Frühe Schriften
Frühe Schriften
Bern
1793-1796
[Fragmente über Volksreligion und Christentum]
(1793-1794)
1.
1) Religion ist eine der wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens - als Kinder sind wir schon gelehrt worden, Gebete an die Gottheit zu stammeln, schon wurden uns die Händchen gefaltet, um sie zu dem erhabensten Wesen zu erheben, unserem Gedächtnis eine Sammlung damals noch unverständlicher Sätze aufgeladen, zum künftigen Gebrauch und Trost in unserem Leben.
Wenn wir älter werden, füllen Beschäftigungen mit der Religion einen großen Teil unseres Lebens aus, ja bei manchen hängt der ganze Umkreis ihrer Gedanken und Neigungen [mit der Religion] wie der äußere Zirkel des Rads mit dem Mittelpunkt zusammen. Wir weihen außer anderen Zwischenfesten ihr den ersten Tag jeder Woche, der uns von Jugend auf in einem schöneren, festlicheren Lichte erscheint als alle anderen Tage. Wir sehen um uns her eine besondere Klasse von Menschen, die ausschließlich für den Dienst der Religion bestimmt ist; allen wichtigeren Begebenheiten, Handlungen des Lebens der Menschen, von denen ihr Privatglück abhängt, schon der Geburt, der Ehe, dem Tode und Leichenbegängnis wird etwas Religiöses beigemischt.
1/9 Denkt nun der Mensch nach, wenn er älter wird, über die Natur und Eigenschaften des Wesens, besonders über das Verhältnis der Welt zu diesem Wesen, auf das alle seine Empfindungen gerichtet sind? - Die menschliche Natur ist so eingerichtet, daß das, was in der Lehre von Gott praktisch ist, was ihm zu Triebfedern, zu Handlungen, zur Quelle der Erkenntnis der Pflichten und zur Quelle des Trostes werden kann, sich dem unverdorbenen Menschensinne bald darbietet, und der Unterricht, den man von Jugend auf uns davon gibt, die Begriffe, alles das Äußerliche, was darauf Bezug hat und was einen Eindruck auf uns macht, ist von der Art, daß es auf ein natürliches Bedürfnis des menschlichen Geistes geimpft wird, - oft unmittelbar, zu häufig aber leider nur durch willkürliche, weder in der Natur der Seele noch in den aus den Begriffen selbst zu schöpfenden und zu entwickelnden Wahrheiten gegründete Bande angeknüpft wird. -2)
1/10 … des menschlichen Lebens in Bewegung setzen. Die erhabene Forderung der Vernunft an die Menschheit, deren Rechtmäßigkeit wir so oft mit vollem Herzen anerkennen, wenn es damit erfüllt ist, und die anziehenden Beschreibungen, die eine reine schöne Phantasie von unschuldigen oder weisen Menschen machte, sollten sich unserer nie so bemeistern, daß wir viel davon in der wirklichen Welt zu finden hofften oder hier oder dort dies schöne Luftbild in der Wirklichkeit zu erhaschen und zu sehen glaubten; Unzufriedenheit mit dem, was wir finden, verdrießliche Laune würde seltener unseren Sinn umnebeln. Erschrecken wir also nicht, wenn wir zu finden glauben müssen, daß Sinnlichkeit das Hauptelement bei allem Handeln und Streben der Menschen ist; wie schwer ist es zu unterscheiden, ob bloße Klugheit oder wirkliche Moralität der Bestimmungsgrund des Willens sei. Befriedigung des Triebs nach Glückseligkeit als höchster Zweck des Lebens angenommen, wenn man dabei nur gut zu berechnen weiß, wird dem äußeren Aussehen nach wohl die nämlichen Wirkungen hervorbringen, als wenn das Gesetz der Vernunft unsern Willen bestimmt. So genau in einem System der Moral reine Moralität von Sinnlichkeit in abstracto gesondert werden muß, so sehr diese unter jene erniedrigt wird, - so sehr müssen wir bei Betrachtung des Menschen überhaupt und seines Lebens seine Sinnlichkeit, seine Abhängigkeit von der äußeren und inneren Natur - von dem, was ihn umgibt und in dem er lebt, und von den sinnlichen Neigungen und dem blinden Instinkt - vorzüglich in Anschlag bringen; die Natur des Menschen ist mit den Ideen der Vernunft gleichsam nur geschwängert -: wie das Salz ein Gericht durchdringt, aber, wenn es gut bereitet ist, nirgends in einem Klumpen sich zeigen darf, aber seinen Geschmack doch dem Ganzen mitteilt, oder wie das Licht alles durchdringt, erfüllt, seinen Einfluß in der ganzen Natur zeigt, aber nicht als Substanz dargestellt werden kann, den Gegenständen aber doch ihre Gestalt gibt, sich in jedem verschieden bricht, aus den Pflanzen heilsame Luft entwickelt, so beleben die Ideen der Vernunft das ganze Gewebe seiner Empfindungen, so zeigt sich ihm durch ihren Einfluß die Handlung in einem eigenen Licht, sie selbst zeigen sich selten in ihrem Wesen, aber ihre Wirkung durchdringt doch alles als eine feine Materie und gibt jeden Neigungen und Trieben einen eigenen Anstrich.
1/11 Es liegt in dem Begriff der Religion, daß sie nicht bloße Wissenschaft von Gott, seinen Eigenschaften, unserem Verhältnis und dem Verhältnis der Welt zu ihm und der Fortdauer unserer Seele - was uns allenfalls entweder durch bloße Vernunft annehmbar oder auch auf einem anderen Weg uns bekannt wäre -, nicht eine bloße historische oder räsonierte Kenntnis ist, sondern daß sie das Herz interessiert, daß sie einen Einfluß auf unsere Empfindungen und auf die Bestimmung unseres Willens hat, - indem teils unsere Pflichten und die Gesetze einen stärkeren Nachdruck dadurch erhalten, daß sie als Gesetze Gottes uns vorgestellt werden; teils indem die Vorstellung der Erhabenheit und der Güte Gottes gegen uns unser Herz mit Bewunderung und mit Empfindungen der Demut und Dankbarkeit erfüllt.
Die Religion gibt also der Moralität und ihren Beweggründen einen neuen erhabeneren Schwung, sie gibt einen neuen stärkeren Damm gegen die Gewalt der sinnlichen Antriebe ab. Bei sinnlichen Menschen ist auch die Religion sinnlich, - die religiösen Triebfedern zum Guthandeln müssen sinnliche sein, um auf die Sinnlichkeit wirken zu können; sie verlieren dadurch freilich gewöhnlich an ihrer Würde, insofern sie moralische Triebfedern sind, aber sie haben dadurch ein so menschliches Ansehen erhalten, sich so sehr an unsere Empfindungen angeschmiegt, daß wir angezogen von unserem Herzen und geschmeichelt durch die schöne Phantasie oft leicht vergessen, daß eine kalte Vernunft solche Bilder-Vorstellungen mißbilligt oder gar verbietet, auch nur was darüber sagen zu wollen.
Wenn man von öffentlicher Religion spricht, so versteht man darunter die Begriffe von Gott und Unsterblichkeit und was darunter Beziehung hat, sofern sie die Überzeugung eines Volks ausmachen, sofern sie Einfluß auf die Handlungen und Denkart desselben haben; ferner gehören hierher auch die Mittel, wodurch diese Ideen dem Volke teils gelehrt, teils eindringlich fürs Herz gemacht werden; unter dieser Wirkung ist nicht bloß die unmittelbare verstanden, daß ich nicht stehle, weil Gott es verbot - besonders die entfernteren müssen in Anschlag gebracht werden und sind oft am wichtigsten zu schätzen. Diese sind hauptsächlich Erhebung, Veredlung des Geistes einer Nation, daß das so oft schlummernde Gefühl ihrer Würde in ihrer Seele erweckt werde, daß sich das Volk nicht wegwirft und nicht wegwerfen läßt, daß es sich aber nicht nur als Menschen fühlt, sondern daß auch sanftere Tinten von Menschlichkeit und Güte in das Gemälde gebracht werden.
1/12 Die Hauptlehren der christlichen Religion sind seit ihrer Entstehung wohl die nämlichen geblieben, aber nach den Zeitumständen wurde die eine Lehre ganz in den Schatten gestellt und eine andere vorzüglich erhoben, ans Licht gestellt und auf Kosten der verdunkelten verdreht, entweder zu weit ausgedehnt oder zu sehr eingeschränkt.
Die ganze Masse von Religionsgrundsätzen und von den daraus fließenden Empfindungen und besonders der Grad von Stärke, womit sie auf Handlungsart einfließen können, ist der Hauptpunkt einer Volksreligion. Auf einen unterdrückten Geist, der unter der Last seiner Ketten seine jugendliche Kraft verloren [hat] und zu altern anfängt, können religiöse Ideen wenig Eindruck machen.
Der jugendliche Genius eines Volkes - [der] alternde: jener fühlt sich und jauchzt in seiner Kraft, fliegt mit Heißhunger auf etwas Neues, interessiert sich aufs lebhafteste dafür, verläßt es aber vielleicht wieder und ergreift was anderes, nie aber kann dies etwas sein, das seinem stolzen freien Nacken Fesseln auflegen wollte; der alternde Genius zeichnet sich vorzüglich durch feste Anhänglichkeit an das Hergebrachte in jeder Rücksicht aus, trägt daher die Fesseln wie ein Alter das Podagra, über das er brummt, aber das er nicht von sich schaffen kann, läßt sich stoßen und rütteln, wie sein Herrscher es will, genießt aber nur mit halbem Bewußtsein, nicht frei, nicht offen, mit heiterer, schöner Freude, die andere zur Sympathie einlädt - seine Feste sind Geschwätze, wie einem Alten nichts übers Plaudern geht, nicht lauter Ausruf, nicht vollblütiger Genuß.
Auseinandersetzung des Unterschieds zwischen objektiver und subjektiver Religion; Wichtigkeit dieser Auseinandersetzung in Ansehung der ganzen Frage.
1/14 Objektive Religion ist fides quae creditur, der Verstand und das Gedächtnis sind die Kräfte, die dabei wirken, die Kenntnisse erforschen, durchdenken und behalten oder auch glauben. Zur objektiven Religion können auch praktische Kenntnisse gehören, aber insofern sind sie nur ein totes Kapital - die objektive Religion läßt sich im Kopfe ordnen, sie läßt sich in ein System bringen, in einem Buche darstellen und andern durch Rede vortragen; die subjektive Religion äußert sich nur in Empfindungen und Handlungen -: sag ich von einem Menschen, er hat Religion, so heißt das nicht, er hat große Kenntnisse derselben, sondern es heißt, sein Herz fühlt die Taten, die Wunder, die Nähe der Gottheit, es erkennt, es sieht Gott in seiner Natur, in den Schicksalen der Menschen, er wirft sich vor ihm nieder, dankt ihm und preist ihn in seinen Taten, sieht bei seiner Handlung nicht bloß darauf, ob es gut oder klug sei, sondern auch der Gedanke: es ist Gott wohlgefällig, ist ihm ein Beweggrund von ihr - oft der stärkste; beim Genuß, bei einem glücklichen Ereignis richtet er zugleich einen Blick auf Gott und dankt ihm dafür. - Subjektive Religion ist lebendig, Wirksamkeit im Innern des Wesens und Tätigkeit nach außen. Subjektive Religion ist etwas Individuelles, objektive die Abstraktion, jene das lebendige Buch der Natur, die Pflanzen, Insekten, Vögel und Tiere, wie sie untereinander eins vom andern leben, jedes lebt, jedes genießt, sie sind vermischt, überall trifft man alle Arten beisammen an, - diese das Kabinett des Naturlehrers, der die Insekten getötet, die Pflanzen gedörrt, die Tiere ausgestopft [hat] oder in Branntwein aufbehält und alles zusammen rangiert, was die Natur trennte, nur nach einem Zweck ordnet, wo die Natur unendliche Mannigfaltigkeit von Zwecken in ein freundschaftliches Band verschlang. Die ganze Masse von religiösen Kenntnissen, die zur objektiven Religion gehören, kann bei einem großen Volke dieselbe sein, sie könnte es an sich auf dem ganzen Erdboden sein; sie ist in die subjektive Religion verflochten, aber macht nur einen kleinen, ziemlich unwirksamen Teil derselben aus, modifiziert sich in jedem Menschen anders; das Wichtigste, das in Betrachtung kommt bei der subjektiven Religion, ist, ob und wieweit das Gemüt gestimmt ist, sich von religiösen Beweggründen bestimmen zu lassen, wie groß seine Reizbarkeit für dieselbe ist; und dann welche Arten von Vorstellungen vorzüglich Eindruck auf das Herz machen, welche Arten von Empfindungen am meisten in der Seele angebaut und am leichtesten hervorzubringen sind - der eine Mensch hat keinen Sinn für die sanfteren Vorstellungen von Liebe, Beweggründe von der Liebe Gottes hergenommen schlagen nicht an sein Herz an, seine gröberen Empfindungsorgane werden nur durch Erregung der Furcht, durch Donner und Blitz aufgerüttelt, die Saiten seines Herzens erklingen nicht dem sanften Anschlag der Liebe; andere Ohren sind taub gegen die Stimme der Pflicht, es nützt nichts, sie auf den inneren Richter der Handlungen, der seinen Stuhl in dem Herzen des Menschen selbst aufgeschlagen hat, auf das Gewissen aufmerksam zu machen - in ihnen ist diese Stimme nie erschallt; Eigennutz ist das Pendel, dessen Schwingungen ihre Maschine im Lauf erhält.
Von dieser Stimmung, von dieser Rezeptivität hängt es ab, wie in einem jeden einzelnen die subjektive Religion beschaffen sein soll. Objektive Religion lehrt man uns von Jugend auf in den Schulen; frühzeitig genug lädt man sie unserem Gedächtnisse auf, daß oft der noch nicht erstarkte Verstand, die schöne zarte Pflanze des offenen freien Sinnes unter der Bürde niedergedrückt wird; oder wie Wurzeln sich durch ein lockeres Erdreich durcharbeiten und damit verschlingen und ihre Nahrung daraus saugen, aber von einem Steine abgebogen werden und andere Richtung suchen, so bleibt die dem Gedächtnis auferlegte Bürde unaufgelöst liegen, die erstarkten Seelenkräfte schütteln sie entweder ganz ab oder lassen sie auf der Seite liegen und ziehen keinen nährenden Saft aus ihr ein.
1/15 In jeden Menschen hat die Natur einen Keim der feineren, aus Moralität hervorgehenden Empfindungen gesenkt, sie hat einen Sinn fürs Moralische, für weitere Zwecke als die bloße Sinnlichkeit in ihn gelegt; daß diese schönen Keime nicht ersticken, daß daraus eine wirkliche Rezeptivität für moralische Ideen und Empfindungen entstehe, dies ist Sache der Erziehung, der Bildung. Religion ist nicht das erste, was im Gemüt Wurzeln fassen kann, sie muß einen gebauten Boden antreffen, in dem sie erst gedeihen kann.
Auf subjektive Religion kommt alles an, diese hat einen eigentlichen wahren Wert - die Theologen mögen sich über die Dogmen, über das, was zur objektiven Religion gehört, über die näheren Bestimmungen dieser Sätze streiten; jeder Religion liegen einige wenige Fundamentalsätze zum Grunde, die nur in den verschiedenen Religionen mehr oder minder modifiziert, verunstaltet, mehr oder weniger rein dargestellt sind, - die den Grund alles Glaubens, aller Hoffnungen ausmachen, welche die Religion uns an die Hand gibt. Wenn ich von Religion spreche, so abstrahiere ich schlechterdings von aller wissenschaftlichen oder vielmehr metaphysischen Erkenntnis Gottes, unseres und der ganzen Welt Verhältnisses zu ihm usw. Eine solche Erkenntnis, bei der sich bloß der räsonierende Verstand beschäftigt, ist Theologie, nicht mehr Religion. Ich rechne hier nur insoweit Kenntnisse von Gott und Unsterblichkeit zur Religion, als das Bedürfnis der praktischen Vernunft fordert und was in einem leicht einzusehenden Zusammenhang damit steht. Dabei sind nähere Aufschlüsse über besondere Anstalten Gottes zum Besten der Menschen nicht ausgeschlossen.
Von objektiver Religion spreche ich aber nur insofern auch, als sie einen Bestandteil der subjektiven ausmacht.
1/16 Meine Absicht ist nicht, zu untersuchen, welche religiösen Lehren am meisten Interesse fürs Herz haben, der Seele am meisten Trost und Erhebung geben können; nicht wie die Lehren einer Religion beschaffen sein müssen, die ein Volk besser und glücklicher machen soll, sondern was für Anstalten dazu gehören, daß die Lehren und die Kraft der Religion in das Gewebe der menschlichen Empfindungen eingemischt, ihren Triebfedern zum Handeln beigesellt [sei] und sich in ihnen lebendig und wirksam erweise, - daß sie ganz subjektiv werde; wenn sie das ist, so äußert sie ihr Dasein nicht bloß durch Händefalten, durch Beugen der Knie und des Herzens vor dem Heiligen, sondern sie verbreitet sich auf alle Zweige der menschlichen Neigungen (ohne daß die Seele gerade es sich bewußt ist) und wirkt überall, aber nur mittelbar mit - sie wirkt, um mich so auszudrücken, negativ, bei dem frohen Genuß menschlicher Freuden oder bei Ausführung erhabener Taten und Übung der sanfteren Tugenden der Menschenliebe; wenn sie auch nicht unmittelbar einwirkt, so hat sie doch den feineren Einfluß, daß sie die Seele wenigstens frei und offen dabei fortwirken läßt und die Sehnen ihrer Tätigkeit nicht lähmt; - zur Äußerung menschlicher Kräfte, es sei des Muts, der Menschlichkeit, wie zum Frohsein, zum Lebensgenuß gehört Freiheit von bösartiger Stimmung der Seele zum Neid u. dgl., gehört Unschuld, reines Gewissen, und diese zwei Eigenschaften hilft die Religion mitbefördern. So hat sie auch insofern Einfluß, daß Unschuld, mit ihr verbunden, genau den Punkt zu treffen weiß, wo Frohsein in Ausschweifung, Mut und Entschlossenheit in Eingriff in fremde Rechte ausarten würde.
Subjektive Religion3)
Wenn Theologie Sache des Verstands und des Gedächtnisses ist - ihr Ursprung mag übrigens sein, woher er will, aus der Religion selbst -, Religion aber Sache des Herzens, wegen eines Bedürfnisses der praktischen Vernunft interessant, so erhellt von selbst, daß verschiedene Seelenkräfte bei Religion und Theologie wirksam [sind] und auch verschiedene Vorbereitungen des Gemüts für beide erfordert werden. Um hoffen zu können, daß das höchste Gut, dessen einen Bestandteil wirklich zu machen uns als Pflicht auferlegt [ist], im Ganzen wirklich werde, fordert die praktische Vernunft Glauben an eine Gottheit - an Unsterblichkeit.
1/17 Dies ist wenigstens der Keim, aus dem Religion entspringt, - und das Gewissen, der innere Sinn für Recht und Unrecht, und das Gefühl, daß auf Unrecht Strafe, auf Rechttun Glückseligkeit folgen müsse, ist in dieser Deduktion der Religion nur in seine Bestandteile, in deutliche Begriffe aufgelöst. Mag die Idee eines mächtigen unsichtbaren Wesens durch irgendeine furchtbare Naturerscheinung in der Seele des Menschen geworden sein, oder mag sich Gott im Wetter den Menschen zuerst geoffenbart haben, wo jeder näher die Gegenwart Gottes fühlt, oder im sanften Säuseln des Abendwindes, so traf sie auf jenes moralische Gefühl, das seinem Bedürfnisse jene Idee ganz angemessen fand.
Religion ist bloßer Aberglauben, wenn man aus ihr in solchen Fällen Bestimmungsgründe zum Handeln hernimmt, wo nur Klugheit raten sollte, oder wenn die Furcht vor der Gottheit gewisse Handlungen verrichtet, wodurch man ihre Unzufriedenheit abwenden zu können glaubt. Bei vielen sinnlichen Völkern ist wohl Religion so beschaffen - die Vorstellung von Gott und seiner Handlungsart mit den Menschen schränkt sich darauf ein, daß er nach den Gesetzen der menschlichen Sinnlichkeit und nur auf ihre Sinnlichkeit wirke, und nur sehr wenig Moralisches ist diesem Begriff beigemischt. - Der Begriff von Gott und der, an ihn sich zu wenden (Dienst), ist schon moralischer, d. h. deutet schon mehr auf Bewußtsein von einer höheren, nach größeren Zwecken als sinnlichen bestimmten Ordnung hin, - wenn der oben berührte Aberglaube zwar auch beigemischt ist, aber mit der Anfrage an die Gottheit wegen der Zukunft, des Erfolgs einer Unternehmung auch Anrufung um ihren Beistand, das Gefühl, daß von ihren Schlüssen alles abhänge, beigesellt ist und überall der Glaube zum Grunde liegt oder wenigstens neben dem Glauben an Schicksal, Naturnotwendigkeit stattfindet, daß sie nur dem Gerechten Glück ausspende, über den Ungerechten und Übermütigen aber Unglück verhänge, - und wenn aus der Religion moralische Beweggründe des Handelns hergeholt werden.
1/18 Subjektive Religion ist bei guten Menschen, die objektive kann fast eine Farbe haben wie sie will, so ziemlich gleich - was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden, sagt Nathan4) -, denn Religion ist Sache des Herzens, welches oft inkonsequent handelt gegen die Dogmen, die sein Verstand oder Gedächtnis annimmt; die verehrungswürdigsten Menschen sind gewiß nicht immer diejenigen, die am meisten über Religion spekuliert haben, die ihre Religion sehr oft in Theologie verwandeln, d. h. oft Fülle, Herzlichkeit des Glaubens gegen kalte Erkenntnisse und Wortparaden vertauschen.
Religion gewinnt durch den Verstand aber sehr wenig, seine Operationen, seine Zweifel können im Gegenteil das Herz mehr erkalten als wärmen; und derjenige, der gefunden hat, daß die Vorstellungsarten anderer Nationen oder der Heiden, wie man sie nennt, viel Absurdes enthalten, und [der] sich seiner höheren Einsichten, seines Verstandes, den er weiter sehen läßt, als die größten Männer sahen, deswegen höchlichst freut, der kennt nicht das Wesen der Religion. Der seinen Jehovah Jupiter oder Brahma nennt und ein wahrer Gottesverehrer ist, bringt wie der wahre Christ ebenso kindlich seinen Dank, sein Opfer. - Wen rührt nicht die schöne Einfalt, wenn die Unschuld an ihren größten Wohltäter bei dem Guten, das ihr die Natur anbeut, denkt, ihm das Beste, das Makelloseste, die Erstlinge des Korns und der Schafe darbietet, - wer bewundert nicht den Coriolan, wenn er in der Größe seines Glücks, die Nemesis fürchtend, wie sich Gustaf Adolf in der Schlacht bei Lützen vor Gott demütigte, die Götter bittet, nicht den Genius der römischen Größe, sondern ihn zu demütigen.
1/19 Dergleichen Züge sind fürs Herz und wollen mit dem Herzen, mit Einfalt des Geistes und der Empfindung genossen sein, nicht mit dem kalten Verstand bekunstrichtert werden. - Nur der Eigendünkel des Sektengeists, der sich weiser dünkt als alle Menschen anderer Parteien, kann bei dem unschuldigen letzten Willen des Sokrates, dem Gott der Gesundheit einen Hahn darzubringen, die schöne Empfindung des Sokrates, daß er für seinen Tod, den er für Genesung ansehe, den Göttern danke, ungenossen vorbeilassen und die hämische Anmerkung machen, die Tertullian, Apolog[eticum] Kap. 46, macht - Sokrates etc.5)
1/20 Wo das Herz wie bei dem Klosterbruder in der Szene im Nathan, woraus die obigen Worte entlehnt sind, nicht lauter spricht als der Verstand, wenn es verschlossen bleibt und diesem Zeit läßt, über eine Handlung zu räsonieren, - dessen Herz taugt schon nicht viel, die Liebe wohnt nicht in ihm. Nirgend ist die Stimme der unverdorbenen Empfindung, des lauteren Herzens und die Rechthaberei des Verstandes schöner einander entgegengesetzt als in der Geschichte in dem Evangelium, wo Jesus von einem ehemals übelberüchtigten Weibe das Salben seines Leibes, als offenen, durch die umstehende Gesellschaft sich nicht irremachen lassenden Erguß einer schönen von Reue, Zutrauen und Liebe durchdrungenen Seele, mit Wohlgefallen und Liebe annahm, wo aber einige seiner Apostel ein zu kaltes Herz hatten, um das Tiefe dieser weiblichen Empfindung, ihr schönes Opfer des Zutrauens mitzuempfinden, und die kalte, mit dem Vorwand eines Interesses der Mildtätigkeit verbrämte Randglosse machen konnten. - Welch eine kahle und forcierte Anmerkung ist es, wenn der gute Gellert irgendwo6) sagt, ein kleines Kind wisse heutzutage mehr von Gott als der weiseste Heide, gerade wie Tertullian Apologeticum Kap. 46, deum quilibet opifex etc. Gerade als wenn das Kompendium der Moral, das ich hier in meinem Schranke stehen habe und wo[fern] es nur bei mir steht, ob ich es [auch] zur Emballage eines stinkenden Käses gebrauchen will, mehr Wert hätte als das vielleicht zuweilen ungerechte Herz eines Friedrich II.; denn der Unterschied zwischen dem opifex des Tertullian, dem Kinde Gellerts, dem man den theologischen Sauerteig mit dem Katechismus eingeprügelt hat, und dem Papier, auf das man Moral gedruckt hat, ist im ganzen in dieser Hinsicht nicht sehr groß - eigentlich durch Erfahrung erworbenes Bewußtsein fehlt beiden fast in gleichem Grade.7)
Aufklärung - Wirkenwollen durch Verstand
Der Verstand dient nur der objektiven Religion. - [Er dient dazu,] die Grundsätze zu läutern, [sie] in ihrer Reinigkeit darzustellen - er hat herrliche Früchte, [z. B.] Lessings Nathan hervorgebracht und verdient die Elogen, mit denen man ihn immer erhebt.
Aber durch den Verstand werden die Grundsätze nie praktisch gemacht.
Der Verstand ist ein Hofmann, der sich nach den Launen seines Herrn gefällig richtet, - er weiß zu jeder Leidenschaft, zu jeder Unternehmung Rechtfertigungsgründe aufzutreiben, er ist vorzüglich ein Diener der Eigenliebe, die immer sehr scharfsinnig ist, den begangenen oder zu begehenden Fehlern eine schöne Farbe zu geben, sie lobt sich oft selber darüber, daß sie so einen guten Vorwand für sich gefunden hat.
Aufklärung des Verstands macht zwar klüger, aber nicht besser. Führt man auch die Tugend auf Klugheit zurück, rechnet man dem Menschen vor, daß er ohne Tugend nicht glückselig werden könne, so ist die Berechnung viel zu spitzfindig und zu kalt, als daß sie im Moment des Handelns wirksam sein, als daß sie überhaupt Einfluß aufs Leben haben könnte.
1/21 Wer die beste Moral zur Hand nimmt, sich über die allgemeinen Grundsätze sowohl als über die einzelnen Pflichten und Tugenden die genauesten Bestimmungen bekanntmacht, und man wollte beim wirklichen Handeln an diesen Haufen von Regeln und Ausnahmen denken, so käme eine solche verzwickte Handlungsart heraus, die ewig ängstlich und mit sich selbst im Streit wäre. Wer, der je eine Moral geschrieben hat, würde selbst je hoffen, daß es einen Menschen geben würde, der entweder das Buch auswendig lernen oder bei allem, was er tut, bei jeder Neigung, die ihn ankommt, seine Moral nachschlagen solle, ob sie auch sittlich, ob sie erlaubt sei. Und doch ist dies eigentlich die Forderung, die man mit einer Moral an einen macht. Daß schlimme Neigungen gar nicht aufsteigen, daß sie nicht zu einer großen Höhe gelangen, dies kann keine gedruckte Moral, keine Aufklärung des Verstandes leisten; diese negative Wirkung [erstrebt] Campes Theophron8) - [nicht:] der Mensch soll selbst handeln, selbst wirken, sich selbst entschließen, nicht andere für sich handeln lassen, [sondern er] ist da nichts weiter als bloße Maschine.
1/22 Wenn man davon spricht: man kläre ein Volk auf, so setzt dies voraus, daß Irrtümer bei demselben herrschen, Volksvorurteile, die sich auf Religion beziehen, - und die meisten sind mehr oder weniger von dieser Beschaffenheit, gründen sich auf Sinnlichkeit, auf der blinden Erwartung, daß eine Wirkung erfolgen werde, die mit der Ursache, wodurch die Wirkung hervorgebracht werden soll, gar nicht in Zusammenhang steht; bei dem Volke, das viele Vorurteile hat, scheint der Begriff der Ursache sich meist noch auf dem Begriff der bloßen Aufeinanderfolge zu gründen, indem sie [nicht] selten auch, wo sie von Ursachen sprechen, die mittleren Glieder der aufeinanderfolgenden Wirkungen auslassen und nicht einsehen. - Sinnlichkeit und Phantasie sind die Quellen der Vorurteile, auch richtige, vor der Untersuchung des Verstands standhaltende Sätze sind beim gemeinen Volk insofern auch Vorurteile, als sie nur daran glauben, indem sie keine Gründe dafür kennen.
Vorurteile können also von zweierlei Art sein
b) wirkliche Wahrheiten, die aber nicht wie Wahrheiten eingesehen werden sollen, durch Vernunft als solche erkannt, sondern auf Treu und Glauben anerkannt werden - und wobei also subjektiv kein größeres Verdienst stattfindet.
Dem Volk seine Vorurteile nehmen, es aufklären, heißt also - denn Vorurteile praktischer Art, d. h. die auf die Bestimmung des Willens Einfluß haben, haben ganz andere Quellen und andere Folgen, und von diesen ist hier nicht die Rede -, heißt seinen Verstand in Rücksicht auf gewisse Gegenstände so ausbilden, daß er einerseits sich von Überzeugung und der Gewalt der Irrtümer wirklich losreißt, teils von den wirklichen Wahrheiten durch Gründe überzeugt ist. Allein fürs erste, welcher Sterbliche will überhaupt entscheiden, was Wahrheit ist? Allein nehmen wir hier an, wie es sein muß, wenn von dem menschlichen Wissen mehr in concreto gesprochen wird, und was man auch bloß in politischer Hinsicht annehmen muß, wenn menschliche Gesellschaft statthaben soll, daß es allgemein geltende Prinzipien gibt, die nicht nur dem gesunden Menschenverstande einleuchten, sondern auch jeder Religion zum Grunde liegen müssen, wenn sie diesen Namen verdienen soll, sie mögen auch noch so verunstaltet sein, -
1/23 α) so ist es gewiß, daß deren nur wenige sind und daß eben deswegen, weil sie teils so allgemein und abstrakt sind, teils wenn sie rein dargestellt werden sollen, wie die Vernunft es verlangt, sie der Erfahrung und dem sinnlichen Schein [widersprechen], da sie nicht eine Regel für diese sind, sondern nur auf eine entgegengesetzte Ordnung der Dinge passen können; so qualifizieren sie sich nicht leicht zu einer lebendigen Anerkennung von seiten des Volks, und wenn das Gedächtnis sie auch behalten hat, so machen sie noch keinen Teil des geistigen, des begehrenden Systems des Menschen aus;
β) da es unmöglich ist, daß eine Religion, die allgemein fürs Volk sein soll, aus allgemeinen Wahrheiten bestehen kann, worauf zu jeder Zeit nur ausgezeichnetere Menschen gekommen sind und sie mit Liebe und dem ganzen Herzen umfaßten, und also immer teils Zusätze beigemischt sein müssen, die bloß auf Treu und Glauben angenommen werden müssen, oder die reineren Sätze vergröbert in eine sinnlichere Hülle gesteckt werden müssen, wenn sie verstanden werden und der Sinnlichkeit annehmlich sein sollen, und teils auch solche Gebräuche eingeführt werden müssen, von deren Notwendigkeit oder Nutzen auch zutraulicher Glaube oder Angewöhnung von Jugend auf beredet10) , so erhellt, daß Volksreligion, und (was schon mit dem Begriff der Religion an sich verbunden ist) wenn ihre Lehren in Leben und Tat wirksam sein sollen, unmöglich auf bloße Vernunft gebaut sein könne. - Positive Religion beruht notwendig auf Glauben an die Tradition, durch die sie uns überliefert wird, - und also können wir von ihren religiösen Gebräuchen auch nur durch diesen Grund von der Verbindlichkeit zu denselben, von dem Glauben, daß Gott sie als wohlgefällig, als Pflicht von uns fordere, überzeugt werden. Aber an sich bloß mit Vernunft betrachtet, kann von ihnen nur so viel behauptet werden, daß sie zur Erbauung, zur Erweckung frommer Empfindungen dienen, und ihre Zweckmäßigkeit hierzu kann untersucht werden. Allein sobald ich mich überzeugt habe, daß Gott durch diese Gebräuche, durch unseren Dienst, an sich nicht geehrt werde, daß Rechttun ihm der wohlgefälligste Dienst sei, daß ich aber doch einsehe, daß diese Gebräuche zur Erbauung dienen, so haben eben hierdurch diese Gebräuche einen großen Teil ihres sonst möglichen Eindrucks auf mich verloren.
1/24 Wie Religion überhaupt eine Sache des Herzens ist, so könnte es eine Frage sein, wie weit sich Räsonnement einmischen darf, um Religion zu bleiben. Denkt man viel nach über die Entstehung der Empfindungen, über die Gebräuche, die man mitzumachen hat und durch die fromme Gefühle geweckt werden sollen, über ihren historischen Ursprung, über ihre Zweckmäßigkeit u. dgl., so verlieren sie gewiß von dem Nimbus der Heiligkeit, mit dem wir sie immer zu sehen gewohnt waren, wie die Dogmen der Theologie von ihrem Ansehen verlieren, wenn wir sie mit der Kirchengeschichte beleuchten. Aber wie wenig ein solches kaltes Nachdenken dem Menschen Haltung gewährt, sehen wir häufig bei solchen, wenn sie in Lagen kommen, wo das zerrissene Herz einen festeren Stab braucht, wo die Verzweiflung dann oft wieder nach dem greift, was ihr ehemals Trost gewährte und was sie jetzt desto fester und ängstlicher umfaßt, damit es ihr nicht wieder entwische, und das Ohr geflissentlich den Sophistereien des Verstands zuhält.
Etwas anderes als Aufklärung, als Räsonnement ist Weisheit. Aber Weisheit ist nicht Wissenschaft - Weisheit ist eine Erhebung der Seele, die sich durch Erfahrung verbunden mit Nachdenken über Abhängigkeit von Meinungen wie von den Eindrücken der Sinnlichkeit erhoben hat und [die] notwendig, wenn es praktische Weisheit, nicht bloße selbstgefällige oder prahlende Weisheit [ist], von einer ruhigen Wärme, einem sanften Feuer begleitet sein muß; sie räsoniert wenig, sie ist auch nicht methodo mathematica von Begriffen ausgegangen und durch eine Reihe von Schlüssen, wie Barbara und Barocco, zu dem, was sie für Wahrheit nimmt, gekommen, - sie hat ihre Überzeugung nicht auf dem allgemeinen Markt eingekauft, wo man das Wissen an jeden, der richtig bezahlt, hergibt, wüßte sie auch nicht in blanker Münze, in den gangbaren Sorten auf den Tisch wieder hinzuzählen -, sondern spricht aus der Fülle des Herzens.
1/25 Bildung des Verstands und Anwendung desselben auf die Gegenstände, die unser Interesse auf sich ziehen, - Aufklärung bleibt deswegen ein schöner Vorzug, so wie deutliche Kenntnis der Pflichten, Aufklärung über praktische Wahrheiten. Aber sie sind nicht von der Beschaffenheit, daß sie dem Menschen Moralität geben könnten, sie stehen im Wert unendlich gegen Güte und Reinigkeit des Herzens zurück, sie sind damit eigentlich [nicht] kommensurabel.
Frohsein ist in dem Charakter eines gutgearteten Jünglings ein Hauptzug; verhindern ihn Umstände daran, daß er sich auf sich selbst mehr zurückziehen muß, und er faßt den Entschluß, sich zu einem tugendhaften Menschen zu bilden, und hat dabei noch nicht Erfahrung genug, daß Bücher ihn nicht dazu machen können, so nimmt er vielleicht Campes Theophron in die Hände, um sich diese Lehren der Weisheit und Klugheit zur Richtschnur seines Lebens zu machen; er liest morgens und abends einen Abschnitt daraus und denkt den ganzen Tag daran - was wird die Folge sein? Etwa wirkliche Vervollkommnung? Menschenkenntnis? praktische Klugheit? Zu dieser gehört jahrelange Übung und Erfahrung - aber die Meditation über Campe und das Campische Lineal werden ihm in acht Tagen entleiden! Düster und ängstlich geht er in die Gesellschaft, wo nur derjenige willkommen ist, der sie aufzuheitern weiß, schüchtern genießt er ein Vergnügen, das nur dem schmeckt, der mit frohem Herzen dabei ist. Vom Gefühl seiner Unvollkommenheit durchdrungen, bückt er sich gegen jedermann, Umgang mit Frauenzimmern heitert ihn nicht auf, weil er da fürchtet, eine leise Berührung irgendeines Mädchens möchte ein entzündendes Feuer durch seine Adern gießen, und dies gibt ihm ein linkisches, steifes Ansehen - er wird es aber nicht lange aushalten, sondern schüttelt bald die Aufsicht dieses mürrischen Hofmeisters ab und wird sich besser dabei befinden.
1/26 Wenn Aufklärung das leisten soll, was ihre großen Lobredner von ihr ausgeben, wenn sie ihre Lobsprüche verdienen soll, so ist es wahre Weisheit, sonst bleibt sie gemeinhin Afterweisheit, die sich brüstet und ihrer Manières, die sie vor so vielen schwachen Brüdern vorauszuhaben sich einbildet, sich erhebt. Dieser Dünkel findet sich gemeinhin bei den meisten Jünglingen oder Männern, die durch Schriften neue Einsichten erlangen und ihren bisherigen Glauben, den sie mit den meisten, die so um sie waren, gemein hatten, aufzugeben anfangen, wobei oft die Eitelkeit einen besonders großen Anteil hat. Wer da von der unbegreiflichen Dummheit der Menschen viel zu sagen weiß; wer einem auf das Haar hin demonstriert, daß es die größte Torheit sei, daß ein Volk ein solches Vorurteil habe; wer dabei mit den Worten, als da sind Aufklärung, Menschenkenntnis, Geschichte der Menschheit, Glückseligkeit, Vollkommenheit, immer um sich wirft, ist weiter nichts als ein Schwätzer der Aufklärung, ein Marktschreier, der schale Universalmedizinen feilbietet - sie speisen einander mit kahlen Worten und übersehen das heilige, das zarte Gewebe der menschlichen Empfindung. Jeder wird vielleicht solche Beispiele um sich herumschnattern hören; mancher hat es vielleicht wohl an sich selbst erfahren, denn in unseren vollgeschriebenen Zeiten ist dieser Gang der Bildung sehr häufig. - Wenn einer oder der andere durch das Leben selbst das auch mehr verstehen lernt, was vorher nur als totes Kapital in seiner Seele lag, so bleibt doch noch in jedem Magen ein Wust von Buchgelehrsamkeit unverdaut liegen, der, weil der Magen damit genug zu schaffen [hat], eine gesündere Nahrung verhindert und dem übrigen System des Körpers keine nahrhaften Säfte zufließen läßt, - das aufgedunsene Ansehen gibt vielleicht den Schein der Gesundheit, aber in allen Gliedern lähmt ein saftloses Phlegma die freie Bewegung.
Ein Geschäft des aufklärenden Verstands ist es, die objektive Religion zu sichten. Aber wie die Kraft [dieses Verstandes] kein großes Moment hat, wenn Besserung der Menschen, Auferziehung zu großen starken Gesinnungen, zu edlen Gefühlen, zu einer entschlossenen Selbständigkeit hervorgebracht werden soll, so hat auch das Produkt, die objektive Religion, kein großes Gewicht dabei.
1/27 Es schmeichelt dem menschlichen Verstand, wenn er sein Werk - ein großes hohes Gebäude der Gotteserkenntnis und der Erkenntnis der menschlichen Pflichten und der Natur - betrachtet. Das Bauzeug, die Materialien hat er allerdings dazu herbeigeschafft; er hat daraus einen Bau verfertigt, fährt immer fort, ihn zu verschönern oder auch Schnörkel daran zu machen; aber je weitschichtiger, je zusammengesetzter der Bau, an dem die ganze Menschheit arbeitet, wird, desto weniger gehört er jedem einzelnen [zu] eigen. Wer nur diesen allgemeinen Bau kopiert, von ihm nur für sich sammelt, wer nicht in sich selbst und aus sich selbst ein eigenes Häuschen baut zu seiner Bewohnung mit dem Dach- und Fachwerk, wo er ganz einheimisch ist, wo er jeden Stein wo nicht ganz aus dem Rohen gearbeitet, doch ihn zurechtgelegt, ihn in den Händen herumgekehrt hat, - der ist ein Buchstabenmensch, der hat nicht sich selbst gelebt und gewebt.
