivität hingegen nur an ihrem Mangel hängt und ihm nicht eine Fülle von Kraft entgegensetzt; das Leiden der Tapferkeit aber ist auch gerechtes Schicksal, weil der Tapfere sich ins Gebiet des Rechts und der Macht einließ; und darum ist schon der Kampf für Rechte ein unnatürlicher Zustand, so gut als das passive Leiden, in welchem der Widerspruch zwischen dem Begriff vom Rechte und seiner Wirklichkeit ist; denn auch im Kampf für Rechte liegt ein Widerspruch; das Recht, das ein Gedachtes, also ein Allgemeines ist, ist in dem Angreifenden ein anderes Gedachtes, also gäbe es hier zwei Allgemeine, die sich aufhöben und doch sind; ebenso sind die Kämpfenden als Wirkliche entgegengesetzt, zweierlei Lebende, Leben im Kampf mit Leben, welches sich wieder widerspricht. Durch die Selbstverteidigung des Beleidigten wird der Angreifende gleichfalls angegriffen und dadurch in das Recht der Selbstverteidigung gesetzt, so daß beide Recht haben, beide im Kriege sich befinden, der beiden das Recht sich zu verteidigen gibt; und [da sie] so entweder auf Gewalt und Stärke die Entscheidung des Rechts ankommen lassen, da doch das Recht und die Wirklichkeit nichts miteinander gemein haben, vermischen sie die beiden und machen jenes von dieser abhängig; oder sie unterwerfen sich einem Richter, d. h. insofern sie feindselig sind, geben sie sich wehrlos, tot an; sie tun auf ihre eigene Beherrschung der Wirklichkeit, auf Macht Verzicht und lassen ein Fremdes, ein Gesetz im Munde des Richters über sich sprechen; sie unterwerfen sich also einer Behandlung, gegen welche doch jeder Teil protestierte, indem sie der Kränkung ihres Rechts widersprachen, d. h. sich gegen die Behandlung durch einen anderen setzten. Das Wahre beider Entgegengesetzten, der Tapferkeit und der Passivität, vereinigt sich so in der Schönheit der Seele, daß von jener das Leben bleibt, die Entgegensetzung aber wegfällt; von dieser der Verlust des Rechtes bleibt, der Schmerz aber verschwindet. Und so geht eine Aufhebung des Rechts ohne Leiden hervor, eine lebendige, freie Erhebung über den Verlust des Rechts und über den Kampf. Derjenige, der das fahren läßt, dem ein anderer feindselig sich naht, das sein zu nennen aufhört, was der andere antastet, entgeht dem Schmerz über Verlust, er entgeht dem Behandeltwerden durch den anderen oder durch den Richter, er entgeht der Notwendigkeit, den anderen zu behandeln; welche Seite an ihm berührt wird, aus der zieht er sich zurück und überläßt nur eine Sache, die er im Augenblick des Angriffs zu einer fremden gemacht hat, dem anderen. Diese Aufgebung seiner Beziehungen, die eine Abstraktion von sich selbst ist, aber hat keine festen Grenzen116) . (Je lebendiger die Beziehungen sind, aus denen, weil sie befleckt sind, eine edle Natur sich zurückziehen muß, da sie, ohne sich selbst zu verunreinigen, nicht darin bleiben könnte, desto größer ist ihr Unglück; dies Unglück aber ist weder ungerecht noch gerecht, es wird nur dadurch ihr Schicksal, daß sie mit eigenem Willen, mit Freiheit jene Beziehungen verschmäht; alle Schmerzen, die ihr daraus entstehen, sind alsdann gerecht und sind jetzt ihr unglückliches Schicksal, das sie selbst mit Bewußtsein gemacht hat, und ihre Ehre ist es, gerecht zu leiden, denn sie ist über diese Rechte so sehr erhaben, daß sie sie zu Feinden haben wollte. Und weil dies Schicksal in ihr selbst liegt, so kann sie [es] ertragen, ihm gegenüberstehen, denn ihre Schmerzen sind nicht eine reine Passivität, die Übermacht eines Fremden, sondern ihr eigenes Produkt.) Um sich zu retten, tötet der Mensch sich; um das Seinige nicht in fremder Gewalt zu sehen, nennt er es nicht mehr das Seinige, und so vernichtet er sich, indem er sich erhalten wollte, denn was unter fremder Gewalt wäre, wäre nicht mehr er, und es ist nichts, das nicht angegriffen und das nicht aufgegeben werden könnte.117)  Das Unglück kann so groß werden, daß ihn sein Schicksal, diese Selbsttötung in Verzichttun auf Leben so weit treibt, daß er sich ganz ins Leere zurückziehen muß. Indem sich aber so der Mensch das vollständigste Schicksal selbst gegenübersetzt, so hat er sich zugleich über alles Schicksal erhoben; das Leben ist ihm untreu geworden, aber er nicht dem Leben; er hat es geflohen, aber nicht verletzt, und er mag sich nach ihm, als einem abwesenden Freunde, sehnen, aber es kann ihn nicht als ein Feind verfolgen; und er ist auf keiner Seite verwundbar, wie die schamhafte Pflanze zieht er sich bei jeder Berührung in sich [zurück], und ehe er das Leben sich zum Feinde machte, ehe er ein Schicksal gegen sich aufreizte, entflieht er dem Leben; so verlangte Jesus von seinen Freunden, Vater, Mutter, alles zu verlassen, um nicht in einen Bund mit der entwürdigten Welt und so in die Möglichkeit eines Schicksals zu kommen. Ferner: Wer dir deinen Rock nimmt, dem gib auch den Mantel; wenn ein Glied dich ärgert, so haue es ab. Die höchste Freiheit ist das negative Attribut der Schönheit der Seele, d. h. die Möglichkeit, auf alles Verzicht zu tun, um sich zu erhalten. Wer aber sein Leben retten will, der wird es verlieren. So ist mit der höchsten Schuldlosigkeit die höchste Schuld, mit der Erhabenheit über alles Schicksal das höchste, unglücklichste Schicksal vereinbar. Ein Gemüt, das so über die Rechtsverhältnisse erhaben, von keinem Objektiven befangen ist, hat dem Beleidiger nichts zu verzeihen, denn dieser hat ihm kein Recht verletzt, denn es hat es aufgegeben, wie sein Objekt angetastet wurde. Es ist für die Versöhnung offen, denn es ist ihm möglich, sogleich jede lebendige Beziehung wieder aufzunehmen, in die Verhältnisse der Freundschaft, der Liebe wieder einzutreten, da es in sich kein Leben verletzt hat; von seiner eigenen Seite steht ihm in sich keine feindselige Empfindung im Wege, kein Bewußtsein, keine Forderung an den anderen, das verletzte Recht wiederherzustellen, kein Stolz, der vom anderen das Bekenntnis verlangte, in einer niedrigeren Sphäre, dem rechtlichen Gebiete, unter ihm gewesen zu sein. Die Verzeihung der Fehler, die Bereitwilligkeit, sich mit dem anderen zu versöhnen, macht Jesus so bestimmt zur Bedingung der Verzeihung für seine eigenen Fehler118) , der Aufhebung eines eigenen feindseligen Schicksals. Beides sind nur verschiedene Anwendungen desselben Charakters der Seele. In der Versöhnung gegen Beleidiger besteht das Gemüt nicht mehr auf der rechtlichen Entgegensetzung, die es gegen jenen erwarb, und indem es das Recht, als sein feindliches Schicksal, den bösen Genius des anderen aufgibt, versöhnt es sich mit ihm und hat für sich selbst ebensoviel im Gebiet des Lebens gewonnen, ebensoviel Leben, das ihm feindlich war, sich zum Freunde gemacht, das Göttliche mit sich versöhnt, und das durch eigene Tat gegen sich bewaffnete Schicksal ist in die Lüfte der Nacht zerflossen.

1/352 Außer dem persönlichen Haß, der aus der Beleidigung entspringt, die dem Individuum widerfahren ist, und welcher das daraus gegen den anderen erwachsene Recht in Erfüllung zu bringen strebt, außer diesem Haß gibt es noch einen Zorn der Rechtschaffenheit, eine hassende Strenge der Pflichtgemäßheit, welche nicht über eine Verletzung ihres Individuums, sondern über eine Verletzung ihrer Begriffe, der Pflichtgebote zu zürnen hat. Dieser rechtschaffene Haß, indem er Pflichten und Rechte für andere erkennt und setzt und im Urteilen über sie sie als denselben unterworfen darstellt, setzt eben diese Rechte und Pflichten für sich, und indem er in seinem gerechten Zorn über die Verletzer derselben ihnen ein Schicksal macht und ihnen nicht verzeiht, hat er damit auch sich selbst die Möglichkeit, Verzeihung für Fehler zu erhalten, mit einem Schicksal, das ihn darüber träfe, ausgesöhnt zu werden, benommen; denn er hat Bestimmtheiten befestigt, die ihm über seine Wirklichkeiten, über seine Fehler sich emporzuschwingen nicht erlauben. Hierher gehören die Gebote: Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet, denn mit welchem Maß ihr messet, wird euch wieder gemessen. Das Maß sind Gesetze und Rechte. Jenes Gebot kann doch nicht heißen: Was ihr anderen wider die Gesetze nachseht und erlaubt, das wird euch auch nachgesehen werden - ein Bund schlechter Menschen erteilt jedem Einzelnen die Erlaubnis, schlecht zu sein -, sondern: Hütet euch, das Rechttun und die Liebe als eine Abhängigkeit von Gesetzen und Gehorsam gegen Gebote zu nehmen und sie nicht als aus dem Lebendigen kommend zu betrachten. Ihr erkennt [sonst] eine Herrschaft über euch [an], über die ihr nichts vermögt, die stärker ist als ihr; eine Macht, die nicht ihr selbst seid. Ihr setzt für euch wie für andere vor der Tat ein Fremdes, ihr erhebt zu einem Absoluten ein Fragment des Ganzen des menschlichen Gemütes; stellt darin eine Herrschaft der Gesetze und Knechtschaft der Sinnlichkeit oder des Individuums auf und setzt auf diese Art Möglichkeit von Strafen, nicht eines Schicksals, jene von außen her, von einem Unabhängigen kommend, dieses durch eure Natur, obzwar als ein jetzt Feindseliges bestimmt, aber noch nicht über euch, sondern nur gegen euch.

1/353 Nicht nur ein Schicksal, in das der Mensch durch die Tat anderer verwickelt würde, wenn er den Fehdehandschuh aufnähme und sich in sein Recht gegen den Beleidiger setzte, wird abgewendet durch Aufgebung des Rechts und Festhalten an der Liebe; auch ein Schicksal, das er durch eigene Tat einer widerrechtlichen Lebensverletzung gegen sich erweckt hat, kann er durch die stärker werdende Liebe wieder zum Schlafe bringen. Die Strafe des Gesetzes ist nur gerecht; der gemeinsame Charakter, der Zusammenhang des Verbrechens und der Strafe ist nur Gleichheit, nicht Leben. Die gleichen Schläge, die der Verbrecher ausgeteilt hat, erfährt er wieder, gegen den Tyrannen stehen wieder Peiniger, gegen den Mörder Henker; und die Peiniger und die Henker, die dasselbe tun, was die Tyrannen und die Mörder taten, heißen darum gerecht, weil sie das gleiche tun; sie mögen es mit Bewußtsein als Rächer oder als blinde Werkzeuge tun, ihre Seele kommt nicht in Anschlag, nur ihre Tat. Von Versöhnung, von Wiederkehr zum Leben kann also bei der Gerechtigkeit nicht die Rede sein. Vor dem Gesetze ist der Verbrecher nichts als ein Verbrecher; aber so wie jenes ein Fragment der menschlichen Natur ist, also auch dieser; wäre jenes ein Ganzes, ein Absolutes, so wäre auch der Verbrecher nichts als ein Verbrecher. Auch in der Feindschaft des Schicksals wird gerechte Strafe empfunden. Aber da sie nicht von einem fremden Gesetze über den Menschen kommt, sondern aus dem Menschen erst das Gesetz und Recht des Schicksals entsteht, so ist die Rückkehr zu dem ursprünglichen Zustand, zur Ganzheit möglich, denn der Sünder ist mehr als eine existierende Sünde, ein Persönlichkeit habendes Verbrechen; er ist Mensch, Verbrechen und Schicksal ist in ihm, er kann wieder zu sich selbst zurückkehren, und wenn er zurückkehrt, [sind sie] unter ihm. Die Elemente der Wirklichkeit haben sich aufgelöst, Geist und Körper haben sich getrennt; die Tat besteht zwar noch, aber als ein Vergangenes, als ein Fragment, als tote Trümmer; derjenige Teil derselben, der böses Gewissen war, ist verschwunden; und die Erinnerung der Tat ist nicht mehr eine Anschauung seiner selbst; das Leben hat in der Liebe das Leben wiedergefunden. Zwischen Sünde und ihre Vergebung tritt sowenig als zwischen Sünde und Strafe ein Fremdes ein; das Leben entzweite sich mit sich selbst und vereinigte sich wieder.

1/354 Daß auch Jesus den Zusammenhang zwischen Sünde und Vergebung der Sünde, zwischen Entfremdung von Gott und Versöhnung mit ihm, nicht außer der Natur fand, kann vollständig erst späterhin gezeigt werden; hier kann immer so viel angeführt werden, daß er die Versöhnung in Liebe und Lebensfülle setzte und sich so bei jeder Veranlassung in wenig abwechselnder Form äußerte. Wo er Glauben fand, tat er kühn den Ausspruch: Dir sind deine Sünden vergeben. Dieser Ausspruch ist kein objektives Zernichten der Strafe, kein Zerstören des noch bestehenden Schicksals, sondern die Zuversicht, die im Glauben der ihn Fassenden sich selbst, ein ihm gleiches Gemüt erkannte, darin seine Erhebung über Gesetz und Schicksal las und ihm Vergebung der Sünden ankündigte; mit so vollem Zutrauen an einen Menschen, mit solcher Hingebung an ihn, mit der sich nichts zurückbehaltenden Liebe kann nur eine reine oder gereinigte Seele sich dem Reinen in die Arme werfen; und Glauben an Jesus heißt mehr, als seine Wirklichkeit wissen und die eigene an Macht und Stärke geringer fühlen und ein Diener sein; Glauben ist eine Erkenntnis des Geistes durch Geist, und nur gleiche Geister können sich erkennen und verstehen, ungleiche erkennen nur, daß sie nicht sind, was der andere ist; Verschiedenheit der Geistesmacht, der Grade der Kraft ist nicht Ungleichheit, der Schwächere aber hängt sich an den Höheren als ein Kind oder kann an ihn hinauferzogen werden. Solange er in einem anderen die Schönheit liebt und sie zwar in ihm, aber nicht entwickelt ist, d. h. daß er in Handlung und Tätigkeit noch nicht gegen die Welt ins Gleichgewicht und Ruhe gesetzt, daß er noch nicht zum festen Bewußtsein seines Verhältnisses zu den Dingen gekommen ist, so glaubt er nur noch, - so drückt sich Jesus Joh. 12, 36 aus: Bis ihr selbst das Licht habt, glaubet an das Licht, damit ihr selbst Söhne des Lichtes werdet. Von Jesus dagegen ist Joh. 2, 25 gesagt, daß er sich den Juden, die an ihn glaubten, nicht anvertraut habe, weil er sie kannte und weil er ihres Zeugnisses nicht bedurfte, sich nicht erst in ihnen erkannte.

Kühnheit, die Zuversicht der Entscheidung über die Fülle des Lebens, den Reichtum der Liebe liegt in dem Gefühle desjenigen, der die ganze Menschennatur in sich trägt; ein solches Gemüt bedarf der hochgerühmten profunden Menschenkennerei nicht, die für zerrissene Wesen, deren Natur eine große Mannigfaltigkeit, viele und verschiedenfarbige Einseitigkeiten ohne Einheit in sich schließt, freilich eine Wissenschaft von großem Umfang und großer Zweckmäßigkeit ist, denen aber das, was sie suchen, der Geist immer entschlüpft und nur Bestimmtheiten sich anbieten, - eine ganze Natur hat im Moment eine andere durchgefühlt und ihre Harmonie oder Disharmonie empfunden; daher der unbedenkliche zuversichtliche Ausspruch Jesu: Deine Sünden sind dir vergeben.

1/356 Im Geiste der Juden freilich stand zwischen Trieb und Handlung, Lust und Tat, zwischen Leben und Verbrechen und Verbrechen und Verzeihung eine unübersteigliche Kluft, ein fremdes Gericht; und wenn sie auf ein Band zwischen Sünde und Versöhnung im Menschen in der Liebe verwiesen wurden, mußte ihr liebeloses Wesen empört und ein solcher Gedanke, wenn ihr Haß die Form eines Urteils trug, für sie der Gedanke eines Wahnsinnigen sein. Denn sie hatten alle Harmonie der Wesen, alle Liebe, Geist und Leben einem fremden Objekte anvertraut, aller Genien, in denen die Menschen vereinigt sind, sich entäußert und die Natur in fremde Hände gelegt; was sie zusammenhielt, waren Ketten, Gesetze vom Mächtigeren gegeben; das Bewußtsein des Ungehorsams gegen den Herrn fand in der ausgestandenen Strafe oder Schuldbezahlung unmittelbar seine Befriedigung - böses Gewissen kannten sie nur als Furcht vor Strafe; denn als Bewußtsein seiner gegen sich selbst setzt es immer ein Ideal gegen die ihm nicht angemessene Wirklichkeit voraus; und das Ideal ist im Menschen, ein Bewußtsein seiner eigenen ganzen Natur; aber ihrer Dürftigkeit blieb in der Anschauung ihrer nichts übrig; allen Adel, alle Schönheit hatten sie verschenkt; ihre Armut mußte dem unendlich Reichen dienen, und [durch das,] was sie ihm für sich entwendeten, [wodurch sie] ein Gefühl der Selbstheit sich erstahlen, hatten sie, Menschen von bösem Gewissen, [zwar] ihre Wirklichkeit nicht wieder ärmer, sondern reicher gemacht, aber hatten dann den bestohlenen Herrn zu fürchten, der sie ihren Raub wieder bezahlen, opfern lassen und sie ins Gefühl ihrer Armut zurückschleudern würde. Nur durch Bezahlung an ihren allmächtigen Gläubiger wurden sie ihrer Schulden los, und wenn sie bezahlt hatten, besaßen sie doch wieder nichts.119)  - Eine schuldbewußte bessere Seele will mit dem Opfer nichts erkaufen, nicht den Raub zurückgeben, sondern in der freiwilligen Entbehrung, mit einer herzlichen Gabe, nicht im Gefühle der Pflicht und des Dienstes, sondern in brünstigem Gebete sich einem Reinen mit der Seele nahen, um, was sie in sich selbst nicht zum Bewußtsein bringen kann, in der Anschauung der ersehnten Schönheit ihr Leben zu stärken und freie Lust und Freude zu gewinnen; aber der Jude hatte in der Bezahlung seiner Schuld nur den Dienst, dem er entlaufen wollte, wieder aufgenommen und ging vom Altar mit dem Gefühle des mißlungenen Versuchs und der Wiederanerkennung seines knechtischen Joches. Versöhnung in der Liebe ist statt der jüdischen Rückkehr unter Gehorsam eine Befreiung, statt der Wiederanerkennung der Herrschaft die Aufhebung derselben in der Wiederherstellung des lebendigen Bandes, eines Geistes der Liebe, des gegenseitigen Glaubens, eines Geistes, der in Rücksicht auf Herrschaft betrachtet die höchste Freiheit ist; ein Zustand, der das unbegreiflichste Gegenteil des jüdischen Geistes ist.

Nachdem Petrus Jesum als eine göttliche Natur erkannt und dadurch sein Gefühl der ganzen Tiefe des Menschen, daß er einen Menschen als einen Gottessohn fassen konnte, bewiesen hatte, übergab ihm Jesus die Gewalt der Schlüssel des Himmelreichs; was er binden würde, sollte im Himmel gebunden, was er lösen würde, sollte im Himmel auch los sein. Da Petrus einmal das Bewußtsein eines Gottes gehabt hatte, so mußte er in jedem die Göttlichkeit oder Ungöttlichkeit seines Wesens oder sie als Gefühl derselben in einem Dritten, die Stärke des Glaubens oder Unglaubens erkennen können, der ihn von allem bleibenden Schicksal befreite, über die ewige unbewegliche Herrschaft und Gesetze erhöbe oder nicht, er mußte die Gemüter verstehen, ob ihre Taten vergangen sind oder ob sie noch, die Geister derselben, Schuld und Schicksal bestehen, er mußte binden, noch unter der Wirklichkeit des Verbrechens stehend, und lösen, über die Wirklichkeit desselben erhoben erklären können.

1/358 Auch ein schönes Beispiel einer wiederkehrenden Sünderin kommt in der Geschichte Jesu vor; die berühmte schöne Sünderin, Maria Magdalena. Es möge nicht übel gedeutet werden, wenn die in Zeit, Ort und anderen Umständen abweichenden Erzählungen, die auf verschiedene Begebenheiten deuten, hier nur als verschiedene Formen derselben Geschichte behandelt werden, da über die Wirklichkeit damit nichts gesprochen sein soll und an unserer Ansicht nichts verändert wird. Die schuldbewußte Maria hört, daß Jesus in dem Hause eines Pharisäers speise, in einer großen Versammlung rechtlicher, rechtschaffener Leute (honnêtes gens, die bittersten gegen die Fehler einer schönen Seele), ihr Gemüt treibt sie durch diese Gesellschaft zu Jesu, sie tritt hinten zu seinen Füßen, weinet und netzt seine Füße mit ihren Tränen und trocknet sie mit den Haaren ihres Hauptes, küßt sie und salbet sie mit Salben, mit unverfälschtem und köstlichem Nardenwasser. Die schüchterne, sich selbstgenügende stolze Jungfräulichkeit kann das Bedürfnis der Liebe nicht laut werden lassen, kann noch viel weniger bei der Ergießung der Seele (ihre Sünden sind, sich über das Rechtliche weggesetzt zu haben) den gesetzlichen Blicken rechtlicher Leute, der Pharisäer und der Jünger trotzen, aber eine tiefverwundete, der Verzweiflung nahe Seele muß sich und ihre Blödigkeit überschreien und, ihrem eigenen Gefühl der Rechtlichkeit zum Trotz, die ganze Fülle von Liebe geben und genießen, um [in] diesem innigen Genuß ihr Bewußtsein zu versenken. - Der rechtschaffene Simon fühlt im Angesicht dieser fließenden Tränen, dieser lebendigen, alle Schuld tilgenden Küsse, dieser Seligkeit der aus ihrem Erguß Versöhnung trinkenden Liebe nur die Unschicklichkeit, daß Jesus [sich] mit einer solchen Kreatur einlasse, er setzt dies Gefühl so sehr voraus, daß er es nicht ausdrückt, daß es [ihn] nicht beschäftigt, sondern sogleich kann er die Konsequenz ziehen, wenn Jesus ein Seher wäre, so würde er wissen, daß dies Weib eine Sünderin ist. Ihr sind die vielen Sünden vergeben, sagt Jesus, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenige vergeben werden, der hat wenig geliebt. - Bei Simon hatte nur seine Urteilskraft sich geäußert; bei den Freunden Jesu regt sich ein viel edleres, ein moralisches Interesse: das Wasser hätte wohl um dreihundert Groschen verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können; ihre moralische Tendenz, den Armen wohlzutun, ihre wohlberechnende Klugheit, ihre aufmerksame Tugend, mit Verstand verbunden, ist nur eine Roheit; denn sie faßten die schöne Situation nicht nur nicht, sie beleidigten sogar den heiligen Erguß eines liebenden Gemüts; warum bekümmert ihr sie? sagt Jesus, sie hat ein schönes Werk an mir getan; - und es ist das einzige, was in der Geschichte Jesu den Namen eines schönen führt; so unbefangen, so ohne Zweck irgendeiner Nutzanwendung in Tat oder Lehre äußert sich nur ein Weib voll Liebe. Wohl nicht um einer Eitelkeit willen, auch nicht um die Jünger auf den eigentlichen Standpunkt zu stellen, aber um Ruhe für die Situation zu gewinnen, muß Jesus ihnen eine Seite zuwenden, für die sie empfänglich sind, mit der er ihnen nicht das Schöne derselben erklären will. Er leitet eine Art von Verehrung seiner Person aus der Handlung ab. Gegen rohe Seelen muß man sich begnügen, nur eine Entweihung eines schönen Gemüts durch sie abzuwenden; es wäre vergebens, einer groben Organisation den feinen Duft des Geistes erklären zu wollen, dessen Anhauch für sie unempfindbar war. “Sie hat mich”, sagt Jesus, “im voraus auf mein Begräbnis gesalbt.” “Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebet. Gehe hin in Frieden, dein Glaube hat dich gerettet.” Wollte man sagen, es wäre besser gewesen, daß Maria in das Schicksal des Judenlebens sich gefügt hätte, ein Automat ihrer Zeit, rechtlich und gemein, ohne Sünde und ohne Liebe abgelaufen wäre? Ohne Sünde, denn die Zeit ihres Volkes war wohl eine von denen, in welcher das schöne Gemüt ohne Sünde nicht leben, aber zu dieser wie zu jeder anderen Zeit durch Liebe zum schönsten Bewußtsein zurückkehren konnte.

1/360 Die Liebe versöhnt aber nicht nur den Verbrecher mit dem Schicksal, sie versöhnt auch den Menschen mit der Tugend; d. h. wenn sie nicht das einzige Prinzip der Tugend wäre, so wäre jede Tugend zugleich eine Untugend. Der völligen Knechtschaft unter dem Gesetze eines fremden Herrn setzte Jesus nicht eine teilweise Knechtschaft unter einem eigenen Gesetze, den Selbstzwang der Kantischen Tugend entgegen, sondern120)  Tugenden ohne Herrschaft und ohne Unterwerfung, Modifikationen der Liebe; und müßten sie nicht als Modifikationen eines lebendigen Geistes angesehen werden, sondern wäre eine absolute Tugend, so würden unauflösbare Kollisionen durch die Mehrheit der Absoluten entstehen; und ohne jene Vereinigung in einem Geiste hat jede Tugend etwas Mangelhaftes; denn jede ist schon ihrem Namen nach eine einzelne, also eine beschränkte; die Umstände, unter denen sie möglich ist, die Objekte, die Bedingungen einer Handlung [sind] etwas Zufälliges; außer[dem] ist die Beziehung der Tugend auf ihr Objekt eine einzelne und schließt nicht nur Beziehungen derselben Tugend auf andere Objekte aus; so hat jede Tugend in ihrem Begriffe sowohl als auch in ihrer Tätigkeit ihre Grenze, die sie nicht überschreiten kann. Ist der Mensch von dieser bestimmten Tugend und handelt er auch jenseits der Grenze seiner Tugend, so kann er, indem er seiner Tugend getreu nur ein so tugendhafter Mann bleibt, nur lasterhaft handeln; wohnt in ihm aber auch die andere Tugend, die jenseits der Grenze der ersten ihr Gebiet hat, so kann man zwar sagen, die tugendhafte Gesinnung, für sich allein im Allgemeinen betrachtet, d. h. abstrahiert von den hier gesetzten Tugenden, komme nicht in Kollision, weil die tugendhafte Gesinnung nur eines ist; allein damit ist die Voraussetzung aufgehoben; und beide Tugenden gesetzt, so hebt die Übung der einen den Stoff und damit die Möglichkeit der Ausübung der anderen, die ebenso absolut ist, auf, und die gegründete Forderung der anderen ist abgewiesen. Ein Recht, das für die eine Beziehung aufgegeben wurde, kann es nicht mehr für die andere werden, oder wird es für die andere aufgespart, so muß die erste darben. Sowie sich die Mannigfaltigkeit der menschlichen Verhältnisse mehrt, wächst auch die Menge der Tugenden, damit die Menge der notwendigen Kollisionen und die Unmöglichkeit, sie zu erfüllen. Will der Vieltugendliche unter der Menge seiner Gläubiger, die er nicht alle befriedigen kann, eine Rangordnung machen, so erklärt er sich gegen die, die er hintansetzt, für nicht so schuldig als gegen andere, die er höhere nennt; Tugenden können also aufhören, absolute Pflicht zu sein, sie können sogar Laster werden. In dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und Menge der Tugenden bleibt nichts übrig als Verzweiflung der Tugend und Verbrechen der Tugend selbst. Nur wenn keine Tugend darauf Anspruch macht, in ihrer beschränkten Form fest und absolut zu bestehen, wenn sie darauf Verzicht tut, auch in dem Verhältnisse, in welchem sie allein eintreten kann, eintreten zu müssen; wenn der eine lebendige Geist allein nach dem Ganzen der gegebenen Verhältnisse, aber in völliger Unbeschränktheit, ohne durch ihre Mannigfaltigkeit zugleich geteilt zu werden, handelt, sich selbst beschränkt, dann bleibt nur die Vielseitigkeit der Verhältnisse, aber die Menge absoluter und unverträglicher Tugenden schwindet. Es kann hier nicht davon die Rede sein, daß bei allen Tugenden ein und ebenderselbe Grundsatz zum Grunde liegt, welcher immer derselbe [ist, aber] unter verschiedenen Verhältnissen in verschiedener Modifikation als eine besondere Tugend erscheint; denn eben darum, weil ein solches Prinzip ein Allgemeines und also ein Begriff ist, so muß unter bestimmten Verhältnissen notwendig die bestimmte Anwendung, eine bestimmte Tugend, eine gewisse Pflicht eintreten (die mannigfachen Verhältnisse als gegebene Wirklichkeiten, ebenso das Prinzip [als] die Regel für alle und also die Anwendungen des Prinzips auf die Wirklichkeiten, die mannigfaltigen Tugenden sind unwandelbar); in einer solchen Absolutheit des Bestehens zerstören sich die Tugenden gegenseitig. Die Einheit derselben durch die Regel ist nur scheinbar, weil sie nur ein Gedachtes ist und eine solche Einheit die Mannigfaltigkeit weder aufhebt noch vereinigt, sondern in ihrer ganzen Stärke bestehen läßt.

