Die Phänomenologie des Geistes (1807)
Vorrede
Eine Erklärung, wie sie einer Schrift in einer Vorrede
nach der Gewohnheit
vorausgeschickt wird
- über den Zweck, den
der Verfasser sich in ihr vorgesetzt,
sowie über die
Veranlassungen und das Verhältnis,
worin er sie zu anderen
früheren oder gleichzeitigen
Behandlungen desselben
Gegenstandes zu stehen glaubt -,
scheint bei einer
philosophischen Schrift nicht nur überflüssig,
sondern um der Natur der Sache
willen
sogar unpassend und zweckwidrig
zu sein.
Denn wie und was von
Philosophie
in einer Vorrede zu sagen
schicklich wäre
- etwa eine historische Angabe
der Tendenz und des Standpunkts,
des allgemeinen Inhalts und der
Resultate,
eine Verbindung von hin und her
sprechenden Behauptungen
und Versicherungen
über das Wahre -,
kann nicht für die Art
und Weise gelten,
in der die philosophische
Wahrheit darzustellen sei.
Auch weil die Philosophie
wesentlich im Elemente der Allgemeinheit ist,
die das Besondere in sich
schließt,
so findet bei ihr mehr als bei
anderen Wissenschaften der Schein statt,
als ob in dem Zwecke oder den
letzten Resultaten
die Sache selbst und sogar in
ihrem vollkommenen Wesen ausgedrückt wäre,
gegen welches die
Ausführung eigentlich das Unwesentliche sei.
In der allgemeinen Vorstellung
hingegen, was z. B. Anatomie sei,
etwa die Kenntnis der Teile des
Körpers
nach ihrem unlebendigen Dasein
betrachtet,
ist man überzeugt,
die Sache selbst, den Inhalt
dieser Wissenschaft, noch nicht zu besitzen,
sondern außerdem um
das Besondere sich bemühen zu müssen.
- Ferner pflegt bei einem
solchen Aggregate von Kenntnissen,
das den Namen Wissenschaft
nicht mit Recht führt,
eine Konversation über
Zweck und dergleichen Allgemeinheiten
nicht von der historischen und
begrifflosen Weise verschieden zu sein,
in der auch von dem Inhalte
selbst, diesen Nerven, Muskeln usf.,
gesprochen wird. ((11))
Bei der Philosophie hingegen
würde die Ungleichheit entstehen,
daß von einer solchen
Weise Gebrauch gemacht
und diese doch von ihr selbst
als unfähig,
die Wahrheit zu fassen,
aufgezeigt würde.
So wird auch durch die
Bestimmung des Verhältnisses,
das ein philosophisches Werk zu
anderen Bestrebungen
über denselben
Gegenstand zu haben glaubt,
ein fremdartiges Interesse
hereingezogen
und das, worauf es bei der
Erkenntnis der Wahrheit ankommt, verdunkelt.
So fest der Meinung der
Gegensatz des Wahren und des Falschen wird,
so pflegt sie auch entweder
Beistimmung oder Widerspruch
gegen ein vorhandenes
philosophisches System zu erwarten
und in einer Erklärung
über ein solches
nur entweder das eine oder das
andere zu sehen.
Sie begreift die
Verschiedenheit philosophischer Systeme
nicht so sehr als die
fortschreitende Entwicklung der Wahrheit,
als sie in der Verschiedenheit
nur den Widerspruch sieht.
Die Knospe verschwindet in dem
Hervorbrechen der Blüte,
und man könnte sagen,
daß jene von dieser widerlegt wird;
ebenso wird durch die Frucht
die Blüte
für ein falsches
Dasein der Pflanze erklärt,
und als ihre Wahrheit tritt
jene an die Stelle von dieser.
Diese Formen unterscheiden sich
nicht nur,
sondern verdrängen
sich auch als unverträglich miteinander.
Aber ihre flüssige
Natur
macht sie zugleich zu Momenten
der organischen Einheit,
worin sie sich nicht nur nicht
widerstreiten,
sondern eins so notwendig als
das andere ist,
und diese gleiche Notwendigkeit
macht erst das Leben des Ganzen aus.
Aber der Widerspruch gegen ein
philosophisches System pflegt
teils sich selbst nicht auf
diese Weise zu begreifen,
teils auch weiß das
auffassende Bewußtsein gemeinhin nicht,
ihn von seiner Einseitigkeit zu
befreien oder frei zu erhalten
und in der Gestalt des
streitend und sich zuwider Scheinenden
gegenseitig notwendige Momente
zu erkennen.
Die Forderung von dergleichen
Erklärungen
sowie die Befriedigungen ((12))
derselben
gelten leicht dafür,
das Wesentliche zu betreiben.
Worin könnte mehr das
Innere einer philosophischen Schrift
ausgesprochen sein als in den
Zwecken und Resultaten derselben,
und wodurch diese bestimmter
erkannt werden
als durch ihre Verschiedenheit
von dem,
was das Zeitalter sonst in
derselben Sphäre hervorbringt?
Wenn aber ein solches Tun
für mehr als für den Anfang des Erkennens,
wenn es für das
wirkliche Erkennen gelten soll,
ist es in der Tat zu den
Erfindungen zu rechnen,
die Sache selbst zu umgehen
und dieses beides zu verbinden,
den Anschein des Ernstes und
Bemühens um sie
und die wirkliche Ersparung
desselben.
- Denn die Sache ist nicht in
ihrem Zwecke erschöpft,
sondern in ihrer
Ausführung,
noch ist das Resultat das
wirkliche Ganze,
sondern es zusammen mit seinem
Werden;
der Zweck für sich ist
das unlebendige Allgemeine,
wie die Tendenz das
bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch entbehrt,
und das nackte Resultat ist der
Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen.
- Ebenso ist die
Verschiedenheit vielmehr die Grenze der Sache;
sie ist da, wo die Sache
aufhört,
oder sie ist das, was diese
nicht ist.
Solche Bemühungen mit
dem Zwecke oder den Resultaten
sowie mit den Verschiedenheiten
und Beurteilungen des einen und des anderen
sind daher eine leichtere
Arbeit, als sie vielleicht scheinen.
Denn statt mit der Sache sich
zu befassen,
ist solches Tun immer
über sie hinaus;
statt in ihr zu verweilen und
sich in ihr zu vergessen,
greift solches Wissen immer
nach einem Anderen
und bleibt vielmehr bei sich
selbst,
als daß es bei der
Sache ist und sich ihr hingibt.
- Das leichteste ist, was
Gehalt und Gediegenheit hat, zu beurteilen,
schwerer, es zu fassen,
das schwerste, was beides
vereinigt, seine Darstellung hervorzubringen.
Der Anfang der Bildung
und des Herausarbeitens aus der
Unmittelbarkeit des substantiellen Lebens
wird immer damit gemacht werden
müssen,
Kenntnisse allgemeiner
Grundsätze und Gesichtspunkte zu erwerben,
sich nur erst zu dem Gedanken
der Sache überhaupt heraufzuarbeiten,
nicht weniger sie mit
Gründen zu unterstützen oder zu widerlegen,
die konkrete und reiche
Fülle nach Bestimmtheiten aufzufassen
und ordentlichen Bescheid und
ernsthaftes Urteil über sie zu erteilen zu wissen. ((13))
Dieser Anfang der Bildung wird
aber zunächst
dem Ernste des
erfüllten Lebens Platz machen,
der in die Erfahrung der Sache
selbst hineinführt;
und wenn auch dies noch
hinzukommt,
daß der Ernst des
Begriffs in ihre Tiefe steigt,
so wird eine solche Kenntnis
und Beurteilung
in der Konversation ihre
schickliche Stelle behalten.
Die wahre Gestalt, in welcher
die Wahrheit existiert,
kann allein das
wissenschaftliche System derselben sein.
Daran mitzuarbeiten,
daß die Philosophie
der Form der Wissenschaft näherkomme
- dem Ziele, ihren Namen der
Liebe zum Wissen ablegen zu können
und wirkliches Wissen zu sein
-,
ist es, was ich mir vorgesetzt.
Die innere Notwendigkeit,
daß das Wissen Wissenschaft sei,
liegt in seiner Natur,
und die befriedigende
Erklärung hierüber
ist allein die Darstellung der
Philosophie selbst.
Die äußere
Notwendigkeit aber,
insofern sie,
abgesehen von der
Zufälligkeit der Person und der individuellen Veranlassungen,
auf eine allgemeine Weise
gefaßt wird,
ist dasselbe, was die
innere[ist],
in der Gestalt
nämlich, wie die Zeit das Dasein ihrer Momente vorstellt.
Daß die Erhebung der
Philosophie zur Wissenschaft an der Zeit ist,
dies aufzuzeigen würde
daher die einzig wahre Rechtfertigung
der Versuche sein, die diesen
Zweck haben,
weil sie dessen Notwendigkeit
dartun,
ja sie ihn zugleich
ausführen würde.
Indem die wahre Gestalt der
Wahrheit
in diese ((14))
Wissenschaftlichkeit gesetzt wird
- oder, was dasselbe ist,
indem die Wahrheit behauptet
wird,
an dem Begriffe allein das
Element ihrer Existenz zu haben -,
so weiß ich,
daß dies im Widerspruch
mit einer Vorstellung und deren
Folgen zu stehen scheint,
welche eine so große
Anmaßung als Ausbreitung
in der Überzeugung des
Zeitalters hat.
Eine Erklärung
über diesen Widerspruch scheint darum nicht
überflüssig;
wenn sie auch hier weiter
nichts als gleichfalls eine Versicherung
wie das, gegen was sie geht,
sein kann.
Wenn nämlich das Wahre
nur in demjenigen
oder vielmehr nur als dasjenige
existiert,
was bald Anschauung, bald
unmittelbares Wissen des Absoluten, Religion,
das Sein - nicht im Zentrum der
göttlichen Liebe,
sondern das Sein desselben
selbst -
genannt wird,
so wird von da aus zugleich
für die Darstellung der Philosophie
vielmehr das Gegenteil der Form
des Begriffs gefordert.
Das Absolute soll nicht
begriffen,
sondern gefühlt und
angeschaut [werden],
nicht sein Begriff, sondern
sein Gefühl und Anschauung
sollen das Wort führen
und ausgesprochen werden.
Wird die Erscheinung einer
solchen Forderung
nach ihren allgemeineren
Zusammenhange aufgefaßt
und auf die Stufe gesehen,
worauf der selbstbewußte Geist gegenwärtig steht,
so ist er über das
substantielle Leben,
das er sonst im Elemente des
Gedankens führte, hinaus,
- über diese
Unmittelbarkeit seines Glaubens,
über die Befriedigung
und Sicherheit der Gewißheit,
welche das Bewußtsein
von seiner Versöhnung mit dem Wesen
und dessen allgemeiner, der
inneren und äußeren, Gegenwart besaß.
Er ist nicht nur
darüber hinausgegangen
in das andere Extrem der
substanzlosen Reflexion seiner in sich selbst,
sondern auch über
diese.
Sein wesentliches Leben ist ihm
nicht nur verloren;
er ist sich auch dieses
Verlustes und der Endlichkeit, die sein Inhalt ist, bewußt.
Von den Trebern sich
wegwendend, daß er im argen liegt
bekennend und darauf
schmähend,
verlangt er nun von der
Philosophie
nicht sowohl das Wissen dessen,
was er ist,
als zur Herstellung jener
Substantialität
und ((15)) der Gediegenheit des
Seins
erst wieder durch sie zu
gelangen.
Diesem Bedürfnisse
soll sie also nicht so sehr die
Verschlossenheit der Substanz aufschließen
und diese zum
Selbstbewußtsein erheben,
nicht so sehr das chaotische
Bewußtsein zur gedachten Ordnung
und zur Einfachheit des
Begriffs zurückbringen,
als vielmehr die Sonderungen
des Gedankens zusammenschütten,
den unterscheidenden Begriff
unterdrücken
und das Gefühl des
Wesens herstellen,
nicht sowohl Einsicht als
Erbauung gewähren.
Das Schöne, Heilige,
Ewige, die Religion und Liebe
sind der Köder, der
gefordert wird, um die Lust zum Anbeißen zu erwecken;
nicht der Begriff, sondern die
Ekstase,
nicht die kalt fortschreitende
Notwendigkeit der Sache,
sondern die gärende
Begeisterung soll die Haltung
und fortleitende Ausbreitung
des Reichtums der Substanz sein.
Dieser Forderung entspricht die
angestrengte
und fast eifernd und gereizt
sich zeigende Bemühung,
die Menschen aus der
Versunkenheit ins Sinnliche,
Gemeine und Einzelne
herauszureißen
und ihren Blick zu den Sternen
aufzurichten;
als ob sie, des
Göttlichen ganz vergessend,
mit Staub und Wasser, wie der
Wurm,
auf dem Punkte sich zu
befriedigen stünden.
Sonst hatten sie einen Himmel
mit weitläufigem
Reichtume von Gedanken und Bildern ausgestattet.
Von allem, was ist, lag die
Bedeutung in dem Lichtfaden,
durch den es an den Himmel
geknüpft war;
an ihm, statt in dieser
Gegenwart zu verweilen,
glitt der Blick über
sie hinaus, zum göttlichen Wesen,
zu einer, wenn man so sagen
kann, jenseitigen Gegenwart hinauf.
Das Auge des Geistes
mußte mit Zwang auf das Irdische gerichtet
und bei ihm festgehalten
werden;
und es hat einer langen Zeit
bedurft,
jene Klarheit, die nur das
Überirdische hatte,
in die Dumpfheit und
Verworrenheit,
worin der Sinn des Diesseitigen
lag, hineinzuarbeiten
und die Aufmerksamkeit auf das
Gegenwärtige als solches,
welche Erfahrung genannt wurde,
interessant ((16)) und geltend zu machen.
- Jetzt scheint die Not des
Gegenteils vorhanden,
der Sinn so sehr in dem
Irdischen festgewurzelt,
daß es gleicher
Gewalt bedarf, ihn darüber zu erheben.
Der Geist zeigt sich so arm,
daß er sich,
wie in der Sandwüste
der Wanderer nach einem einfachen Trunk Wassers,
nur nach dem dürftigen
Gefühle des Göttlichen überhaupt
für seine Erquickung
zu sehnen scheint.
An diesem, woran dem Geiste
genügt, ist die Größe seines Verlustes zu
ermessen.
Diese Genügsamkeit des
Empfangens
oder Sparsamkeit des Gebens
ziemt der Wissenschaft nicht.
Wer nur Erbauung sucht,
wer die irdische
Mannigfaltigkeit seines Daseins
und des Gedankens in Nebel
einzuhüllen
und nach dem unbestimmten
Genusse dieser unbestimmten Göttlichkeit
verlangt,
mag zusehen, wo er dies findet;
er wird leicht selbst sich
etwas vorzuschwärmen
und damit sich aufzuspreizen
die Mittel finden.
Die Philosophie aber
muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen.
Noch weniger muß
diese Genügsamkeit,
die auf die Wissenschaft
Verzicht tut,
darauf Anspruch machen,
daß solche
Begeisterung und Trübheit etwas Höheres sei als die
Wissenschaft.
Dieses prophetische Reden
meint recht im Mittelpunkte und
der Tiefe zu bleiben,
blickt verächtlich auf
die Bestimmtheit (den Horos)
und hält sich
absichtlich von dem Begriffe und der Notwendigkeit entfernt
als von der Reflexion, die nur
in der Endlichkeit hause.