Wer nur jenem großen Haus sich einen Palast nachbaut, lebt darin wie Louis XIV. in Versailles, er kennt kaum alle Gemächer seines Eigentums und füllt nur ein sehr kleines Kabinettchen aus - da[hingegen] ein Hausvater in seinem großelterlichen Häuschen überall besser Bescheid, von jeder Schraube, jedem Schränkchen Red und Antwort über ihren Gebrauch und ihre Geschichte zu geben weiß. - [Recha in] Lessings Nathan [V, 6]: Bei dem meisten kann ich noch sagen, Wie? wo? warum ich es gelernt.
Sein kleines Häuschen, das der Mensch alsdann sein eigen nennen kann, es muß Religion bauen helfen, [aber] wieviel kann sie ihm dabei helfen?
1/28 Wenn zwischen reiner Vernunftreligion, die Gott im Geist und in der Wahrheit anbetet und seinen Dienst nur in die Tugend setzt, und dem Fetischglauben, der sich bei Gott auch noch durch etwas [anderes] als einen an sich guten Willen beliebt machen zu können glaubt, ein so weiter Unterschied ist, daß dieser im Gegensatz gegen jene gar keinen Wert hat, daß beide von ganz verschiedener Gattung sind, und so wichtig für die Menschheit es ist, diesen immer mehr zur Vernunftreligion hinzuführen und den Fetischglauben zu verdrängen, so fragt es sich, da eine allgemeine geistige Kirche nur ein Ideal der Vernunft bleibt - und da es nicht wohl möglich ist, daß eine öffentliche Religion etabliert werden könnte, die alle Möglichkeit, Fetischglauben daraus zu ziehen, benähme -, wie eine Volksreligion im allgemeinen eingerichtet sein müsse, um a) negativ so wenig als möglich Veranlassung zu geben, an dem Buchstaben und den Gebräuchen hängen zu bleiben, und b) positiv - daß das Volk zur Vernunftreligion geführt [würde], Empfänglichkeit dafür bekäme.
1/29 Wenn in der Moral die Idee der Heiligkeit als die letzte Höhe der Sittlichkeit und der letzte Punkt des Bestrebens gesetzt wird, so beweisen die Einwendungen derjenigen, die sagen, eine solche Idee sei dem Menschen nicht erreichbar (welches auch jene Moralisten selbst einräumen), sondern er brauche außer der reinen Achtung fürs Gesetz noch andere sich auf seine Sinnlichkeit beziehende Triebfedern, nicht so viel, daß der Mensch sich nicht bestreben dürfe, sich sei’s auch bis in alle Ewigkeit jener Idee zu nähern, sondern nur, daß [man] bei der Roheit und bei dem mächtigen Hang zur Sinnlichkeit bei den meisten Menschen häufig zufrieden sein müsse, auch nur Legalität hervorzubringen, welche hervorzubringen keine rein sittlichen Triebfedern erfordert werden (vgl. Matth. 19, 16), wofür sie wenig Sinn hätten, und daß es schon Gewinn sei, wenn nur die grobe Sinnlichkeit verfeinert, wenigstens nur Interesse für etwas Höheres geweckt werde und statt eigentlich tierischer Triebe Empfindungen geweckt werden, die des Einflusses der Vernunft mehr fähig werden und sich dem Moralischen mehr nähern oder wobei es eigentlich nur möglich ist, daß, wenn das laute Geschrei der Sinnlichkeit etwas gedämpft, auch moralische Empfindungen aufkeimen - überhaupt schon bloße Kultur sei ein Gewinn; sie wollen nur so viel, daß es wohl auf dieser Erde nicht wahrscheinlich sei, daß die Menschheit oder auch ein einzelner Mensch je der nicht moralischen Triebfedern werde entbehren können - und in unsere Natur selbst sind solche Empfindungen verwebt, die, obzwar nicht moralisch, nicht aus der Achtung fürs Gesetz entspringend und also weder ganz fest und sicher noch an sich einen Wert haben[d] und wieder Achtung verdienen[d], doch liebenswürdig sind, böse Neigungen hindern und das Beste der Menschen befördern - von der Art sind alle gutartigen Neigungen, Mitleiden, Wohlwollen, Freundschaft usw. Zu diesem empirischen Charakter, der innerhalb des Kreises der Neigungen eingeschlossen ist, gehört auch das moralische Gefühl, das seine zarten Fäden in das ganze Gewebe ausschicken muß; das Grundprinzip des empirischen Charakters ist Liebe, die etwas Analoges mit der Vernunft hat, insofern als die Liebe in anderen Menschen sich selbst findet oder vielmehr sich selbst vergessend sich aus seiner Existenz heraussetzt, gleichsam in anderen lebt, empfindet und tätig ist - so wie Vernunft, als Prinzip allgemein geltender Gesetze, sich selbst wieder in jedem vernünftigen Wesen erkennt, als Mitbürgerin einer intelligiblen Welt. Der empirische Charakter der Menschen wird zwar von Lust und Unlust affiziert, [aber] Liebe, wenn es schon ein pathologisches Prinzip des Handelns ist, ist uneigennützig, sie handelt nicht darum gut, weil sie berechnet hat, daß Freuden, die aus ihren Handlungen entspringen, unvermischter und länger dauernd sind, als die der Sinnlichkeit oder die aus der Befriedigung irgendeiner Leidenschaft entspringen - es ist also nicht das Prinzip der verfeinerten Selbstliebe, wo das Ich am Ende immer der letzte Zweck ist.
1/30 Zur Aufstellung von Grundsätzen taugt der Empirismus freilich schlechterdings nicht; aber wenn davon die Rede ist, wie man auf die Menschen zu wirken hat, so muß man sie nehmen, wie sie sind, und alle guten Triebe und Empfindungen aufsuchen, wodurch wenn auch nicht unmittelbar seine Freiheit erhöht, doch seine Natur veredelt werden kann. Bei einer Volksreligion besonders ist es von der größten Wichtigkeit, daß Phantasie und Herz nicht unbefriedigt bleiben, daß die erste mit großen, reinen Bildern erfüllt und in dem letzteren die wohltätigeren Gefühle geweckt werden. Daß beide eine gute Richtung erhalten, ist um so wichtiger bei der Religion, deren Gegenstand so groß, so erhaben ist, wo beide sich zu leicht selbst Wege bahnen oder sich irreleiten lassen, entweder daß das Herz, durch falsche Vorstellungen und seine eigene Bequemlichkeit verführt, sich an Außendinge hängt oder in niedrigen, falschdemütigen Gefühlen Nahrung findet und damit Gott zu dienen glaubt, - oder daß die Phantasie Dinge als Ursache und Wirkung verknüpft, deren Aufeinanderfolge bloß zufällig ist, und sich gegen die Natur außerordentliche Wirkungen verspricht. Der Mensch ist ein so vielseitiges Ding, daß sich alles aus ihm machen läßt; das so mannigfaltig verflochtene Gewebe seiner Empfindungen hat so vielerlei Enden, daß alles - geht’s nicht von dem einen, so geht’s von anderen - sich daran anknüpfen läßt. Daher ist er des törichtesten Aberglaubens, der größten hierarchischen und politischen Sklaverei fähig gewesen. - Diese schönen Fäden der Natur dieser gemäß in ein edles Band zu flechten, muß vornehmlich Geschäft der Volksreligion sein.
Volksreligion unterscheidet sich von Privatreligion vornehmlich dadurch, daß der Zweck jener, indem sie mächtig auf Einbildungskraft und Herz wirkt, der Seele überhaupt die Kraft und den Enthusiasmus, - den Geist einhaucht, der zur großen, zur erhabenen Tugend unentbehrlich ist. Die Ausbildung des Einzelnen, seinem Charakter gemäß, die Belehrung über Kollisionsfälle der Pflichten, die besonderen Beförderungsmittel der Tugend, Trost und Aufrichtung in einzelnen Leiden und Unglücksfällen müssen der Privatreligion zur Bildung überlassen werden; und daß sie nicht zu einer öffentlichen Volksreligion qualifizieren, erhellt daraus:
1/31 a) Die Belehrung über Kollisionsfälle der Pflichten; diese sind so mannigfaltig, daß ich mir dabei entweder nur durch den Rat rechtschaffener und erfahrener Männer oder durch die Überzeugung, daß Pflicht und Tugend der höchste Grundsatz sind - die vorher allenfalls durch die öffentliche Religion fest und Maxime meiner Handlung zu werden fähig geworden ist -, für mein Gewissen befriedigend herauszuhelfen vermag: öffentlicher Unterricht wie Unterricht über Moral - wovon oben - [ist] zu trocken, und so wenig als sie wird er es vermögen, daß das Gemüt in dem Augenblicke des Handelns sich von feinen kasuistischen Regeln bestimmen lasse; oder es würde eine ewige Skrupulosität erzeugt, die der zur Tugend erforderlichen Entschlossenheit und Kraft ganz entgegen ist.
b) Wenn die Tugend kein Produkt der Lehre und des Geschwätzes ist, sondern eine Pflanze, die, obzwar mit gehöriger Pflege, doch aus eignem Trieb und eigner Kraft gebildet wird, so verderben die vielerlei Künste, die man erfunden haben will, um Tugend wie in einem Treibhaus hervorzubringen, und wo es gleichsam nicht soll fehlen können, mehr am Menschen, als wenn man ihn verwildern läßt.11) Der religiöse öffentliche Unterricht bringt es seiner Natur nach mit sich, daß nicht nur der Verstand über die Idee von Gott, unser Verhältnis zu ihm aufgeklärt wird, sondern daß man auch sucht, alle anderen Pflichten aus den Verbindlichkeiten, die wir [gegen] Gott haben, abzuleiten und uns jene desto eindringlicher zu machen, sie als desto bindender vorzustellen. Allein diese Ableitung hat schon etwas Gesuchtes, etwas weit Hergeholtes, es ist eine Verbindung, wo bloß der Verstand den Zusammenhang einsieht, der oft sehr erkünstelt ist und wenigstens dem gemeinen Menschensinn nicht einleuchtet; und es ist gewöhnlich, je mehr Beweggründe man für eine Pflicht anführt, desto kälter wird man gegen sie.
1/32 c) Der einzige wahre Trost im Leiden (für Schmerzen gibt es keinen Trost - denen ist nur Stärke der Seele entgegenzusetzen) ist Vertrauen auf die Vorsehung Gottes, alles andere ist leeres Geschwätz, das vom Herzen abgleitet.
Wie muß Volksreligion beschaffen sein? (Volksreligion ist hier objektiv genommen.)
a) In Ansehung der objektiven Lehren
b) in Ansehung der Zeremonien.
II. Phantasie, Herz und Sinnlichkeit müssen dabei nicht leer ausgehen.
III. Sie muß so beschaffen sein, daß sich alle Bedürfnisse des Lebens, die öffentlichen Staatshandlungen daran anschließen.
Den Fetischglauben - worunter besonders auch der in unserem wortreichen Zeitalter häufig ist, daß man der Forderung der Vernunft durch Tiraden über Aufklärung u. dgl. Genüge geleistet zu haben glaubt; daß man sich über dogmatische Lehren ewig in den Haaren liegt und indessen weniger an sich oder anderen etwas bessert.
I.
1/33 Die Lehren müssen notwendig, auch wenn ihre Autorität auf einer göttlichen Offenbarung beruht, so beschaffen sein, daß sie eigentlich durch die allgemeine Vernunft der Menschen autorisiert sind, daß ihre Verpflichtung jeder Mensch einsieht und fühlt, wenn er darauf aufmerksam geworden ist, - denn außerdem, daß solche Lehren, die entweder uns ein besonderes Mittel, Gottes Wohlgefallen zu erlangen, anzugeben oder sonst irgend besondere höhere Kenntnisse, nähere Aufschlüsse über unerreichbare Gegenstände, und zwar zum Behuf der Vernunft, nicht bloß der Phantasie, uns zu verschaffen versprechen, - außerdem, daß sie früher oder später ein Gegenstand des Angriffs von denkenden Männern und ein Gegenstand des Streits werden, wobei immer das praktische Interesse verlorengeht oder wegen des Streits genaue, intolerante Symbole aufgestellt werden, so werden sie gewiß, weil ihre Verknüpfung mit den wahren Bedürfnissen und Forderungen der Vernunft immer unnatürlich bleibt und sie, wenn dennoch diese Verbindung durch Gewohnheit ganz fest geworden ist, leicht zu Mißbräuchen Anlaß geben, niemals im Gefühl die Wichtigkeit eines reinen, echten, auf Moralität unmittelbar sich beziehenden praktischen Moments erlangen.
Diese Lehren müssen aber auch einfach sein, und wenn es Wahrheiten der Vernunft sind, so sind sie eben deswegen einfach, weil sie alsdann weder eines Apparats von Gelehrsamkeit, noch eines Aufwands von mühsamen Beweisen bedürfen: und durch diese Eigenschaft, daß sie einfach sind, werden sie um so mehr Kraft und Nachdruck auf das Gemüt, auf die Bestimmung des Willens zu Handlungen ausüben und so konzentriert weit mehr Einfluß, weit mehr Anteil an der Bildung eines Volksgeistes haben, als wenn die Gebote gehäuft, künstlich geordnet sind und eben deswegen immer vieler Ausnahmen bedürfen.
1/34 Diese allgemeinen Lehren müssen zugleich menschlich sein - eine große und schwere Forderung -, und zwar so menschlich, daß sie der Geisteskultur und der Stufe von Moralität angemessen sind, auf der ein Volk steht. Gerade einige der erhabensten und für die Menschen interessantesten Ideen qualifizieren sich wohl schwerlich dazu, allgemein als Maximen aufgenommen zu werden - sie scheinen wohl nur das Eigentum weniger geprüfter, durch lange Erfahrung zur Weisheit durchgedrungener Menschen zu sein, in denen sie zum festen Glauben, zur gerade in den Lagen, wo er aufrichten soll, nicht zu erschütternden Überzeugung geworden sind. Von der Art ist besonders der Glaube an eine weise und gütige Vorsehung, mit dem, wenn er lebendig, rechter Art [ist], gänzliche Ergebenheit in Gott verbunden ist.
Diese Lehre, sosehr sie und alles, was mit ihr zusammenhängt, Hauptlehre in der christlichen Gemeinde ist, indem alles, was darin vorgetragen wird, sich auf die unerschwingliche Liebe Gottes reduziert, auf die alles hinausläuft, ferner uns jahraus, jahrein Gott als immer nahe und gegenwärtig, alles, was um uns vorgeht, bewirkend vorgestellt wird; sosehr dies nicht bloß als mit unserer Moralität und dem, was uns am heiligsten ist, im notwendigsten Zusammenhang stehend vorgestellt wird, sondern auch durch häufige Versicherungen Gottes selbst, durch andere Fakta, die uns davon unwidersprechlich überzeugen sollen, zur vollsten Gewißheit erhoben wird, - so sehen wir doch durch die Erfahrung bei dem großen Haufen, daß ein Wetterschlag, eine kalte Nacht dies Vertrauen auf die Vorsehung und geduldige Ergebung in den Willen Gottes, die daraus erfolgen sollte, sehr kleinmütig zu machen vermag, daß es überhaupt nur der Anteil eines weisen Mannes ist, sich über Ungeduld, Ärger über fehlgeschlagene Hoffnungen, Mißmut über Unglücksfälle hinwegzusetzen.
Jene so plötzliche Niederschlagung des Vertrauens auf Gott, der schnelle Übergang zur Unzufriedenheit mit ihm wird dadurch um so mehr erleichtert, daß man dem christlichen Pöbel nicht nur von Jugend auf angewöhnt, unaufhörlich zu beten, sondern sie auch immer von der höchsten Notwendigkeit desselben dadurch zu überreden sucht, daß man ihnen gewisse Erfüllung desselben verspricht.
1/35 Ferner hat man der leidenden Menschheit zum Besten von allen Enden und Orten her einen solchen Haufen von Trostgründen, im Unglück zu gebrauchen, zusammengeschafft, daß es einem am Ende leid tun könnte, daß man nicht alle acht Tage einen Vater oder Mutter zu verlieren hat, nicht mit Blindheit geschlagen ist; die Betrachtung hat hier den Gang genommen, daß man mit unglaublichem Scharfsinn physische und moralische Wirkungen aufs weiteste verfolgt und herausgeklügelt hat und, indem man diese als Zwecke der Vorsehung aufstellte, dadurch nähere Einsichten in ihre Pläne mit den Menschen, nicht bloß im allgemeinen, sondern auch im einzelnen erlangt zu haben glaubte.
1/36 Sobald wir aber hierüber uns nicht damit begnügen, voll heiliger Ehrfurcht den Finger auf den Mund zu legen und zu verstummen, so ist nichts gewöhnlicher, als daß der anmaßende Vorwitz sich herausnimmt, ihre Wege auch meistern zu wollen, welcher Hang, zwar nicht beim gemeinen Volk, noch durch die vielen idealischen Ideen, die im Kurs sind, verstärkt wird. Welches alles eben zur Beförderung der Ergebenheit in Gottes Willen und der Zufriedenheit wenig beiträgt. Es möchte sehr interessant sein, den Glauben der Griechen damit zu vergleichen. Bei ihnen lag einerseits der Glaube, daß die Götter dem Guten hold seien und den Bösen der furchtbaren Nemesis anheimstellen, zum Grunde - erbaut auf das tiefe moralische Bedürfnis der Vernunft, lieblich belebt durch den warmen Hauch der Empfindungen, nicht auf die kalte, aus einzelnen Fällen deduzierte Überzeugung, daß alles zum besten gewendet werde, die niemals ins wahre Leben gebracht werden kann; anderseits war Unglück bei ihnen Unglück, Schmerz war Schmerz, - was geschehen war und sich nicht ändern ließ, über dessen Absichten konnten sie nicht grübeln, denn ihre μοιϱα, ihre ἀνάγκαια τύχη war blind, aber dieser Notwendigkeit unterwarfen sie sich dann auch willig mit aller möglichen Resignation und hatten wenigstens den Vorteil, daß man das leichter erträgt, was man von Jugend auf als notwendig anzusehen gewöhnt worden ist, und daß das Unglück zu dem Schmerz, zu dem Leiden, das es gebiert, nicht auch den viel beschwerlicheren - unerträglicheren - Ärger, Mißmut, Unzufriedenheit hervorbringt. Dieser Glaube, da er Achtung vor dem Strome der Naturnotwendigkeit einerseits und zugleich die Überzeugung [ist], daß die Menschen von den Göttern nach moralischen Gesetzen beherrscht werden, scheint menschlich der Erhabenheit der Gottheit und der Schwäche, der Abhängigkeit von der Natur und dem eingeschränkten Gesichtskreis des Menschen angemessen zu sein.
Einfache, auf allgemeine Vernunft gegründete Lehren vertragen sich mit jedem Grad der Volksbildung, und diese wird allmählich jene auch nach ihren Veränderungen modifizieren, obgleich mehr nach dem Außenwerk, mehr was Malerei der sinnlichen Phantasie betrifft.
Diese Lehren, wenn es auf allgemeine Menschenvernunft gegründete Lehren sind, können dabei ihrer Beschaffenheit nach keinen anderen Zweck haben, als teils durch sich selbst, teils durch den damit verbundenen Zauber von mächtig eindringenden Zeremonien nur im Großen auf den Geist des Volks zu wirken, so daß sie sich weder in die Ausübung der bürgerlichen Gerechtigkeit mischen, noch sich eine Privatzensur anmaßen werden, noch werden sie, da auch ihre Formeln einfach, leicht Veranlassung geben, über sie selbst zu streiten, - und da sie nur wenig Positives verlangen und festsetzen, sondern die Gesetzgebung der Vernunft nur formell ist, so ist die Herrschsucht der Priester einer solchen Religion beschränkt.
II.
1/37 Jede Religion, die eine Volksreligion sein soll, muß notwendig so beschaffen sein, daß sie Herz und Phantasie beschäftigt. Auch die reinste Vernunftreligion wird in den Seelen der Menschen, noch mehr des Volks verkörpert, und es wäre wohl gut, um abenteuerliche Ausschweifungen der Phantasie zu verhüten, schon mit der Religion selbst Mythen zu verbinden, um der Phantasie wenigstens einen schönen Weg zu zeigen, den sie sich dann mit Blumen bestreuen kann. - Die Lehren der christlichen Religion sind größtenteils an Geschichte angeknüpft oder dadurch dargestellt, und der Schauplatz ist auf der Erde, wenn auch nicht bloße Menschen dabei handelten; hier ist also der Phantasie ein gut zu erkennendes Ziel vorgestellt, aber doch bleiben noch eine Menge Plätze übrig, wo ihr ein freier Spielraum offensteht und [sie], wenn sie mit schwarzer Galle gefärbt ist, sich eine fürchterliche Welt ausmalen kann, auf der anderen Seite aber leicht ins Kindische fällt, da eigentlich das Liebliche, die schönen aus der Sinnlichkeit geholten Farben durch den Geist unserer Religion ausgeschlossen sind - und wir überhaupt zu sehr Vernunft- und Wortmänner sind, um schöne Bilder zu lieben. Was die Zeremonien betrifft, so ist wohl einerseits keine Volksreligion ohne dieselben gedenkbar, auf der anderen Seite aber wohl nichts schwerer, als zu verhindern, daß sie nicht von dem Pöbel für das Wesen der Religion selbst genommen werden.
Die Religion besteht aus dreierlei, a) Begriffe, b) wesentliche Gebräuche, c) Zeremonien. Sehen wir die Taufe, das Nachtmahl als Ritus an, woran gewisse außerordentliche Wohltaten und Begnadigungen gebunden sind, die uns als Pflichten an sich selbst aufgelegt sind, deren Ausübung uns Christen vollkommener, moralischer macht, so gehören sie zur zweiten Klasse. Sehen wir sie aber bloß als Mittel an, deren Zweck und Wirkung nur Erweckung frommer Empfindungen ist, so gehören sie in die dritte Klasse.
Opfer gehören auch hierher, können aber nur uneigentlich Zeremonien genannt werden, weil sie bei der Religion, mit der sie zusammenhängen, wesentlich sind, zum Gebäude selbst gehören, Zeremonien aber nur die Zieraten, die Formen dieses Gebäudes sind.
Auch die Opfer können von zweierlei Seiten betrachtet werden.
1/38 a) Zum Teil wurden sie den Altären der Götter dargebracht als Sühnopfer, als Ablaß, als Verwandlung der gefürchteten physischen oder moralischen Strafe in eine Geldbuße, als Einschmeichlung in die verlorene Gnade des Oberherrn, des Ausspenders der Belohnungen und Strafen, - wobei in Beurteilungen des Unwerts einer solchen Gewohnheit zwar die Vernunftwidrigkeit und die Verfälschung des Begriffs von Moralität mit Recht gerügt, zugleich aber bedacht werden muß, daß so ganz kraß die Idee des Opfers nirgends (als vielleicht in der christlichen Kirche) in der Tat existiert hat12) , und dann doch der Wert der Empfindungen, die dabei wirkten, wenn sie auch nicht unvermischt waren - der heiligen Ehrfurcht vor dem heiligen Wesen, der demütigenden Niederwerfung, Zerknirschung des Herzens vor ihm, des Zutrauens, daß die belastete, nach Ruhe seufzende Seele zu diesem Anker hintrieb -, nicht ganz verkannt werden muß. Ein Pilger, den die Last seiner Sünden drückt, der Bequemlichkeit, Weib und Kind, seinen vaterländischen Boden verläßt, um barfuß und im härenen Kleid die Welt zu durchwandern, der unwegsame Gegenden sucht, um seinen Füßen Schmerzen zu machen, und mit seinen Tränen die heiligen Orte benetzt, für seinen kämpfenden, zerrissenen Geist Ruhe sucht, in jeder vergossenen Träne, in jeder Büßung, in jeder Aufopferung Linderung findet und bei den Gedanken, hier hat Christus gewandelt, hier ist er für mich gekreuzigt worden, ermuntert wird, wieder etwas Stärke, wieder etwas Zutrauen zu sich selbst empfängt, - sollte ein solcher Pilger mit der Einfalt seines Herzens für den, dem eine solche Stimmung wegen anderer Begriffe seiner Zeit nicht mehr möglich ist, sollte er dann bei uns das Pharisäergefühl: ich bin gescheiter als solche Menschen, in uns erwecken? oder sollten diese heiligen Empfindungen Gegenstand des Spotts für uns werden? Auch solche Büßungen sind von der Art von Opfern, von der ich hier sprach, die aus dem nämlichen Geiste dargebracht werden, als jene Büßungen geschehen.
1/39 b) Eine andere, mildere, einem sanfteren Himmelsstrich entsprossene Gestalt des Opferns ist die wahrscheinlich ursprünglichere und allgemeinere, die sich auf Dankbarkeit und Wohlwollen gründete, wo das Gefühl von einem Wesen, das erhabener ist als der Mensch, das Bewußtsein, daß man ihm alles zu danken hat und daß es das, was man in Unschuld ihm darbringt, nicht verschmäht, und die Gesinnung, bei dem Anfang jedes Unternehmens es zuerst um Beistand anzuflehen, an dasselbe bei jeder Freude, bei jedem erlangten Glück an dasselbe, an die Nemesis vor jedem bescherten Genuß zuerst zu denken, ihm die Erstlinge, die Blume jedes Guten darbringt, dieses Wesen einlädt und hofft, daß es freundlich um den Menschen weilen werde; - die Gesinnung, die ein solches Opfer darbrachte, war entfernt von dem Gedanken an Sünden und [daran,] den verdienten Strafen derselben etwas abgebüßt zu haben, oder sein Gewissen überredete ihn deswegen nicht, die Nemesis sei dadurch befriedigt und habe ihre Ansprüche an ihn deswegen und ihre Gesetze in Herstellung des moralischen Gleichgewichts aufgegeben.
Solche wesentliche Gebräuche der Religion müssen eigentlich mit dieser nicht näher zusammenhängen als mit dem Geist des Volks und aus diesem eigentlich hervorgesproßt sein -sonst ist ihre Ausübung ohne Leben, kalt, kraftlos, die Empfindungen, die man dabei hat, erkünstelt, heraufgepumpt, oder es sind Gebräuche, die der Volksreligion nicht wesentlich sind, aber es für die Privatreligion sein können - so das Nachtmahl nach der Gestalt, die es jetzt unter den Christen hat, ungeachtet [daß] eigentlich seine Bestimmung ein Mahl zum Genuß in Gesellschaft war.
Notwendige Eigenschaften der Zeremonien einer Volksreligion sind:
1/40 a) und vorzüglich, daß sie sowenig als möglich Veranlassung zum Fetischdienste werden können, daß sie [nicht so] beschaffen sind, daß bloß das Werk, der Mechanismus bleibt und der Geist verfliegt. Ihre Absicht muß allein sein, die Andacht, die heiligen Empfindungen zu erhöhen, - und als ein solches reines Mittel, das am wenigsten des Mißbrauchs fähig ist und diese Wirkung hervorbringt, bleibt vielleicht allein die heilige Musik und der Gesang eines ganzen Volkes übrig, vielleicht auch Volksfeste, wo sich Religion einmischen muß.
III.
Sobald eine Scheidewand zwischen Leben und Lehre oder nur Trennung und weite Entfernung beider voneinander ist, so entsteht der Verdacht, daß die Form der Religion einen Fehler habe, - entweder daß sie zuviel mit Wortkrämerei umgeht oder an die Menschen zu große frömmelnde Forderungen macht, ihren natürlichen Bedürfnissen, den Trieben einer wohlgeordneten Sinnlichkeit - της σωφροσύνης - zuwider ist, oder daß beides zugleich der Fall ist. Wenn die Freuden, die Fröhlichkeit der Menschen sich vor der Religion zu schämen haben, wenn von einem öffentlichen Feste sich [der,] der sich lustig machte, in den Tempel schleichen muß, so hat die Form der Religion eine zu düstere Außenseite, als daß sie sich versprechen dürfte, daß man für ihre Forderungen die Freuden des Lebens hingeben würde.
Sie muß um alle Gefühle des Lebens freundlich weilen, sich nicht eindrängen wollen, sondern überall willkommen sein. Wenn Religion aufs Volk soll wirken können, so muß sie ihn freundlich überallhin begleiten, bei seinen Geschäften und ernsteren Angelegenheiten des Lebens wie bei seinen Festen und Freuden ihm zur Seite stehen, - aber nicht so, daß sie sich aufzudrängen schiene oder eine beschwerliche Hofmeisterin würde, sondern daß sie die Anführerin, die Ermunterin sei. Die Volksfeste der Griechen waren wohl alle Religionsfeste, einem Gotte oder einem um ihren Staat wohlverdienten und deswegen vergötterten Menschen zu Ehren. Alles, selbst die Ausschweifungen der Bacchanten waren einem Gotte geheiligt, selbst ihre öffentlichen Schauspiele hatten einen religiösen Ursprung, den sie bei ihrer weiteren Ausbildung nie verleugneten. So vergaß Agathon die Götter nicht, als er durch eine Tragödie den Preis davontrug, - den anderen Tag stellte er den Göttern ein Fest an. Sympos[ion] S. 168 [Steph. 172 D].
1/41 Volksreligion, die große Gesinnungen erzeugt und nährt, geht Hand in Hand mit der Freiheit.
Unsere Religion will die Menschen zu Bürgern des Himmels, deren Blick immer aufwärts gerichtet ist, erziehen, und darüber werden ihnen menschliche Empfindungen fremd. Bei unserem größten öffentlichen Fest naht man sich dem Genusse der heiligen Gabe in der Farbe der Trauer mit gesenktem Blick - beim Fest, das das Fest der allgemeinen Verbrüderung sein sollte, fürchtet mancher vom brüderlichen Kelch durch einen Venerischen, der ihn vor ihm genoß, angesteckt zu werden, und damit ja sein Gemüt nicht aufmerksam, nicht in heiligen Empfindungen erhalten werde, so muß man während dem Aktus das Opfer aus der Tasche langen und auf den Teller legen - während die Griechen, mit den freundlichen Geschenken der Natur, mit Blumen bekränzt, mit Farben der Freuden bekleidet, auf ihren offenen, zur Freundschaft und Liebe einladenden Gesichtern Frohsein verbreitend, sich den Altären ihrer guten Götter nahten.
Geist des Volks, Geschichte, Religion, Grad der politischen Freiheit desselben lassen sich weder nach ihrem Einfluß aufeinander, noch nach ihrer Beschaffenheit abgesondert betrachten, sie sind in ein Band zusammenverflochten - wie von drei Amtsbrüdern keiner ohne den andern etwas tun kann, jeder aber auch vom andern etwas annimmt. Die Moralität einzelner Menschen zu bilden, ist Sache einer Privatreligion, der Eltern, eigener Anstrengung und der Umstände; den Geist des Volks zu bilden, ist zum Teil auch Sache der Volksreligion, zum Teil der politischen Verhältnisse.14)
1/42 Ach, aus den fernen Tagen der Vergangenheit strahlt der Seele, die Gefühl für menschliche Schönheit, Größe im Großen hat, ein Bild entgegen - das Bild eines Genius der Völker, eines Sohns des Glücks, der Freiheit, eines Zöglings der schönen Phantasie. Auch ihn fesselte das eherne Band der Bedürfnisse an die Muttererde, aber er hat es durch seine Empfindung, durch seine Phantasie so bearbeitet, verfeinert, verschönert, mit Hilfe der Grazien mit Rosen umwunden, daß er sich in diesen Fesseln als in seinem Werke, als einem Teil seiner selbst gefällt. Seine Diener waren die Freude, die Fröhlichkeit, die Anmut; seine Seele [war] erfüllt von dem Bewußtsein ihrer Kraft und ihrer Freiheit, seine ernsthafteren Gespielen, Freundschaft und Liebe, [waren] nicht der Waldfaun, sondern der feinempfindende, seelenvolle, mit allen Reizen des Herzens und der lieblichen Träume geschmückte Amor.
1/43 Von seinem Vater, einem Günstling des Glücks und einem Sohn der Kraft, erhielt er zum Erbteil das Vertrauen auf sein Glück und den Stolz auf seine Taten. Seine nachsichtige Mutter, kein scheltendes, hartes Weib, überließ ihren Sohn der Erziehung der Natur, zwang seine zarten Glieder nicht in einengende Windeln, und als gute Mutter folgte sie mehr den Launen, den Einfällen ihres Lieblings, als daß sie dieselbigen eingeschränkt hätte. In Harmonie mit diesen mußte ihn, das Kind der Natur, die Säugamme nicht mit Furcht vor der Rute oder einem Gespenst der Finsternis, nicht mit dem sauersüßen Zuckerbrot der Mystik, das den Magen erschlafft, noch an dem Gängelbande der Worte, das ihn in ewiger Unmündigkeit erhalten hätte, großziehen, zum Jüngling bilden wollen, sondern sie tränkte ihn mit lauterer gesunder Milch reiner Empfindungen - an der Hand der schönen, freien Phantasie schmückte sie mit ihren Blumen den undurchdringlichen Schleier, der die Gottheit unseren Blicken entzieht, bevölkerte und zauberte sich hinter demselben lebendige Bilder, auf die er die großen Ideen seines eigenen Herzens mit der ganzen Fülle hoher und schöner Empfindungen übertrug. - Wie die Amme bei den Griechen Hausfreundin war und Freundin des Zöglings ihr ganzes Leben hindurch blieb, so blieb sie immer seine Freundin, der er unverdorben seinen freien Dank, freie Liebe darbringt, [sie] teilt als gesellige Freundin seine Freuden, seine Spiele, und [er] wird in seinen Freuden nicht von ihr gestört, sie behält ihre Würde dabei aufrecht, und sein eigenes Gewissen straft jede Vernachlässigung derselben, sie erhält ihre Herrschaft auf immer, denn sie ist auf Liebe, auf Dankbarkeit, auf die edelsten Gefühle ihres Zöglings gebaut - ihrem Schmucke schmeichelte sie, gehorchte der Laune seiner Phantasie, aber sie lehrte ihn die eiserne Notwendigkeit ehren, sie lehrte ihn diesem unabänderlichen Schicksal ohne Murren folgen.
1/44 Wir kennen diesen Genius nur vom Hörensagen, nur einige Züge von ihm, in hinterlassenen Kopien seiner Gestalt, ist uns vergönnt, mit Liebe und Bewunderung zu betrachten, die nur ein schmerzliches Sehnen nach dem Original erwecken. Er ist der schöne Jüngling, den wir auch in seinem Leichtsinn lieben, mit dem ganzen Gefolge der Grazien, mit ihnen der balsamische Atem der Natur, die Seele, die, von ihnen eingehaucht, er aus jeder Blume sog, - er ist von der Erde entflohen.15)
2.
16) Man lehrt unsere Kinder Tischgebete, Morgen- und Abendsegen -
Unsere Tradition - Volksgesänge usw. Es ist kein Harmodios, kein Aristogeiton, die ewiger Ruhm begleitete, da sie den Tyrannen schlugen und gleiche Rechte und Gesetze gaben ihren Bürgern, die in dem Munde unseres Volks, in seinen Gesängen lebten.
Was sind die Geschichtskenntnisse unseres Volks? [Eine] eigentümliche, vaterländische Tradition fehlt ihm, das Gedächtnis, die Phantasie ist mit der Urgeschichte der Menschheit, mit der Geschichte eines fremden Volks, den Taten und Untaten ihrer Könige angefüllt, die uns nichts angehen - und der Witz übt sich so gut an ihren Lächerlichkeiten als der Witz eines Aristophanes an seinen Göttern.
1/45 Nicht zu leugnen sind die verkehrten und unmoralischen Begriffe der Juden von dem Zorn, der Parteilichkeit, dem Hasse gegen andere Völker, der Intoleranz ihres Jehova, - Begriffe, die leider in die Praxis und Theorie der christlichen Religion übergegangen sind und zuviel Schaden angerichtet haben, als daß man nicht wünschen sollte, daß sie in einer menschenfreundlicheren Religion ihren Ursprung gehabt oder weniger von ihr angenommen hätte. Und wir haben es nicht ihren Priestern, sondern der Philosophie, von welchen [sc. den Priestern] sie deswegen gehaßt wurde, und dem milderen Licht unserer Zeiten zu danken, daß ihre düstere Zanksucht, ihre Intoleranz und ihr Eigendünkel abgenommen hat. Indem die Champions der Orthodoxie sie gegen die Riesen, von denen sie angegriffen wurde, verteidigten, nahmen sie allmählich selbst von ihren Begriffen an, und der einzige Ausweg, die Hauptfestung zu retten, war, die unhaltbaren Außenwerke aufzugeben und, um doch nichts dem Ruhm zu vergeben, hintennach zu sagen, man habe diese zu verteidigen nicht im Sinne gehabt, wie der General, der am Abend das Schlachtfeld noch innegehabt und die blasenden Postillone seinen Sieg in der Hauptstadt verkündigen ließ, zwar dem Pöbel dabei imponiert, der es glaubt und Te deum anstimmt, dabei doch oft nicht der eigentliche Sieger ist, sondern durch die folgende Räumung der Gegend sich verrät; so hat auch die Theologie nicht Wort gehabt, sondern der Unterschied ihrer Kompendien nach 10-20 Jahren.
Willst du aber vollkommen sein, so verkaufe, was du hast, und gib deine Habe den Armen, sagte Christus zu dem Jüngling. Dieses Bild der Vollkommenheit, das Christus aufstellt, trägt in sich selber den Beweis, wie sehr Christus bei seinem Unterricht nur die Bildung und Vollkommenheit des einzelnen Menschen vor Augen hatte und wie wenig es sich auf eine Gesellschaft im Großen ausdehnen läßt.
1/46 Die Gegner des Christentums haben die Verdorbenheit der Christen, besonders der Geistlichkeit als Beweis gegen ihre Wahrheit und Wohltätigkeit sehr beißend und zum Teil bitter ausgeführt; die Verteidiger desselben geben dies für den schwächsten, obzwar glänzenden Angriff aus, - doch wenn sie so wirkend [ist], sollte sich doch ihr Hauptwesen nicht verkennen lassen; moralische Besserung [findet sich] am wenigsten bei denen, deren Geschäft es ist, sie von Jugend auf immer zu überlegen. Ihre Ausrede ist immer, die christliche Religion sei verkannt worden, doch hatten sie die Bibel so gut als wir; sie geben zu verstehen, es habe nur an ihrem Kompendium gefehlt, wenn das herausgewesen wäre, so wäre alles anders gegangen. Hat sie sich dem Despotismus widersetzt? - wie lang ist es denn, daß sie sich dem Sklavenhandel widersetzt? es gehen ihre Priester mit den Schiffen nach Guinea, - oder dem Menschenhandel? man schickt Feldprediger mit, - den Kriegen? dem Despotismus aller Art? Die Künste, die Aufklärung haben unsere Moral gebessert, hintennach sagt man, die christliche Religion habe dies getan, ohne sie hätte die Philosophie ihre Grundsätze nicht gefunden.
Wenn die Vernunft das Gebäude von Begriffen, das sie aus dem Geiste des Menschen und der Erfahrung von Jahrhunderten geschöpft hat, mit Selbstgefälligkeit und Freude an ihrem Werke aufstellt und gegen die, die das Privilegium dieser Wahrheiten zu haben vermeinen, großtut und sich selbst genugsam zeigt, daß sie ihrer Quelle entbehren kann, so ist jener Vorgeben, als ob sie das Bauzeug doch hergegeben hätten und schon längst vor jenen Entdeckungen ebensoviel, ja noch mehr gewußt und noch jetzt wissen, ebenso eitel, als wenn sich ein Landjunker gegen Newton gerühmt hätte, er habe schon in seinem fünften Jahr Äpfel von den Bäumen fallen gesehen und schon damals gewußt, daß die Sonne nicht auf die Erde falle. Wo hat man vor einer glücklichen Veränderung in dem Gange der wissenschaftlichen Kultur eine Veränderung in den Religionsbegriffen vorhergehen gesehen, von welcher jene bewirkt worden wäre? Hat nicht vielmehr Erweiterung der Wissenschaften, der Prüfungsgeist in denselben Aufklärung der theologischen Begriffe immer erst nach sich gezogen, und zwar unter der möglichsten Entgegenstimmung der Verwahrer dieser Begriffe?
3.