1/361 Ein lebendiges Band der Tugenden, eine lebendige Einheit ist eine ganz andere als die Einheit des Begriffs, sie stellt nicht für bestimmte Verhältnisse eine bestimmte Tugend auf, sondern erscheint auch im buntesten Gemische von Beziehungen unzerrissen und einfach; ihre äußere Gestalt kann sich auf die unendlichste Art modifizieren, sie wird nie zweimal dieselbe haben, und ihre Äußerung wird nie eine Regel geben können, denn sie hat nie die Form eines Allgemeinen gegen Besonderes. Wie die Tugend das Komplement des Gehorsams gegen die Gesetze ist, so ist die Liebe das Komplement der Tugenden; alle Einseitigkeiten, alle Ausschließungen, alle Schranken der Tugenden sind durch sie aufgehoben, es gibt keine tugendhaften Sünden oder sündigen Tugenden mehr, denn sie ist die lebendige Beziehung der Wesen selbst; in ihr sind alle Trennungen, alle beschränkten Verhältnisse verschwunden, so hören auch die Beschränkungen der Tugenden auf; wo bliebe für Tugenden Raum, wenn kein Recht mehr aufzugeben ist? Liebe, fordert Jesus, soll die Seele seiner Freunde sein: Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt; daran wird man erkennen, daß ihr meine Freunde seid.

1/363 Die Menschenliebe, die sich auf alle erstrecken soll, von denen man auch nichts weiß, die man nicht kennt, mit denen man in keiner Beziehung steht, diese allgemeine Menschenliebe ist eine schale, aber charakteristische Erfindung der Zeiten, welche nicht umhin können, idealische Forderungen, Tugenden gegen ein Gedankending aufzustellen, um in solchen gedachten Objekten recht prächtig zu erscheinen, da ihre Wirklichkeit so arm ist. - Die Liebe zu dem Nächsten ist Liebe zu den Menschen, mit denen man, so wie jeder mit ihnen, in Beziehung kommt. Ein Gedachtes kann kein Geliebtes sein. Freilich kann Liebe nicht geboten werden, freilich ist sie pathologisch, eine Neigung, - aber damit ist ihr von ihrer Größe nichts benommen, sie ist damit gar nicht herabgesetzt121) , daß ihr Wesen keine Herrschaft über ein ihr Fremdes ist; sie ist aber dadurch so wenig unter Pflicht und Recht, daß es vielmehr ihr Triumph ist, über nichts zu herrschen und ohne feindliche Macht gegen ein anderes zu sein; die Liebe hat gesiegt heißt nicht, wie die Pflicht hat gesiegt, sie hat die Feinde unterjocht, sondern sie hat die Feindschaft überwunden. Es ist der Liebe eine Art von Unehre, wenn sie geboten wird, daß sie, ein Lebendiges, ein Geist, mit Namen genannt wird; ihr Name, daß über sie reflektiert wird, und Aussprechen derselben ist nicht Geist, nicht ihr Wesen, sondern ihm entgegengesetzt, und nur als Namen, als Wort kann sie geboten, es kann nur gesagt werden: du sollst lieben; die Liebe selbst spricht kein Sollen aus; sie ist kein einer Besonderheit entgegengesetztes Allgemeines; nicht eine Einheit des Begriffs, sondern Einigkeit des Geistes, Göttlichkeit; Gott lieben ist sich im All des Lebens schrankenlos im Unendlichen fühlen; in diesem Gefühl der Harmonie ist freilich keine Allgemeinheit; denn in der Harmonie ist das Besondere nicht widerstreitend, sondern einklingend, sonst wäre keine Harmonie; und liebe deinen Nächsten als dich selbst heißt nicht, ihn so sehr lieben als sich selbst; denn sich selbst lieben ist ein Wort ohne Sinn; sondern: liebe ihn als [einen,] der du ist; ein Gefühl des gleichen, nicht mächtigeren, nicht schwächeren Lebens. Erst durch die Liebe wird die Macht des Objektiven gebrochen, denn durch sie wird dessen ganzes Gebiet gestürzt; die Tugenden setzten durch ihre Grenze außerhalb derselben immer noch ein Objektives, und die Vielheit der Tugenden eine um so größere unüberwindliche Mannigfaltigkeit des Objektiven; nur die Liebe hat keine Grenze; was sie nicht vereinigt hat, ist ihr nicht objektiv, sie hat es übersehen oder noch nicht entwickelt, es steht ihr nicht gegenüber.122)

Der Abschied, den Jesus von seinen Freunden nahm, war die Feier eines Mahls der Liebe; Liebe ist noch nicht Religion, dieses Mahl also auch keine eigentliche religiöse Handlung; denn nur eine durch Einbildungskraft objektivierte Vereinigung in Liebe kann Gegenstand einer religiösen Verehrung sein; bei einem Mahl der Liebe aber lebt und äußert sich die Liebe selbst; und alle Handlungen dabei sind nur Ausdrücke der Liebe; die Liebe selbst ist nur als Empfindung vorhanden, nicht zugleich als Bild; das Gefühl und die Vorstellung desselben sind nicht durch Phantasie vereinigt. Aber bei dem Mahle der Liebe kommt doch auch Objektives vor, an welches die Empfindung geknüpft, aber nicht in ein Bild vereinigt ist, und darum schwebt dies Essen zwischen einem Zusammenessen der Freundschaft und einem religiösen Akt, und dieses Schweben macht es schwer, seinen Geist deutlich zu bezeichnen. Jesus brach das Brot: Nehmet hin, dies ist mein Leib, für euch gegeben, tut’s zu meinem Gedächtnis; desselbigen gleichen nahm er den Kelch: Trinket alle daraus, es ist mein Blut des neuen Testaments, für euch und für viele zur Vergebung der Sünden vergossen; tut dies zu meinem Gedächtnis!

1/364 Wenn ein Araber eine Tasse Kaffee mit einem Fremden getrunken hat, so hat er damit einen Freundschaftsbund mit ihm gemacht. Diese gemeinschaftliche Handlung hat sie verknüpft, und durch diese Verknüpfung ist der Araber zu aller Treue und Hilfe gegen ihn verbunden. Das gemeinschaftliche Essen und Trinken ist hier nicht das, was man ein Zeichen nennt; die Verbindung zwischen Zeichen und Bezeichnetem ist nicht selbst geistig, Leben, es ist ein objektives Band; Zeichen und Bezeichnetes sind einander fremd, und ihre Verbindung ist außer ihnen nur in einem Dritten, eine gedachte. Mit jemand essen und trinken ist ein Akt der Vereinigung und eine gefühlte Vereinigung selbst, nicht ein konventionelles Zeichen; es wird gegen die Empfindung natürlicher Menschen sein, die Feinde sind, ein Glas Wein miteinander zu trinken, dem Gefühl der Gemeinschaft in dieser Handlung würde ihre sonstige Stimmung gegeneinander widersprechen.

1/367 Das gemeinschaftliche Nachtessen Jesu und seiner Jünger ist an sich schon ein Akt der Freundschaft; noch verknüpfender ist das feierliche Essen vom gleichen Brote, das Trinken aus dem gleichen Kelche; auch dies ist nicht ein bloßes Zeichen der Freundschaft, sondern ein Akt, eine Empfindung der Freundschaft selbst, des Geistes der Liebe. Aber das Weitere, die Erklärung Jesu: dies ist mein Leib, dies ist mein Blut, nähert die Handlung einer religiösen, aber macht sie nicht dazu; diese Erklärung und die damit verbundene Handlung der Austeilung der Speise und des Tranks macht die Empfindung zum Teil objektiv. Die Gemeinschaft mit Jesu, ihre Freundschaft untereinander und die Vereinigung derselben in ihrem Mittelpunkte, ihrem Lehrer, wird nicht bloß gefühlt; sondern indem Jesus das an alle auszuteilende Brot und Wein seinen für sie gegebenen Leib und Blut nennt, so ist die Vereinigung nicht mehr bloß empfunden, sondern sie ist sichtbar geworden, sie wird nicht nur in einem Bilde, einer allegorischen Figur vorgestellt, sondern an ein Wirkliches angeknüpft, in einem Wirklichen, dem Brote, gegeben und genossen. Einerseits wird also die Empfindung objektiv, andererseits aber ist dies Brot und Wein und die Handlung des Austeilens zugleich nicht bloß objektiv, es ist mehr in ihr, als gesehen wird; sie ist eine mystische Handlung; der Zuschauer, der ihre Freundschaft nicht gekannt und die Worte Jesu nicht verstanden hätte, hätte nichts gesehen als das Austeilen von etwas Brot und Wein und das Genießen derselben; so wie, wenn scheidende Freunde einen Ring brachen und jeder ein Stück behielt, der Zuschauer nichts sieht als das Zerbrechen eines brauchbaren Dinges und das Teilen in unbrauchbare, wertlose Stücke; das Mystische der Stücke hat er nicht gefaßt. So ist, objektiv betrachtet, das Brot bloßes Brot, der Wein bloßer Wein; aber beide sind auch noch mehr. Dieses Mehr hängt nicht mit den Objekten, als eine Erklärung, durch ein bloßes Gleichwie zusammen; gleichwie die vereinzelten Stücke, die ihr eßt, von einem Brote sind, der Wein, den ihr trinkt, aus dem gleichen Kelche ist, so seid ihr zwar Besondere, aber in der Liebe, im Geiste eins; gleichwie ihr alle teilnehmt an diesem Brot und Wein, so nehmt ihr auch alle an meiner Aufopferung teil; oder welche Gleichwie’s man darin finden mag; allein der Zusammenhang des Objektiven und des Subjektiven, des Brotes und der Personen ist nicht der Zusammenhang des Verglichenen mit einem Gleichnis, der Parabel, in welcher das Verschiedene, Verglichene als geschieden, als getrennt aufgestellt wird und nur Vergleichung, das Denken der Gleichheit Verschiedener gefordert wird; denn in dieser Verbindung fällt die Verschiedenheit weg, also auch die Möglichkeit der Vergleichung. Die Heterogenen sind aufs innigste verknüpft. In dem Ausdruck Joh. 6, 56: “Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, bleibt in mir, und ich in ihm”, oder Joh. 10, 7: “Ich bin die Tür” und ähnlichen harten Zusammenstellungen muß in der Vorstellung das Verbundene notwendig in verschiedene Verglichene getrennt und die Verbindung als eine Vergleichung angesehen werden. Hier aber werden (wie die mystischen Stücke des Rings) Wein und Brot mystische Objekte, indem Jesus sie seinen Leib und Blut nennt und ein Genuß, eine Empfindung unmittelbar sie begleitet; er zerbrach das Brot, gab es seinen Freunden: Nehmet, esset; dies ist mein Leib, für euch hingegeben; so auch den Kelch: Trinket alle daraus; dies ist mein Blut, das Blut des neuen Bundes, über viele ausgegossen zur Entlassung der Sünden. Nicht nur der Wein ist Blut, auch das Blut ist Geist; der gemeinschaftliche Becher, das gemeinschaftliche Trinken [ist] der Geist eines neuen Bundes, der viele durchdringt, in welchem viele Leben zur Erhebung über ihre Sünden trinken; und von diesem Gewächse des Weinstocks werde ich nicht mehr trinken, bis auf jenen Tag der Vollendung, wenn ich es mit euch neu, ein neues Leben in dem Reich meines Vaters mit euch trinken werde. Der Zusammenhang des ausgegossenen Blutes und der Freunde Jesu ist nicht, daß es als ein ihnen Objektives zu ihrem Besten, zu einem Nutzen für sie vergossen wäre, sondern (wie im Ausdruck: wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt) ist der Zusammenhang das Verhältnis des Weines zu ihnen, den alle aus demselben Kelche trinken, der für alle und derselbe ist; sie sind alle Trinkende, ein gleiches Gefühl ist in allen; vom gleichen Geiste der Liebe sind alle durchdrungen; wäre ein aus einer Hingebung des Leibes und Vergießung des Blutes entstandener Vorteil, Wohltat dasjenige, worin sie gleichgesetzt wären, so wären sie in dieser Rücksicht nur im gleichen Begriff vereinigt; indem sie aber das Brot essen und den Wein trinken, sein Leib und sein Blut in sie übergeht, so ist Jesus in allen, und sein Wesen hat sie göttlich, als Liebe durchdrungen. So ist das Brot und der Wein nicht bloß für den Verstand ein Objekt; die Handlung des Essens und Trinkens nicht bloß eine durch Vernichtung derselben mit sich geschehene Vereinigung, noch die Empfindung ein bloßer Geschmack der Speise und des Tranks; der Geist Jesu, in dem seine Jünger eins sind, ist für das äußere Gefühl als Objekt gegenwärtig, ein Wirkliches geworden. Aber die objektiv gemachte Liebe, dies zur Sache gewordene Subjektive kehrt zu seiner Natur wieder zurück, wird im Essen wieder subjektiv. Diese Rückkehr kann etwa in dieser Rücksicht mit dem im geschriebenen Worte zum Dinge gewordenen Gedanken verglichen werden, der aus einem Toten, einem Objekte, im Lesen seine Subjektivität wiedererhält. Die Vergleichung wäre treffender, wenn das geschriebene Wort aufgelesen [würde], durch das Verstehen als Ding verschwände; so wie im Genuß des Brots und Weins von diesen mystischen Objekten nicht bloß die Empfindung erweckt, der Geist lebendig wird, sondern sie selbst als Objekte verschwinden. Und so scheint die Handlung reiner, ihrem Zwecke gemäßer, indem sie nur Geist, nur Empfindung gibt und dem Verstand das Seinige raubt, die Materie, das Seelenlose zernichtet. Wenn Liebende vor dem Altar der Göttin der Liebe opfern und das betende Ausströmen ihres Gefühls ihr Gefühl zur höchsten Flamme begeistert, so ist die Göttin selbst in ihre Herzen eingekehrt - aber das Bild von Stein bleibt immer vor ihnen stehen; dahingegen im Mahl der Liebe das Körperliche vergeht und nur lebendige Empfindung vorhanden ist.

1/369 Aber gerade diese Art von Objektivität, die ganz aufgehoben wird, indem die Empfindung bleibt, diese Art mehr einer objektiven Vermischung als einer Vereinigung, daß die Liebe in etwas sichtbar, an etwas geheftet wird, das zernichtet werden soll, - ist es, was die Handlung nicht zu einer religiösen werden ließ. Das Brot soll gegessen, der Wein getrunken werden; sie können darum nichts Göttliches sein; was sie auf der einen Seite voraus haben, daß die Empfindung, die an sie geheftet ist, wieder von ihrer Objektivität zu ihrer Natur gleichsam zurückkehrt, das mystische Objekt wieder zu einem bloß Subjektiven wird, das verlieren sie eben dadurch, daß die Liebe durch sie nicht objektiv genug wird. Etwas Göttliches kann, indem es göttlich ist, nicht in der Gestalt eines zu Essenden und zu Trinkenden vorhanden sein. In der Parabel ist die Forderung nicht, daß die verschiedenen Zusammengestellten in eins gefaßt würden; hier aber soll das Ding und die Empfindung sich verbinden; in der symbolischen Handlung soll das Essen und Trinken - und das Gefühl des Einssein in Jesu Geist zusammenfließen; aber das Ding und die Empfindung, der Geist und die Wirklichkeit vermischen sich nicht; die Phantasie kann sie nie in einem Schönen zusammenfassen; das angeschaute und genossene Brot und Wein können nie die Empfindung der Liebe erwecken, und diese Empfindung kann sich nie in ihnen als angeschauten Objekten finden, so wie sie und das Gefühl des wirklichen Aufnehmens in sich, ihres Subjektivwerdens, des Essens und Trinkens [sich] widerspricht. Es ist immer zweierlei vorhanden, der Glaube und das Ding, die Andacht und das Sehen oder Schmecken; dem Glauben ist der Geist gegenwärtig, dem Sehen und Schmecken das Brot und der Wein; es gibt keine Vereinigung für sie. Der Verstand widerspricht der Empfindung, die Empfindung dem Verstande; für die Einbildungskraft, in welcher beide sind und aufgehoben sind, ist nichts zu tun; sie hat hier kein Bild zu geben, worin sich Anschauung und Gefühl vereinigte. In einem Apoll, einer Venus muß man wohl den Marmor, den zerbrechlichen Stein vergessen und sieht in ihrer Gestalt nur die Unsterblichen, und in ihrem Anschauen ist man zugleich von dem Gefühl ewiger Jugendkraft und der Liebe durchdrungen. Aber reibt die Venus, den Apoll zu Staub und sprecht: dies ist Apoll, dies Venus, so ist wohl der Staub vor mir und die Bilder der Götter in mir, aber der Staub und das Göttliche treten nimmer in eins zusammen. Das Verdienst des Staubes bestand in seiner Form, diese ist verschwunden, er ist jetzt die Hauptsache; das Verdienst des Brotes bestand in seinem mystischen Sinn, aber zugleich in seiner Eigenschaft, daß es Brot, eßbar ist, auch in der Verehrung soll es als Brot vorhanden sein. Vor dem zu Staub geriebenen Apoll bleibt die Andacht, aber sie kann sich nicht an den Staub wenden; der Staub kann an die Andacht erinnern, aber [sie] nicht auf sich ziehen; es entsteht ein Bedauern, dies ist die Empfindung dieser Scheidung, dieses Widerspruchs, wie die Traurigkeit bei der Unvereinbarkeit des Leichnams und der Vorstellung der lebendigen Kräfte. Nach dem Nachtmahl der Jünger entstand ein Kummer wegen des bevorstehenden Verlustes ihres Meisters, aber nach einer echt religiösen Handlung ist die ganze Seele befriedigt; und nach dem Genuß des Abendmahls unter den jetzigen Christen entsteht ein andächtiges Staunen ohne Heiterkeit, oder mit einer wehmütigen Heiterkeit, denn die geteilte Spannung der Empfindung und der Verstand waren einseitig, die Andacht unvollständig, es war etwas Göttliches versprochen, und es ist im Munde zerronnen.

Am interessantesten wird es sein, zu sehen, wie sich Jesus und was er unmittelbar dem Prinzip des Beherrschtwerdens und dem unendlichen Herrscher der Juden entgegenstellt; hier im Mittelpunkt ihres Geistes mußte der Kampf am hartnäckigsten sein; denn hier wurde ihr Alles in Einem angegriffen; der Angriff auf die einzelnen Zweige des Judengeistes trifft zwar auch das Prinzip, aber es ist noch nicht im Bewußtsein, daß dieses angegriffen ist; erst wenn immer mehr gefühlt wird, daß dem Streit um Einzelnes ein Widerstreit der Prinzipien selbst zum Grunde liegt, dann tritt Erbitterung ein; zwischen den Juden und Jesu kam bald seine Entgegensetzung gegen ihr Höchstes zur Sprache.

Der Idee der Juden von Gott als ihrem Herrn und Gebieter über sie setzt Jesus das Verhältnis Gottes zu den Menschen als eines Vaters gegen seine Kinder entgegen.

Moralität hebt die Beherrschung in den Kreisen des zum Bewußtsein Gekommenen, Liebe die Schranken der Kreise der Moralität auf; aber die Liebe selbst ist noch unvollständige Natur; in den Momenten der glücklichen Liebe ist kein Raum für Objektivität; aber jede Reflexion hebt die Liebe auf, stellt die Objektivität wieder her, und mit ihr beginnt wieder das Gebiet der Beschränkungen. Religiöses ist also das πλήϱωμα der Liebe (Reflexion und Liebe vereint, beide verbunden gedacht). Anschauung der Liebe scheint die Forderung der Vollständigkeit zu erfüllen, aber es ist ein Widerspruch, das Anschauende, Vorstellende ist ein Beschränkendes und nur Beschränktes Aufnehmendes, das Objekt aber wäre ein Unendliches; das Unendliche kann nicht in diesem Gefäße getragen werden.

1/371 Reines Leben123)  zu denken ist die Aufgabe, alle Taten, alles zu entfernen, was der Mensch war oder sein wird; Charakter abstrahiert nur von der Tätigkeit, er drückt das Allgemeine der bestimmten Handlungen aus; Bewußtsein reinen Lebens124)  wäre Bewußtsein dessen, was der Mensch ist, - in ihm gibt es keine Verschiedenheit, keine entwickelte, wirkliche Mannigfaltigkeit. Dies Einfache ist nicht ein negatives Einfaches, eine Einheit der Abstraktion (denn in der Einheit der Abstraktion ist entweder nur ein Bestimmtes gesetzt und von allen übrigen Bestimmtheiten abstrahiert, [oder] ihre reine Einheit ist nur die gesetzte Forderung der Abstraktion von allem Bestimmten; das negative Unbestimmte. Reines Leben ist Sein). Die Vielheit ist nichts Absolutes. - Dies Reine ist die Quelle aller vereinzelten Leben, der Triebe und aller Tat; aber so wie es ins Bewußtsein kommt, so wenn er daran glaubt, so ist es zwar noch lebendig im Menschen, aber außer dem Menschen zum Teil gesetzt; weil das Bewußtseiende insofern sich beschränkt, so kann es und das Unendliche nicht völlig in Einem sein. Nur dadurch kann der Mensch an einen Gott glauben, daß er von aller Tat, von allem Bestimmten zu abstrahieren vermag, aber die Seele jeder Tat, alles Bestimmten rein festhalten kann; worin keine Seele, kein Geist ist, darin ist nichts Göttliches; wer sich immer bestimmt fühlt, immer als dies oder jenes tuend oder leidend, so oder so handelnd, in dessen Abstraktion wird nicht das Begrenzte vom Geiste abgeschieden, sondern das Bleibende ist nur das Entgegengesetzte des Lebendigen, das herrschende Allgemeine; das Ganze der Bestimmtheiten fällt weg, und über diesem Bewußtsein der Bestimmtheiten [ist] nur die leere Einheit des Alls der Objekte, als herrschendes Wesen über dieselben. Diesem Unendlichen des Herrschens und Beherrschtwerdens kann nur das reine Gefühl des Lebens entgegengesetzt werden, es hat in sich selbst seine Rechtfertigung und seine Autorität; aber indem es als Gegensatz auftritt, tritt es als ein Bestimmtes in einem bestimmten Menschen auf, der den von Wirklichkeiten gebundenen und entweihten Augen nicht die Anschauung der Reinheit geben kann; in der Bestimmtheit, in der er erscheint, kann er sich nur auf seinen Ursprung, auf die Quelle, aus welcher jede Gestalt des beschränkten Lebens ihm fließt, kann der Mensch sich nicht auf das Ganze, das er jetzt ist, berufen als auf ein Absolutes; er muß an das Höhere, an den Vater appellieren, der unverwandelt in allen Verwandlungen lebt. Weil das Göttliche reines Leben ist, so muß notwendig, wenn von ihm und was von ihm gesprochen wird, nichts Entgegengesetztes in sich enthalten; und alle Ausdrücke der Reflexion über Verhältnisse des Objektiven oder über Tätigkeit wegen objektiver Behandlung desselben [müssen] vermieden werden; denn die Wirkung des Göttlichen ist nur eine Vereinigung der Geister; nur der Geist faßt und schließt den Geist in sich ein - Ausdrücke wie befehlen, lehren, lernen, sehen, erkennen, machen, Willen, (ins Himmelreich) kommen, gehen drücken nur Beziehungen von Objektivem aus, wenn es Aufnahme eines Objektiven in einen Geist ist. Über Göttliches kann darum nur in Begeisterung gesprochen werden. Die jüdische Bildung zeigt uns nur einen Kreis lebendiger Beziehungen zum Bewußtsein gekommen, und auch diese mehr in Form von Begriffen als Tugenden und Eigenschaften, welches um so natürlicher ist, da sie hauptsächlich nur Beziehungen zwischen Fremden, verschiedenen Wesen auszudrücken hatten, als Barmherzigkeit, Güte usw. Unter den Evangelisten spricht Johannes am meisten von dem Göttlichen und der Verbindung Jesu mit ihm; aber die an geistigen Beziehungen so arme jüdische Bildung nötigte ihn, für das Geistigste sich objektiver Verbindungen, einer Wirklichkeitssprache zu bedienen, die darum oft härter lautet, als wenn in dem Wechselstil Empfindungen sollten ausgedrückt werden. Das Himmelreich, in das Himmelreich hineingehen, ich bin die Tür, ich bin die rechte Speise, wer mein Fleisch ißt usw., in solche Verbindungen der dürren Wirklichkeit ist das Geistige hineingezwängt.

1/372 Man kann den Zustand der jüdischen Bildung nicht einen Zustand der Kindheit und ihre Sprache eine unentwickelte kindliche Sprache nennen; es sind noch einige tiefe, kindliche Laute in ihr aufbehalten oder vielmehr wieder hergestellt worden, aber die übrige schwere, gezwungene Art sich auszudrücken ist vielmehr eine Folge der höchsten Mißbildung des Volks, mit welcher ein reineres Wesen zu kämpfen hat und von welcher es leidet, wenn es sich in ihren Formen darstellen soll, welche es nicht entbehren kann, da es selbst zu diesem Volke gehört.

Der Anfang des Evangeliums des Johannes enthält eine Reihe thetischer Sätze, die in eigentlicherer Sprache über Gott und Göttliches sich ausdrücken; es ist die einfachste Reflexionssprache zu sagen: Im Anfang war der Logos, der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos; in ihm war Leben. Aber diese Sätze haben nur den täuschenden Schein von Urteilen, denn die Prädikate sind nicht Begriffe, Allgemeines, wie der Ausdruck einer Reflexion in Urteilen notwendig enthält; sondern die Prädikate sind selbst wieder Seiendes, Lebendiges; auch diese einfache Reflexion ist nicht geschickt, das Geistige mit Geist auszudrücken. Nirgend mehr als in Mitteilung des Göttlichen ist es für den Empfangenden notwendig, mit eigenem tiefen Geiste zu fassen; nirgend ist es weniger möglich zu lernen, passiv in sich aufzunehmen, weil unmittelbar jedes über Göttliches in Form der Reflexion Ausgedrückte widersinnig ist und die passive geistlose Aufnahme desselben nicht nur den tieferen Geist leer läßt, sondern auch den Verstand, der es aufnimmt und dem es Widerspruch ist, darum zerrüttet; diese immer objektive Sprache findet daher allein im Geiste des Lesers Sinn und Gewicht, und einen so verschiedenen, als verschieden die Beziehungen des Lebens und die Entgegensetzung des Lebendigen und des Toten zum Bewußtsein gekommen ist.

1/374 Von den zwei Extremen, den Eingang des Johannes aufzufassen, ist die objektivste Art, den Logos als ein Wirkliches, ein Individuum, die subjektivste Art, ihn als Vernunft zu nehmen; dort als ein Besonderes, hier als die Allgemeinheit; dort die eigenste, ausschließendste Wirklichkeit, hier das bloße Gedachtsein. Gott und Logos werden unterschieden, weil das Seiende in zweierlei Rücksicht betrachtet werden muß; denn die Reflexion supponiert das, dem sie die Form des Reflektierten gibt, zugleich als nicht reflektiert; einmal als das Einige, in dem keine Teilung, Entgegensetzung ist, und zugleich mit der Möglichkeit der Trennung, der unendlichen Teilung des Einigen; Gott und Logos sind nur insofern verschieden, als jener der Stoff in der Form des Logos ist; der Logos selbst ist bei Gott, sie sind Eins. Die Mannigfaltigkeit, die Unendlichkeit des Wirklichen ist die unendliche Teilung als wirklich, alles ist durch den Logos; die Welt ist nicht eine Emanation der Gottheit; denn sonst wäre das Wirkliche durchaus ein Göttliches; aber als Wirkliches ist es Emanation, Teil der unendlichen Teilung; zugleich aber [ist] im Teile (ἐν αὐτῳ fast besser auf das nächste οὐδὲ ἓν ὃ γέγονεν [bezogen]) oder in dem unendlich Teilenden (ἐν αὐτῳ auf λόγος bezogen) Leben; das Einzelne, Beschränkte als Entgegengesetztes, Totes ist zugleich ein Zweig des unendlichen Lebensbaumes; jeder Teil, außer dem das Ganze ist, ist zugleich ein Ganzes, ein Leben; und dies Leben wiederum auch als ein reflektiertes, auch in Rücksicht der Teilung, des Verhältnisses als Subjekt und als Prädikat, ist Leben (ζωή) und aufgefaßtes Leben (ϕως, Wahrheit). Diese Endlichen haben Entgegensetzungen; für das Licht gibt es Finsternis. Der Täufer Johannes war nicht das Licht; er zeugte nur von ihm; er fühlte das Einige, aber es kam nicht rein, nur in bestimmte Verhältnisse beschränkt zu seinem Bewußtsein; er glaubte daran, aber sein Bewußtsein war nicht gleich dem Leben; nur ein Bewußtsein, das dem Leben gleich und [welche] nur darin verschieden sind, daß dieses das Seiende, jenes dies Seiende als Reflektiertes ist, ist ϕως. Ungeachtet Johannes nicht selbst das ϕως war, so war es doch in jedem Menschen, der in die Menschenwelt tritt (ϰόσμος das Ganze der menschlichen Verhältnisse und menschlichen Lebens, beschränkter als πάντα V. 3 und ὃ γέγονεν). Nicht nur wie der Mensch in die Welt [tritt], ist er ϕωτιζόμενος; das ϕως ist auch in der Welt selbst, sie ist ganz. alle ihre Beziehungen, Bestimmungen sind das Werk des ἀνϑϱώπου ϕωτός, des sich entwickelnden Menschen, ohne daß die Welt, in der diese Verhältnisse leben, ihn, die zum Bewußtsein kommende ganze Natur erkennte, ohne daß sie ins Bewußtsein der Welt käme. Die Menschenwelt ist sein Eigenstes (ἵδιον), das ihm Verwandteste, und sie nehmen ihn nicht auf, sie behandeln ihn als fremd. Die aber in ihm sich erkennen, erhalten dadurch Macht, die nicht eine neue Kraft, ein Lebendiges ausdrückt, sondern nur den Grad, die Gleichheit oder Ungleichheit des Lebens; sie werden nicht ein anderes, aber sie erkennen Gott und sich als Kinder Gottes, als schwächer als er, aber von gleicher Natur, insofern sie sich jener Beziehung (ὄνομα) des ἀνϑϱώπου als bewußt werden, ihr Wesen in nichts Fremdem, sondern in Gott findend.