Wie es aber eine leere Breite
gibt,
so auch eine leere Tiefe,
wie eine Extension der
Substanz,
die sich in endliche
Mannigfaltigkeit ergießt, ohne Kraft, sie zusammenzuhalten,
so eine gehaltlose
Intensität,
welche, als lautere Kraft ohne
Ausbreitung ((17)) sich haltend,
dasselbe ist, was die
Oberflächlichkeit.
Die Kraft des Geistes ist nur
so groß als ihre Äußerung,
seine Tiefe nur so tief, als er
in seiner Auslegung sich auszubreiten
und sich zu verlieren getraut.
Zugleich wenn dies begrifflose
substantielle Wissen
die Eigenheit des Selbsts in
dem Wesen versenkt zu haben
und wahr und heilig zu
philosophieren vorgibt,
so verbirgt es sich dies,
daß es, statt dem Gotte ergeben zu sein,
durch die Verschmähung
des Maßes und der Bestimmung vielmehr nur
bald in sich selbst die
Zufälligkeit des Inhalts,
bald in ihm die eigene
Willkür gewähren läßt.
- Indem sie sich dem
ungebändigten Gären der Substanz überlassen,
meinen sie,
durch die Einhüllung
des Selbstbewußtseins und Aufgeben des Verstandes
die Seinen zu sein, denen Gott
die Weisheit im Schlafe gibt;
was sie so in der Tat im
Schlafe empfangen und gebären,
sind darum auch Träume.
Es ist übrigens nicht
schwer zu sehen, daß unsere Zeit
eine Zeit der Geburt und des
Übergangs zu einer neuen Periode ist.
Der Geist hat mit der
bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen
und steht im Begriffe, es in
die Vergangenheit hinab zu versenken,
und in der Arbeit seiner
Umgestaltung.
Zwar ist er nie in Ruhe,
sondern in immer fortschreitender Bewegung begriffen.
Aber wie beim Kinde nach langer
stiller Ernährung der erste Atemzug
jene Allmählichkeit
des nur vermehrenden Fortgangs abbricht
- ein qualitativer Sprung - und
jetzt das Kind geboren ist,
so reift der sich bildende
Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen,
löst ein Teilchen des
Baues seiner vorhergehenden Welt nach dem andern auf,
ihr Wanken wird nur durch
einzelne Symptome angedeutet;
der Leichtsinn wie die
Langeweile, die im Bestehenden einreißen,
die unbestimmte Ahnung eines
Unbekannten
sind Vorboten, daß
etwas anderes im Anzuge ist.
Dies allmähliche
Zerbröckeln,
das die Physiognomie des Ganzen
nicht veränderte,
wird durch den ((18)) Aufgang
unterbrochen,
der, ein Blitz, in einem Male
das Gebilde der neuen Welt hinstellt.
Allein eine vollkommene
Wirklichkeit
hat dies Neue so wenig als das
eben geborene Kind;
und dies ist wesentlich nicht
außer acht zu lassen.
Das erste Auftreten ist erst
seine Unmittelbarkeit oder sein Begriff.
Sowenig ein Gebäude
fertig ist, wenn sein Grund gelegt worden,
so wenig ist der erreichte
Begriff des Ganzen das Ganze selbst.
Wo wir eine Eiche in der Kraft
ihres Stammes
und in der Ausbreitung ihrer
Äste
und den Massen ihrer Belaubung
zu sehen wünschen,
sind wir nicht zufrieden, wenn
uns an Stelle dieser eine Eichel gezeigt wird.
So ist die Wissenschaft, die
Krone einer Welt des Geistes,
nicht in ihrem Anfange
vollendet.
Der Anfang des neuen Geistes
ist das Produkt einer
weitläufigen Umwälzung von mannigfaltigen
Bildungsformen,
der Preis eines vielfach
verschlungenen Weges
und ebenso vielfacher
Anstrengung und Bemühung.
Er ist das aus der Sukzession
wie aus seiner Ausdehnung
in sich
zurückgegangene Ganze,
der gewordene einfache Begriff
desselben.
Die Wirklichkeit dieses
einfachen Ganzen aber besteht darin,
daß jene zu Momenten
gewordenen Gestaltungen sich wieder von neuem,
aber in ihrem neuen Elemente,
in dem gewordenen Sinne
entwickeln und Gestaltung geben.
Indem einerseits die erste
Erscheinung der neuen Welt
nur erst das in seine
Einfachheit verhüllte Ganze
oder sein allgemeiner Grund
ist,
so ist dem Bewußtsein
dagegen der Reichtum des vorhergehenden Daseins
noch in der Erinnerung
gegenwärtig.
Es vermißt an der neu
erscheinenden Gestalt
die Ausbreitung und Besonderung
des Inhalts;
noch mehr aber
vermißt es die Ausbildung der Form,
wodurch die Unterschiede mit
Sicherheit bestimmt
und in ihre festen
Verhältnisse geordnet werden.
Ohne diese Ausbildung entbehrt
die Wissenschaft der allgemeinen Verständlichkeit
und hat den ((19)) Schein,
ein esoterisches Besitztum
einiger Einzelner zu sein;
- ein esoterisches Besitztum :
denn sie ist nur erst in ihrem
Begriffe oder ihr Inneres vorhanden;
einiger Einzelner :
denn ihre unausgebreitete
Erscheinung macht ihr Dasein zum Einzelnen.
Erst was
vollkommen bestimmt ist, ist zugleich exoterisch, begreiflich
und fähig, gelernt und
das Eigentum aller zu sein.
Die
verständige
Form der
Wissenschaft
ist der allen dargebotene und
für alle gleichgemachte Weg zu ihr,
und durch den Verstand zum
vernünftigen Wissen zu gelangen,
ist die
gerechte
Forderung des
Bewußtseins, das zur Wissenschaft hinzutritt;
denn der
Verstand ist das Denken, das reine Ich überhaupt;
und das Verständige
ist das schon Bekannte und das Gemeinschaftliche
der Wissenschaft und des
unwissenschaftlichen Bewußtseins,
wodurch dieses unmittelbar in
jene einzutreten vermag.
Die Wissenschaft, die erst
beginnt und es also
noch weder zur
Vollständigkeit des Details
noch zur Vollkommenheit der
Form gebracht hat,
ist dem Tadel darüber
ausgesetzt.
Aber wenn dieser ihr Wesen
treffen soll,
so würde er ebenso
ungerecht sein, als es unstatthaft ist,
die Forderung jener Ausbildung
nicht anerkennen zu wollen.
Dieser Gegensatz scheint der
hauptsächlichste Knoten zu sein,
an dem die wissenschaftliche
Bildung sich gegenwärtig zerarbeitet
und worüber sie sich
noch nicht gehörig versteht.
Der eine Teil pocht auf den
Reichtum des Materials
und die
Verständlichkeit,
der andere verschmäht
wenigstens diese
und pocht auf die unmittelbare
Vernünftigkeit und Göttlichkeit.
Wenn auch jener Teil,
es sei durch die Kraft der
Wahrheit allein
oder auch durch das
Ungestüm des andern,
zum Stillschweigen gebracht ist
und wenn er in Ansehung des
Grunds der Sache sich überwältigt fühlte,
so ist er darum in Ansehung
jener Forderungen nicht befriedigt;
denn sie sind gerecht, aber
nicht erfüllt.
Sein Stillschweigen
gehört nur halb dem Siege,
halb aber der Langeweile und
Gleichgültigkeit,
welche die Folge einer
beständig erregten Erwartung
und nicht erfolgten
Erfüllung der Versprechungen zu sein pflegt. ((20))
In Ansehung des Inhalts machen
die anderen sich es wohl
zuweilen leicht genug, eine
große Ausdehnung zu haben.
Sie ziehen auf ihren Boden eine
Menge Material,
nämlich das schon
Bekannte und Geordnete, herein,
und indem sie sich vornehmlich
mit den Sonderbarkeiten
und Kuriositäten zu
tun machen,
scheinen sie um so mehr das
übrige,
womit das Wissen in seiner Art
schon fertig war, zu besitzen,
zugleich auch das noch
Ungeregelte zu beherrschen
und somit alles der absoluten
Idee zu unterwerfen,
welche hiermit in allem erkannt
und zur ausgebreiteten
Wissenschaft gediehen zu sein scheint.
Näher aber diese
Ausbreitung betrachtet,
so zeigt sie sich nicht dadurch
zustande gekommen,
daß ein und dasselbe
sich selbst verschieden gestaltet hätte,
sondern sie ist die gestaltlose
Wiederholung des einen und desselben,
das nur an das verschiedene
Material äußerlich angewendet ist
und einen langweiligen Schein
der Verschiedenheit erhält.
Die für sich wohl
wahre Idee
bleibt in der Tat nur immer in
ihrem Anfange stehen,
wenn die Entwicklung in nichts
als in einer solchen
Wiederholung derselben Formel besteht.
Die eine unbewegte Form vom
wissenden Subjekte
an dem Vorhandenen
herumgeführt,
das Material in dies ruhende
Element von außenher eingetaucht,
dies ist so wenig als
willkürliche Einfälle über den Inhalt
die Erfüllung dessen,
was gefordert wird,
nämlich der aus sich
entspringende Reichtum
und sich selbst bestimmende
Unterschied der Gestalten.
Es ist vielmehr ein einfarbiger
Formalismus,
der nur zum Unterschiede des
Stoffes,
und zwar dadurch kommt, weil
dieser schon bereitet und bekannt ist.
Dabei behauptet er diese
Eintönigkeit
und die abstrakte Allgemeinheit
für das Absolute;
er versichert, daß in
ihr unbefriedigt zu sein
eine Unfähigkeit sei,
sich des absoluten Standpunktes zu bemächtigen
und auf ihm festzuhalten.
Wenn sonst die leere
Möglichkeit,
sich etwas auch ((21)) auf eine
andere Weise vorzustellen,
hinreichte, um eine Vorstellung
zu widerlegen,
und dieselbe bloße
Möglichkeit, der allgemeine Gedanke,
auch den ganzen positiven Wert
des wirklichen Erkennens hatte,
so sehen wir hier gleichfalls
der allgemeinen Idee
in dieser Form der
Unwirklichkeit allen Wert zugeschrieben
und die Auflösung des
Unterschiedenen und Bestimmten
oder vielmehr das weiter nicht
entwickelte
noch an ihm selbst sich
rechtfertigende Hinunterwerfen desselben
in den Abgrund des Leeren
für spekulative
Betrachtungsart gelten.
Irgendein Dasein, wie es im
Absoluten ist, betrachten,
besteht hier in nichts anderem,
als daß davon gesagt wird,
es sei zwar jetzt von ihm
gesprochen worden als von einem Etwas;
im Absoluten, dem A = A, jedoch
gebe es dergleichen gar nicht,
sondern darin sei alles eins.
Dies eine Wissen,
daß im Absoluten
alles gleich ist,
der unterscheidenden und
erfüllten
oder Erfüllung
suchenden und fordernden Erkenntnis entgegenzusetzen
oder sein Absolutes
für die Nacht auszugeben,
worin, wie man zu sagen pflegt,
alle Kühe schwarz sind,
ist die Naivität der
Leere an Erkenntnis.
- Der Formalismus,
den die Philosophie neuerer
Zeit verklagt und geschmäht [hat]
und der sich in ihr selbst
wieder erzeugte,
wird, wenn auch seine
Ungenügsamkeit bekannt und gefühlt ist,
aus der Wissenschaft nicht
verschwinden,
bis das Erkennen der absoluten
Wirklichkeit
sich über seine Natur
vollkommen klar geworden ist.
- In der Rücksicht,
daß die allgemeine Vorstellung,
wenn sie dem, was ein Versuch
ihrer Ausführung ist, vorangeht,
das Auffassen der letzteren
erleichtert,
ist es dienlich, das
Ungefähre derselben hier anzudeuten,
in der Absicht zugleich, bei
dieser Gelegenheit einige Formen zu entfernen,
deren Gewohnheit ein Hindernis
für das philosophische Erkennen ist.
Es kommt nach meiner Einsicht,
welche sich
nur durch die Darstellung des
Systems selbst rechtfertigen muß,
alles ((22)) darauf an, das
Wahre nicht als
Substanz,
sondern ebensosehr
als Subjekt
aufzufassen und auszudrücken.
Zugleich ist zu bemerken,
daß die Substantialität
so sehr das Allgemeine oder die
Unmittelbarkeit des Wissens selbst
als auch diejenige, welche Sein
oder Unmittelbarkeit für das Wissen ist,
in sich schließt.
- Wenn Gott als die eine
Substanz zu fassen das Zeitalter empörte,
worin diese Bestimmung
ausgesprochen wurde,
so lag teils der Grund hiervon
in dem Instinkte,
das darin das
Selbstbewußtsein nur untergegangen nicht erhalten ist,
teils aber ist das Gegenteil,
welches das Denken als Denken festhält,
die Allgemeinheit als solche,
dieselbe Einfachheit oder
ununterschiedene, unbewegte Substantialität;
und wenn drittens das Denken
das Sein der Substanz mit sich vereint
und die Unmittelbarkeit oder
das Anschauen als Denken erfaßt,
so kommt es noch darauf an,
ob dieses intellektuelle
Anschauen nicht wieder in die träge Einfachheit
zurückfällt
und die Wirklichkeit selbst auf
eine unwirkliche Weise darstellt.
Die lebendige Substanz ist
ferner das Sein, welches in Wahrheit Subjekt
oder, was dasselbe
heißt, welches in Wahrheit wirklich ist,
nur insofern sie die Bewegung
des Sichselbstsetzens
oder die Vermittlung des
Sichanderswerdens mit sich selbst ist.
Sie ist als Subjekt die reine
einfache Negativität,
eben dadurch die Entzweiung des
Einfachen;
oder die entgegensetzende
Verdopplung,
welche wieder die Negation
dieser gleichgültigen Verschiedenheit
und ihres Gegensatzes ist :
nur diese sich
wiederherstellende Gleichheit
oder die Reflexion im
Anderssein in sich selbst
- nicht eine
ursprüngliche Einheit als solche oder unmittelbare als solche
-
ist das Wahre.
Es ist das Werden seiner
selbst,
der Kreis, der sein Ende als
seinen Zweck voraussetzt und zum Anfange hat
und nur durch die
Ausführung und sein Ende wirklich ist. ((23))
Das Leben Gottes und das
göttliche Erkennen
mag also wohl als ein Spielen
der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden;
diese Idee sinkt zur
Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab,
wenn der Ernst, der Schmerz,
die Geduld und Arbeit des
Negativen darin fehlt.
An sich ist jenes Leben wohl
die ungetrübte
Gleichheit und Einheit mit sich selbst,
der es kein Ernst mit dem
Anderssein und der Entfremdung
sowie mit dem
Überwinden dieser Entfremdung ist.
Aber dies Ansich ist die
abstrakte Allgemeinheit,
in welcher von seiner Natur,
für sich zu sein,
und damit überhaupt
von der Selbstbewegung der Form abgesehen wird.
Wenn die Form als dem Wesen
gleich ausgesagt wird,
so ist es eben darum ein
Mißverstand, zu meinen,
daß das Erkennen sich
mit dem Ansich oder dem Wesen begnügen,
die Form aber ersparen
könne,
- daß der absolute
Grundsatz oder die absolute Anschauung
die Ausführung des
ersteren
oder die Entwicklung der
anderen entbehrlich mache.
Gerade weil die Form dem Wesen
so wesentlich ist als es sich selbst,
ist es nicht bloß als
Wesen, d. h. als unmittelbare Substanz
oder als reine Selbstanschauung
des Göttlichen zu fassen und auszudrücken,
sondern ebensosehr als Form
und im ganzen Reichtum der
entwickelten Form;
dadurch wird es erst als
Wirkliches gefaßt und ausgedrückt.
Das
Wahre ist das Ganze.