1/47 17) Außer dem mündlichen Unterricht, der immer nur einen sehr eingeschränkten Wirkungskreis hat, sich nur auf die erstreckt, die die Natur zunächst mit uns verbunden hat, ist die einzige Wirkungsart im Großen [die] durch Schriften; hier stellt sich der Belehrer auf eine unsichtbare Kanzel vor das ganze Publikum, und weil er nicht gesehen wird, so hat er hier das Herz, demselben von seinem moralischen Verderben die grellsten Gemälde aufzustellen, und geht sowenig schonend mit ihm um, als er sonst kaum gegen den verachtetsten Menschen einen Ton annehmen würde; man hat wohl schwerlich je gesehen, daß, wenn es nicht amtshalber geschah, ein Moralist je nur die Hälfte von dem, was er dem ganzen nach Stand und Würden hochgeehrten Publikum ins Gesicht sagt - unaufgerufen, bloß getrieben von innerem Gefühl eines Berufs, die Menschen zu bessern -, dem Kreis von Menschen vorzuhalten das Herz hatte, aus dem er doch, wenn sein Gemälde nicht anders bloße Radotage und seine Mittel dagegen bloße theoretische Quacksalbereien sind, die Züge dazu abstrahiert hatte. Wie sich überhaupt die Art des Unterrichts immer nach dem Genie und dem Ton richten muß, mit dem man bei einem Volk ankommen kann, so finden wir auch hier die Manier verschieden. Sokrates, der in einem republikanischen Staat lebte, wo jeder Bürger mit dem andern frei sprach, wo aber eine feine Urbanität im Umgang der Anteil selbst fast des niedrigsten Pöbels war, stieg den Leuten so in der Konversation auf die unbefangenste Art in der Welt aufs Dach, und ohne den didaktischen Ton, ohne den Anschein, belehren zu wollen, fing er eine gewöhnliche Konversation an und führte auf die feinste Art zu einer Lehre, die sich von selbst gab und auch einer Diotima nicht aufdringend scheinen konnte. Die Juden hingegen waren es schon gewohnt, von ihren Voreltern her, durch ihre Nationaldichter auf eine rauhere Art haranguiert zu werden, schon aus ihren Synagogen her waren ihre Ohren an die moralischen Predigten und einen direkten Ton der Belehrung, von ihrer Schriftgelehrten und Pharisäer Zänkereien an eine derbere Widerlegungsart der Gegner [gewohnt], und also von einem, der auch nicht gerade Pharisäer oder Sadduzäer war, klang ihnen eine Anrede wie “Ihr Schlangen und Otterngezüchte” eben nicht so hart, wie es griechischen Ohren geklungen hätte.
1/49 Man sollte glauben, ein Mensch könne immer, auch bei den besten Anlagen und der vortrefflichsten Erziehung, sein ganzes Leben hindurch nie aufhören, an seiner intellektuellen und moralischen Vollkommenheit fortzuarbeiten, und ein unbefangener dabei tätiger Mann habe in den mancherlei Verhältnissen, worein er teils durch den Zufall mit andern Menschen gesetzt ist, teils worein ihn seine eigene Tätigkeit, immer noch etwas zu lernen, bringt, könne nie leicht mit sich fertig werden oder glauben, es zu sein, und dies um so mehr bei den verwickelten Verhältnissen unseres bürgerlichen Lebens, wo sich oft selbst die entschiedenste Rechtschaffenheit in einer zweideutigen Kollision von Pflichten, z. B. häufig zwischen Billigkeit und Mitleid im einzelnen und allgemeinen Prinzipien von Gerechtigkeit oder wenigstens von verjährten Rechten, finden wird - und wo die Klugheit um so mehr aus Pflicht vorsichtig sein muß, wenn sie nicht ihre eigenen Angelegenheiten besorgt, sondern im Größeren oder im Kleineren einen Zweig des Wohlstands von einer größeren Menge Menschen zu befördern mithilft. Daher auch schon mancher gewissenhafte Nathanael, um seinem Herzen nicht Gewalt antun zu müssen oder um sich die Verlegenheiten zu ersparen, sich lieber ganz aus diesen Verhältnissen herauszusetzen vorgezogen hat; denn je mannigfaltiger die Verhältnisse, desto mannigfaltiger die Pflichten, und also je einfacher jene, desto einfacher auch diese, und es kostet gewöhnlich mehr Überwindung herauszutreten als gar nicht hineinzugehen - so wie es leichter ist, sonstige Bedürfnisse zu entbehren, als ihnen freiwillig zu entsagen. Ein Diogenes also, dessen Temperament mit einer Handvoll Wasser und einem schlechten Stück Brot vorliebnehmen kann und dessen Ehrgeiz nicht durch einen Purpur, wohl aber durch einen zerrissenen Mantel befriedigt [ist], der also weder als Freund, noch als Vater, noch durch seinen Erwerb weiter keine großen Pflichten gegen andere hat, als sie nicht zu schlagen und - wozu er nicht leicht Versuchung haben kann - nicht zu stehlen, der hat es sich leicht gemacht, ein vollkommner moralischer Mann zu sein, und sogar eine Art von Recht erworben, ein großer Mann zu heißen, er hat Zeit und Weile genug, nun auch an anderen zu arbeiten.
Unter den Römern ist kein Christus, kein Sokrates aufgestanden; kein Römer zu den Zeiten ihrer Stärke, wo nur eine Tugend galt, konnte verlegen sein zu wissen, was er zu tun hatte - es gab nur Römer in Rom, keine Menschen; in Griechenland hingegen wurden die studia humanitatis, menschliche Empfindungen, menschliche Neigungen und Künste geschätzt, und es gab der Abwege mehrerlei von der Natur, auf die es einem Sokrates oder sonstigen Weisen einfallen konnte zurückzuführen - Abweichung von der römischen Natur war Staatsverbrechen. Wo Menschen irgendeine Linie der Vollkommenheit festgesetzt und Tugend an etwas Objektives geknüpft haben, in dessen Dienst die Leidenschaften selbst Tugenden werden können, da ist es leichter zu beurteilen, was sich ihr nähert oder von ihr abweicht, als es da ist, wo ein höheres Interesse stattfindet und in dem Gedränge mannigfaltiger kollidierender Pflichten - oder in der Erstarkung menschlicher Neigungen und Pflichten - Tugend und die Grenze, bis wohin Natur sich der Vernunft unterwerfen soll, unendlich schwerer zu unterscheiden ist.
1/50 Christus hatte zwölf Apostel, die Zahl Zwölf war eine feste, bleibende Zahl, - der Jünger [hatte er] mehrere, aber die Apostel waren die, die seines vertrauten Umgangs genossen, die sich aller anderen Verhältnisse entschlagen hatten und nur seinen Umgang, seinen Unterricht genossen, ihm soviel als möglich in allem ähnlich zu werden sich bestrebten - sich durch die Länge der Zeit, des Unterrichts und seines lebendigen Beispiels seines Geists zu bemächtigen suchten; und wie eingeschränkt jüdisch, wie ganz irdisch anfangs ihre Erwartungen, Hoffnungen, Ideen waren, und wie langsam sie ihren Blick und ihr Herz von einem jüdischen Messias und Stifter eines Reichs, wo General- und Hofmarschallstellen zu vergeben sein würden, und von dem Eigennutz, der zuerst an sich denkt, nicht erheben, nicht erweitern konnten zu dem bloßen Ehrgeiz, ein Mitbürger des Reichs Gottes zu werden! Es genügte dem Christus nicht, Jünger zu haben wie Nathanael, Joseph von Arimathia, Nikodemus u. dgl., d. h. mit Männern von Geist und vortrefflichem Herzen Gedankenkorrespondenzen gehabt zu haben, etwa einige neue Ideen, einige Funken in ihre Seele geworfen zu haben, die, wenn das Zeug, wo sie hinfallen, nicht gut ist, [nicht] selbst Brennstoff enthält, ohnedem verloren sind, - solche Männer, teils glücklich und zufrieden abends im Schoße ihrer Familie und nützlich-tätig in ihrem Wirkungskreise, teils bekannt mit der Welt und ihren Vorurteilen, daher tolerant gegen sie, obzwar streng gegen sich, wären für die Anforderung, eine Art von Abenteurer zu werden, nicht empfänglich gewesen. Christus sagt, das Reich Gottes zeigt sich nicht mit äußerlichen Gebärden; es scheint also, seine Schüler haben ihn bei dem Befehl: Gehet hin in alle Welt usw. und taufet sie, insoweit mißverstanden, daß sie diese Taufe, ein äußeres Zeichen, für allgemein notwendig hielten, welches um so schädlicher ist, da Unterscheidung durch äußere Zeichen Sektiererei, Entfernung von anderen nach sich zieht - [wie] überhaupt der Unterschied durch das Moralische dadurch, daß ihm noch ein anderer Unterschied zugegeben wird, geschwächt [wird], gleichsam schon von seiner Beleuchtung verliert. Christus sagt: wer da glaubet, es heißt aber nicht gerade: wer an mich glaubet - es sei nun darunter zu verstehen oder nicht, so nahmen es die Apostel einmal so, und das Schiboleth ihrer Freunde, der Bürger ihres Reichs Gottes war nicht: Tugend, Rechtschaffenheit, sondern: Christus, Taufe usw. - Wär ihr Christus nicht ein so guter Mann gewesen - s. Nathan [II, 1].
1/51 Sokrates hatte Schüler von allerlei Art; oder vielmehr er hatte keine - er war nur Lehrer und Meister, wie jeder durch sein Beispiel der Rechtschaffenheit und durch vorzügliche Vernunft sich auszeichnende Mann es für jeden ist. Wenn man ihn schon nicht vom Katheder oder von einem Berg herunter predigen hörte - wie hätte es überhaupt einem Sokrates in Griechenland einfallen sollen zu predigen, er ging darauf aus, die Menschen zu belehren, [sie] über das, was ihr höchstes Interesse erwecken soll, aufzuklären und dafür zu beleben, er ließ sich für seine Weisheit nicht bezahlen, er jagte ihr zuliebe sein unfreundliches Weib nicht aus dem Hause, daß er nichts mit ihr hätte zu schaffen haben wollen, sondern blieb ohne Widerwillen, seiner Weisheit unbeschadet in den Verhältnissen als Mann, als Vater.
1/52 Die Zahl seiner näheren Freunde war unbestimmt, der 13., 14. usw. war ihm ebenso willkommen als die vorhergehenden, wenn er ihnen nur an Geist und Herz gleich war. Sie waren seine Freunde, seine Schüler, so doch, daß jeder für sich blieb, was er war, daß Sokrates nicht in ihnen lebte, nicht das Haupt war, von dem sie als Glieder den Lebenssaft erhielten. Er hatte keinen Model, in den er seine Charaktere gießen wollte, keine Regel[n], nach denen er ihre Verschiedenheiten hätte ausgleichen wollen - dazu wären ihm nur kleine Geister zu Gebote gestanden, deren er sich zwar annahm, aber die gerade nicht seine intimsten Freunde wurden -, es war ihm nicht daran gelegen, sich ein kleines Korps zu seiner Leibwache in gleicher Uniform, gleichem Exerzitium, gleicher Parole, die zusammen nur einen Geist hätten, zurechtzuhobeln, die dann auf immer seinen Namen getragen hätten - daher hat es zwar Sokratiker, aber nie keine Zunft gegeben, die wie die Maurer an Hammer und Kelle wären zu unterscheiden gewesen. Jeder seiner Schüler war Meister für sich; viele stifteten eigene Schulen, mehrere waren große Generale, Staatsmänner, Helden aller Art - nicht von einem, demselben Schlag, jeder in einem eigenen Fach, nicht Helden im Martyrtum und Leiden, sondern im Handeln und im Leben. Außerdem blieb Fischer, wer Fischer war, keiner sollte Haus und Hof verlassen - er fing bei jedem von seinem Handwerk an und führte ihn so von der Hand zum Geist, von einer Sache, wo jeder zu Haus kam, mit dem er sich unterhielt, er entwickelte aus der Seele des Menschen Begriffe, die darin lagen und nichts weiter brauchten als eine Hebamme: er gab niemand Veranlassung zu sagen: Wie - ist dies nicht der Sohn des Sophroniskos? Woher kommt ihm solche Weisheit, daß er sich unterfängt, uns zu lehren? Er beleidigte niemand durch Großtun mit seiner Wichtigkeit oder durch mysteriöse, hohe Redensarten, die nur Unwissenden und Leichtgläubigen imponieren mögen - er wäre [sonst] unter den Griechen ein Gegenstand des Lachens geworden.
1/53 Vor seinem Tode - er starb als Grieche, der dem Äskulap einen Hahn opferte, nicht wie Maupertuis in einer Kapuzinerkutte starb, nicht wie ihr kommuniziert - vor seinem Tode also sprach er mit seinen Jüngern über die Unsterblichkeit der Seele, wie ein Grieche spricht zur Vernunft und zur Phantasie, - er sprach so lebendig, er zeigte ihnen diese Hoffnung in seinem ganzen Wesen so nahe, so überzeugend, die Prämissen zu diesem Postulate hatten sie in ihrem ganzen Leben gesammelt. Diese Hoffnung - es widerspricht der menschlichen Natur und dem Vermögen ihres Geistes, daß uns so viel gegeben werden könnte, daß sie zur Gewißheit werden sollte - belebte er bis zu dem Punkte, als der menschliche Geist, seinen sterblichen Gefährten vergessend, sich herausheben kann, - daß, wenn es auch sein sollte, daß er ein Geist aus seiner Gruft stiege und uns Meldung täte von der Vergelterin18) , daß er uns mehr zu hören gäbe als die Tafeln Mosis und die Orakel der Propheten, die wir im Herzen haben, - daß, wenn dies den Gesetzen der menschlichen Natur zuwider doch hätte sein dürfen, er nicht nötig gehabt hätte, sie durch Auferstehung zu stärken - nur in ärmlichen Geistern, die die Prämissen zu dieser Hoffnung, d. i. die Idee der Tugend und des höchsten Guts nicht in sich lebend haben, ist auch die Hoffnung der Unsterblichkeit schwach. Er hinterließ keine maurerischen Zeichen, keinen Befehl, seinen Namen zu verkündigen, keine Methode, der Seele auf das Dach zu steigen und Moralität in sie einzugießen - das ἀγαθόν ist mit uns geboren, etwas, das nicht eingepredigt [werden kann]. Zur Fertigkeit im Guten die Menschen zu bringen, zeigte er keinen Umweg (über duftende, den Kopf angreifende Blumen19) ), der über ihn gehen sollte, - wo er der Mittelpunkt, gleichsam die Hauptstadt wäre, in die man mühsam reisen und daraus die gnädigst erteilte Nahrung heimzutransportieren und in Zinsen zu legen hätte, keinen ordinem salutis, wo jeder Charakter, jeder Stand, jedes Alter, jedes Temperament gewisse Stationen des Leidens, gewisse Seelenzustände durchzumachen hätten, sondern er klopfte gleich an der rechten Pforte an, ohne Mittler, führte nur den Menschen in sich selbst hinein, wo er nicht einem wildfremden Gast, [einem] Geiste Wohnung bereiten sollte, der aus fernem Lande ankommen würde, sondern er sollte nur besser Licht und Raum seinem alten Hausherrn machen, den die Menge der Geiger und Pfeifer in [ein] altes Dachkämmerlein sich zurückzuziehen genötigt hätten.
4.
1/54 20) Die Staatsverfassungen, Gesetzgebungen und Religionen der Völker tragen lange noch Spuren ihres ursprünglichen kindlichen Geistes an sich, auch wenn dieser schon längst verflogen ist. Lange ist noch die Gewalt in den Händen eines Einzigen, von dem eine Familie als von ihrem Vater sie mit Kindessinn ausüben ließ - wenn das Volk längst aufgehört hat, eine Familie, und der Fürst, ein Vater zu sein. In Ansehung der Staatsverfassung und Gesetzgebung fühlten die Völker bald, sowie sie sich ein wenig ausdehnten, daß ihr kindliches Vertrauen mißbraucht wurde, und schränkten durch bestimmte Gesetze den bösen oder guten Willen ihrer Machthaber ein. Der kindliche Geist in den Religionen hat sich länger erhalten, und diese tragen immer Spuren desselben an sich, wenn in den Staaten lange schon keinem mehr Gutes zugetraut wird, als ihm zu tun erlaubt oder befohlen ist.
Dieser Kindessinn in der Religion sieht Gott als einen mächtigen Herrn an, der im übrigen Neigungen, Leidenschaften, auch gar Launen hat - Gott ruht aus -, wie die Herrscher unter Menschen, und [der] also nicht immer nach der Regel des Rechts straft oder glücklich macht, bei dem man sich also einschmeicheln kann, gegen den man mehr Furcht, höchstens Ehrfurcht [empfindet], als [man ihm] Liebe weiht, dem [man] wie vor alters und noch jetzt den Fürsten des Orients - wie noch jetzt die Unschuld ihren Gönnern oder Freunden - von den guten Gaben, die die Natur dem Menschen gibt - der Frohsinn und die Zufriedenheit -, etwas darbeut, oft das Schönste, das Frühste als freiwilligen Tribut des Zutrauens und der Freude zurücklegt; - den die Phantasie hier oder dort näher glaubt, der ihr hier oder da um gute, ehrwürdige Menschen, um die Hütten der Unschuld - einer Baucis - lieber zu verweilen dünkt, und der [ihr] diese Örter, diese Menschen heiliger, ehrwürdiger - σεμνοί, πελώϱιοι - scheinen [läßt]; - der dem kindlichen Verstand in Wettern, Überschwemmungen, Pest usw., im Wogen des Meers, im Drohen der Felsen - ebenderselbe oder mehrere - unmittelbarer zu wirken scheint; - und auf den die kindliche Einbildungskraft die Geschäfte und Verhältnisse des menschlichen Lebens überträgt.21)
1/55 Dieser Kindessinn hat den religiösen Einrichtungen und Gebräuchen und Vorstellungen (besonders Opfer - Gebet und Abbüßung) den Ursprung gegeben, die der Vernunft oft bizarr und lächerlich, oft verabscheuenswürdig - und das am meisten, wenn sie sieht, daß Herrschsucht die guten Herzen der Menschen dabei betrogen -, immer unwürdig scheinen, dem Geist aber und der Phantasie, die sich in jenen Sinn zurücksetzt, oft lieblich, oft erhaben, gar oft im höchsten Grad rührend sind. Sie werden durchs Herkommen geheiligt, fortgepflanzt; das Interesse vieler Menschen verwickelt sich außerdem so mannigfaltig darein, daß die größte Ausartung einesteils und die Fortschritte der Vernunft andererseits dazu gehören, um unter gewaltigen Erschütterungen ein solches System, das in die allgemeine Gewohnheit verwebt ist, zu verbannen. Je mehr auf einer Seite der Geist verfliegt, der ursprünglich in diesen Einrichtungen hauchte, und die heiligen Gebräuche und Übungen alsdann zu einer Last werden, die die Frömmigkeit vorher nicht fühlte, und auf der anderen Seite die Vernunft mehr Boden gewinnt, desto näher sind jene Gebräuche sicherem Sturze. - Mit der Vernunft, die Handlungen der Pflicht fordert, unvertragbar ist sowohl die Frömmigkeit, die Gaben und Opfer zu den Tempeln der Gottheit bringt - oder in Abbüßung, Kasteiung, Fasten, langem heftigen Beten ihr Herz erleichtert -, oder die in frommen Gefühlen der Liebe, in mystischen Empfindungen schwelgt. Mit den Fortschritten der Vernunft gehen unaufhaltsam viele Empfindungen verloren, viele sonst rührende Assoziationen der Einbildungskraft werden schwächer, die wir Einfalt der Sitten heißen und deren Gemälde uns erfreut, uns rührt22) , deren Verlust wir oft nicht mit Unrecht bedauern. Spuren davon, geheime Züge, außer denen, die mit jeder menschlichen Neigung, Leidenschaft verknüpft sind, wo der ganz vernünftig sein wollende Mensch bei seiner Menschlichkeit gleichsam oft überrascht [wird], bleiben immer noch zurück. Warum hat man noch in unseren Tagen Reliquien von Friedrich dem Großen, von Rousseau emsig aufgesucht und teuer verkauft?
1/57 Solche Züge sind es, die uns z. B. außer ihrer Tapferkeit und Treue die Szenen aus der Ritterzeit so anziehend machen, - die Verschwindung solcher Assoziationen ist es, die das Alter für Verschwindung der Sitte selbst nimmt und [die] seine Klagen veranlaßt. - Wenn diese Einfalt der Sitten bei einem Volke noch allgemein ist, wenn den Fürsten, den Priestern alles noch ebenso heilig ist wie dem ganzen Volk, da gibt es kein rührenderes, kein wohltätigeres Schauspiel - das ist das Glück der Südseeinsulaner, auch der Peruaner vielleicht vor dem Streite Athahualpas und Huaskars. Aber wenn ein Stand, der regierende oder der Priesterstand oder beide zugleich diesen Geist der Einfalt verlieren, der ihre Gesetze und Ordnungen stiftete und bisher beseelte, so ist sie nicht nur unwiederbringlich dahin, sondern die Unterdrückung, die Entehrung, Herabwürdigung des Volks ist dann gewiß (daher [ist] die Absonderung in Stände für die Freiheit schon gefährlich, weil es einen esprit de corps geben kann, der bald dem Geiste des Ganzen zuwider wird). Wenn dem Volk auch nicht mehr Opfer, nicht mehr Büßungen aufgelegt werden, als es vorher immer gewohnt war, so ist das Ganze zusammen doch nimmer eine Gemeine, die gemeinschaftlich, in dem nämlichen Sinn einmütig vor die Altäre ihrer Götter tritt, sondern ein Haufe, dem seine Führer heilige Empfindungen ablocken und dabei selbst nicht mitfühlen - wie der Taschenspieler dem gaffenden Publikum Bewunderung [ablockt], wo er selbst zwar nichts bewundert, aber sich auch nicht stellt, als teile er ihr Staunen, dahingegen jene in Anstand, Gesicht und Worten die Mitempfindung heucheln. Dieser Kontrast ist dann für den ruhigen Zuschauer desto empörender, je mehr ihn die Einfalt, die Unschuld der Menge rührt; der Anblick des andächtigen Volks, der gegen Himmel gerichteten Blicke, der gefalteten Hände, der gebogenen Knie, des tiefen Seufzens, des brennenden Gebets würde unwiderstehlich mit reiner Wärme sein Herz erheben, wenn nicht die Hauptpersonen des Spiels gerade Bitterkeit in seine Empfindung mischten.
Woran wird das Volk erkennen, ob seine Priester bei seinem Gottesdienst andere Absichten haben, als nur seine Frömmigkeit zu vermehren, ob sein Vertrauen in sie nicht mißbraucht wird?
Die Ursache der Möglichkeit dieser Ausartung liegt wohl darin, daß außerdem, daß der Gegenstand der Religion etwas Mysteriöses ist, die meisten, besonders äußerliche Religionen ihre geheimen oder auch allgemein bekannten Mysterien hatten, daß, um zum Depositär derselben fähig zu sein, besondere Eigenschaften, besondere Vorbereitungen gehörten, die ihnen eine Auszeichnung gaben; und als näher bei dem Heiligtum floß auf sie selbst ein Teil der Verehrung, die jenem geweiht war. Sie hatten alsdann die Anordnung der religiösen Feste (und bei jedem Nationalfest präsidierte die Religiosität) zu machen, die Einnahme und Aufbewahrung oder Verwendung der Geschenke für die Gottheit war ihrer Gewissenhaftigkeit anvertraut.
1/58 Ein Volk also, das seinen öffentlichen Gottesdienst so einrichten will, daß Sinn und Phantasie und das Herz gerührt werden - ohne daß die Vernunft leer dabei ausgeht -, daß seine Andacht aus einer vereinigten Beschäftigung und Erhöhung aller Kräfte der Seele entspringt, die Vorstellung der strengen Pflicht durch die Schönheit und Froheit erheitert und zugänglicher gemacht wird, - ein solches Volk wird, um nicht durch seine Empfindung einer Klasse von Menschen das Heft seiner Abhängigkeit in die Hände zu geben, seine Feste selbst anordnen, seine Spenden selbst verwenden, und wenn durch einheimische Anstalten sein Sinn beschäftigt, seine Einbildungskraft etonniert (frappiert), sein Herz gerührt und seine Vernunft befriedigt wird, so wird sein Geist kein Bedürfnis fühlen, oder es würde ihm vielmehr kein Genüge tun, die Ohren alle sieben Tage Phrasen und Bildern zu leihen, die nur vor einigen tausend Jahren in Syrien verständlich und an ihrem Platze waren.
Wie wenig die objektive Religion für sich ohne korrespondierende Anstalten des Staats und [der] Regierung ausgerichtet hat, zeigt uns ihre Geschichte seit der Entstehung des Christentums. Wie wenig hat sie über die Verdorbenheit aller Stände, über die Barbarei der Zeiten, über die groben Vorurteile der Völker Meister werden können. Gegner der christlichen Religion, die mit einem Herzen voll menschlicher Empfindung die Geschichte der Kreuzzüge, der Entdeckung von Amerika, des jetzigen Sklavenhandels, und nicht bloß dieser brillanten Begebenheiten, wo zum Teil die christliche Religion eine ausgezeichnete Rolle spielte, sondern überhaupt die ganze Kette der fürstlichen Verdorbenheit und der Verworfenheit der Nationen lasen und denen das Herz dabei blutete - und [die] dann dagegen die Ansprüche der Lehrer und Diener der Religion an Vortrefflichkeit, an allgemeine Nützlichkeit u. dgl. Deklamationen hielten -, mußten mit einer Bitterkeit, mit einem Haß gegen die christliche Religion erfüllt werden, den ihre Verteidiger oft einer teuflischen Bosheit des Herzens zuschrieben. Den brillanten, schauderhaften Gemälden von den Greueltaten und dem Elende, das der Eifer für eine besondere Religion angestiftet hat - welche die Gegner der christlichen Religion nicht aufhören, mit aller Stärke des Pinsels und aller Schärfe des Witzes aufzustellen -, setzen ihre Verteidiger entgegen, daß diese Waffen schon zu abgenützt und die Gründe, die sich daraus ziehen ließen, schon längst widerlegt seien; besonders aber geben sie ihnen zu verstehen, daß alles dies Unheil nicht geschehen wäre, wenn zum Glücke der Menschheit doch nur ihre Kompendien schon wären herausgewesen.
1/59 Aber hatten die Päpste und ihre Kardinäle, hatte Kukupeter [?] und die Pfaffen seiner Zeit, hatten sie nicht Mosen und die Propheten, konnten sie nicht dieselben hören, hatten die nicht die lautere Quelle der Moral, wie wir noch heutzutage haben, - brauchte diese denn unserer Paraphrasen, unserer gelehrten Lehrbegriffe? War sie für sich unvollständig? War sie für sich nicht fähig, ich will nicht sagen die Sitten, die Roheit des Volks zu bessern oder wenigstens zu bändigen, aber doch einen größeren Einfluß auf die Menschenklasse zu haben, deren Geschäft ihr ganzes Leben hindurch es war, sie zu kennen und an sich zu arbeiten, - war sie nicht fähig, die Herrschsucht der Geistlichkeit, die entweder große Unverschämtheiten oder kleine Niederträchtigkeiten verübte, zu mäßigen, da diese Klasse von Menschen die geistliche Demut zum Schilde aushingen, da sie die Belohnung, die Empfehlungen dieser Tugenden täglich in den Lehren des Mannes fanden, dem sie ihr ganzes Leben zu weihen vorgaben? Welches Laster ist nicht unter ihnen im Schwange gegangen? und welches ist doch nicht von ihrem Herrn und Meister verboten gewesen? Waren nicht die Zeiten, wo die Fürsten von ihren Beichtvätern geleitet [wurden], die Länder, wo die geistlichen Herren regierten, die unglücklichsten?
Wie leicht ist, in eine Waagschale gelegt, die ganze Heilsordnung, mit dem ausführlichsten und gelehrtesten: was ist das? dazu in den Kopf gepreßt, gegen die andere, wo alle Leidenschaften, die Macht der Umstände, der Erziehung, der Beispiele, der Regierung jene hoch in die Lüfte schnellen [lassen].
Als Wirkung und Hauptzweck der christlichen Religion wird angegeben: moralische Besserung und Wohlgefallen bei Gott, - und als Bedingung, unter der man die wahre Religion, den wahren Glauben haben könne, wird gefordert, entweder, daß man Gott schon so wohlgefällig sei, daß er einem von selbst den wahren Glauben schenke, oder so moralisch gut, daß man das Böse hasse und nach der Gerechtigkeit dürste, - d. h. durch die christliche Religion könne man gut werden, wenn man schon vorher gut ist.
Montesquieu [Esprit des loix] (24, ch. 2):
1/60 "C’est mal raisonner contre la religion, de rassembler dans un grand ouvrage une longue énumération des maux qu’elle a produits, si l’ on ne fait de même celle des biens, qu’elle a faits. Si je voulais raconter tous les maux, qu’ont produits dans le monde les loix civiles, la Monarchie, le gouvernement républicain, je dirais des choses effroyables!"23)
Unter den Geboten, die Christus seinen Schülern und Zuhörern gab, sind viele, deren Ausübung, wenn sie nicht in dem Geiste, der der Geist der Tugend ist, sondern nur dem Buchstaben nach geschieht, unnütz, oft gar schädlich sein würde - so wie die Gesetzgebung eines Staats, in dem mehr die Sitten als die Gesetze herrschen, für einen anderen, wo man sich alles erlauben würde, was nicht durch die Gesetze verboten ist, sehr unvollständig und unbrauchbar sein würde. So sind viele Gebote Christi den ersten Grundlagen der Gesetzgebung in bürgerlichen Gesellschaften, den Grundsätzen der Rechte des Eigentums, der Selbstverteidigung usw. entgegen. Ein Staat, der heutzutage die Gebote Christi unter sich einführen würde - nur mit den äußerlichen könnte er es tun, denn der Geist derselben läßt sich nicht gebieten -, würde sich bald selbst auflösen. Man hat noch nie gehört, daß ein Mann, dem sein Rock gestohlen worden ist und der noch seine Weste und Hosen retten konnte, von einem christlichen Lehrer sei geschmält worden, daß er diese nicht auch selbst noch preisgab, [und] bei dem Eide, in Ansehung dessen doch die Geistlichkeit das ausdrückliche Verbot Christi gewiß kennt, hat diese die feierlichste Rolle zu spielen.
1/61 Was erregte vorzüglich auch den Haß der Schriftgelehrten und die Räte der Juden gegen Christus? war es nicht seine individuelle Art, teils selbst zu handeln, teils die Handlungen anderer Menschen zu beurteilen, die nicht nur gegen ihre heiligen Gewohnheiten, sondern auch gegen die bürgerlichen Gesetze anstieß? Wenn davon die Rede war, wie ein Fall nach den gerichtlichen Gesetzen zu beurteilen sei, so griff Christus die Handhaber dieser Gesetze an, und gesetzt, diese wären die untadelhaftesten Männer und ganz seines Sinnes gewesen, so hätten sie doch nicht danach, sondern den Gesetzen gemäß richten müssen. Der Richter muß oft anders sprechen als der Mensch; jener oft etwas verdammen, was dieser entschuldigt.
Aus allem erhellt, daß die Lehren Jesu, seine Grundsätze eigentlich nur für die Bildung einzelner Menschen paßten und darauf gerichtet waren; z. B. wenn er den Jüngling, der ihn fragt: Meister, was soll ich tun, um vollkommen zu sein?, seine Güter verkaufen und den Armen auszuteilen hieß, so führt der Fall, wenn man ihn als Grundsatz nur einer kleinen Gemeine, eines geringen Dorfs ausgeführt sich dächte, auf zu absurde Konsequenzen, als daß man sich einfallen lassen könnte, ihn auf ein größeres Volk auszudehnen; oder vereinigt sich [eine Gemeine] wie die ersten Christen mitten unter einem anderen Volk unter einem solchen Gesetze der Gütergemeinschaft, so ist der Geist eines solchen Gesetzes gerade im Augenblick der Einrichtung selbst verschwunden, die durch eine Art Zwang nicht nur die Lust zu Verheimlichungen, wie bei Ananias, veranlaßt, [sondern auch] die Wohltätigkeit einer solchen Resignation nur auf ihre Mitglieder, auf die Mitgenossen ihrer Gebräuche und Unterscheidungszeichen einschränkt und dem Geist der Menschenliebe entgegen ist, die ihren Segen auf Beschnittene und Unbeschnittene, Getaufte und Ungetaufte ausgießt.
1/65 Die Anmaßung, die Herzen und Nieren zu prüfen und die Gewissen zu richten und zu strafen, die sich nach und nach einschlich und leicht einschleichen konnte, da in dem ersten Ursprung des Christentums schon der Keim derselben lag, da fälschlich, was nur für eine kleine Familie angeht, auf die bürgerliche Gesellschaft ausgedehnt wurde, - diese Anmaßung, die sich auf eine unglaubliche Art festsetzte - denn es sollte unglaublich scheinen, daß Menschen ihre Rechte so weit vergessen und diesen Verlust so wenig empfinden sollten -, hat die empörendsten Auswüchse von gewaltsamen Einrichtungen und Betörungen der Menschheit veranlaßt: Ohrenbeichte, Kirchenbann, Abbüßungen und die ganze Folge dieser entehrenden Denkmäler von der Erniedrigung der Menschheit. Die Reformatoren, die in ihren Lehrsätzen den Aussprüchen des Neuen Testaments, in ihren christlichen Polizeieinrichtungen - denn ohne solche glaubten sie nicht, daß Ausübung der Religion stattfinden [könne], denn eine Kirchengewalt als Stütze der Gewissensfreiheit zum Gegengewicht gegen Fürstengewalt aufzustellen, daran dachten sie nicht, denn sie unterwarfen das Christentum der weltlichen Macht -, in der Kirchenpolizei der Einfalt der ersten Kirche folgen wollten, wurden dadurch verführt, den Unterschied zwischen den nötigen Einrichtungen bei einer herrschenden Volksreligion und den Privatgesetzen einer partiellen Gesellschaft, eines Klubs zu übersehen, - wie hätten sie sich von dem Begriff einer Kirche als einer Art von status in statu, von einer sichtbaren gleichförmigen Gemeinschaft und Verbindung zu einem bestimmten ritus losreißen können? Wie weit z. B. Luther von der Idee der Verehrung Gottes in Geist und Wahrheit entfernt war, zeigen seine traurigen Streitigkeiten mit Zwingli, Ökolampad usw., er benahm den Geistlichen die Macht, durch Gewalt und über die Beutel zu herrschen, aber er wollte es noch über die Meinungen. Die Fürsten mit ihren Hofpfaffen als die Vormünder ihres Volks gaben ihren Kindern Hofmeister, die sie gängeln, ermahnen, im Notfall auch mit der Rute züchtigen sollten. Daher wurden die kirchlichen Strafen, außer den politischen, die Kirchenbußen u. dgl., daher die Beichten beibehalten, die eigentliche Ohrenbeichte [zwar] abgestellt, aber die Geistlichen als Beichtväter beibehalten, um den beunruhigten Gewissen zu Hilfe zu kommen, deren Phantasie man unaufhörlich bestürmte und erst ängstlich machte; dadurch daß man die Religion auf Besserung des Herzens, Buße und Bekehrung zurückführte, aber nicht bei diesen allgemeinen Ausdrücken von einem Zustande stehenblieb, die eigentlich in dem Herzen eines jeden Menschen was anderes, Temperament, Neigung und Phantasie nach Verschiedenes sind, sondern die Zustände so zergliederte, so sich in Spielwerke von Empfindungen einließ; - da man diese Zustände als etwas Handgreifliches oder in die Sinne Fallendes darstellte, deren Ankunft oder Vorhandensein man so gut wissen könne, als man auf die Uhr sehen kann, ob es zwölf ist; - da man detaillierte psychologische Beschreibung dieser Zustände [gab], als ob sie bei allen Menschen dieselben wären, die also ohnedem nicht nach einer wirklichen Kenntnis des menschlichen Herzens, sondern nach theologischen Vorurteilen von einer angeborenen Verderbnis der menschlichen Natur, die von einer ohne Menschenkenntnis begleiteten lächerlichen Exegese künstlich ineinander gefügt und nacheinander geordnet waren; - da dies alles so in das Gedächtnis und das Gewissen des gemeinen Mannes unaufhörlich hineingepoltert oder getändelt wurde, so mußte ein solcher Sauersüßteig notwendig seine gesunden kräftigen tätigen Säfte verderben - es mußten unzählige Mißverständnisse mit seinen eigenen Neigungen, Regungen entstehen, eine solche desorganisierte Ängstlichkeit des Gewissens entstehen, daß an die Stelle einer Fülle der Empfindungen fade Empfindelei, ein unverdauter Wortkram, [an die Stelle] einer Tatkraft, Zuversicht zu sich, Achtung vor sich selbst eine heuchelnde Demut, eine geistliche Eitelkeit, die immer mit sich und ihren Regungen beschäftigt ist und unendlich von ihren Gefühlen, Siegen, bangen Anfechtungen zu schwatzen weiß und damit zu tun hat, treten mußte; - jetzt hatten freilich die Geistlichen die Hände voll Zweifel zu lösen, gegen Anfechtungen zu stärken, vor geheimen Einflüssen des Bösen zu warnen, in Leiden zu trösten, die die Welt, die Anfechtungen des Satans und eigene böse Lüste und Begierden hervorbringen - es sind Patienten, die die gesunde Luft und frisches Wasser nicht vertragen können, sondern jetzt von faden Brühen und den Mischungen des Apothekers leben, über jeden Wind, der ihre Eingeweide drückt, jedes Niesen und Räuspern ein Tagebuch halten und sonst mit niemand mehr zu schaffen haben als mit sich, allenfalls dem Bittenden von ihren Tisanen präsentieren und ihn der Obhut Gottes empfehlen. Man sieht es den theologischen Kompendien an, wo nicht eigentlich Religionskenntnis, [sondern] das, was nur Kenntnis des psychologischen Gangs oder der Art, gewisse Seelenzustände hervorzubringen, ist, den Hauptteil ausmacht - dem Grundsatze gemäß, daß eigentlich Buße und Bekehrung das Wichtigste ist, wozu aber durch die unerwartetsten Umwege geführt wird, wo es dann kein Wunder ist, wenn man in diesen [sich] zu sehr verliert, um ans eigentliche feste Ziel zu gelangen; dieser Gedanke der Besserung und des Wegs dazu ist so ausgesponnen, in so viele Stationen abgeteilt, mit soviel fremden Namen, die einerlei Sache ausdrücken - aber durch ihre Befremdung und Verschiedenheit wunder welche Geheimnisse und Wichtigkeiten in sich zu halten scheinen, von der gratia applicatrix bis zur unio mystica hinaus -, ausstaffiert, daß man die einfachsten Sachen nimmer darin erkennt und, wenn man die Sachen mit gesunden Augen beim Lichte betrachtet, sich schämen muß, daß alle diese Kunst und Gelehrsamkeit für eine Sache aufgewendet ist, die der gemeine Menschenverstand in einer Viertelstunde begreift; heutzutage hat man gefunden, daß subjektive Religion sich nicht in Dogmatik einzwingen läßt, und das Objektive nimmt jetzt den Hauptteil derselben ein, Lehren, die wo nicht immer für die Vernunft sind, doch das Gedächtnis und den Verstand unterhalten. Diese Kirchenzucht der Christen ist nicht etwas, das erst nach seiner Entstehung neu in die Statute der christlichen Gesellschaft wäre eingetragen worden, sondern sie ist, wie wir gesehen haben, in ihrem ersten unausgebildeten Entwurf schon enthalten und dann von der Herrschsucht und Heuchelei benutzt und ausgedehnt worden. Sosehr sich die Spuren ihres gröbsten Mißbrauchs zu verlieren anfangen, so ist doch noch unendlich viel von ihrem Geist zurückgeblieben, und sie gibt uns ein neues Beispiel zu den vielen, daß Einrichtungen, Gesetze einer kleinen Gesellschaft, wo jedem Bürger die Freiheit, Mitglied zu sein oder nicht, [zukommt,] wenn sie auf die große bürgerliche Gesellschaft ausgedehnt werden, nimmer schicklich sind und mit der bürgerlichen Freiheit nicht bestehen können.
So kann in einem Staate, wo nicht jeder Bürger der natürliche Verteidiger seines Vaterlands ist, wo es aber doch Freiwillige genug gibt, die für etwas Geld dieses Amt über sich nehmen, eine Gesellschaft sich untereinander verbinden, nie Waffen in die Hände zu nehmen, nie an Kriegen teilzunehmen, deren Rechtmäßigkeit sie so wenig kennt als die Vorteile, wenn der Staat Sieger bleibt, in dem sie leben; die sich überhaupt in keinem Fall berechtigt glaubt, auf den Mord anderer Menschen auszugehen, und den einzelnen Gewalttätigkeiten nur Geduld und Unterwürfigkeit entgegensetzt. Aber wenn eine solche Gesellschaft selbst zu einem Staate erwüchse, so kann sie ihre Maximen in ihrer Allgemeinheit nimmer beibehalten, wenn sie sich nicht in Gefahr setzen will, mit Unterdrückung alles natürlichen Gefühls ihr ganzes Gebäude von der Glückseligkeit des ganzen Volks der Frechheit einer Handvoll von Räubern preiszugeben.