Bisher war nur von der Wahrheit selbst und dem Menschen im allgemeinen gesprochen; V. 14 erscheint der Logos auch in der Modifikation als Individuum; in welcher Gestalt er sich auch uns gezeigt hat (ἄνϑϱωπος ἐϱχόμενος εἰς ϰόσμον, anders ist nichts da, worauf das αὐτόν des V. 10 ff. gehen könnte); nicht bloß vom ϕως (V. 7), auch vom Individuum zeugte Johannes (V. 15).

Die Idee von Gott mag noch so sublimiert werden, so bleibt immer das jüdische Prinzip der Entgegensetzung des Gedankens gegen die Wirklichkeit, des Vernünftigen gegen das Sinnliche, die Zerreißung des Lebens, ein toter Zusammenhang Gottes und der Welt, eine Verbindung, die nur als lebendiger Zusammenhang genommen und bei welchem von den Verhältnissen der Bezogenen nur mystisch gesprochen werden kann.

1/376 Der am häufigsten vorkommende und bezeichnendste Ausdruck des Verhältnisses Jesu zu Gott ist, daß er sich Sohn Gottes nennt und sich als Sohn Gottes sich als dem Sohne des Menschen entgegensetzt. Die Bezeichnung dieses Verhältnisses ist einer der wenigen Naturlaute, der in der damaligen Judensprache zufällig übriggeblieben war und daher unter ihre glücklichen Ausdrücke gehört. Das Verhältnis eines Sohnes zum Vater ist nicht eine Einheit, ein Begriff, wie etwa Einheit, Übereinstimmung der Gesinnung, Gleichheit der Grundsätze und dergleichen, eine Einheit, die nur ein Gedachtes [ist] und vom Lebendigen abstrahiert, sondern lebendige Beziehung Lebendiger, gleiches Leben; nur Modifikationen desselben Lebens, nicht Entgegensetzung des Wesens, nicht eine Mehrheit absoluter Substantialitäten; also Gottes Sohn dasselbe Wesen, das der Vater ist, aber für jeden Akt der Reflexion, aber auch nur für einen solchen, ein besonderes. Auch im Ausdruck: ein Sohn des Stammes Koresch z. B., wie die Araber den Einzelnen, ein Individuum desselben bezeichnen, liegt es, daß dieser Einzelne nicht bloß ein Teil des Ganzen, das Ganze also nicht etwas außer ihm, sondern er selbst eben das Ganze ist, das der ganze Stamm ist. Es ist dies auch aus der Folge klar, die es bei einem solchen natürlichen ungeteilten Volke, auf ihre Art Krieg zu führen, hat, indem jeder Einzelne aufs grausamste niedergemacht wird; im jetzigen Europa hingegen, wo jeder Einzelne nicht das Ganze des Staates in sich trägt, sondern das Band nur ein Gedachtes, das gleiche Recht für alle ist, wird darum nicht gegen den Einzelnen, sondern gegen das außer jedem liegende Ganze Krieg geführt; wie bei jedem echt freien Volk, so ist bei den Arabern jeder ein Teil, aber zugleich das Ganze. Nur von Objekten, von Totem gilt es, daß das Ganze ein anderes ist als die Teile; im Lebendigen hingegen [ist] der Teil desselben ebensowohl und dasselbe Eins als das Ganze; wenn die besonderen Objekte als Substanzen, doch zugleich jedes mit seiner Eigenschaft als Individuum (in Zahlen) zusammengefaßt werden, so ist ihr Gemeinsames, die Einheit, nur ein Begriff, nicht ein Wesen, ein Seiendes; aber die Lebendigen sind Wesen als Abgesonderte, und ihre Einheit ist ebensowohl ein Wesen. Was im Reich des Toten Widerspruch ist, ist es nicht im Reich des Lebens. Ein Baum, der drei Äste hat, macht mit ihnen zusammen einen Baum; aber jeder Sohn des Baumes, jeder Ast (auch seine anderen Kinder, Blätter und Blüten) ist selbst ein Baum; die Fasern, die dem Aste Saft aus dem Stamme zuführen, sind von der gleichen Natur der Wurzeln; ein Baum, umgekehrt in die Erde gesteckt, wird aus den in die Luft gestreckten Wurzeln Blätter treiben, und die Zweige werden sich in die Erde einwurzeln - und es ist ebenso wahr, daß hier nur ein Baum ist, als daß es drei Bäume sind.

Diese Wesenseinheit des Vaters und des Sohnes in der Göttlichkeit fanden auch die Juden in dem Verhältnisse, das sich Jesus zu Gott gab; sie fanden (Joh. 5, 18), er mache sich selbst Gott gleich, indem er Gott seinen Vater nenne. Dem jüdischen Prinzip der Herrschaft Gottes konnte Jesus zwar die Bedürfnisse des Menschen entgegenstellen (wie das Bedürfnis, den Hunger zu befriedigen, der Feier des Sabbaths), aber auch dies nur im allgemeinen; die tiefere Entwicklung dieses Gegensatzes, etwa ein Primat der praktischen Vernunft, war nicht in der Bildung jener Zeiten; in seiner Entgegensetzung stand er vor den Augen nur als Individuum; den Gedanken dieser Individualität zu entfernen beruft sich Jesus, besonders bei Johannes, immer auf seine Einigkeit mit Gott, der dem Sohne Leben in sich selbst zu haben gegeben, wie der Vater selbst Leben in sich habe; daß er und der Vater eins sei, er sei Brot, vom Himmel herabgestiegen usw.: harte Ausdrücke (σϰληϱοὶ λόγοι), welche dadurch nicht milder werden, daß man sie für bildliche erklärt und ihnen, statt sie mit Geist als Leben zu nehmen, Einheiten der Begriffe unterschiebt; freilich sobald man Bildlichem die Verstandesbegriffe entgegensetzt und die letzteren zum Herrschenden annimmt, so muß alles Bild nur als Spiel, als Beiwesen von der Einbildungskraft ohne Wahrheit, beseitigt [werden], und statt des Lebens des Bildes bleibt nur Objektives.

1/379 Jesus nennt sich aber nicht nur Sohn Gottes, er nennt sich auch Sohn des Menschen; wenn Sohn Gottes eine Modifikation des Göttlichen ausdrückt, so wäre ebenso Sohn des Menschen eine Modifikation des Menschen; aber der Mensch ist nicht eine Natur, ein Wesen, wie die Gottheit, sondern ein Begriff, ein Gedachtes; und der Menschensohn heißt hier ein dem Begriffe Mensch Subsumiertes; Jesus ist Mensch, ist ein eigentliches Urteil, das Prädikat ist nicht ein Wesen, sondern ein Allgemeines. (ἄνϑϱωπος der Mensch; υἱὸς ἀνϑϱώπου ein Mensch.) Der Gottessohn ist auch Menschensohn; das Göttliche in einer besonderen Gestalt erscheint als ein Mensch; der Zusammenhang des Unendlichen und des Endlichen ist freilich ein heiliges Geheimnis, weil dieser Zusammenhang das Leben selbst ist; die Reflexion, die das Leben trennt, kann es in Unendliches und Endliches unterscheiden, und nur die Beschränkung, das Endliche für sich betrachtet gibt den Begriff des Menschen als dem Göttlichen entgegengesetzt; außerhalb der Reflexion, in der Wahrheit findet sie nicht statt. Diese Bedeutung des Menschensohns tritt da am hellsten hervor, wo der Menschensohn dem Gottessohn entgegengesetzt ist, wie Joh. 5, 26/27: “Wie der Vater Leben in sich selbst hat, so gab er auch dem Sohne, Leben in sich selbst zu haben; und er gab ihm auch die Macht, und Gericht zu halten, weil er Menschensohn ist.” Dann V. 22: “Der Vater richtet niemand, sondern hat das Richten dem Sohne übergeben.” Dagegen heißt es Joh. 3, 17 (Matth. 18, 11): “Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt geschickt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.” Richten ist nicht ein Akt des Göttlichen; denn das Gesetz, das im Richter ist, ist das den zu Richtenden entgegengesetzte Allgemeine, und das Richten ist ein Urteilen, ein Gleich- oder Ungleichsetzen, das Anerkennen einer gedachten Einheit oder einer unvereinbaren Entgegensetzung; der Gottessohn richtet, sondert, trennt nicht, hält nicht Entgegengesetztes in seiner Entgegensetzung; eine Äußerung, das Regen des Göttlichen ist kein Gesetzgeben, Gesetzaufstellen, kein Behaupten der Herrschaft des Gesetzes; sondern die Welt soll durch das Göttliche gerettet werden; auch retten ist ein Ausdruck, der nicht gut vom Geiste gebraucht wird; denn er bezeichnet die absolute Ohnmacht gegen die Gefahr, desjenigen, der in Gefahr schwebt; und die Rettung ist insofern die Handlung eines Fremden zu einem Fremden; und die Wirkung des Göttlichen kann nur insofern als Rettung genommen werden, als der Gerettete nur seinem vorhergehenden Zustande, nicht seinem Wesen fremd wird. - Der Vater richtet nicht; auch nicht der Sohn, der Leben in ihm selbst hat, insofern er eins ist mit dem Vater; aber zugleich hat er auch Macht erhalten und die Gewalt, Gericht zu machen, weil er Menschensohn ist; denn die Modifikation ist als solche, als ein Beschränktes der Entgegensetzung und der Trennung in Allgemeines und Besonderes fähig; in ihm findet Vergleichung in Rücksicht auf die Materie, Vergleichung der Kraft, also Macht statt, und in Rücksicht auf die Form, die Tätigkeit des Vergleichens der Begriff, das Gesetz und das Trennen oder Verbinden desselben mit einem Individuum, Urteilen und Gerichthalten. Zugleich aber könnte wieder der Mensch nicht richten, wenn er nicht ein Göttliches wäre; denn dadurch allein ist in ihm der Maßstab des Richtens, die Trennung möglich. In dem Göttlichen ist seine Macht zu binden und zu lösen gegründet. Das Richten selbst kann wieder von zweierlei Art sein, das Ungöttliche entweder nur in der Vorstellung oder in der Wirklichkeit zu beherrschen. Jesus sagt Joh. 3, 18/19: “Wer an den Gottessohn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht an ihn glaubt, ist schon gerichtet”, weil er diese Beziehung des Menschen zu Gott, seine Göttlichkeit, nicht erkannt hat; und: “ihr Gericht ist ihre größere Liebe selbst zur Finsternis als zur Wahrheit”. In ihrem Unglauben besteht also das Gericht selbst. Der göttliche Mensch naht sich dem Bösen nicht als eine es beherrschende, unterdrückende Gewalt, denn der göttliche Menschensohn hat zwar Macht erhalten, aber nicht Gewalt, er behandelt, bekämpft die Welt nicht in der Wirklichkeit; er bringt ihr ihr Gericht nicht als Bewußtsein einer Strafe bei. Was mit ihm nicht leben, nicht genießen kann, was sich abgesondert hat und getrennt steht, dessen selbstgesteckte Grenzen erkennt er als solche Beschränkungen, wenn sie schon vielleicht der höchste Stolz der Welt sind und von ihr nicht als Beschränkungen gefühlt werden und ihr Leiden für sie vielleicht nicht die Form des Leidens, wenigstens nicht die Form der rückwirkenden Beleidigung eines Gesetzes hat; ihr Unglauben aber ist es, was sie in eine tiefere Sphäre setzt, ihr eigenes Gericht, wenn sie sich in ihrem Unbewußtsein des Göttlichen, in ihrer Erniedrigung auch gefällt.

Das Verhältnis Jesu zu Gott als eines Sohnes zum Vater konnte, je nachdem der Mensch das Göttliche ganz außer sich setzt oder nicht, entweder als Erkenntnis oder mit dem Glauben gefaßt werden. Die Erkenntnis setzt für ihre Art, jenes Verhältnis aufzunehmen, zweierlei Naturen: eine menschliche und eine göttliche Natur, ein menschliches Wesen und ein göttliches Wesen, deren jedes Persönlichkeit, Substantialität hat und die in jeder Art von Beziehung zwei bleiben, weil sie als absolut Verschiedene gesetzt sind. Diejenigen, die diese absolute Verschiedenheit setzen und zugleich doch fordern, die Absoluten in der innigsten Beziehung als Eins zu denken, heben nicht in der Rücksicht den Verstand auf, daß sie etwas ankündigten, das außerhalb seines Gebietes wäre, sondern er ist es, dem sie zumuten, absolut verschiedene Substanzen aufzufassen und zugleich absolute Einheit derselben; sie zerstören ihn also, indem sie ihn setzen. Diejenigen, die die gegebene Verschiedenheit der Substantialitäten annehmen, aber ihre Einheit leugnen, sind konsequenter; zu jenem sind sie berechtigt, denn es wird gefordert, Gott und Mensch zu denken, und damit auch zu diesem, denn die Trennung zwischen Gott und Mensch aufzuheben wäre gegen das erste ihnen Zugemutete. Sie retten auf diese Art wohl den Verstand, aber wenn sie bei dieser absoluten Verschiedenheit der Wesen stehenbleiben, so erheben sie den Verstand, die absolute Trennung, das Töten, zum Höchsten des Geistes. Auf diese Art nahmen die Juden Jesum auf.

1/381 Wenn Jesus so sprach: der Vater ist in mir, ich im Vater, wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, wer den Vater kennt, der weiß, daß meine Rede Wahrheit ist, ich und der Vater sind [eins], - so klagten ihn die Juden der Gotteslästerung an, daß er, der [als] ein Mensch geboren sei, sich zum Gotte mache; wie hätten sie an einem Menschen etwas Göttliches erkennen sollen, sie, die Armen, die in sich nur das Bewußtsein ihrer Erbärmlichkeit und ihrer tiefen Knechtschaft, ihrer Entgegensetzung gegen das Göttliche, das Bewußtsein einer unübersteigbaren Kluft zwischen menschlichem und göttlichem Sein trugen. Der Geist erkennt nur den Geist; sie sahen in Jesu nur den Menschen, den Nazarener, den Zimmermannssohn, dessen Brüder und Verwandte unter ihnen lebten; soviel war er, mehr konnte er ja auch nicht sein, er war nur einer wie sie, und sie selbst fühlten daß sie Nichts waren. Am Haufen der Juden mußte sein Versuch scheitern, ihnen das Bewußtsein von etwas Göttlichem zu geben; denn der Glaube an etwas Göttliches, an etwas Großes kann nicht im Kote wohnen. Der Löwe hat nicht Raum in einer Nuß, der unendliche Geist nicht Raum in dem Kerker einer Judenseele, das All des Lebens nicht in einem dürrenden Blatte; der Berg und das Auge, das ihn sieht, sind Subjekt und Objekt, aber zwischen Mensch und Gott, zwischen Geist und Geist ist diese Kluft der Objektivität nicht; einer ist dem andern nur einer und ein anderer darin, daß er ihn erkennt. Ein Zweig der objektiven Annahme des Verhältnisses des Sohnes zum Vater oder vielmehr die Form derselben in Rücksicht des Willens ist in dem Zusammenhang, der bei Jesus zwischen der getrennten menschlichen und göttlichen Natur gedacht und verehrt wird, auch für sich selbst einen Zusammenhang mit Gott zu finden, eine Liebe zwischen ganz Ungleichen, eine Liebe Gottes zu dem Menschen zu hoffen, die höchstens ein Mitleiden sein könnte. Das Verhältnis Jesu als Sohnes zum Vater ist ein kindliches Verhältnis, denn der Sohn fühlt sich im Wesen, im Geiste eins mit dem Vater, der in ihm lebt, und hat keine Ähnlichkeit mit dem kindischen Verhältnisse, in welches sich der Mensch mit dem reichen Oberherrscher der Welt setzen möchte, dessen Leben er sich völlig fremd fühlt und mit dem er nur durch die geschenkten Dinge, durch die Brocken, die von des Reichen Tische fallen, zusammenhängt.

1/382 Das Wesen des Jesus, als ein Verhältnis des Sohnes zum Vater, kann in der Wahrheit nur mit dem Glauben aufgefaßt werden, und Glauben an sich forderte Jesus von seinem Volke. Dieser Glaube charakterisiert sich durch seinen Gegenstand, das Göttliche; der Glaube an Wirkliches ist eine Erkenntnis irgendeines Objektes, eines Beschränkten; und so wie ein Objekt ein anderes ist als Gott, so sehr ist diese Erkenntnis verschieden von dem Glauben an das Göttliche. “Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn in Geist und Wahrheit anbeten.” Wie könnte dasjenige einen Geist erkennen, was nicht selbst ein Geist wäre? Die Beziehung eines Geistes zu einem Geiste ist Gefühl der Harmonie, ihre Vereinigung; wie könnte Heterogenes sich vereinigen? Glauben an Göttliches ist nur dadurch möglich, daß im Glaubenden selbst Göttliches ist, welches in dem, woran es glaubt, sich selbst, seine eigene Natur wiederfindet, wenn es auch nicht das Bewußtsein hat, daß dies Gefundene seine eigene Natur wäre. Denn in jedem Menschen selbst ist das Licht und Leben, er ist das Eigentum des Lichts; und er wird von einem Lichte nicht erleuchtet wie ein dunkler Körper, der nur fremden Glanz trägt, sondern sein eigener Feuerstoff gerät in Brand und ist eine eigene Flamme. Der Mittelzustand zwischen der Finsternis, dem Fernsein von dem Göttlichen, dem Gefangenliegen unter der Wirklichkeit, - und einem eigenen ganz göttlichen Leben, einer Zuversicht auf sich selbst, ist der Glaube an das Göttliche; er ist das Ahnen, das Erkennen des Göttlichen und das Verlangen der Vereinigung mit ihm, die Begierde gleichen Lebens; aber er ist noch nicht die Stärke des Göttlichen, das alle Fäden seines Bewußtseins durchdrungen, alle seine Beziehungen zu der Welt berichtigt hat, in seinem ganzen Wesen weht. Der Glaube an das Göttliche stammt also aus der Göttlichkeit der eigenen Natur; nur die Modifikation der Gottheit kann sie erkennen. Als Jesus seine Jünger fragte: wer, sagen die Menschen, daß ich, der Menschen Sohn, sei?, erzählten seine Freunde die Meinungen der Juden, welche, auch indem sie ihn verklärten, ihn über die Wirklichkeit der Menschenwelt hinaufsetzten, doch nicht aus der Wirklichkeit herausgehen konnten, sondern in ihm nur [ein] Individuum sahen, das sie auf eine unnatürliche Art mit ihm verbanden. Als aber Petrus seinen Glauben an den Menschensohn, daß er in ihm den Sohn Gottes erkenne, ausgesprochen hatte, so preist ihn Jesus selig, ihn den Simon, den Sohn des Jona, was er für die anderen Menschen war, den Menschensohn; denn der Vater im Himmel habe ihm dies geoffenbart. Einer Offenbarung bedurfte es nicht zu einer bloßen Erkenntnis von göttlicher Natur; ein großer Teil der Christenheit lernt diese Erkenntnis; den Kindern werden Schlüsse aus den Wundern usw. gegeben, daß Jesus Gott sei; man kann dieses Lernen, dies Empfangen dieses Glaubens keine göttliche Offenbarung nennen; Befehl und Prügel tun’s hier. “Mein Vater im Himmel hat es dir geoffenbart”; das Göttliche, das in dir ist, hat mich als Göttliches erkannt; du hast mein Wesen verstanden, es hat in dem deinigen wiedergetönt. Den unter den Menschen als Simon, Sohn des Jona Gangbaren macht er zu Petrus, zum Felsen, der seine Gemeine gründen werde; er setzt ihn nun in seine eigene Macht ein, zu binden und lösen; eine Macht, die nur einer das Göttliche rein in sich tragenden Natur zukommen kann, um jede Entfernung von ihm zu erkennen; es ist nunmehr kein anderes Urteil im Himmel als das deinige, was du auf Erden als frei oder gebunden erkennst, ist es auch vor den Augen des Himmels. Nun erst wagt es Jesus, seinen Jüngern von seinem bevorstehenden Schicksale zu sprechen; aber das Bewußtsein des Petrus von der Göttlichkeit seines Lehrers charakterisiert sich sogleich nur als Glauben, der zwar das Göttliche gefühlt, aber noch nicht eine Erfüllung des ganzen Wesens durch dasselbe, noch kein Empfangen des heiligen Geistes ist.

1/383 Es ist eine oft wiederkehrende Vorstellung, daß der Glaube der Freunde Jesu an ihn Gott zugeschrieben wird; besonders Joh. 17 nennt er sie oft die ihm von Gott Gegebenen, so wie Joh. 6, 29 ein Werk Gottes, eine göttliche Wirkung, an ihn zu glauben; ein göttliches Wirken ist ganz etwas anderes als ein Lernen und Unterrichtetwerden. Joh. 6, 65: “Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben ist.”

1/386 Dieser Glaube ist aber nur die erste Stufe der Beziehung mit Jesu, die in ihrer Vollendung so innig vorgestellt wird, daß seine Freunde eins seien mit ihm. “Bis sie selbst das Licht haben, sollen sie an das Licht glauben, daß sie Söhne des Lichtes werden.” (Joh. 12, 36.) Zwischen denen, die nur erst den Glauben an das Licht haben, und denen, die selbst Kinder des Lichts sind, ist der Unterschied wie zwischen dem Täufer Johannes, der nur vom Lichte zeugte, und Jesus, einem individualisierten Licht. Wie Jesus ewiges Leben in sich hat, so sollen auch die Gläubigen an ihn (Joh. 6, 40) zum unendlichen Leben gelangen. Am klarsten ist die lebendige Vereinigung Jesu in seinen letzten Reden bei Johannes dargestellt, sie in ihm und er in ihnen; sie zusammen Eins; er der Weinstock, sie die Ranken; in den Teilen dieselbe Natur, das gleiche Leben, das im Ganzen ist. Diese Vollendung seiner Freunde ist es, worum Jesus seinen Vater bittet und die er ihnen verheißt, wenn er von ihnen entfernt sein werde. Solange er unter ihnen lebte, blieben sie nur Gläubige; denn sie beruhten nicht auf sich selbst; Jesus war ihr Lehrer und Meister, ein individueller Mittelpunkt, von dem sie abhingen; sie hatten noch nicht eigenes, unabhängiges Leben; der Geist Jesu regierte sie; aber nach seiner Entfernung fiel auch diese Objektivität, diese Scheidewand zwischen ihnen und Gott; und der Geist Gottes konnte dann ihr ganzes Wesen beleben. Wenn Jesus (Joh. 7, 38/39) sagt: “Wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme des Lebens quellen”, so macht Johannes die Anmerkung, daß dies erst von der noch künftigen durchgängigen Belebung durch den heiligen Geist gemeint gewesen sei, den sie noch nicht empfangen hatten, weil Jesus noch nicht verklärt war. Es muß aller Gedanke einer Verschiedenheit des Wesens Jesu und derer, in denen der Glaube an ihn zum Leben geworden, in denen selbst das Göttliche ist, entfernt werden; wenn Jesus so häufig von sich als einer eminenten Natur spricht, so geschieht dies im Gegensatz gegen die Juden; von diesen trennt er sich und erhält dadurch die Gestalt eines Individuums auch in Ansehung des Göttlichen. Ich bin die Wahrheit und das Leben; wer an mich glaubt - dies beständige, einförmige Vorschieben des Ichs bei Johannes ist wohl eine Absonderung seiner Persönlichkeit gegen den jüdischen Charakter; aber sosehr [er] gegen diesen Geist sich zum Individuum macht, ebensosehr hebt er alle göttliche Persönlichkeit, göttliche Individualität gegen seine Freunde auf, mit denen er nur eins sein will, die in ihm eins sein sollen. Johannes sagt (2, 25) von Jesus, er wußte, was im Menschen war; und der treueste Spiegel seines schönen Glaubens an die Natur sind seine Reden beim Anblick unverdorbener Natur (Matth. 18, 1 ff.); wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das göttliche Reich kommen; der Kindlichste ist der größte in der himmlischen Welt; und wer ein solch Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich in sich auf, wer in ihm sein reines Leben zu fühlen, das Heilige seiner Natur zu erkennen fähig ist, der hat mein Wesen gefühlt; wer diese heilige Reinheit besudelt, dem wäre es gut, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und daß er im tiefsten Meere ersäuft würde. O der schmerzlichen Notwendigkeit solcher Verletzungen des Heiligen! Der tiefste, heiligste Kummer einer schönen Seele, ihr unbegreiflichstes Rätsel, daß die Natur zerstört, das Heilige verunreinigt werden muß! Wie dem Verstande das Göttliche und das Einssein mit Gott das Unbegreiflichste ist, so ist es dem edlen Gemüte die Entfernung von Gott -: Sehet zu, verachtet nicht eines dieser Kleinen, denn ich sage euch, ihre Engel in den Himmeln, beständig schauen sie das Angesicht meines Vaters im Himmel. Unter den Engeln der Kinder können keine objektiven Wesen verstanden werden; denn (um einen Grund ad hominem anzugeben) auch die Engel der anderen Menschen müßte man als in der Anschauung Gottes lebend denken. In der Engel Anschauen Gottes ist sehr glücklich viel vereinigt; das Bewußtlose, die unentwickelte Einigkeit, das Sein und Leben in Gott ist, weil es als eine Modifikation der Gottheit in den existierenden Kindern soll vorgestellt werden, von Gott getrennt; aber ihr Sein, ihr Tun ist eine ewige Anschauung desselben. Um den Geist, das Göttliche, außer seiner Beschränkung und die Gemeinschaft des Beschränkten mit dem Lebendigen darzustellen, trennt Platon das reine Lebendige und das Beschränkte durch die Verschiedenheit der Zeit, er läßt die reinen Geister ganz in der Anschauung des Göttlichen gelebt haben und sie im späteren Erdenleben nur mit verdunkeltem Bewußtsein jenes Himmlischen dieselben sein. Auf eine andere Art trennt und vereinigt hier Jesus die Natur, das Göttliche des Geistes und die Beschränkung - als Engel ist der kindliche Geist nicht als ohne alle Wirklichkeit, ohne Existenz in Gott, sondern zugleich als Söhne Gottes, als Besondere dargestellt. Die Entgegensetzung des Anschauenden und des Angeschauten, daß sie Subjekt und Objekt sind, fällt in der Anschauung selbst weg; ihre Verschiedenheit ist nur eine Möglichkeit der Trennung; ein Mensch, der ganz in die Anschauung der Sonne versunken wäre, wäre nur ein Gefühl des Lichts, ein Lichtgefühl als Wesen. Der ganz in der Anschauung eines anderen Menschen lebte, wäre ganz dieser andere selbst, nur mit der Möglichkeit, ein anderer zu sein. - Was aber verloren ist, was sich entzweit hat, wird durch die Rückkehr zur Einigkeit, zum Werden wie Kinder wieder gewonnen; was aber diese Wiedervereinigung von sich stößt, fest gegen sie hält, das hat sich abgesondert, das sei euch fremd, mit dem ihr nichts gemein habt, und mit wem ihr die Gemeinschaft aufhebt, was ihr unter seiner Absonderung gebunden erklärt, ist es auch im Himmel; was ihr aber löset, für frei und damit für vereinigt erklärt, ist auch im Himmel frei, in ihm eins, schaut die Gottheit nicht an. In einer anderen Gestalt stellt Jesus (V. 19) diese Einigkeit dar; wo zwei eurer auf etwas einig seid, darum zu bitten, wird es euch der Vater geschehen lassen. Die Ausdrücke: bitten, gewähren, beziehen sich eigentlich auf Vereinigung über Objekte (πϱάγματα), für eine solche nur hat die jüdische Wirklichkeitssprache Ausdrücke. Das Objekt kann aber hier nichts anderes sein als nur die reflektierte Einigkeit (die συμϕωνία των δυοιν ἢ τϱιων), als Objekt ist es ein Schönes, subjektiv die Vereinigung; denn in eigentlichen Objekten können Geister nicht einig sein. Das Schöne, eine Einigkeit eurer zwei oder drei, ist es auch in der Harmonie des Ganzen, ist ein Laut, Einklang in dieselbe, und ist von ihr gewährt, es ist, weil es in ihr ist, weil es ein Göttliches ist; und mit dieser Gemeinschaft mit dem Göttlichen sind die Einigen zugleich in der Gemeinschaft des Jesus; wo zwei oder drei vereinigt sind in meinem Geiste (εἰς τὸ ὄνομά μου, wie Matth. 10, 41) in der Rücksicht, in der mir Sein und ewiges Leben zukommt, in der ich bin, bin ich in ihrer Mitte, so ist mein Geist. - So bestimmt erklärt sich Jesus gegen Persönlichkeit, gegen eine seinen vollendeten Freunden entgegengesetzte Individualität seines Wesens (gegen den Gedanken eines persönlichen Gottes), von welcher der Grund eine absolute Besonderheit seines Seins gegen sie wäre. Ein Ausdruck über die Vereinigung Liebender (Matth. 19, 5) gehört auch hierher; die zwei, Mann und Weib, werden eins sein; so daß sie nun nicht mehr zwei sind, was also Gott vereinigt hat, soll der Mensch nicht trennen, sollte sich diese Vereinigung nur auf die ursprüngliche Bestimmung des Mannes und des Weibs füreinander beziehen, so paßte dieser Grund nicht gegen Scheidung der Ehe, denn durch die Scheidung wird jene Bestimmung, die Vereinigung des Begriffs nicht aufgehoben, welcher bliebe, wenn auch eine lebendige Vereinigung zertrennt wird; von einer solchen ist gesagt, daß sie eine Wirkung Gottes, ein Göttliches ist.