Das Ganze aber ist nur das
durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.
Es ist von dem Absoluten zu
sagen, daß es wesentlich Resultat,
daß es erst am Ende
das ist, was es in Wahrheit ist;
und hierin eben besteht seine
Natur,
Wirkliches, Subjekt oder
Sichselbstwerden zu sein.
So widersprechend es scheinen
mag,
daß das Absolute
wesentlich als Resultat zu begreifen sei,
so stellt doch eine geringe
Überlegung diesen Schein von Widerspruch zurecht.
Der Anfang, das Prinzip oder
das Absolute,
wie es zuerst und unmittelbar
ausgesprochen wird, ist nur das Allgemeine.
Sowenig, wenn ich sage: alle
Tiere,
dies Wort für eine
Zoologie gelten kann,
ebenso fällt es auf,
daß die Worte des Göttlichen, Absoluten, Ewigen usw.
das nicht aussprechen, ((24))
was darin enthalten ist;
- und nur solche Worte
drücken in der Tat die
Anschauung als das Unmittelbare aus.
Was mehr ist als ein solches
Wort, der Übergang auch nur zu einem Satze,
enthält ein
Anderswerden, das zurückgenommen werden muß,
ist eine Vermittlung.
Diese aber ist das, was
perhorresziert wird,
als ob dadurch, daß
mehr aus ihr gemacht wird denn nur dies,
daß sie nichts
Absolutes und im Absoluten gar nicht sei,
die absolute Erkenntnis
aufgegeben wäre.
Dies Perhorreszieren stammt
aber in der Tat
aus der Unbekanntschaft mit der
Natur der Vermittlung
und des absoluten Erkennens
selbst.
Denn die Vermittlung ist nichts
anderes
als die sich bewegende
Sichselbstgleichheit,
oder sie ist die Reflexion in
sich selbst,
das Moment des
fürsichseienden Ich,
die reine Negativität
oder, auf ihre reine Abstraktion herabgesetzt,
das einfache Werden.
Das Ich oder das Werden
überhaupt,
dieses Vermitteln ist um seiner
Einfachheit willen
eben die werdende
Unmittelbarkeit und das Unmittelbare selbst.
- Es ist daher ein Verkennen
der Vernunft,
wenn die Reflexion aus dem
Wahren ausgeschlossen
und nicht als positives Moment
des Absoluten erfaßt wird.
Sie ist es, die das Wahre zum
Resultate macht,
aber diesen Gegensatz gegen
sein Werden ebenso aufhebt,
denn dies Werden ist ebenso
einfach
und daher von der Form des
Wahren, im Resultate sich als einfach zu zeigen,
nicht verschieden;
es ist vielmehr eben dies
Zurückgegangensein in die Einfachheit.
- Wenn der Embryo wohl an sich
Mensch ist,
so ist er es aber nicht
für sich;
für sich ist er es nur
als gebildete Vernunft,
die sich zu dem gemacht hat,
was sie an sich ist.
Dies erst ist ihre
Wirklichkeit.
Aber dies Resultat ist selbst
einfache Unmittelbarkeit,
denn es ist die
selbstbewußte Freiheit, die in sich ruht
und den Gegensatz nicht auf die
Seite ((25)) gebracht hat
und ihn da liegen
läßt,
sondern mit ihm
versöhnt ist.
Das Gesagte kann auch so
ausgedrückt werden,
daß die
Vernunft das
zweckmäßige Tun
ist.
Die Erhebung der vermeinten
Natur über das mißkannte Denken
und zunächst die
Verbannung der äußeren
Zweckmäßigkeit
hat die Form des Zwecks
überhaupt in Mißkredit gebracht.
Allein, wie auch Aristoteles
die Natur als das zweckmäßige Tun bestimmt,
der Zweck ist das Unmittelbare,
Ruhende,
das Unbewegte, welches selbst
bewegend ist;
so ist es Subjekt.
Seine Kraft, zu bewegen,
abstrakt genommen,
ist das Fürsichsein
oder die reine Negativität.
Das Resultat ist nur darum
dasselbe, was der Anfang,
weil der Anfang Zweck ist;
- oder das Wirkliche ist nur
darum dasselbe, was sein Begriff,
weil das Unmittelbare als Zweck
das Selbst
oder die reine Wirklichkeit in
ihm selbst hat.
Der ausgeführte Zweck
oder das daseiende Wirkliche
ist Bewegung und entfaltetes
Werden;
eben diese Unruhe aber ist das
Selbst;
und jener Unmittelbarkeit und
Einfachheit des Anfangs ist es darum gleich,
weil es das Resultat, das in
sich Zurückgekehrte,
- das in sich
Zurückgekehrte aber eben das Selbst
und das Selbst die sich auf
sich beziehende Gleichheit und Einfachheit
ist.
Das Bedürfnis, das
Absolute als Subjekt vorzustellen,
bediente sich der
Sätze: Gott ist das Ewige,
oder die moralische
Weltordnung, oder die Liebe usf.
In solchen Sätzen ist
das Wahre nur geradezu als Subjekt gesetzt,
nicht aber als die Bewegung des
sich in sich selbst Reflektierens dargestellt.
Es wird in einem Satze der Art
mit dem Worte "Gott" angefangen.
Dies für sich ist ein
sinnloser Laut, ein bloßer Name;
erst das Prädikat
sagt, was er ist,
ist seine Erfüllung
und ((26)) Bedeutung;
der leere Anfang wird nur in
diesem Ende ein wirkliches Wissen.
Insofern ist nicht abzusehen,
warum nicht vom Ewigen, der
moralischen Weltordnung usf.
oder, wie die Alten taten, von
reinen Begriffen, dem Sein, dem Einen usf.,
von dem, was die Bedeutung ist,
allein gesprochen wird,
ohne den sinnlosen Laut noch
hinzuzufügen.
Aber durch dies Wort wird eben
bezeichnet,
daß nicht ein Sein
oder Wesen oder Allgemeines überhaupt,
sondern ein in sich
Reflektiertes, ein Subjekt gesetzt ist.
Allein zugleich ist dies nur
antizipiert.
Das Subjekt ist als fester
Punkt angenommen,
an den als ihren Halt die
Prädikate geheftet sind,
durch eine Bewegung, die dem
von ihm Wissenden angehört
und die auch nicht
dafür angesehen wird, dem Punkte selbst anzugehören;
durch sie aber wäre
allein der Inhalt als Subjekt dargestellt.
In der Art, wie diese Bewegung
beschaffen ist, kann sie ihm nicht angehören;
aber nach Voraussetzung jenes
Punkts
kann sie auch nicht anders
beschaffen, kann sie nur äußerlich sein.
Jene Antizipation,
daß das Absolute Subjekt ist,
ist daher nicht nur nicht die
Wirklichkeit dieses Begriffs,
sondern macht sie sogar
unmöglich;
denn jene setzt ihn als
ruhenden Punkt,
diese aber ist die
Selbstbewegung.
Unter mancherlei Folgerungen,
die aus dem Gesagten fließen,
kann diese herausgehoben
werden,
daß das Wissen nur
als Wissenschaft oder als System wirklich ist
und dargestellt werden kann;
daß ferner ein
sogenannter Grundsatz oder Prinzip der Philosophie,
wenn er wahr ist,
schon darum auch falsch ist,
insofern er nur als Grundsatz oder Prinzip ist.
- Es ist deswegen leicht, ihn
zu widerlegen.
Die Widerlegung besteht darin,
daß sein Mangel aufgezeigt wird;
mangelhaft aber ist er,
weil er nur das Allgemeine oder
Prinzip, der Anfang ist.
Ist die Widerlegung
gründlich, so ist sie aus ihm selbst genommen und entwickelt,
- nicht durch entgegengesetzte
Versicherungen und Einfälle
von außen her
bewerkstelligt.
Sie würde also
eigentlich seine Entwicklung ((27))
und somit die
Ergänzung seiner Mangelhaftigkeit sein,
wenn sie sich nicht darin
verkennte, daß sie ihr negatives Tun allein beachtet
und sich ihres Fortgangs und
Resultates
nicht auch nach seiner
positiven Seite bewußt wird.
- Die eigentliche positive
Ausführung des Anfangs
ist zugleich umgekehrt
ebensosehr ein negatives Verhalten gegen ihn,
nämlich gegen seine
einseitige Form, erst unmittelbar oder Zweck zu sein.
Sie kann somit gleichfalls als
Widerlegung desjenigen genommen werden,
was den Grund des Systems
ausmacht;
richtiger aber ist sie als ein
Aufzeigen anzusehen,
daß der Grund oder
das Prinzip des Systems in der Tat nur sein Anfang ist.
Daß das Wahre nur als
System wirklich
oder daß die Substanz
wesentlich Subjekt ist,
ist in der Vorstellung
ausgedrückt, welche das
Absolute als Geist
ausspricht,
- der erhabenste Begriff und
der der neueren Zeit und ihrer Religion angehört.
Das Geistige allein ist das
Wirkliche;
es ist das Wesen oder
Ansichseiende,
- das sich Verhaltende und
Bestimmte,
das Anderssein und
Fürsichsein
- und [das] in dieser
Bestimmtheit oder seinem Außersichsein
in sich selbst Bleibende;
- oder es ist an und
für sich.
- Dies
Anundfürsichsein aber ist es erst für uns oder an
sich,
es ist die geistige Substanz.
Es muß dies auch
für sich selbst,
muß das Wissen von
dem Geistigen
und das Wissen von sich als dem
Geiste sein,
d. h. es muß sich als
Gegenstand sein,
aber ebenso unmittelbar als
aufgehobener, in sich reflektierter Gegenstand.
Er ist für sich nur
für uns,
insofern sein geistiger Inhalt
durch ihn selbst erzeugt ist;
insofern er aber auch
für sich selbst für sich ist,
so ist dieses Selbsterzeugen,
der reine Begriff,
ihm zugleich das
gegenständliche Element, worin er sein Dasein hat,
und er ist auf diese Weise
in seinem ((28)) Dasein
für sich selbst in sich reflektierter Gegenstand.
- Der
Geist, der sich so entwickelt
als Geist weiß, ist die Wissenschaft.
Sie ist seine Wirklichkeit
und das Reich, das er sich in
seinem eigenen Elemente erbaut.
Das reine Selbsterkennen im
absoluten Anderssein, dieser Äther als solcher,
ist der Grund und Boden der
Wissenschaft oder das Wissen im allgemeinen.
Der
Anfang
der Philosophie
macht die Voraussetzung oder Forderung,
daß das
Bewußtsein sich in diesem Elemente befinde.
Aber dieses Element
erhält seine Vollendung und Durchsichtigkeit
selbst nur durch die Bewegung
seines Werdens.
Es ist die reine Geistigkeit
als das Allgemeine, das die
Weise der einfachen Unmittelbarkeit hat;
- dies Einfache, wie es als
solches Existenz hat,
ist der Boden, der Denken, der
nur im Geist ist.
Weil dieses Element, diese
Unmittelbarkeit des Geistes
das Substantielle
überhaupt des Geistes ist,
ist sie die verklärte
Wesenheit,
die Reflexion, die selbst
einfach, die Unmittelbarkeit als solche für sich ist,
das Sein, das die Reflexion in
sich selbst ist.
Die Wissenschaft verlangt von
ihrer Seite an das Selbstbewußtsein,
daß es in diesen
Äther sich erhoben habe,
um mit ihr und in ihr leben zu
können und zu leben.
Umgekehrt hat das Individuum
das Recht zu fordern,
daß die Wissenschaft
ihm die Leiter wenigstens zu diesem Standpunkte reiche,
ihm in ihm selbst denselben
aufzeige.
Sein Recht gründet
sich auf seine absolute Selbständigkeit,
die es in jeder Gestalt seines
Wissens zu besitzen weiß;
denn ((29)) in jeder
- sei sie von der Wissenschaft
anerkannt oder nicht,
und der Inhalt sei welcher er
wolle -
ist es die absolute Form, d. h.
es ist die unmittelbare Gewißheit seiner selbst
und, wenn dieser Ausdruck
vorgezogen würde, damit unbedingtes Sein.
Wenn der Standpunkt des
Bewußtseins,
von gegenständlichen
Dingen im Gegensatze gegen sich selbst
und von sich selbst im
Gegensatze gegen sie zu wissen,
der Wissenschaft als das Andere
- das, worin es sich bei sich
selbst weiß,
vielmehr als der Verlust des
Geistes -
gilt,
so ist ihm dagegen das Element
der Wissenschaft
eine jenseitige Ferne, worin es
nicht mehr sich selbst besitzt.
Jeder von diesen beiden Teilen
scheint für den
anderen das Verkehrte der Wahrheit zu sein.
Daß das
natürliche Bewußtsein sich der Wissenschaft
unmittelbar anvertraut,
ist ein Versuch, den es, es
weiß nicht von was angezogen, macht,
auch einmal auf dem Kopfe zu
gehen;
der Zwang, diese ungewohnte
Stellung anzunehmen und sich in ihr zu bewegen,
ist eine so unvorbereitete als
unnötig scheinende Gewalt,
die ihm angemutet wird, sich
anzutun.
- Die Wissenschaft sei an ihr
selbst, was sie will;
im Verhältnisse zum
unmittelbaren Selbstbewußtsein
stellt sie sich als ein
Verkehrtes gegen dieses dar;
oder weil dasselbe in der
Gewißheit seiner selbst
das Prinzip seiner Wirklichkeit
hat,
trägt sie, indem es
für sich außer ihr ist, die Form der Unwirklichkeit.
Sie hat darum solches Element
mit ihr zu vereinigen
oder vielmehr zu zeigen,
daß und wie es ihr selbst angehört.
Als solcher Wirklichkeit
entbehrend ist sie nur der Inhalt als das Ansich,
der Zweck, der erst noch ein
Inneres,
nicht als ((30)) Geist, nur
erst geistige Substanz ist.
Dies Ansich hat sich zu
äußern und für sich selbst zu werden;
dies heißt nichts
anderes als:
dasselbe hat das
Selbstbewußtsein als eins mit sich zu setzen.
Dies
Werden
der Wissenschaft
überhaupt oder des Wissens ist es,
was diese
Phänomenologie des Geistes darstellt.
Das Wissen, wie es zuerst ist,
oder der unmittelbare Geist
ist das Geistlose, das
sinnliche Bewußtsein.
Um zum eigentlichen Wissen zu
werden
oder das Element der
Wissenschaft, das ihr reiner Begriff selbst ist, zu erzeugen,
hat es sich durch einen langen
Weg hindurchzuarbeiten.
- Dieses Werden,
wie es in seinem Inhalte und
den Gestalten, die sich in ihm zeigen,
sich aufstellen wird,
wird nicht das sein,
was man zunächst unter
einer Anleitung
des unwissenschaftlichen
Bewußtseins zur Wissenschaft sich vorstellt,
auch etwas anderes als die
Begründung der Wissenschaft,
- so ohnehin als die
Begeisterung,
die wie aus der Pistole mit dem
absoluten Wissen unmittelbar anfängt
und mit anderen Standpunkten
dadurch schon fertig ist,
daß sie keine Notiz
davon zu nehmen erklärt.
Die Aufgabe, das Individuum
von seinem ungebildeten
Standpunkte aus zum Wissen zu führen,
war in ihrem allgemeinen Sinn
zu fassen
und das
allgemeine
Individuum,
der selbstbewußte Geist,
in seiner Bildung zu
betrachten.
- Was das Verhältnis
beider betrifft,
so zeigt sich in dem
allgemeinen Individuum jedes Moment,
wie es die konkrete Form ((31))
und eigene Gestaltung gewinnt.