1/66 So wie die beste Erziehung der Kinder das gute Beispiel ist, das sie täglich um sich sehen, und so wie sie zum Ungehorsam und mürrischen Eigensinn desto mehr geneigt werden, je mehr man ihnen immer zu befehlen hat, so ist es auch mit der Erziehung des Menschen im Großen. Sie entziehen sich, sie scheuen (ils ne se prêtent pas, ils se refusent) eine Religion, die sie immer und ewig gängeln will, ihnen von einer Menge von Tugenden und Lastern herabschwatzt, die sie nie im Leben so in abstracto zu Gesicht bekommen haben, wie man sie ihnen hier beschreibt, oder die für die menschlichen Lagen gar nicht taugen. Desto mehr, ohne daß sie es selbst wissen, hat einen geheimen Einfluß auf sie, steht auch der freieste Mensch in Abhängigkeit von dem Geist der Menschen, die ihn umgeben. Der sonst gegen Mäkelei am unlittigsten wäre - wenn auf den Kanzeln im allgemeinen eine Tugend oder Buße und Bekehrung überhaupt anempfohlen wird, so nimmt das jeder schon an, jeder läßt es sich gesagt sein, weil es alle nicht weniger angeht als ihn. Aber wird ein detailliertes getreues Gemälde von herrschenden Verderben gemacht, werden individuelle Züge eingewebt, so wirkt dies in dem, der sich getroffen, der sein Eigentum, seine Handlungsweise angegriffen fühlt, eher Erbitterung, er hält keine Autorität für befugt, sich dergleichen anzumaßen. (Kinder werden durch bloße Sinnlichkeit, durch Liebe und Furcht geleitet, - der erwachsene Mensch ist dabei auch fähig, durch Vernunft geführt zu werden; wenigstens tut er schwerlich wie das Kind, was für sein eigenes Bestes ist, bloß anderen zu Gefallen, aus Liebe für jemand, ohne vorher einzusehen, daß es gut ist.) - Jeder findet es unerträglich, wenn Fremde sich in seine Sachen, besonders in seine Handlungsweise mischen; am unerträglichsten sind öffentlich aufgestellte Sittenwächter. Wer mit lauterem Herzen handelt, wird am ersten mißverstanden von den Leuten mit dem moralischen und religiösen Lineal.
Über den Unterschied der Szene des Todes
1/68 Das ganze Leben des Christen soll eine Vorbereitung auf diese Veränderung sein, seine Wünsche sind dahin sogar gerichtet, der tägliche Umgang mit den Bildern des Todes und den Hoffnungen jenes Lebens, gegen welche die Genüsse, die Freuden dieser Welt, wo er sich nicht attachiert, nur wie ein Fremder einen schwachen Anteil nimmt, keiner Aufmerksamkeit wert sind, soll ihm das Verlassen dieses Schauplatzes seiner Wirksamkeit nicht nur nicht fürchterlich, auch sogar angenehm machen. - Noch weniger als ihm der Augenblick des Todes fürchterlich ist, bangt ihm weder vor Zernichtung, vor dem Aufhören der Harmonie, wenn das Instrument zerbrochen wäre, noch vor seinem künftigen Schicksal - sein ganzes Leben war eine meditatio mortis. Es dünkt ihm nur die Vorbereitungsschule zum künftigen, es hat an sich keinen, nur in bezug aufs künftige einigen Wert. Was sind auch fünfzig bis achtzig Jahre, dazu verwendet, aufgebraucht, die gegen die grenzenlose Ewigkeit, die ganze Dauer unserer Existenz nur ein Augenblick sind? Wer sollte in sechzig Jahren einen Augenblick die fürchterliche Alternative: ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis, vergessen können? Wer sollte gegen die immer neu erwachende Furcht der Unwürdigkeit zur ersteren nicht hinfliehen zu den Gnadenmitteln, angeboten von eben der Lehre, die uns mit diesen Schrecken bekannt macht? wer sollte nicht auf den Augenblick dieser fürchterlichen Katastrophe [warten], wo er nicht nur Abschied nimmt von allem, was ihm irgend teuer war, sondern wo er in wenigen Stunden oder Minuten nimmer den Glanz dieser Sonne, aber des Richterthrones wird schimmern sehen, vor welchem sein Schicksal jetzt auf Ewigkeit entschieden wird? wer sollte nicht für diesen Augenblick der bangen Erwartung alle Waffen des Trostes um sich her versammeln? wer sollte wenigstens nicht da noch in Eile wie einer, der plötzlich eine Reise unternehmen [muß], auf die er nicht Zeit hatte sich vorzubereiten, noch von geistlichem Geräte zusammenpacken, soviel als es die Zeit und seine Krankheit erlaubt? Daher sehen wir die Betten der Kranken von Geistlichen und Freunden umringt, die der beklommenen Seele des Sterbenden die gedruckten und vorgeschriebenen Seufzer vorächzen; daher hören wir, daß bei allen Erinnerungen und Ermahnungen den Beschluß der Refrain macht: memento mori; die mächtigsten aller Beweggründe zu handeln werden jenseits des Grabes hergeholt, schön oder fromm sterben [zu können], noch Besinnung genug zu haben, der in der Schule mit Schweiß erlernten Sprüche und Reime sich jetzt wieder erinnern und sie und anderes sagen zu können.
1/69 Die Helden aller Nationen sterben auf gleiche Art, denn sie haben gelebt, und sie haben in ihrem Leben gelernt, die Macht der Natur anzuerkennen. Aber Unlittigkeit gegen diese, gegen ihre geringen Übel, macht auch dann ungeschickt, ihre größeren Wirkungen zu ertragen. Wie könnte es sonst kommen, daß die Völker, in deren Religion ein Hauptpunkt, ein Hauptstein in dem ganzen Gebäude Vorbereitung zum Tode ist, im Ganzen so unmännlich sterben, dahingegen andere Nationen unbefangen diesen Augenblick nahen sehen? Wie zu einer Mahlzeit der eine des Morgens früh anfängt, seine Haare kräuseln zu lassen, seine Prunkkleider anlegt, seine Pferde anspannen läßt, voll von der Wichtigkeit der bevorstehenden Unternehmung die ganze Zeit überlegt, wie er sich benehmen, wie er die Konversation führen soll, und wie ein junger Redner Angst hat, ob er seine Sache gut machen werde24) , - ein anderer hingegen des Morgens seinen Geschäften nachgeht und erst wenige Minuten vor der Stunde der Tafel sich der Einladung erinnert und so schlicht und unbefangen dazutritt, als ob er zu Hause wäre. Wie verschieden die Bilder, die von dem Tode in die Phantasien unseres Volks und der Griechen übergegangen sind - bei diesen ein schöner Genius, der Bruder des Schlafs, verewigt in Monumenten über den Gräbern, bei uns der Knochenmann, dessen grauser Schädel über allen Särgen paradiert. Der Tod erinnerte sie an den Genuß des Lebens, uns [daran], es uns zu entleiden; er war ihnen Geruch zum Leben, uns zum Tode. Wie wir in einer ehrbaren Gesellschaft von gewissen natürlichen Dingen nicht sprechen, sie nicht einmal schreiben, so umschrieben sie den Tod, milderten seine Bilder, die die Redner und Prediger uns, um Schrecken einzujagen, uns den Genuß zu verleiden, mit allen möglichen scheußlichen Farben ausmalen.
5.
[Drei Fragmente zu einer Kritik des Christentums]
[Schema]25)
α) Unter objektiver Religion verstehe ich dies ganze System von dem Zusammenhange unserer Pflichten und Wünsche mit der Idee von Gott und der Unsterblichkeit der Seele -und ist also auch Theologie zu nennen, wenn diese sich nicht bloß mit der Erkenntnis des Daseins und der Eigenschaften Gottes beschäftigt, sondern dies in Beziehung auf die Menschen und die Bedürfnisse ihrer Vernunft tut.
β) Sofern diese Theorie nicht bloß in Büchern existiert, sondern die Begriffe von Menschen begriffen, die Liebe zur Pflicht und die Achtung vor dem moralischen Gesetz (sofern sie durch die Idee verstärkt werden) empfunden werden, sofern ist die Religion subjektiv. Da nun die bürgerliche Gesetzgebung nicht die Moralität, sondern nur Legalität zum unmittelbaren Zwecke hat und für die Beförderung der Achtung vor dem moralischen Gesetz und der Disposition, die Gesetze dem Geiste nach zu erfüllen, keine besonderen Anstalten gemacht sind, die diesen Zweck hätten, sondern dies als auch zur Religion gehörig angesehen wird, wollen wir dies hier auch nicht voneinander trennen, sondern als Zweck der religiösen Anstalten nicht bloß Beförderung der Moralität durch die Idee von Gott, sondern auch der Moralität überhaupt ansehen.
1/70 γ) Nicht alle Triebe der menschlichen Natur als [der] der Fortpflanzung usw. haben Moralität zum Zwecke, aber der höchste Zweck des Menschen ist Moral, und unter seinen Anlagen, diesen zu befördern, ist seine Anlage zur Religion eine der vorzüglichsten. Die Erkenntnis Gottes kann ihrer Natur nach nicht tot sein, sie hat in der moralischen Natur des Menschen, im praktischen Bedürfnisse ihren Ursprung, und aus ihr entspringt wieder Moral; oder sollte Ausbreitung des Namens, des Ruhmes Christi oder Mahomets ihr Hauptzweck sein, so verdiente in Griechenland ebensogut Orpheus oder Homer berühmt und geehrt zu sein als Jupiter und Pallas, so hätte sie Ursache, auf den Sachsenbekehrer Karl oder proselytenmachende Spanier in Amerika oder den Judenaufsucher Schulz am stolzesten zu sein; - oder [sollte] Verherrlichung des Namens Gottes [ihr Hauptzweck sein], so gäbe es keine besseren Christen als die liederreichen Brigittenschwalben, und der Papst bei der großen Messe in der Peterskirche wäre ein würdigerer Gegenstand des Wohlgefallens Gottes als der Korporal (Woltemar), der dreizehn Personen mit Aufopferung seines Lebens aus dem Schiffbruch rettete und bei dem vierzehnten im Dienst der Menschheit starb.
δ) Die objektive Religion subjektiv zu machen, muß das große Geschäft des Staats sein, die Anstalten müssen sich mit der Freiheit der Gesinnungen vertragen, dem Gewissen und der Freiheit nicht Zwang antun, sondern indirekt auf Bestimmungsgründe des Willens wirken - wieviel kann der Staat tun? wieviel muß jedem Menschen überlassen werden?
ε) Beförderung der Moralität, dieses Zwecks der Religion geschieht a) durch ihre Lehren, b) Zeremonien. Jede Religion hat schon für beides gesorgt und enthält schon die Anlage zu beidem, - der Staat durch die Verfassung, durch den Geist der Regierung.
ζ) Inwiefern qualifiziert sich die christliche Religion dazu? Die christliche Religion ist ursprünglich eine Privatreligion, modifiziert nach den Bedürfnissen der Umstände ihrer Entstehung, der Menschen und der Vorurteile:
1/71 a) ihre α) praktischen Lehren sind rein und haben das Gute, meist in Beispielen dargestellt zu sein - denn wo, Matth. 5/6 etc., der Geist der Moralität allgemein dargestellt ist und sich nicht bloß auf das Formelle einschränkt, sondern materielle Vorschriften hat, da ist sie Mißverständnissen unterworfen und ist auch mißverstanden worden.
β) [die] Geschichtswahrheiten, auf die sie gebaut ist - darin [ist] das Wunderbare immer dem Unglauben unterworfen; solange sie Privatreligion ist, steht es jedem frei, sie zu glauben oder nicht, aber als öffentliche Religion muß es immer Ungläubige geben.
γ) [in ihr ist] nicht für die Phantasie gesorgt wie bei den Griechen, sie ist traurig und melancholisch, - orientalisch, nicht auf unserem Boden gewachsen, kann sich nie damit assimilieren.
b) Die Zeremonien, zweckmäßig als Privatreligion, haben ganz ihren Sinn und Geist verloren, da sie öffentliche Religion geworden ist, - außerdem [dienen sie] noch als Gnadenmittel, nicht mit dem Geist der Fröhlichkeit verbrüdert, - doch da sie öffentlich wurden, hätten sie können Beförderin der Toleranz werden, wenn man sie nicht [- wenn man nicht mit] Gewalt ausschließende Hypothesen mitverbunden hätte - jetzt leider Unterscheidungszeichen von Sekten, da sie doch das Gegenteil hätten sein können.
c) sonstige Befehle in Ansehung der Lebensart: α) Entfernung von öffentlichen Geschäften β) Austeilung der Almosen - Zusammentragen eines Vermögens [ist] möglich bei Privatreligion, nicht ausführbar im Staat; auch [ist,] was sonst Handlung der Frömmigkeit [war], jetzt mit öffentlicher Ehre verbunden.
[Erster Entwurf]26)
1/72 a) Es sollte eine schwere Aufgabe scheinen, ein System von religiösen und moralischen Wahrheiten auf[zu]stellen, das aller oder doch der meisten freien Beifall haben könnte, da wir es als ein notwendiges Erfordernis einer Volksreligion ansehen, daß sie ihre Lehren nicht aufdringe, keines Menschen Gewissen Zwang leide, - es sollte schwer scheinen, wenn man nur obenhin die unendliche Verschiedenheit der Systeme und Hypothesen betrachtet, die von den Philosophen und Theologen, seitdem sich die Vernunft zu Ideen und zum Spekulieren über dieselben entwickelt hat, erdacht worden sind. Eben diese Erfahrung, daß so vielerlei Vorstellungsarten möglich und, so bizarr uns manche scheinen, sie doch an allgemeine Ideen oder Bedürfnisse der Menschheit angeknüpft [sind und] immer ihre Anhänger gefunden haben, zugleich auch die Erfahrung, daß, sobald durch öffentlichen Befehl oder Verbot einer gewissen Vorstellungsart eine Wichtigkeit darein gelegt wird, nicht nur die Gewissensfreiheit der Menschen gekränkt, sondern auch leicht ein gefährlicher Fanatismus angezündet werden kann, - diese Erfahrungen geben eben für die Dogmen einer Volksreligion die Regel, daß sie so einfach als möglich sein, nichts enthalten sollen, was nicht die allgemeine Menschenvernunft anerkennt, - nichts, wodurch etwas bestimmt, etwas dogmatisch behauptet würde, das die Grenzen der Vernunft übersteigt, wenn die Befugnis dazu auch im Himmel selbst ihren Ursprung haben sollte.
Mysteriöse theoretische Lehren
1/73 Solche Lehren setzen sich der zuverlässig bälder oder später eintretenden Gefahr aus, von der Vernunft in Anspruch genommen und angegriffen zu werden, die vorreifen Früchte können dann vielleicht erstickt, unterdrückt, abgeschlagen werden - aber mit der fortgehenden Reife werden weder Scheiterhaufen für die Schriftsteller oder nur ihre Schriften noch beschworene Symbole dem Übel Einhalt tun, dessen Same in der menschlichen Natur selbst unzerstörbar liegt. Denn unwiderstehlich führt die Vernunft auf den großen Grundsatz von der Selbstgenügsamkeit der Pflicht und der Tugend, welche durch weitschweifigere oder heterogenere Beweggründe als bloß durch die Verbindung mit der Idee von Gott befördern zu wollen schon Entheiligung ist; und wenn Männer dieses Glaubens die Rolle der wunderbaren Lehre nicht gar für nachteilig, der Moralität schädlich, dem Despotismus aber beförderlich halten, so würdigen sie ihr Geschäft doch nur dahin, höchstens ein Kappzaum des rohen Pöbels zu sein. Nun überzeugt von der Identität ihres Wesens mit ihrem Vernunftglauben, sucht jeder auf seine Art seine Gegner kraftlos zu machen - der eine bestreitet die positive Religion mit Gründen aus ihr oder aus ihren Dokumenten selbst, einer mit den Waffen des Witzes, einem anderen genügt seine Überzeugung, daß er die positiven Lehren eigentlich für unbedeutend [hält], doch weil sie im Glauben der Völker etwas Geheiligtes sind, sie seinen Ideen anzupassen sucht. Wir finden es bei so vielen Männern, die die Idee der Moralität rein aus ihrem eigenen Herzen entwickelten und darin als in einem Spiegel die Schönheit derselben erblickten und von ihr entzückt wurden und deren Seele von Hochachtung für Tugend und moralische Größe am vollsten war - bei einem Spinoza, Shaftesbury, Rousseau, Kant -: je höher ihre Hochachtung für die Moral und für die Moral der Lehre Christi steigt, desto heterogener, desto entbehrlicher däucht ihnen das übrige.
1/74 Die Geheimnisse, die unbegreiflichen Dogmen [sind] weder für Vernunft oder Verstand vorstellbar - eben weil sie unbegreiflich sind -, ebensowenig für die Phantasie, für diese sind sie ganz und gar widersprechend.27) Wenn von solchen Lehren die Rede ist, so müssen alle drei ihre gewöhnlichen Verrichtungen einstellen, sie müssen es sich gefallen lassen, daß man solange ganz Verzicht auf sie tut, denn ihre Gesetze sind hier ebenso unbrauchbar, als wenn ich Wein nach der Elle messen oder eine Karikatur in die Form eines Apollokopfs passen wollte. Also bleibt das Gedächtnis übrig, das gewisse Verbindungen von Worten in sich aufnimmt, die es für sich behalten, isolieren und sowenig als möglich den Verstand muß sehen lassen.
Ihr Hauptgebrauch ist uns noch übrig, nämlich sofern diese unbegreiflichen Lehren das Herz angehen, die praktischen Forderungen, die an den Menschen geschehen, die Antriebe, die sie ihm an die Hand geben, und die Hoffnungen dessen, was sie ihm versprechen, enthalten. Einige dieser Lehren sind so beschaffen, daß sie an sich kein praktisches Moment haben, sondern dies erst vergesellschaftet mit anderen enthalten.
Überhaupt muß das erste Gesetz aller dieser Lehren sein, daß sie dem Menschen keine [andere] Art, Gott zu gefallen, anweisen als die durch einen guten Lebenswandel, oder keine andere Triebfeder zum gut moralischen Handeln angeben als [die] rein moralische. Die Religion stellt den Begriff, Gott zu gefallen, in mehr oder minder reinem Sinn auf. Von dem Sinn, vor Gott als dem Ideal der Heiligkeit zu bestehen zu suchen, bis zu dem herunter, bei ihm wegen irgendeiner sinnlichen Übung ausschließend und besonders wohl daran zu sein, gibt es eine Menge Schattierungen, die freilich nie genug voneinander abgesondert und rein gedacht werden.
Sosehr also der Begriff, Gott [zu] gefallen, den die Religion als das höchste Ziel aufstellt, unreiner Sätze fähig ist, so muß sie um so sorgfältiger verhüten, daß sich keine praktisch schädliche Vorstellung mit einschleiche.
1/75 An sich ist eigentlich die Forderung ein Widerspruch, daß unsere Vernunft und Phantasie übersteigende Lehren, sobald sie in irgendeiner Beziehung mit dem Praktischen stehen, uns keinen anderen Weg als den eines guten Lebenswandels, keine andere Art, Gott zu gefallen, als diese zeigen sollen; denn zeigten sie uns keinen neuen Weg, so wären sie keine unbegreiflichen Lehren, keine Mysterien. Solche Lehren nun, die nur gewisse Übungen - es sei nun mit dem Munde oder mit Händen und Füßen, es sei ein Glockenspiel von Empfindungen oder es seien gewisse Entbehrungen und Züchtigungen des Körpers, oder gewisse Dinge zu glauben - von uns verlangen, um dem heiligen Wesen zu gefallen, daß man dadurch des Gesetzes der Moralität enthoben, davon dispensiert sein könnte, - ein Gewebe von solchen Lehren, sie mögen im Glauben der Völker und der Geschichte mit den heiligsten Siegeln beurkundet sein, die Vernunft muß es verwerfen; in ihrer Forderung, moralisch gut zu sein, kann sie sich nichts abdingen lassen.
Wie verworfen das Gebäude solcher Staaten oder nur Klassen von Menschen ist, wo diese Grundsätze im Schwange gehen, wo alle natürlichen Verhältnisse durch diesen unmoralisch-religiösen Galimathias verdreht sind, hat die Geschichte aller Zeiten gelehrt, und lehrt es noch heutigentags das traurige Bild der Staaten, wo diese Systeme noch herrschen - z. B. im Kirchenstaat, in Neapel -, und nur die nie ganz zerstörbare Güte der menschlichen Natur, die hier freilich verhunzt genug ist, nur die Notwendigkeit der bürgerlichen Gesetze, die, um es möglich zu machen, daß die Gesellschaft zur Not zusammenhalten kann, jene Grundsätze in etwas korrigieren müssen, verhindern es, daß die Laster und bösen Neigungen den Lehren, wodurch sie genährt, straflos und gerechtfertigt werden, ganz konsequent sind.
1/76 Ich rechne hierher den öffentlich autorisierten Glauben, durch Messen-Hören und Ablaßkram seine Sünden nicht nur abkaufen zu können, sondern in nichts einem guten Menschen nachzustehen, - daß körperliche und andere Strafen auf Verschiedenheit in der Meinung gesetzt sind, - ferner daß Verbrecher durch Asyle dem Arm der Gerechtigkeit entzogen und von den Interpreten der Gottheit in Schutz genommen werden, - daß es nicht nur als Glauben verdienstlicher ist, sondern daß es öffentlich veranstaltet ist, daß nur der Bettler begünstigt wird, der arbeitsame Mann hingegen sich übel befindet. Und hier ist nicht bloß von den Lehren einiger Sophisten oder Empiristen die Rede, die etwa mit philosophischem Scharfsinn die Grundsätze, die den Unterschied zwischen Tugend und Laster festsetzen, nicht als festgegründet genug haben finden können, oder [von] Wollüstlingen, die in ihrem Leben weiter nie sich darum bekümmerten oder deren Leidenschaften sie verhinderten, auf die Stimme der Tugend zu hören, - nicht von solchen einzelnen, wie es überall gibt, ist die Rede, sondern davon, daß jene die Moralität verkehrenden und die Menschheit sowie die Gottheit entehrenden Grundsätze nicht etwa bloß von müßigen Köpfen in Studierstuben oder auf Kathedern abgehandelt werden - so wie etwa ohne merklichen Schaden des gemeinen Wesens von einem Professor die Glückseligkeit, von anderen sonst empirische Sätze zum Grundsatz der Moral oder des Naturrechts angenommen werden -, nicht nur öffentlich gelehrt [werden], sondern, was lebendiger spricht als Lehren, in den ganzen Zusammenhang des Staats aufs innigste eingewebt sind. Männer, die das Bedürfnis besserer Grundsätze fühlen, wie auch die sonst guten Menschen in solchen Staaten nicht auf der erlaubten Heerstraße der Erniedrigung und des Lasters gehen können, bringen ihre bessere Empfindung mit jenen Grundsätzen durch solche Wendungen in eine Verbindung, deren Schwäche sie vor ihrem Verstand verbergen müssen, die aber doch ihr Herz befriedigen.
Solche Lehren müssen also von der Vernunft, sowohl wenn sie Grundsätze für den Einzelnen als wenn sie allgemeinere, die die Ökonomie eines ganzen Staats angehen, sich wählt, schlechterdings verworfen [werden].
Sonst aber geben die positiven Lehren einer Religion, diejenigen, die die Entwicklung der menschlichen Vernunft nicht selbst auffinden könnte, einen besseren Zweck an, und besonders in neueren Zeiten ist man immer sehr eifrig bemüht, von jeder dogmatischen Lehre das praktische Moment auszubilden und aufzusuchen.
1/77 Man ist von den Bemühungen, die Mysterien der Religion durch Vernunft annehmbar zu machen, zurückgekommen und hält jetzt sehr viel auf den Unterschied, daß jene Lehren zwar über die Vernunft, aber nicht wider die Vernunft seien, ein Unterschied, der doch eine gewisse scheue Rücksicht auf sie, eine gewisse Ehrfurcht vor ihrem Ritteramt andeutet, aber am Ende nicht weit her ist; denn ist die Vernunft höchste Richterin ihres Glaubens, so wird sie das, worauf sie in dem ganzen Umfang ihres Gebrauchs und ihrer Kraftanwendung nicht kommen zu können glaubt28) , nicht annehmen, nicht glauben, - so gut als, wenn nach allen Versuchen der Schiffahrt keine nordwestliche Durchfahrt durch Amerika entdeckt wird, die Geographie dreist behauptet, es gebe keine.
Solche Worte also, die für die Vernunft verloren sind, denn sie kann sie nicht begreifen, die für den Verstand undenkbar, für die Phantasie unvorstellbar, nur für das Gedächtnis zu brauchen sind, können bloß noch für das Herz, bloß in Ansehung ihres Einflusses auf die Willensbestimmung eine Wichtigkeit für den Menschen haben.
Unleugbar hat manche Seite der übermenschlichen christlichen Religionslehren nicht eigentliche Moralität, sondern nur Legalität zum Zweck und zur Folge. Wenn sie einer Verfeinerung und Wendung, um moralisch zu werden, fähig sind, so muß doch eingestanden werden - vorher wurde das Ding nicht so genau genommen -, daß diese Versuche erst durch die Einwürfe und Vorwürfe der Gegner veranlaßt worden sind, und lange, lange sind sie eigentlich nur dazu benutzt worden,
Die Phantasie des Träumers zu erstürmenWo des Gesetzes Fackel dunkel brennt29)
1/78 (oder haben sie zur Hoffnung veranlaßt, Moralität auf eine übernatürliche Weise zu erwarten - oder die Furcht [erzeugt,] eben auf diese Art verschlimmert zu werden). Ich brauche mich nur auf die Vorstellungen zu berufen teils der Belohnungen, die in mystische Seligkeiten, kindische, tändelnde oder auf einem unmoralischen Stolze beruhende Vorzüge gesetzt wurden, teils der Strafen, die noch beredter als die Belohnungen ausgemalt [sind] durch ihre grellen, sinnlichen Bilder von den Qualen der Hölle, wo der Teufel mit immer neuer Erfindungskraft die Seele ewig ohne Hoffnung der Errettung, ewig, ewig peinigt -: manche Phantasie, wie nicht zu verwundern, die unter der Gewalt dieser Vorstellungen erlegen [ist], zerrüttet [wurde], viele Menschen [, die sie] zur Verzweiflung, zur Raserei gebracht haben.
Wenn die Phantasie griechischer Bacchantinnen überschnappte bis zum Wahn, die Gottheit selbst gegenwärtig zu sehen, und zu den wildesten Ausbrüchen einer regellosen Trunkenheit, so war dies eine Begeisterung der Freude, des Jubels, - eine Begeisterung, die bald wieder ins gemeine Leben zurückkehrte. Aber jene religiösen Ausschweifungen der Phantasie sind Ausbrüche der traurigsten, ängstlichsten Verzweiflung, die die Organe von Grund aus zerrüttet, und häufig unheilbar; die Data, selbst die bestimmteren Züge zu diesen Gemälden werden von der Dogmatik gegeben, nicht bloß die Lehre, und es ist nur der mehr oder weniger lebhaften Phantasie des Lehrers überlassen, sie greller oder minder schrecklich darzustellen.
Die Erwartung[en] der Belohnungen und Strafen in einer anderen Welt sind so natürlich in dem praktischen Bedürfnis der Vernunft, einen Zusammenhang zwischen diesem und einem anderen Leben [herzustellen], gegründet, daß diese Lehre ein Hauptpunkt aller Religionen gewesen ist; aber um einer moralischen Religion würdig zu sein, muß Vorsicht bei ihrer Behandlung angewandt werden - um sie im Glauben der Völker zu befestigen.
1/79 Was Ausbildung der Einbildungskraft dabei ist, kommt hier noch nicht in Betrachtung, nur die Lehre, soweit sie auf den übervernünftigen Grundsätzen beruht, die uns die christliche Religion gibt, - obgleich auch Glaube an die Bilder der Einbildungskraft als an Dogmen gefordert wird. Die Lehre der Auferstehung der Leiber ist von keiner großen moralischen Wichtigkeit; nur hat sie wohl die an sich unbedeutende Folge gehabt, daß durch sie der Begriff von der Seele des Menschen, als eines geistigen unkörperlichen Wesens, nicht allgemeiner hat werden können; oder vielmehr hat sich die Hoffnung einer Fortdauer der persönlichen Existenz - wogegen der Tod, die Erlöschung derselben so natürlich spricht -, da sie die Idee eines unkörperlichen, unverweslichen, unsterblichen Wesens nicht hatte, damit geholfen, den Körper als ihr Selbst, nicht bloß als ihren vertrauten Gefährten wieder aufleben zu lassen.
Die Hoffnung einer Entschädigung für ausgestandene Leiden ist ein tröstender Gedanke, ein Gedanke, den wir von der Gerechtigkeit fordern, aber wir müssen uns dabei doch gewöhnen, nicht alles, was etwa unserer Erwartung entgegen geschieht, als ein Unrecht anzusehen; wir müssen uns mehr gewöhnen, uns mehr von der Natur abhängig zu betrachten. Die Verwicklung unserer politischen und bürgerlichen Verhältnisse und die Ungleichheit in der Lebensart und in den Glücksgütern hat nicht nur das Elend aller Art, sondern auch die Reizbarkeit und die Empfänglichkeit dafür vermehrt; zu den Schmerzen, denen wir vermöge unserer Natur und unserer von dieser so oft abweichenden Lebensart ausgesetzt sind, gesellt sich gar häufig auch Unlittigkeit, Ungeduld, die aus der Forderung entspringt, daß uns alles wohl und nach Wunsch gehen soll, und aus dem Glauben, Unrecht bei dem Unglück zu leiden.
1/80 Hinter der vorgeblichen Verachtung der Güter und Ehren dieser Welt steckt gar häufig ein sehr übel abstechender Neid gegen die, die sie besitzen; die Verachtung ist gar häufig eher ein Ärger darüber, und die Entbehrung derselben wird alsdann für ein Unrecht, für ein Leiden angesehen, wofür uns gleichfalls Entschädigung gebühre. Viele Menschen in der Überzeugung, daß die Leiden dieser Welt nicht wert seien der Herrlichkeit in der zukünftigen, glauben, ohne Leiden können sie an dieser gar nicht teilnehmen; bei einem ruhigen Genuß dieses Lebens verbunden mit der Erfüllung seiner Pflichten leben sie immer noch [nicht nur] voll Wachsamkeit über ihre Tugend, sondern eigentlich voll Angst - und schaffen sich eine Menge entweder wirklicher oder erträumter Leiden und klagen30) über diese Welt als über ein Jammertal, wo sie doch wirklich nichts zu klagen haben. Alle dergleichen Dispositionen führen ab von dem Geist, von der Wahrheit eines zu hoffenden moralischen Zusammenhangs dieses Lebens mit dem zukünftigen.
Eine unterscheidende, der Vernunft unbekannte Lehre des Christentums ist die fürchterliche Alternative, wo es kein Mittleres gibt, daß das Schicksal, das die Menschen in einer anderen Welt erwartet, entweder ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis ist, - eine Alternative, die, wenn den Menschen die Vorstellungen der Zukunft nach diesem Leben so sicher, so zuverlässig wären wie die Gewißheit, daß Quingimarinde das Fieber kuriert, - die, sag ich, dem Menschen in diesem Leben, nach welchem das Reich der Gnaden ein Ende hat und das Reich der unerbittlichen Gerechtigkeit seinen Anfang nimmt, keinen Augenblick Ruhe ließe, sondern ihn in einen Zustand der marterndsten Ungewißheit versetzte, die im Gefühl ihrer Unvollkommenheit ewig zwischen der Furcht vor dem Richter der Welt und der Hoffnung von dem gnädigen verzeihenden Vater wankte, - ein qualvoller Zustand, der nur darum weniger häufig ist, weil die Natur des Menschen inkonsequent in Ansehung derjenigen ihrer Grundsätze ist, die nicht in ihr selbst gegründet sind, sondern nur von außen in den Kopf eingetrieben sind.
1/82 Von sehr großer praktischer Wichtigkeit aber ist die Geschichte Jesu, nicht bloß seine oder die ihm zugeschriebenen Lehren. Um das Gute zu lieben, das Recht recht zu üben, nicht bloßen augenblicklichen guten Regungen den Schein der Tugend zu danken zu haben, sondern aus freier Wahl sie zu lieben, dazu gehören Grundsätze, ein Übergewicht unserer Metaphysik über unsere Physik, abstrakter Ideen über das Sinnliche. Wann wird es mit dem Menschengeschlecht so weit kommen, daß Grundsätze mehr herrschen als Empfindungen, Gesetze mehr als Individuen? Wenn die Tugend, sagte Platon, sichtbar unter den Menschen erschiene, so würden alle Sterblichen sie lieben müssen - an tugendhafte Menschen glaubte doch wohl Platon, aber um die Menschen zur eifernden Bewunderung zu begeistern, verlangte er die Tugend selbst. Die Geschichte Jesu stellt uns nicht bloß einen Menschen dar, der sich in der Einsamkeit vorher selbst gebildet hatte und dann seine Zeit allein auf Besserung der Menschen verwandte, der diesem Zweck endlich selbst sein Leben aufopferte. Um das bekannteste Beispiel anzuführen, so hätte uns Sokrates insofern ebensogut zum Spiegel, zum Muster aufgestellt werden können; er schöpfte seine Weisheit im Getümmel des tätigen Lebens, in den Schlachten, wo er mit Lebensgefahr seinen Freund errettete, er widmete sein Leben der Besserung seiner Bürger, und die Wahrheit reichte ihm endlich den Giftbecher, den er mit der erhabensten Ruhe leerte. Was fehlt uns hier zu einem Vorbild der Tugend? War nicht Sokrates ein Mensch mit nicht mehr Kräften als wir, können wir nicht an das Werk der Nachahmung mit der Hoffnung gehen, die Stufe von Vollkommenheit in unserer Lebensweise ebensogut erringen zu können? Was kostete Christum die Hilfe, die er Kranken reichte? - ein Wort. Mit göttlicher Kraft versehen, der weder die Sinnlichkeit irgendeine leise Neigung oder Empfindung entgegenstellen, noch der Mangel an Mitteln und Kraft im Wege stehen konnte, sollte das untadelige Leben Jesu, seine Standhaftigkeit, seine Ruhe im Leiden uns nicht als bewunderungswürdig vorkommen und nicht zur Nachahmung reizen, die wir ganz entblößt, ohne Hoffnung sind, es so weit zu bringen. Aber auf dies Räsonnement des kalten Verstandes achtet die Phantasie [nicht], und gerade die Beimischung, der Zusatz des Göttlichen qualifiziert den tugendhaften Menschen Jesus zu einem Ideale der Tugend, - ohne das Göttliche seiner Person hätten wir nur den Menschen, hier aber ein wahres übermenschliches Ideal, das der menschlichen Seele, soweit sie sich davon entfernt denken muß, doch nicht fremd ist. Außerdem hat dieses Ideal noch den Vorteil, kein kaltes Abstraktum zu sein; seine Individualisierung, daß wir es sprechen hören, es handeln sehen, bringt es, das schon unserem Geiste verwandt ist, für unsere Empfindung noch näher. Hier ist also für den Gläubigen nicht mehr ein tugendhafter Mensch, sondern die Tugend selbst erschienen: bei jenem sind wir immer geneigt, noch geheime Schatten oder doch ehemaligen Kampf, wie bei Sokrates nur aus der Physiognomie, vorauszusetzen, - hier hat der Glaube die makellose, doch nicht entkörperte Tugend.
Der Zusatz des Göttlichen bei Jesus, statt dem Scheine nach unseren Eifer im Nachahmen zu schwächen, da er uns durch die Betrachtung der Unmöglichkeit, sich ihm zu nähern, abschrecken sollte, ist vielleicht mehr unserem Hang zu Idealen, die mehr als menschlich sind, günstig.
1/83 So wie man aber, um ein guter Nachahmer zu sein, selbst ein Stück von einem Original sein muß - wie in allem anderen, so auch noch mehr im Moralischen, sonst ist sie nur etwas Gezwungenes, etwas, dem man es ansieht, daß es nicht natürlich ist, wo hier und da etwas nicht recht an seinem Orte ist, nicht recht passen will, zum übrigen absticht -, so muß die Tugend besonders etwas selbst Erfahrenes, etwas selbst Geübtes sein. Die anderen nachgebetete, auswendig gelernte Tugend hat etwas Linkisches, etwas, das nicht gegen Erfahrung und fortschreitende Bekanntschaft mit der Welt bestehen kann, das keinen Wert, keinen Verdienst hat. So hat also die Menge, unzählige Menschen ohne Belang, d. h. ohne edle Empfindungen, ohne delikate Lagen, ohne Situationen, wo Tugend und Stärke oder Geduld sich zeigen konnten, die aber doch, ohne entfernt in ähnlichen Lagen oder ähnlicher Tätigkeit begriffen zu sein, schlechterdings ihrem Urbild gleich sein wollten, ihren Kleinigkeiten den Namen hoher Tugenden umgelegt. Daher die Menge der klagenden Leidenden, denen nichts fehlte, - der Verfolgten, die man ruhig ließ oder die nicht selbst eher Ruhe hatten, als bis man sie verfolgte, - die Menge der Lehrenden, deren Weisheit kein Mensch bedurfte. Das Muster von Tugend, das sich die Menschen nach ihrem Ideal bildeten, nahm natürlich auch den Ton derjenigen Tugenden an, die an dem Ideal hauptsächlich hervorstechen, aber das Nachgeahmte hat dann gemacht, daß diese Tugenden häufig ausarteten, ungeschickt angebracht wurden. Aus dem Belehrenwollen ist Rechthaberei und daraus Intoleranz entstanden.
[Die] Lehre von der Vorsehung, ein der christlichen Religion eigener Begriff, [ist] ein Begriff der Vernunft, dessen wir uns eigentlich bei keinem einzelnen Fall bedienen sollten, da er nicht ein Verstandesbegriff ist und also nichts erklärt.
Praktische moralische Lehren
1/84 Sehr viele Gegner des Eigentümlichen des Christentums haben dagegen die größte Achtung gegen die Moral der christlichen Religion bezeigt, - sosehr sie die Dreieinigkeits-, die Versöhnungs-, die Erbsündelehre zum Gegenstand ihres Spotts oder ihrer sonstigen Waffen gemacht haben, so sehr sind sie von der Moral des Christentums begeistert worden und haben sie als eine Wohltat, die dem Menschengeschlecht widerfahren ist, erhoben. Und in der Tat, das reinste System der Moral, das schlechterdings alle materialen Prinzipien ausschließt, hat sich nirgends ungezwungener an die christliche Religion anschließen können als in Ansehung der Moral. Und sosehr wieder andere einzelne Aussprüche Jesu oder seiner Apostel, einzelne Befehle oder Äußerungen von Gesinnungen als mit einer reinen Moral unverträglich gefunden haben, so ausgemacht ist es, daß der ganze Geist der Moral Christi mit jeder erhabensten Moral in Übereinstimmung gebracht werden kann, daß der unbedingteste Gehorsam gegen das Gesetz darin eingeschärft wird.
Aber die Hauptsache ist nicht, ob sich die Aussprüche einer reinen Moral in der Lehre Jesu auffinden lassen; sie lassen sich ebensogut aus den Schriften eines Platon, Xenophons, Rousseaus finden. Es ist auch nicht in Anschlag zu bringen, daß die praktischen Grundsätze nicht in ein System gebracht oder wenigstens alle Pflichten und die Motive derselben bestimmt gegeben sind; die Hauptsache ist, in welchem Licht, in welcher Verbindung, in welchem Rang sie aufgestellt sind.
1/85 Johannes’ Anrede an das Volk war: Tut Buße; [die] Christi: Tut Buße und glaubet an das Evangelium; [die] der Apostel: Glaubet an Christum, - und der Weg der letzteren hat sich bis auf den heutigen Tag in allen Schulen, Kompendien, Predigten erhalten. Auch heutigentages, wo der Geist, die Ideen der Zeit das Bedürfnis einer Sühne für Verbrechen nicht mehr haben, fängt man teils der Zeit, teils der Wichtigkeit nach mit dem an, Christum uns als Sündenversöhner kennen zu lehren, der der beleidigten Heiligkeit Gottes als Opfer für die Menschheit gefallen [hat], von welcher jedes Individuum nicht in einzelnen Fällen, sondern für seine Existenz schon und für sein ganzes Leben einer Sühne bedürfte. Die Dankbarkeit gegen die Person, die dies für uns gelitten hat und gestorben ist - als ob nicht schon viele Millionen für geringere Zwecke sich hingeopfert, mit Lächeln, ohne blutigen Angstschweiß, mit Freudigkeit sich für ihren König, für ihr Vaterland, für ihre Geliebte hingegeben hätten - wie wären sie erst für das Menschengeschlecht gestorben! -, die Dankbarkeit gegen diesen Tod, das Wichtigste, das Zentrum unserer Religion, das Feierlichste für die Beschäftigung unserer Phantasie, soll zur Verehrung Christi und Gottes führen; zu dieser Verehrung gehört unter anderem Ausbreitung seines Namens usw., auch endlich Frömmigkeit, Mildtätigkeit usw.
Durch diese Umwege sind wir an die Moral gelangt, aber nicht in aufsteigender, sondern in absteigender Linie. Der Vorwurf wäre also ungerecht, daß die christliche Religion überhaupt Moralität nicht befördere; aber wieviel jene Umwege der Moralität dadurch, daß man sie so leicht für einzige Hauptzwecke angenommen hat, der Moralität geschadet haben, liegt am Tage. Schon dadurch ist das Ziel der Moralität aus den Augen verrückt worden, daß man nicht sie, sondern Seligkeit zum letzten Zweck dieser Lehren gemacht hat.