1/388 Da Jesus mit dem ganzen Genius seines Volks in den Kampf trat und mit seiner Welt durchaus gebrochen hatte, so konnte die Vollendung seines Schicksals keine andere sein, als durch den feindlichen Genius des Volks erdrückt zu werden; die Verherrlichung des Menschensohnes in diesem Untergange ist nicht das Negative, alle Beziehungen an sich mit der Welt aufgegeben zu haben, sondern das Positive, der unnatürlichen Welt seine Natur versagt und sie lieber im Kampf und Untergang gerettet, als sich entweder mit Bewußtsein unter die Verdorbenheit gebeugt oder ohne Bewußtsein von ihr beschlichen in ihr sich fortgewälzt zu haben. Jesus hatte das Bewußtsein der Notwendigkeit des Untergangs seines Individuums und suchte auch seine Jünger von ihr zu überzeugen. Aber sie konnten ihr Wesen nicht von seiner Person trennen; sie waren nur noch Glaubende; als Petrus eben im Menschensohn das Göttliche anerkannt hatte, glaubte Jesus seine Freunde fähig zu sein, ihre Absonderung von ihm ins Bewußtsein zu bringen und ihren Gedanken zu tragen; er sprach ihnen also, unmittelbar nachdem er von Petrus seinen Glauben gehört hatte, davon; aber in dem Erschrecken des Petrus darüber zeigte sich der Abstand des Glaubens von der Vollendung. Erst nach der Entfernung seines Individuums konnte ihre Abhängigkeit davon aufhören und eigener Geist oder der göttliche Geist in ihnen selbst bestehen; “es ist euch nützlich, daß ich weggehe”, sagt Jesus Joh. 16, 7, “denn wenn ich nicht abginge, so käme der Tröster nicht zu euch; der Geist der Wahrheit (Joh. 14, 16 ff.), den die Welt nicht aufnehmen kann, weil sie ihn nicht erkennt; so lasse ich euch nicht als Waisen zurück, ich komme zu euch, und ihr werdet mich schauen, daß ich lebe und daß auch ihr lebt.” Wenn ihr das Göttliche nicht mehr nur außer euch, nur in mir schaut, sondern selbst Leben in euch habt, dann wird es auch in euch zum Bewußtsein kommen (Joh. 15, 27), daß ihr von Anbeginn mit mir seid, daß unsere Naturen eins sind in der Liebe und in Gott. Der Geist wird euch in alle Wahrheit leiten (Joh. 16, 13) und euch alles in Erinnerung bringen, was ich euch sagte; er ist ein Tröster; wenn Trost geben die Aussicht auf ein gleiches oder größeres Gut, als das verlorene ist, geben heißt, so seid ihr nicht als Waisen zurückgelassen, denn soviel ihr mit mir zu verlieren glaubt, so viel werdet ihr in euch selbst empfangen.

Das Individuum setzt Jesus auch Matth. 12, 31 ff. gegen den Geist des Ganzen; wer einen Menschen (mich als Menschensohn) lästert, dem kann diese Sünde verziehen werden; wer aber den Geist selbst, das Göttliche lästert, dessen Sünde wird nicht in dieser noch in der kommenden Zeit vergeben. - Aus dem Überflusse des Herzens (V. 34) spricht der Mund, aus dem Reichtum eines guten Geistes gibt der Gute Gutes, aus dem bösen Geist gibt der Böse Böses. - Wer das Einzelne lästert, mich als Individuum, der schließt sich nur von mir aus, nicht von der Liebe; wer sich aber vom Göttlichen absondert, die Natur selbst, den Geist in ihr lästert, dessen Geist hat sich das Heilige in sich zerstört; und er ist darum unfähig, seine Trennung aufzuheben und sich zur Liebe, zum Heiligen zu vereinigen. Durch ein Zeichen könntet ihr erschüttert werden, aber die verlorene Natur stellte sich darum nicht in euch her; die Eumeniden eures Wesens könnten erschreckt werden, aber die Leere, die die vertriebenen Dämonen euch zurückließen, würde nicht von der Liebe erfüllt, sondern sie zöge eure Furien wieder zurück, die nun verstärkt durch euer Bewußtsein selbst, daß sie Furien der Hölle sind, eure Zerstörung vollendeten.

1/389 Die Vollendung des Glaubens, die Rückkehr zur Gottheit aus der der Mensch geboren ist, schließt den Zirkel seiner Entwicklung. Alles lebt in der Gottheit, alle Lebendigen sind ihre Kinder, aber das Kind trägt die Einigkeit, den Zusammenhang, den Einklang in die ganze Harmonie unzerstört, aber unentwickelt in sich; es beginnt mit dem Glauben an Götter außer sich, mit der Furcht, bis es selbst immer mehr gehandelt, getrennt hat, aber in den Vereinigungen zur ursprünglichen, aber nun entwickelten, selbstproduzierten, gefühlten Einigkeit zurückkehrt und die Gottheit erkennt, d. h. der Geist Gottes in ihm ist, aus seinen Beschränkungen tritt, die Modifikation aufhebt und das Ganze wiederherstellt. Gott, der Sohn, der heilige Geist! - Lehret alle Völker (sind die letzten Worte des verklärten Jesus, Matth. 28, 19), indem ihr sie in diese Beziehungen der Gottheit, in das Verhältnis des Vaters, des Sohnes und des heiligenGeistes eintaucht. Schon aus der Stellung der Worte erhellt, daß unter dem Eintauchen nicht ein Tauchen in Wasser, eine sogenannte Taufe gemeint ist, bei welcher ein Aussprechen von einigen Worten wie von einer Zauberformel stattfinden sollte; dem μαϑητεύειν ist durch seinen Zusatz auch der Begriff des eigentlichen Lehrens genommen; Gott kann nicht gelehrt, nicht gelernt werden, denn er ist Leben und kann nur mit Leben gefaßt werden. - Erfüllt sie [sc. alle Völker] mit der Beziehung (ὄνομα wie Matth. 10, 41: wer einen Propheten aufnimmt εἰς ὄνομα πϱοϕήτου, insofern er ein Prophet -) des Einigen, der Modifikation (Trennung) und der entwickelten Wiedervereinigung in Leben und Geist (nicht im Begriff). Matth. 21, 25 fragt Jesus: woher war das βάπτισμα des Johannes? aus dem Himmel oder aus Menschen? βάπτισμα die ganze Weihe des Geistes und Charakters, wobei an das Eintauchen in Wasser, aber als Nebensache, auch gedacht werden kann; aber Mark. 1, 4 fällt der Gedanke an diese Form der Aufnahme des Johannes in seinen Geistesbund ganz weg; Johannes, heißt es, verkündigte das βάπτισμα der Sinnesänderung zur Sündenerlassung; in V. 8 sagt Johannes: ich taufte euch in Wasser; er aber wird in heiligen Geist und in Feuer (Luk. 3, 16) eintauchen (ἐν πνεύματι ἁγίῳ ϰαὶ πυϱί, wie Matth. 12, 24 ff. ἐν πνεύματι ϑεου ἐϰβάλλω τὰ δαιμόνια, im Geist Gottes, als eins mit Gott), er wird euch mit Feuer und göttlichem Geist umdrängen und erfüllen; denn derjenige, der ἐν πνεύματι (Mark. 1, 8), selbst erfüllt von Geiste, andere weiht, weiht sie auch εἰς πνευμα, εἰς ὄνομα (Matth. 28, 19); was sie empfangen, was in ihnen wird, ist nicht ein Anderes, als in ihm ist.

1/391 Die Gewohnheit des Johannes (von Jesu ist keine solche Handlung bekannt), die zu seinem Geist Erzogenen in Wasser unterzutauchen, ist eine bedeutende symbolische. Es gibt kein Gefühl, das dem Verlangen nach dem Unendlichen, dem Sehnen, in das Unendliche überzufließen, so homogen wäre als das Verlangen, sich in einer Wasserfülle zu begraben; der Hineinstürzende hat ein Fremdes vor sich, das ihn sogleich ganz umfließt, an jedem Punkte seines Körpers sich zu fühlen gibt; er ist der Welt genommen, sie ihm; er ist nur gefühltes Wasser, das ihn berührt, wo er ist, und er ist nur, wo er es fühlt; es ist in der Wasserfülle keine Lücke, keine Beschränkung, keine Mannigfaltigkeit oder Bestimmung; das Gefühl derselben ist das unzerstreuteste, einfachste; der Untergetauchte steigt wieder in die Luft empor, trennt sich vom Wasserkörper, ist von ihm schon geschieden, aber er trieft noch allenthalben von ihm; sowie es ihn verläßt, nimmt die Welt um ihn wieder Bestimmtheit an, und er tritt gestärkt in die Mannigfaltigkeit des Bewußtseins zurück. Im Hinaussehen in die unschattierte Bläue und die einfache gestaltenlose Fläche eines morgenländischen Horizontes wird die umgebende Luft nicht gefühlt, und das Spiel der Gedanken ist etwas anderes als das Hinaussehen. Im Untergetauchten ist nur ein Gefühl und die Vergessenheit der Welt, eine Einsamkeit, die alles von sich geworfen, allem sich entwunden hat. Als ein solches Entnehmen alles Bisherigen, als eine begeisternde Weihe in eine neue Welt, in welcher vor dem neuen Geist das, was wirklich ist, unentschieden zwischen Wirklichkeit und Traum schwebt, erscheint die Taufe des Jesus bei Mark. 1, 9 ff.; er wurde von Johannes in den Jordan getaucht, und indem er sogleich aus dem Wasser heraufstieg, sah er die Himmel zerrissen und den Geist wie eine Taube auf sich herabsteigen; und eine Stimme geschah aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, in welchem ich mich gefreut habe. Und sogleich warf ihn der Geist in die Wüste; und er war dort vierzig Tage, versucht vom Satan, und er war mit den Tieren, und die Engel dienten ihm. - Im Emporsteigen aus dem Wasser ist er der höchsten Begeisterung voll, die ihn in der Welt nicht bleiben läßt, sondern in die Wüste treibt, wo das Arbeiten seines Geistes das Bewußtsein der Wirklichkeit noch nicht von sich geschieden hat, zu welcher Scheidung er erst nach 40 Tagen völlig erwacht und sicher in die Welt, aber fest gegen sie eintritt.

Der Ausdruck μαϑητεύσατε βαπτίζοντες ist darum von tiefer Bedeutung. - “Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden” (so spricht Jesus bei Joh. 13, 31 von seiner Verherrlichung im Augenblick, als Judas die Gesellschaft verlassen hatte, um den Jesus den Juden zu verraten, - in dem Zeitpunkt, wo er der Heimkehr zu seinem Vater, der größer ist als er, entgegensah; hier, wo er als schon allem entnommen, was die Welt an ihn fordern, wo sie teil an ihm haben könnte, vorgestellt wird), - “Es ist mir alle Gewalt gegeben, im Himmel und auf Erden; darum gehet hin in alle Völker, und euer Jüngermachen sei, daß ihr sie in das Verhältnis des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes einweiht, daß es [sie] wie das Wasser den in Wasser Getauchten in allen Punkten ihres Wesens umfließe und umfühle - und siehe, ich bin mit euch das Ganze der Tage bis zur Vollendung der Welt.” In diesem Zeitpunkt, wo Jesus als aller Wirklichkeit und Persönlichkeit enthoben dargestellt wird, kann am wenigsten an eine Individualität, Persönlichkeit seines Wesens gedacht werden. Er ist mit ihnen, deren Wesen vom göttlichen Geiste durchdrungen, die in das Göttliche eingeweiht, deren Wesen in dem Göttlichen, das in ihm nun vollendet, lebendig ist.

1/392 Das Eintauchen in das Verhältnis des Vaters, Sohnes und Geistes drückt Lukas viel schwächer aus (Luk. 24, 47) als eine Verkündigung im Namen des Christus, - der Sinnesänderung und der Entlassung der Sünden; eine Verkündigung, die in Jerusalem beginnen solle; sie seien Zeugen des Geschehenen, er werde ihnen das Versprechen seines Vater zuschicken, und sie sollen ihr Werk außer Jerusalem nicht eher beginnen, bis sie mit der Kraft aus der Höhe angekleidet seien. - Eine bloße Lehre kann verkündigt und durch das Zeugnis geschehener Dinge unterstützt werden, ohne eigenen heiligen Geist; ein solches Lehren wäre aber keine Weihe, kein Eintauchen des Geistes. In Markus - wenn das letzte Kapitel nicht ganz echt wäre, so ist doch sein Ton charakteristisch - ist dieser Abschied des Jesus viel objektiver ausgedrückt; das Geistige erscheint in ihm mehr als gewöhnliche Formel, die Ausdrücke [sind] durch die Gewohnheit einer Kirche verkältete übliche Worte: Verkündet das Evangelium (ohne weiteren Zusatz, eine Art von terminus technicus), der Glaubende und Getaufte wird gerettet, der Nichtglaubende verurteilt werden, - der Glaubende und Getaufte haben schon das Ansehen bestimmter, einer Sekte oder Gemeine zum Abzeichen dienender Worte ohne Seele, deren volle Begriffe vorausgesetzt werden. Statt des Geistvollen: ich bin mit euch alle Tage, dem Erfülltsein der Gläubigen vom Geiste Gottes und des verherrlichten Jesus, spricht Markus trocken, ohne daß es durch Begeisterung gehoben mit Geist anwehte, von wunderbaren Beherrschungen der Wirklichkeit, von Teufelaustreiben und dergleichen Handlungen, die die Gläubigen vermögen werden, so objektiv, als man nur von Handlungen sprechen kann, ohne ihrer Seele zu erwähnen.

1/393 Die Entwicklung des Göttlichen in den Menschen, das Verhältnis, in das sie durch die Erfüllung mit dem heiligen Geiste mit Gott treten, seine Söhne zu werden und in der Harmonie ihres ganzen Wesens und Charakters, ihrer entwickelten Mannigfaltigkeit zu leben, einer Harmonie, in welcher nicht [nur] ihr vielseitiges Bewußtsein in einen Geist, die vielen Lebensgestalten in ein Leben einklingen, sondern durch welche auch die Scheidewände gegen andere gottähnliche Wesen aufgehoben werden und derselbe lebendige Geist die verschiedenen Wesen beseelt, welche also nicht mehr nur gleich, sondern einig sind, nicht eine Versammlung ausmachen, sondern eine Gemeine, weil sie nicht in einem Allgemeinen, einem Begriffe, etwa als Glaubende, sondern durch Leben, durch die Liebe vereinigt sind, - diese lebendige Harmonie von Menschen, ihre Gemeinschaft in Gott, nennt Jesus das Königreich Gottes. - Die jüdische Sprache gab ihm das Wort Königreich, das etwas Heterogenes in den Ausdruck göttlicher Vereinigung der Menschen bringt, da es nur eine Einheit durch Herrschen, durch Gewalt eines Fremden über ein Fremdes bezeichnet, die aus der Schönheit und dem göttlichen Leben eines reinen Menschenbundes - dem Freiesten, was möglich ist - ganz entfernt werden muß. Diese Idee eines Reiches Gottes vollendet und umfaßt das Ganze der Religion, wie sie Jesus stiftete, und es ist noch zu betrachten, ob sie die Natur vollkommen befriedigt, oder welches Bedürfnis seine Jünger zu etwas Weiterem getrieben hat. Im Reiche Gottes ist das Gemeinschaftliche, daß alle in Gott lebendig sind, nicht das Gemeinschaftliche in einem Begriff, sondern Liebe, ein lebendiges Band, das die Glaubenden vereinigt, diese Empfindung der Einigkeit des Lebens, in der alle Entgegensetzungen, als solche Feindschaften, und auch die Vereinigungen der bestehenden Entgegensetzungen, - Rechte aufgehoben sind; ein neu Gebot gebe ich euch, sagt Jesus, daß ihr euch untereinander liebt, daran soll man erkennen, daß ihr meine Jünger seid. Diese Seelenfreundschaft als Wesen, als Geist für die Reflexion ausgesprochen ist der göttliche Geist, Gott, der die Gemeine regiert. Gibt es eine schönere Idee als ein Volk von Menschen, die durch Liebe aufeinander bezogen sind? eine erhebendere, als einem Ganzen anzugehören, das als Ganzes, Eines der Geist Gottes ist, - dessen Söhne die Einzelnen sind? Sollte in dieser Idee noch eine Unvollständigkeit sein, daß ein Schicksal Macht in ihr hätte? oder wäre dies Schicksal die Nemesis, die gegen ein zu schönes Streben, gegen ein Überspringen der Natur wütete?

1/396 In der Liebe hat der Mensch sich selbst in einem anderen wiedergefunden; weil sie eine Vereinigung des Lebens ist, setzte sie Trennung, eine Entwicklung, gebildete Vielseitigkeit desselben voraus; und in je mehr Gestalten das Leben lebendig ist, in desto mehr Punkten kann es sich vereinigen und fühlen, desto inniger die Liebe sein; je ausgedehnter an Mannigfaltigkeit die Beziehungen und Gefühle der Liebenden sind, je inniger die Liebe sich konzentriert, desto ausschließender ist sie, desto gleichgültiger für andere Lebensformen; ihre Freude vermischt sich mit jedem andern Leben, erkennt es an, aber zieht sich beim Gefühl einer Individualität zurück, und je vereinzelter die Menschen in Ansehung ihrer Bildung und ihres Interesses, [in] ihrem Verhältnis zur Welt stehen, je mehr Eigentümliches jeder hat, desto beschränkter wird die Liebe auf sich selbst; und um das Bewußtsein ihres Glücks zu haben, um sich selbst, wie sie gern tut, es zu geben, ist es notwendig, daß sie sich absondert, daß sie sich sogar Feindschaften erschafft. Eine Liebe unter vielen läßt daher nur einen gewissen Grad der Stärke, der Innigkeit zu und fordert Gleichheit des Geistes, des Interesses, vieler Lebensverhältnisse, Verminderung der Individualitäten; diese Gemeinsamkeit des Lebens, diese Gleichheit des Geistes kann aber, da sie nicht Liebe ist, nur durch ihre bestimmten stark gezeichneten Äußerungen zum Bewußtsein kommen; von einer Übereinstimmung in Erkenntnis, in gleichen Meinungen kann nicht die Rede sein; die Verbindung vieler beruht auf gleicher Not, sie stellt sich an Gegenständen dar, die gemeinschaftlich sein können, in Verhältnissen, die darüber entstehen, und dann in dem gemeinsamen Bestreben um dieselben und gemeinsamer Tätigkeit und Handlung; sie kann sich an tausend Gegenstände gemeinschaftlichen Besitzes und Genusses und gleicher Bildung anschließen und sich darin erkennen. Eine Menge gleicher Zwecke, der ganze Umfang der physischen Not kann Gegenstand vereinigter Tätigkeit sein, in dieser stellt sich der gleiche Geist [dar], und dieser gemeinsame Geist gefällt sich dann auch, sich in der Ruhe zu erkennen zu geben, seiner Vereinigung froh zu sein, indem er in Freude und an Spiel sich selbst genießt. Die Freunde Jesu hielten sich nach seinem Tode zusammen, aßen und tranken gemeinschaftlich, einige ihrer Verbrüderungen hoben alles Eigentumsrecht gegeneinander auf, andere zum Teil, in reichlichen Almosen und Beiträgen zur Gemeine; sie sprachen zusammen von ihrem geschiedenen Freunde und Meister, beteten gemeinschaftlich und stärkten einander im Glauben und Mut; ihre Feinde beschuldigten einige ihrer Gesellschaften auch der Gemeinschaft der Weiber; eine Beschuldigung, die sie entweder den Mut und die Reinheit nicht hatten, zu verdienen, oder sich ihrer nicht zu schämen. Gemeinschaftlich zogen viele aus, ihres Glaubens und ihrer Hoffnungen andere Völker teilhaftig zu machen; und weil dies das einzige Tun der christlichen Gemeinde ist, so ist ihr der Proselytismus wesentlich eigen. Außer diesem gemeinschaftlichen Genießen, Beten, Essen, Freuen, Glauben und Hoffen, außer der einzigen Tätigkeit für die Verbreitung des Glaubens, die Vergrößerung der Gemeinschaftlichkeit der Andacht liegt noch ein ungeheures Feld von Objektivität, die ein Schicksal von dem vielseitigsten Umfange und gewaltiger Macht aufstellt und an mannigfaltige Tätigkeit anspricht. In der Aufgabe der Liebe verschmäht die Gemeine jede Vereinigung, die nicht die innigste, jeden Geist, der nicht der höchste wäre. Der Unnatur und Schalheit der prächtigen Idee einer allgemeinen Menschenliebe nicht zu gedenken, da sie nicht das Streben der Gemeine ist, muß diese bei der Liebe selbst stehenbleiben; außer der Beziehung des gemeinschaftlichen Glaubens und den Darstellungen dieser Gemeinschaft in darauf sich beziehenden religiösen Handlungen ist jede andere Verbindung in einem Objektiven, zu einem Zweck, [zu] einer Entwicklung einer anderen Seite des Lebens, zu einer gemeinsamen Tätigkeit, jeder zu etwas anderem als der Ausbreitung des Glaubens zusammenwirkende und in anderen Modifikationen und partiellen Gestalten des Lebens in Spielen sich darstellende und seiner sich freuende Geist der Gemeinde fremd, sie würde sich in ihm nicht erkennen, sie hätte von der Liebe, ihrem einzigen Geiste, gelassen, wäre ihrem Gotte ungetreu geworden; auch würde sie nicht nur die Liebe verlassen haben, sondern sie auch zerstören; denn die Mitglieder setzen sich in Gefahr, mit ihren Individualitäten gegeneinander zu stoßen, und müßten dies um so mehr, da ihre Bildung [verschieden] war und sie sich damit in das Gebiet ihrer verschiedenen Charaktere, in die Macht ihrer verschiedenen Schicksale begäben und über einem Interesse für etwas Geringes, über einer verschiedenen Bestimmtheit in etwas Kleinem die Liebe sich in Haß verkehren und eine Abtrünnigkeit von Gott erfolgen würde. Diese Gefahr wird nur durch eine untätige, unentwickelte Liebe abgewendet, daß sie, das höchste Leben, unlebendig bleibt. So verwickelt die widernatürliche Ausdehnung des Umfangs der Liebe in einen Widerspruch, in ein falsches Bestreben, das der Vater des fürchterlichsten leidenden oder tätigen Fanatismus werden mußte. Diese Beschränkung der Liebe auf sich selbst, ihre Flucht vor allen Formen, wenn auch schon ihr Geist in ihnen wehte oder sie aus ihm entsprängen, diese Entfernung von allem Schicksal ist gerade ihr größtes Schicksal, und hier ist der Punkt, wo Jesus mit dem Schicksal zusammenhängt, und zwar auf die erhabenste Art, aber von ihm litt.

1/401 Mit dem Mute und dem Glauben eines gottbegeisterten Mannes, der von den klugen Leuten ein Schwärmer genannt wird, trat Jesus unter dem jüdischen Volk auf; er trat neu in eignem Geiste auf, die Welt lag vor ihm, wie sie werden sollte, und das erste Verhältnis, in das er sich selbst zu ihr setzte, war, sie zum Anderswerden aufzurufen, er fing damit an, allen zuzurufen: ändert euch, denn das Reich Gottes ist nahe; hätte in den Juden der Funke des Lebens geschlafen, so hätte er nur eines Hauches bedurft, um zur Flamme aufzulodern, die alle ihre armseligen Titel und Ansprüche verbrannt hätte; hätte bei ihrer Unruhe und Unzufriedenheit mit der Wirklichkeit das Bedürfnis nach etwas Reinerem in ihnen gelegen, so hätte der Zuruf des Jesus Glauben gefunden, und dieser Glaube hätte das Geglaubte in demselben Augenblick ins Dasein gebracht. Mit ihrem Glauben wäre das Reich Gottes vorhanden gewesen. Jesus hätte ihnen eigentlich nur ausgesprochen, was unentwickelt und unbewußt in ihrem Herzen lag; und mit dem Finden des Worts, mit dem Ins-Bewußtsein-Kommen des Bedürfnisses wären die Bande abgefallen, vom alten Schicksal hätten sich nur noch Zuckungen des erstorbenen Lebens geregt, und das Neue wäre dagestanden. So aber wollten die Juden zwar etwas anderes als das Bisherige; aber sie gefielen sich zu sehr in dem Stolze ihrer Knechtschaft, um das, was sie suchten, in dem zu finden, was Jesus ihnen anbot. Ihre Gegenwirkung, die Antwort, die ihr Genius auf den Anruf des Jesus gab, war eine sehr unreine Aufmerksamkeit; einige wenige reine Seelen schlossen sich mit dem Triebe, gebildet zu werden, an ihn an; mit großer Gutmütigkeit, mit dem Glauben eines reinen Schwärmers nahm er ihr Verlangen für befriedigtes Gemüt, ihren Trieb für Vollendung, ihre Entsagung einiger bisherigen Verhältnisse, die meist nicht glänzend waren, für Freiheit und geheiltes oder besiegtes Schicksal; denn bald nach seiner Bekanntschaft mit ihnen hielt er sie für fähig und sein Volk für reif, einer ausgebreiteteren Ankündigung des Reiches Gottes zu folgen, er schickte seine Schüler paarweise im Land umher, um seinen Ruf vervielfältigt erschallen zu lassen, aber der göttliche Geist sprach nicht in ihrer Predigt, nach viel längerem Umgang lassen sie noch so häufig eine kleine, wenigstens ungereinigte Seele blicken, von der wenige Äste nur das Göttliche durchdrungen hatte. Ihre ganze Instruktion außer dem Negativen, das sie enthält, war, die Nähe des Reiches Gottes zu verkündigen. Sie sammeln sich bald wieder zu Jesu, und man erblickt keine Wirkung der Hoffnung Jesu und ihres Apostolisierens. Die Gleichgültigkeit der Aufnahme seines Aufrufs verwandelte sich bald in Haß gegen ihn, dessen Wirkung auf ihn eine immer steigende Erbitterung gegen sein Zeitalter und sein Volk war, vorzüglich gegen die, in welchen der Geist seiner Nation am stärksten und leidenschaftlichsten wohnte, gegen die Pharisäer und die Führer des Volks; sein Ton gegen sie sind keine Versuche, sie mit sich zu versöhnen, ihrem Geiste etwas anzuhaben, sondern die heftigsten Ausbrüche seiner Erbitterung gegen sie, die Enthüllung ihres ihm feindseligen Geistes; er handelt gegen diesen nicht einmal mit dem Glauben der Möglichkeit einer Änderung. Wenn ihr ganzer Charakter ihm widerstand, so konnte er bei Veranlassungen, über religiöse Gegenstände mit ihnen zu sprechen, nicht auf eine Widerlegung und Belehrung ausgehen; er bringt sie nur durch argumenta ad hominem zum Schweigen, das ihnen entgegengesetzte Wahre richtet er an die anderen gegenwärtigen Menschen. Wie es scheint nach der Rückkehr seiner Jünger zu ihm (Matth. 11) entsagt er seinem Volke und hat gefühlt (V. 25), daß Gott sich nur den einfachen Menschen offenbare; und er beschränkt sich von jetzt auf Wirksamkeit auf Einzelne; und läßt das Schicksal seiner Nation unangetastet stehen, indem er sich selbst von ihm absondert und seine Freunde ihm entreißt; soweit Jesus die Welt nicht verändert sieht, so weit flieht er sie und alle Beziehungen mit ihr; soviel er mit dem ganzen Schicksal seines Volks zusammenstößt, verhält er sich, wenn sein Verhalten ihm auch widersprechend scheint, passiv gegen dasselbe. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, sagt er, als die Juden die Seite ihres Schicksals, den Römern zinsbar zu sein, gegen ihn zur Sprache brachten; als es ihm widersprechend schien, daß er und seine Freunde auch den Tribut, der auf die Juden gelegt war, bezahlen sollte, hieß er den Petrus, um keinen Anstoß zu geben, ihn bezahlen. Er stand mit dem Staat in dem einzigen Verhältnis, innerhalb seiner Gerichtsbarkeit sich aufzuhalten, und der Folge dieser Macht über ihn unterwarf er sich mit Widerspruch seines Geistes, mit Bewußtsein leidend. Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt; allein es ist für dasselbe eine große Verschiedenheit, ob ihm diese Welt als entgegengesetzt vorhanden ist oder nicht existiert, nur möglich ist. Da jenes der Fall war und Jesus mit Bewußtsein vom Staate litt, so ist mit diesem Verhältnis zum Staate schon eine große Seite lebendiger Vereinigung, für die Mitglieder des Reiches Gottes ein wichtiges Band abgeschnitten, ein Teil der Freiheit, des negativen Charakters eines Bundes der Schönheit, eine Menge tätiger Verhältnisse, lebendiger Beziehungen verloren; die Bürger des Reiches Gottes werden einem feindseligen Staate entgegengesetzte, von ihm sich ausschließende Privatpersonen. Diese Beschränkung des Lebens erscheint übrigens mehr als die Gewalt einer fremden herrschenden Macht über äußere Dinge, die selbst mit Freiheit aufgegeben werden können, als ein Raub am Leben - für diejenigen, die nie in einer solchen Vereinigung tätig waren, nie dieses Bundes und dieser Freiheit genossen haben, besonders wenn das staatsbürgerliche Verhältnis vorzüglich nur Eigentum betrifft. Was an Menge der Beziehungen, an Mannigfaltigkeit froher und schöner Bande [verlorengeht,] ersetzt sich durch Gewinn an isolierter Individualität und dem engherzigen Bewußtsein von Eigentümlichkeiten. Aus der Idee des Reiches Gottes sind zwar alle durch einen Staat gegründeten Verhältnisse ausgeschlossen, welche unendlich tiefer stehen als die lebendigen Beziehungen des göttlichen Bundes und von einem solchen nur verachtet werden können, aber wenn er vorhanden war und Jesus oder die Gemeine ihn nicht aufheben konnte, so bleibt das Schicksal Jesu und seiner ihm hierin treu bleibenden Gemeine ein Verlust an Freiheit, eine Beschränkung des Lebens, eine Passivität in der Beherrschung durch eine fremde Macht, die man verachtet, die aber doch das Wenige, was Jesus von ihr brauchte, Existenz unter seinem Volke, ihm unvermischt überließ. - Außer dieser Seite des Lebens, die vielmehr nicht Leben, nur Möglichkeit des Lebens genannt werden kann, hatte sich der [jüdische] Geist nicht nur aller Modifikationen des Lebens bemächtigt, sondern sich in ihnen auch zum Gesetz als Staat gemacht und die reinsten unmittelbarsten Formen der Natur zu bestimmten Gesetzlichkeiten verkrüppelt. Im Reiche Gottes kann es keine Beziehung geben als die[, die] aus der rücksichtslosesten Liebe und damit der höchsten Freiheit hervorgeht, die von der Schönheit allein die Gestalt ihrer Erscheinung und ihr Verhältnis zu der Welt erhält. Wegen der Verunreinigung des Lebens konnte Jesus das Reich Gottes nur im Herzen tragen, mit Menschen nur in Beziehung treten, um sie zu bilden, um den guten Geist, an den er in ihnen glaubte, zu entwickeln, - um erst Menschen zu schaffen, deren Welt die seinige wäre; aber in seiner wirklichen Welt mußte er alle lebendigen Beziehungen fliehen, weil alle unter dem Gesetze des Todes lagen, die Menschen unter der Gewalt des Jüdischen gefangen waren; durch ein von beiden Seiten freies Verhältnis wäre er in einen Bund mit dem Gewebe jüdischer Gesetzlichkeiten eingetreten, und um eine eingegangene Beziehung nicht zu entheiligen oder zu zerreißen, hätte er sich von seinen Fäden müssen umschlingen lassen, und so konnte er die Freiheit nur in der Leere finden, weil jede Modifikation des Lebens gebunden war; darum isolierte sich Jesus von seiner Mutter, seinen Brüdern und Verwandten; er durfte kein Weib lieben, keine Kinder zeugen, nicht Familienvater, nicht Mitbürger werden, der mit den anderen des Zusammenlebens genösse. Das Schicksal Jesu war, vom Schicksal seiner Nation zu leiden, entweder es zu dem seinigen zu machen und ihre Notwendigkeit zu tragen und ihren Genuß zu teilen und seinen Geist mit dem ihrigen zu vereinigen, aber seine Schönheit, seinen Zusammenhang mit dem Göttlichen aufzuopfern, - oder das Schicksal seines Volkes von sich zu stoßen, sein Leben aber unentwickelt und ungenossen in sich zu erhalten; in keinem Fall die Natur zu erfüllen, in jenem nur Fragmente von ihr, und auch diese verunreinigt, zu fühlen, in diesem sie vollständig zum Bewußtsein zu bringen, aber ihre Gestalt nur als einen glänzenden Schatten, dessen Wesen höchste Wahrheit ist, zu erkennen, aber dem Gefühle desselben, ihrer Belebung in Tat und Wirklichkeit, zu entsagen. Jesus wählte das letztere Schicksal, die Trennung seiner Natur und der Welt, und verlangte dasselbe an seine Freunde: “wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig”. Je tiefer er aber diese Trennung fühlte, desto weniger konnte er sie ruhig tragen, und seine Tätigkeit war die mutvolle Reaktion seiner Natur gegen die Welt; und sein Kampf war rein und erhaben, weil er das Schicksal in seinem ganzen Umfange erkannt und sich gegenübergesetzt hatte. Sein und seiner von ihm gestifteten Gemeine Widerstand gegen die Verdorbenheit mußte diese Verdorbenheit sich selbst und dem von ihr noch freieren Geist zum Bewußtsein bringen und ihr Schicksal mit sich entzweien; der Kampf des Reinen mit dem Unreinen ist ein erhabener Anblick, der sich aber bald in einen gräßlichen verwandelt, wenn das Heilige selbst vom Unheiligen gelitten [hat] und eine Amalgamation beider mit der Anmaßung, rein zu sein, gegen das Schicksal wütet, indem es selbst noch unter ihm gefangen liegt. Jesus sah die ganze Gräßlichkeit dieser Zerrüttung voraus; ich kam nicht, sagte er, der Erde Frieden zu bringen, sondern das Schwert; ich kam den Sohn gegen seinen Vater zu entzweien, die Tochter gegen ihre Mutter, die Braut gegen ihre Schwieger. Was zum Teil sich vom Schicksal losgesagt hat, zum Teil aber im Bunde damit steht, mit oder ohne Bewußtsein dieser Vermischung, muß sich und die Natur um so fürchterlicher zerreißen, und bei der Vermischung der Natur und Unnatur muß der Angriff auf die letztere auch die erstere treffen, der Weizen mit dem Unkraut zertreten und das Heiligste der Natur selbst verletzt werden, weil es in das Unheilige verflochten ist. Die Folgen vor Augen dachte Jesus nicht daran, seine Wirksamkeit zurückzuhalten, um der Welt ihr Schicksal zu ersparen, ihre Zuckungen zu mildern und ihr im Untergange den tröstenden Glauben an Schuldlosigkeit zu lassen.