Das
besondere Individuum
ist der unvollständige Geist,
eine konkrete Gestalt,
in deren ganzem Dasein eine
Bestimmtheit herrschend ist
und worin die anderen nur in
verwischten Zügen vorhanden sind.
In dem Geiste, der
höher steht als ein anderer,
ist das niedrigere konkrete
Dasein zu einem unscheinbaren Momente herabgesunken;
was vorher die Sache selbst
war, ist nur noch eine Spur;
ihre Gestalt ist
eingehüllt und eine einfache Schattierung geworden.
Diese Vergangenheit
durchläuft das Individuum,
dessen Substanz der
höherstehende Geist ist,
in der Weise, wie der, welcher
eine höhere Wissenschaft vornimmt,
die Vorbereitungskenntnisse,
die er längst innehat,
um sich ihren Inhalt
gegenwärtig zu machen, durchgeht;
er ruft die Erinnerung
derselben zurück,
ohne darin sein Interesse und
Verweilen zu haben.
Der Einzelne muß auch
dem Inhalte nach
die Bildungsstufen des
allgemeinen Geistes durchlaufen,
aber als vom Geiste schon
abgelegte Gestalten,
als Stufen eines Wegs, der
ausgearbeitet und geebnet ist;
so sehen wir in Ansehung der
Kenntnisse
das, was in früheren
Zeitaltern den reifen Geist der Männer beschäftigte,
zu Kenntnissen,
Übungen und selbst Spielen des Knabenalters herabgesunken
und werden in dem
pädagogischen Fortschreiten
die wie im Schattenrisse
nachgezeichnete
Geschichte der Bildung der Welt
erkennen.
Dies vergangene Dasein
ist bereits erworbenes Eigentum
des allgemeinen Geistes,
der die Substanz des
Individuums
und so ihm
äußerlich erscheinend
seine unorganische Natur ((32))
ausmacht.
- Die Bildung in dieser
Rücksicht besteht,
von der Seite des Individuums
aus betrachtet,
darin, daß es dies
Vorhandene erwerbe,
seine unorganische Natur in
sich zehre und für sich in Besitz nehme.
Dies ist aber von der Seite des
allgemeinen Geistes als der Substanz
nichts anderes, als
daß diese sich ihr Selbstbewußtsein gibt,
ihr Werden und ihre Reflexion
in sich hervorbringt.
Die Wissenschaft stellt
sowohl diese bildende Bewegung
in ihrer Ausführlichkeit und Notwendigkeit
als [auch] das, was schon zum
Momente
und Eigentum des Geistes
herabgesunken ist, in seiner Gestaltung dar.
Das Ziel ist die Einsicht des
Geistes in das, was das Wissen ist.
Die Ungeduld verlangt das
Unmögliche,
nämlich die Erreichung
des Ziels ohne die Mittel.
Einesteils ist die
Länge dieses Wegs zu ertragen, denn jedes Moment ist
notwendig;
- andernteils ist bei jedem
sich zu verweilen,
denn jedes ist selbst eine
individuelle ganze Gestalt
und wird nur absolut
betrachtet,
insofern seine Bestimmtheit als
Ganzes oder Konkretes
oder das Ganze in der
Eigentümlichkeit dieser Bestimmung betrachtet wird.
- Weil die Substanz des
Individuums,
weil sogar der Weltgeist die
Geduld gehabt,
diese Formen in der langen
Ausdehnung der Zeit zu durchgehen
und die ungeheure Arbeit der
Weltgeschichte,
in welcher er in jeder den
ganzen Gehalt seiner, dessen sie fähig ist, herausgestaltete,
zu übernehmen,
und weil er durch keine
geringere das Bewußtsein über sich erreichen konnte,
so kann zwar der Sache nach
das Individuum nicht mit
weniger seine Substanz begreifen;
inzwischen hat es zugleich
geringere Mühe, weil an sich dies vollbracht,
der Inhalt schon die zur
Möglichkeit getilgte Wirklichkeit,
die bezwungene Unmittelbarkeit,
die Gestaltung bereits auf ihre Abbreviatur,
auf die einfache
Gedankenbestimmung, herabgebracht ist.
Schon ein Gedachtes, ist der
Inhalt Eigentum der Substanz;
es ist nicht mehr das Dasein in
die Form des Ansichseins,
sondern nur das weder mehr
bloß ursprüngliche noch in das Dasein versenkte,
vielmehr bereits
erinnerte
Ansich in die Form
des
Fürsichseins umzukehren.
Die
Art dieses Tuns ist
näher anzugeben.
Was auf dem Standpunkte, auf
dem wir diese Bewegung hier aufnehmen,
am Ganzen erspart ist, ist das
Aufheben des Daseins;
was aber noch übrig
ist und der höheren Umbildung bedarf,
ist die Vorstellung und die
Bekanntschaft mit den Formen.
Das in die Substanz
zurückgenommene Dasein ist durch jene erste Negation
nur erst unmittelbar in das
Element des Selbsts versetzt;
dieses ihm erworbene Eigentum
hat also noch denselben
Charakter unbegriffener ((34)) Unmittelbarkeit,
unbewegter
Gleichgültigkeit wie das Dasein selbst;
dieses ist so nur in die
Vorstellung übergegangen.
- Zugleich ist es damit ein
Bekanntes,
ein solches, mit dem der
daseiende Geist fertig geworden,
worin daher seine
Tätigkeit und somit sein Interesse nicht mehr ist.
Wenn die Tätigkeit,
die mit dem Dasein fertig wird,
selbst nur die Bewegung des
besonderen,
sich nicht begreifenden Geistes
ist,
so ist dagegen das Wissen gegen
die hierdurch zustande gekommene Vorstellung,
gegen dies Bekanntsein
gerichtet;
es ist Tun des allgemeinen
Selbsts und das Interesse des Denkens.
Das
Bekannte überhaupt ist
darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.
Es ist die
gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung
anderer,
beim Erkennen etwas als bekannt
vorauszusetzen
und es sich ebenso gefallen zu
lassen;
mit allem Hin- und Herreden
kommt solches Wissen,
ohne zu wissen wie ihm
geschieht, nicht von der Stelle.
Das Subjekt und Objekt usf.,
Gott, Natur, der Verstand, die Sinnlichkeit usf.
werden unbesehen als bekannt
und als etwas Gültiges zugrunde gelegt
und machen feste Punkte sowohl
des Ausgangs als der Rückkehr aus.
Die Bewegung geht zwischen
ihnen, die unbewegt bleiben,
hin und her und somit nur auf
ihrer Oberfläche vor.
So besteht auch das Auffassen
und Prüfen darin, zu sehen,
ob jeder das von ihnen Gesagte
auch in seiner Vorstellung findet,
ob es ihm so scheint und
bekannt ist oder nicht.
Das Analysieren einer
Vorstellung, wie es sonst getrieben worden,
war schon nichts anderes als
das Aufheben der Form ihres Bekanntseins.
Eine
Vorstellung in ihre
ursprünglichen Elemente auseinanderlegen,
ist das Zurückgehen zu
ihren Momenten,
die wenigstens nicht die Form
der vorgefundenen Vorstellung haben,
sondern das unmittelbare
Eigentum des Selbsts ausmachen.
Diese Analyse kommt zwar nur zu
Gedanken,
welche selbst bekannte, feste
und ruhende Bestimmungen sind.
Aber ein wesentliches Moment
ist dies Geschiedene, Unwirkliche selbst;
denn nur darum, ((35))
daß das Konkrete sich
scheidet und zum Unwirklichen macht,
ist es das sich Bewegende.
Die Tätigkeit des
Scheidens ist die Kraft und Arbeit des
Verstandes,
der verwundersamsten und
größten oder vielmehr der absoluten Macht.
Der Kreis, der in sich
geschlossen ruht
und als Substanz seine Momente
hält,
ist das unmittelbare und darum
nicht verwundersame Verhältnis.
Aber daß das von
seinem Umfange getrennte Akzidentelle als solches,
das Gebundene und nur in
seinem Zusammenhange mit anderem Wirkliche
ein eigenes Dasein und
abgesonderte Freiheit gewinnt,
ist die ungeheure Macht des
Negativen;
es ist die Energie des Denkens,
des reinen Ichs.
Der Tod, wenn wir jene
Unwirklichkeit so nennen wollen, ist das Furchtbarste,
und das Tote festzuhalten das,
was die größte Kraft erfordert.
Die kraftlose
Schönheit haßt den Verstand,
weil er ihr dies zumutet, was
sie nicht vermag.
Aber nicht das Leben, das sich
vor dem Tode scheut
und von der Verwüstung
rein bewahrt,
sondern das ihn
erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des
Geistes.
Er gewinnt seine Wahrheit nur,
indem er in der absoluten
Zerrissenheit sich selbst findet.
Diese Macht ist er nicht als
das Positive, welches von dem Negativen wegsieht,
wie wenn wir von etwas sagen,
dies ist nichts oder falsch,
und nun, damit fertig, davon
weg zu irgend etwas anderem übergehen;
sondern er ist diese Macht nur,
indem er
dem
Negativen ins Angesicht schaut,
bei ihm verweilt.
Dieses Verweilen ist die
Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.
- Sie ist dasselbe, was oben
das Subjekt genannt worden,
welches darin, daß es
der Bestimmtheit in seinem Elemente Dasein gibt,
die abstrakte, d. h. nur
überhaupt seiende Unmittelbarkeit aufhebt
und dadurch die wahrhafte
Substanz ist,
das Sein oder die
Unmittelbarkeit,
welche nicht die Vermittlung
außer ihr hat, sondern diese selbst ist.
Daß das Vorgestellte
Eigentum des reinen Selbstbewußtseins wird,
diese Erhebung zur
Allgemeinheit überhaupt
ist
nur
die eine Seite,
noch nicht die vollendete Bildung.
- Die Art des Studiums der
alten Zeit
hat diese Verschiedenheit von
((36)) dem der neueren,
daß jenes die
eigentliche Durchbildung des natürlichen Bewußtseins
war.
An jedem Teile seines Daseins
sich besonders versuchend
und über alles
Vorkommende philosophierend,
erzeugte es sich zu einer durch
und durch betätigten Allgemeinheit.
In der neueren Zeit hingegen
findet das Individuum die abstrakte Form vorbereitet;
die Anstrengung, sie zu
ergreifen und sich zu eigen zu machen,
ist mehr das unvermittelte
Hervortreiben des Innern
und abgeschnittene Erzeugen des
Allgemeinen
als ein Hervorgehen desselben
aus dem Konkreten
und der Mannigfaltigkeit des
Daseins.
Jetzt besteht darum die Arbeit
nicht so sehr darin,
das Individuum aus der
unmittelbaren sinnlichen Weise zu reinigen
und es zur gedachten und
denkenden Substanz zu machen,
als vielmehr in dem
Entgegengesetzten,
durch das Aufheben der festen,
bestimmten Gedanken
das Allgemeine zu verwirklichen
und zu begeisten.
Es ist aber weit schwerer, die
festen Gedanken in Flüssigkeit zu bringen,
als das sinnliche Dasein.
Der Grund ist das vorhin
Angegebene;
jene Bestimmungen haben das
Ich, die Macht des Negativen
oder die reine Wirklichkeit zur
Substanz und zum Element ihres Daseins;
die sinnlichen Bestimmungen
dagegen
nur die unmächtige
abstrakte Unmittelbarkeit oder das Sein als solches.
Die Gedanken werden
flüssig,
indem das reine Denken, diese
innere Unmittelbarkeit,
sich als Moment erkennt,
oder indem die reine
Gewißheit seiner selbst von sich abstrahiert,
- nicht sich
wegläßt, auf die Seite setzt,
sondern das Fixe ihres
Sichselbstsetzens aufgibt,
sowohl das Fixe des reinen
Konkreten,
welches Ich selbst im
Gegensatze gegen unterschiedenen Inhalt ist,
als das Fixe von
Unterschiedenen,
die, im Elemente des reinen
Denkens gesetzt,
an jener Unbedingtheit des Ich
Anteil haben.
Durch
diese Bewegung werden die
reinen Gedanken Begriffe
und sind erst, was sie in
Wahrheit sind, Selbstbewegungen, Kreise,
das, was ihre Substanz ist,
geistige Wesenheiten.
Diese Bewegung der reinen Wesenheiten
macht die Natur der
Wissenschaftlichkeit überhaupt aus.
Als der Zusammenhang ((37))
ihres Inhalts betrachtet,
ist sie die Notwendigkeit und
Ausbreitung desselben zum organischen Ganzen.
Der Weg, wodurch der Begriff
des Wissens erreicht wird,
wird durch sie gleichfalls ein
notwendiges und vollständiges Werden,
so daß diese
Vorbereitung aufhört, ein zufälliges Philosophieren
zu sein,
das sich an diese und jene
Gegenstände,
Verhältnisse und Gedanken des unvollkommenen
Bewußtseins,
wie die Zufälligkeit
es mit sich bringt,
anknüpft
oder durch ein hin und her
gehendes Räsonnement,
Schließen und
Folgern aus bestimmten Gedanken
das Wahre zu
begründen sucht;
sondern dieser Weg wird durch
die Bewegung des Begriffs
die vollständige
Weltlichkeit des Bewußtseins in ihrer Notwendigkeit umfassen.
Eine solche Darstellung macht
ferner
den
ersten
Teil der Wissenschaft
darum aus,
weil das Dasein des Geistes als
Erstes
nichts anderes als das
Unmittelbare oder der Anfang,
der Anfang aber noch nicht
seine Rückkehr in sich ist.
Das Element des unmittelbaren
Daseins ist daher die Bestimmtheit,
wodurch sich dieser Teil der
Wissenschaft von den anderen unterscheidet.
- Die Angabe dieses
Unterschiedes
führt zur
Erörterung einiger fester Gedanken, die hierbei vorzukommen
pflegen.
Das unmittelbare Dasein des
Geistes, das
Bewußtsein,
hat die zwei Momente
des Wissens und der dem Wissen
negativen Gegenständlichkeit.
Indem in diesem Elemente sich
der Geist entwickelt
und seine Momente auslegt,
so kommt ihnen dieser Gegensatz
zu,
und sie treten alle als
Gestalten des Bewußtseins auf.
Die Wissenschaft dieses Wegs
ist Wissenschaft der
Erfahrung,
die das Bewußtsein macht;
die Substanz wird betrachtet,
wie sie und ihre Bewegung
sein Gegenstand ist.
Das Bewußtsein
weiß und begreift nichts, als was in seiner Erfahrung ist;
denn was in dieser ist, ist nur
die geistige Substanz,
und zwar als Gegenstand ihres
Selbsts.
Der Geist wird aber Gegenstand,
denn er ist diese Bewegung,
sich ein Anderes, d. h.
Gegenstand seines Selbsts zu werden
und dieses Anderssein
aufzuheben.
Und die Erfahrung ((38)) wird
eben diese Bewegung genannt,
worin das Unmittelbare, das
Unerfahrene, d. h. das Abstrakte,
es sei des sinnlichen Seins
oder des nur gedachten Einfachen,
sich entfremdet und dann aus
dieser Entfremdung zu sich zurückgeht
und hiermit jetzt erst in
seiner Wirklichkeit und Wahrheit dargestellt
wie auch Eigentum des
Bewußtseins ist.
Die Ungleichheit, die im
Bewußtsein
zwischen dem
Ich
und der Substanz,
die
sein Gegenstand ist,
stattfindet,
ist ihr Unterschied, das
Negative überhaupt.
Es kann als der Mangel beider
angesehen werden,
ist aber ihre Seele oder das
Bewegende derselben;
weswegen einige Alte das Leere
als das Bewegende begriffen,
indem sie das Bewegende zwar
als das Negative,
aber dieses noch nicht als das
Selbst erfaßten.