Die Anpreisung des Glaubens hat häufig die Folge gehabt, daß man sich mit einem toten Glauben - des Gedächtnisses, des Mundes -, mit Empfindungen begnügt hat und [sich] die gute Gesinnung und gute Handlungen erspart hat. Schon die Verfahrungsart der Apostel, Menschen in ihre Gemeine aufzunehmen, war von der, die Christus bei denen beobachtete, die er zu seinen Freunden annahm, gänzlich verschieden. Jenen genügte es, wenn eine Menge meist unwissender Menschen durch die Beredsamkeit einer oder etlicher Stunden [sich] so hatten in Erstaunen setzen lassen, daß sie ihren Worten glaubten und sich von den Aposteln taufen ließen, und damit waren sie dann gemachte Christen. Diese Bekehrungsart ist viele Jahrhunderte fortgesetzt worden und wird noch heutigentags im ganzen auf die nämliche Art am Ganges, am Orinoko, am Lorenzstrom geübt.
1/86 Weil die dankbare Verehrung Christi, die Ausbreitung seines Namens auf dem Erdboden für einen Hauptzweck, für eine Hauptpflicht ausgegeben wird, so hat dies die Folge gehabt, daß der Vorwurf gar nicht ungerecht ist, den Sittah im Nathan31) macht. Denn wozu Missionare ausschicken, solange es noch moralisch-schlechte Menschen unter den Christen gibt? Nicht bloß die Katholiken, die Protestanten ebensogut und die Englische Kirche haben weitläufige kostbare Anstalten, deren Ausführung viel Arbeit, Schweiß, Beschwerlichkeiten, selbst Blut gekostet hat - um mit einem Namen, mit Geschichte die Phantasie von Völkern auszufüllen, die sich ihrem Bedürfnis gemäß ihre Götter, ihre Religion schon selbst geschaffen hatten.
[Zweite Fassung]32)
[A. Einleitung]
Wenn man von der christlichen Religion schreibt, ist man jederzeit der Gefahr ausgesetzt, des Fehlers beschuldigt zu werden, daß man sich eine unrichtige Vorstellung von dem Zweck und Wesen derselben mache; und bei dem, was man an der Vorstellung, die man sich davon macht, auszusetzen findet, ist man gleich mit der Gegenantwort bereit, dies treffe die christliche Religion nicht, sondern nur eine gewisse Vorstellung von derselben. Bittet man sich aus, man möchte einem doch den Lehrbegriff zeigen, worin man zuverlässig das lautere System der christlichen Religion antreffe, so werden die Herren alle aus einem Munde antworten: ist
Ihnen denn mein Kompendium nicht bekannt? - Aber meine Herren, Ihre selbstgeschriebenen Kompendien oder die, die Sie als Ihr Glaubenssystem zum Grunde legen, sind selbst so
1/87 verschieden, daß man Sie ersuchen muß, sich vorher zu vereinbaren, ehe Sie etwas als nicht zur christlichen Religion gehörig ausgeben. - Das, was im folgenden als zur christlichen Religion gehörig angesehen werden wird, ist entweder unmittelbar aus dem Neuen Testament geschöpft, oder das, was man mehr als Lehre eines Systems ansehen kann, sehr wenige Lehrbücher und die Überzeugungen einzelner aufgeklärter Männer abgerechnet, wohl noch immer [die] öffentlich von den Konsistorien und Kirchenräten anerkannte Volkslehre, noch immer der Gang, der auf den meisten Kanzeln und Schulen genommen wird - wenigstens das System, in dem wohl die ganze jetzt groß gewordene Generation erzogen und unterrichtet worden ist -, und es ist wohl deswegen immer noch wichtig, manches in dieser Heilsordnung zu beleuchten, bis gesündere Vorstellungen allgemeiner Platz gegriffen haben und jene Systeme nur etwa für den neugierigen Forscher in dem Geist verflossener Zeiten noch Interesse haben. Ich glaube daher nicht in den Fehler derjenigen verfallen zu sein, die anderen die Krätze geben, um sie kratzen zu können. Keine Versicherung würde mir mehr Vergnügen machen als die, bei manchen Vorstellungsarten, die mir anstößig schienen, sei es deswegen unnötig gewesen, etwas zu erinnern, weil sie längst vergessen seien, wenn ich anders diese Versicherung für allgemein wahr annehmen könnte.
1/88 Wirkung der Religion ist Verstärkung der Triebfedern der Sittlichkeit durch die Idee von Gott als moralischem Gesetzgeber - und Befriedigung der Aufgaben unserer praktischen Vernunft in Ansehung des von ihr uns gesetzten Endzwecks, des höchsten Guts. Wegen dieser Wirkungen kann die Religion Zweck der Gesetzgeber und der Verwalter eines Staats werden, und das natürliche Bedürfnis der Menschen zu derselben kann von ihnen durch besondere Anstalten befriedigt werden. Gewöhnlich hat der Wille der Nation schon längst sich für eine bestimmte Religion erklärt, ehe die Regierungen dieselbe zum Zwecke setzen konnten; nur die Fortpflanzung, die Aufrechterhaltung, die immerwährende Auffrischung der Kenntnis derselben kann eine Regierung sich zum Zwecke machen. Wenn man nun weiß, von wie großem Einfluß bei der Masse der Nationen in monarchischen Staaten die öffentlichen Anstalten zur Erhaltung eines gewissen Religionssystems sind, wo das Volk selten in dem Zustand ist, selbst untersuchen, selbst wählen zu können, sondern sich beim Unterricht überhaupt leidend verhält, so ist es wohl erlaubt zu fragen: Ist die Religion, die einst für das Volk zweckmäßig war - es würde sich sonst nicht zu ihr gewandt haben -, ist diese Religion in der gleichen Gestalt unter ganz veränderten Umständen immer noch ebenso zweckmäßig? War die Religion in ihrem ersten Ursprung so beschaffen, daß sie fähig war, bei jeder Veränderung der Regierungsform, der Aufklärung als allgemeine Religion sowohl wie als Privatreligion ihre Würde, ihre Zweckmäßigkeit zu behalten und ihre Wirksamkeit gleich auszuüben? Hat der Geist der Völker das, was an ihr etwa temporale war, selbst nach und nach abgelegt oder verändert, oder haben die Machthabenden es in ihre Gewalt bekommen, die Religion auszuspenden, und haben diese ein Interesse darein gelegt, die Gestalt, die sie von ihren Voreltern ererbten, festzuhalten und als ein teures ihnen anvertrautes Gut unverändert wieder den Händen ihrer Nachfolger zu überliefern? Bis Veränderungen das Bedürfnis einer ganzen Nation wurden und dann nicht mehr aufzuhalten waren, hat es immer Jahrhunderte erfordert; und das Volk war gewöhnlich mit einem Stoße zufrieden, ließ sich dann das Heft bald wieder aus den Händen winden, wodurch gewöhnlich weiterer Fortgang, mehrere Verbesserungen selbst durch die Anhänglichkeit an den neuen Fund und das Mißtrauen, man gehe darauf aus, ihn ihnen wieder aus den Händen zu reißen, auf Jahrhunderte unmöglich gemacht wurden.
Eine Religion kann betrachtet werden
d) ihres Verhältnisses zum Staat oder als öffentliche Religion - Anstalten.
1/89 Welches sind die Erfordernisse einer Volksreligion in Ansehung dieser Gesichtspunkte - treffen wir sie bei der christlichen Religion an?
[B.]
a. [Lehren]
α) Die praktische Vernunft setzt dem Menschen als höchsten Zweck alles seines Bestrebens, sie legt ihm die Aufgabe auf: Hervorbringung des höchsten Guts in der Welt, Moralität und ihr angemessene Glückseligkeit.
Ich glaube es als ziemlich allgemeine Lehre des Christentums annehmen zu dürfen, daß die Hoffnung einer ewigen Seligkeit das ist, was für den Christen das größte Interesse hat, in Vergleich mit welchem alles andere nur einen untergeordneten Wert [hat]. Wohlgefallen Gottes an ihm ist ihm darum wichtig, weil dieser der Ausspender jener Seligkeit ist. Diese Idee der Seligkeit kommt in Ansehung der Materie ziemlich mit dem überein, was die Vernunft setzt. Die oberste Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts ist nach der Vernunft die Angemessenheit der Gesinnung zum moralischen Gesetz. Nach der christlichen Religion ist die oberste Bedingung der ewigen Seligkeit [der] Glaube an Christum und an die Kraft seines versöhnenden Todes, und zwar nicht, weil dieser Glaube am Ende zur Moralität führen kann, die alsdann doch die eigentliche Bedingung und jener Glaube nur das Mittel wäre, sondern der Glaube an sich selbst ist Grund des Wohlgefallens Gottes, und dieses Wohlgefallen gibt deswegen ewige Seligkeit denen, die an Christum glauben, welche sie eigentlich nie verdienen konnten.
1/90 Diese Verschiedenheit in dem, was für den Menschen höchstes Gebot sein soll, führt zu mehreren Konsequenzen oder ist vielmehr auf einigen wichtigen vorhergehenden Sätzen gebaut: nämlich durch alles Bestreben, durch allen aufrichtigen Eifer zum Guten kann der Mensch es wegen seiner völligen Unfähigkeit zur Moralität nie so weit bringen, Glückseligkeit zu verdienen; welcher Grad ihm von derselben zuteil wird, hat er von der unverdienten freien Gnade Gottes, von ihrer Gerechtigkeit würde er nichts als Unglück und Strafe zu erwarten haben. Hier wird unwidersprechlich der Satz zum Grunde gelegt: der gute Mensch verdient Glückseligkeit, er kann sie als Recht fordern, er ist derselben würdig. Nur wird die Unmöglichkeit vorausgesetzt, ein guter Mensch zu werden.
Man hat diesen Sätzen bis zum Langweiligwerden den Sokrates, so viele tugendhafte Heiden, so manche ganze unschuldige Völkerschaft entgegengesetzt, aber immer die elende Antwort bekommen, die für den gefühlvollen Mann, der an Tugend glaubt, empörend ist, die ein herzleerer Kirchenvater ausgebrütet und die ebenso leeren Schüler ihm bis zum Ekel nachgeschwatzt haben -: dies seien nur glänzende Laster gewesen. Jenen Satz, der in der allgemeinen moralischen Natur des Menschen so tief gegründet ist - daß der Gute der Glückseligkeit würdig ist, ein Grundsatz, der sich allgemein in der Urteilungsart des gesunden Menschenverstandes äußert -, legen die Theologen bei ihrer Lehre von Gerechtigkeit selbst zum Grunde, aber es ist ein Satz, der ihnen doch Mühe macht, den sie zu verheimlichen suchen, nicht recht eingestehen wollen, denn er ist ihrer Grundlehre von dem genugtuenden Leiden und Tod Christi doch in etwas zuwider.
1/91 Der Satz von der Verdorbenheit nicht nur der Menschen, sondern der menschlichen Natur, dem die Erfahrung da widerspricht, wo nicht schlechte Regierungen die Menschheit herabgewürdigt haben, würde durch die schwache Exegese einiger unzusammenhängender Stellen der Schrift, die dies zu sagen schienen, nicht allein behauptet und so ausgebildet worden sein, wenn er nicht im Zusammenhang des Ganzen eine so große Wichtigkeit hätte. Von dieser Verdorbenheit und dem Widerwillen gegen das Gute, gegen das die Vernunft einen unüberwindlichen Ekel fühle, hat man sogar die physische Ursache in der Heiligen Schrift zu finden geglaubt und nicht bedacht, daß durch diese Fortpflanzung, wo der Wille des Menschen schlechterdings keinen Einfluß haben kann, wonach schon die Kinder für strafwürdig erklärt werden, - daß dadurch ja der Mensch, der außerdem noch unter den Einflüssen böser Geister stehen solle, gerade von aller Schuld für frei erklärt [wird], daß Zurechnung ganz und gar nicht stattfinden kann, wo keine praktische Freiheit ist, wo ihm das Vermögen abgesprochen wird, teils das Gute als solches anzuerkennen, teils es zu achten, teils ihm Übergewicht über die Sinnlichkeit zu geben. Ganz konsequent sind daher die Heiden ohne Gnade und Barmherzigkeit verdammt worden, und die menschenfreundliche Gesinnung derjenigen Theologen, die jetzt doch nimmer so gerade darüber abzusprechen wagen, steht in Widerspruch mit ihrem übrigen System.
Da Moralität nun nicht zur obersten Bedingung der Seligkeit gemacht werden kann, weil die Menschen ihrer nicht fähig sind, und Seligkeit also gar nicht stattfinden könnte, so ist von der erbarmenden Gnade Gottes ein anderes Ingrediens, dessen der Mensch noch fähig ist, dafür substituiert (an dessen Stelle gesetzt) worden - nämlich der Glaube an Christum. Man mag als einen noch so notwendigen Bestandteil des Glaubens die Tätigkeit desselben in guten Werken fordern, so liegt doch nach dem Ausspruch der Theologen in letzteren nicht dasjenige fürs erste, welches uns verdienstlich sein, uns einen eigentümlichen Wert geben könnte, was das Wohlgefallen Gottes auf uns ziehen könnte, - und dann hängt der Glaube überhaupt von einer Überzeugung des Verstands oder der Phantasie ab, die Dinge für wahr halten sollen, welche teils auf historischer Glaubwürdigkeit beruhen, teils von der Art sind, daß der Verstand sich nicht mit ihnen vereinbaren kann.
1/92 Der Glaube an Christum als an eine historische Person ist nicht ein Glaube in einem praktischen Vernunftbedürfnis gegründet, sondern ein Glaube, der auf Zeugnissen anderer beruht. Was Interesse für die Vernunft hat, was dem Dasein und der Tätigkeit des Menschen einen höchsten Endzweck setzt, was den Schlußstein des ganzen Systems seiner Beruhigung, der Auflösung der für ihn wichtigen Fragen macht, hat nach dem, was die Vernunft uns hierüber sagt, sein
1/93 Prinzip, sein Fundament in der Vernunft selbst, deren Entwicklung nur nötig ist, um jedem Menschen die Auflösung jener Probleme zu geben, und der Zugang dazu ist also jedem offen, der ihre Stimme hören will (ein Tag sagt’s dem andern usw.). Historischer Glaube dagegen ist seiner Natur nach eingeschränkt, die Ausbreitung desselben hängt von zufälligen Umständen ab, es ist eine Quelle, aus der nicht jeder schöpfen kann, - und doch soll die Bedingung des Wohlgefallens Gottes an uns, unseres Schicksals für die Ewigkeit [davon] abhängen. Man stelle sich hierbei noch so bescheiden und demütig mit unserer Unwissenheit in Ansehung der Wege und Absichten der Vorsehung, der man in anderen Fällen doch so genau auf die Spur gekommen sein will - wir können nicht fragen, warum hat die Natur den Tieren die Talente des Menschen, die Anlagen zur Vernunft und Moralität versagt? -, aber wenn ein elender Stolz, der sich bei der angenommenen Verdorbenheit unserer Natur auf nichts als auf diese selbst stützen könnte, uns nicht im Range der Wesen auf eine höhere Stufe als so unzählige andere Nationen setzen will, so können wir erwarten, daß die Mittel, die Schule zu einer Vollkommenheit, die dem Menschen allein Wert geben [kann], dem ganzen menschlichen Geschlecht offenstehen. Und es sind nur zwei Fälle möglich: entweder war der größere Teil des menschlichen Geschlechts von dem Segen ausgeschlossen, der durch jenen Glauben auf uns Auserwählte träuft, uns, deren Verdorbenheit nach unserem eigenen Eingeständnis der Verdorbenheit des übrigen Menschengeschlechts wenigstens gleich war und also nichts Besseres verdiente, in welchem Fall wir die so wichtigen Begriffe von der Würdigkeit, glücklich zu sein, die auf Sittlichkeit beruht, unserer Vernunft und dem allgemeinen Menschengefühl absprechen und das moralische Verhältnis der Gottheit zur Welt und den Menschen, den Begriff seiner Gerechtigkeit, weswegen doch die Existenz desselben allein Interesse für uns hat, aufheben und leugnen, daß die moralischen Eigenschaften Gottes irgend in einem Grade für uns erkennbar, bestimmbar seien, daß wir uns irgendeinen Begriff von seiner moralischen Natur machen können - von seiner Art, die Menschen zu richten, was die Tugend in seinen Augen sei -, da wir doch so manche transzendentale und gänzlich mysteriöse Eigenschaften desselben aus der christlichen Religion sollen kennenlernen, - entweder müssen wir ganz darauf Verzicht tun, oder aber wir müssen zugeben, daß jener Glaube nicht von der enormen Wichtigkeit sei, die man von ihm ausgibt, nicht die einzige ausschließende Bedingung, unter der Menschen von ihrem Endzweck auf der Welt etwas begreifen, unter der sie vor Gott und der Vernunft einen Wert haben können.
Die Gründe des Glaubens an Christum beruhen auf Geschichte. Wenn Einfalt der Sitten in einem Volke noch vor der großen Ungleichheit der Stände bewahrt hat und die Geschichte sich auf dem eigenen Boden des Volkes zugetragen hat, so pflanzen sich die Sagen von Eltern zu den Kindern fort, sie sind in gleichem Maße jedermanns Eigentum; sobald aber in einer Nation besondere Stände sich bilden, nimmer der Vater der Familie zugleich Hoherpriester ist, so wird sich früh ein Stand hervortun, der der Depositär der Sagen ist, von dem alsdann die Kenntnis derselben unter das Volk ausgeht; besonders wird dies der Fall sein, wenn die Sagen aus einem fremden Lande, unter fremden Sitten, in fremder Sprache entsprungen sind. Hier kann der Grund, der Inhalt der Sagen in seiner ursprünglichen Form nicht mehr das Eigentum aller sein, indem, um jene Form kennenzulernen, viele Zeit und ein mannigfaltiger Apparat von Kenntnissen erfordert wird; auf diese Art wird jener Stand bald zu einer Herrschaft über den öffentlichen Glauben gelangen, die sich bis zu einer sehr ausgedehnten Gewalt erweitern kann oder wenigstens immer in Ansehung der Lehren der Volksreligion das Heft in den Händen behält.
1/94 Glaube33) an das, was Leute uns sagen, die unser Zutrauen besitzen oder vom Staate dazu privilegiert sind, daß man ihnen glaubt, ist eine unendlich bequemere Sache, als selbst sich zum Nachdenken zu gewöhnen; der historische Glaube ist auch fähig, Untersuchungen zu veranlassen, aber es liegt nicht unmittelbar in seiner Natur, den Geist des Nachdenkens zu erwecken; bei moralischen oder Klugheitsregeln glaubt sich jeder berechtigt und findet sich veranlaßt, sie mit seinem Gefühl und mit seinen Erfahrungen zusammenzuhalten und über die Wahrheit und Anwendbarkeit derselben zu urteilen. Bei Geschichtswahrheiten ist das Volk dazu gewöhnt, das zu glauben, was ihm von Jugend auf erzählt wird, und nie in Zweifel darüber zu geraten, und dazu verdammt, sich in Untersuchungen über die Wahrheit desselben nie einlassen zu können. Da der Grund unserer Seligkeit nicht auf dem beruhen soll, was unsere Vernunft, Aufmerksamkeit auf uns selbst und andere, unser Selbstdenken zu prüfen fähig wäre, sondern auf der Autorität derer, denen der Staat vorzüglich die Sorge für die Fortpflanzung der Geschichtswahrheiten anvertraut hat, so kann man vielleicht sagen, es liege in der Natur der Sache, daß Gebrauch und Kultur des Verstandes, Vertrauen auf seine eigenen Einsichten, Selbständigkeit in seinen Überzeugungen so wenig durch sie befördert wird und so wenig allgemein ist.
1/95 Glauben - dieser Glaube unterscheidet sich noch von dem historischen durch seinen höheren Grad von Lebhaftigkeit, eine Spannung der Seele, ist endlich noch dem Schicksal ausgesetzt; er mag noch so sehr mit Autorität umlagert, die Umstände mögen noch so fein und künstlich in ein System kombiniert sein, dem man nirgend beikommen kann, ohne sich in ein endloses Detail verwickeln zu müssen, um alle Hypothesen, alle Möglichkeiten wegzuschaffen, - so wagt es am Ende doch die Vernunft, aus sich selbst jenen Glauben zu prüfen, aus sich selbst die Prinzipien der Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit zu schöpfen, unangesehen jenes künstlichen historischen Gebäudes, das sie auf der Seite liegen läßt und [das] einen Primat über die Überzeugung von Vernunftwahrheiten aus historischen Gründen behauptet.
Ist die Vernunft einmal so weit großgezogen, daß sie diese ihre Autonomie fühlt, so hat ihre aus sich selbst geschöpfte, in sich selbst gegründete Überzeugung eine solche Stärke, daß sie entweder jenen historischen Glauben und seine Beweisgründe gänzlich nicht achtet, ganz darum unbekümmert ist und sich den Vorwurf eines sträflichen Leichtsinns zuzieht; oder wenn nicht aufgehört wird, ihr jenen Glauben vor Augen zu halten, sie damit zu bestürmen, und sie diesen nicht in sich selbst auch aus historischen Gründen anzugreifen versteht, wenn ihr die Gelehrsamkeit dazu mangelt und sie also hartnäckig die Übergabe verweigert, so wird sie einer vorsätzlichen Blindheit angeklagt; oder sie sucht den historischen Glauben entweder selbst zu erschüttern durch Witz, durch die Vorstellung der Ungereimtheit mancher Erzählung oder [dadurch,] daß sie die heilige Geschichte wie ein anderes menschliches Werk behandelt und bei ihren Sagen ebenso die Möglichkeit, verändert worden zu sein oder nur in einem Volksglauben ihren Grund gehabt zu haben, voraussetzt als bei den Traditionen anderer Völker, - oder daß sie den historischen Glauben mit seinen eigenen Waffen angreift und in den Büchern, die sein Fundament ausmachen, das nicht findet, was er daraus zieht, und sich dieselbe auf alle mögliche Art anzupassen sucht, - in diesem Fall wird sie des Mangels an Achtung für das göttliche Wort, der Bosheit und Unredlichkeit beschuldigt.
Der Glaube an Christum ist der Glaube an ein personifiziertes Ideal (s. S. 81 ff.).
1/98 Warum reichen uns Beispiele von Menschen nicht hin, uns im Kampf der Tugend zu stärken, den göttlichen Funken in uns, die Kraft, die in uns liegt, über das Sinnliche Meister zu werden, zu fühlen? Warum erkennen wir in tugendhaften Menschen nicht, daß sie nicht nur Fleisch von unserem Fleisch, Bein von unserem Bein [sind], sondern fühlen auch die moralische Sympathie, daß dies Geist von unserem Geist, Kraft von unserer Kraft ist? - Ach, man hat uns überredet, daß diese Vermögen fremdartig, daß der Mensch nur in die Reihe der Naturwesen, und zwar verdorbener gehöre, man hat die Idee der Heiligkeit gänzlich isoliert und allein einem fernen Wesen beigelegt, sie mit der Einschränkung unter eine sinnliche Natur für unvereinbar gehalten; - wenn daher dieser moralische Vollkommenheit zugeschrieben werden könnte, so würde sie nicht einen Teil unseres eigenen Wesens ausmachen, sondern nur durch Verbindung jenes Wesens aller Wesen selbst mit uns, durch sein Einwohnen in uns (unio mystica) sein Wirken in uns möglich sein. Diese Erniederung der menschlichen Natur erlaubt es uns also nicht, in tugendhaften Menschen uns selbst wiederzuerkennen, - für ein solches Ideal, das uns Bild der Tugend wäre, bedurfte es eines Gottmenschen. Wohl uns immer noch, wenn wir das wahrhaft Göttliche in ihm finden, nicht gerade darin, daß er die zweite Person der Gottheit, daß er vom Vater von Ewigkeit her gezeugt usw., sondern darin, daß sein Geist, seine Gesinnung mit dem moralischen Gesetz übereinstimmte, dessen Idee wir am Ende freilich aus uns selbst holen müssen, wenn schon sein Buchstabe in Zeichen und Worten gegeben sein kann. Daß aber dies wahre Göttliche in ihr oft verkannt, beiseite gesetzt worden ist, zeigen einesteils die Streitigkeiten oft auf Leben und Tod der Gelehrten und der Priester - d. h. derer, deren Pflicht es war, die Aufmerksamkeit auf jene moralischen Eigenschaften zu erhalten - über für die Moral so unfruchtbare Prädikate als die ewige Zeugung, die Art der Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen usw., über welche außerwesentlichen Eigenschaften man in schulgerechten Kompendien die erschöpfendsten Bestimmungen findet, die am Ende so fein werden, daß sie einem unter den Fingern entwischen. Die verschiedenen Meinungen hierüber sind zu wesentlichen Angelegenheiten der Religion gemacht, sie sind nicht in den Studierstuben geblieben, sondern das Volk, die Regierungen sind zur Teilnahme aufgefordert worden, um ihre Gewalt gegen die andersdenkende Partei zu gebrauchen und diese in ihrem Blute oder im Kerker ihre Irrtümer büßen zu lassen. Auf diesem Wege ist offenbar das Wesentliche des Ideals übersehen, mißkannt worden - die Eigenschaft, wegen welcher es für uns Ideal, göttlich sein sollte. Nicht weniger aber zeigen uns andere ebenso traurige Erfahrungen, daß dies nicht die einzig mögliche Art war, es zu verkennen, daß die Menschen noch an außerwesentlicheren Eigenschaften desselben hängen, für dieselben ihr eigenes und fremdes Blut aufopfern konnten, für seinen bloßen Namen, für Worte, die damit verbunden wurden oder die von ihm herrühren (S. 85). Durch welche Veranstaltungen es aber zustande gebracht werden könne, daß in Christo nicht der Mensch nur, nicht sein Name nur, sondern die Tugend selbst erkannt und geliebt werde, die Beantwortung dieser Frage beruht auf der Auflösung des Problems, wie ein Volk überhaupt zur Empfänglichkeit für moralische Ideen und zur Moralität großgezogen werden könne, ein Problem, dessen Ausführung für unsere Absicht zu weitaussehend wäre und wovon bloß Gegenstand unserer Betrachtung der Anteil [ist], den die christliche Religion beiläufig durch die Umwege ihres Glaubens daran nehmen will. Der Angel aber, um den sich die ganze Hoffnung unserer Seligkeit dreht, ist der Glaube an Christum als den Versöhner Gottes mit der Welt, als den, der an unserer Statt die Strafen trug, die das Menschengeschlecht teils wegen seiner natürlichen Verdorbenheit, teils selbstverschuldet verdient hatte, welche Leiden eines Unschuldigen - denn er war Gott - an der unermeßlichen Schuld des Menschengeschlechts abgeschrieben und uns zugute aufgerechnet werden sollen. - Gegen dieses Stockwerk im Gebäude des christlichen Glaubens sind die anderen Lehren nur als so viele unterstützende Strebepfeiler anzunehmen; darum war es nötig, die Nichtswürdigkeit der Menschen und ihre Unfähigkeit, natürlicherweise je einen Wert zu bekommen, [zu behaupten], die Lehre von der Gottheit Christi - denn nur das Leiden eines solchen konnte die Schuld des Menschengeschlechts aufwiegen -, darum [auch] die Lehre von der freien Gnade Gottes, weil jene Geschichte, an die unsere Seligkeit gebunden ist, der halben Welt ohne ihr Verschulden unbekannt bleiben konnte, und so manche andere, die damit zusammenhängt, auszubilden. Wenn man dabei auch die abgeschmackte Vorstellung, Christus habe in der Tat selbst die Strafe der ganzen Welt in seinen Leiden ausgestanden, dadurch entfernt, daß man nur überhaupt sagt, Gott habe an diese Leiden die Vergebung unserer Sünden geknüpft, sie seien die Bedingung der Wiederkehr seiner Gnade gewesen, welches der Mensch freilich aus seinem moralischen Verhältnis zur Gottheit nicht begreifen [kann] und wodurch der obigen Ungereimtheit eben nicht so gar viel abgeholfen ist, so bleibt also noch der Hauptgedanke übrig: wegen fremden Verdienstes wird den Menschen ihre Schuld erlassen, wenn sie nur dies glauben wollen.
6.
1/100 34) Jetzt braucht die Menge, die keine öffentliche Tugend mehr hat, die weggeworfen im Zustande der Unterdrückung lebt, andere Stützen, anderen Trost, um eine Entschädigung für ihr Elend zu haben, das sie nicht zu vermindern wagen kann, - die innere Gewißheit des Glaubens an Gott und Unsterblichkeit muß durch äußere Versicherungen, durch Glauben an Menschen ersetzt werden, die mehr davon wissen zu können von sich die Meinung zu erregen wußten. Der freie Republikaner, der im Geiste seines Volks für sein Vaterland seine Kräfte, sein Leben aufwandte und dies aus Pflicht tat, rechnet seine Mühe nicht so hoch an, daß er Ersatz, Entschädigung dafür verlangen könnte; er hat für seine Idee, für seine Pflicht gearbeitet - was hat er dagegen zu fordern? Er erwartet nur, weil er brav war, in Gesellschaft der Helden in Elysium oder Walhalla zu leben, dort nur darum glücklicher als hier, weil er frei von den Plagen der gebrechlichen Menschheit ist. Ebenso, wer Gehorsam unter Natur und Notwendigkeit als Maxime in seine Vernunft aufgenommen und dies Gesetz als uns zwar unverständlich, aber als heilig ehrt, was bleiben für Ansprüche auf Entschädigung zu machen übrig? Was kann ein Ödipus für Schadloshaltung für seine unverschuldeten Leiden fordern, da er sich im Dienste, unter der Herrschaft des Fatums zu stehen glaubte? Aber blinden Gehorsam unter die bösen Launen verworfener Menschen sich zur Maxime zu machen, war nur ein Volk von der höchsten Verdorbenheit, von der tiefsten moralischen Kraftlosigkeit fähig; nur die Länge der Zeit, die gänzliche Vergessenheit eines besseren Zustands kann es dahin bringen. Ein solches Volk, das, von sich selbst und von allen Göttern verlassen, ein Privatleben führt, braucht Zeichen und Wunder, braucht Versicherungen von der Gottheit, daß es ein zukünftiges Leben habe, da es diesen Glauben in sich selbst nicht mehr haben kann. Es ist aber doch nicht so weit zu bringen, um die Idee der Moralität zu fassen und auf diese seinen Glauben zu bauen, die Ideen sind vertrocknet, sind jetzt Chimären, sondern sein Glaube kann nur an einem Individuum hängen, kann nur an eine Person sich anlehnen, die ihm Beispiel, die der Gegenstand seiner Bewunderung ist. - Daher der offene, willkommene Empfang der christlichen Religion zu den Zeiten der verschwundenen öffentlichen Tugend der Römer und der sinkenden äußeren Größe. Daher, wenn nach Jahrhunderten die Menschheit wieder Ideen fähig wird, das Interesse an dem Individuellen verschwindet, die Erfahrung von der Verdorbenheit der Menschen zwar bleibt, aber die Lehre von der Verworfenheit des Menschen abnimmt und dasjenige, was uns das Individuum interessant machte, selbst als Idee in ihrer Schönheit nach und nach hervortritt, von uns gedacht, unser Eigentum wird, [wenn wir] das Schöne der menschlichen Natur, was wir selbst in das fremde Individuum hineinlegten, indem wir von ihr nur alles Ekelhafte, dessen sie fähig ist, zurückbehielten, wieder als unser eigenes Werk freudig erkennen, es uns wieder aneignen und dadurch Selbstachtung für uns empfinden lernen, da wir vorher nur [das] uns eigen glaubten, was nur Gegenstand der Verachtung sein kann -
Im Privatleben mußte Liebe zum Leben, Bequemlichkeit und Verschönerung desselben unser höchstes Interesse sein (welche in ein System von Klugheit gebracht unsere Moralität ausmachten); jetzt, wenn moralische Ideen in dem Menschen Platz greifen können, so sinken jene Güter im Wert, und Verfassungen, die nur Leben und Eigentum garantieren, werden nimmer für die besten gehalten, - der ganze ängstliche Apparat, das künstliche System von Triebfedern und Trostgründen, worin soviel tausend Schwache ihr Labsal fanden, wird entbehrlicher. Das System der Religion, das immer die Farbe der Zeit und der Staatsverfassungen annahm, deren höchste Tugend Demut [war], Bewußtsein seines Unvermögens, das alles anderswoher, das Böse selbst zum Teil erwartet, wird jetzt eigene wahre, selbständige Würde erhalten.
7.
1/101 35) I. Die transzendente Idee von Gott als dem allerrealsten Wesen, wenn auch die spekulative Vernunft fähig wäre, die Realität und Existenz derselben zu beweisen oder auch nur einen Glauben an dasselbe hervorzubringen, würde doch an sich für uns schlechterdings nicht erkannt, aus sich allein seinen Eigenschaften nach bestimmt werden können, wenn nicht Naturbetrachtung und der Begriff von einem Endzweck der Welt zu Hilfe genommen werden. - Da aber der Versuch der spekulativen Vernunft, ihrem Ideal, das, so erfüllt es scheint, doch insofern, als es allein Interesse für den Menschen, nicht bloß für die Logik hat, leer wäre, Wesenheit und Bestimmung zu verleihen, selbst wenn sie Naturbetrachtung zu Hilfe ruft, fehlschlägt, so kann nur praktische Vernunft einen Glauben an einen Gott gründen.
A.
Praktische Vernunft bringt selbsttätig ein Gesetz hervor, welches als Form des oberen Begehrungsvermögens als eine Tatsache erscheint. Schelling36) S. 32: Vorstellung in praktischer Bedeutung [ist] unmittelbare Bestimmung des in der Vorstellung enthaltenen Ichs durch das absolute Ich (und Aufhebung des in der Vorstellung enthaltenen Nicht-Ichs, insofern es in derselben unter der Form des Bestimmens vorhanden ist).
B.
Trieb [ist] Bestimmen durchs Nicht-Ich - sinnliches Begehrungsvermögen, Materie des Wollen[s,] tierisches Begehrungsvermögen durch Vernunft zu ordnen -
C.
Freiheit des Willens[:] sich zum Gehorsam oder Ungehorsam gegen das Gesetz bestimmen durch absolute Selbsttätigkeit - zu kontradiktorisch entgegengesetzten Handlungen; oder ist Freiheit nur Aufhebung des Bestimmens des Nicht-Ichs - (jenes nennt Fichte Freiheit der Willkür), sich zur Befriedigung oder Nichtbefriedigung einer Forderung des Begehrungsvermögens bestimmen? (auch der Hund).
1/102 Trieb durchs Sittengesetz bestimmt oder eingeschränkt ist gesetzmäßig (moralisch möglich) und, wenn der Trieb der Welt der Erscheinungen geböte, auch gesetzlich (moralisch wirklich) Würdigkeit. Kann das Sittengesetz alle seine erteilten Rechte zurücknehmen? wenn man freiwillig allen Forderungen des Triebes entsagt, bleiben die Rechte darauf? Wenn ein Mann den Genuß von Glücksgütern, eine glückliche Ehe nur unter der Bedingung eines Ungehorsams gegen das Sittengesetz behalten könnte und er lieber jene aufgibt, so fallen auch seine Rechte, die er daran hat, weg. Kann nun der, der den Genuß der Glückseligkeit aufgegeben hat, so betrachtet werden, als hätte er es, sein Recht geltend zu machen, nur aufgeschoben, um dies in einem anderen Leben zu tun? Bei einem solchen, dessen gesetzmäßige Triebe durch die Natur oder Bosheit der Menschen ihr Recht nicht durchtreiben konnten, kann die Natur verlangen, daß die Vernunft ihr Recht geltend mache, nicht bei einem solchen, der den Trieben selbst entsagt hat; die Vernunft setzt als Endzweck der Welt das höchste Gut, Sittlichkeit und in Proportion damit Glückseligkeit - aber setzt sie sich selbst diesen Endzweck? - sie verlangt die Wirklichwerdung desselben, also von einem andern Wesen, aber wenigstens nicht vom Menschen, von der Kausalität der Vernunft, solange sie durch Sinnlichkeit eingeschränkt ist.
D.
1/103 Die Gottheit - die Macht, die Rechte, die die Vernunft erteilt hat, auszuführen, geltend zu machen, durch diese Bestimmung muß die Erkenntnis aller anderen Eigenschaften derselben bestimmt sein.
[Die Positivität der christlichen Religion]
(1795/96)
1/104 37) Man mag die widersprechendsten Betrachtungen über sie [sc. die christliche Religion] anstellen, von welcher [Art] sie seien, so werden immer viele Stimmen mit Anführung des Grundes sich dagegen erheben, eine solche Behauptung treffe zwar wohl dieses oder jenes System der christlichen Religion, aber nicht die christliche Religion selbst, und jeder setzt sein System als die christliche Religion und verlangt, daß jeder dies vor Augen habe. Die Behandlungsart der christlichen Religion, die zu unseren Zeiten im Schwange steht, die Vernunft und Moralität zur Basis ihrer Prüfung und den Geist der Nationen und Zeiten in der Erklärung zu Hilfe nimmt, wird von einem durch Kenntnisse heller Vernunft und gute Absichten sehr ehrwürdigen Teile unserer Zeitgenossen als wohltätige Aufklärung angesehen, die zum Ziele der Menschheit, zur Wahrheit und Tugend führe, von dem anderen, durch gleiche Kenntnisse und gleich wohlmeinende Zwecke respektablen, noch dazu durch das Ansehen von Jahrhunderten und der öffentlichen Macht unterstützten Teile für bare Verschlimmerungen ausgeschrien. - Noch mißlicher in einer anderen Rücksicht sind Untersuchungen der Art, wie sie der Gegenstand dieser Abhandlung sind; hat man nämlich in der Meinung christlicher Gelehrten auch nicht mit einem bloßen entweder selbstgeschaffenen oder längst verschwundenen Phantom von christlicher Religion zu tun gehabt, sondern wirklich eine Seite des Systems berührt, das der Gegenstand der Achtung und des Glaubens vieler Menschen ist, so hat man sehr Ursache, mit der Milde zufrieden zu sein, wenn man wegen der Verblendung, manches nicht in dem gleich hellen Lichte der Wichtigkeit und unantastbaren Ehrwürdigkeit anzusehen, bloß bemitleidet wird.
Ein Glaubensbekenntnis, an die Spitze dieser Abhandlung gestellt, würde daher auch kein Auskunftsmittel sein, sich befriedigend zu erklären, und da es gegen den Zweck dieser Abhandlung sein würde, fruchtbar für die Sache selbst die Gründe darzulegen und den Inhalt derselben hinlänglich zu rechtfertigen, so müßte eine solche trockene Skizze eher die Meinung erregen, als ob der Verfasser seine individuelle Überzeugung für etwas Wichtiges ansähe und seine Person bei dem Ganzen in Betrachtung käme. Ganz allein in bezug auf die Sache selbst wird hier bemerkt, daß überall der Grundsatz zum Fundament aller Urteile über die verschiedene Gestalt, Modifikationen und Geist der christlichen Religion gelegt worden sei, daß der Zweck und das Wesen aller wahren Religion und auch unserer Religion Moralität der Menschen sei, und daß alle spezielleren Lehren der Religion des Christentums, alle Mittel, dieselbe auszubreiten, alle Pflichten, zu meinen und sonst an sich willkürliche Handlungen zu beobachten, nach ihrer näheren oder entfernteren Verbindung mit jenem Zwecke in Ansehung ihres Werts und ihrer Heiligkeit geschätzt werden. -
Zustand der jüdischen Religion - Jesus
1/107 Der traurige Zustand der jüdischen Nation - einer Nation, die ihre Gesetzgebung von der höchsten Weisheit selbst ableitete und deren Geist nun unter einer Last statutarischer Gebote zu Boden gedrückt war, die pedantisch jeder gleichgültigen Handlung des täglichen Lebens eine Regel vorschrieben und der ganzen Nation das Ansehen eines Mönchsordens gaben, so wie sie das Heiligste, den Dienst Gottes und der Tugend in toten Formularen geordnet und eingezwängt hatten und dem Geist nichts als noch den Stolz auf diesen Gehorsam der Sklaven gegen sich nicht selbst gegebene Gesetze übrigließen, der auch durch die Unterwerfung des Staats unter eine fremde Gewalt tief gekränkt und erbittert wurde -, dieser Zustand der jüdischen Nation mußte in Menschen von besserem Kopf und Herzen, die ihr Selbstgefühl nicht aufgeben, verleugnen und sich nicht zu toten Maschinen herunterbeugen konnten, das Bedürfnis einer freieren Tätigkeit, als mit mönchischer Geschäftigkeit eines geist- und wesenlosen Mechanismus kleinlicher Gebräuche ein Dasein ohne Selbstbewußtsein zu leben, eines edleren Genusses, als in diesem Sklavenhandwerk sich groß zu dünken, erwecken. Bekanntschaft mit fremden Nationen lehrte einige die schöneren Blüten des menschlichen Geistes kennen, die Essener versuchten es, eine selbständigere Tugend in sich zu bilden, Johannes trat dem Sittenverderbnis, das wechselseitig Folge und Quelle jener verkehrten Begriffe war, mutig in den Weg. Jesus, bis in sein männliches Alter mit seiner eigenen Bildung beschäftigt, frei von der ansteckenden Krankheit seines Zeitalters und seiner Nation, frei von der eingeschränkten Trägheit, die an die gemeinen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens ihre einzige Tätigkeit verwendet, wie von Ehrgeiz und anderen Neigungen - deren gewünschte Befriedigung ihn genötigt haben würde, in den Vertrag der Vorurteile und der Laster einzutreten -, unternahm es, Religion und Tugend zur Moralität zu erheben und die Freiheit derselben, worin ihr Wesen besteht, wiederherzustellen, denn so wie jede Nation eine hergebrachte Nationaltracht, eine eigene Manier, zu essen und zu trinken, und in ihrer übrigen Lebensart eigene Gewohnheiten hat, so war Moralität von der ihr eigentümlichen Freiheit zu einem System solcher Gebräuche herabgesunken; er rief die moralischen Prinzipien, die in den heiligen Büchern seines Volkes lagen, demselben ins Gedächtnis zurück (die höchsten Grundsätze der Moral fand Jesus vor und stellte keinen neuen auf, Matth. 22, 36; s. Dt. [5. Mose] 6, 6; Lv. [3. Mose] 19, 18; Lv. 18, 5; Matth. 5, 48; seid heilig wie etc.; Matth. 7, 12 hat einen zu weiten Umfang - und ist auch für den Lasterhaften als Maxime der Klugheit zu gebrauchen -, als daß es einen moralischen Grundsatz abgeben könnte; und wirklich wäre es sonderbar gewesen, wenn eine Religion wie die jüdische, die die Gottheit zu ihrem politischen Gesetzgeber machte, nicht auch rein moralische Prinzipien enthalten hätte), würdigte nach denselben die Zeremonien und die Menge Ausflüchte, die man gefunden hatte, das Gesetz zu eludieren, die Beruhigung, die das Gewissen in Befolgung des Buchstabens des Gesetzes, in den Opfern und anderen heiligen Gebräuchen statt in dem Gehorsam gegen das Sittengesetz fand, - nur diesem, nicht der Abstammung von Abraham, legte er einen Wert in den Augen der Gottheit bei, nur ihm gestand er Würdigkeit, in einem anderen Leben der Seligkeit teilhaftig zu werden, zu. Den Wert einer tugendhaften Gesinnung und die Unwürdigkeit einer heuchelnden Genauigkeit bloß in äußeren Übungen des Gottesdienstes lehrte Jesus öffentlich vor dem Volke, sowohl in seinem Vaterlande, Galiläa, als in Jerusalem, dem Mittelpunkt des Judentums; besonders bildete er im vertrauteren Umgange eine Anzahl Männer, die ihn in seinen Bemühungen, im Größeren auf das ganze Volk zu wirken, unterstützen sollten. Aber seine einfache Lehre, die Kampf mit den Neigungen, Entsagung und Aufopferung verlangte, vermochte wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten Nationalstolzes, der in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit und der Vorteile derjenigen, die dem Glauben sowohl als der Ausübung der Gesetze vorstanden. Jesus hatte den Kummer zu sehen, daß sein Plan, Moralität in die Religiosität seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenigstens in einigen Männern bessere Hoffnungen und einen besseren Glauben anzuzünden, eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (s. Matth. 20, 20, ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jakobus mit Jesus von einigen Jahren zutrug; - Judas. Selbst in den letzten Augenblicken seines Aufenthaltes auf Erden, einige Augenblicke vor seiner sogenannten Himmelfahrt, zeigten sie noch die jüdische Hoffnung in ihrer ganzen Größe, daß er den israelitischen Staat wieder herstellen werde, Acta [Apg.] 1, 6). Jesus selbst wurde ein Opfer des Hasses der Priesterschaft und der gekränkten Nationaleitelkeit seines Volkes -
Woher das Positive?