1/402 Die Existenz des Jesus war also Trennung von der Welt und Flucht von ihr in den Himmel; Wiederherstellung des leerausgehenden Lebens in der Idealität; bei jedem Widerstreitenden Erinnerung und Emporschauen zu Gott; aber zum Teil Betätigung des Göttlichen und insofern Kampf mit dem Schicksal, teils in Verbreitung des Reiches Gottes, mit dessen Darstellung das ganze Reich der Welt in sich zusammenfiel und verschwand; teils in unmittelbarer Reaktion gegen einzelne Teile des Schicksals, so wie sie an ihn gerade anstießen, - außer gegen den Teil des Schicksals, der unmittelbar als Staat erschien und auch in Jesu zum Bewußtsein kam, gegen welchen er sich passiv verhielt.

1/403 Das Schicksal Jesu war nicht ganz das Schicksal seiner Gemeine, da sie ein aus mehreren Zusammengesetztes war, die zwar in gleicher Trennung von der Welt lebten, so fand aber jedes Mitglied mehrere ihm Gleichgestimmte, sie hielten sich zusammen und konnten sich in der Wirklichkeit von der Welt entfernter halten, und da damit des Zusammentreffens und Widerstoßens an ihr weniger war, so wurden sie weniger von ihr gereizt, lebten weniger in der negativen Tätigkeit des Kampfes, und das Bedürfnis nach positivem Leben mußte in ihnen größer werden, denn Gemeinschaftlichkeit des Negativen gibt keinen Genuß, ist keine Schönheit. Aufhebung des Eigentums, eingeführte Gütergemeinschaft, gemeinschaftliche Mahle gehören mehr zum Negativen der Vereinigung, als daß es eine positive Vereinigung wäre. Das Wesen ihres Bundes war Aussonderung von den Menschen und Liebe untereinander; beides ist notwendig verbunden; diese Liebe sollte und konnte nicht eine Vereinigung der Individualitäten sein, sondern die Vereinigung in Gott, und in Gott allein, im Glauben kann nur das sich vereinigen, was eine Wirklichkeit sich entgegensetzt, von ihr sich aussondert; damit war diese Entgegensetzung fixiert und ein wesentlicher Teil des Prinzips des Bundes; und die Liebe mußte immer die Form der Liebe, des Glaubens an Gott behalten ohne lebendig zu werden und in Gestalten des Lebens sich darzustellen, weil jede Gestalt des Lebens entgegensetzbar vom Verstand als sein Objekt, als eine Wirklichkeit, gefaßt werden kann; und das Verhältnis gegen die Welt mußte zu einer Ängstlichkeit vor ihren Berührungen werden, eine Furcht vor jeder Lebensform, weil in jeder sich, da sie Gestalt hat und nur eine Seite ist, ihr Mangel aufzeigen läßt und dies Mangelnde ein Anteil an der Welt ist. So fand also der Bund der Gemeine keine Aussöhnung des Schicksals, aber das entgegengesetzte Extrem des jüdischen Geistes, nicht die Mitte der Extreme in der Schönheit. Der jüdische Geist hatte die Modifikationen der Natur, die Verhältnisse des Lebens zu Wirklichkeiten fixiert, aber ihrer als Gaben des Herrschers schämte er sich der Dürftigkeit derselben nicht nur nicht, sondern sein Stolz und sein Leben war der Besitz von Wirklichkeiten. Der Geist der christlichen Gemeine sah gleichfalls in jedem Verhältnis des sich entwickelnden und darstellenden Lebens Wirklichkeiten; aber da ihm als Empfindung der Liebe die Objektivität der größte Feind war, so blieb er ebenso arm als der jüdische, aber er verschmähte den Reichtum, um dessen willen der jüdische diente.

1/404 Die lebenverachtende Schwärmerei kann sehr leicht in Fanatismus übergehen; denn um sich in ihrer Beziehungslosigkeit zu erhalten, muß sie dasjenige, von dem sie zerstört wird und das, sei es auch das Reinste, für sie unrein ist, zerstören, seinen Inhalt, oft die schönsten Beziehungen verletzen. Schwärmer späterer Zeiten haben das Verschmähen aller Formen des Lebens, weil sie verunreinigt sind, zu einer unbedingten leeren Gestaltlosigkeit gemacht und jedem Triebe der Natur, bloß weil er eine äußere Form sucht, den Krieg angekündigt, und um so schrecklicher war die Wirkung dieser versuchten Selbstmorde, dieses Festhaltens an der leeren Einheit, je fester noch in den Gemütern die Fessel der Mannigfaltigkeit war; denn indem nur das Bewußtsein beschränkter Formen in ihnen war, so blieb ihnen nichts übrig als eine durch Greueltaten und Verwüstungen bewerkstelligte Flucht ins Leere. - Als aber das Schicksal der Welt zu groß [wurde] und sich neben und in der Kirche, die mit ihm unverträglich ist, erhielt, so war an keine Flucht mehr zu denken. Große Heuchler gegen die Natur haben es daher versucht, eine widernatürliche Verbindung der Mannigfaltigkeit der Welt und der lebenslosen Einheit, aller beschränkten gesetzlichen Verhältnisse und menschlichen Tugenden mit dem einfachen Geiste zu finden und zu erhalten; sie erdachten für jede bürgerliche Handlung oder für jede Äußerung der Lust und der Begierde einen Schlupfwinkel in der Einheit, um so durch Betrug jede Beschränkung zugleich sich zu erhalten und sie zu genießen und ihr zugleich zu entgehen.

Indem es Jesus verschmähte, mit den Juden zu leben, aber mit seinem Ideal zugleich immer ihre Wirklichkeiten bekämpfte, so konnte es nicht fehlen, er mußte unter diesen erliegen; er wich dieser Entwicklung seines Schicksals nicht aus, aber er suchte sie freilich auch nicht auf; jedem Schwärmer, der nur für sich schwärmt, ist der Tod willkommen, aber wer für einen großen Plan schwärmt, der kann nur mit Schmerz den Schauplatz verlassen, auf welchem er sich entwickeln sollte; Jesus starb mit der Zuversicht, daß sein Plan nicht verlorengehen würde.

1/406 Der negativen Seite des Schicksals der christlichen Gemeine, der die Modifikationen des Lebens zu Bestimmtheiten und die Beziehungen mit ihnen also zu Verbrechen machenden Entgegensetzung gegen die Welt, steht die positive Seite, das Band der Liebe gegenüber. Durch die Ausdehnung der Liebe auf eine ganze Gemeine kommt in den Charakter derselben, daß sie nicht eine lebendige Vereinigung der Individualitäten ist, sondern daß ihr Genuß sich auf [das] gegenseitige Bewußtsein, daß sie sich lieben, beschränkt. - Die Schicksallosigkeit durch die Flucht in unerfülltes Leben war den Mitgliedern der Gemeine darin erleichtert, daß sie eine Gemeine ausmachten, die sich aller Formen des Lebens gegeneinander enthielt oder sie nur durch den allgemeinen Geist der Liebe bestimmte, d. h. nicht in diesen Formen lebte. - Diese Liebe ist ein göttlicher Geist, aber noch nicht Religion; daß sie dazu würde, [dazu] mußte sie zugleich in einer objektiven Form sich darstellen; sie, eine Empfindung, ein Subjektives mußte mit dem Vorgestellten, dem Allgemeinen zusammenschmelzen und damit die Form eines anbetungsfähigen und würdigen Wesens gewinnen. Dies Bedürfnis, das Subjektive und Objektive, die Empfindung und die Forderung derselben nach Gegenständen, den Verstand durch die Phantasie in einem Schönen, einem Gotte zu vereinigen, dies Bedürfnis, das höchste des menschlichen Geistes, ist der Trieb nach Religion. Diesem Triebe der christlichen Gemeine konnte der Glaube an Gott nicht Befriedigung sein; denn in ihrem Gotte mußte nur ihre gemeinschaftliche Empfindung sich finden; in dem Gott der Welt sind alle Wesen vereinigt; die Mitglieder der Gemeine sind es als solche nicht in ihm; ihre Harmonie ist nicht die Harmonie des Ganzen, sonst machten sie keine besondere Gemeine aus, sonst wären sie nicht untereinander durch Liebe verbunden; die Gottheit der Welt ist nicht die Darstellung ihrer Liebe, ihres Göttlichen. Das Bedürfnis des Jesus nach Religion war in dem Gotte des Ganzen befriedigt; denn sein Aufblick zu ihm war jeder seiner beständigen Anstöße an der Welt, seine Flucht vor ihr; er bedurfte nur des der Welt Entgegengesetzten, in dem seine Entgegensetzung selbst gegründet war; er war sein Vater, er war einig mit ihm. Aber bei seiner Gemeine fiel der beständige Anstoß an der Welt mehr weg, sie lebte ohne tätigen Kampf gegen sie und war insoweit glücklich, nicht beständig von ihr gereizt zu werden und daher nicht allein nur zum Entgegengesetzten, zu Gott, fliehen [zu] müssen; sondern sie fand in ihrer Gemeinschaft, in ihrer Liebe einen Genuß, ein Reelles, eine Art lebendigen Verhältnisses; nur da jede Beziehung dem Bezogenen entgegengesetzt [ist], die Empfindung noch die Wirklichkeit oder, subjektiv ausgedrückt, das Vermögen derselben, den Verstand als sich Entgegengesetztes hat, so muß ihr Mangel in einem beides Vereinigenden ergänzt werden. Die Gemeine hat das Bedürfnis eines Gottes, der der Gott der Gemeine ist, in der gerade die ausschließende Liebe, ihr Charakter, ihre Beziehung zueinander dargestellt ist; nicht als ein Symbol oder Allegorie, nicht als eine Personifikation eines Subjektiven, bei welcher man sich der Trennung desselben von seiner dargestellten [Gestalt] bewußt wäre, sondern das zugleich im Herzen, zugleich die Empfindung und Gegenstand ist; Empfindung als Geist, der alle durchweht und ein Wesen bleibt, wenn auch jeder Einzelne seiner Empfindung als seiner einzelnen sich bewußt wird.

Ein Kreis der Liebe, ein Kreis von Gemütern, die ihre Rechte an alles Besondere gegeneinander aufgeben und nur durch gemeinschaftlichen Glauben und Hoffnung vereinigt sind, deren Genuß und Freude allein diese reine Einmütigkeit der Liebe ist, ist ein kleines Reich Gottes; aber ihre Liebe ist nicht Religion, denn die Einigkeit, die Liebe der Menschen enthält nicht zugleich die Darstellung dieser Einigkeit. Liebe vereinigt sie, aber die Geliebten erkennen diese Vereinigung nicht; wo sie erkennen, erkennen sie Abgesondertes. Daß das Göttliche erscheine, muß der unsichtbare Geist mit Sichtbarem vereinigt sein, daß alles in einem, Erkenntnis und Empfinden, daß eine vollständige Synthese, eine vollendete Harmonie, daß Harmonie und das Harmonische eins sei. Sonst bleibt in Beziehung auf das Ganze der trennbaren Natur ein Trieb, der für die Unendlichkeit der Welt zu klein und für ihre Objektivität zu groß ist und nicht gesättigt werden kann; es bleibt der unauslöschliche unbefriedigte Trieb nach Gott.

1/407 Nach dem Tode Jesu waren seine Jünger wie Schafe, die keinen Hirten haben; es war ihnen ein Freund gestorben, aber sie hatten auch gehofft, er sei der, der Israel befreien werde (Luk. 24, 21), und diese Hoffnung war mit seinem Tode dahin; er hatte alles mit sich ins Grab genommen; sein Geist war nicht in ihnen zurückgeblieben.125)  - Ihre Religion, ihr Glaube an reines Leben hatte an dem Individuum, Jesus, gehangen; er war ihr lebendiges Band und das geoffenbarte, gestaltete Göttliche, in ihm war ihnen Gott auch erschienen, sein Individuum vereinigte ihnen das Unbestimmte der Harmonie und das Bestimmte in einem Lebendigen. Mit seinem Tode waren sie in die Trennung des Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistes und des Wirklichen zurückgeworfen. Zwar das Andenken an dies göttliche Wesen, aber nun von ihnen ferne, wäre ihnen geblieben; die Gewalt, die sein Sterben über sie ausübte, hätte sich mit der Zeit in ihnen gebrochen, der Tote würde ihnen nicht ein bloßer Toter geblieben, der Schmerz über den modernden Körper nach und nach dem Anschauen seiner Göttlichkeit gewichen sein; und der unverwesliche Geist und das Bild reinerer Menschheit wäre aus seinem Grabe ihnen hervorgegangen; aber der Verehrung dieses Geistes, dem Genuß des Anschauens dieses Bildes wäre das Andenken an das Leben dieses Bildes zur Seite gestanden, dieser erhabene Geist hätte an seiner verschwundenen Existenz immer seinen Gegensatz gehabt; und die Gegenwart desselben vor der Phantasie wäre mit einem Sehnen verbunden gewesen, das nur das Bedürfnis der Religion bezeichnet hätte, aber die Gemeine hätte noch keinen eigenen Gott gehabt.

1/409 Zur Schönheit, zur Göttlichkeit fehlte dem Bilde das Leben; dem Göttlichen in der Gemeinschaft der Liebe, diesem Leben, fehlte Bild und Gestalt. Aber in dem Auferstandenen und dann gen Himmel Erhobenen fand das Bild wieder Leben und die Liebe die Darstellung ihrer Einigkeit; in dieser Wiedervermählung des Geistes und des Körpers ist der Gegensatz des Lebendigen und des Toten verschwunden und hat sich in einem Gotte vereinigt; das Sehnen der Liebe hat sich selbst als lebendiges Wesen gefunden und kann nun sich selbst genießen, dessen Verehrung nun die Religion der Gemeinde ist; das Bedürfnis der Religion findet seine Befriedigung in diesem auferstandenen Jesus, in dieser gestalteten Liebe. Die Betrachtung der Auferstehung des Jesus als einer Begebenheit ist der Gesichtspunkt des Geschichtsforschers, der mit der Religion nichts zu tun hat, der Glaube oder Unglauben an dieselbe, als bloße Wirklichkeit ohne das Interesse der Religion, ist eine Sache des Verstandes, dessen Wirksamkeit, Fixierung der Objektivität gerade der Tod der Religion ist und auf welchen sich zu berufen von der Religion abstrahieren heißt. Aber freilich scheint der Verstand ein Recht zu haben, mitzusprechen, da die objektive Seite des Gottes nicht bloß eine Gestalt der Liebe ist, sondern für sich selbst besteht und als eine Wirklichkeit in der Welt der Wirklichkeiten einen Platz behauptet. Und darum ist es schwer, die religiöse Seite des auferstandenen Jesus, die gestaltete Liebe in ihrer Schönheit festzuhalten; denn erst durch eine Apotheose ist er Gott geworden, seine Göttlichkeit ist eine Deifikation eines auch als Wirklichen Vorhandenen; er hatte als menschliches Individuum gelebt, war am Kreuze gestorben und begraben worden. Dieser Makel der Menschlichkeit ist etwas ganz anderes als die Gestalt, die dem Gotte eigentümlich ist; das Objektive des Gottes, seine Gestalt ist nur so weit objektiv, daß es nur die Darstellung der die Gemeine vereinigenden Liebe, nur die reine Entgegensetzung derselben ist und nichts enthält, was nicht selbst in der Liebe, aber hier nur als Entgegengesetztes, was nicht zugleich Empfindung wäre. So aber kommt zum Bilde des Auferstandenen, der zum Wesen gewordenen Vereinigung noch anderes Beiwesen, vollkommen Objektives, Individuelles hinzu, das mit der Liebe gepaart werden, aber als Individuelles, als Entgegengesetztes fest, für den Verstand fixiert bleiben soll, das dadurch eine Wirklichkeit ist, die dem Vergötterten immer wie Blei an den Füßen hängt, das ihn zur Erde zieht; da [doch] der Gott zwischen Himmels-Unendlichem, Schrankenlosem und der Erde, dieser Versammlung von lauter Beschränkungen, in der Mitte schweben sollte. Sie ist nicht aus der Seele zu bringen, die Zweierleiheit der Naturen. Wie Herkules durch den Holzstoß hat der Vergötterte nur auch durch ein Grab zum Heros sich emporgeschwungen; aber dort sind der gestalteten Tapferkeit, [sind] allein dem zum Gott gewordenen, nicht mehr kämpfenden noch dienenden Helden, hier [hingegen] nicht dem Heros allein die Altäre geweiht, werden die Gebete gebracht; nicht der Erstandene allein ist das Heil der Sünder und ihres Glaubens Entzückung; auch der Lehrende und Wandelnde und am Kreuze Hängende wird angebetet. Diese ungeheure Verbindung ist es, über welche seit so vielen Jahrhunderten Millionen gottsuchender Seelen sich abgekämpft und gemartert haben.

1/411 Es ist nicht die Knechtsgestalt, die Erniedrigung selbst, an welcher als der Hülle des Göttlichen sich der Trieb nach Religion stieße, wenn die Wirklichkeit sich damit begnügte, Hülle zu sein und vorüberzugehen; aber so soll sie fest und bleibend noch an und in dem Gotte zu seinem Wesen gehören und die Individualität Gegenstand der Anbetung sein; und die im Grabe abgestreifte Hülle der Wirklichkeit ist aus dem Grabe wieder emporgestiegen und hat sich dem als Gott Erstandenen angehängt. Dies der Gemeine traurige Bedürfnis eines Wirklichen hängt tief mit ihrem Geiste und seinem Schicksale zusammen. Ihre jede Lebensgestalt zum Bewußtsein eines Objekts bringende und sie somit verachtende Liebe hatte in dem Erstandenen zwar sich selbst als gestaltet erkannt; er war aber für sie nicht bloß die Liebe; denn da ihre Liebe, von der Welt abgeschieden, sich nicht in der Entwicklung des Lebens, noch in seinen schönen Beziehungen und in der Ausbildung der natürlichen Verhältnisse darstellte, da die Liebe Liebe sein und nicht leben sollte, so mußte irgendein Kriterium der Erkenntnis derselben zur Möglichkeit des gegenseitigen Glaubens an sie vorhanden sein. Weil die Liebe nicht selbst die durchgängige Vereinigung stiftete, so bedurfte es eines anderen Bandes, das die Gemeine verknüpfte und worin sie zugleich die Gewißheit der Liebe aller fände; sie mußte sich an einer Wirklichkeit erkennen. Diese war nun die Gleichheit des Glaubens, die Gleichheit, eine Lehre empfangen, einen gemeinschaftlichen Meister und Lehrer zu haben. Dies ist eine auszeichnende Seite des Geistes der Gemeine, daß das Göttliche, das sie Vereinigende die Form eines Gegebenen für sie hat. Dem Geiste, dem Leben wird nichts gegeben; was er empfangen hat, das ist er selbst geworden, das ist so in ihn übergegangen, daß es jetzt eine Modifikation desselben, daß es sein Leben ist. Aber in der Lebenslosigkeit der Liebe der Gemeine blieb der Geist ihrer Liebe so dürftig, fühlte sich so leer, daß er den Geist, der an ihn ansprach, nicht voll in sich, nicht in sich lebendig erkennen konnte und ihm fremde blieb. Eine Verknüpfung mit einem fremden und als fremd gefühlten Geiste ist Bewußtsein der Abhängigkeit von ihm; da die Liebe der Gemeine einesteils sich selbst übersprungen hatte, indem sie sich auf eine ganze Versammlung von Menschen ausdehnte, und darum andernteils an idealischem Inhalt zwar voll wurde, an Leben aber verlor, so war das nicht erfüllte Ideal der Liebe ein Positives für sie, sie erkannte es sich als entgegengesetzt und [sich] als abhängig von ihm; in ihrem Geiste lag das Bewußtsein der Jüngerschaft und eines Herrn und Meisters; ihr Geist war nicht in der gestalteten Liebe vollständig dargestellt; die Seite desselben, empfangen zu haben und zu lernen und tiefer als der Meister zu stehen, fand ihre Darstellung erst in der Gestalt der Liebe, wenn mit dieser zugleich eine Wirklichkeit verknüpft war, die der Gemeine gegenüberstand. Dieses höhere Entgegengesetzte ist nicht die Erhabenheit des Gottes, die dieser notwendig hat, weil in ihm der Einzelne [sich] nicht selbst als ihm gleich erkennt, sondern in ihm der ganze Geist der vereinigten Alle enthalten ist, - sondern sie ist ein Positives, Objektives, das soviel Fremdes, Herrschaft in sich hat, als im Geiste der Gemeine Abhängigkeit ist. In dieser Gemeinschaft der Abhängigkeit, der Gemeinschaft durch einen Stifter zu sein, in dieser Einmischung eines Geschichtlichen, Wirklichen in ihr Leben erkannte die Gemeine ihr reelles Band, die Sicherheit der Vereinigung, die in der unlebendigen Liebe nicht zum Gefühl kommen konnte.

Dies ist der Punkt, an welchem die Gemeine, die in der außer allem Bündnis mit der Welt unvermischt sich erhaltenden Liebe allem Schicksal entgangen zu sein schien, von ihm ergriffen wurde, von einem Schicksal aber, dessen Mittelpunkt die Ausdehnung der alle Beziehungen fliehenden Liebe auf eine Gemeine war, das sich teils in der Ausdehnung der Gemeine selbst um so mehr entwickelte, teils durch diese Ausdehnung immer mehr mit dem Schicksal der Welt zusammentraf, sowohl indem es bewußtlos in sich viele Seiten von ihm aufnahm, als indem es gegen dasselbe kämpfte, sich immer mehr verunreinigte.

Das ungöttliche Objektive, für welches auch Anbetung gefordert wird, wird durch allen Glanz, der es umstrahlt, nie zu einem Göttlichen.

Zwar umgeben auch den Menschen Jesus himmlische Erscheinungen; um seine Geburt sind höhere Wesen beschäftigt; er selbst wird einmal in eine strahlende Lichtgestalt verklärt. Aber auch diese Formen von Himmlischem sind nur außer dem Wirklichen, und die göttlicheren Wesen um das Individuum dienen nur, den Kontrast desto mehr in die Augen fallen zu machen. Noch weniger als solcher vorübergehender Nimbus können die Tätigkeiten, die für Göttliches angesehen werden und aus ihm selbst kommen, in die höhere Gestalt ihn erheben; die Wunder, die ihn nicht bloß umschweben, sondern aus seiner inneren Kraft hervorgehen, scheinen eines Gottes würdige Attribute, einen Gott zu charakterisieren, in ihnen scheint das Göttliche aufs innigste mit dem Objektiven vereinigt und somit die harte Entgegensetzung und bloße Verknüpfung Entgegengesetzter hier wegzufallen; jene wundersamen Wirksamkeiten vollbringt der Mensch, er und das Göttliche scheinen unzertrennbar. Allein je näher die Verknüpfung ist, die doch keine Vereinigung wird, um so härter fällt das Unnatürliche der verknüpften Entgegengesetzten auf.

1/412 In dem Wunder als einer Handlung wird dem Verstande ein Zusammenhang von Ursache und Wirkung gegeben und das Gebiet seiner Begriffe anerkannt; zugleich aber wird sein Gebiet damit zerstört, daß die Ursache nicht ein so Bestimmtes als die Wirkung ist, sondern ein Unendliches sein soll; da der Zusammenhang der Ursache und Wirkung im Verstande die Gleichheit der Bestimmtheit ist, ihre Entgegensetzung nur die, daß in einem diese Bestimmtheit Tätigkeit, im anderen Leiden ist, - hier [aber] soll zugleich in der Handlung selbst ein Unendliches mit unendlicher Tätigkeit eine höchst beschränkte Wirkung haben. Nicht die Aufhebung des Gebietes des Verstandes, sondern daß es zugleich gesetzt und aufgehoben wird, ist das Unnatürliche. So wie nun einerseits das Setzen einer unendlichen Ursache dem Setzen einer endlichen Wirkung widerspricht, ebenso hebt das Unendliche die bestimmte Wirkung auf. Dort aus dem Gesichtspunkte des Verstandes angesehen, ist das Unendliche nur ein Negatives, das Unbestimmte, an das ein Bestimmtes angeknüpft wird; hier von der Seite des Unendlichen als eines Seienden ist [es] ein Geist, der wirkt und die Bestimmtheit der Wirkung eines Geistes ist ihre negative Seite; nur aus einem anderen Gesichtspunkt in der Vergleichung kann seine Handlung bestimmt erscheinen, an sich, ihrem Sein nach, ist sie die Aufhebung einer Bestimmtheit und in sich unendlich.