- Wenn nun dies Negative
zunächst als
Ungleichheit des Ichs zum Gegenstande erscheint,
so ist es ebensosehr die
Ungleichheit der
Substanz
zu sich selbst.
Was außer ihr
vorzugehen, eine Tätigkeit gegen sie zu sein scheint,
ist ihr eigenes Tun, und sie
zeigt sich
wesentlich Subjekt zu sein.
Indem sie dies vollkommen
gezeigt,
hat der Geist sein Dasein
seinem Wesen gleichgemacht;
er ist sich Gegenstand, wie er
ist,
und das abstrakte Element
der Unmittelbarkeit und der
Trennung des Wissens und der Wahrheit ist überwunden.
Das Sein ist absolut
vermittelt;
- es ist substantieller Inhalt,
der ebenso unmittelbar Eigentum
des Ichs, selbstisch oder der Begriff ist.
Hiermit
beschließt sich die
Phänomenologie des Geistes.
Was er in ihr sich bereitet,
ist das
Element
des Wissens.
In diesem breiten sich nun die
Momente des Geistes
in der Form der Einfachheit
aus, die ihren Gegenstand als sich selbst weiß.
Sie fallen nicht mehr in den
Gegensatz des Seins und Wissens auseinander,
sondern bleiben in der
Einfachheit des Wissens,
sind das Wahre in der Form des
Wahren,
und ihre Verschiedenheit ist
nur Verschiedenheit des Inhalts.
Ihre Bewegung, die sich in
diesem Elemente zum Ganzen organisiert,
ist die
Logik
oder spekulative Philosophie.
Weil nun jenes System der
Erfahrung des Geistes
nur die ((39)) Erscheinung
desselben befaßt,
so scheint der
Fortgang
von ihm
zur Wissenschaft des Wahren,
das in der Gestalt des Wahren ist,
bloß
negativ
zu sein,
und man könnte mit dem
Negativen als dem Falschen
verschont bleiben wollen und
verlangen,
ohne weiteres zur Wahrheit
geführt zu werden;
wozu sich mit dem Falschen
abgeben?
- Wovon schon oben die Rede
war,
daß sogleich mit der
Wissenschaft sollte angefangen werden,
darauf ist hier nach der Seite
zu antworten,
welche
Beschaffenheit es mit dem
Negativen
als
Falschem überhaupt hat.
Die Vorstellungen
hierüber hindern vornehmlich den Eingang zur Wahrheit.
Dies wird Veranlassung geben,
vom mathematischen Erkennen zu sprechen,
welches das unphilosophische
Wissen als das Ideal ansieht,
das zu erreichen die
Philosophie streben müßte,
bisher aber vergeblich gestrebt
habe.
Das Wahre und Falsche
gehört zu den bestimmten Gedanken,
die bewegungslos für
eigene Wesen gelten,
deren eines drüben,
das andere hüben
ohne Gemeinschaft mit dem
andern isoliert und fest steht.
Dagegen muß behauptet
werden,
daß die Wahrheit
nicht eine ausgeprägte Münze ist,
die fertig gegeben und so
eingestrichen werden kann.
Noch gibt es ein Falsches,
sowenig es ein Böses gibt.
So schlimm zwar als der Teufel
ist das Böse und Falsche nicht,
denn als dieser sind sie sogar
zum besonderen Subjekte gemacht;
als Falsches und Böses
sind sie nur Allgemeine,
haben aber doch eigene
Wesenheit gegeneinander.
- Das Falsche (denn nur von ihm
ist hier die Rede)
wäre das Andere, das
Negative der Substanz,
die als Inhalt des Wissens das
Wahre ist.
Aber die Substanz ist selbst
wesentlich das Negative,
teils als Unterscheidung und
Bestimmung des Inhalts,
teils als ein einfaches
Unterscheiden,
d. h. als Selbst und Wissen
überhaupt.
Man kann wohl falsch wissen.
Es wird etwas falsch
gewußt, heißt,
das Wissen ist in Ungleichheit
mit seiner Substanz.
Allein eben diese Ungleichheit
ist das Unterscheiden überhaupt,
das wesentliches Moment ist.
Es wird aus dieser
Unterscheidung wohl ihre Gleichheit,
und diese gewordene ((40))
Gleichheit ist die Wahrheit.
Aber sie ist nicht so Wahrheit,
als ob die Ungleichheit
weggeworfen worden wäre
wie die Schlacke vom reinen
Metall,
auch nicht einmal so, wie das
Werkzeug von dem fertigen Gefäße wegbleibt,
sondern die Ungleichheit ist
als das Negative,
als das Selbst im Wahren als
solchem
selbst noch unmittelbar
vorhanden.
Es kann jedoch darum nicht
gesagt werden,
daß das Falsche ein
Moment oder gar einen Bestandteil des Wahren ausmache.
Daß an jedem Falschen
etwas Wahres sei,
- in diesem Ausdrucke gelten
beide, wie Öl und Wasser,
die unmischbar nur
äußerlich verbunden sind.
Gerade um der Bedeutung willen,
das Moment des vollkommenen
Andersseins zu bezeichnen,
müssen ihre
Ausdrücke da, wo ihr Anderssein aufgehoben ist,
nicht mehr gebraucht werden.
So wie der Ausdruck der Einheit
des Subjekts und Objekts,
des Endlichen und Unendlichen,
des Seins und Denkens usf.
das Ungeschickte hat,
daß Objekt und
Subjekt usf. das bedeuten, was sie außer ihrer Einheit sind,
in der Einheit also nicht als
das gemeint sind, was ihr Ausdruck sagt,
ebenso ist das Falsche nicht
mehr als Falsches ein Moment der Wahrheit.
Der Dogmatismus der Denkungsart
im Wissen und im Studium der Philosophie
ist nichts anderes als die
Meinung,
daß das Wahre in
einem Satze, der ein festes Resultat ist
oder auch der unmittelbar
gewußt wird, bestehe.
Auf solche Fragen:
wann Cäsar geboren
worden, wie viele Toisen ein Stadium betrug usf.,
soll eine nette Antwort gegeben
werden,
ebenso wie es bestimmt wahr
ist, daß das Quadrat der Hypotenuse
gleich der Summe der Quadrate
der beiden übrigen
Seiten des rechtwinkligen Dreiecks ist.
Aber die Natur einer solchen
sogenannten Wahrheit
ist verschieden von der Natur
philosophischer Wahrheiten.
In Ansehung der
historischen
Wahrheiten,
um ihrer kurz zu erwähnen,
insofern nämlich das
rein Historische derselben betrachtet wird,
wird leicht zugegeben,
daß sie das einzelne Dasein,
einen Inhalt nach der Seite
seiner Zufälligkeit und Willkür,
Bestimmungen desselben, die
nicht notwendig sind, ((41)) betreffen.
- Selbst aber solche nackte
Wahrheiten, wie die als Beispiel angeführten,
sind nicht ohne die Bewegung
des Selbstbewußtseins.
Um eine derselben zu kennen,
muß viel verglichen, auch in Büchern nachgeschlagen
oder, auf welche Weise es sei,
untersucht werden;
auch bei einer unmittelbaren
Anschauung
wird erst die Kenntnis
derselben mit ihren Gründen
für etwas gehalten,
das wahren Wert habe, obgleich eigentlich
nur das nackte Resultat das
sein soll, um das es zu tun sei.
Was die
mathematischen
Wahrheiten
betrifft,
so würde noch weniger
der für einen Geometer gehalten werden,
der die Theoreme Euklids
auswendig wüßte, ohne ihre Beweise,
ohne sie, wie man im Gegensatze
sich ausdrücken könne [könnte],
inwendig zu wissen.
Ebenso würde die
Kenntnis,
die einer durch Messung vieler
rechtwinkliger Dreiecke sich erwürbe,
daß ihre Seiten das
bekannte Verhältnis zueinander haben,
für unbefriedigend
gehalten werden.
Die Wesentlichkeit des Beweises
hat jedoch auch beim mathematischen Erkennen
noch nicht die Bedeutung und
Natur, Moment des Resultates selbst zu sein,
sondern in diesem ist er
vielmehr vorbei und verschwunden.
Als Resultat ist zwar das
Theorem ein als wahr eingesehenes.
Aber dieser hinzugekommene
Umstand betrifft nicht seinen Inhalt,
sondern nur das
Verhältnis zum Subjekt;
die Bewegung des mathematischen
Beweises
gehört nicht dem an,
was Gegenstand ist,
sondern ist ein der Sache
äußerliches Tun.
So zerlegt sich die Natur des
rechtwinkligen Dreiecks nicht selbst so,
wie es in der Konstruktion
dargestellt wird, die
für den Beweis des
Satzes, der sein Verhältnis ausdrückt, nötig
ist;
das ganze Hervorbringen des
Resultats ist ein Gang und Mittel des Erkennens.
- Auch im philosophischen
Erkennen ist das Werden des Daseins als Daseins
verschieden von dem Werden des
Wesens oder der inneren Natur der Sache.
Aber das philosophische
Erkennen enthält erstens beides,
da hingegen das mathematische
nur das Werden des Daseins,
d. h. des Seins der Natur der
Sache im Erkennen als solchem darstellt.
Fürs andere vereinigt
jenes ((42)) auch diese beiden besonderen Bewegungen.
Das innere Entstehen oder das
Werden der Substanz
ist ungetrennt
Übergehen in das Äußere oder in das Dasein,
Sein für Anderes,
und umgekehrt ist das Werden
des Daseins das sich Zurücknehmen ins Wesen.
Die Bewegung ist so der
gedoppelte Prozeß
und
Werden des Ganzen,
daß zugleich ein
jedes das andere setzt
und jedes darum auch beide als
zwei Ansichten an ihm hat;
sie zusammen machen dadurch das
Ganze,
daß sie sich selbst
auflösen und zu seinen Momenten machen.
Im mathematischen Erkennen
ist die Einsicht ein
für die Sache äußerliches Tun;
es folgt daraus, daß
die wahre Sache dadurch verändert wird.
Das Mittel, Konstruktion und
Beweis, enthält daher wohl wahre Sätze;
aber ebensosehr muß
gesagt werden, daß der Inhalt falsch ist.
Das Dreieck wird in dem obigen
Beispiele zerrissen
und seine Teile zu anderen
Figuren,
die die Konstruktion an ihm
entstehen läßt, geschlagen.
Erst am Ende wird das Dreieck
wiederhergestellt,
um das es eigentlich zu tun
ist,
das im Fortgange aus den Augen
verloren wurde
und nur in Stücken,
die anderen Ganzen angehörten, vorkam.
- Hier sehen wir also auch die
Negativität des Inhalts eintreten,
welche eine Falschheit
desselben ebensogut genannt werden müßte
als in der Bewegung des
Begriffs das Verschwinden der festgemeinten Gedanken.
Die eigentliche
Mangelhaftigkeit
dieses Erkennens aber
betrifft
sowohl das Erkennen selbst
als seinen Stoff überhaupt.
- Was
das Erkennen betrifft,
so wird fürs erste
die Notwendigkeit der
Konstruktion nicht eingesehen.
Sie geht nicht aus dem Begriffe
des Theorems hervor, sondern wird geboten,
und man hat dieser Vorschrift,
gerade diese Linien, deren
unendlich andere gezogen werden könnten, zu ziehen,
blindlings zu gehorchen, ohne
etwas weiter zu wissen,
als den guten Glauben zu haben,
daß dies zur
Führung des ((43)) Beweises zweckmäßig sein
werde.
Hintennach zeigt sich denn auch
diese Zweckmäßigkeit,
die deswegen nur eine
äußerliche ist,
weil sie sich erst hintennach
beim Beweise zeigt.
- Ebenso geht dieser einen Weg,
der irgendwo anfängt,
man weiß noch nicht
in welcher Beziehung auf das
Resultat, das herauskommen soll.
Sein Fortgang nimmt diese
Bestimmungen und Beziehungen auf
und läßt
andere liegen,
ohne daß man
unmittelbar einsähe, nach welcher Notwendigkeit;
ein äußerer
Zweck regiert diese Bewegung.
Die Evidenz dieses mangelhaften
Erkennens,
auf welche die Mathematik
stolz ist
und womit sie sich auch gegen
die Philosophie brüstet,
beruht allein auf der Armut
ihres Zwecks
und der Mangelhaftigkeit ihres
Stoffs
und ist darum von einer Art,
die die Philosophie verschmähen muß.
- Ihr Zweck oder Begriff ist
die Größe.
Dies ist gerade das
unwesentliche, begrifflose Verhältnis.
Die Bewegung des Wissens geht
darum auf der Oberfläche vor,
berührt nicht die
Sache selbst, nicht das Wesen oder den Begriff
und ist deswegen kein
Begreifen.
- Der
Stoff, über
den die Mathematik
den erfreulichen Schatz von
Wahrheiten gewährt,
ist der Raum und das Eins.
Der Raum ist das Dasein, worein
der Begriff
seine Unterschiede einschreibt
als in ein leeres, totes Element,
worin sie ebenso unbewegt und
leblos sind.
Das Wirkliche ist nicht ein
Räumliches,
wie es in der Mathematik
betrachtet wird;
mit solcher Unwirklichkeit, als
die Dinge der Mathematik sind,
gibt sich weder das konkrete
sinnliche Anschauen noch die Philosophie ab.
In solchem unwirklichen
Elemente
gibt es denn auch nur
unwirkliches Wahres, d. h. fixierte, tote Sätze;
bei jedem derselben kann
aufgehört werden;
der folgende fängt
für sich von neuem an,
ohne daß der erste
sich selbst zum andern fortbewegte
und ohne daß auf
diese Weise
ein notwendiger Zusammenhang
durch die Natur der Sache selbst entstünde.
- Auch läuft um jenes
Prinzips und Elements willen
- und hierin besteht das
Formelle der mathematischen Evidenz -
das ((44)) Wissen an der Linie
der
Gleichheit
fort.
Denn das Tote, weil es sich
nicht selbst bewegt,
kommt nicht zu Unterschieden
des Wesens,
nicht zur wesentlichen
Entgegensetzung oder Ungleichheit,
daher nicht zum
Übergange des Entgegengesetzten in das Entgegengesetzte,
nicht zur qualitativen,
immanenten, nicht zur Selbstbewegung.
Denn es ist die
Größe, der unwesentliche Unterschied,
den die Mathematik allein
betrachtet.
Daß es der Begriff
ist, der den Raum in seine Dimensionen entzweit
und die Verbindungen derselben
und in denselben bestimmt,
davon abstrahiert sie;
sie betrachtet z. B. nicht das
Verhältnis der Linie zur Fläche;
und wo sie den Durchmesser des
Kreises mit der Peripherie vergleicht,
stößt sie
auf die Inkommensurabilität derselben,
d. h. ein Verhältnis
des Begriffs,
ein Unendliches, das ihrer
Bestimmung entflieht.
Die immanente, sogenannte
reine
Mathematik
stellt auch nicht die Zeit als
Zeit dem Raume gegenüber,
als den zweiten Stoff ihrer
Betrachtung.
Die
angewandte
handelt wohl von ihr,
wie von der Bewegung, auch
sonst anderen wirklichen Dingen;
sie nimmt aber die
synthetischen,
d. h. Sätze ihrer
Verhältnisse, die durch ihren Begriff bestimmt sind,
aus der Erfahrung auf
und wendet nur auf diese
Voraussetzungen ihre Formeln an.