1/109 Wie hätte man erwarten sollen, daß ein solcher Lehrer, der sich nicht gegen die eingeführte Religion selbst, sondern nur gegen den moralischen Aberglauben, durch die Beobachtung ihrer Gebräuche den Forderungen des Sittengesetzes Genüge geleistet zu haben, erklärte; der nicht auf eine auf Autorität gegründete Tugend (welches entweder ohne Sinn oder unmittelbar ein Widerspruch ist), sondern auf eigene freie Tugend drang, - daß ein solcher Lehrer Veranlassung zu einer positiven (auf Autorität gegründeten und den Wert des Menschen gar nicht oder wenigstens nicht allein in Moral setzenden) Religion geben würde! Diese Vorstellung, daß Jesus Lehrer einer rein moralischen, nicht positiven Religion gewesen sei; daß Wunder u. dgl. nicht die Absicht gehabt haben, Lehren zu begründen, die nicht auf Tatsachen beruhen können, sondern nur etwa Aufmerksamkeit durch solche auffallende Erscheinungen in einem fürs Moralische tauben Volke zu erregen; daß er manche Vorstellungen seiner Zeitgenossen - z. B. ihre Erwartungen von einem Messias, [ihre] Vorstellung der Unsterblichkeit unter dem Bilde der Auferstehung, daß sie heftige, unheilbare Krankheiten der Wirkung eines bösen mächtigen Wesens zuschrieben und dergleichen mehr -, daß Jesus diese Vorstellungen nur gebraucht habe, teils um ihnen einen edleren Begriff zu unterlegen, teils weil sie in keiner unmittelbaren Beziehung auf Moralität stehen; daß sie als Zeitideen nicht zum Inhalt einer Religion gehören, welcher ewig und unwandelbar sein müsse; daß die Lehre Jesu überhaupt nicht positiv sei, nichts auf seine Autorität habe gründen wollen -: gegen diese Vorstellung erheben sich zwei Parteien, die darin übereinstimmen, daß die Religion allerdings Prinzipien der Tugend, aber zugleich auch positive Vorschriften, das Wohlgefallen Gottes noch durch andere Übungen, Gefühle und Handlungen zu erwerben als durch Moralität, enthalte; - aber welche zwei Parteien sich darin voneinander unterscheiden, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer Tugendreligion nicht zugestehen will, die andere hingegen den Vorzug derselben gerade in dieses Positive setzt, es für gleich heilig mit den Prinzipien der Sittlichkeit hält, oft gar diese auf jenes baut, ja ihm selbst zuweilen eine größere Wichtigkeit als jenen einräumt. Die Frage, wie die Religion Jesu positiv geworden sei, hat die letztere Partei leicht zu beantworten, indem sie nämlich behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle seine Lehren, selbst für die Gesetze der Tugend habe Jesus nur auf seine Autorität Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: “Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den - [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan” -, und die Erscheinung, wie eine positive Religion sosehr Eingang finden konnte, erklärt sie dadurch, daß keine Religion wie diese den Bedürfnissen der Menschheit sosehr angemessen sei, indem sie die Probleme der praktischen Vernunft, die diese sich unmöglich selbst lösen könne - z. B. wie Vergebung der Sünden, auch für den Besten, der davon nicht frei ist, zu hoffen sei -, befriedigend beantwortet habe, wodurch diese seinsollenden Probleme jetzt gar zu dem Rang von Postulaten der praktischen Vernunft erhoben werden, und was ehemals auf dem theoretischen Wege versucht worden ist, die Wahrheit der christlichen Religion aus Vernunftgründen zu erweisen, das wird jetzt durch eine sogenannte praktische Vernunft erwiesen. Da es aber bekannt ist, daß mehrere Jahrhunderte lang an dem System christlicher Religion, wie es heutzutage sich vorfindet, gearbeitet worden ist, daß in dieser allmählichen Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur auf Aberglauben gegründete Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, so muß es erlaubt sein, um die Entstehung des Gebäudes der christlichen Religion zu erklären, anzunehmen, daß auch äußere Umstände, der Geist der Zeiten Einfluß auf die Bildung ihrer Form gehabt haben, - welches der Zweck der Kirchen-, noch eigentlicher der Zweck der Dogmengeschichte [ist]. Die Absicht gegenwärtiger Untersuchung soll nicht diese speziellere Entwicklung des Gangs, den die Kirche dabei genommen hat, an der leitenden Hand der Geschichte sein, sondern teils in der ursprünglichen Gestalt der Religion Jesu selbst, teils in dem Geist der Zeiten selbst sollen einige allgemeine Gründe aufgesucht werden, durch welche es möglich geworden, daß man frühzeitig christliche Religion als Tugendreligion verkennen, sie anfangs zu einer Sekte und nachher zu einem positiven Glauben machen konnte.
Das oben aufgestellte Bild von den Bemühungen Jesu, die Juden zu überzeugen, daß das Wesen der Tugend oder der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht in der bloßen Befolgung des mosaischen Gesetzes liege, wird zwar von allen Parteien des christlichen Glaubens als richtig anerkannt, aber zugleich für sehr unvollständig ausgegeben werden.
1/110 Die Behauptung, daß auch die Tugendgesetze Jesu etwas Positives seien, d. h. daß sie daher ihre Gültigkeit haben, weil Jesus sie geboten habe, zeugt zwar von einer demütigen Bescheidenheit und einer Resignation auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur, aber sie muß doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl der Verpflichtung zu göttlichen Geboten habe; und entspräche in unserem Herzen der Aufforderung zur Tugend schlechterdings nichts, würde dadurch keine eigene Saite in uns angeschlagen, so wäre das Unternehmen Jesu, die Menschen Tugend zu lehren, von der gleichen Beschaffenheit und von gleichem Erfolge gewesen wie der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich auch darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne. Wie es aber gekommen ist, daß selbst Tugendgesetze als etwas Positives angesehen worden sind, darauf werden wir in der Folge kommen. Da unsere Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive Lehre in das Christentum gekommen ist oder welche Veränderungen mit ihr nach und nach vorgegangen sind, noch ob diese oder jene Lehre wirklich ganz oder zum Teil positiv, aus Vernunft erkennbar sei oder nicht, so werden wir überhaupt nur dasjenige berühren, was in der Religion Jesu die Veranlassung gab, daß sie positiv wurde, d. h. entweder nicht durch Vernunft postuliert, ihr sogar widerstreitend war, oder auch damit übereinstimmend, doch nur auf Autorität hin geglaubt zu werden [verlangte].
1/112 Eine Sekte setzt überhaupt Verschiedenheit der Lehre, der Meinungen - gewöhnlich von den herrschenden oder auch nur von anderen - voraus; eine philosophische Sekte kann man eine solche nennen, die sich durch ihre Lehren von dem, was wesentlich für den Menschen Pflicht und Tugend ist, durch ihre Vorstellungen von der Gottheit unterscheidet, Verwerfung und Unwürdigkeit nur an Abweichung von der Sittlichkeit, nicht an Irrtümer über die Art, wie sie deduziert wird, knüpft, den Volksglauben der Phantasie dabei für eines denkenden Mannes unwürdig, aber nicht für sträflich hält; einer philosophischen Sekte sollte man nicht sowohl eine religiöse als eine positive entgegensetzen, die außer der Sittlichkeit auch das, was eigentlich nicht auf Vernunft beruht, sondern in der Phantasie der Völker seinen Glaubensgrund hat, nicht zur Moralität für unwesentlich, sondern entweder bloß für sündlich hält und sich davor hütet oder auch an die Stelle dieses Positiven etwas anderes Positives setzt, dem Glauben an welches sie gleichen Wert und Rang mit Sittlichkeit zugesteht, ja sogar die, welche nicht daran glauben, auch ohne ihre Schuld, welches beim positiven, nicht beim moralischen Glauben der Fall sein kann, moralisch schlechten Menschen gleichsetzt. Für diese Art von Sekten sollte man eigentlich den Namen Sekte aufbewahren, da er etwas Widriges an sich hat und eine philosophische Partei nicht mit einem Namen belegt zu werden verdient, der die Nebenidee von Verdammung und Intoleranz bei sich führt. Auch sollte man solche positiven Sekten nicht wie gewöhnlich religiöse Sekten nennen, da das Wesen der Religion doch in etwas anderem als einem Positiven besteht. Man könnte zwischen diese zwei Arten eine dritte setzen, eine solche, die zwar von einer Seite das positive Prinzip des Glaubens und der Erkenntnis von dem, was Willen Gottes und Pflicht ist, als heilig zur Basis des Glaubens macht, aber für das Wesentliche in demselben nicht die gebotenen darin etwa vorkommenden positiven Lehren und befohlenen Gebräuche, sondern die Tugendgebote hält. Von dieser Art war die Lehre Jesu. Er war ein Jude, das Prinzip seines Glaubens und seines Evangeliums war der geoffenbarte Wille Gottes, wie die Traditionen der Juden ihm denselben überliefert hatten, aber zugleich das lebendige Gefühl seines eigenen Herzens von Pflicht und Recht. In die Befolgung dieses moralischen Gesetzes setzte er die Hauptbedingung des Wohlgefallens Gottes. Außer dieser Lehre, der Anwendung derselben auf einzelne Fälle und Versinnlichung durch fingierte Beispiele (Parabeln) kommen in seiner Geschichte noch andere Umstände hinzu, die das Ihrige dazu beitrugen, einen Glauben auf Autorität zu gründen.
Jesus spricht viel von seinem Individuum
Sosehr nämlich auch bei einem Manne, der Tugend lehrt und dem Strom der Sittenverderbnis seiner Zeit entgegenarbeiten will, es auf seinen eigenen moralischen Charakter ankommt und ohne einen solchen seine Rede tot und kalt von seinen Lippen fallen würde, so kam doch hier manches zusammen, das die Person des Lehrers wichtiger machte, als es für die Empfehlung der Wahrheit an sich nötig war.
1/114 Jesus war nämlich für sich selbst genötigt, sehr viel von sich, von seiner Person zu sprechen; die Umstände, die ihn dazu veranlaßten, war die Art, wie sein Volk sich allein wollte beikommen lassen; ihre ganze Verfassung, alle ihre gottesdienstlichen, politischen und bürgerlichen Gesetze waren sie innigst überzeugt, von der Gottheit selbst empfangen zu haben. Dies war ihr Stolz, dieser Glaube schnitt alle eigenen Spekulationen ab und schränkte sich ganz allein auf das Studium der heiligen Urkunden und die Wirksamkeit der Tugend auf einen blinden Gehorsam gegen diese sich nicht selbst gegebenen Gebote ein; - der Lehrer, der mehr in seinem Volke wirken wollte, als einen neuen Kommentar darüber zu liefern, und es von der Unzulänglichkeit des statutarischen Kirchenglaubens überzeugen wollte, mußte notwendig seine Behauptungen auf die gleiche Autorität gründen; auf Vernunft allein sich berufen zu wollen, hätte den Fischen predigen geheißen, da sie für eine solche Aufforderung keinen Sinn hatten; bei Empfehlung einer moralischen Gesinnung kam ihm allerdings die unvertilgbare Stimme des moralischen Gebotes im Menschen und die Stimme des Gewissens zu Hilfe; und sie kann die Wirkung haben, von selbst die Wichtigkeit des Kirchenglaubens sinken zu machen, aber wenn das Gefühl der Moralität ganz und gar die Richtung des Kirchenglaubens genommen hat, ganz damit amalgamiert ist, wenn dieser selbst in den Gemütern alleinherrschend ist, wenn alle Tugend nur darauf gegründet und eine falsche daraus entsprungen ist, so kann ihm nur durch die Entgegensetzung einer gleichen Autorität, einer göttlichen, beigekommen werden; daher Jesus für seine Lehren nicht deswegen Aufmerksamkeit verlangt, weil sie den moralischen Bedürfnissen unseres Geistes angemessen, sondern weil sie Gottes Willen seien; diese Übereinstimmung dessen, was er sagte, mit dem Willen Gottes, daß wer an ihn glaube, an den Vater glaube, daß er nichts lehre, als was ihn der Vater gelehrt habe (welches bei Johannes besonders die herrschende und immer wiederkehrende Vorstellung ist), - ohne diese Autorität für sich zu haben, konnte Jesus durch eine noch so beredte Vorstellung des Werts der Tugend an sich nicht auf seine Zeitgenossen wirken; er mochte nun sich einer Verbindung mit Gott selbst bewußt sein oder auch nur das uns in die Brust gegrabene Gesetz für eine unmittelbare Offenbarung der Gottheit gehalten haben, daß es ein Funken der Gottheit sei, und durch die Gewißheit, daß er nur lehre, was dieses Gesetz gebiete, sich der Übereinstimmung der Lehre mit dem Willen Gottes bewußt gewesen sein. Wie weit dies gehen könne, daß die Menschen ihrer eigenen angestammten Kraft und Freiheit entsagen, daß sie sich so willig unter eine ewige Vormundschaft beugen, daß die Anhänglichkeit an die Ketten der Vernunft desto größer wird, je lästiger sie werden, - davon sieht jeder alle Tage Beispiele vor sich. Neben der Empfehlung einer Tugendreligion mußte Jesus auch notwendig immer sich, den Lehrer derselben, ins Spiel bringen - und Glauben an seine Person fordern, dessen seine Vernunftreligion nur bedurfte, um sich dem Positiven entgegenzusetzen.
[Jesus spricht von sich] als vom Messias
Eine andere Ursache, die in der ersteren gegründet war, kam hinzu, nämlich die Erwartung eines Messias, der mit Macht angetan, als ein Bevollmächtigter des Jehova, ihren Staat wieder von neuem gründen sollte - eine neue [und andere] Belehrung, als die Juden schon in ihren Urkunden besaßen, waren sie nur von diesem Messias anzunehmen geneigt. Das Gehör, das sie und die meisten seiner näheren Freunde Jesu gaben, gründete sich größtenteils auf die Möglichkeit, daß er es vielleicht sei und sich bald in seiner Größe zeigen werde - Jesus, der unter keiner anderen Bedingung als durch diese Vermutung Eingang finden konnte, konnte ihr nicht geradezu widersprechen; aber er suchte das, was sie von dem Messias erwarteten, mehr auf Moralisches zu leiten, und setzte die Zeit der Erscheinung seiner Größe in die Zeit nach seinem Tode. Wie sehr seine Jünger noch an diesem Glauben gehangen haben, ist oben erinnert worden. Wieder eine Veranlassung, von seiner Person zu sprechen. Eine andere war auch die Gefahr, worin er für seine Sicherheit, Freiheit und Leben schwebte; diese Besorgnisse für seine Person nötigten ihn, sich oft zu verteidigen, seine Absichten, den Zweck der Lebensart, die er gewählt hatte, zu erklären und an die Empfehlung der Gerechtigkeit überhaupt die Empfehlung der Gerechtigkeit gegen sich anzuknüpfen.
1/115 Wie endlich bei einem durch seine Lehre außerordentlichen Manne auch nach den Umständen seines Lebens gefragt wird und schon geringe Züge, die von gewöhnlichen Menschen erzählt gleichgültig sind, [Interesse erwecken], so [mußte die] Person Jesu, auch unabhängig von seiner Lehre, durch die Geschichte seines Lebens und ungerechten Todes noch unendlich wichtiger werden und die Einbildungskraft und Aufmerksamkeit an sich fesseln. Wir nehmen an interessanten Schicksalen unbekannter, selbst erdichteter Personen Anteil, leiden, freuen uns mit ihnen, fühlen die Ungerechtigkeit, die einem Irokesen widerfährt; wieviel tiefer mußte das Bild ihres unschuldig aufgeopferten Freundes und Lehrers seinen Freunden gegenwärtig sein? wie werden sie bei Ausbreitung der Lehre den Lehrer vergessen können? Ein dankbares Andenken an ihn, sein Lob wird ihnen so teuer, so angelegentlich sein als seine Lehre. Noch angelegentlicher aber mußte es ihnen werden durch [das] Außerordentliche, menschliche Natur und Kräfte Übersteigende in seiner Geschichte.
Wunder
1/116 Einen großen Teil des Zutrauens und der Aufmerksamkeit, die Jesus unter den eines selbsterrungenen und in sich selbst gegründeten Glaubens unfähigen Juden erhielt, war seinen Wundern zuzuschreiben, ungeachtet daß eine solche Kraft seinen gelehrteren Zeitgenossen, wie es scheint, nicht so sehr auffiel (z. B. Heilung der Dämonischen verrichteten auch Juden; ferner, als Jesus die verdorrte Hand in der Synagoge heilte, fiel ihnen nicht diese Heilung, sondern die Entweihung des Sabbats zunächst auf), wie es doch bei Leuten, die mit dem, was durch Natur möglich ist oder nicht, wohl bekannter sind als gemeine Leute, hätte geschehen sollen; ungeachtet dessen, was Gegner des Christentums gegen die Wirklichkeit und Philosophen gegen die Möglichkeit der Wunder vorgebracht haben, so wird soviel von allen zugestanden, und dies ist hier genug für uns, daß diese Taten Jesu Wunder für seine Schüler und Freunde waren. Nichts hat wohl so sehr als dieser Glaube an Wunder dazu beigetragen, die Religion Jesu positiv zu machen, sie gänzlich, selbst ihrer Tugendlehre nach auf Autorität zu gründen. Ungeachtet Jesus nicht wegen dieser seiner Wunder, sondern wegen seiner Lehre Glauben verlangte, ungeachtet ewige Wahrheiten ihrer Natur nach, wenn sie notwendig und allgemeingültig sein sollen, auf das Wesen der Vernunft allein, nicht auf für die Vernunft zufällige Erscheinungen der äußeren Sinnenwelt gegründet werden können, so nahm jetzt doch die Überzeugung von der Verbindlichkeit zur Tugend folgenden Weg: Wunder auf Treu und Glauben angenommen, begründeten einen Glauben, eine Autorität des Täters derselben, und diese Autorität desselben wurde das Prinzip der Verbindlichkeit zur Moralität, und die Christen hätten auf diesem Wege, wenn sie immer an das Ziel desselben gelangt wären, noch viel vor den Juden vorausgehabt; aber so blieben sie zuletzt auf dem halben Wege stehen; und wie die Juden Opfer, Zeremonien und einen Fronglauben, so machten sie Lippendienst, äußerliche Handlungen, innere Empfindungen, einen historischen Glauben zum Wesen der Religion.
1/117 Außerdem, daß dieser Umweg zur Moralität über Wunder und Autorität einer Person und dann noch [über] manche Stationen, an denen man sich aufzuhalten hat, den Fehler jedes Umwegs hat, daß er das Ziel entfernter macht, als es wirklich ist, und den Wanderer leicht veranlassen kann, in seinen Beugungen und zerstreuenden Stationen den Weg gar aus den Augen zu verlieren, so tut er der Würde der Moralität Abbruch, die selbständig jedes andere Fundament verschmäht, sich selbst genug nur auf sich gegründet sein will. Nicht die Tugendlehre Jesu war es jetzt mehr, die für sich selbst ein Gegenstand der Achtung sein sollte, wo sie dann auch Achtung für den Lehrer bewirkt hätte, sondern jene verlangte nur Achtung wegen des Lehrers und dieser wegen seiner Wunder. Wer auf diesem Umweg ein frommer und tugendhafter Mensch geworden ist, dessen Demut schreibt seiner eigenen Tugendkraft, der Achtung, die er dem Ideal der Heiligkeit zollt, weder den größten Anteil an seiner moralischen Gesinnung, noch sich überhaupt eigene Fähigkeit oder Empfänglichkeit für Tugend und den Charakter der Freiheit zu; aber der hat diesem Charakter, der Quelle der Moralität, gänzlich entsagt, wer sich jenem Gesetz nur aus Furcht vor der Strafe seines Herrn gezwungen unterwirft und also, wenn der theoretische Glaube an diese Gewalt, von der er abhängig ist, in ihm weggenommen ist, wie ein entfesselter Sklave kein Gesetz mehr kennt, denn das Gesetz, dessen Joch er trug, hatte nicht er, [seine Vernunft] sich gegeben38) , denn diese konnte er nicht als eine freie, als eine Herrin, sondern mußte sie nach dem geläufigen Ausdruck als eine Magd ansehen, und bei seinen Neigungen bleibt ihr jetzt nur dies Amt übrig. Daß dieser Weg von der Geschichte der Wunder aus zum Glauben an eine Person, von diesem Glauben, wenn es gut geht, zur Sittlichkeit die durch Symbole befohlene Landstraße sei, ist so bekannt, als es erwiesen ist, daß die eigentümliche Grundlage der Tugend in der Vernunft des Menschen liegt und daß der Rang der menschlichen Natur, die Stufe der Vollkommenheit, die von ihr gefordert wird, höher zu setzen ist als auf den Standpunkt der Unmündigkeit, auf dem sie ewig eines Vormunds bedürfen soll und nie in den Stand der Männlichkeit zu treten vermöge.
Ein kleines Ziel zu stecken usw.
Jesus erhob seine Religionslehre nicht selbst zu einer eigentümlichen, sich durch eigene Gebräuche unterscheidenden Sekte, es kam auf den Eifer seiner Freunde und auf die Art, mit welcher diese seine Lehre aufgefaßt hatten, an, in was für einer Gestalt, mit welchen Ansprüchen sie dieselbe weiter verkündigen, auf was für Gründe sie dieselbe stützen würden. Es ist hier also die Frage, was trugen teils der Charakter und die Talente der Jünger Jesu, teils die Art ihrer Verbindung mit ihrem Lehrer bei, die Lehre Jesu zu einer positiven Sekte zu machen.
Positives von seinen Jüngern
1/118 Sowenig Spezielles uns von dem Charakter der meisten Schüler Jesu bekannt ist, so scheint doch soviel gewiß zu sein, daß sie sich durch Rechtschaffenheit, Mut und Standhaftigkeit im Bekennen der Lehre ihres Meisters, Demut und Freundlichkeit auszeichneten, dabei aber an einen eingeschränkten Kreis der Tätigkeit gewöhnt [waren], ihre Handwerke, so wie man diese gewöhnlich lernt und treibt, handwerkmäßig gelernt und getrieben hatten und sich weder als Generale, noch als tiefe Staatsmänner auszeichneten, im Gegenteil ihren Ruhm darein setzten, dieses nicht zu sein; - mit diesem Geiste kamen sie in die Bekanntschaft und Schule Jesu; ihr Gesichtskreis erweiterte sich ein wenig, doch nicht über alle jüdischen Ideen und Vorurteile hinaus (s. von Petrus, dem feurigsten unter allen, ein Beispiel in der Apostelgeschichte - nun erst erkenne ich, und das Gefäß mit den verschiedenen Tieren - und was oben schon angeführt ist), und ohne einen großen Schatz eigener Energie des Geistes zu besitzen, hatte ihre Überzeugung von der Lehre Jesu vorzüglich auch in ihrer Freundschaft und Anhänglichkeit an ihn ihren Grund; sie hatten Wahrheit und Freiheit nicht selbst errungen, sondern kamen nur durch mühsames Lernen zu einem dunklen Gefühl und zu Formeln derselben; ihr Ehrgeiz war, diese Lehre getreu aufzufassen und aufzubewahren und sie ebenso getreu, ohne Zusatz, ohne daß sie durch eigene Bearbeitung abweichende Eigentümlichkeiten erhalten sollte, anderen zu überliefern. Und so mußte es sein, wenn sich die christliche Religion erhalten, wenn sie als öffentliche Religion sich festsetzen und als solche auf die Nachwelt kommen sollte. Wenn es erlaubt ist, in diesem Punkte das Schicksal der Philosophie des Sokrates mit dem Schicksal der Lehre Jesu zu vergleichen, so finden wir unter anderem auch in der Verschiedenheit der Schüler beider Weisen einen Grund, daß die sokratische Philosophie nicht in Griechenland oder wo es sonst sei zur öffentlichen Religion gediehen ist.
1/119 Die Jünger Jesu hatten jedes andere Interesse, das freilich nicht weit ging und welches sie nicht schwer ankommen konnte, aufgegeben, hatten alles verlassen und waren Jesu nachgefolgt; ein Interesse für den Staat hatten sie nicht, wie ein Republikaner für sein Vaterland hat, alles ihr Interesse war auf die Person Jesu eingeschränkt. Die Freunde des Sokrates hatten von Jugend auf ihre Kräfte vielseitiger entwickelt, hatten republikanischen Geist eingesogen, der jedem Individuum für sich mehr Selbständigkeit gibt und es einem etwas guten Kopfe unmöglich macht, ganz und gar nur an einer Person zu hängen; in ihrem Staate war es noch der Mühe wert, sich für ihn zu interessieren, und ein solches Interesse kann nie aufgegeben werden. Sie hatten meist schon andere Philosophen, andere Lehrer gehabt, liebten den Sokrates um seiner Tugend und seiner Philosophie wegen, nicht die Tugend und seine Philosophie um seinetwillen. Wie Sokrates selbst für sein Vaterland gestritten, jede Pflichten eines freien Bürgers im Krieg als tapferer Soldat, im Frieden als gerechter Richter erfüllt hatte, so waren auch alle seine Freunde etwas mehr als bloße untätige Philosophen, etwas mehr als bloße Schüler des Sokrates. Sie vermochten dann auch in ihren eigenen Köpfen das Gelernte zu bearbeiten und ihm den Stempel eigener Originalität aufzudrücken, viele stifteten eigne Schulen und waren so gut selbständig große Männer als Sokrates.
Zwölf [Jünger]
1/120 Jesus hatte es für gut befunden, die Anzahl seiner vertrauten Freunde auf zwölf festzusetzen, und diesen auch nach seiner Auferstehung große Vollmachten als seinen Gesandten und Nachfolgern gegeben. Zur Verbreitung der Tugend hat jeder Vollmacht, und um das Reich Gottes auf Erden zu gründen, gibt es keine heilige Zahl für Menschen, die sich berufen fühlen, es zu unternehmen; auch Sokrates hatte nicht 7 oder 3 mal 3 Jünger, jeder Freund der Tugend war ihm willkommen; für eine bürgerliche Verfassung ist es zweckmäßig und nötig, für die Repräsentation des Volks, für Gerichte, die Zahl der Mitglieder zu bestimmen und darauf festzuhalten, aber eine Tugendreligion kann solche Formen aus Staatsverfassungen nicht annehmen; durch die Einschränkung des größten Ansehens auf eine bestimmte Anzahl wurde ein Ansehen von Individuen gegründet, und dieser Umstand wurde nachher in der Konstitution der christlichen Kirche, je mehr sich diese ausbreitete, immer etwas Wesentlicheres, machte Konzilien möglich, die nach der Mehrheit der Stimmen über Wahrheiten absprachen und ihre Dekrete der Welt als Glaubensnorm aufdrangen.
Ausschickung derselben ins Land
Ein anderer Umstand ist auffallend in der Geschichte Jesu - er schickte einmal eine größere und ein anderes Mal eine geringere Anzahl seiner Freunde und Zuhörer in Gegenden, die er selbst nicht zu bereisen und zu erleuchten Gelegenheit hatte. Beide Male scheinen sie nicht länger als einige Tage von ihm entfernt gewesen zu sein. In der kurzen Zeit, die sie auf diesen Reisen der Bildung und Besserung der Menschen widmen konnten, war es unmöglich, viel auszurichten. Höchstens konnten sie das Volk auf sich und ihren Lehrer aufmerksam [machen], die Geschichte seiner wunderbaren Taten verbreiten, aber für die Tugend keine großen Eroberungen machen; und eine solche Art, eine Religion zu verbreiten, kann nur einem positiven Glauben zukommen; für die Ausrottung jüdischen Aberglaubens und für die Verbreitung der Sittlichkeit konnte kein Gewinn entstehen, da Jesus selbst durch jahrelange Bemühung und Umgang seine vertrautesten Freunde noch nicht sehr weit gebracht hatte.
Auferstehung und Befehle nach seiner Auferstehung
1/122 Merkwürdig ist in dieser Rücksicht auch noch der Befehl, den Jesus nach seiner Auferstehung seinen Jüngern zur Ausbreitung seiner Lehre und seines Narnens gibt. So charakteristisch der rührende Abschied vor seinem Tode in dem Munde eines Tugendlehrers ist, der mit der Stimme der zärtlichsten Freundschaft, mit dem begeisternden Gefühle des Werts der Religion und Sittlichkeit in dem wichtigsten Momente seines Lebens die wenigen ihm übrigen Augenblicke noch dazu anwendet, seinen Freunden Liebe und Duldsamkeit zu empfehlen, ihnen Gleichgültigkeit gegen die Gefahren, in welche sie Tugend und Wahrheit bringen könnte, einzuprägen, sosehr charakterisiert der Befehl nach seiner Auferstehung den Lehrer einer positiven Religion, besonders wie dieser Befehl bei Markus (16, 15-18) ausgedrückt ist. Statt: gehet hin usw. hätte ein Tugendlehrer vielleicht gesagt: ein jeder in dem Kreise der Tätigkeit, den ihm Natur und Vorsehung angewiesen, wirke soviel Gutes als möglich; in jenem Abschied legt der Tugendlehrer allen Wert auf das Tun, hier auf Glauben; hier setzt er auch ein äußeres Zeichen, das Taufen, als Unterscheidungszeichen und macht diese zwei positiven Sachen, Glauben und Getauftwerden, zur Bedingung der Seligkeit, und auf den Unglauben setzt er Verdammnis. Man mag den Glauben noch sosehr hinaufsteigern zu einem lebendigen, in Werken der Barmherzigkeit und Menschenliebe tätigen Glauben und den Unglauben sosehr herabsetzen zu einer gegen sein besseres Wissen und Gewissen hartnäckigen Weigerung, die Wahrheit des Evangeliums anzuerkennen, und zugeben, daß nur ein solcher Glaube und Unglaube gemeint sei, wenn es auch schon nicht gerade in den dürren Worten liegt, so bleibt ihm doch noch etwas Positives wesentlich ankleben, und dieses Positive ist an Würde der Moralität wenigstens gleich als unzertrennlich von ihr gesetzt, es ist Seligkeit und Verdammnis daran gebunden. Daß aber dies Positive vorzüglich auch in diesem Befehl gemeint sei, erhellt auch aus dem Folgenden, wo die Gaben, die Eigenschaften, die den Gläubigen werden zuteil werden, angegeben [werden]: in seinem Namen Teufel auszutreiben, mit neuen Zungen zu reden, Schlangen ohne Gefahr aufzuheben, ohne Gefahr giftige Getränke zu verschlucken, Kranke durch Auflegung der Hände zu heilen. Auffallend kontrastieren die Eigenschaften, die hier den gottwohlgefälligen Menschen zugeschrieben werden, mit dem, was besonders Matth. 7, 22 gesagt wird; hier werden gerade die ähnlichen Züge im Gemälde aufgeführt, nämlich in Jesu Namen Teufel auszutreiben, in seinem Namen Prophetensprache zu reden (welches bekanntlich einen weiteren Umfang hat, als bloß zu weissagen, und mit καιναις γλώσσαις λαλειν so ziemlich zusammentrifft oder wenigstens damit verwandt ist) und andere viele gewaltige Taten zu tun, und doch mit allen diesen Eigenschaften könne ein Mensch so beschaffen sein, daß das Urteil der Verwerfung von dem Richter der Welt ausgesprochen werde. Diese Worte Mark. 16, 15-18 sind nur in dem Munde eines Lehrers einer positiven Religion, nicht in dem Munde eines Tugendlehrers möglich.
1/123 Diese verschiedenen Umstände, die sich in der Lehre Jesu finden, außerdem daß sie einen unbedingten und uneigennützigen Gehorsam gegen den Willen Gottes und das Sittengesetz fordert und denselben zur Bedingung des Wohlgefallens Gottes und der Hoffnung der Seligkeit macht, konnten es veranlassen, daß diejenigen, die seine Religion aufbehielten und verbreiteten, die Kenntnis des Willens Gottes und die Verpflichtung zu demselben allein auf die Autorität Jesu gründeten; daß sie selbst die Anerkennung dieser Autorität als einen Teil des göttlichen Willens und also eine Pflicht aufstellten; daß die Vernunft zu einem bloß empfangenden, nicht gesetzgebenden Vermögen gemacht und alles, was sich sonst als Lehre Jesu und nachher seiner Stellvertreter erweisen ließe, bloß deswegen, weil es Lehre Jesu sei, als Willen [Gottes] geachtet und daß daran Seligkeit und Verdammnis gebunden wurde; daß selbst die Tugendlehren jetzt positiv, d. h. als nicht für sich selbst, sondern als Gebote Jesu verpflichtend [wurden], das innere Kriterium ihrer Notwendigkeit verloren und mit jedem anderen positiven, speziellen Gebot, mit jeder äußeren Anordnung, die in Umständen oder auf Klugheit gegründet ist, in gleichen Rang gesetzt wurden; und, was sonst ein widersprechender Begriff ist, die Religion Jesu wurde zu einer positiven Tugendlehre. Daß nun die Lehre Jesu nicht bloß sich nur von dem öffentlichen Glauben unterschied und denselben für gleichgültig hielt und also nur eine philosophische Schule bildete, sondern diesen öffentlichen Glauben und die Befolgung seiner Gebote und Gebräuche auch für sündlich hielt und den letzten Endzweck des Menschen nur als durch ihre Gebote, die teils in Tugendgeboten, teils in positiven Glaubensmeinungen und Zeremonien bestanden, erreichbar vorstellte, - daß die Lehre Christi also zu einem positiven Sektenglauben wurde, daraus entwickelten sich für ihre äußere Form sowohl als für ihren Inhalt die wichtigsten Folgen, die sie von dem, was man anfängt, für das Wesen jeder wahren und auch der christlichen Religion zu halten, von der Bestimmung, die Pflichten des Menschen und die Triebfedern zu denselben in ihrer Reinheit aufzustellen und die Möglichkeit des höchsten Gutes durch die Idee von Gott zu zeigen, immer mehr und mehr abgebracht haben.
Was anwendbar in einer Gesellschaft ist, ist ungerecht in einem Staate
1/124 Einer Sekte, die die Tugendgebote als positive Gebote betrachtet und damit noch andere positive Gebote verbindet, kleben Eigentümlichkeiten an, die einer bloß philosophischen Sekte (d. h. deren Gegenstand zwar auch religiöse Lehren sind, die aber keinen anderen Richter als die Vernunft anerkennt) ganz fremd sind, die zwar bei einer kleinen Gesellschaft von Sektengläubigen angemessen, erlaubt und für sie zweckmäßig sind, die aber, sobald die Gesellschaft, ihr Glauben ausgebreiteter, ja allgemein in einem Staate wird, teils nicht mehr angemessen bleiben oder, wenn sie doch beibehalten werden, einen anderen Sinn bekommen, teils wirklich ungerecht und unterdrückend werden. Bloß aus dem Grunde, daß auch die Anzahl der Christen sich mehrte, zuletzt alle Bürger des Staates umfaßte, wurden Anordnungen und Anstalten, die niemandes Rechte kränkten, als die Gesellschaft noch klein war, zu Staats- und Bürgerpflichten, die es nie werden konnten.
1/125 Manches, was dem kleinen Häufchen der Sektengläubigen eigentümlich war, mußte mit Vergrößerung ihrer Anzahl ganz wegfallen - z. B. die so enge Vereinigung und Verbrüderung der Mitglieder, die sich um so näher zusammenschlossen, je mehr sie gedrückt und verachtet wurden. Dieses Band des gleichen Glaubens ist so locker geworden, daß, wen nicht sonst Freundschaft oder Interesse zusammenknüpft, wer durch dasselbe in weiter keine enge Verbindung kommt und wer, um in irgend etwas unterstützt zu werden, keinen anderen Titel, Anmut, Verdienste, Talente oder Reichtum, nichts als die Brüderschaft in Christo aufweisen kann, der wird auf das Mitleiden oder Empfehlung selbst guter Christen wenig rechnen können. Jene enge Verbindung der Christen, als einer positiven Sekte, war von dem Verhältnis, in welchem die Freunde einer philosophischen Sekte stehen mögen, ganz verschieden. Sich einer philosophischen Sekte zuzugesellen, ändert in den häuslichen, bürgerlichen und sonstigen Verhältnissen wenig oder nichts; man bleibt mit Frau und Kindern und allen unstudierten Leuten auf dem gleichen Fuß, und die Menschenliebe, die der Freund einer philosophischen Sekte etwa hat, wird die gleiche Richtung und Umfang behalten; hingegen wer sich mit der kleinen christlichen Sekte verband, entfernte sich dadurch von vielen, die sonst Verwandtschaft, Amt oder Dienst an ihn geknüpft hatte, sein Mitleiden, seine Wohltätigkeit wurde auf einen bestimmten engen Kreis eingeschränkt, der sich jetzt wegen der Gleichheit der Meinungen, seiner Menschenliebe, seinen Dienstleistungen, dem Einfluß, den er etwa haben konnte, vorzüglich empfahl.
Gemeinschaft der Güter
1/126 Ebensobald verlor sich die nur einer kleinen Sekte mögliche Gemeinschaft der Güter, wo es dem in die Gemeine aufgenommenen Gläubigen zu einem Verbrechen an der Majestät der Gottheit gemacht wurde, von seinem Eigentum etwas für sich zurückzubehalten. Diese Maxime, die für den, der nichts besaß, so zuträglich, für den aber eine schwere Aufgabe sein mußte, der ein Eigentum hatte und jetzt aller Sorge dafür entsagen sollte, welche bisher die ganze Sphäre seiner Tätigkeit ausgefüllt hatte, - diese Maxime würde, wenn mit aller Strenge darauf wäre gehalten worden, der Ausbreitung des Christentums wenig Vorschub getan haben, und sie wurde daher frühzeitig, weislich oder notgedrungen, insofern aufgegeben, als sie jetzt von dem, der in die Gesellschaft aufgenommen werden wollte, nicht mehr als eine Bedingung seiner Aufnahme gefordert wurde, aber desto mehr freiwillige Beiträge zur Kasse der Gesellschaft als ein Mittel, sich im Himmel einzukaufen, eingeschärft [wurden]; wodurch die Geistlichkeit in der Folge noch gewann, indem sie den Laien diese Freigebigkeit gegen sich empfahl, aber sich wohl hütete, ihr eigenes erworbenes Eigentum zu verschleudern, und so, um sich selbst, als die Armen und Hilfsbedürftigen, zu bereichern, die andere Hälfte der Menschen zu Bettlern machte. In der katholischen Kirche hat sich diese Bereicherung der Klöster, Geistlichen und Kirchen erhalten, wovon den Armen wenig und dies Wenige auf eine Art zuteil wird, daß die Bettelei dadurch sich erhält und durch eine unnatürliche Verkehrung der Dinge an manchen Orten der herumziehende Tagdieb, der auf der Straße übernachtet, besser daran ist als der fleißige Arbeitsmann. In der protestantischen Kirche wird der etwaige Beitrag an Butter und Eiern dem Seelenhirten freiwillig als einem Freunde, wenn er sich die Zuneigung seiner Herde erwirbt, nicht als ein Mittel, den Himmel zu erkaufen, gereicht; und in Ansehung des Almosens von der Tür des Mildtätigen wird auch ein armer Betteljude nicht weggejagt.