1/416 Wenn ein Gott wirkt, ist es nur von Geist zu Geist; die Wirksamkeit setzt einen Gegenstand voraus, auf welchen gewirkt wird; aber die Wirkung des Geistes ist die Aufhebung desselben. Das Herausgehen des Göttlichen ist nur eine Entwicklung, daß es, indem es das Entgegengesetzte aufhebt, sich selbst in der Vereinigung darstellt; aber in den Wundern erscheint der Geist auf Körper wirkend, die Ursache wäre nicht ein gestalteter Geist, dessen Gestalt bloß in seiner Entgegensetzung betrachtet, als Körper, einem anderen gleich und entgegensetzbar in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung treten könnte; dieser Zusammenhang wäre eine Gemeinschaft des Geistes, der nur insofern Geist ist, als er nichts mit dem Körper gemein hat, und des Körpers, der Körper ist, weil ihm mit dem Geist nichts gemein ist, aber Geist und Körper haben nichts gemein; sie sind absolut Entgegengesetzte. Ihre Vereinigung, in welcher ihre Entgegensetzung aufhört, ist ein Leben, d. i. gestalteter Geist; und wenn dieser als Göttliches, Ungetrenntes wirkt, so ist sein Tun eine Vermählung mit verwandtem Wesen, mit Göttlichem, und Erzeugung, Entwicklung von neuem, der Darstellung ihrer Vereinigung; sofern aber der Geist in einer anderen, entgegengesetzten Gestalt als Feindliches, Beherrschendes wirkt, so hat er seiner Göttlichkeit vergessen. Wunder sind darum die Darstellung des Ungöttlichsten, weil sie das Unnatürlichste sind und die härteste Entgegensetzung des Geistes und Körpers in ihrer ganzen ungeheuren Roheit verknüpft enthalten. Göttliches Tun ist Wiederherstellung und Darstellung der Einigkeit; Wunder die höchste Zerreißung. Die regegemachte Erwartung also, die mit dem verklärten, zum Gotte erhabenen Jesus vergesellschaftete Wirklichkeit durch wunderbare Tätigkeiten dieses Wirklichen zur Göttlichkeit zu erheben, wird also so gar nicht erfüllt, daß sie vielmehr die Härte dieser Beifügung eines Wirklichen um so mehr erhöht. Doch ist sie für [uns] um so viel größer als für die Mitglieder der ersten christlichen Gemeinde, um soviel mehr wir Verstand haben als diese, die, vom orientalischen Geiste angehaucht, die Trennung des Geistes und des Körpers weniger vollendet, dem Verstand weniger als Objekte überliefert hatten. Wo wir bestimmte Wirklichkeit, geschichtliche Objektivität mit dem Verstande erkennen, da ist oft für sie Geist; und wo wir nur den reinen Geist setzen, da ist er ihnen noch bekörpert. Von der letzteren Art der Ansicht ist die Form, in der sie das [fassen], was wir Unsterblichkeit, und zwar Unsterblichkeit der Seele nennen, ein Beispiel; sie erscheint ihnen als eine Auferstehung des Leibes; beide Ansichten sind die Extreme zwischen dem griechischen Geiste; jenes das Extrem der Vernunft, die eine Seele, ein Negatives gegen allen Verstand, und sein Objekt, den toten Körper, entgegengesetzt, dieses das Extrem sozusagen eines positiven Vermögens der Vernunft, die den Körper als lebendig setzt, während sie zu gleicher Zeit ihn für tot annahm; indes den Griechen Leib und Seele in einer lebendigen Gestalt bleibt, in den beiden Extremen hingegen der Tod eine Trennung des Leibes und der Seele ist und in dem einen der Seele der Leib nichts mehr, in dem anderen der Leib ein Bleibendes auch ohne Leben ist. In anderem, wo wir nur mit dem Verstande und Wirkliches oder - welches ebensoviel ist - etwa fremden Geist erkennen, mischen die ersten Christen ihren Geist bei. - In den Schriften der Juden sehen wir vergangene Geschichten, individuelle Lagen und gewesenen Geist der Menschen, in den jüdischen gottesdienstlichen Handlungen befohlenes Tun, dessen Geist, Zweck und Gedanken für uns nicht mehr ist, keine Wahrheit mehr hat; für sie hatte dies alles noch Wahrheit und Geist, aber ihre Wahrheit, ihren Geist, sie ließen es nicht objektiv werden. Der Geist, den sie Stellen der Propheten und anderer jüdischer Bücher geben, ist in ihrem Sinn weder, in Rücksicht auf die Propheten, die Meinung, Voraussagungen von Wirklichkeiten in ihnen zu finden, noch von ihrer Seite die Anwendung auf Wirklichkeit. Es ist ein ungewisses, gestaltloses Schweben zwischen Wirklichkeit und Geist; es ist einerseits in der Wirklichkeit nur der Geist betrachtet, andererseits die Wirklichkeit selbst als solche vorhanden, aber nicht fixiert. Um ein Beispiel anzuführen, bezieht Johannes (12, 14 ff.) auf den Umstand, daß Jesus auf einem Esel nach Jerusalem hineinzog, einen Ausdruck des Propheten, dessen Begeisterung einen solchen Aufzug sah, den Johannes in dem Aufzuge des Jesus seine Wahrheit finden läßt. Die Erweise, daß ähnliche Stellen der jüdischen Bücher teils an sich unrichtig gegen den Wortsinn des Originaltextes angeführt, teils gegen ihren Sinn, den sie durch ihren Zusammenhang erhalten, erklärt seien, teils sich auf ganz andere Wirklichkeiten, den Propheten gleichzeitige Umstände und Menschen beziehen, teils nur isolierte Begeisterung der Propheten seien, - alle diese Erweise treffen nur die Wirklichkeit der Beziehung, die die Apostel zwischen ihnen und Lebensumständen des Jesus aufstellen, nicht ihre Wahrheit und Geist, sowenig als ihre Wahrheit in der strengen objektiven Annahme sichtbar ist, daß die wirklichen Worte und Gesichte der Propheten der frühere Ausdruck späterer Wirklichkeiten seien. Der Geist der Beziehung, die die Freunde Christi zwischen den Gesichten der Propheten und den Begebenheiten des Jesus finden, wäre zu schwach aufgefaßt, wenn sie nur in die Vergleichung von Ähnlichkeit der Situationen gesetzt würde, in eine Vergleichung, wie wir der Darstellung einer Lage oft den bestimmten Ausdruck alter Schriftsteller hinzufügen. Johannes sagt bei dem oben angeführten Beispiel ausdrücklich, daß die Freunde des Jesus erst, nachdem Jesus verklärt, nachdem der Geist über sie gekommen war, diese Beziehungen erkannten; hätte Johannes einen bloßen Einfall, eine bloße Ähnlichkeit Verschiedener in dieser Beziehung gesehen, so hätte es dieser Bemerkung nicht bedurft; so aber [ist] im Geiste jenes Gesicht des Propheten und dieser Umstand bei einer Handlung Jesu eins; und da die Beziehung nur im Geiste ist, so fällt die objektive Ansicht derselben als eines Zusammentreffens von Wirklichem, von Individuellem weg. Dieser Geist, der das Wirkliche sowenig fixiert, oder es zu einem Unbestimmten macht, und nichts Individuelles, sondern ein Geistiges darin erkennt, ist besonders auch Joh. 11, 51 sichtbar, wo Johannes über die Maxime des Kaiphas und deren Anwendung, daß es besser sei, ein Mensch sterbe fürs Volk, als daß dies im Ganzen in Gefahr komme, erinnert, daß Kaiphas dies nicht für sich selbst als Individuum gesprochen habe, sondern als Hoherpriester in prophetischer Begeisterung (πϱοεϕήτευσεν). Was wir etwa unter dem Gesichtspunkt eines Instruments der göttlichen Vorsehung ansehen würden, darin sah Johannes ein vom Geist Erfülltes, da der Charakter der Ansicht Jesu und seiner Freunde nichts so sehr entgegengesetzt sein konnte als dem Gesichtspunkte, alles für Maschine, Werkzeug, Instrument zu nehmen, sondern vielmehr der höchste Glaube an Geist war; und da, wo man Einheit des Zusammentreffens von Handlungen erblickt, denen für sich einzeln diese Einheit, die Absicht des Ganzen der Wirkung mangelt, und diese Handlungen (wie die des Kaiphas) als ihr unterworfen, von ihr ohne Bewußtsein in ihrer Beziehung auf die Einheit beherrscht, geleitet, als Wirklichkeiten und Instrumente betrachtet, sieht Johannes Einheit des Geistes und in dieser Handlung selbst den Geist der ganzen Wirkung handelnd; er spricht von Kaiphas als selbst von dem Geist erfüllt, in dem die Notwendigkeit des Schicksals des Jesu lag.

1/417 So verlieren denn auch, mit der Seele der Apostel gesehen, die Wunder von der Härte, welche die Entgegensetzung des Geistes und des Körpers in ihnen für uns hat, da es sichtbar ist, daß jenen der europäische Verstand mangelte, der dem ins Bewußtsein Kommenden so allen Geist auszieht und es zu absoluten Objektivitäten, dem Geist schlechthin entgegengesetzten Wirklichkeiten fixiert, daß jener Erkenntnis vielmehr ein unbestimmtes Schweben zwischen Wirklichkeit und Geist ist, das beide zwar noch trennte, aber nicht so unwiderruflich trennte, übrigens doch nicht in reine Natur zusammenging, sondern die klare Entgegensetzung selbst schon gab, die bei größerer Entwicklung eine Paarung des Lebendigen und Toten, des Göttlichen und Wirklichen werden mußte, das durch die Beigesellung des wirklichen Jesus zum Verklärten, zum Gottgewordenen dem tiefsten Triebe nach Religion Befriedigung zeigte, aber nicht gewährte, und ihn zu einem unendlichen, unauslöschlichen und ungestillten Sehnen machte; denn dem Sehnen steht in seiner höchsten Schwärmerei, in den Verzückungen der feinorganisiertesten, die höchste Liebe atmenden Seelen immer das Individuum, ein Objektives, Persönliches gegenüber, nach der Vereinigung mit welchem alle Tiefen ihrer schönen Gefühle schmachteten, welche Vereinigung aber, weil es ein Individuum ist, ewig unmöglich [ist], da es ihnen immer gegenüber, ewig in ihrem Bewußtsein bleibt und die Religion nie zum vollständigen Leben werden läßt.

1/418 In allen Formen der christlichen Religion, die sich im fortgehenden Schicksale der Zeit entwickelt haben, ruht dieser Grundcharakter der Entgegensetzung in dem Göttlichen, das allein im Bewußtsein, nie im Leben vorhanden sein soll, - von den verzückenden Vereinigungen des Schwärmers, der aller Mannigfaltigkeit des Lebens, auch der reinsten, in welcher der Geist seiner selbst genießt, entsagt und nur Gottes sich bewußt ist, also nur im Tode die Entgegensetzung der Persönlichkeit wegschaffen könnte, bis zur Wirklichkeit des mannigfaltigsten Bewußtseins, der Vereinigung mit dem Schicksal der Welt und der Entgegensetzung Gottes gegen dasselbe, - entweder der gefühlten Entgegensetzung bei allen Handlungen und Lebensäußerungen, die ihre Rechtmäßigkeit durch die Empfindung der Dienstbarkeit und Nichtigkeit ihrer Entgegensetzung erkaufen, wie in der katholischen Kirche, oder der Entgegensetzung Gottes in bloßen mehr oder weniger andächtigen Gedanken, wie bei der protestantischen Kirche, - entweder der Entgegensetzung eines hassenden Gottes gegen das Leben, als eine Schande und ein Verbrechen, bei einigen Sekten derselben, oder eines Gütigen gegen das Leben und seine Freuden, als lauter Empfangenes, Wohltaten und Geschenke von ihm, als lauter Wirklichkeit, in welche dann auch die über ihr schwebende Geistesform in der Idee eines göttlichen Menschen, der Propheten usw. zu geschichtlicher objektiver Ansicht herabgezogen wird -: zwischen diesen Extremen von dem mannigfaltigen oder verminderten Bewußtsein der Freundschaft, des Hasses oder der Gleichgültigkeit gegen die Welt, zwischen diesen Extremen, die sich innerhalb der Entgegensetzung Gottes und der Welt, des Göttlichen und des Lebens befinden, hat die christliche Kirche vor- und rückwärts den Kreis durchlaufen, aber es ist gegen ihren wesentlichen Charakter, in einer unpersönlichen lebendigen Schönheit Ruhe zu finden; und es ist ihr Schicksal, daß Kirche und Staat, Gottesdienst und Leben, Frömmigkeit und Tugend, geistliches und weltliches Tun nie in Eins zusammenschmelzen können.

[Systemfragment von 1800]126)

1/419 … absolute Entgegensetzung gilt. Eine Art der Entgegensetzungen ist die Vielheit Lebendiger; die Lebendigen müssen als Organisationen betrachtet werden; die Vielheit des Lebens wird entgegengesetzt, ein Teil dieser Vielheit (und dieser Teil ist selbst eine unendliche Vielheit, weil er lebendig ist) wird bloß in Beziehung betrachtet, sein Sein nur als Vereinigung habend, - der andere Teil (auch eine unendliche Vielheit) wird nur in Entgegensetzung betrachtet, sein Sein nur durch die Trennung von jenem Teil habend, und so wird jener Teil auch so bestimmt als sein Sein nur durch die Trennung von diesem habend. Der erste Teil heißt eine Organisation, ein Individuum. Es erhellt von selbst, daß dieses Leben, dessen Mannigfaltigkeit nur in Beziehung betrachtet wird, dessen Sein diese Beziehung ist, zugleich auch teils als in sich verschieden, als bloße Vielheit betrachtet werden könne; seine Beziehung ist nicht mehr absolut als [die] Trennung dieses Bezogenen; teils auch mit der Möglichkeit, in Beziehung mit dem von ihm Ausgeschlossenen zu treten, gedacht werden müsse, die Möglichkeit des Verlusts der Individualität, oder der Verbindung mit dem Ausgeschlossenen; - ebenso das Mannigfaltige, von einem organischen Ganzen Ausgeschlossene, das sein Sein nur in der Entgegensetzung hat, muß zugleich teils nicht [nur] als für sich, abstrahiert von jener Organisation, in sich absolut mannigfaltig, sondern als in sich zugleich in Beziehung stehend, - teils auch in Verbindung mit dem von ihm ausgeschlossenen Lebendigen gesetzt werden. Der Begriff der Individualität schließt Entgegensetzung gegen unendliche Mannigfaltigkeit und Verbindung mit demselben in sich; ein Mensch ist ein individuelles Leben, insofern er ein anderes ist als alle Elemente und als die Unendlichkeit der individuellen Leben außer ihm; er ist nur ein individuelles Leben, insofern er eins ist mit allen Elementen, aller Unendlichkeit der Leben außer ihm; - er ist nur, insofern das All des Lebens geteilt ist, er der eine Teil, alles übrige der andere Teil; er ist nur, insofern er kein Teil ist und nichts von ihm abgesondert. Das ungeteilte Leben vorausgesetzt, fixiert, so können wir die Lebendigen127)  als Äußerungen des Lebens, als Darstellungen desselben betrachten, deren Mannigfaltigkeit, die eben, weil Äußerungen gesetzt werden, zugleich gesetzt, und zwar als unendlich gesetzt wird, die Reflexion dann als ruhende, bestehende, als feste Punkte, als Individuen fixiert; - oder ein Lebendiges vorausgesetzt, und zwar uns die Betrachtenden, so ist das außer unserem beschränkten Leben gesetzte Leben ein unendliches Leben von unendlicher Mannigfaltigkeit, unendlicher Entgegensetzung, unendlicher Beziehung; als Vielheit eine unendliche Vielheit von Organisationen, Individuen, als Einheit ein einziges organisiertes getrenntes und vereinigtes Ganzes - die Natur. Sie ist ein Setzen des Lebens, denn ins Leben hat die Reflexion ihre Begriffe von Beziehung und Trennung, von Einzelnem, für sich Bestehendem, und Allgemeinem, Verbundenem, jenem als einem Beschränkten, diesem einem Unbeschränkten gebracht und es durch Setzen zur Natur gemacht.

1/420 Weil nun das Leben als Unendlichkeit der Lebendigen oder als eine Unendlichkeit von Gestalten auf diese Art als Natur ein unendlich Endliches, ein unbeschränkt Beschränktes, diese Vereinigung des Endlichen und Unendlichen und die Trennung desselben in ihr ist, die Natur nicht selbst Leben, sondern ein von der Reflexion obzwar aufs würdigste behandeltes fixiertes Leben ist, so fühlt, oder wie man es nennen will, das Natur betrachtende, denkende Leben noch diesen Widerspruch, diese einzige noch bestehende Entgegensetzung seiner selbst gegen das unendliche Leben - oder die Vernunft erkennt noch das Einseitige dieses Setzens, dieses Betrachtens -, und dies denkende Leben hebt aus der Gestalt, aus dem Sterblichen, Vergänglichen, unendlich sich Entgegengesetzten, sich Bekämpfenden heraus das Lebendige, frei vom Vergehenden, die Beziehung ohne das Tote und sich Tötende der Mannigfaltigkeit, nicht eine Einheit, eine gedachte Beziehung, sondern allebendiges, allkräftiges, unendliches Leben, und nennt es Gott, ist nimmer denkend oder betrachtend, weil sein Objekt nichts Reflektiertes, Totes in sich trägt128) .

1/421 Diese Erhebung des Menschen, nicht vom Endlichen zum Unendlichen - denn dieses sind nur Produkte der bloßen Reflexion, und als solcher ist ihre Trennung absolut -, sondern vom endlichen Leben zum unendlichen Leben ist Religion. Das unendliche Leben kann man einen Geist nennen, im Gegensatz der abstrakten Vielheit, denn Geist ist die lebendige Einigkeit des Mannigfaltigen im Gegensatz gegen dasselbe als seine Gestalt, [die] die im Begriff des Lebens liegende Mannigfaltigkeit ausmacht, nicht im Gegensatz gegen dasselbe als von ihm getrennte, tote, bloße Vielheit; denn alsdann wäre er die bloße Einheit, die Gesetz heißt und ein bloß Gedachtes, Unlebendiges ist. Der Geist ist belebendes Gesetz in Vereinigung mit dem Mannigfaltigen, das alsdann ein belebtes ist. Wenn der Mensch diese belebte Mannigfaltigkeit als eine Menge von vielen zugleich setzt und doch in Verbindung mit dem Belebenden, so werden diese Einzelleben Organe, das unendliche Ganze ein unendliches All des Lebens; wenn er das unendliche Leben als Geist des Ganzen zugleich außer sich, weil er selbst ein Beschränktes ist, setzt, sich selbst zugleich außer sich, dem Beschränkten, setzt und sich zum Lebendigen emporhebt, aufs innigste sich mit ihm vereinigt, so betet er Gott an.

1/422 Wenn schon das Mannigfaltige nicht als solches hier mehr gesetzt ist, sondern zugleich durchaus in Beziehung auf den lebendigen Geist, als belebt, als Organ vorkommt, so würde damit eben noch etwas ausgeschlossen und bliebe demnach eine Unvollständigkeit und eine Entgegensetzung, nämlich das Tote; mit anderen Worten, wenn das Mannigfaltige nur als Organ in Beziehung gesetzt wird, so ist die Entgegensetzung selbst ausgeschlossen, aber das Leben kann eben nicht als Vereinigung, Beziehung allein, sondern muß zugleich als Entgegensetzung betrachtet [werden]; wenn ich sage, es ist die Verbindung der Entgegensetzung und Beziehung, so kann diese Verbindung selbst wieder isoliert und eingewendet werden, daß [sie] der Nichtverbindung entgegenstünde; ich müßte mich ausdrücken, das Leben sei die Verbindung der Verbindung und der Nichtverbindung, d. h. jeder Ausdruck ist Produkt der Reflexion, und sonach kann von jedem als einem Gesetzten aufgezeigt werden, daß damit, daß etwas gesetzt wird, zugleich ein Anderes nicht gesetzt, ausgeschlossen ist; diesem Fortgetriebenwerden ohne Ruhepunkt muß aber ein für allemal dadurch gesteuert werden, daß nicht vergessen wird, dasjenige zum Beispiel, was Verbindung der Synthesis und Antithesis genannt wurde, sei nicht ein Gesetztes, Verständiges, Reflektiertes, sondern sein für die Reflexion einziger Charakter sei, daß es ein Sein außer der Reflexion ist. Im lebendigen Ganzen ist der Tod, die Entgegensetzung, der Verstand zugleich gesetzt, nämlich als Mannigfaltiges, das lebendig ist und als Lebendiges sich als ein Ganzes setzen kann, wodurch es zugleich ein Teil ist, d. h. für welches es Totes gibt und welches selbst für Anderes tot ist. Dieses Teilsein des Lebendigen hebt sich in der Religion auf, das beschränkte Leben erhebt sich zum Unendlichen; und nur dadurch, daß das Endliche selbst Leben ist, trägt es die Möglichkeit in sich, zum unendlichen Leben sich zu erheben. Die Philosophie muß eben darum mit der Religion aufhören, weil jene ein Denken ist, also einen Gegensatz teils des Nichtdenkens hat, teils des Denkenden und des Gedachten; sie hat in allem Endlichen die Endlichkeit aufzuzeigen und durch Vernunft die Vervollständigung desselben [zu] fordern, besonders die Täuschungen durch ihr eigenes Unendliches [zu] erkennen und so das wahre Unendliche außerhalb ihres Umkreises [zu] setzen. Die Erhebung des Endlichen zum Unendlichen charakterisiert sich eben dadurch als Erhebung endlichen Lebens zu unendlichem, als Religion, daß sie nicht das Sein des Unendlichen als ein Sein durch Reflexion, als ein objektives oder subjektives setzt, so daß sie zum Beschränkten das Beschränkende hinzufügte, dieses wieder als ein Gesetztes, selbst als ein Beschränktes erkennte und von neuem das Beschränkende für dasselbe aufsuchte und die Forderung machte, dies ins Unendliche fortzusetzen; auch diese Tätigkeit der Vernunft ist eine Erhebung zum Unendlichen, aber dies Unendliche ist ein …129)

1/423 … ein[en] objektiven Mittelpunkt; allen Völkern war er die Morgengegend des Tempels und für die Verehrer eines unsichtbaren Gottes nur dies Gestaltlose des bestimmten Raums, nur ein Platz. Aber dies bloß Entgegengesetzte, rein Objektive, bloß Räumliche muß nicht notwendig in dieser Unvollständigkeit der völligen Objektivität bleiben, es kann selbst, d. h. als für sich bestehend, durch die Gestalt zur eigenen Subjektivität zurückkehren. Göttliches Gefühl, das Unendliche vom Endlichen gefühlt, wird erst dadurch vervollständigt, daß Reflexion hinzukommt, über ihm verweilt; ein Verhältnis derselben zum Gefühl ist aber nur ein Erkennen desselben als eines Subjektiven, nur ein Bewußtsein des Gefühls, getrennte Reflexion über dem getrennten Gefühl; die reine, räumliche Objektivität gibt den Vereinigungspunkt für viele, und die gestaltete Objektivität ist zugleich, was sein soll, durch die mit ihm verbundene Subjektivität nicht eine wirkliche, sondern nur eine mögliche Objektivität, sie kann als solche gedacht werden, aber es ist nicht notwendig, weil sie nicht rein ist. Und damit ist auch, so wie oben die Antinomie der Zeit, der Moment und die Zeit des Lebens als notwendig gesetzt wurde, die objektive Antinomie in Ansehung des Gegenstands gesetzt; das in der Unermeßlichkeit des Raums unendliche Wesen ist zugleich im bestimmten Raume, etwa wie in dem:

Den aller Himmel Himmel nicht umschloß,Der liegt nun in Mariä Schoß.

1/424 Im religiösen Leben wurde sein Verhältnis zu Objekten, sein Handeln als ein Lebendigerhalten oder als ein Beleben derselben aufgezeigt, aber an sein Schicksal erinnert, vermöge dessen es auch Objektives als Objektives müsse bestehen lassen oder gar selbst Lebendiges zu Objekten machen. Es kann sein, daß dies Objektivmachen nur für den Moment sein muß und daß das Leben sich wieder davon entfernt, sich selbst davon freimacht und das Unterdrückte seinem eigenen Leben und dessen Auferstehung überläßt. Aber es ist notwendig, daß es sich auch in ein bleibendes Verhältnis mit Objekten setzt, ihnen die Objektivität bis zur gänzlichen Vernichtung behält. Bei aller durch die bisherigen Vervollständigungen gezeigten vermehrten religiösen Vereinigung kann noch Heuchelei stattfinden, nämlich durch besonderes, für sich zurückbehaltenes Eigentum; mit dem festen Haben von Dingen hätte der Mensch die - negativ ausgedrückt - Bedingungen der Religion nicht erfüllt, nämlich von absoluter Objektivität frei zu sein, sich über endliches Leben erhoben zu haben; er wäre unfähig der Vereinigung mit dem unendlichen Leben, weil er noch für sich etwas behalten [hätte], noch in einem Beherrschen begriffen oder unter einer Abhängigkeit befangen wäre; und darum gibt er vom Eigentum, dessen Notwendigkeit sein Schicksal ist, als Opfer hin, - nur einiges, denn sein Schicksal ist notwendig und kann nicht aufgehoben werden, er vernichtet einen Teil auch vor der Gottheit, der Vernichtung des übrigen nimmt er durch Gemeinschaftlichkeit mit Freunden die Besonderheit, soviel als möglich war, und dadurch, daß sie ein zweckloser Überfluß ist; und durch diese Zwecklosigkeit des Vernichtens allein, durch dies Vernichten um des Vernichtens willen macht er sein sonstiges partikuläres Verhältnis des zweckmäßigen Vernichtens gut und hat zugleich die Objektivität der Objekte durch eine auf sich nicht bezogene Vernichtung, ihre völlige Beziehungslosigkeit, Tod, vollendet, und wenn schon die Notwendigkeit einer beziehenden Vernichtung der Objekte bleibt, so kommt doch dies zwecklose Vernichten um des Vernichtens willen zuweilen vor, das sich als das einzige religiöse zu absoluten Objekten beweist.

Es braucht nur noch kurz berührt zu werden, daß die übrige äußere räumliche Umgebung, als eine notwendige Begrenzung, nicht sowohl durch zwecklose Schönheit selbst beschäftigen darf, als durch zweckmäßige Verschönerung auf ein Anderes zu deuten hat; und daß es das Wesen des Gottesdienstes ist, die beschauende oder denkende Betrachtung des objektiven Gottes aufzuheben oder vielmehr mit Subjektivität Lebendiger in Freude zu verschmelzen, [vermittels] des Gesanges, der körperlichen Bewegungen, einer Art von subjektiver Äußerung, die, wie die tönende Rede, durch Regel objektiv und schön, zum Tanz werden kann, - einer Mannigfaltigkeit der Beschäftigungen, der Anordnung des Darbringens, des Opferns usw. Auch erfordert diese Mehrheit der Äußerungen und der Äußernden Einheit, Ordnung, die als Lebendes ein Ordnender, Befehlender ist, ein Priester, welcher, wenn ein bedürfnisvolles äußeres Leben der Menschen sich sehr gesondert hat, gleichfalls ein Ausgesondertes wird; anderer Folgen und deren Vervollständigungen nicht zu gedenken.