Daß die sogenannten
Beweise solcher Sätze,
als der vom Gleichgewichte des
Hebels,
dem Verhältnisse des
Raums und der Zeit in der Bewegung des Fallens usf.,
welche sie häufig
gibt,
für Beweise gegeben
und angenommen werden,
ist selbst nur ein Beweis,
wie groß das
Bedürfnis des Beweisens für das Erkennen ist,
weil es, wo es nicht mehr hat,
auch den leeren Schein desselben achtet
und eine Zufriedenheit dadurch
gewinnt.
Eine Kritik jener Beweise
würde ebenso merkwürdig als belehrend sein,
um die Mathematik teils von
diesem falschen Putze zu reinigen,
teils ihre Grenze zu zeigen
und daraus die Notwendigkeit
eines anderen Wissens.
- Was die Zeit betrifft,
von der man meinen sollte,
daß sie, zum Gegenstücke gegen den Raum,
den Stoff des andern Teils der
reinen Mathematik ((45)) ausmachen würde,
so ist sie der daseiende
Begriff selbst.
Das Prinzip der
Größe, des begrifflosen Unterschiedes,
und das Prinzip der Gleichheit,
der abstrakten unlebendigen Einheit,
vermag es nicht, sich
mit jener reinen Unruhe des
Lebens und absoluten Unterscheidung zu befassen.
Diese Negativität wird
daher nur als paralysiert,
nämlich als das
Eins,
zum zweiten Stoffe dieses Erkennens,
das, ein
äußerliches Tun, das Sichselbstbewegende zum Stoffe
herabsetzt,
um nun an ihm einen
gleichgültigen, äußerlichen, unlebendigen
Inhalt zu haben.
Die Philosophie dagegen
betrachtet nicht [die] unwesentliche Bestimmung,
sondern sie, insofern sie
wesentliche ist;
nicht das Abstrakte oder
Unwirkliche ist ihr Element und Inhalt,
sondern das Wirkliche, sich
selbst Setzende und in sich Lebende,
das Dasein in seinem Begriffe.
Es ist der Prozeß,
der sich seine Momente erzeugt und durchläuft,
und diese ganze Bewegung macht
das
Positive
und seine Wahrheit aus.
Diese
schließt
also ebensosehr
das Negative in sich,
dasjenige, was das Falsche
genannt werden würde, wenn es
als ein solches betrachtet
werden könnte, von dem zu abstrahieren sei.
Das Verschwindende ist vielmehr
selbst als wesentlich zu betrachten,
nicht in der Bestimmung eines
Festen, das vom Wahren abgeschnitten,
außer ihm, man
weiß nicht wo, liegen zu lassen sei,
so wie auch das Wahre nicht als
das auf der andern Seite ruhende, tote Positive.
Die Erscheinung ist das
Entstehen und Vergehen,
das selbst nicht entsteht und
vergeht, sondern an sich ist
und die Wirklichkeit und
Bewegung des Lebens der Wahrheit ausmacht.
Das Wahre ist so der
bacchantische Taumel,
an dem kein Glied nicht trunken
ist;
und weil jedes, indem es sich
absondert,
ebenso unmittelbar [sich]
auflöst,
ist er ebenso die durchsichtige
und einfache Ruhe.
In dem Gerichte jener Bewegung
bestehen zwar
die einzelnen Gestalten des
Geistes wie die bestimmten Gedanken nicht,
aber sie sind so sehr auch
positive notwendige Momente,
als sie negativ und
verschwindend sind.
- In dem Ganzen der Bewegung,
es als Ruhe ((46)) aufgefaßt,
ist dasjenige, was sich in ihr
unterscheidet und besonderes Dasein gibt,
als ein solches, das sich
erinnert, aufbewahrt,
dessen Dasein das Wissen von
sich selbst ist,
wie dieses ebenso unmittelbar
Dasein ist.
Von
der Methode dieser Bewegung oder
der Wissenschaft
könnte es
nötig scheinen, voraus das Mehrere anzugeben.
Ihr Begriff liegt aber schon in
dem Gesagten,
und ihre eigentliche
Darstellung gehört der Logik an
oder ist vielmehr diese selbst.
Denn die Methode ist nichts
anderes
als der Bau des Ganzen, in
seiner reinen Wesenheit aufgestellt.
Von dem hierüber
bisher Gangbaren
aber müssen wir das
Bewußtsein haben, daß auch das System
der sich auf das, was
philosophische Methode ist, beziehenden Vorstellungen
einer verschollenen Bildung
angehört.
- Wenn dies etwa renommistisch
oder revolutionär lauten sollte,
von welchem Tone ich mich
entfernt weiß,
so ist zu bedenken,
daß der wissenschaftliche Staat, den die Mathematik herlieh
- von Erklärungen,
Einteilungen, Axiomen, Reihen von Theoremen,
ihren Beweisen,
Grundsätzen und dem Folgern und Schließen aus ihnen
-,
schon in der Meinung selbst
wenigstens veraltet ist.
Wenn auch seine Untauglichkeit
nicht deutlich eingesehen wird,
so wird doch kein oder wenig
Gebrauch mehr davon gemacht,
und wenn er nicht an sich
mißbilligt wird, [so wird er] doch nicht geliebt.
Und wir müssen das
Vorurteil für das Vortreffliche haben,
daß es sich in den
Gebrauch setze und beliebt mache.
Es ist aber nicht schwer
einzusehen, daß die Manier,
einen Satz aufzustellen,
Gründe für ihn anzuführen
und den entgegengesetzten durch
Gründe ebenso zu widerlegen,
nicht die Form ist, in der die
Wahrheit auftreten kann.
Die Wahrheit ist die Bewegung
ihrer an ihr selbst;
jene Methode aber ist das
Erkennen, das dem Stoffe äußerlich ist.
Darum ist sie der Mathematik,
die, wie bemerkt, das
begrifflose Verhältnis der Größe zu ihrem
Prinzip
und den toten Raum wie das
ebenso tote Eins zu ihrem Stoffe hat,
eigentümlich und
muß ihr gelassen werden.
Auch mag sie in freierer
Manier,
d. h. mehr mit Willkür
und Zufälligkeit ((47)) gemischt,
im gemeinen Leben, in einer
Konversation oder historischen Belehrung
mehr der Neugierde als der
Erkenntnis, wie ungefähr auch eine Vorrede ist,
bleiben.
Im gemeinen Leben hat das
Bewußtsein Kenntnisse, Erfahrungen,
sinnliche Konkretionen, auch
Gedanken, Grundsätze,
überhaupt solches zu
seinem Inhalte, das als ein Vorhandenes
oder als ein festes, ruhendes
Sein oder Wesen gilt.
Es läuft teils daran
fort, teils unterbricht es den Zusammenhang
durch die freie
Willkür über solchen Inhalt
und verhält sich als
ein äußerliches Bestimmen und Handhaben desselben.
Es führt ihn auf
irgend etwas Gewisses,
sei es auch nur die Empfindung
des Augenblicks, zurück,
und die Überzeugung
ist befriedigt,
wenn sie auf einem ihr
bekannten Ruhepunkte angelangt ist.
Wenn aber die Notwendigkeit des
Begriffs
den loseren Gang der
räsonierenden Konversation
wie den steiferen des
wissenschaftlichen Gepränges verbannt,
so ist schon oben erinnert
worden,
daß seine Stelle
nicht durch die Unmethode des Ahnens und der Begeisterung
und die Willkür des
prophetischen Redens ersetzt werden soll,
welches nicht jene
Wissenschaftlichkeit nur,
sondern die
Wissenschaftlichkeit überhaupt verachtet.
Ebensowenig ist
- nachdem die Kantische, erst
durch den Instinkt wiedergefundene,
noch tote, noch unbegriffene
Triplizität zu ihrer absoluten Bedeutung erhoben,
damit die wahrhafte Form in
ihrem wahrhaften Inhalte zugleich aufgestellt
und der Begriff der
Wissenschaft hervorgegangen ist
- derjenige Gebrauch dieser
Form für etwas Wissenschaftliches zu halten,
durch den wir sie zum leblosen
Schema, zu einem eigentlichen Schemen,
und die wissenschaftliche
Organisation zur Tabelle herabgebracht sehen.
-
Dieser Formalismus,
von dem oben schon im
allgemeinen gesprochen [wurde]
und dessen Manier wir hier
näher angeben wollen,
meint die Natur und das Leben
einer Gestalt begriffen ((48))
und ausgesprochen zu haben,
wenn er von ihr eine Bestimmung
des Schemas als Prädikat ausgesagt,
- es sei die
Subjektivität oder Objektivität
oder auch der Magnetismus, die
Elektrizität usf.,
die Kontraktion oder Expansion,
der Osten oder Westen u. dgl.,
was sich ins Unendliche
vervielfältigen läßt,
weil nach dieser Weise jede
Bestimmung oder Gestalt
bei der andern wieder als Form
oder Moment des Schemas gebraucht werden
und jede dankbar der andern
denselben Dienst leisten kann,
- ein Zirkel von
Gegenseitigkeit,
wodurch man nicht
erfährt, was die Sache selbst,
weder was die eine noch die
andere ist.
Es werden dabei
teils sinnliche Bestimmungen
aus der gemeinen Anschauung aufgenommen,
die freilich etwas anderes
bedeuten sollen, als sie sagen,
teils wird das an sich
Bedeutende, die reinen Bestimmungen des Gedankens,
wie Subjekt, Objekt, Substanz,
Ursache, das Allgemeine usf.,
geradeso unbesehen und
unkritisch gebraucht wie im gemeinen Leben
und wie Stärken und
Schwächen, Expansion und Kontraktion,
so daß jene
Metaphysik so unwissenschaftlich ist als diese sinnlichen Vorstellungen.
Statt des inneren Lebens und
der Selbstbewegung seines Daseins
wird nun eine solche einfache
Bestimmtheit von der Anschauung,
d. h. hier dem sinnlichen
Wissen, nach einer oberflächlichen Analogie ausgesprochen
und diese
äußerliche und leere Anwendung der Formel die
Konstruktion genannt.
- Es ist mit solchem
Formalismus derselbe Fall als mit jedem.
Wie stumpf
müßte der Kopf sein,
dem nicht in einer
Viertelstunde die Theorie,
daß es asthenische,
sthenische und indirekt asthenische Krankheiten
und ebenso viele
Heilpläne gebe, beigebracht
und der nicht,
da ein solcher Unterricht noch
vor kurzem dazu hinreichte,
aus einem Routinier in dieser
kleinen Zeit
in einen theoretischen Arzt
verwandelt werden könnte?
Wenn der naturphilosophische
Formalismus etwa lehrt,
der Verstand sei die
Elektrizität ((49)) oder das Tier sei der Stickstoff,
oder auch gleich dem
Süd oder Nord usf., oder repräsentiere ihn,
so nackt, wie es hier
ausgedrückt ist,
oder auch mit mehr Terminologie
zusammengebraut,
so mag über solche
Kraft, die das weit entlegen Scheinende zusammengreift,
und über die Gewalt,
die das ruhende Sinnliche durch diese Verbindung erleidet
und die ihm dadurch den Schein
eines Begriffs erteilt,
die Hauptsache aber, den
Begriff selbst
oder die Bedeutung der
sinnlichen Vorstellung auszusprechen, erspart,
- es mag hierüber die
Unerfahrenheit in ein bewunderndes Staunen geraten,
darin eine tiefe
Genialität verehren
sowie an der Heiterkeit solcher
Bestimmungen,
da sie den abstrakten Begriff
durch Anschauliches ersetzen
und erfreulicher machen,
sich ergötzen
und sich selbst
zu der geahnten
Seelenverwandtschaft mit solchem herrlichen Tun
Glück
wünschen.
Der Pfiff einer solchen
Weisheit ist so bald erlernt, als es leicht ist, ihn
auszuüben;
seine Wiederholung wird, wenn
er bekannt ist,
so unerträglich als
die Wiederholung einer eingesehenen Taschenspielerkunst.
Das Instrument dieses
gleichtönigen Formalismus
ist nicht schwerer zu handhaben
als die Palette eines Malers,
auf der sich nur zwei Farben
befinden würden, etwa Rot und Grün,
um mit jener eine
Fläche anzufärben, wenn ein historisches
Stück,
mit dieser, wenn eine
Landschaft verlangt wäre.
- Es würde schwer zu
entscheiden sein, was dabei größer ist,
die Behaglichkeit,
mit der alles, was im Himmel,
auf Erden und unter der Erden ist,
mit solcher
Farbenbrühe angetüncht wird,
oder die Einbildung auf die
Vortrefflichkeit dieses Universalmittels;
die eine unterstützt
die andere.
Was diese Methode,
allem Himmlischen und
Irdischen, allen natürlichen und geistigen Gestalten
die paar Bestimmungen des
allgemeinen Schemas aufzukleben
und auf diese Weise alles
einzurangieren,
hervorbringt, ist nichts
Geringeres
als ein sonnenklarer Bericht
über den Organismus des Universums,
nämlich eine Tabelle,
die einem Skelette mit angeklebten Zettelchen
oder den Reihen verschlossener
Büchsen
mit ihren aufgehefteten
Etiketten in ((50)) einer Gewürzkrämerbude gleicht,
die so deutlich als das eine
und das andere ist
und die, wie dort von den
Knochen Fleisch und Blut weggenommen,
hier aber die eben auch nicht
lebendige Sache in den Büchsen verborgen ist,
auch das lebendige Wesen der
Sache weggelassen oder verborgen hat.
- Daß sich diese
Manier zugleich zur einfarbigen absoluten Malerei vollendet,
indem sie auch, der
Unterschiede des Schemas sich schämend,
sie als der Reflexion
angehörig in der Leerheit des Absoluten versenkt,
auf daß die reine
Identität, das formlose Weiße, hergestellt werde,
ist oben schon bemerkt worden.
Jene Gleichfarbigkeit des
Schemas und seiner leblosen Bestimmungen
und diese absolute
Identität, und das Übergehen von einem zum andern,
ist eines gleich toter Verstand
als das andere und gleich äußerliches Erkennen.
Das Vortreffliche kann aber dem
Schicksale nicht nur nicht entgehen,
so entlebt und entgeistet zu
werden
und, so geschunden,
seine Haut vom leblosen Wissen
und dessen Eitelkeit umgenommen zu sehen.
Vielmehr ist noch in diesem
Schicksale selbst die Gewalt,
welche es auf die
Gemüter, wenn nicht auf Geister ausübt, zu erkennen,
sowie die Herausbildung zur
Allgemeinheit und Bestimmtheit der Form,
in der seine Vollendung besteht
und die es allein
möglich macht,
daß diese
Allgemeinheit zur Oberflächlichkeit gebraucht wird.
Die Wissenschaft darf sich nur
durch das eigene Leben des Begriffs organisieren;
in ihr ist die Bestimmtheit,
welche aus dem Schema
äußerlich dem Dasein aufgeklebt wird,
die sich selbst bewegende Seele
des erfüllten Inhalts.
Die Bewegung des Seienden ist,
sich einesteils ein Anderes
und so zu seinem immanenten
Inhalte zu werden;
andernteils nimmt es diese
Entfaltung oder dies sein Dasein in sich zurück,
d. h. macht sich selbst zu
einem Momente und vereinfacht sich zur Bestimmtheit.
In jener Bewegung ist die
Negativität
das Unterscheiden und das
Setzen des Daseins;
in diesem Zurückgehen
in sich
ist sie das Werden der
bestimmten Einfachheit. (51))
Auf diese Weise ist es,
daß der Inhalt seine Bestimmtheit
nicht von einem anderen
empfangen und aufgeheftet zeigt,
sondern er gibt sie sich selbst
und rangiert sich aus sich zum
Momente und zu einer Stelle des Ganzen.