Gleichheit
1/127 In Ansehung der Gleichheit unter den ersten Christen, da der Sklave der Bruder seines Herrn wurde, da Demut, sich über niemand zu erheben, die Menschen nicht nach Ehren und Würden, nicht nach Talenten und anderen glänzenden Eigenschaften, sondern nach der Stärke ihres Glaubens zu schätzen, das Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit das erste Gesetz eines Christen wurde, - diese Theorie ist allerdings in ihrem ganzen Umfange beibehalten worden, aber klüglich wird beigefügt, daß es so in den Augen des Himmels sei, und es wird daher in diesem Erdenleben weiter keine Notiz davon genommen; und der Einfältige, der diese Grundsätze der Demut und der die Verabscheuung alles Stolzes und aller Eitelkeit mit rührender Beredsamkeit von seinem Bischofe oder Superintendenten vortragen hört und die Miene der Erbauung mitansieht, womit die vornehmen Herren und Damen dies in der Gemeine mitanhören, der Einfältige, der jetzt nach der Predigt seinen Prälaten samt den vornehmen Herren und Damen vertraulich anginge und in ihnen demütige Brüder und Freunde zu finden hoffte, würde in ihrer lächelnden oder verächtlichen Miene bald lesen können, daß dies nicht so dem Worte [nach] zu nehmen sei, daß davon erst im Himmel eigentlich die Anwendung werde zu finden sein; und wenn vornehme christliche Prälaten noch heutigentags einer Anzahl Armen jährlich die Füße waschen, so ist das nicht viel mehr als eine Komödie, nach welcher alles beim Alten belassen wird, und die auch dadurch an Bedeutung verloren hat, daß das Fußwaschen nach unseren Sitten nicht mehr wie den Juden eine tägliche Handlung und eine Höflichkeit gegen Gäste war, die gewöhnlich nur die Sklaven oder die Bedienten verrichteten, - dahingegen das jährliche Pflügen des chinesischen Kaisers, sosehr es zu einer Komödie herabgesunken ist, doch dadurch noch mehr und eine unmittelbarere Bedeutung für jeden Zuschauer behalten hat, daß den Acker zu pflügen immer eine Hauptbeschäftigung des größten Teils seiner Untertanen ist.
Abendmahl
1/128 So hat auch eine andere Handlung in dem Munde und unter den Augen des Tugendlehrers Jesu selbst eine ganz andere Gestalt in der eingeschränkten und dann wieder eine andere in der allgemein gewordenen Sekte erhalten. Wenn man, ohne durch dogmatische Begriffe die Gabe der Auslegung geschärft zu haben, die Geschichte des letzten oder einiger [der] letzten Abende liest, die Jesus noch im Schoße der vertrauten Freundschaft zubrachte, so findet man die Unterhaltung sicher erhaben, die er mit seinen Jüngern [geführt hat] über Ergebenheit in sein Schicksal, die Erhabenheit des Tugendhaften über Leiden und Ungerechtigkeiten in dem Bewußtsein seiner Pflicht, allgemeine Menschenliebe, durch welche allein der Gehorsam gegen Gott bewiesen werden könne. Ebenso rührend und menschlich ist die Art, wie Jesus das jüdische Passah zum letzten Male mit ihnen feiert, sie dabei erinnert, wenn sie nun ihre Pflichten erfüllt [hätten] und bei einem religiösen oder sonst einem freundschaftlichen Mahle sich erholten, seiner, ihres treuen Freundes und Lehrers, der nicht mehr in ihrer Mitte sein werde, zu gedenken, beim Genuß des Brotes sich seines für die Wahrheit aufzuopfernden Leibes, beim Genuß des Weines seines zu vergießenden Blutes sich zu erinnern, - ein Sinnbild, wodurch er in der Vorstellung das Andenken an sich mit Teilen der Mahle, die sie genießen würden, selbst in Verbindung setzte, das zwar aus Gegenständen, die gerade gegenwärtig waren, sehr natürlich gegriffen war, aber bloß von der ästhetischen Seite betrachtet etwas spielend scheinen kann, aber doch an sich gefälliger ist als der so lange durchgeführte Gebrauch der Worte Blut und Fleisch, Speise und Trank, Joh. 6, 47 ff., in metaphysischem Sinne, der selbst von Theologen für etwas hart erklärt worden ist.
1/129 Diese menschliche Bitte eines Freundes, der von seinen Freunden Abschied nimmt, wurde bald von den zur Sekte gewordenen Christen in ein Gebot, das den Befehlen der Gottheit gleich ist, die Pflicht, das Andenken des Lehrers zu ehren, die aus der Freundschaft freiwillig hervorgeht, in eine religiöse Pflicht und das Ganze in eine mysteriöse gottesdienstliche Handlung verwandelt, die an die Stelle der jüdischen und römischen Opfermahlzeiten trat, wobei die Armen durch die Freigebigkeit der Reicheren in den Stand gesetzt wurden, diese Pflicht auch zu erfüllen, die sie sonst dürftig oder mit Mühe verrichtet hätten, und die ihnen dadurch angenehm wurde. Bald wurde solchen Mahlzeiten zur Ehre Christi außer der Kraft, die jede gewöhnliche gesunde Mahlzeit auf den Körper, die eine freie Unterhaltung auf die Erheiterung oder hier fromme Gespräche auf die Erbauung hatten, eine hiervon unabhängige Wirkung zugeschrieben. Wie aber bei der Allgemeinerwerdung des Christentums eine größere Ungleichheit des Ranges der Christen stattfand, die zwar in der Theorie verworfen, aber in praxi beibehalten wurde, so hörte ein solches Fraternisieren auf, und statt daß [wie] ehemals hier und da die Klage geführt wurde, daß die Mahle der geistlichen Liebe zuweilen in Gelage und Szenen einer fleischlichen Liebe ausgeartet seien, so wurde nach und nach an der leiblichen Sättigung immer mehr und mehr abgezogen, dagegen das Geistliche, Mystische desto höher angeschlagen, und andere geringfügigere Empfindungen, die im Anfang dabei stattfanden, freundschaftliche Unterhaltung, geselliges Beisammensein, wechselseitige Öffnung und Aufheiterung der Gemüter kommen bei einem so erhabenen Genuß nicht mehr in Betrachtung.
Ausbreitungssucht
Eine andere Eigentümlichkeit einer positiven Sekte ist ihr Eifer, sich auszubreiten, für ihren Glauben und für den Himmel Proselyten zu machen.
Der rechtschaffene Mann, dem Tugend zu verbreiten am Herzen liegt, ist dabei ebenso tief von dem Gefühl des Rechts eines jeden, seine eigene Überzeugung und seinen Willen zu haben, durchdrungen - und ist billig genug, die zufälligen Verschiedenheiten der Meinung und des Glaubens für außerwesentlich zu halten und für etwas, an das, wenn es einmal gewählt ist, kein anderer ein Recht hat, es zu ändern.
1/130 So wie der rechtschaffene Mann, der einem philosophischen System zugetan ist, das Moralität zur Grundlage und zum Ziel alles Lebens und Philosophierens macht, die Inkonsequenz des Epikureers oder überhaupt eines jeden übersieht, der Glückseligkeit zum Prinzip seines moralischen Systems macht - wenn in einem solchen ungeachtet seiner Theorie, die, in strenger Konsequenz verfolgt, keinen Unterschied zwischen Recht und Unrecht, Tugend und Unsittlichkeit übriglassen würde, dennoch der bessere Teil seiner selbst die Oberhand in ihm behält; - so wie er auch den Christen hochschätzt, der aus seinem dogmatischen Systeme oder wenigstens aus mancher Seite desselben für sein Gewissen Polster einer falschen Beruhigung sich zurechtmachen könnte, aber eher sich an das Wahre, Göttliche seiner Religion, an das Moralische hält und ein tugendhafter Mann ist; - und wie ihn ein solcher Widerspruch zwischen Kopf und Herzen eher veranlaßt, die unbestechbare Macht des Ichs zu bewundern, das über tugendzerstörende Überzeugungen des Verstands und gelernte Worte des Gedächtnisses triumphiert, so wird auch der rechtschaffene Mann, welcher positiven Sekte er zugetan sei, Moralität als das Höchste seines Glaubens anerkennen und in jedem anderen Sektengläubigen, in dem er einen Freund der Tugend findet, einen Bruder, einen Anhänger der gleichen Religion umarmen - und ein solcher Christ wird zu einem solchen Juden sagen wie der Klosterbruder zu Nathan [IV, 7]:
Ihr seid ein Christ! - Bei Gott, Ihr seid ein Christ!Ein bessrer Christ war nie![und] einem solchen Christen entgegnet ein solcher Jude:Wohl uns! Denn wasMich Euch zum Christen macht, das macht Euch mirZum Juden!
1/133 Ja! wohl euch! denn Reinheit des Herzens war euch beiden das Wesentliche eures Glaubens, und darum konnte jeder den anderen als den Genossen des seinigen betrachten. Derjenige, in dessen Augen hingegen das Positive seiner Religion einen unendlichen Wert hat und dessen Herz über dieses Positive nichts Höheres zu setzen hat, wird, je nachdem sein sonstiger Charakter beschaffen ist, andere Sektengläubigen entweder bemitleiden oder verabscheuen. Im ersten Fall wird er den einzigen Weg des Glücks, das er für sich hofft, anderen Unwissenden und Unglücklichen auch zu weisen sich gedrungen fühlen, besonders wenn er sonst Gründe hat, sie zu lieben, um so mehr, da das Mittel, diesen Weg zu finden, so leicht, so leicht scheint, da das Gedächtnis in einigen Stunden alles auffassen kann, was dazu nötig ist, und da der Verirrte, wenn er sich nur einmal auf dem rechten Wege findet, so viele Brüder, die ihn unterstützen, so viele Stärkungsmittel, Ruhepunkte und Trostplätze findet. Der sich im anderen Falle befindet, kann, da sein positiver Glaube so fest mit ihm verwebt ist als das Gefühl seiner Existenz, nichts anderes glauben, als daß denselben nicht an[zu]nehmen nur in einem bösen Willen seinen Grund haben könne. Verschiedenheit des Charakters und der Neigungen finden gewöhnliche Menschen überhaupt begreiflicher und erträglicher als Verschiedenheit der Meinungen; man hält dafür, es sei so leicht, diese zu ändern, und glaubt dies fordern zu können, weil man anderen so gern seine Art zu sehen zutraut oder zumutet, und [daß,] was unserem Kopf verträglich ist, auch dem anderen nicht anstößig sein könne. Auch wirkt als Grund oder als Vorwand der fromme, aber in diesem Falle eingeschränkte Gedanke dabei, es sei Pflicht, die Ehre Gottes zu befördern, ihm die Art der Anbetung und des Dienstes zu verschaffen, die seiner allein würdig sei, und der Unterlassung solcher positiven Meinungen und Gebräuche als einer Übertretung der heiligsten Pflichten zu steuern, von der einer den Übertreter durch Überzeugung oder Überredung zurückzuführen suchen wird, - welche aber die Spanier in Amerika und noch jetzt ihre heilige Inquisition sich berufen fühlt, zu [be]strafen und diese Verbrechen der beleidigten Majestät der Gottheit durch Mord zu rächen, [und die] die meisten übrigen katholischen und protestantischen Glaubensregierungen [sich berufen fühlen,] durch Ausschließung von bürgerlichen Rechten zu ahnden. Der einzelne wird von seinem positiven Glauben desto fester überzeugt, je mehrere Personen er davon überzeugen kann oder überzeugt sieht; der Glaube an Tugend stützt sich auf das Gefühl ihrer Notwendigkeit, auf das Gefühl, daß sie eins ist mit dem eigensten Selbst; bei jeden positiven Glaubensmeinungen strebt der Gläubige, sein eigenes Gefühl, daß noch Zweifel dagegen möglich sind, [sowie] die Erfahrungen an anderen, in denen diese Zweifel bis zu Gründen der Verwerfung jenes positiven Glaubens sich verstärkt haben, dadurch zu entfernen, daß er so viele als möglich zu der Fahne seines Glaubens zu versammeln sucht, es kommt den Sektengläubigen immer eine Art von Befremdung an, wenn er von Menschen hört, die nicht seines Glaubens sind, - und dies Gefühl von Unbehaglichkeit, das sie ihm verursachen, verwandelt sich sehr leicht in Abneigung, in Haß gegen sie; es ist ein Zug der Vernunft, die sich unvermögend fühlt, den positiven, auf Geschichte gegründeten Lehren den Charakter der Notwendigkeit zu geben, ihnen wenigstens den anderen Charakter der Vernunftwahrheiten, den der Allgemeinheit, so gut [es] sich tut, aufzudrücken oder bei ihnen zu finden; so hat auch unter den sogenannten Beweisen vom Dasein Gottes der Beweis ex consensu gentium immer eine Stelle gefunden und führt wenigstens etwas Beruhigendes mit sich; selbst gegen den Schrecken der Hölle hat ja oft der Gedanke, dort nur das Schicksal vieler zu teilen, etwas Tröstendes gehabt; und jedes, so auch das Joch des Glaubens wird erträglicher, je größere Gesellschaft man dabei hat, und insgeheim wirkt oft auch ein Unwillen, daß ein anderer von Fesseln, die wir tragen und von denen wir nicht Kraft genug haben, uns loszumachen, frei sein wolle, bei der Sucht mit, ihn zum Proselyten zu machen. Da das Christentum im Gebiete des Heidentums aber schon so große Eroberungen gemacht, da die Theologen es mit großer Zufriedenheit rühmen, daß die Weissagungen des Alten Testaments in Erfüllung gegangen sind oder nächstens bald vollends gehen werden, daß der Glaube Christi bald auf der ganzen Erde ausgebreitet sei, daß ihm alle Völker des Erdbodens anhangen, so ist bei einem solchen Überflusse von Christen der Bekehrungseifer lauer geworden, und ungeachtet die Polemik das ganze Arsenal der gegen Heiden und Juden so siegreichen christlichen Waffen aufbehalten hat, auch an den Mohamedanern besonders und auch den Juden noch viel zu tun übrig wäre, so sind doch die Anstalten, die gegen die Indianer und Amerikaner gerichtet sind, im Verhältnis mit dem, was man von der Menge, der Überlegenheit in allen Künsten, dem Reichtum der Völker, die zusammen die Christenheit ausmachen, erwarten könnte, in der Tat nur dürftig zu nennen; gegen die Juden vollends, die sich mitten unter uns immer mehr einnisteln, zieht höchstens ein “Sanftmut sieget” aus, und seine Ritterzüge erwecken höchstens die Teilnahme einer eingeschränkten [Anzahl] von Menschen. Ungeachtet die schnelle und weite Ausbreitung des Christentums durch Wunder, durch den standhaften Mut seiner Bekenner und Märtyrer, durch die fromme Klugheit seiner späteren Vorsteher, die zum Besten ihrer guten Sache zuweilen einen heiligen Betrug anzuwenden genötigt waren, dergleichen Ungeweihte aber immer unheilig nennen, - ungeachtet diese außerordentlich schnelle Verbreitung des Christentums einen großen Beweis [seiner] Wahrheit und der göttlichen Vorsehung bildet, so findet es sich heutzutage doch nicht selten, daß die erbaulichen Bekehrungsgeschichten aus Malabar, Paraguay oder Kalifornien nicht sowohl wegen der frommen Betriebsamkeit ihrer Verfasser und wegen der Verkündigung des Namens Christi am Ganges oder Mississippi, nicht sowohl wegen des Zuwachses des Reiches Christi Interesse erwecken, als vielmehr in den Augen vieler, die sich Christen nennen, nach der daraus zu schöpfenden Bereicherung der Geographie, der Naturgeschichte und der Kenntnis der Sitten der Völker geschätzt werden. Den Proselyten, die sich hier und da zur Seltenheit selbst anbieten, wird im Ganzen wenig Ehre und Aufmerksamkeit erwiesen, so daß die Verwunderung, die man bei diesem Triumphe, bei dem Schauspiel der Taufe eines bekehrten Juden äußert, von ihm allerdings für einen Glückwunsch, von seiner Verirrung zurückgekommen zu sein, oder auch fast für Befremdung genommen werden kann, wie er sich in die christliche Kirche verirrt habe. Daß im Ganzen so wenig mehr geschieht, ist aber auch dadurch zu entschuldigen, daß die gefährlichsten, die innerlichen Feinde des Christentums immer so viele Zurüstungen und Arbeit erfordern, daß man an das Heil der Türken und Samojeden wenig denken kann.
Das Zum-Staat-Werden einer moralischen oder religiösen Gesellschaft
1/134 In einer bürgerlichen Verfassung kommen nur diejenigen Pflichten in Betracht, die aus dem Rechte eines anderen erst entspringen; nur insofern kann der Staat mir etwas zur Pflicht machen; das Recht des anderen muß souteniert werden, ich mag mir nun aus moralischen Gründen eine Pflicht daraus machen oder nicht, es zu respektieren; im letzteren Falle werde ich vom Staate als Naturwesen mit Zwang behandelt - das Recht des anderen muß erst deduziert werden, ehe die Pflicht für mich hervorgeht; ein sehr gewissenhafter Mensch kann Anstand nehmen, Rechtsforderungen eines anderen für gültig anzusehen, ehe der andere sie deduziert hat; wenn er sich aber von dem Rechte des anderen überzeugt hat, so wird er auch ohne den Ausspruch eines Richters für sich die Pflicht erkennen, jenen Forderungen Genüge zu leisten; aber die Erkenntnis, daß etwas Pflicht für ihn ist, entspringt erst aus der Erkenntnis des Rechts des anderen. - Es gibt aber noch andere Pflichten, die nicht aus dem Rechte eines anderen entspringen, - z. B. die Pflicht der Wohltätigkeit. Der Unglückliche hat kein Recht für sich an meinen Beutel, als insofern er voraussetzt, daß ich mir es zur Pflicht machen sollte, Unglücklichen beizustehen; für mich gründet sich meine Pflicht nicht in seinem Rechte; sein Recht an Leben, Gesundheit usw. geht nicht an einzelne, sondern an die Menschheit überhaupt (das Recht des Kindes, zu leben, geht an die Eltern), das dem Staat oder überhaupt den Menschen, die zunächst um ihn sind, die Pflicht auferlegt, ihn zu erhalten, - nicht dem einzelnen. (Man hört oft die Ausrede, wenn einem Manne zugemutet wird, für sich allein einem Armen zu helfen: er wisse nicht, warum er, ein anderer könne dies so gut tun als er; er versteht sich zu einem Beitrag in Gesellschaft anderer eher dazu, teils weil freilich die ganze Summe der Kosten auf diese Art nicht auf ihn fällt, teils aber weil er fühlt, daß nicht ihm allein, sondern auch anderen diese Pflicht zukommt.) Der Arme hat Almosen als ein Recht an mich als ein Glied des Staates zu fordern, er tut die Forderung hier unmittelbar, da er sie durch den Staat mittelbar tun sollte; an mich als moralisches Wesen ist es eine moralische Forderung im Namen des Sittengesetzes, mir die Pflicht der Wohltätigkeit aufzulegen, - an mich als pathologisches Wesen (mit sympathetischen Neigungen begabtes) tut er nicht eine Forderung, sondern wirkt auf mich als Naturwesen, indem er mein Mitleiden erregt.
1/135 Gerechtigkeit bezieht sich darauf, daß ich die Rechte anderer respektiere; eine Tugend ist sie, wenn ich sie, nicht weil sie der Staat fordert, sondern weil sie Pflicht ist, mir als Pflicht zu meiner Maxime mache, und insofern ist sie nicht Forderung des Staats, sondern des Moralgesetzes. - Die zweite Art von Pflichten, z. B. bei der Wohltätigkeit als Beitrag zur Armenkasse, Anlegung von Hospitälern, kann vom Staate nicht als ein Individuum gegen ein Individuum, sondern [nur] als Pflicht an die Staatsbürger insgesamt gefordert werden; Wohltätigkeit [ist] überhaupt eine Pflicht, die die Moral fordert.
1/136 Außerdem können noch Pflichten vorkommen, die weder aus Rechten an mich als einzelnen, noch aus Rechten an die Menschheit überhaupt entspringen, sondern die überhaupt nicht aus Rechten anderer entspringen, sondern die ich mir freiwillig (nicht aus einer Forderung des Sittengesetzes) auferlegt habe, wo die Rechte, die ich einem anderen einräume, ebenso bloß aus freier Willkür eingeräumt sind. Von der Art sind die Pflichten, die ich mir freiwillig auflege, indem ich in irgendeine Gesellschaft trete, deren Zweck dem Zwecke des Staats nicht entgegen ist (in welchem Falle ich gegen die Rechte des Staats mich verginge); durch den Eintritt in eine solche Gesellschaft erhalten die Mitglieder gewisse Rechte über mich, die sich bloß auf meinen freiwilligen Eintritt und die dadurch freiwillig übernommenen Pflichten gründen. Die Rechte, die ich einer solchen Gesellschaft über mich einräume, können keine Rechte sein, die der Staat an mich hat, ich würde sonst eine im Staat vorhandene, vom Staat verschiedene Gewalt anerkennen, die gleiche Rechte mit ihm hätte; der Staat kann nicht zugeben, daß ich einer Gesellschaft das Recht über ein Leben oder in Streit über Eigentum als Richter abzusprechen einräume (wohl als freundschaftlicher Schiedsrichter, dessen Ausspruch ich mich freiwillig unterwerfe). Einer solchen Gesellschaft kann ich nun auch das Recht einräumen, Aufsicht über meine Moralität zu haben, mich in dieser Rücksicht zu leiten, Geständnisse meiner Fehler an mich zu fordern, mir Büßungen dafür aufzulegen; - diese Rechte können aber nur so lange währen, als mein Entschluß dauert, mir die Pflichten aufzulegen, durch welche jene Rechte entstehen; da diese Pflichten nicht in Rechten eines anderen gegründet sind, so habe ich die Willkür, jene Pflichten und zugleich die Rechte des anderen aufzuheben; da diese Pflichten ohnehin so weit freiwillig übernommen werden, daß sie nicht einmal vom Sittengesetz geboten waren; kann ich doch auch Rechte eines anderen, die erst aus mir durchs Sittengesetz aufgelegten Pflichten entstehen, aufheben, z. B. ich kann das Recht, das ich einem Armen einräumte, einen wöchentlichen Beitrag an mich zu fordern, willkürlich aufheben; weil sein Recht nicht an sich selbst gegründet war, sondern erst daraus entsprang, daß ich mir selbst die Pflicht auflegte, ihm diesen Beitrag zu geben.
1/137 Da der Staat nicht als Staat, sondern nur als moralisches Wesen Moralität von seinen Bürgern fordern kann, - und außerdem, daß es vielmehr Pflicht für den Staat ist, keine Anordnungen zu treffen, die entweder der Moralität entgegen sind oder dieselbe heimlich untergraben, da er für sich selbst das größte Interesse hat, schon um Legalität, die sein Zweck ist, herauszubringen, daß seine Bürger auch moralisch gut seien -, so wird er Anstalten machen, dies unmittelbar (denn von dem Unterschiede der Staatsverfassung, insofern durch ihren unsichtbaren Einfluß ein tugendhafter Geist des Volkes gebildet wird, ist hier nicht die Rede) zuwege zu bringen; Gesetze, die der Staat gäbe, seine Bürger sollen moralisch sein, kämen ihm nicht zu, wären widersprechend und lächerlich. Die Bürger dazu zu bringen, sich dieser Anstalten zu bedienen, vermag er allein durch Zutrauen, das er für sie erwecken muß. Religion ist vorzüglich dieses Mittel, und es kommt auf den Gebrauch, den der Staat davon macht, an, ob sie tauglich ist, dem Zweck zu entsprechen. Dieser Zweck ist bei den Religionen aller Völker deutlich, sie haben alle das miteinander [gemein], daß sie sich immer darauf beziehen, die Gesinnung hervorzubringen, welche kein Objekt bürgerlicher Gesetze sein kann, - und sie sind besser oder schlechter, je nachdem sie, um diese Gesinnung, die Handlung gebiert, welche teils den bürgerlichen, teils den moralischen Gesetzen angemessen ist, hervorzubringen, je nachdem die Religion [mehr] mit ihren Schrecken auf die Einbildungskraft und durch diese auf den Willen, oder mehr durch moralische Triebfedern wirken will. Werden die religiösen Anordnungen des Staats zu Gesetzen, so kommt er wieder nicht weiter als durch alle anderen bürgerlichen Gesetze, zur Legalität.
Was nun dem Staat unmöglich ist, die Menschen dahin zu bringen, daß sie aus Achtung für die Pflicht handeln - wenn er auch Religion zu Hilfe nimmt, wodurch er noch dazu die Menschen verführt zu glauben, in der Beobachtung dieser religiösen, vom Staat angeordneten Gebräuche der Moral selbst Genüge getan zu haben, und sie überredet, dies sei für den Menschen überhaupt genug -, dies haben immer sowohl im Kleinen als im Großen gute Menschen versucht.
1/138 Dies versuchte auch Jesus unter einem Volke, dem um so schwerer mit Moralität beizukommen war, in dem der Wahn, Legalität sei schon Moral, um so tiefer haftete, weil ihnen alle moralischen Gebote zugleich religiöse Gebote und überhaupt nur deswegen Gebote, nur deswegen verpflichtend waren, weil es Gebote Gottes waren. Wenn nun ein Israelite diese Gebote seines Gottes erfüllte, d. h. wenn er richtig seine Feste feierte, richtig seine Opfer verrichtete und seinem Gott den Zehnten gab, so hatte er alles getan, was er für seine Pflicht halten konnte; die Gebote aber, die zugleich auch moralisch sein konnten, waren auch Staatsgesetze, und solche konnten nichts weiter als Legalität herausbringen, und zu etwas weiter konnte ein frommer Israelite sich nicht verbunden glauben, weil er ja leistete, was die Gebote Gottes verlangten, Legalität. Der Zweck Jesu war, den Sinn für Moralität wieder zu erwecken, auf die Gesinnung zu wirken; deswegen legte er teils in Parabeln Beispiele rechtschaffener Handlungsarten vor, besonders im Gegensatz gegen das, was etwa ein bloß gesetzlicher Levite zu tun schuldig [war], und überließ es ihrem Gefühl zu beurteilen, ob am letzteren genug sei. Besonders zeigte er ihnen den Kontrast zwischen dem, was nur die bürgerlichen sowohl als die zu bürgerlichen Gesetzen gewordenen religiösen Gebote, und dem, was Moralität fordere (vorzüglich in der Bergpredigt - das complementum der Gesetze - die moralische Gesinnung); wie wenig die Beobachtung jener Gebote das Wesen der Tugend ausmache - den Geist, aus Achtung für die Pflicht zu handeln, weil sie Pflicht ist, und weil es dann auch göttliches Gebot ist -, d. h. Religion im wahren Sinne des Wortes suchte er ihnen beizubringen. Bei aller ihrer Religiosität konnten sie nur Bürger des jüdischen Staats sein, Bürger des Reiches Gottes waren nur wenige. - Entfesselt von positiven Geboten, die die Stelle der Moralität vertreten sollten, hätte die Vernunft, in Freiheit gesetzt, jetzt ihren eigenen Geboten folgen können, aber zu jung, zu ungeübt, eigenen Gesetzen zu folgen, unbekannt mit dem Genusse selbsterrungener Freiheit warf man ihr wieder ein Joch von Formeln über.
1/140 Die ersten Christen, durch den gemeinschaftlichen Glauben verbunden, machten außer diesem Vereinigungspunkt noch eine Gesellschaft aus, deren Mitglieder einander wechselseitig im Fortschritte zum Guten und zum starken Glauben aufmunterten, über Glaubenssachen und sonstige Pflichten unterrichteten, Zweifel auflösten, die Wankenden befestigten, eins das andere auf seine Fehler aufmerksam machte, seine eigenen gestand und seine Reue sowie sein Bekenntnis in den Busen der Gesellschaft ausschüttete, Gehorsam gegen die Gesellschaft und die, denen sie die Oberaufsicht anvertraut hatte, und gegen die Strafen, die sie auflegen mochten, versprach. Mit der Annahme des christlichen Glaubens trat man zugleich in diese Gesellschaft ein, übernahm Pflichten gegen sie und trat ihr Rechte auf sich ab; den christlichen Glauben annehmen und sich nicht zugleich der christlichen Gesellschaft und ihren Ansprüchen auf den Proselyten und jeden Christen unterwerfen, wäre widersprechend gewesen, und sein größerer oder geringerer Grad von Frömmigkeit ward besonders im Anfang nach dem Grad seiner Anhänglichkeit oder Gehorsams gegen die Gesellschaft gemessen. Auch hierdurch unterscheidet sich eine positive Sekte von einer philosophischen; durch die Anerkennung und Überzeugung von den Lehrsätzen eines philosophischen Systems oder, im Praktischen, durch Tugend wird (in jenem Fall) ein Mann Anhänger einer philosophischen Sekte oder (in diesem) Bürger des Reichs der Moralität, der unsichtbaren Kirche, ohne dadurch andere Pflichten auf sich zu nehmen, als die er sich selbst auferlegt, einer solchen Gesellschaft [andere] Rechte über sich zu geben, als die er selbst einräumt: die Pflicht, rechtschaffen zu handeln, das Recht, dies an ihn zu fordern; durch den Eintritt in die Gesellschaft der positiven christlichen Sekte hingegen übernahm er die Pflicht des Gehorsams gegen ihre Statuten, nicht weil er selbst etwas für pflichtmäßig, für gut und nützlich hielt, sondern [er hatte] die Beurteilung hierüber der Gesellschaft zu überlassen und auf anderer Gebot und Einsicht hin etwas als Pflicht anzuerkennen; er übernahm die Pflicht, etwas zu glauben, für wahr zu halten, weil es die Gesellschaft gebot zu glauben. Bei der Überzeugung von einem philosophischen System behalte ich mir das Recht vor, diese Überzeugung zu ändern, wenn meine Vernunft es verlangt; beim Eintritt in die christliche Gesellschaft übertrug der Proselyt ihr das Recht, auch für ihn auszumachen, was wahr sei, und nahm die Pflicht über sich, dies unabhängig von seiner Vernunft, mit Widerspruch derselben anzunehmen; er übernahm wie im gesellschaftlichen Vertrag die Pflicht, seine Willkür der Mehrheit der Stimmen, dem allgemeinen Willen zu unterwerfen; es wird einem bange um die Brust, sich in eine solche Lage zu denken, noch trauriger wird die Aussicht, wenn man denkt, was bei einer solchen Pedanterei herauskommen konnte, und am kläglichsten ist der Anblick, wenn man wirklich in der Geschichte nachsieht, welche elende Form von Bildung dadurch, daß jeder für sein Individuum und für seine Nachkommen allem Recht, selbst zu beurteilen, was in den wichtigsten Gegenständen unseres Wissens und Glaubens und in allen anderen Dingen wahr sei, was gut und recht sei, entsagte, das Menschengeschlecht angenommen hat.
1/141 Das Ideal von Vollkommenheit, das die christliche Sekte in ihren Mitgliedern zu realisieren suchte, war in verschiedenen Zeiten verschieden und im ganzen zu jeder Zeit höchst verworren und mangelhaft; es läßt sich dies schon aus der Art vermuten, wie es realisiert werden sollte, nämlich durch Ertötung aller Freiheit des Willens und der Vernunft (der theoretischen und praktischen Vernunft), und es läßt sich nach den Helden beurteilen, an denen die Kirche ihr Ideal realisiert gefunden hat, wo das, was wirklich fromme Menschen mit Tagdieben, Tollhäuslern und Schurken gemeinschaftlich haben können, in einen Begriff vereinigt, die Heiligkeit des Willens gibt, wie ihn die christliche Kirche von ihren Idealen forderte. Da ein Ideal von moralischer Vollkommenheit überhaupt nicht der Gegenstand von bürgerlichen Gesetzgebungen und am wenigsten das Ideal der Christen ein Gegenstand jüdischer und heidnischer Regierungen sein konnte, so versuchte es also die christliche Sekte, auf die Gesinnung zu wirken und nach dieser den Wert der Menschen, ihre verdienten Belohnungen und Strafen zu bestimmen. Die Tugenden, die sie hochhielt und belohnte, waren von der Art, die der Staat nicht belohnen kann, ebenso die Fehler, die sie bestrafte, waren nicht insofern Gegenstand der Ahndung der Kirche, als sie auch gegen die bürgerlichen Gesetze verstießen, sondern insofern sie gegen die Gebote Gottes waren, als Sünden, also teils solche Laster und Vergehen, die, obzwar unmoralisch, nicht von der Kompetenz bürgerlicher Gerichte sein können; teils solche, die zwar auch bürgerlicher Strafe fähig sind, aber zugleich gegen moralische oder kirchlich-moralische Gebote waren und welche von der Kirche nur in letzterer Rücksicht gestraft werden konnten; teils solche, die gegen bloß äußere Anordnungen der Kirche verstießen. Diese setzte sich nicht an die Stelle des Staates, um sein Richteramt zu versehen - das Richteramt beider war ganz verschieden -, eher suchte sie einen Verbrecher gegen bürgerliche Gesetze dem Arm des Richters oft zu entziehen, wenn er im Geiste der Sekte gehandelt hatte.
1/142 Zu einem ähnlichen Zweck und durch ähnliche Mittel, nämlich Moralität durch wechselseitige Aufmunterung, Ermahnung, Belohnung zu befördern, kann sich unbeschadet der Rechte eines jeden und der Rechte des Staats eine kleine Gesellschaft von Menschen verbinden. Achtung gegen die moralischen Eigenschaften des Freundes, Zuversicht in seine Liebe gegen mich müssen mir Zutrauen gegen ihn erweckt haben, um versichert zu sein, daß ich bei der Beschämung, mit der ich meine Fehler bekenne, nicht verächtliche Aufnahme, nicht ein erbitterndes Lächeln, bei dem Vertrauen, mit dem ich meine Geheimnisse in seinen Schoß niederlege, nicht Verräterei zu befürchten habe, und daß bei seinem Rate zum Guten, zu meinem Besten Interesse an meinem Wohl und Achtung für das, was recht ist, noch höher als mein Nutzen, seine Triebfeder sei; mit einem Worte, es müssen Freunde sein, unter denen eine solche Vereinigung möglich ist. Schon diese Bedingung schränkt eine solche Gesellschaft auf wenige ein; dehnt sie sich aus, so werde ich genötigt, Menschen, deren Neigung gegen mich ich nicht kenne, zu Zeugen meiner Beschämung, von deren Klugheit ich keine Erfahrung habe, zu meinen Ratgebern, deren Tugend ich noch nicht achten kann, zu Leitern in meinen Pflichten anzunehmen; eine Forderung, die unbillig ist. In einer solchen Gesellschaft kann ich Gehorsam nur insoweit geloben und sie kann ihn nur von mir fordern, wenn sie mich von einer Handlungsart überzeugt hat, daß sie Pflicht ist; ich kann ihr nur Glauben versprechen und sie kann ihn nur fordern, wenn ich selbst über die Gründe der Wahrheit mit mir einig geworden bin. - Ich kann eine solche Gesellschaft verlassen, wenn ich ihrer nicht mehr zu bedürfen, wenn ich mündig geworden zu sein glaube oder wenn sie mir so beschaffen scheint, daß ich ihr mein Zutrauen nicht mehr schenken kann, daß sie mir ihren Zweck nicht mehr zu erfüllen scheint oder daß ich meinen Zweck, moralische Fortschritte zu machen, den zwar die Tugend, aber kein Mensch von mir fordern kann, überhaupt - oder wenigstens auf die Art, wie es die Gesellschaft verlangt - aufgeben will; auch in der Gesellschaft selbst muß mir die Wahl der Mittel, wenn ich auch den Zweck noch will, freistehen und nur von meiner Einsicht gutgeheißen oder aus Vertrauen zu Freunden übernommen werden.
Dieser Vertrag, der eigentlich bei jeder Freundschaft stattfindet, die auf gegenseitige Achtung oder gemeinschaftlichen Willen zum Guten sich gründet, kann leicht beschwerlich und kleinlich werden, wenn er sich über Kleinigkeiten ausdehnt und in Dingen mäkelt, die eigentlich immer der Willkür überlassen werden müssen. -
1/143 Die ersten [Christen] waren ebenso auch Freunde; das Gemeinschaftliche der Lehre und der unterdrückten Lage machte sie dazu oder bestärkte die vorhergehende Bekanntschaft; Trost, Belehrung, Unterstützung jeder Art fand jeder beim anderen; ihr Zweck war nicht sowohl freie Aufsuchung der Wahrheit, denn diese war schon gegeben, als vielmehr Hebung der Zweifel und Befestigung im Glauben und dann, was innigst damit verbunden war, Fortschritt in christlicher Vollkommenheit; bei größerer Ausbreitung hätte zwar jeder Christ in dem anderen, der Ägypter in dem Briten, wo er ihn getroffen hätte, einen Freund, einen Bruder wie in seinen Hausgenossen und Nachbarn finden sollen; allein dieses Band wurde immer lockerer; und solche Freundschaft ging so wenig tief, als es oft die Freundschaft der Glieder einer Gemeine war, die, durch Eitelkeit, Kollision des Interesses getrennt, einander zwar äußerlich und in Worten nach christlicher Liebe behandelten, aber ihren kleinen Neid, Rechthaberei, Anmaßung über den anderen für Eifer für christliche Tugend hielten und verkauften oder wirkliche Feindschaft leicht irgendeiner Ungleichheit in der Lehre oder einer Unlauterkeit im Betragen zuschreiben konnten.
Der Eintritt in die Gesellschaft wurde zwar als Pflicht jedes Menschen, als die heiligste Pflicht gegen die Gottheit, der Austritt als Eintritt in die Hölle angesehen; und obzwar auch Haß und Verfolgung von seiten der Sekte dem zuteil wurde, der die Gesellschaft verließ, so war damit doch nicht, sowenig als wenn man sich ganz fern davon hielt, Verlust der bürgerlichen Rechte verbunden; sowenig als man mit dem Eintritt bürgerliche Rechte oder wenigstens die Möglichkeit, erst solcher fähig zu sein, erworben.
Eine Hauptbedingung des Eintritts in die christliche Gesellschaft, wodurch sie sich von einer philosophischen gänzlich unterschied, war der unbedingte Gehorsam des Glaubens und des Handelns, den man der Gesellschaft angeloben mußte; da es jedem freistand, Mitglied der Gesellschaft zu werden oder nicht, da diese Eigenschaft keine Beziehung auf bürgerliche Rechte hatte, so war mit jener Bedingung keine Ungerechtigkeit verbunden.
Alle diese Züge, die sich in einem Zirkel vertrauter, zum Zweck der Untersuchung der Wahrheit oder moralischen Besserung vereinigter Freunde, die sich auch in der Gesellschaft der zur Beförderung christlicher Vollkommenheit und Befestigung in der christlichen Wahrheit verbundenen christlichen Sekte finden, treffen wir nachher auch im Großen, bei der allgemeingewordenen christlichen Kirche an, aber dadurch, daß diese Kirche jetzt die allgemeine in einem Staate ist, in ihrem Wesen verunstaltet und zu Ungerechtigkeiten und Widersprüchen geworden - und die Kirche macht jetzt einen Staat aus.
1/144 Als die christliche Kirche noch im Entstehen war, hatte jede Gemeine das Recht, ihre Diakone, Presbyter und Bischöfe selbst zu wählen; bei Ausbreitung derselben, als die Kirche zu einem Staate wurde, muß jede einzelne Gemeine dies Recht verlieren, und wie im bürgerlichen Staat eine einzelne Gemeinschaft das Recht, ihre Verwalter, Einnehmer der Einkünfte (die sie jetzt auch nicht mehr selbst bestimmen kann) selbst zu wählen, dem Souverän, dessen Wille als Ausdruck des Willens aller angesehen wird, überläßt, so hat auch jede einzelne christliche Gemeine das Recht verloren, ihre Seelenhirten selbst zu wählen, und überläßt dies dem geistlichen Staate.
Es sind öffentliche Beichtväter als Gewissensräte aufgestellt; aber statt daß [wie] sonst jedem freisteht, sich einen Freund, den er achtet, zu wählen und ihn zum Vertrauten seiner Geheimnisse und seiner Fehler zu machen, so haben die Regenten des geistlichen Staats jetzt denselben als Beamten angeordnet, an den jeder sich zu halten hat.