1/426 Diese vollständigere Vereinigung in der Religion, eine solche Erhebung des endlichen Lebens zum unendlichen Leben, so daß sowenig Endliches, Beschränktes, d. h. rein Objektives oder rein Subjektives übrigbleibe als möglich, daß jede selbst in dieser Erhebung und Vervollständigung entsprungene Gegensetzung wieder vervollständigt werde, ist nicht absolut notwendig; Religion ist irgendeine Erhebung des Endlichen zum Unendlichen als einem gesetzten Leben; und eine solche ist notwendig, denn jenes ist bedingt durch dieses; aber auf welcher Stufe der Entgegensetzung und Vereinigung die bestimmte Natur eines Geschlechts von Menschen stehenbleibe, ist zufällig in Rücksicht auf die unbestimmte Natur. Die vollkommenste Vollständigkeit ist bei Völkern möglich, deren Leben sowenig als möglich zerrissen und zertrennt ist, d. h. bei glücklichen; unglücklichere können nicht jene Stufe erreichen, sondern sie müssen in der Trennung um Erhaltung eines Gliedes derselben, um Selbständigkeit sich bekümmern; sie dürfen diese nicht zu verlieren suchen, ihr höchster Stolz muß sein, die Trennung fest und das Eine zu erhalten; man mag dieses nun von der Seite der Subjektivität als Selbständigkeit betrachten oder von der anderen als fremdes, entferntes, unerreichbares Objekt; beides scheint nebeneinander verträglich zu sein, so notwendig es ist, daß, je stärker die Trennung, desto reiner das Ich und desto weiter zugleich das Objekt über und fern dem Menschen ist; [daß,] je größer und abgeschiedener das Innere, desto größer und abgeschiedener das Äußere und, wenn das letztere als das Selbständige gesetzt wird, desto unterjochter der Mensch scheinen muß; aber gerade dies Beherrschtwerden von dem übergroßen Objekt ist es, was als Beziehung festgehalten wird; es ist zufällig, welche Seite sein Bewußtsein aufgreift, ob die, einen Gott zu fürchten, der unendlich über aller Himmel Himmel, über aller Verbindung Angehören erhaben, über aller Natur schwebend übermächtig sei, oder [die,] sich als reines Ich über den Trümmern dieses Leibes und den leuchtenden Sonnen, über den tausendmaltausend Weltkörpern und den so viele Male neuen Sonnensystemen, als eurer alle sind, ihr leuchtenden Sonnen, zu setzen. Wenn die Trennung unendlich ist, so ist das Fixieren des Subjektiven oder Objektiven gleichgültig; aber die Entgegensetzung bleibt, absolutes Endliches gegen absolutes Unendliches; die Erhebung des endlichen Lebens zu dem unendlichen Leben könnte nur eine Erhebung über endliches Leben sein; das Unendliche ist das Vollständigste, insofern es der Totalität, d. h. der Unendlichkeit des Endlichen entgegengesetzt, nicht insofern diese Entgegensetzung in schöner Vereinigung aufgehoben wäre, sondern insofern die Vereinigung aufgehoben ist und die Entgegensetzung ein Schweben des Ich über aller Natur oder die Abhängigkeit, richtiger: Beziehung auf ein Wesen über aller Natur ist. Diese Religion kann erhaben und fürchterlich erhaben, aber nicht schön menschlich sein; und so ist die Seligkeit, in welcher das Ich alles, alles entgegengesetzt, unter seinen Füßen hat, eine Erscheinung der Zeit, gleichbedeutend im Grunde mit der, von einem absolut fremden Wesen, das nicht Mensch werden kann, abzuhängen, oder [das,] wenn es dies (also in der Zeit) geworden wäre, auch in dieser Vereinigung ein absolut Besonderes, nur ein absolutes Eins bliebe - das Würdigste, Edelste, wenn die Vereinigung mit der Zeit unedel und niederträchtig wäre.

1/427 14. Sept. 1800

[Fragmente historischer und politischer Studien aus der Berner und Frankfurter Zeit]130)

(ca. 1795-1798)

1.

1/431 Geist der Orientalen: Achtung vor der Wirklichkeit in der Wirklichkeit und Ausschmückung derselben in der Phantasie. - Die Orientalen haben festbestimmte Charaktere. Wie sie einmal sind, ändern sie sich nicht mehr. Die Richtung des Weges, den sie eingeschlagen haben, verlassen sie nicht. Was außer ihrem Wege liegt, ist für sie nicht vorhanden. Aber was sie auf dem Wege stört, ist ihnen feindselig. Ihr einmal festbestimmter Charakter kann nicht von sich ablassen, nicht das, was ihm entgegen ist, in sich aufnehmen und sich damit versöhnen. Das eine wird herrschend, das andere ein Beherrschtes. Macht ist der Begriff, in dem die Wesen gleich sind. Gewalt ihre Beziehung aufeinander, Gewalt der Stärke oder des Genies oder der Rede. Ein festbestimmter Charakter läßt nichts außer sich zu, als was er beherrscht oder von welchem er, wie es von ihm, beherrscht wird; denn es sind Schranken, Wirklichkeiten in ihm, die nicht aufgehoben werden können, die[, um] neben anderen widersprechenden Wirklichkeiten, neben Feindlichem zu bestehen, in keinem anderen Verhältnis stehen können. Da die Schranken des Charakters Wirklichkeiten geben, die die Liebe nicht vereinigen kann, so müssen sie objektiv verbunden sein, d. h. unter einem Gesetz stehen. Das Gleiche der Wirklichkeit ist die Notwendigkeit, also das Gesetz, das alles beherrscht. Deswegen sind im orientalischen Charakter die zwei anscheinend widersprechenden Bestimmungen: Herrschsucht über alles und willige Ergebung in jede Sklaverei, so innig verbunden. Über beides waltet das Gesetz der Notwendigkeit. Herrschaft und Sklaverei, beide Zustände sind hier gerecht, denn in ihnen beiden regiert das gleiche Gesetz der Gewalt. Derjenige ist im Orient der glückliche Mann, der Mut hat, dasjenige, was schwächer ist als er, sich zu unterwerfen, und Klugheit besitzt, das nicht anzugreifen und dem sich gleich zu unterwerfen, was stärker ist als er. Derjenige ist hier ein weiser Mann, der von den Wirklichkeiten sich zurückzieht, in der Rede und in Sprüchen tätig ist. Edel ist der Gebildetere, der zu unterscheiden weiß und nur soweit unterjocht, als ihm widerstanden worden, und dem Überwundenen dadurch sich gleichsetzt, daß er über sich mit ihm das Gesetz der Notwendigkeit erkennt; in sich, dem wirklichen Sieger, den möglichen Überwundenen [sieht] und in dem wirklich Unterjochten zugleich den möglichen Herrscher ehrt. Diese Möglichkeit des Entgegengesetzten, diese Möglichkeit der unendlichen Mannigfaltigkeit der Wirklichen als möglich Herrschender oder als möglich Unterjochter, diese Macht, die in den Übergängen des Negativen zum Positiven, des Positiven zum Negativen erscheint, ist die unendliche Gottheit der Orientalen. Auf dem Webstuhl ihres Willens und ihrer Regierung werden die Begebenheiten gewoben, und aus dem Quell seines Befehls fließen in den Abgrund seiner Macht die Ströme der Zeiten und Jahrhunderte. - Bei der festen Bestimmtheit des orientalischen Charakters sind der Beziehungen sehr wenig, in denen der Mensch steht, und alles, was sich darbietet, erhält bald seine Stelle. Der Mensch von festbestimmtem Charakter läßt sich mit nichts ein, was ihm nicht gleichartig ist. Das meiste, was an ihn anstoßen kann, weist er auf die Seite. Das andere bekämpft er und wird Herr darüber oder unterwirft sich der Gewalt, aber seine Ansprüche bleiben die gleichen. Diese Unwandelbarkeit, diese Unfähigkeit, durch die Mannigfaltigkeit der Dinge vielseitig bewegt zu werden, erhält dem Orientalen seine Ruhe. Weil ihm die Welt eine Sammlung von Wirklichkeiten ist und diese nur in ihrer nackten Gestalt als bloße Entgegengesetzte erscheinen, ohne eigene Seele und Geist, so muß er, um ihrer Dürftigkeit aufzuhelfen, notwendig durch fremden, erborgten Glanz zu ersetzen suchen, was ihnen an eigenem Gehalt abgeht. Der Orientale schmückt die Wirklichkeit immer mit Einbildungskraft aus. Er hüllt jedes Ding in Bilder ein. Auch diese Bilder sind zwar Bilder von Wirklichkeiten, und eine Armut scheint der anderen keinen Glanz erteilen zu können, aber sie werden durch ihre Verbindung poetisch. Die Vereinigung des Ungleichartigen erzeugt einen Schein von Leben, das in der Gleichheit der Verbundenen liegt. Das, worin man diese sich ähnlich kennt, kommt, weil das Verschiedene so ungleichartig ist, zu einem dunklen Bewußtsein, aber eine Gestalt des reinen Lebens können sie nicht wagen, hervortreten zu lassen. Die erhabene Pracht ihrer Bilder setzt in Erstaunen, der Sonnenglanz ihrer Gemälde ist blendend. Aber eben, weil man die Gewaltsamkeit in der Verbindung Ungleichartiger fühlt, staunt man; weil man an die Pracht dieses Objektiven keinen Anspruch machen kann, wird man geblendet; weil die Liebe nicht verbunden hat, so geht die Empfindung leer dabei aus, und die Kostbarkeiten, die Perlen des orientalischen Geistes sind nur wildschöne Ungeheuer. Wo aber die Objektivität des Lebens, abgestreift vom Mannigfaltigen, als Einheit hervortritt, da kann diese nur ein Begriff, ein Allgemeines sein, womit ihre Gemälde angefüllt sind. - Die Bestimmtheit des Charakters läßt keine große Mannigfaltigkeit der Charaktere zu. Die Mannigfaltigkeit der Bestimmtheiten würde sich selbst zerschlagen. Was aber jenseits dieser Bestimmtheiten, zwar der Sache nach gleichartig mit ihr, allein von größerer und tieferer Kraft, das mußte als ein Unsichtbares, Höheres, wunderbar wirken. In der Art der Komposition der orientalischen dauernden oder ephemerischen Reiche, aus dem System des Gehorsams und der Subordination in solchen wilden Massen, zeigt sich deutlich die Macht, welche orientalische, also gleichartige, aber mit Stärke, Tiefe und Hartnäckigkeit verbundene Charaktere auf andere Orientalen ausüben, die blinde, fast zur Vernichtung gehende Passivität der letzteren gegen jene. Auch entspringt daraus die Wichtigkeit und darum die Sparsamkeit und der Ernst der Rede, der Äußerung eines unsichtbaren und an sich unerkennbaren Lebens. - Wie die Orientalen die nackte Wirklichkeit der anderen Dinge mit der Phantasie schmücken, so müssen sie, die ein so unvollständiges Bewußtsein ihrer selbst haben und in der Darstellung ihrer Natur keine befriedigende Einigkeit finden können, sich selbst mit fremden Zieraten so sehr überladen. Ihr Schmuck kann keine Bekleidung sein, die ihre Form und Schönheit von der menschlichen Gestalt und ihrem eignen, freien Spiel erhielte, sondern völlig fremde Dinge; dabei keine Naturganze, die man mehr aus Liebe an sich steckt und dabei mehr mit seiner eignen Empfindung sich schmückt, sondern von eignem Leben und einer vom Leben geformten Gestalt entblößte glänzende Dinge, Gold, etwa in geborgte Formen gekleidet, in Blumen vereinigte Zierate usw. - Bei den Orientalen war aus dem Natürlichen gerade die Natur ausgetrieben und erschien für sich selbst nur als Gemeines und Unterjochtes. Das weibliche Gemüt und die Liebe zu den Weibern allein war keine solche Leidenschaft, deren Genuß die Herrschaft war. Bei vielen morgenländischen Nationen ist es eine hohe Unehre, unter Vornehmen besonders, der Weiber, und was auf sie Bezug hat, zu erwähnen: entweder, weil hier auch die tapfersten sich nicht als Herren fühlten und damit an ihre Schwäche erinnert wurden; oder vielmehr, da keiner dieser Schwäche sich vor sich selbst schämte und nur die Erwähnung, die Aussprache alles dessen, was auf diese Seite der menschlichen Natur sich bezog, für Unehre hielt, weil sie das Weibliche als etwas ihrem übrigen Geist Fremdes, ihnen Überlegenes ehrten und sich scheuten, durch die Erwähnung es in die Klasse der übrigen Menge der gemeinen Dinge zu versetzen. Weil sie fühlen, daß das Verhältnis der Weiber nie dasjenige werden kann, was das Verhältnis aller anderen Dinge ist, Herrschaft oder Knechtschaft, und sie ihnen etwas sind, das sich nicht wie diese behandeln läßt und dessen sie sich [nicht] sicher werden können, so wissen sie keinen anderen Rat, als sie einzusperren! - Die Juden hatten jene Scheu nicht. Sie sprachen von den Geschlechtsverhältnissen frei und ohne Umstände, aber alles, was sich darauf bezieht, ist ihnen, wie alles, ein bloßes Wirkliches, vom Geist der Liebe undurchdrungen. Dieser regiert sie also auch nicht in Behandlung dieser Materie, und sie, die Behandlung, ist darum in ihren Gesetzen selbst und den Büchern, welche die Summe ihrer Bildung enthalten, so empörend, niederträchtig und schändlich; denn je heiliger und reiner das beseelende Wesen ist, desto abscheulicher ist es, die Organe desselben und seine Äußerungen als bloße Sachen darzustellen und zu behandeln. - Bei den Orientalen ist der Bart sehr heilig. Bei den Juden durfte auf das Haupt eines Nasiräers oder Gottgeweihten kein Schermesser kommen. Jedes siebente, vielleicht auch noch fünfzigste Jahr, die Gott geweiht waren, durfte kein Feld gebaut, keine Weinrebe beschnitten, keine Weinlese gehalten werden. An den freiwilligen Erzeugnissen der Erde sollten Knechte, Vieh, Wild frei Anteil nehmen können. Es ist sehr große Willkür, den Bart wachsen zu lassen. Er ist wohl, aber in einem sehr geringen Grade, ein Organ des Körpers, und in dieser Rücksicht ist Nägelabschneiden ebensosehr und die bei den Orientalen so gewöhnliche, bei den Juden gebotene Beschneidung wohl noch eine größere Verstümmelung. Die Beibehaltung des Barts kann also nicht als eine Achtung vor der Vollständigkeit der menschlichen Gestalt angesehen werden, welche Achtung ohnehin der Versteckung der Gestalt durch geschmacklose Kleidung und Überladung derselben durch glänzenden und vielfachen Schmuck schlechterdings widerspricht. Eine Willkür, die man sich als Gesetz auflegt, wird mit desto größerem Eigensinn behauptet, so wie die Aufopferung um so mehr Verdienst hat, je größer die Willkür ist, der man sich unterwirft. Aber warum legten sich die Orientalen gerade diese Willkür auf? Warum mit der Wichtigkeit, daß der Bart sogar etwas Heiliges ist? Da im orientalischen Geist aller Wert und Bestand in dem unendlichen Objekt ist, da er auf ein für sich Bestehendes, eigenes Leben in sich selbst Habendes nichts halten kann, so muß er von außen her durch glänzende Dinge, in denen kein Leben ist, sich herausputzen, sich doch auch zu etwas machen und so auch den Bart, der das Unwesentlichste an seiner organischen Ganzheit ist, sich am meisten zu erhalten suchen, das Gleichgültigste an ihm am meisten ehren.

2.

Das Gedächtnis ist der Galgen, an dem die griechischen Götter erwürgt hängen. Eine Galerie solcher Gehenkten aufweisen, mit dem Winde des Witzes sie im Kreise herumtreiben, sie einander necken machen und in allerlei Gruppen und Verzerrungen blasen, heißt oft Poesie. - Gedächtnis ist das Grab, der Aufbehälter des Toten. Das Tote ruht darin als Totes. Es wird wie eine Sammlung Steine gewiesen. Das Ordnen, Durchgehen, Stäuben, alle diese Beschäftigungen haben zwar eine Beziehung auf das Tote, aber sind von ihm unabhängig. - Aber unverständliche Gebete plappern, Messen lesen, Rosenkränze sprechen, bedeutungsleere gottesdienstliche Zeremonien üben, dies ist das Tun des Toten. Der Mensch versucht es, völlig zum Objekt zu werden, sich durchaus von einem Fremden regieren zu lassen. Dieser Dienst heißt Andacht. Pharisäer!

3.

1/432 Klageweiber bei der öffentlichen Totenfeier der im ersten Jahr des Peloponnesischen Krieges Umgekommenen. Thukydides B, λ δ: καὶ γυναικες πάρεισιν αἱ προσήκουσαι ἐπὶ τὸν τάφον ὀλοφυρόμεναι.131)  Die größte Linderung des Schmerzes ist, ihn auszuschreien, ihn rein in seinem ganzen Umfang gesagt zu haben. Durch die Äußerung wird der Schmerz objektiv gemacht und das Gleichgewicht zwischen dem Subjektiven, das allein vorhanden ist, und dem Objektiven, das im Schmerz nichts ist, hergestellt. Durch die Äußerung allein kommt er zum Bewußtsein, und was zum Bewußtsein gekommen, ist dann vorbei. Es ist in die Form der Reflexion gebracht und wird durch folgende Bestimmungen weggedrängt. Aber wenn das Gemüt noch voll, der Schmerz noch ganz subjektiv ist, so hat nichts anderes Platz darin. Auch die Tränen sind so eine Entladung, so eine Äußerung, eine Objektivierung des Schmerzes. Der Schmerz hat sich dann, da er subjektiv ist und auch objektiv geworden ist, zum Bilde gemacht. Aber da der Schmerz seiner Natur nach subjektiv ist, so ist es ihm sehr zuwider, aus sich herauszugehen. Nur die höchste Not kann ihn dazu treiben. Auch wenn die Not vorbei, wenn alles verloren und er Verzweiflung geworden ist, so verschließt er sich in sich, und hier ist es höchst wohltätig, ihn herauszubringen. Durch nichts Heterogenes kann dies geschehen. Nur indem er sich selbst gegeben wird, hat er sich als sich selbst und als etwas zum Teil außer sich. Ein Gemälde tut diese Wirkung nicht. Er sieht nur, aber bewegt sich nicht selbst. Die Rede ist die reinste Form von Objektivität für das Subjektive. Sie ist noch nichts Objektives, aber doch die Bewegung nach Objektivität. Klage in Gesang hat zugleich noch mehr die Form von Schönem, weil sie nach einer Regel sich bewegt. Klagegesänge bestellter Weiber sind daher das Menschlichste für den Schmerz, für das Bedürfnis, sich seiner zu entladen, indem man ihn am tiefsten sich entwickelt und in seinem ganzen Umfang sich vorhält. Nur dies Vorhalten allein ist der Balsam.

4.

Thukydides B, λ ς: τὰ δὲ πλείω αὐτης (ὅσην ἔχομεν ἀρχὴν) αὐτοὶ ἡμεις οἵδε οἱ νυν ἔτι ὄντες μάλιστα κ. τ. λ.132)  So kann nur die Volksversammlung eines kleinen Freistaats sprechen. Vor ihr und von ihrem Munde haben solche “Wir” völlige Wahrheit. In größeren Republiken sind sie immer sehr eingeschränkt. Das Wir ist denen, die es aussprechen, immer um so fremder, je größer die Menge ihrer Mitbürger ist. Der Anteil jedes Einzelnen an einer Tat ist so gering, daß er von ihr als seiner Tat fast gar nicht sprechen kann. Der Anteil am Ruhm seiner Nation ist größer, aber es heißt nur: ich gehöre zur Nation, nicht: ich bin. Dies Ganze übt eine Herrschaft über ihn aus, unter der er steht. Ein freies großes Volk ist daher insofern ein Widerspruch in sich selbst. Das Volk ist die Gesamtheit aller Einzelnen, und alle Jede[r] sind immer vom Ganzen Beherrschte. Ihre Tat, das, was die Tat eines Jeden ist, ist ein unendlich kleines Fragment einer Nationalhandlung.

5.

1/433 Achilles starb, durch einen Pfeil in der Ferse verwundet. Er hätte ebensogut an jedem übrigen Punkt des Körpers verwundet werden können. Die Wunde an jenem Teil war also höchster Zufall. Durch die Richtung des Pfeiles war sie durchaus bestimmt. Aber der getroffene war in Rücksicht der übrigen Teile (auf die er, da er mit ihnen ein Ganzes ausmacht, notwendig bezogen werden muß) als verwundeter getroffener Teil unterschieden. Diese Möglichkeit der übrigen, verwundet werden zu können, und die entgegengesetzte Wirklichkeit, nicht verwundet zu sein, sowie die Wirklichkeit des Verwundetseins der Ferse und ihre entgegengesetzte Möglichkeit, auch nicht verwundet zu werden, vereinigen die Griechen in der Einbildungskraft durch den Mythos, das Eintauchen Achills in den Lethe, nach welchem die nicht verwundeten Teile zugleich nicht verwundet werden konnten und der verwundete Teil allein nur verwundet werden konnte.

6.

1/434 Ehe Lykurg, nach einer Abwesenheit von zehn Jahren, nach Sparta zurückkehrte, um den vollendeten Plan seiner Gesetzgebung jetzt auszuführen, fragte er wegen derselben das Orakel zu Delphi. Die Pythia nannte ihn im Namen Apolls einen Freund und Liebling der Götter. Sie sagte ihm, er sei mehr ein Gott als ein Mensch. Sie erklärte ihm, Apollo billige den Plan, den er gemacht habe; könne er die Annahme seiner Gesetze zustande bringen, so würde es auf der Welt keine besser eingerichtete Republik geben als die lakedämonische. - Nachdem er nun seine Gesetze allmählich eingeführt hatte, begab er sich wieder zum Orakel, das den Ausspruch tat, daß er hinlänglich dafür gesorgt habe, die Lakedämonier ebenso glücklich als tugendhaft zu machen, und daß, wenn sie beständig seine Gesetze halten würden, sie eines ewigen Ruhms und Glücks genießen würden. - Wären die Lakedämonier und die übrigen Griechen fähig gewesen, positiven göttlichen Gesetzen sich zu unterwerfen, ja, nur einen Begriff derselben zu haben, hätten die Lakedämonier [dann] nicht die anderen Griechen verpflichten, nicht ihnen predigen sollen, ihre Verfassung, die ein Ausspruch des allgemeinen Orakels für die vollkommenste erklärt hatte, gleichfalls anzunehmen? Hätten die übrigen, um konsequent zu sein, nicht dieselbe annehmen müssen? - Aber die Griechen waren eine freie Nation, die selbst von keinem Gotte sich Gesetze geben ließen. Dieser Beweggrund, die Bestätigung durch die Gottheit, war ihnen fremd.

7.

Nach dem Untergange römischer und griechischer Freiheit, als den Menschen die Herrschaft ihrer Ideen über die Objekte genommen war, trennte sich der Genius der Menschheit. Der Geist der verdorbenen Menge sagte zu den Objekten: ich bin euer, nehmt mich hin!, warf sich in den Strom derselben, ließ von ihnen sich fortreißen und ging in ihrem Wechsel unter. - Der Geist der Stoiker tat das Gegenteil. Er sprach: ihr seid meinem Wesen fremd, das nichts von euch weiß; ich beherrsche euch in meiner Idee; ihr mögt sein, wie ihr wollt, das ist mir gleichgültig, ihr seid mir zu verächtlich, als daß ich Hand an euch legen wollte. - Andere Geister fühlten, daß die Objekte anders sein sollten, aber sie hatten nicht den Mut, sie zu ergreifen und zu bilden. Die Übermacht derselben lastete auf ihnen und ließ ihnen nur das Gefühl ihrer Ohnmacht. Ein Teil dieser Geister bildete sich den Sinnen unsichtbare Objekte, die er im Wahne des Volks vorfand, aber seine Ideen auf sie übertrug und zu ihnen flehte: nehmt mich auf in euer Wesen, erscheinet uns, offenbart euch uns, zieht uns zu euch, beherrscht ihr uns! Sie hießen Theurgen. - Ein anderer Teil der letzteren Geister hörte von einem ähnlichen neuen Objekt sprechen, entfloh den äußeren Objekten, die ihm versagt waren, warf sich dem Glauben in die Arme, daß jenes Unsichtbare sie selbst und die äußeren Objekte beherrschen würde, - und hießen Christen. Die ausgebildete Kirche hat beides, den Wunsch der Stoiker und jener in sich gebrochenen Geister, vereinigt. Sie erlaubt dem Menschen, im Wirbel der Objekte zu leben, und verheißt durch leichte Übungen, Handgriffe, Lippenbebungen usf., zugleich über sie sich zu erheben. Der Wunsch der Theurgen ist eigentlich nur hier und da in den Kopf sogenannter christlicher Schwärmer gekommen. Diese Vereinigung ist nie eigentlich zum Handwerk, wie das übrige, geworden.

8.

1/435 In der Reihe der Offenbarungen Gottes oder in der aufeinanderfolgenden Abstammung und Erzeugung seiner Gestalten gingen die Offenbarungen desselben als Sonne, Gestirne, Meer, Luft, Liebe seiner Offenbarung als Mensch vorher. Die letztere Gestalt war in der Stufenfolge seiner Erzeugungen notwendig. Die Natur wurde durch die Einrichtung des römischen Staats, welche fast der ganzen bekannten Erde die Freiheit nahm, einem dem Menschen fremden Gesetz unterworfen und der Zusammenhang mit ihr zerrissen. Ihr Leben wurde zu Steinen und Hölzern; die Götter wurden zu erschaffenen und dienenden Wesen. Wo Gewalt sich regte, Wohltat sich offenbarte, Größe herrschte, war des Menschen Herz und Charakter. Den Athenern wurde Theseus erst nach seinem Tode zum Heros. Dem Demetrios und Antigonos opferten sie erst als vergangenen. Die römischen Cäsaren wurden deifiziert. Apollonius von Tyana tat Wunder. Das Große war nicht mehr übernatürlich, sondern widernatürlich, denn die Natur war nicht mehr göttlich, also nicht mehr schön und nicht mehr frei. In dieser Trennung der Natur und des Göttlichen wurde ein Mensch der Verbinder beider, also der Versöhner und Erlöser. - Das Volk der Juden aber ist in der Verruchtheit des Hasses zur Hölle gefahren. Was späterhin von ihm noch auf der Erde fortgewankt hat, ist zum Zeichen geblieben. Wie die neueren Völker alle Formen von Menschheit, die edlen freilich nur in Leiden, unter sich haben müssen, so steht auch dies Volk noch unter ihnen als Ideal der verworfensten. In Homers Welt schließt sich die Mannigfaltigkeit nach unten mit Thersites, der nur eine unnütze Zunge hat. Doch nachdem er geschlagen ist, fällt ihm eine Träne vom Auge. Voll Furcht und schweigend setzt er sich und wischt die Zähre ab. Seine Furcht und sein Schweigen erkennt mächtigere Menschenwesen an. Diese Empfänglichkeit wenigstens fürs Bessere mußte dem schlechtesten der homerischen Menschen bleiben. Aber in einer neueren Menschenwelt sieht man neben Amaliens himmlischer reiner Seele Schufterle Kinder am Feuer braten, und als der Hauptmann, seines Schicksals sich jetzt bewußt werdend, den Räubern mit einer fürchterlichen Musterung droht, meinen sie, er sei heut übler Laune. In einem solchen Durcheinander verschiedener Geschlechter, die zusammen von dem Systematiker Mensch geheißen werden, hat der Jude seinen Platz. Ein Mann unter den Juden hat gutmütig Gott sagen lassen: wer meine Gebote nicht achtet, den werde ich strafen bis ins dritte und vierte Glied. Aber die Furien ihrer Religion peitschen sie bereits in ihr hundertstes. Sie glauben sich aber vielleicht nicht gestraft, wenn sie der Christ die Treppe hinunterwirft, weil sie Juden sind, wenn sie um den Gewinn von ein paar Kreuzern sich stundenlang haben niederträchtig behandeln lassen und auch die dritte Stunde beginnen zu schwatzen, - und wenn sie des anderen Tags wiederkommen.

9.

1/436 Was ein gebildeter Geschmack und eine vorurteilsfreie Vernunft, welche den Adel des griechischen Geistes in seinem ganzen Umfange, in allen seinen Modifikationen zu schätzen wissen, noch aussetzen, ist das Unedle in der Leidenschaft der Liebe, die unter den Nationen deutscher Abstammung in der neueren Geschichte eine ganz andere, sublimere Gestalt gewonnen. Sollte diese Erscheinung nicht auch mit dem Geist ihres freien Lebens zusammenhängen? Wenn ein Ritter aus den Zeiten der Chevalerie einem Aristides die Taten vorerzählte, die er für seine Geliebte tat, die Abenteuer, die er für sie bestand, die lange Reihe von Jahren, deren jeder Augenblick mit einer eisernen Geduld allein einem Zweck gewidmet war, den seine Geliebte ihm aufgegeben, wenn ein solcher dabei den Aristides in Zweifel gelassen, wer der Gegenstand dieser Tätigkeit gewesen sei; - oder wenn ein edler junger Mann eben diesem Aristides mit allem Feuer der Einbildungskraft auf eben die unbestimmte Art die Schönheit seines geliebten Gegenstandes malte, ihm die tiefe Achtung beschriebe, die er für ihn fühlte, die Heiligkeit und Reinheit seiner Empfindung, die Begeisterung in der Nähe desselben, wie es das einzige Interesse seines Lebens sei, für ihn zu arbeiten, zu atmen; - würde Aristides, der nicht wüßte, wem all dieser Aufwand von Empfindungen, Taten, Begeisterung gewidmet sei, würde er nicht etwa auf folgende Art gegenreden: ich weihte mein Leben meinem Vaterlande; ich kannte nichts Höheres als seine Freiheit und sein Wohl; ich arbeitete für dasselbe ohne allen Anspruch auf Auszeichnung oder Macht oder Reichtum, aber ich bin mir bewußt, daß ich für dasselbe nicht soviel getan, nicht so einzige und tiefe Achtung empfunden habe; ich kenne sonst wohl Griechen, die mehr taten, höher begeistert waren, aber ich kenne keinen, der zu dieser Höhe der Empfindung der Selbstverleugnung gekommen wäre, auf der Ihr steht. Und welches war der Gegenstand dieses Eures hohen Lebens? Er muß unendlich größer, würdiger sein als das Höchste, was ich denken konnte, größer als Vaterland und Freiheit!

10.

1/437 Die ungezügelte Einbildungskraft der Weiber des Mittelalters hat in Gräßlichkeiten der Hexerei, in der Sucht, an anderen kleinen Neid und Rache auszuüben, herumgetobt und hat sie auf den Scheiterhaufen gebracht. Den griechischen Weibern war in den bakchischen Festen ein erlaubter Spielraum, sich auszuwüten, gegeben. Auf die Erschöpfung des Körpers und der Einbildungskraft folgte ein ruhiges Zurücktreten in den Kreis gewöhnlicher Empfindung und hergebrachten Lebens. Die wilde Mänas war die übrige Zeit ein vernünftiges Weib. Dort Hexen, hier Mänaden, dort der Gegenstand der Phantasie teuflische Fratzen, hier ein schöner, weinbelaubter Gott; dort damit vergesellschaftet Befriedigung von Neid, Rachgier, Haß, hier nichts als zweckloses, oft bis zur tobenden Raserei gehendes Vergnügen; dort Fortschritt von einzelnen Wahnsinnsanfällen bis zu gänzlicher und bleibender Zerrüttung des Geistes, hier Rücktritt ins gewöhnliche Leben; dort betrachtete das Zeitalter diese verstellte Raserei nicht als eine Krankheit, sondern als den gotteslästerlichsten Frevel, der nur mit Scheiterhaufen gebüßt werden konnte, hier war dies Bedürfnis mancher weiblichen Phantasien und Temperamente etwas Heiliges, dessen Ausbrüchen Feste gegeben, [die] vom Staat sanktioniert und dadurch in die Möglichkeit gebracht wurden, unschädlich zu werden.