Der tabellarische Verstand
behält für
sich die Notwendigkeit und den Begriff des Inhalts,
das, was das Konkrete,
die Wirklichkeit und lebendige
Bewegung der Sache ausmacht, die er rangiert,
oder vielmehr behält
er dies nicht für sich, sondern kennt es nicht;
denn wenn er diese Einsicht
hätte, würde er sie wohl zeigen.
Er kennt nicht einmal das
Bedürfnis derselben;
sonst würde er sein
Schematisieren unterlassen
oder wenigstens sich nicht mehr
damit wissen als mit einer Inhaltsanzeige;
er gibt nur die Inhaltsanzeige,
den Inhalt selbst aber liefert er nicht.
- Wenn die Bestimmtheit, auch
eine solche wie z. B. Magnetismus,
eine an sich konkrete oder
wirkliche ist,
so ist sie doch zu etwas Totem
herabgesunken,
da sie von einem anderen Dasein
nur prädiziert
und nicht als immanentes Leben
dieses Daseins,
oder wie sie in diesem
ihre einheimische und
eigentümliche Selbsterzeugung und Darstellung hat,
erkannt ist.
Diese Hauptsache
hinzuzufügen, überläßt der
formelle Verstand den anderen.
- Statt in den immanenten
Inhalt der Sache einzugehen,
übersieht er immer das
Ganze
und steht über dem
einzelnen Dasein, von dem er spricht,
d. h. er sieht es gar nicht.
Das
wissenschaftliche Erkennen
erfordert aber vielmehr,
sich
dem Leben des Gegenstandes zu
übergeben
oder, was dasselbe ist,
die
innere
Notwendigkeit
desselben vor sich zu haben und auszusprechen.
Sich so in seinen Gegenstand
vertiefend, vergißt es jener Übersicht,
welche nur die Reflexion des
Wissens aus dem Inhalte in sich selbst ist.
Aber in die Materie versenkt
und in deren Bewegung fortgehend,
kommt es in sich selbst
zurück,
aber nicht eher als darin,
daß die
Erfüllung oder der Inhalt sich in sich zurücknimmt,
zur Bestimmtheit vereinfacht,
sich selbst zu einer Seite
eines Daseins herabsetzt
und in seine ((52))
höhere Wahrheit übergeht.
Dadurch emergiert das einfache
sich übersehende Ganze selbst
aus dem Reichtume, worin seine
Reflexion verloren schien.
Dadurch überhaupt,
daß, wie es oben ausgedrückt wurde,
die Substanz an ihr selbst
Subjekt ist,
ist aller Inhalt seine eigene
Reflexion in sich.
Das Bestehen oder die Substanz
eines Daseins ist die Sichselbstgleichheit;
denn seine Ungleichheit mit
sich wäre seine Auflösung.
Die Sichselbstgleichheit aber
ist die reine Abstraktion;
diese aber ist das Denken.
Wenn ich sage
Qualität, sage ich die einfache Bestimmtheit;
durch die Qualität ist
ein Dasein von einem anderen unterschieden
oder ist ein Dasein;
es ist für sich
selbst, oder es besteht durch diese Einfachheit mit sich.
Aber dadurch ist es wesentlich
der Gedanke.
- Hierin ist es begriffen,
daß das Sein
Denken ist;
hierein fällt die
Einsicht, die dem gewöhnlichen begrifflosen Sprechen
von der Identität des
Denkens und Seins abzugehen pflegt.
- Dadurch nun, daß
das Bestehen des Daseins
die Sichselbstgleichheit oder
die reine Abstraktion ist,
ist es die Abstraktion seiner
von sich selbst,
oder es ist selbst seine
Ungleichheit mit sich und seine Auflösung,
- seine eigene Innerlichkeit
und Zurücknahme in sich, - sein Werden.
- Durch diese Natur des
Seienden,
und insofern das Seiende diese
Natur für das Wissen hat,
ist dieses nicht die
Tätigkeit, die den Inhalt als ein Fremdes handhabt,
nicht die Reflexion-in-sich aus
dem Inhalte heraus;
die Wissenschaft ist nicht
jener Idealismus,
der an die Stelle des
behauptenden Dogmatismus
als ein versichernder
Dogmatismus
oder der Dogmatismus der
Gewißheit seiner selbst trat;
sondern indem das Wissen den
Inhalt
in seine eigene Innerlichkeit
zurückgehen sieht,
ist seine Tätigkeit
vielmehr sowohl versenkt in ihn,
denn sie ist das immanente
Selbst des Inhalts,
als zugleich in sich
zurückgekehrt,
denn sie ist die reine
Sichselbstgleichheit im Anderssein;
so ist sie die List, die, der
Tätigkeit sich zu enthalten scheinend, zusieht,
wie die Bestimmtheit und ihr
konkretes Leben darin eben,
daß es seine
Selbsterhaltung und besonderes ((53)) Interesse zu treiben vermeint,
das Verkehrte, sich selbst
auflösendes
und zum Momente des Ganzen
machendes Tun ist.
Wenn oben die Bedeutung des
Verstandes
nach der Seite des
Selbstbewußtseins der Substanz angegeben wurde,
so erhellt aus dem hier
Gesagten seine Bedeutung
nach der Bestimmung derselben
als seiender.
- Das Dasein ist
Qualität, sichselbstgleiche Bestimmtheit
oder bestimmte Einfachheit,
bestimmter Gedanke;
dies ist der Verstand des
Daseins.
Dadurch ist es nous, als
für welchen Anaxagoras zuerst das Wesen erkannte.
Die nach ihm begriffen
bestimmter die Natur des Daseins als eidos oder idea,
d. h. bestimmte Allgemeinheit,
Art.
Der Ausdruck Art scheint etwa
zu gemein und zu wenig für die Ideen,
für das
Schöne und Heilige und Ewige zu sein, die zu dieser Zeit
grassieren.
Aber in der Tat drückt
die Idee nicht mehr noch weniger aus als Art.
Allein wir sehen jetzt oft
einen Ausdruck, der einen Begriff bestimmt bezeichnet,
verschmäht und einen
anderen vorgezogen,
der, wenn es auch nur darum
ist, weil er einer fremden Sprache angehört,
den Begriff in Nebel
einhüllt und damit erbaulicher lautet.
- Eben darin, daß das
Dasein als Art bestimmt ist, ist es einfacher Gedanke;
der nous, die Einfachheit, ist
die Substanz.
Um ihrer Einfachheit oder
Sichselbstgleichheit willen
erscheint sie als fest und
bleibend.
Aber diese Sichselbstgleichheit
ist ebenso Negativität;
dadurch geht jenes feste Dasein
in seine Auflösung über.
Die Bestimmtheit scheint zuerst
es nur dadurch zu sein,
daß sie sich auf
Anderes bezieht,
und ihre Bewegung [scheint] ihr
durch eine fremde Gewalt angetan zu werden;
aber daß sie ihr
Anderssein selbst an ihr hat und Selbstbewegung ist,
dies ist eben in jener
Einfachheit des Denkens selbst enthalten;
denn diese ist der sich selbst
bewegende und unterscheidende Gedanke
und die eigene Innerlichkeit,
der reine Begriff.
So ist also die
Verständigkeit ein Werden,
und als dies Werden ist sie die
Vernünftigkeit.
In dieser Natur dessen, was
ist, in seinem Sein sein Begriff ((54)) zu sein,
ist es, daß
überhaupt die logische Notwendigkeit besteht;
sie allein ist das
Vernünftige und der Rhythmus des organischen Ganzen,
sie ist ebensosehr Wissen des
Inhalts,
als der Inhalt Begriff und
Wesen ist,
- oder sie allein ist das
Spekulative.
- Die konkrete Gestalt, sich
selbst bewegend, macht sich zur einfachen Bestimmtheit;
damit erhebt sie sich zur
logischen Form und ist in ihrer Wesentlichkeit;
ihr konkretes Dasein ist nur
diese Bewegung
und ist unmittelbar logisches
Dasein.
Es ist darum unnötig,
dem konkreten Inhalt den Formalismus äußerlich
anzutun;
jener ist an ihm selbst das
Übergehen im diesen,
der aber aufhört,
dieser äußerliche Formalismus zu sein,
weil die Form das einheimische
Werden des konkreten Inhalts selbst ist.
Diese Natur der
wissenschaftlichen Methode,
teils von dem Inhalte
ungetrennt zu sein,
teils sich durch sich selbst
ihren Rhythmus zu bestimmen,
hat, wie schon erinnert,
in der spekulativen Philosophie
ihre eigentliche Darstellung.
- Das hier Gesagte
drückt zwar den Begriff aus,
kann aber für nicht
mehr als für eine antizipierte Versicherung gelten.
Ihre Wahrheit liegt nicht in
dieser zum Teil erzählenden Exposition
und ist darum auch ebensowenig
widerlegt,
wenn dagegen versichert wird,
dem sei nicht so,
sondern es verhalte sich damit
so und so,
wenn gewohnte Vorstellungen als
ausgemachte und bekannte Wahrheiten
in Erinnerung gebracht und
hererzählt [werden]
oder auch aus dem Schreine des
inneren göttlichen Anschauens
Neues aufgetischt und
versichert wird.
- Eine solche Aufnahme pflegt
die erste Reaktion des Wissens,
dem etwas unbekannt war,
dagegen zu sein,
um die Freiheit und eigene
Einsicht,
die eigene Autorität
gegen die fremde
(denn unter dieser Gestalt
erscheint das jetzt zuerst Aufgenommene) zu retten,
- auch um den Schein und die
Art von Schande,
die darin liegen soll,
daß etwas gelernt worden sei, wegzuschaffen;
so wie bei der Beifall gebenden
Annahme des Unbekannten
die Reaktion derselben Art in
dem besteht, was in einer anderen Sphäre
das ultrarevolutionäre
Reden und Handeln war. ((55))
Worauf
es deswegen bei dem Studium
der Wissenschaft ankommt,
ist, die
Anstrengung
des Begriffs
auf sich zu nehmen.
Sie erfordert die
Aufmerksamkeit auf ihn als solchen,
auf die einfachen Bestimmungen,
z. B. des Ansichseins, des
Fürsichseins, der Sichselbstgleichheit usf.;
denn diese sind solche reine
Selbstbewegungen, die man Seelen nennen könnte,
wenn nicht ihr Begriff etwas
Höheres bezeichnete als diese.
Der Gewohnheit, an
Vorstellungen fortzulaufen,
ist die Unterbrechung derselben
durch den Begriff
ebenso lästig als dem
formalen Denken,
das in unwirklichen Gedanken
hin und her räsoniert.
Jene Gewohnheit ist ein
materielles Denken zu nennen,
ein zufälliges
Bewußtsein, das in den Stoff nur versenkt ist,
welchem es daher sauer ankommt,
aus der Materie zugleich sein
Selbst rein herauszuheben und bei sich zu sein.
Das andere, das
Räsonieren hingegen
ist die Freiheit von dem Inhalt
und die Eitelkeit über ihn;
ihr wird die Anstrengung
zugemutet, diese Freiheit aufzugeben
und, statt das
willkürlich bewegende Prinzip des Inhalts zu sein,
diese Freiheit in ihn zu
versenken,
ihn durch seine eigene Natur,
d. h. durch das Selbst als das seinige,
sich bewegen zu lassen und
diese Bewegung zu betrachten.
Sich des eigenen Einfallens in
den immanenten Rhythmus der Begriffe entschlagen,
in ihn nicht durch die
Willkür und sonst erworbene Weisheit eingreifen,
diese Enthaltsamkeit
ist selbst ein wesentliches
Moment der Aufmerksamkeit auf den Begriff.
Es sind an dem
räsonierenden
Verhalten
die beiden Seiten bemerklicher
zu machen,
nach welchen das begreifende
Denken ihm entgegengesetzt ist.
-
Teils
verhält sich jenes negativ gegen den aufgefaßten
Inhalt,
weiß ihn zu
widerlegen und zunichte zu machen.
Daß dem nicht so sei,
diese Einsicht ist das bloß Negative;
es ist das Letzte, das nicht
selbst über sich hinaus zu einem neuen Inhalt geht;
sondern um wieder einen Inhalt
zu haben,
muß etwas anderes
irgendwoher vorgenommen werden.
Es ist die Reflexion in das
leere Ich, die Eitelkeit seines Wissens.
- Diese Eitelkeit
drückt aber nicht nur dies aus, daß dieser Inhalt
eitel,
sondern auch, daß
diese ((56)) Einsicht selbst es ist;
denn sie ist das Negative, das
nicht das Positive in sich erblickt.
Dadurch, daß diese
Reflexion ihre Negativität selbst nicht zum Inhalte gewinnt,
ist sie überhaupt
nicht in der Sache, sondern immer darüber hinaus;
sie bildet sich deswegen ein,
mit der Behauptung der Leere
immer weiter zu sein als eine
inhaltsreiche Einsicht.
Dagegen, wie vorhin gezeigt,
gehört im begreifenden
Denken das Negative dem Inhalte selbst an
und ist sowohl als seine
immanente Bewegung und Bestimmung
wie als Ganzes derselben das
Positive.
Als Resultat
aufgefaßt,
ist es das aus dieser Bewegung
herkommende, das bestimmte Negative
und hiermit ebenso ein
positiver Inhalt.
In Ansehung dessen aber,
daß solches Denken einen Inhalt hat,
es sei der Vorstellungen oder
Gedanken oder der Vermischung beider,
hat es eine
andere
Seite,
die ihm das Begreifen erschwert.
Die merkwürdige Natur
derselben
hängt mit dem oben
angegebenen Wesen der Idee selbst enge zusammen
oder drückt sie
vielmehr aus, wie sie als die Bewegung erscheint,
die denkendes Auffassen ist.
- Wie nämlich in
seinem
negativen
Verhalten, wovon soeben die Rede war,
das
räsonierende Denken
selber das Selbst ist, in das der Inhalt zurückgeht,
so ist dagegen
in
seinem positiven Erkennen
das Selbst ein vorgestelltes Subjekt,
worauf sich der Inhalt als
Akzidens und Prädikat bezieht.
Dies Subjekt macht die Basis
aus, an die er geknüpft wird
und auf der die Bewegung hin
und wider läuft.
Anders
verhält es sich im
begreifenden Denken.
Indem der Begriff das eigene
Selbst des Gegenstandes ist,
das sich als sein Werden
darstellt,
ist es nicht ein ruhendes
Subjekt, das unbewegt die Akzidenzen trägt,
sondern der sich bewegende
und seine Bestimmungen in sich
zurücknehmende Begriff.
In dieser Bewegung geht jenes
ruhende Subjekt selbst zugrunde;
es geht in die Unterschiede und
den Inhalt ein
und macht vielmehr die
Bestimmtheit,
d. h. den unterschiedenen
Inhalt wie die Bewegung desselben aus,
statt ihr (Bst+h)
gegenüber stehenzubleiben.
Der feste Boden, den das
Räsonieren an dem ruhenden Subjekte ((57)) hat,
schwankt also, und nur diese
Bewegung selbst wird der Gegenstand.
Das Subjekt, das seinen Inhalt
erfüllt,
hört auf,
über diesen hinauszugehen,
und kann nicht noch andere
Prädikate oder Akzidenzen haben.
Die Zerstreutheit des Inhalts
ist umgekehrt dadurch unter das Selbst gebunden;
er ist nicht das Allgemeine,
das frei vom Subjekte mehreren zukäme.
Der Inhalt ist somit in der Tat
nicht mehr Prädikat des Subjekts,
sondern ist die Substanz,
ist das Wesen und der Begriff
dessen, wovon die Rede ist.
Das vorstellende Denken,
da seine Natur ist, an den
Akzidenzen oder Prädikaten fortzulaufen,
und mit Recht,
weil sie nicht mehr als
Prädikate und Akzidenzen sind,
über sie
hinauszugehen,
wird,
indem das,
was im Satze die Form eines
Prädikats hat, die Substanz selbst ist,
in seinem Fortlaufen gehemmt.
Es erleidet, [um] es so
vorzustellen, einen Gegenstoß.
Vom Subjekte anfangend,
als ob dieses zum Grunde
liegen bliebe,
findet es,
indem das Prädikat
vielmehr die Substanz ist,
das Subjekt zum
Prädikat übergegangen und hiermit aufgehoben;
und indem so das, was
Prädikat zu sein scheint,
zur ganzen und
selbständigen Masse geworden,
kann das Denken nicht frei
herumirren,
sondern ist durch diese Schwere
aufgehalten.
- Sonst ist zuerst das Subjekt
als das
gegenständliche fixe Selbst zugrunde gelegt;
von hier aus geht die
notwendige Bewegung
zur Mannigfaltigkeit der
Bestimmungen oder der Prädikate fort;
hier tritt an die Stelle jenes
Subjekts das wissende Ich selbst ein
und ist das Verknüpfen
der Prädikate und das sie haltende Subjekt.
Indem aber jenes erste Subjekt
in die Bestimmungen selbst
eingeht und ihre Seele ist,
findet das zweite Subjekt,
nämlich das wissende,
jenes,
mit dem es schon fertig sein
und worüber hinaus es
in sich zurückgehen will,
noch im Prädikate vor,
und statt in dem Bewegen des
Prädikats
das Tuende
- als Räsonieren, ob
jenem dies oder jenes Prädikat beizulegen wäre -
sein zu können,
hat es vielmehr mit dem ((58))
Selbst des Inhalts noch zu tun,
soll nicht für sich,
sondern mit diesem zusammen sein.
Formell kann das Gesagte so
ausgedrückt werden,
daß die Natur des
Urteils oder Satzes überhaupt,
die den Unterschied des
Subjekts und Prädikats in sich schließt,
durch den
spekulativen
Satz
zerstört wird
und der identische Satz, zu dem
der erstere wird,
den Gegenstoß zu
jenem Verhältnisse enthält.
- Dieser Konflikt
der Form eines Satzes
überhaupt
und der sie
zerstörenden Einheit des Begriffs
ist dem ähnlich,
der im Rhythmus zwischen dem
Metrum und dem Akzente stattfindet.
Der Rhythmus resultiert aus der
schwebenden Mitte und Vereinigung beider.
So soll auch im philosophischen
Satze
die Identität des
Subjekts und Prädikats
den Unterschied derselben, den
die Form des Satzes ausdrückt,
nicht vernichten,
sondern ihre Einheit [soll] als
eine Harmonie hervorgehen.
Die Form des Satzes ist die
Erscheinung des bestimmten Sinnes
oder der Akzent, der seine
Erfüllung unterscheidet;
daß aber das
Prädikat die Substanz ausdrückt
und das Subjekt selbst ins
Allgemeine fällt,
ist die Einheit, worin jener
Akzent verklingt.
Um das Gesagte durch Beispiele
zu erläutern,
so ist in dem Satz:
Gott
ist das Sein,
das Prädikat das Sein;
es hat substantielle Bedeutung,
in der das Subjekt zerfließt.
Sein soll hier nicht
Prädikat, sondern das Wesen sein;
dadurch scheint Gott
aufzuhören,
das zu sein, was er durch die
Stellung des Satzes ist, nämlich das feste Subjekt.
- Das Denken,
statt im Übergange
vom Subjekte zum Prädikate weiterzukommen,
fühlt sich,
da das Subjekt verlorengeht,
vielmehr gehemmt
und zu dem Gedanken des
Subjekts,
weil es dasselbe
vermißt,
zurückgeworfen;
oder es findet,
da das Prädikat
selbst als ein Subjekt, als
das
Sein,
als das Wesen ausgesprochen
ist, welches die Natur des Subjekts erschöpft,
das Subjekt unmittelbar auch im
Prädikate;
und nun,
statt daß es im
Prädikate in sich gegangen
die freie Stellung des
Räsonierens erhielte,
ist es in den Inhalt noch
vertieft,
oder wenigstens ist die
Forderung vorhanden, in ihn vertieft zu sein.
- So ((59)) auch wenn gesagt
wird:
das
Wirkliche
ist das Allgemeine,
so vergeht das Wirkliche als
Subjekt in seinem Prädikate.
Das Allgemeine soll nicht nur
die Bedeutung des Prädikats haben,
so daß der Satz dies
aussagte, das Wirkliche sei allgemein;
sondern das Allgemeine soll das
Wesen des Wirklichen ausdrücken.
- Das Denken verliert daher
so sehr seinen festen
gegenständlichen Boden, den es am Subjekte hatte,
als es im Prädikate
darauf zurückgeworfen wird
und in diesem nicht in sich,
sondern in das Subjekt des Inhalts zurückgeht.
Auf diesem ungewohnten Hemmen
beruhen großenteils
die Klagen über die
Unverständlichkeit philosophischer Schriften,
wenn anders im Individuum
die sonstigen Bedingungen der
Bildung, sie zu verstehen, vorhanden sind.
Wir sehen in dem Gesagten
den Grund des ganz bestimmten
Vorwurfs, der ihnen oft gemacht wird,
daß mehreres erst
wiederholt gelesen werden müsse,
ehe es verstanden werden
könne,
- ein Vorwurf, der etwas
Ungebührliches und Letztes enthalten soll,
so daß er, wenn er
gegründet, weiter keine Gegenrede zulasse.
- Es erhellt aus dem Obigen,
welche Bewandtnis es damit hat.
Der philosophische Satz, weil
er Satz ist,
erweckt die Meinung des
gewöhnlichen Verhältnisses des Subjekts und
Prädikats
und des gewohnten Verhaltens
des Wissens.
Dies Verhalten und die Meinung
desselben
zerstört sein
philosophischer Inhalt;
die Meinung erfährt,
daß es anders gemeint ist, als sie meinte,
und diese Korrektion seiner
Meinung nötigt das Wissen,
auf den Satz
zurückzukommen und ihn nun anders zu fassen.
Eine Schwierigkeit, die
vermieden werden sollte,
macht die Vermischung der
spekulativen und der räsonierenden Weise aus,
wenn einmal das vom Subjekte
Gesagte die Bedeutung seines Begriffs hat,
das andere Mal aber auch nur
die Bedeutung seines Prädikats oder Akzidens.
- Die eine Weise stört
die andere,
und erst diejenige
philosophische Exposition
würde es erreichen,
plastisch zu sein,
welche streng die Art des
gewöhnlichen Verhältnisses der Teile eines Satzes
ausschlösse. ((60))
In der Tat hat auch das nicht
spekulative Denken sein Recht,
das gültig, aber in
der Weise des spekulativen Satzes nicht beachtet ist.
Daß die Form des
Satzes aufgehoben wird,
muß nicht nur auf
unmittelbare Weise geschehen,
nicht durch den
bloßen Inhalt des Satzes.
Sondern diese entgegengesetzte
Bewegung muß ausgesprochen werden;
sie muß nicht nur
jene innerliche Hemmung (sein),
sondern dies
Zurückgehen des Begriffs in sich muß
dargestellt
sein.
Diese Bewegung, welche das
ausmacht, was sonst der Beweis leisten sollte,
ist die dialektische Bewegung
des Satzes selbst.
Sie allein ist das wirkliche
Spekulative,
und nur das Aussprechen
derselben ist spekulative Darstellung.
Als Satz ist das Spekulative
nur die innerliche Hemmung
und die nicht daseiende
Rückkehr des Wesens in sich.
Wir sehen uns daher oft von
philosophischen Expositionen
an dieses innere Anschauen
verwiesen
und dadurch die Darstellung der
dialektischen Bewegung des Satzes erspart,
die wir verlangten.
- Der Satz soll
ausdrücken, was das Wahre ist,
aber wesentlich ist es Subjekt;
als dieses ist es nur die
dialektische Bewegung,
dieser sich selbst erzeugende,
fortleitende und in sich zurückgehende Gang.
- Bei dem sonstigen Erkennen
macht der Beweis diese Seite
der ausgesprochenen Innerlichkeit aus.
Nachdem aber die Dialektik vom
Beweise getrennt worden,
ist in der Tat der Begriff des
philosophischen Beweisens verlorengegangen.
Es kann hierüber
erinnert werden, daß die dialektische Bewegung
gleichfalls Sätze zu
ihren Teilen oder Elementen habe;
die aufgezeigte Schwierigkeit
scheint daher immer zurückzukehren
und eine Schwierigkeit der
Sache selbst zu sein.
- Es ist dies dem
ähnlich, was beim gewöhnlichen Beweise so vorkommt,
daß die
Gründe, die er gebraucht, selbst wieder einer
Begründung bedürfen,
und so fort ins Unendliche.
Diese Form des
Begründens und Bedingens gehört aber jenem Beweisen,
von dem die dialektische
Bewegung verschieden ist,
und somit dem
äußerlichen Erkennen an.
Was diese selbst betrifft, so
ist ihr
Element
der reine Begriff; ((61))
hiermit hat sie einen Inhalt,
der durch und durch Subjekt an ihm selbst ist.
Es kommt also kein solcher
Inhalt vor,
der als zum Grunde liegendes
Subjekt sich verhielte
und dem seine Bedeutung als ein
Prädikat zukäme;
der Satz ist unmittelbar eine
nur leere Form.
- Außer dem sinnlich
angeschauten oder vorgestellten Selbst
ist es vornehmlich der Name als
Name,
der das reine Subjekt, das
leere begrifflose Eins bezeichnet.
Aus diesem Grunde kann es z. B.
dienlich sein, den Namen Gott zu vermeiden,
weil dies Wort nicht
unmittelbar zugleich Begriff,
sondern der eigentliche Name,
die feste Ruhe des zum Grunde
liegenden Subjekts ist;
da hingegen z. B. das Sein oder
das Eine, die Einzelheit, das Subjekt usf.
selbst auch unmittelbar
Begriffe andeuten.
- Wenn auch von jenem Subjekte
spekulative Wahrheiten gesagt werden,
so entbehrt doch ihr Inhalt des
immanenten Begriffs,
weil er nur als ruhendes
Subjekt vorhanden ist,
und sie bekommen durch diesen
Umstand leicht die Form der bloßen Erbaulichkeit.
- Von dieser Seite wird also
auch das Hindernis,
das in der Gewohnheit liegt,
das spekulative
Prädikat
nach der Form des Satzes, nicht
als Begriff und Wesen zu fassen,
durch die Schuld des
philosophischen Vortrags selbst
vermehrt und verringert werden
können.
Die Darstellung muß,
der Einsicht in die Natur des Spekulativen getreu,
die dialektische Form behalten
und nichts hereinnehmen, als
insofern es begriffen wird und der Begriff ist.
Sosehr als das
räsonierende Verhalten ist dem Studium der Philosophie
die nicht räsonierende
Einbildung auf ausgemachte Wahrheiten hinderlich,
auf welche der Besitzer es
nicht nötig zu haben meint zurückzukommen,
sondern sie zugrunde legt
und sie aussprechen sowie durch
sie richten und absprechen zu können glaubt.
Von dieser Seite tut es
besonders not,
daß wieder ein
ernsthaftes Geschäft aus dem Philosophieren gemacht werde.
Von allen Wissenschaften,
Künsten, Geschicklichkeiten, Handwerken
gilt die Überzeugung,
((62)) daß, um sie zu besitzen,
eine vielfache
Bemühung des Erlernens und Übens derselben
nötig ist.
In Ansehung der Philosophie
dagegen scheint jetzt das Vorurteil zu herrschen,
daß, wenn zwar jeder
Augen und Finger hat,
und wenn er Leder und Werkzeug
bekommt,
er darum nicht imstande sei,
Schuhe zu machen,
jeder doch unmittelbar zu
philosophieren
und die Philosophie zu
beurteilen verstehe,
weil er den Maßstab
an seiner natürlichen Vernunft dazu besitze,
- als ob er den
Maßstab eines Schuhes nicht an seinem Fuße
ebenfalls besäße.
- Es scheint gerade in den
Mangel von Kenntnissen
und von Studium der Besitz der
Philosophie gesetzt zu werden
und diese da
aufzuhören, wo jene anfangen.
Sie wird häufig
für ein formelles inhaltleeres Wissen gehalten,
und es fehlt sehr an der
Einsicht,
daß, was auch dem
Inhalte nach
in irgendeiner Kenntnis und
Wissenschaft Wahrheit ist,
diesen Namen allein dann
verdienen kann,
wenn es von der Philosophie
erzeugt worden;
daß die anderen
Wissenschaften,
sie mögen es mit
Räsonieren ohne die Philosophie versuchen, soviel sie wollen,
ohne sie nicht Leben, Geist,
Wahrheit in ihnen zu haben vermögen.
In Ansehung der eigentlichen
Philosophie
sehen wir für den
langen Weg der Bildung,
für die ebenso reiche
als tiefe Bewegung,
durch die der Geist zum Wissen
gelangt,
die unmittelbare Offenbarung
des Göttlichen
und den gesunden
Menschenverstand,
der sich weder mit anderem
Wissen
noch mit dem eigentlichen
Philosophieren bemüht und gebildet hat,
sich unmittelbar als ein
vollkommenes Äquivalent
und so gutes Surrogat ansehen,
als etwa die Zichorie ein
Surrogat des Kaffees zu sein gerühmt wird.
Es ist nicht erfreulich zu
bemerken,
daß die Unwissenheit
und die form- wie geschmacklose Roheit selbst,
die unfähig ist, ihr
Denken auf einen abstrakten Satz,
noch weniger auf den
Zusammenhang mehrerer festzuhalten,
bald die Freiheit und Toleranz
des Denkens,
bald aber Genialität
zu sein versichert.
Die letztere, wie jetzt in der
Philosophie,
grassierte bekanntlich einst
ebenso in der Poesie;
statt Poesie aber,
wenn das Produzieren ((63))
dieser Genialität einen Sinn hatte,
erzeugte es triviale Prosa
oder, wenn es über
diese hinausging, verrückte Reden.
So jetzt ein
natürliches Philosophieren, das sich zu gut für den
Begriff
und durch dessen Mangel
für ein anschauendes und poetisches Denken hält,
bringt willkürliche
Kombinationen
einer durch den Gedanken nur
desorganisierten Einbildungskraft zu Markte
- Gebilde, die weder Fisch noch
Fleisch,
weder Poesie noch Philosophie
sind.
Dagegen im ruhigeren Bette des
gesunden Menschenverstandes fortfließend,
gibt das natürliche
Philosophieren
eine Rhetorik trivialer
Wahrheiten zum besten.
Wird ihm die Unbedeutendheit
derselben vorgehalten,
so versichert es dagegen,
daß der Sinn und die
Erfüllung in seinem Herzen vorhanden sei,
und auch so bei anderen
vorhanden sein müsse,
indem es überhaupt mit
der Unschuld des Herzens
und der Reinheit des Gewissens
und dgl. letzte Dinge gesagt zu haben meint,
wogegen weder Einrede
stattfinde
noch etwas weiteres gefordert
werden könne.
Es war aber darum zu tun,
daß das Beste nicht im Innern zurückbleibe,
sondern aus diesem Schachte
zutage gefördert werde.
Letzte Wahrheiten jener Art
vorzubringen,
diese Mühe konnte
längst erspart werden,
denn sie sind längst
etwa im Katechismus,
in den Sprichwörtern
des Volks