11.

Die Stimme der katholischen Geistlichen ist fast der Heiserkeit nahe. Der eigene Stand, die absondernde Ordenskleidung, das von allen Menschen und Verhältnissen Abgetrennte, jeden Augenblick ihre Muskeln zur inneren Reaktion und Ansichhalten Spannende läßt die Stimme nicht aus der, bei den meisten auch eingesunkenen Brust heraus, sondern sie kreischt fein aus der Kehle, aber nicht rein. Protestantische Prediger haben die feierlichere Stimme des gemeinen Lebens. Wenn die katholische Stimme sich zum Lautreden des Predigens anstrengt, ist sie so durchkreischend, wimmernd schreiend.

12.

1/438 Verachtung der Menschen. Jeder ist gewohnt, andere nach der Regel, die er sich für die Menschheit gemacht hat, zu beurteilen und zu verlangen, daß er so sei. Nur lange Welterfahrung oder ein Übermaß von Güte des Herzens bringt uns hiervon zurück. Diese Forderung ist vorzüglich den Europäern eigen. Es ist eine Art von Eigensinn. So ist es auch ein Zeichen unserer Zeit und weiter nichts - nicht hohe Kultur, nicht Annäherung zum Zweck der Menschheit, zur Vollkommenheit -, die öffentliche Beurteilung von Charakteren, z. B. eines Rousseau, nach den Regeln der Vernunft. Außerdem, daß jeder zuerst in seinen Busen greifen sollte, ist es nur die Tugend allein, die sich selbst Regeln gibt, die beurteilen und fordern kann, aber kein Mensch hat gegen den andern das Recht, sich an die Stelle der Tugend zu setzen und, als ihre Person vorstellend, Forderungen an andere zu machen. Jeder kann einem solchen antworten: die Tugend hat das Recht, dies an mich zu fordern, aber nicht Du.

13.

In den Staaten der neueren Zeit ist Sicherheit des Eigentums die Angel, um die sich die ganze Gesetzgebung dreht, worauf sich die meisten Rechte der Staatsbürger beziehen. In mancher freien Republik des Altertums ist schon durch die Verfassung des Staats das strenge Eigentumsrecht, die Sorge aller unserer Obrigkeiten, der Stolz unserer Staaten, beeinträchtigt worden. In der Lakedämonischen Verfassung war Sicherheit des Eigentums und der Industrie ein Punkt, der fast gar nicht in Betracht kam, der, man kann fast sagen, vergessen war. In Athen wurden die reichen Bürger gewöhnlich eines Teils ihres Vermögens beraubt. Doch gebrauchte man einen für die Person, die man berauben wollte, ehrenvollen Vorwand: man übertrug ihr nämlich ein Amt, das einen ungeheuren Aufwand forderte. Wer in den Tribus, worein die Bürger eingeteilt waren, zu einem kostspieligen Amt erwählt war, konnte unter den Bürgern seines Tribus sich umsehen, ob er nicht einen reicheren fände. Glaubte er einen solchen gefunden zu haben und dieser behauptete, weniger reich zu sein, so konnte ihm jener einen Austausch ihres Vermögens vorschlagen, dessen sich dieser nicht weigern durfte. Wie sehr der unverhältnismäßige Reichtum einiger Bürger auch der freiesten Form der Verfassung gefährlich und die Freiheit selbst zu zerstören imstande sei, zeigt die Geschichte in dem Beispiel eines Perikles zu Athen, der Patrizier in Rom, deren Untergang der drohende Einfluß der Gracchen und anderer durch Vorschläge der agrarischen Gesetze vergeblich zu hemmen suchte, der Medicis zu Florenz - und es wäre eine wichtige Untersuchung, wieviel von dem strengen Eigentumsrecht der dauerhaften Form einer Republik aufgeopfert werden müßte. Man hat dem System des Sansculottismus in Frankreich vielleicht Unrecht getan, wenn man die Quelle der durch dasselbe beabsichtigten größeren Gleichheit des Eigentums allein in der Raubgier suchte.

14.

1/439 In Italien, wo die politische Freiheit in reineren Formen und schöneren Zügen sich dargestellt hatte, aber etwas früher verlorenging als in Deutschland, erhob sich in Bologna die Rechtsgelehrsamkeit früher als die Poesie, und die Edelsten des Volks strömten von allen Seiten dahin und begnügten sich, in ihrem Vaterland gelehrte und genaue Richter zu werden, denn auf dem Richterstuhl allein waren sie noch Diener einer Idee, Diener der Gesetze, da sie sonst nur Diener eines Mannes waren. - In der mittleren Geschichte von Mittel- und Oberitalien treffen wir die Verbindung der Menschen zu Staaten äußerst unvollständig und die Bande äußerst locker an. Die Geschichte Italiens ist in diesem Zeitraum nicht eigentlich die Geschichte eines Volks oder mehrerer Völker, als vielmehr die einer Menge von Individuen, und weil in diesem Gemälde keine großen Massen oder nur in kurzen Zeiträumen auftreten und sogleich wieder zerstäuben, so ist es äußerst schwer, allgemeine Gesichtspunkte dafür aufzufinden. Desto interessanter ist die Geschichte einzelner Menschen, da ihre Individualität nicht in den allgemeinen Formen von Staat und Verfassung untergegangen ist. Es ist gewöhnlich nur ein Interesse des Augenblicks, das die Menschen vereinigt. Selten sehen wir eine Vereinigung, die ein bleibendes Interesse zum Grunde gehabt hätte. Alle Streitigkeiten betrafen die Rechte einzelner Familien und Menschen, die nie dazu gebracht werden konnten, zum Besten gesellschaftlicher Vereinigung von ihren Rechten aufzugeben. Das Zusammenwohnen in Städten war mehr ein Beieinandersein im gleichen Raum, innerhalb der gleichen Mauern, als Unterwerfung unter gleiche Gesetze. Die Macht der Obrigkeit war schwach. Es herrschten schlechterdings noch keine Ideen. Das platte Land nicht nur war mit einer unzähligen Menge von Schlössern bedeckt, die jeder zu seiner Sicherheit erbaut hatte; auch jeder Palast der Familien in der Stadt war mit Türmen und auf andere Art befestigt, wo sie einander belagerten. Ausübung der Gerechtigkeit war nur der Sieg einer Faktion über die andere.

15.

1/442 Öffentliche Todesstrafe. Montesquieu macht bei Gelegenheit der Japaneser die Bemerkung, daß die vielen öffentlichen und dabei grausamen Hinrichtungen den Charakter des Volkes wild und gegen diese Strafen selbst wie gegen die Verbrechen gleichgültig gemacht haben. Woher diese Erscheinung, die von dem Zweck, den bei öffentlichen Strafen Gesetzgeber und Richter vor Augen gehabt hatten, nämlich Schrecken und Furcht vor den Verbrechen, gerade das Gegenteil hervorbringt? Ist es bloß die Gewohnheit, die dem Tode durch den Henker, den fürchterlichen Anstalten dazu der Todesangst und der allgemeinen Verachtung oder, was manchem noch drückender ist, dem allgemeinen Mitleiden sein Ekelhaftes, Grauliches und Schauderhaftes benimmt? Gewohnheit würde nur Gleichgültigkeit wirken, wie beim Krieger, zu dessen Rechter tausend und zu dessen Linker zehntausend fallen. Was ist es eigentlich, das bei einer Hinrichtung zunächst in die Augen fällt, und welche Empfindung, die durch jene Erscheinung veranlaßt wird? - Ein wehrloser Mensch ist es, der uns in die Augen fällt, der gebunden, von einer zahlreichen Wache umgeben, von ehrlosen Henkersknechten gehalten, hinausgeführt und da ganz wehrlos [ist] unter dem Zuruf und Gebet der Geistlichen, die der Missetäter nachschreit, um das Bewußtsein des gegenwärtigen Augenblicks zu übertäuben. So stirbt er. Der Soldat, der neben dem anderen zusammengehauen wird oder, von einem unsichtbaren Blei getroffen, niederstürzt, erweckt nicht die Empfindung in uns, die die Hinrichtung des Missetäters wirkt. Ich denke, bei diesem letzten Augenblick empfinden wir es, daß einem Menschen sein Recht, sich für sein Leben zu wehren, entzogen ist. Der Mensch, der im Kampf mit einem anderen stirbt, kann von uns bedauert werden, aber es hat nicht das Kränkende für uns, das der Tod von jenem hat: denn jener hat noch sein natürliches Recht, sich für sein Leben zu wehren, ausgeübt. Auch fiel er nur, indem der andere das gleiche Recht behauptete. Die empörende Empfindung, einen Wehrlosen von einer noch dazu überlegenen Anzahl Bewaffneter hinrichten zu sehen, wird bei den Zuschauern nur dadurch nicht in Wut verwandelt, daß ihnen der Ausspruch des Gesetzes heilig ist. Aber diese Vorstellung vermag jene Empfindung, die durch den unmittelbaren Anblick erzeugt wird, nicht ganz zu verdrängen. Wenn die Henker schon Diener der Gerechtigkeit sind, so hat doch diese bloße Vorstellung die allgemeine Empfindung nicht zu unterdrücken vermocht, welche das Handwerk oder den Stand dieser Menschen, die hier im Angesicht des ganzen Volks mit kaltem Blut einen Wehrlosen töten können, die hier ganz als blinde Werkzeuge, so wie die wilden Tiere, denen man ehemals die Verbrecher vorwarf, ihren Dienst verrichten, mit dem Brandmal der Ehrlosigkeit stempelte. Der aufgeklärte Verstand mag diese Stimme des Volks und das dunkle Gefühl, worauf sie gegründet ist, noch so sehr als Vorurteil verschreien, ihr noch so dringend wiederholen, daß er in der Analyse jenes Gefühls keinen vernünftigen Grund antrifft, und dagegen die Henker als Diener des Staats und der Gerechtigkeit, die ihre Pflicht tun, mit anderen Staatsbeamten in Parallele setzen: er wird, wie es ihm mit noch so manchen anderen Empfindungen geht, auch diese nicht verdrängen können. Der billig Denkende wird aber von dem Handwerk, das seine Empfindung empört, immer den Menschen selbst zu unterscheiden wissen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn er ihm auch ein ander Handwerk wünschte, so wie er auch sonst, von der Schändlichkeit der Sitte oder Gewohnheit eines Volks überzeugt, ein Individuum, mit dem er zu tun hätte, deswegen doch nicht für einen Schurken hielte. - Eine auffallende Bemerkung will man über die Menschen dieses Standes gemacht haben, daß sie im ganzen stille, rechtschaffne und mehrenteils fromme Leute seien. Sollte ihre Beschäftigung, die ihnen die Strafe der Verbrechen am unmittelbarsten zeigt, diese Wirkung haben, oder nicht vielmehr ein Selbstgefühl, gegen die Verachtung, die man ihrem Stande zeigt, ihr Individuum zu retten; das Gefühl, daß Würdigkeit der Person von der Achtung oder Nichtachtung des Standes unabhängig ist? - Unter den Griechen weiß ich nicht, daß öffentliche Hinrichtungen gewesen wären. Sokrates wenigstens trank im Gefängnis den Giftbecher, und Orest bei Euripides wollte die selbstgewählte Todesart auch selbst an sich vollziehen. Würde heutigentags jemand den Vorschlag tun, das Öffentliche der Todesstrafen abzuschaffen, so würde ihm mit tausend Zungen entgegengeschrien werden, daß ein Hauptendzweck der Strafen, das Beispiel für andere, dabei verlorenginge. Es scheint, die Griechen haben sich nicht diesen Endzweck der Strafen vorgestellt und ihre Gesetzgeber es nicht für nötig gehalten, durch ein grauenvolles Schauspiel die Empfindung und die Einbildungskraft zu erschüttern und dadurch das zu ersetzen, was innere Moralität und Achtung für die Gesetze nicht bewirken konnten. Die behauptete Notwendigkeit grausamer öffentlicher Strafen beweist im ganzen weiter nichts als das wenige Zutrauen, das Gesetzgeber und Richter in das sittliche Gefühl ihres Volks setzen könnten. - Ebenso laut würde man gegen einen solchen Vorschlag sagen, daß, wenn Todesurteile nicht öffentlich vollzogen würden, für gewissenlose Richter ein Zaum des Unrechts weniger sein würde. Der Despotismus würde im Dunkeln ungescheuter morden, als er es öffentlich wagen darf. (Werden in Venedig die Hinrichtungen alle oder nur die der Staatsverbrecher privatim vollzogen?) Gegen Bürger eines Staates, die dieses zu befürchten hätten und diesen Einwurf vorbrächten, ist nichts zu antworten, und überhaupt in einem jeden Staate, in welchem ein nicht vom Volke aus seiner Mitte erwähltes Gericht bei verschlossenen Türen über das Leben eines Mitbürgers abspricht, ist den Untertanen nichts so sehr zu wünschen, als daß dieser Schatten einer Wichtigkeit der Stimme des Publikums erhalten werde: denn vor der öffentlichen Hinrichtung rechtfertigt sich das Gericht gleichsam wegen seines getanen Urteilsspruches, der mit Gründen abgelesen wird, in den Augen des Volks. Aber in Staaten, in welchen der Bürger das Recht hat, von seinen Pairs gerichtet zu werden, wo jeder in den Gerichtssaal freien Zutritt hat, würde diese Unbequemlichkeit wegfallen.

16.

Gefängniswesen. Es ist gefragt worden, ob die Spanische Mantel- und Fidelstrafe durch das allgemeine preußische Landrecht abgeschafft sei. Man hat gemeint, daß, solange die Gefängnisse auf dem Lande und selbst in den meisten Städten nur zur Aufnahme der Gefangenen und zur Empfindung der Strafe dienen, damit gegen die Bauern und insonderheit gegen die geringere Klasse und das Gesinde nichts ausgerichtet, sondern der Zweck der Strafe gänzlich verfehlt würde, auch dem Lande eine beträchtliche Quantität an Arbeitern entginge, wenn die geringeren Leibesstrafen auf bloßes Gefängnis eingeschränkt sein dürften. Carmers134)  Antwort lautet: “die Leibesstrafen als Hindernisse der Veredelung der Moralität in niederen Volksklassen soviel als möglich außer Übung zu bringen, daß sie durch Modifikation der ordinären Gefängnisanstalten entbehrlich würden. Wenn der Arrest durch gänzliche Einsamkeit und Isolierung von aller Kommunikation mit Menschen, durch Abschneiden gewohnter Bedürfnisse und Bequemlichkeiten, z. B. des Tabaks, durch allerhand der Empfindung widrige, doch der Gesundheit nicht schädliche Lagen und Stellungen und unangenehme saure Arbeiten und dgl. mehr so erschwert würde, daß seine Qualität eine kürzere Dauer gestatte und der Hang zur Trägheit keine Nahrung dabei finde.” - Ist dies nicht Irokesen-mäßig, die auf Qualen für ihre gefangenen Feinde sinnen und mit Wollust jede neue Marter ausüben? Die moralische Wollust des Strafens und die Absicht der Besserung ist nicht viel verschieden von der Wollust der Rache, und von der Absicht der Veredlung [ist es] sehr abstehend, Grausamkeit zu zeigen, denn nichts abrutiert und macht so abscheulich als der Anblick derselben. Abschneidung der Kommunikation ist gerecht, denn der Verbrecher hat sich selbst isoliert. Mit kaltem Verstande die Menschen bald als arbeitende und produzierende Wesen, bald als zu bessernde Wesen zu betrachten und zu befehligen, wird die ärgste Tyrannei, weil das Beste des Ganzen als Zweck ihnen fremd ist, wenn es nicht gerecht ist.

17.

1/443 [Rosenkranz: Aus dem Dualismus von Staat und Kirche suchte er jetzt sich herauszufinden. Kants Meinung faßte er in folgende Worte zusammen: “Beide, Staat und Kirche, sollen einander in Ruhe lassen und gehen einander nichts an.” Hierzu schrieb Hegel (1798):]

1/444 Wie und wiefern ist diese Trennung möglich? Hat der Staat das Prinzip des Eigentums , so ist seinem Gesetze das Gesetz der Kirche zuwider. Sein Gesetz betrifft durchaus bestimmte Rechte, den Menschen sehr unvollständig als einen habenden gedacht, dahingegen in der Kirche der Mensch ein Ganzes ist und der Zweck der Kirche als der sichtbaren, die handelt und Anstalten macht, dahin geht, ihm das Gefühl dieser Ganzheit zu geben und zu erhalten. Im Geist der Kirche handelnd, handelt der Mensch als Ganzes nicht nur gegen einzelne Staatsgesetze, sondern gegen den ganzen Geist derselben, gegen ihr Ganzes. Entweder ist es dem Bürger nicht mit seinem Verhältnis zum Staat oder nicht mit dem zur Kirche ernst, wenn er in beiden ruhig bleiben kann. Die beiden Extreme, Jesuiten und Quäker, haben mit allen beiden Ernst zu machen und sie zu vereinigen gesucht, diese, sich in nichts Staatliches einzulassen, was der Kirche (freilich einer bestimmten, die viel Staatliches zuläßt, vieles zu Kirchlichem macht, was, weil es Gesetz ist, es nicht ist) zuwider wäre; jene versuchten, den Staat, mit durchgängiger äußerer Unterwerfung unter seine Gesetze, durch das Innere ihrer Gewissensfreiheit um alle bürgerlichen Tugenden zu betrügen. Will der Staat fest an seinem Ganzen hängen und mit Gewalt die überströmende Kirche von seinen Ufern abhalten, so wird er unmenschlich und ungeheuer und wird den Fanatismus erzeugen, der, weil er die einzelnen Menschen, die menschlichen Beziehungen in der Macht des Staates sieht, ihn in ihnen und so sie damit zertrümmert. - Ist aber das Prinzip des Staates ein vollständiges Ganzes, so kann Kirche und Staat unmöglich verschieden sein. Was diesem das Gedachte, Herrschende ist, das ist jener ebendasselbe Ganze als ein lebendiges, von der Phantasie dargestelltes. Das Ganze der Kirche ist nur dann ein Fragment, wenn der Mensch im ganzen in einen besonderen Staats- und besonderen Kirchenmenschen zertrümmert ist.135)

18.

1/445 Über das Kartenspiel [1798]. Neigung zum Kartenspiel ist ein Hauptzug im Charakter unserer Zeit. Verstand und Leidenschaft sind die Eigenschaften der Seele, welche dabei tätig sind. Jener sucht die Regeln auf und wendet sie als Urteilskraft alle Augenblicke an. Daher Leute von tiefer Vernunft und glänzender Einbildungskraft oft schlechte Spieler sind, nicht bloß, weil sie sich nicht für das Spiel interessieren könnten, sondern weil oft ihre Urteilskraft in beständiger Anwendung von Regeln auf das tägliche Leben nicht so geübt ist. Leidenschaft ist, was hauptsächlich Interesse gibt. Für den kalten Spieler, der zugleich nicht aus Gewinnsucht spielt, hat das Kartenspiel besonders von seiten des Verstandes und der Urteilskraft Interesse als Übung derselben. Sonst aber ist, außer der Lust nach Gewinn, der Wechsel der Leidenschaft in Furcht und Hoffnung der Umstand, der das Kartenspiel so allgemein macht: ein Geist, der unmöglich mit Ruhe des Gemüts, die etwas Erhabenes an sich hat, die alle griechischen Werke bei allem Spiel der Leidenschaft atmen, die im höchsten Schwung der Leidenschaft, solange der Mensch noch Mensch ist und nicht von einem Dämon gepeitscht wird, sich noch mächtig zeigt, - bestehen kann. Diese leidenschaftliche, unruhige Stimmung des Geistes ist es, die unser Zeitalter charakterisiert und dem auch das Kartenspiel seine Verbreitung dankt. Wie bei dem Interesse der Leidenschaft, so ist auch in jener dabei vorkommenden Tätigkeit des Verstandes, auch wenn sie allein im Spieler sich findet, kein Funken eines Ingrediens von Vernunft vorhanden. - Daher auch bei einem sonst unschuldigen Spiel uns nichts auffallender ist, als den Namen Gott in bezug darauf nennen zu hören. Denn sosehr wir im allgemeinen die Vorsehung auch an den kleinsten Dingen, besonders an solchen, die uns in das Gebiet des Zufalls zu gehören scheinen, teilnehmen lassen (zumal bei Hazardspielen oft das Glück eines nicht bösen, vielleicht nur verführten Mannes und seiner Familie an einigen Karten hängt), so sehr fällt es uns auf, dabei daran erinnert zu werden.

19.

1/446 Hume charakterisiert sich als ein Geschichtsschreiber neuerer Zeiten sogleich durch den Charakter des Geschehenen selbst. Der Gegenstand seiner Geschichte ist ein Staat neuerer Zeit, dessen innere Verhältnisse nicht nur, wie auch bei den Alten, gesetzlich bestimmt sind, sondern auch mehr durch die Rechtsform, weniger durch das bewußtlose freie Leben in denselben, ihren Bestand haben. Das Rechtliche, das Bewußtsein der Allgemeinheit und zugleich der Entgegensetzung, der Besonderheit, weist den verschiedenen Ständen zwar ihren Platz an, aber die Menschen handeln nicht als ganze Menschen aus einer Idee, die alle beseelte. Ihre Kraft und Macht ist unsichtbar zwar diese Idee, aber was zum Bewußtsein kommt, ist zunächst ihr äußeres Verhältnis zu den Mithandelnden als befehlenden oder gehorchenden in verschiedenen Abstufungen und Arten des Geschäfts. Die Menschen, die an der Spitze stehen und als deren Taten die Geschichte uns die Begebenheiten gibt, haben immer den Staat mit aller Mannigfaltigkeit seiner Verhältnisse über sich und außer sich. Er ist als Gedanke in ihnen. Er bestimmt sie; nach ihm rechnen sie, lassen ihn im Bewußtsein vor sich vorübergehen, und so ist es nicht sowohl der Charakter, den wir unmittelbar im Handeln sehen, sondern die Betrachtungen, nach denen er handelt. Seine Handlungen selbst sind nach ihrem größten Teil Befehl oder Gehorsam. Außerdem, daß schon der Staat als Gedanke das Bestimmende ist, hat keiner eine Handlung ganz getan. - Weil das Ganze einer Handlung, an der jedem Handelnden nur ein Fragment zugehört, in so viele Teile zersplittert ist, so ist auch das ganze Werk ein Resultat aus so vielen Einzelhandlungen. Das Werk ist nicht als Tat getan, sondern als gedachtes Resultat. Das Bewußtsein der Tat als eines Ganzen ist in keinem der Handelnden. Der Geschichtsschreiber erkennt es an den Resultaten und ist auf das, was diese herbeiführt, schon im Vorhergehenden aufmerksam gemacht. Als Handelnde können nur die Befehlenden, oder welche auf die Befehlenden irgendwie Einfluß haben, angesehen werden; das übrige hilft in seiner Ordnung dazu. Weil alles geordnet ist und die Gewalt dieser Ordnung herrscht, so treten die meisten nur als Maschinenräder auf. Das Lebendige, die Umänderung in der Organisation derselben ist klein, allmählich und unsichtbar. Weil hierin alles bestimmt ist, so können keinem großen Manne Völker anhängen, wie die Sizilier dem Timoleon, so kann keiner so ganze, ihm individuelle Pläne machen wie Alkibiades, Themistokles usw., welche Pläne den großen Mann ausmachen; sondern seine Handlung ist mehr nur Betragen in einem bestimmten, gegebenen Kreise.

20.

[Rosenkranz: Ein besonderes kritisches Geschäft hat Hegel mit Schillers Geschichte des Dreißigjährigen Krieges vorgenommen, der … 1793 als Ganzes gedruckt ward. Nach dieser Ausgabe zitiert Hegel bei seinen Glossen:]

S. 519. “Aber Johann Georgs nachfolgendes Betragen deckte die Triebfedern auf, welche ihn abgehalten hatten, sich seines Vorteils über den Kaiser zu bedienen und die Entwürfe des Königs von Schweden durch eine zweckmäßige Wirksamkeit zu befördern.” Der größte Teil der Periode liegt in “befördern”, während ihr Zweck ist, das Gegenteil zu verstehen zu geben. Dies Gegenteil liegt in dem Worte “abgehalten”. Dies soll den negativen Sinn des Ganzen bewirken, dessen größter Teil doch dasselbe positiv ausgedrückt enthält.

S. 504. “Wo der Weg der Güte (nämlich zur Bekehrung der Protestanten) nichts fruchtete, bediente man sich soldatischer Hilfe, die Verirrten in den Schafstall der Kirche zurückzuängstigen.” In diesem Zusatz ist die Art der Bekehrung die Hauptidee. Diese Art wird speziell ausgedrückt: Güte und soldatische Hilfe. Ungeachtet nun diejenige Idee, deren Art der Ausführung hier gegeben ist, notwendig schon vorher ausgedrückt sein muß und sehr hervorspringend ist, so nimmt ihr Ausdruck doch in diesem Zusatz fast wieder die eine ganze, noch dazu große Hälfte ein. Ferner steht er hinten. Durch beide Umstände hebt er sich über die Hauptidee, die Art der Bekehrung, hervor und bleibt im Gemüte zurück. Der Ausdruck “ängstigen” allein hat noch eine Beziehung auf die Art und verbessert in etwas den Fehler, indem er die Hauptidee noch reproduziert. - Die zweite Periode nach diesem hat wieder zum Schluß: “das Evangelium den Ketzern zu predigen”. Sie verwischt das Geschichtliche in etwas, führt die schon genugsam ausgedrückte Hauptidee dem Leser noch einmal herbei - und die nächste Periode geht noch einmal aus: “seinen Zweck durchzusetzen”.

1/447 Die Charaktergemälde sind vortrefflich. Für sie sind große Perioden, in denen sich viele Züge zur Einheit versammeln, am tauglichsten. Dies wird aber zur Manier, wenn Schiller es zur Darstellung einer Situation gebraucht, die aus vielen äußeren Umständen zusammengesetzt ist, und besonders wenn es eine Situation für einen als Zusammenhang von Ursache und Wirkung in Zeit und Raum nicht zu einer Tat koordinierten Umstand ist. Die Züge sind dann zu sehr auseinander getrennt, zu verschiedenartig. Ihre Einheit ist nur der Punkt, auf den sie als vorhergegangenen bezogen werden; z. B. S. 501: “Durch die Mannschaft verstärkt, welche von der feindlichen Garnison zu ihm übertrat, richtete der Sächsische General von Arnheim seinen Marsch nach der Lausitz, welche Provinz ein kaiserlicher General, Rudolph von Tiefenbach, mit einer Armee überschwemmt hatte, den Kurfürsten von Sachsen wegen seines Übertritts zu der Partei des Feindes zu züchtigen.” Welche disparaten Dinge sind hier versammelt! Das “Übertreten” sollte um so mehr vor dem “Verstärkt” stehen, weil dies nur ein Nebenumstand ist. Alsdann steht das Übertreten der feindlichen Garnison von Leipzig unmittelbar neben dem Richten des Marsches nach der Lausitz, und das Ende der Periode ist das Züchtigen des Kurfürsten durch den kaiserlichen General - Dinge, die weit genug auseinanderliegen. Der grammatikalische Zusammenhang ist nur für den Verstand, nicht für die Einbildungskraft. Das Nebeneinanderstellen der Sätze ohne Pronomen relativum ist der wahre, der Reihe der Begebenheiten naturgemäße Zusammenhang. Die Römer haben im historischen Stil oft viele Sätze im Infinitiv.

1/448 S. 508. “Dieser unerwartete, unerklärbare Mangel an Widerstand erregte Arnheims Mißtrauen um so mehr, da ihm die eilfertige Annäherung des Entsatzes aus Schlesien kein Geheimnis und die Sächsische Armee mit Belagerungswerkzeugen zu wenig versehen, auch an Anzahl bei weitem zu schwach war, um eine so große Stadt zu bestürmen. Vor einem Hinterhalt bang usf.” Arnheims Mißtrauen ist die Hauptidee, die durch die Gründe seines Mißtrauens noch erhöht wird. Diese Gründe sind Gedanken in der Seele Arnheims. Durch ihre Aufzählung aber werden sie uns Begebenheiten und Umstände. Wir vergessen, sie nur in Arnheims Seele zu sehen, wir sehen sie selbst und verlieren dadurch die Hauptidee, Arnheims Mißtrauen. Dies sollte deswegen hinten stehen. Oft werden so, die Lage eines Helden zu schildern, die disparatesten Dinge in der Einheit seines Denkens als Zweck und Mittel zusammengestellt. Die Griechen erzählen fort. Man sieht nur die äußere Handlung des Täters, nicht sie als seinen Gedanken, als seinen Zweck. Aber es charakterisiert immer sehr gut, ob die Tat Zweck war, und noch wichtiger ist es, ob der Zweck groß war. Dies erkennt sich aus der Tat. War jener groß und diese klein, so ist der Mensch ein kleiner Geist. - Das Ineinanderstecken der Sätze durch das Pronomen relativum verrückt die natürliche Folge in der Ordnung der Sätze und hat seinen Grund teils in der Unbehilflichkeit der Relativpartikeln, teils in dem Mangel der absoluten usw.