Das sonst freiwillige Bekenntnis der Fehler ist jetzt die Pflicht eines jeden Bürgers dieses geistlichen Staats, eine Pflicht, auf deren Übertretung die Kirche die höchste ihrer Strafen, ewige Verdammnis ausgesprochen hat.
1/145 Die Aufsicht über christliche Moralität ist das Hauptobjekt dieses geistlichen Staates, und daher [sind] selbst Gedanken und alle solche Laster oder fehlerhafte Neigungen, deren Bestrafung kein Objekt des Staats sein kann, ein Gegenstand der Gesetzgebung und Bestrafung des geistlichen Staats. Außerdem daß ein Verbrechen gegen den bürgerlichen Staat als solches von diesem bestraft wird, wird es - und alle Verbrechen, die nicht Gegenstand der bürgerlichen Gesetze sein können - noch als Sünde vom geistlichen Staate bestraft, und endlos ist deswegen das Register der kanonischen Strafen. Wie man einer jeden Gesellschaft das Recht nicht absprechen kann, solche auszuschließen, die sich ihren Gesetzen nicht unterwerfen wollen, indem man ihm die Wahl läßt, darein zu treten, die Pflichten als Mitglied der Gesellschaft auf sich zu nehmen und dadurch ein Recht an ihre Vorteile zu erlangen, - so wie jeder Zunft und Gilde dies Recht zugestanden wird, so hat auch die Kirche das Recht, diejenigen Menschen, die sich die Bedingungen des Glaubens und übrigen Verhaltens, die die Kirche fordert, nicht gefallen lassen, von ihrer Gemeinschaft auszuschließen. Aber da dieser Staat zugleich den Umfang des bürgerlichen Staats hat, so wird durch das Ausschließen aus dem geistlichen Staate ein Mensch auch seiner bürgerlichen Rechte verlustig, und dies war der Fall nicht, als die Kirche noch eingeschränkt, noch nicht herrschend war, und diese zweierlei Staaten kommen jetzt in Kollision. Daß die protestantische Kirche sowohl als die katholische ein Staat ist, ungeachtet die erstere den Namen nicht haben will, erhellt daraus, daß die Kirche ein Vertrag eines mit allen und aller mit einem ist, sich, jedes Mitglied der Gesellschaft in einem bestimmten Glauben und bestimmten religiösen Meinungen zu beschützen, zur Erhaltung derselben, zur Befestigung jedes Mitgliedes in demselben Anstalten zu machen - (ich habe gesagt, in einem bestimmten Glauben; denn jeden in seinem individuellen Glauben zu beschützen, nicht zuzugeben, daß irgendeiner in seinem Glauben oder wegen desselben durch Gewalt, wie nicht anders möglich ist, beeinträchtigt werde, wäre ein Artikel des bürgerlichen Vertrags); jeder einzelne muß daher sowohl in Ansehung dieser Anstalten als in Ansehung des allgemeinen Glaubens (der das Objekt des kirchlichen Vertrags, wie Rechte der Personen und Sachen [das] des bürgerlichen Vertrags ist) seine Willkür dem allgemeinen Willen unterwerfen, der in dem Willen des Souveräns ausgedrückt ist; dieser Souverän wird nun in Ansehung der gesetzgebenden Gewalt in Konzilien, Synoden, in Ansehung der ausübenden Gewalt in den Bischöfen und Konsistorien [verkörpert], welche die in den Schlüssen der Konzilien und symbolischen Büchern enthaltene Konstitution aufrecht erhalten und Beamte anordnen und, wie natürlich, über ihre Beamten das Recht behaupten, die Bedingungen des Glaubens und des Gehorsams zu fordern und stricto jure solchen ihr Amt wieder zu nehmen, die diese Bedingungen nicht erfüllen zu können glauben.
1/147 Dieser geistliche Staat wird eine vom bürgerlichen ganz unabhängige Quelle von Rechten und Pflichten, und wenn ein einziger Umstand, nämlich der des Eintritts in diesen Vertrag so bestimmt wird, daß dadurch die Länge der Zeit, in der jeder darin verharren will, seiner Willkür überlassen bleibt und daß er seine Nachkommen dadurch nicht verpflichten will, so hat dieses Kirchenrecht bis hierher, das man das reine nennen könnte, nichts in sich, das weder den natürlichen Rechten jedes Menschen noch des Staats Eintrag tut. In diesen Vertrag tritt jeder Christ in seiner Gemeinde durch den feierlichen Taufaktus ein; weil aber der Gegenstand der Pflichten und der Rechte der Kirche Glauben und Meinung ist, ein neugeborenes Kind aber insofern nicht freiwillig darein treten, auch nicht hineingeworfen werden kann, so übernehmen teils Taufpaten die Pflicht, es in dem Glauben der Kirche aufzuerziehen, und weil es an den Wohltaten der Kirche teilnimmt, ehe es von seiner Seite den Vertrag des Glaubens erfüllt hat, und jene ihre Wohltaten nicht gern umsonst verschwendet, auch das Kind nur ein Recht daran hat, weil es künftig an seiner Seite seine Pflichten erfüllen will, so stehen die Taufpaten der Kirche dafür, sie verbürgen sich der Kirche dafür, daß sie es schon durch die Erziehung dahin bringen wollen, daß das Kind an seinem Teil einst den Vertrag erfülle, - teils hat man in einigen protestantischen Staaten den sogenannten Konfirmationsaktus eingeführt, wodurch das Kind seinen Taufbund erneuert, d. h. jetzt in seinem 14. oder 15. Jahr freiwillig, selbst in den Vertrag der Kirche tritt und also feierlich das tut, was die Taufzeugen nur versprechen konnten; wobei aber die Kirche sorgfältig die Veranstaltung gemacht hat, daß das Kind von nichts anderem gehört habe als dem Glauben der Kirche, und wobei die Kirche den Verstand und die Einsichten eines 14jährigen Kindes für mündig erklärt und sein meist unverstandenes Herplaudern der Glaubensformeln für die Erklärung der freien Wahl eines Verstandes annimmt, der nach der Wichtigkeit des Gegenstands, seines ewigen Heils, reife Entschließung gefaßt hat, dahingegen der bürgerliche Staat die Mündigkeit, die Fähigkeit, bürgerliche rechtskräftige Handlungen auszuüben, die doch gegen jene Gegenstände nur Kot betreffen, ins 20.-25. Jahr verschiebt. Die Kirche als Staat trägt Sorge, die Kinder, die einst ihre Mitglieder werden sollen, in ihrem Glauben erziehen zu lassen, indem die Eltern das Recht behaupten, ihre Kinder, in welchem Glauben sie wollen, erziehen zu lassen, dieses Rechts aber im kirchlichen Vertrag sich nicht gegen die Kinder, aber gegen die Kirche so weit begeben haben, daß sie sich anheischig gemacht haben, sie im Glauben der Kirche erziehen zu lassen, und diese erfüllt ihre Pflicht dadurch, daß sie die leere Phantasie des Kindes mit ihren Bildern, sein Gedächtnis, wo nicht seinen Verstand, mit ihren Begriffen erfüllt und sein zartes [Herz] den von ihr verordneten Gang der Empfindungen leitet; nach den Worten:
- ist Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? - Zu sagen: - ausgenommen, was die Kirch’ An Kindern tut.40)
1/148 Mit diesem reinen Kirchenrecht nicht zufrieden, hat die Kirche von jeher sich mit dem Staate verbunden, und daraus ist ein vermischtes Kirchenrecht entstanden, so wie es auch wenige Staaten mehr gibt, in welchen das bürgerliche Recht rein geblieben ist; beider Prinzipien sind unabhängige Quellen von Pflichten und Rechten; in Ansehung der gesetzgebenden Gewalt sind beide ihrer Natur nach unvereinbar, und es ist daher immer status in statu, so sehr sich die Protestanten gegen diesen Ausdruck einerseits wehren und auf der anderen Seite nichts so ehrenvoll und mutig verteidigt haben als die Sache selbst; in Ansehung der ausübenden Gewalt behauptet die katholische Kirche auch ihre völlige Unabhängigkeit vom bürgerlichen Staate, entzieht auch ihre Beamten, die Kirchendiener seiner Gerichtsbarkeit völlig, da hiergegen die protestantische Kirche sich insofern mehr dem Staate untergeordnet hat; in den Fällen hingegen, wo die Kirchen- und Staatsrechte in Kollision kommen, haben die meisten Staaten der protestantischen sowohl als der katholischen Kirche weichen und ihr ihre Rechte aufopfern müssen.
Streit der Kirche mit dem Staate
a) Die bürgerlichen Gesetze betreffen die Sicherheit der Personen und des Eigentums eines jeden Bürgers, wobei seine religiösen Meinungen schlechterdings nicht in Betracht kommen; welchem Glauben er also zugetan ist, so ist es Pflicht des Staates, seine Rechte als Bürger zu schützen, und gegen den Staat kann er derselben nur verlustig werden, wenn er die Rechte anderer verletzt; alsdann macht der Staat diejenigen Maximen gegen ihn geltend und behandelt ihn danach, die der Bürger äußert; in Ansehung des Glaubens kann er sich gegen den Staat zu nichts verbinden, denn der Staat ist nicht fähig, solche Bedingungen zu machen oder anzunehmen.
1/149 Auf der anderen Seite aber sind alle Mitglieder dieses Staates in einer Kirche vereinigt; und als eine Gesellschaft hat sie das Recht, jeden, der sich ihre Gesetze nicht gefallen lassen will, von sich auszuschließen. Der Bürger nun, der den Glauben der Kirche nicht hat oder verläßt, fordert vom Staate als ein Recht [seine] Fähigkeit, die bürgerlichen Rechte auszuüben; die Kirche aber schließt ihn aus ihrer Gemeinschaft und, weil sie den ganzen Staat umfaßt, zugleich vom Staate aus. Welcher Teil behauptet nun sein Recht, - der bürgerliche Staat, der den guten Bürger (und in Ansehung seiner Gesetze wollen und können wir ihn für gut annehmen, er mag einen Glauben haben, welchen er will) bei seinen Rechten zu sichern die Pflicht auf sich genommen [hat] und sich auf den Glauben gar nicht einlassen kann, oder der kirchliche Staat, der das Recht hat, einen Andersgläubigen von seiner Gemeinschaft auszuschließen, und ihn somit auch aus dem Staate ausschließt? In den beinahe allermeisten katholischen als protestantischen Ländern hat der kirchliche gegen den bürgerlichen Staat seine Rechte behauptet; und kein Andersgläubiger ist darin fähig, bürgerliche Rechte zu erlangen, noch des Schutzes der Gesetze sowohl in Kriminal- als Zivilfällen zu genießen, den ein Bürger genießt; er kann keine Art von liegendem Eigentum erwerben, kein Amt des Staats verwalten, wird auch in Ansehung der Auflagen anders behandelt; sogar da die Taufe nicht bloß ein kirchlicher Aktus ist, durch den man in die Kirche eintritt, sondern auch ein bürgerlicher Aktus ist, dadurch dem Staate die Existenz des Kindes kundgetan wird und an ihn wenigstens soviel Rechte angesprochen werden, als die Kirche erlauben wird, so nötigt diese den Vater des Kinds, dessen Glaube von dem Glauben der Kirche des Landes abweicht, es nach ihren Gebräuchen und von einem ihrer Beamten taufen zu lassen, welches die Kirche nicht in dem Sinne tut, als ob sie das Kind dadurch in ihren Schoß aufnähme, denn sie überläßt es nachher ganz dem Vater, es in seiner Religion auferziehen zu lassen, sondern sie beweist nur dadurch, daß sie dem bürgerlichen Staat das Recht abgenommen hat, Bürger aufzunehmen; indem ihre Taufe bei dem Kinde eines Anhängers der herrschenden Kirche Aufnahme sowohl in ihren Schoß als in den Staat ist. - Der ähnliche Fall findet auch bei der Ehe statt, die in vielen Ländern auch, um gültig zu sein, nur von einem Beamten der herrschenden Kirche vollzogen wird; wobei diese sich nicht aufdrängt, eine Zeremonie des fremden Glaubens, dem die sich Vermählenden anhängen, zu verrichten, sondern eine bürgerliche Handlung verrichtet. So hat also der bürgerliche an den kirchlichen Staat, sowohl wenn beide in Kollision kommen, als wenn eine zweiseitige Handlung [vorliegt], wo es der Sanktion von beiden bedarf, seine Rechte und sein Amt abgetreten.
1/150 Auf eine ähnliche Art, wie sich die Kirche gegen den Staat verhält, so verhalten sich auch die Zünfte und ihre Rechte gegen ihn. Auch diese bilden eine Gesellschaft im Staat, an welche ihre Mitglieder gewisse Rechte abtreten und durch den Eintritt in dieselbe gewisse Pflichten übernehmen. Eine solche Zunft in einer Stadt umfaßt also alle, die vom gleichen Handwerk sind, und hat nach dem Rechte einer Gesellschaft das Recht, aufzunehmen, wen sie will, und auszuschließen, wer sich nicht in ihre Ordnungen fügt. Nun hat auf der anderen Seite der Staat die Pflicht, jeden, der ohne die bürgerlichen Gesetze zu beleidigen (und diese können für sich nichts über Zünfte bestimmen), auf welche Art es sei, sich ernähren will, zu schützen; wenn es ihm aber die Zunft nicht gestattet, [ihn] also von sich ausschließt, so schließt sie ihn zugleich aus der ganzen Gemeine aus und raubt ihm ein Recht, das ihm der Staat gestattet, hindert ihn, ein bürgerliches Recht auszuüben; und auch hierin hat der Staat dem Rechte seiner Bürger entsagt.
Ebenso hat der Staat das Recht, wen er zur wissenschaftlichen Bildung seiner Jugend gebrauchen will, zu einem solchen Beamten anzunehmen, wen er dazu brauchbar findet; aber die Mitglieder jedes Zweigs der Gelehrsamkeit haben sich in eine Zunft vereinigt, und eine solche behauptet das Recht, aufzunehmen oder auszuschließen, wie ihre Gesetze angenommen werden oder nicht; und weil ein solcher, der nicht zünftig wäre, von dieser Gesellschaft, also zugleich insofern vom Staate ausgeschlossen würde, so hat der Staat sein Recht aufgegeben und ist genötigt, zu seinen gelehrten Beamten solche zu nehmen, die in der Zunft dieses Zweigs der Wissenschaften Meister (magistri oder doctores) geworden sind, oder nötigt wenigstens einen solchen Beamten, nachher sich in ihre Zunft aufnehmen zu lassen, und wenn er dazu keine Lust hätte, da doch die Zunft ihr Recht behaupten will, so macht sie ihm ein Geschenk mit dieser Meisterschaft, welche Ehre er dann nicht wohl ausschlagen kann, oder bloß aus Bizarrerie es tun würde.
1/151 Wenn daher in neueren Zeiten die den Akatholiken von einigen katholischen Regierungen erwiesene Einräumung bürgerlicher Rechte, der Anstellung eigener Geistlichen und der Erbauung eigener Kirchen, von der einen Seite als eine großmütige Toleranz gepriesen, von anderer Seite aber behauptet worden ist, das gebrauchte Wort der Toleranz, Duldung sei hier gar nicht an seinem Platze, was geschehen sei, sei bloße Gerechtigkeit, so lassen sich diese Widersprüche so vereinigen, daß von seiten des Staats die Einräumung dieser Rechte unstreitig weiter nichts als die Aufhebung einer großen Ungerechtigkeit und also eine Pflicht war; hingegen von seiten der Kirche, die das Recht hat, Andersgläubige zwar nicht, wie sie ehemals und hier und da noch behauptet, von Luft, Boden und Wasser, aber doch vom Staate auszuschließen, ist es immer Duldung, und wenn der Staat es als Pflicht fordert, die Rechte Andersgläubiger zu respektieren, so sprechen die Beamten der duldenden (auch protestantischen) Kirche immer von Schonung, von Mitleiden, von Liebe, die man gegen Irrende zu beweisen habe, von Neigungen, die nicht als Pflichten geboten werden können, sondern die man freiwillig gegen sie zeigen soll.
b) Zur Feierung ihres Gottesdienstes, zu ihrem Unterricht in religiösen Gegenständen brauchen alle Gemeinden besondere Gebäude, besondere Lehrer und sonst noch einige Personen; zur Erbauung der ersteren und der Unterhaltung beider hat das gesamte Volk, und zur Verschönerung mancher gottesdienstlichen Geräte [haben] einzelne freiwillige Abgaben und Beiträge entrichtet; die errichteten Gebäude, die bestimmten Besoldungen und Einkünfte der Lehrer und anderen Kirchendiener sind also ein Eigentum der Gemeinden, des Volkes überhaupt, [nicht] des Staats; aber sie sind fast immer insofern als ein Eigentum des Staats betrachtet worden, insofern dieser sich oder insofern sich überhaupt viele Gemeinden in einen kirchlichen Staat vereinigt haben; diese Unterscheidung, ob die Kirchen und Einkünfte der Kirchendiener ein Eigentum des Staats, als bürgerlichen oder als kirchlichen Staats seien, ist von keinem Belang und zeigt sich auch nicht, solange in einem Staate nur eine Kirche sich findet; aber der Unterschied fällt sogleich in die Augen und veranlaßt Zwist, sobald verschiedene Kirchen sich ansiedeln.
1/153 Die erst Boden gewinnende Kirche fordert aus Gründen, die aus den bürgerlichen Rechten genommen sind, Anteil an diesem Eigentum des Staats; und der Staat ist verpflichtet, den Gemeinden, welchem Glauben sie anhangen, Kirchen zu ihrem Gottesdienste einzuräumen und Lehrer nach ihrem Sinne anzuordnen, dahingegen die bisher herrschende Kirche ihr Recht an ihr ihr übertragenes und nie bestrittenes Eigentum behauptet, hat der Staat Kraft genug, sein Recht zu behaupten und sind seine Verwalter einsichtsvoll, unparteiisch und gerecht genug, dieses sein Recht zu kennen und es behaupten zu wollen, so wird er jeder Kirche nach ihren Bedürfnissen die Mittel, nach ihrem Sinne ihren Gottesdienst zu halten, gewähren. Ungeachtet nun ein Staat, als bürgerlicher Staat, und die Gesetzgeber und Verwalter desselben als solche keinen Glauben haben sollten, so geschieht es doch gewöhnlich, daß ihnen als Mitgliedern der herrschenden Kirche es von dieser als Pflicht aufgelegt wird, die Rechte der herrschenden Kirche zu schützen; und der Streit zwischen beiden Kirchen wird gewöhnlich nicht nach Staatsrechten entschieden, sondern gewöhnlich durch Gewalt von einer und Not von der andern Seite. Wenn nämlich die sich einnistelnde Kirche sich so sehr ausbreitet, daß bei der Behauptung der Rechte der streitigen Kirche, die nur durch Austilgung der Anhänger der neuen Lehre oder wenigstens nur durch große Gewalttätigkeiten und großen Aufwand aufrecht erhalten werden könnten, ein allzu großer Schaden für den Staat und eine zu tiefe Beleidigung seiner Gesetze und Rechte entstünde, so wird er dadurch an seine Gefahr erinnert und räumt der neuen Kirche einige Rechte ein, gebraucht aber dabei die Sprache der Kirche und nennt dies Duldung; - oder wird der Streit auf eine andere Art geschlichtet, daß nämlich die bisher unterdrückte Kirche herrschend und alsdann die bisher herrschende nur die geduldete wird, dann tritt gemeiniglich auch der Staat wieder in den gleichen Bund mit der jetzt herrschenden Kirche und behauptet dieser ihre Rechte wieder so unbeschränkt als der vorherigen. Es erhellt hieraus, wie aus dem oben Gesagten, daß die Bemerkung, die viele scharfsinnige Geschichtsschreiber gemacht haben, daß zur Verwunderung jede Kirche uneingedenk ihrer ausgestandenen Leiden, welche Erinnerung sie duldend gemacht haben sollte, sobald sie herrschend wurde, damit auch intolerant geworden ist, - daß diese Bemerkung nicht bloß ein aus der Geschichte und Erfahrung abstrahierter, zufälliger Satz ist, sondern daß er mit zwingender Notwendigkeit aus den Rechten jeder Kirche von selbst folgt - welches in dem Rechte jeder Gesellschaft besteht, aus ihrer Gesellschaft diejenigen auszuschließen, die sich den Gesetzen und Anordnungen der Gesellschaft nicht fügen; wenn sie also herrschend in einem Staate wird, so behauptet diese kirchliche Gesellschaft ihr Recht und schließt den Andersgläubigen aus ihrer Gemeinschaft und damit zugleich aus dem Staate aus und wird sowohl in Rücksicht auf Glauben als auf Eigentum der nicht herrschenden Kirche intolerant.
1/154 Dieser Gang der Dinge in Ansehung des Eigentums einer Kirche zeigte sich bei der ersten Verbreitung der christlichen Kirche und bei der Ausbreitung jeder neuen Sekte in dieser Kirche selbst. Die Christen versammelten sich anfangs in Privathäusern, erbauten eigene gottesdienstliche Gebäude auf ihre Kosten, als sie aber herrschend wurden, so machte die Kirche ihre Rechte geltend, zerstörte die heidnischen Tempel und nahm sie für sich in Besitz, wenn schon in einer Stadt oder in einer Gemeinde noch der größte Teil Heiden waren; eine ganz christliche Gemeinde hatte nach dem Staatsrechte das Recht dazu; Julian behauptete das Kirchenrecht und Staatsrecht der Heiden und nahm den Christen wieder die Tempel, die sie den Heiden abgenommen hatten. Die Protestanten gebrauchten die bisher katholischen Kirchen zu ihrem Gottesdienste und verwandten die Einkünfte der Geistlichen und Klöster nach ihrem Sinne; und [sie] hatten nach dem bürgerlichen Recht das Recht dazu und machten auch ihr Kirchenrecht geltend, - aber verletzten dadurch das katholische Kirchenrecht, das diese Kirche immer noch behauptet, die die protestantischen Kirchen, Bistümer, Klöster und geistlichen Einkünfte für etwas ansieht, das de jure ihr Eigentum ist, und konsequent ihre Bischöfe, Äbte - in partibus hat. Zwei Kirchenrechte können gegeneinander, da sie in geradem und unvereinbarem Widerspruche stehen, nicht rechtlich geschlichtet werden, nicht anders als durch Gewalt oder durchs Staatsrecht geschlichtet werden, das alsdann als ein höheres Recht eingeräumt werden muß, welches die katholische Kirche in keinem Falle, die protestantische nur in einigen Rücksichten einräumt. Was die eine Kirche einräumt, so vergibt sie etwas von ihrem Rechte, und es ist von ihrer Seite Gnade.
Wer die Kirche seines Landes verläßt, verbannt sich aus seinem Vaterlande mit dem Verluste seiner bürgerlichen Freiheiten; und diese Art zu verfahren könnte hart und ungerecht scheinen, jemanden wegen seines Glaubens zu verfolgen und ihm den Genuß seiner bürgerlichen Rechte zu entziehen, ihn von allem, was ihm Natur und Gewohnheit teuer macht, zu verbannen. Daß ihm aber kein Unrecht dadurch geschehe, beweist die Kirche mit der Sprache der Großmut, nicht nur der Gerechtigkeit, daß sie ihm in der Änderung seines Glaubens nicht im Wege gestanden sei; daß sie seine Freiheit, aus ihr austreten zu wollen, ehre; da aber eine Bedingung der Fähigkeit, bürgerliche Rechte in diesem Lande zu genießen, Verbindung mit der Kirche sei, und diese Bedingung jetzt durch die Änderung seines Glaubens aufgehoben werde, welches er selbst gewußt habe, so geschehe ihm schlechterdings keine Ungerechtigkeit dabei; er habe bei dieser Alternative freie Wahl. Wenn er mit dieser Ausschließung nur aus der Kirche ausgeschlossen würde, so würde sie damit nur einen ausschließen, der sie schon verlassen hat; aber sie schließt ihn damit zugleich auch aus dem Staate aus; und der Staat gibt es zu, daß seine Rechte verletzt werden, der Staat und die Kirche sind insofern in eins geschmolzen.
1/155 c) Jeder Mensch bringt außer dem Rechte der tierischen Erhaltung auch das Recht, seine Fähigkeiten auszubilden, ein Mensch zu werden, auf die Welt; durch dieses Recht übernehmen die Eltern und der Staat und teilen die Pflicht, zweckmäßig zu erziehen; und der letztere hätte außer dieser Pflicht auch noch das größte Interesse, die jungen Herzen seiner heranwachsenden Staatsbürger so zu bilden, daß einst Ehre und Vorteil für ihn aus ihrem männlichen Alter erwachse. Dieser seiner Pflicht und seinem Interesse hat ein Staat nun nicht besser und natürlicher Genüge leisten zu können geglaubt, als wenn er diese Sorge entweder ganz oder größtenteils der Kirche anvertraute, und auf diese Art wird nicht nur für das Interesse des Staats, sondern auch für das Interesse der Kirche, auch die jungen Bürger zu Bürgern der Kirche zu erziehen, hinlänglich gesorgt; ob aber dadurch die jungen Bürger in ihrem Rechte der freien Ausbildung der Kräfte nicht gefährdet werden, hängt allein davon ab, wie die Kirche dabei ihr Amt verrichtet. - Wie der Staat, der die Rechte der Kinder, wenigstens als Personen, schon zu den seinigen gemacht und sie als solche geschützt hat, das Recht über sie hat, sie in seinen Maximen und nach seinem Zwecke zu bilden, so behauptet die Kirche eben dies Recht, weil sie die Kinder schon ihre Wohltaten genießen läßt, und macht sie also geschickt und durch den Unterricht geneigt, mit der Zeit auch gegen die Kirche ihre Pflichten zu leisten. Wenn nun im reifen Alter des Verstands ein Bürger die Gesetze oder sonstige Beschaffenheit seines Vaterlandes sich nicht angemessen findet, so hat er in den meisten europäischen Staaten die freie Wahl, denselben zu verlassen; und seine Abhängigkeit von den Gesetzen seines Landes gründet sich auf diese freie Entschließung der Willkür, unter denselben zu leben; an dieser Entschließung mag nun Gewohnheit oder Furcht einen noch so großen Anteil genommen haben, so können diese doch die Möglichkeit der freien Wahl nie aufheben.
1/157 Wenn aber die Kirche durch ihre Erziehung es so weit gebracht hätte, daß sie Verstand und Vernunft von seiten des religiösen Nachdenkens entweder ganz unterdrückt oder die Einbildungskraft wenigstens so mit Schrecken gefüllt hätte, daß Vernunft und Verstand es nicht wagen kann und darf, seiner Freiheit sich bewußt zu werden und sie auch über religiöse Gegenstände zu gebrauchen, so hätte die Kirche die Möglichkeit der freien Wahl und Entschließung, ihr Mitglied zu sein, worauf sie doch allein ihre Ansprüche auf jemand gründen kann und will, ganz hinweggenommen, das natürliche Recht der Kinder einer freien Ausbildung der Fähigkeiten verletzt und sich Sklaven anstatt freier Bürger erzogen. Außer dem nun, wieviel Gewalt frühe Eindrücke auf Einbildungskraft und Herzen der Kinder, die Macht des Beispiels der geliebtesten und durch die ersten Bande der Natur mit uns verbundenen Personen hat, welches bei jeder Erziehung stattfindet, ohne daß dadurch die Freiheit der Vernunft gefesselt werden müsse, - außerdem nun erzieht die Kirche zum Glauben, d. h. nicht Vernunft und Verstand werden so entwickelt, daß sie selbst zur Bildung eigentümlicher Prinzipien oder zum Urteilen nach ihren Gesetzes über das, was ihnen vorgetragen wird, geleitet würden, sondern die Vorstellungen und Worte, die der Einbildungskraft und dem Gedächtnis eingeprägt werden, werden so mit Schrecken gewappnet und in einem so heiligen, unverletzlichen blendenden Lichte mit dem Befehle aufgeführt, daß teils vor ihrem Glanze die Gesetze des Verstandes und der Vernunft verstummen müssen, nicht gebraucht werden dürfen, teils daß sie dem Verstande und der Vernunft Gesetze, die also heterogen sind, vorschreiben. Durch diese fremde Gesetzgebung ist also der Vernunft und dem Verstande die Freiheit, d. h. die Fähigkeit, Gesetzen, die ihnen eigentümlich, die in ihrer Natur gegründet sind, zu folgen, genommen, Freiheit der Wahl, in die Kirche zu treten, findet nicht mehr statt, der Staat ist, so gut er es meinte, an den Rechten der Kinder einer freien Ausbildung der Fähigkeiten der Seele zum Verräter geworden. Das Auskunftsmittel, Kinder ohne den positiven Glauben einer Kirche zu erziehen, um ihnen die Freiheit der Wahl für ihr reiferes Alter zu bewahren, würde, ohne an die unzähligen Schwierigkeiten der Möglichkeit der Ausführung [zu denken], auch aus verpflichtenden Gründen deswegen nicht angenommen werden dürfen, weil die Kirche teils, in einer solchen Unwissenheit im Glauben die Kinder zu lassen, für ein Verbrechen aus Pflicht erklärt, teils es ihr höchst mühselig sein würde, das, was in der Jugend versäumt worden ist, einzubringen, und es fast nicht mehr möglich ist, den Glauben so bis ins Mark der Seele einzudrücken, so alle Zweige menschlicher Begriffe und Fähigkeiten, alle Zweige menschlichen Strebens und Wollens damit zu umwickeln. Daher der Patriarch (im Nathan [IV, 2]), als er hört, der Jude habe das Mädchen nicht sowohl in seinem, als vielmehr in keinem Glauben auferzogen und sie von Gott nicht mehr, nicht weniger gelehrt, als der Vernunft genügt, darüber am meisten ungehalten wird und ihn dieserwegen für wert erklärt, “dreimal verbrannt zu werden! - Was? ein Kind ohn’ allen Glauben erwachsen lassen? - Wie? die große Pflicht, zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren? Das ist zu arg!”
Denn [es] ist noch eine viel größere Hoffnung, einem Menschen, dessen Verstand von Jugend auf an die Pflicht zu glauben gewohnt ist, zu dem Glauben einer anderen Kirche zu bringen, als einen Menschen, dessen Einbildungskraft von ihren Bildern und dessen Verstand von ihren Fesseln frei ist, überhaupt zum Glauben und zum Gehorsam unter die Meinungen, den eine Kirche fordert, zu bringen.
Zwei Bemerkungen können noch hinzugefügt werden, daß, obschon, wer Bürger eines christlichen Staates werden will, den Glauben des Landes annehmen muß, doch nicht umgekehrt ein Proselyt deswegen Bürger des Staates ist, aus dem natürlichen Grunde, weil die Kirche einen größeren Umfang [hat] als der Staat und dieser doch überall noch unabhängige Rechte behauptet. (In welchem Falle waren die proselyti portae der Hebräer?)
1/158 Ferner: Der Gegenstand des Vertrags, der einer Kirche zum Grunde liegt, ist Glauben und Meinung. In der protestantischen Kirche ist besonders in neueren Zeiten die Freiheit hierin so viel größer als in der katholischen, daß es keine Vergleichung leidet; aber in beiden werden die aus diesem Vertrag fließenden Rechte streng behauptet. In der katholischen Kirche wird die Meinung mit eben der Genauigkeit bewacht; in der protestantischen Kirche hingegen ist es bekannt, daß der Glaube der gelehrtesten und rechtschaffensten Theologen gar nicht derselbe ist, den sie in den symbolischen Büchern unterschreiben oder beschwören; von anderen Beamten des bürgerlichen Staats ist es ohnehin fast immer der Fall, daß sie die Lehren der symbolischen Bücher, die sie gleichfalls unterschreiben müssen, sehr wenig kennen; wer z. B. nicht die gleiche Meinung von der Taufe hätte, die von der Kirche aufgestellt ist, oder ganz anders von den Hauptpunkten der protestantischen Dogmatik denkt als die Kirche, den fragt man danach weiter nicht, wenn er auch dies schon in Schriften oder sonst öffentlich an den Tag gelegt hat; wenn er [aber] so konsequent sein und sein Kind nicht taufen lassen oder bei Übernehmung eines Amts die symbolischen Bücher nicht unterschreiben wollte, so würde die Kirche, die auf seine Meinung keinen Protest gelegt hat, doch die Konsequenzen, die natürlich daraus fließen, in Beschlag nehmen und ihre Rechte geltend machen.
Vertrag der Kirche. Repräsentation, Aktiv-Bürger über die Lehre
1/159 Was nun den Vertrag selbst betrifft, auf dem die Rechte der Kirche selbst beruhen, so könnten zwar die ersten Rechte der Fürsten auf den Rechten des Eroberers beruhen, der den Besiegten das Leben unter der Bedingung des Gehorsams ließ, und auf diesem ursprünglichen Vertrag des Überwinders mit den Überwundenen könnten die Rechte der Nachkommen jener Fürsten gegründet sein, die also sie jetzt nicht mehr durch das Recht als Eroberer, sondern durch Erbschaftsrecht besäßen, so wie auf jenem Vertrag auch die Unterwerfung des Willens des Einzelnen unter den Willen des Souveräns beruhte - eine Theorie, deren Behauptung oder Widerlegung uns hier gleichgültig ist -, so bleibt doch soviel, daß es in der Natur der bürgerlichen Gesellschaft liegt, sie und die Rechte ihrer Beherrscher und Gesetzgeber mögen entstanden sein, wie sie wollen, daß darin die Rechte des Einzelnen Rechte des Staats geworden sind, daß der Staat [sich] verpflichtet, meine Rechte als die seinigen zu behaupten und zu beschützen. Bei den Rechten der Kirche als eines Staates kann es dagegen keinem Zweifel unterworfen sein, daß, wenigstens bei Bildung derselben, auf der freiwilligen Einwilligung aller Einzelnen ihr Vertrag und ihre Rechte allein sich gründeten. In diesem Staate wird der allgemeine Wille, d. h. die Mehrheit der Stimmen als Gesetze des Glaubens ausgedrückt; und die Gesellschaft verbindet sich zu Schützung dieses Glaubens, einer für alle und alle für einen; teils zur Organisation und Ordnung der allgemeinen Versammlung, in der die Gesetze gemacht werden, teils zur Schützung dieser Glaubensgesetze, zu welcher vorzüglich der Unterricht jeder Art und der öffentliche Gottesdienst gehört, hat der kirchliche Staat Beamte nötig und sie aufgestellt.
1/160 In Ansehung des einen Punktes, Zusammenstimmung aller zu einem Glauben, ist es nun ein sehr großer Unterschied, ob der Vertrag der Kirche so angesehen wird, daß ihre Vereinigung aus der Übereinstimmung des Glaubens aller von selbst hervorgegangen sei, und ob im allgemeinen Glauben nur der Glaube aller ausgedrückt sei, oder ob dieser auch zum Teil durch die Mehrheit der Stimmen festgesetzt und ob dies als möglich angenommen worden ist. Der letztere Grundsatz ist feierlich von der katholischen Kirche angenommen worden, indem den Kirchenversammlungen die höchste Gewalt aufgetragen ist, in der letzten Instanz zu entscheiden, was der Glaube der Kirche sei, und zwar ist es die Mehrheit der Stimmen, der sich zu unterwerfen eine jeweilige Minorität die unnachläßliche Pflicht hat. In einer solchen Versammlung sind die Mitglieder teils als Repräsentanten ihrer Herde, teils vorzüglich als Beamte der Kirche vorhanden. Ihre Vollmacht soll zwar aus der Eigenschaft als Repräsentanten fließen, aber das Volk hat das Recht, das es mehrere Jahrhunderte hatte, seine Repräsentanten und Beamten selbst zu wählen, längst verloren. Die Beamten der Kirche, die wieder von Beamten oder zum Teil von einem von dem Volke gleichfalls unabhängigen Korps ernannt werden, machen also die Versammlung der Kirche aus, und alle zusammen bilden eine in sich vollendete Organisation, die den Glauben des Volks, der Laien handhabt, bestimmt und regiert, ohne daß diesen der geringste Einfluß mehr dabei gestattet sei. - Da der Gegenstand der Kirche nicht Person und Eigentum, die fähig sind, daß Gewalt, um sie zu beschützen, gebraucht werden kann, sondern Meinung und Glauben ist, so ist es ganz und gar gegen die Natur der Meinung, daß, was die seinige sei, der Einzelne der Mehrheit der Stimmen unterwerfe, und was im bürgerlichen Vertrag möglich ist, seinen Willen dem allgemeinen Willen zu unterwerfen und diesen als Gesetz für sich anzusehen, kann schlechterdings keinen solchen kirchlichen Vertrag, d. i. einen Vertrag über Glauben hervorbringen, - ein solcher ist in sich selbst unmöglich und, wenn er doch gemacht worden ist, ganz null und nichtig.
1/162 Besteht die Versammlung aus Repräsentanten, die es nicht bloß dem Namen, sondern auch der Tat nach sind, d. h. die wirklich von den Gemeinen als solche gewählt worden sind, so kann ihnen keine andere Vollmacht mitgegeben werden als eine Erklärung, was der Glaube der Gemeinde sei und welche Artikel sie als die Hauptpunkte, als die Bedingungen ansehe, unter deren Gleichheit allein sie sich mit anderen Gemeinen als einer Kirche zugetan ansehen wolle; ihnen die Vollmacht mitzugeben, nach ihrer Einsicht den Glauben der Gemeine zu bestimmen und diesen der Mehrheit der Stimmen zu unterwerfen, würde eine repräsentative Republik bilden, die dem Rechte der Menschen, ihre Meinungen nicht einer fremden Autorität zu unterwerfen, ganz und gar widerspräche und sie in den gleichen Fall setzte, in dem sie bei dem soeben betrachteten Vertrag wären, - welche Konstitution man eine reine Demokratie nennen könnte. - Eine solche repräsentative Republik war nun die Kirche in den ersten Jahrhunderten ihrer Ausbreitung, und man erblickt dabei einen sonderbaren Konflikt des Grundsatzes der Freiheit der Meinungen jeder einzelnen Gemeinde und ihres Repräsentanten mit dem Grundsatz, daß es Pflicht sei, sich der Mehrheit der Stimmen zu unterwerfen. Gab es nämlich Spaltungen, an denen es bekanntlich in keiner Periode fehlte, so appellierten beide Parteien an ein freies allgemeines Konzilium und verlangten dies mit Annehmung des Grundsatzes, daß es Pflicht sei, sich der Mehrheit zu unterwerfen, wobei jeder Teil die Hoffnung hatte, durch seine triftigen Gründe und Beredsamkeit und mehr noch durch seine Intrigen, auch Beistand der Macht, [die anderen] für sich zu gewinnen; der siegende Teil nun verlangte jetzt die Anwendung dieses Grundsatzes und Unterwerfung der Minorität, diese hingegen nahm jetzt gewöhnlich ihre Zuflucht zu dem anderen Grundsatz und schrie über Gewalt, die man der Freiheit ihrer Überzeugung antun wolle. Sehr häufig gab es dabei auch spezielle Verbindungen zur Durchsetzung ihres Zwecks, deren Mitglieder jetzt eine moralische Person ausmachten, und die Schlüsse der Versammlung können dann nicht mehr als Schlüsse einer freien Mehrheit, sondern als der Sieg einer Faktion angesehen werden, die sich Betrug und alle Art von Gewalttätigkeiten erlaubte, ihre Sache durchzusetzen, und die überwundene Partei als Rebellen entsetzlich mißhandelte; eine Versammlung heiliger Väter dieser Art wurde von ihren Gegnern eine Räuberbande genannt, und Mosheim, [Institutiones] Hist[oriae] eccles[iasticae] saec. 5, pars 2, c. 5, § 14, hat an diesem harten Ausdruck nur das auszusetzen, daß er nicht auch von manchen anderen Kirchenversammlungen gebraucht worden sei, die diesen Titel ebensogut verdienten. Seitdem aber die Laien auch das Recht verloren haben, in Ansehung ihres Glaubens auch nur repräsentiert zu werden, seitdem die Bischöfe und Vorsteher der christlichen Kirche bloße Beamte sind, seitdem sind also die Gesetze des Glaubens ganz von ihren Regenten gemacht worden, und es kann obzwar nicht den Bischöfen, aber dem Volke ziemlich gleichgültig sein, ob sein Glaubensregent und Richter eine Person - der Papst - oder eine Menge von ihm unabhängiger Personen sind, ob seine geistliche Verfassung eine Monarchie oder eine Aristokratie sei: seine Rechte sind in beiden Fällen gleich groß, gleich Null. Über die Rechtmäßigkeit einer solchen Regierung, einer solchen Verfassung in Glaubenssachen ein Wort zu verlieren, wäre völlig unnütz.
Es ist der erste Grundsatz der protestantischen Kirche, daß ihr Vertrag auf einer allgemeinen Übereinstimmung aller Mitglieder derselben beruhe, daß von keinem Menschen der Eintritt in einen kirchlichen Vertrag gefordert werden könne, dessen Bedingung wäre, daß er seinen Glauben der Mehrheit der Stimmen unterwürfe. Luther hat im Anfang seines großen Werkes zwar an eine freie allgemeine Kirchenversammlung appelliert, aber dann erst war der große Grundsatz der protestantischen Freiheit, das Palladium ihrer Kirche gefunden, als man den Beitritt, die Erscheinung auf einem Konzilium verwarf, nicht deswegen, weil man zum voraus versichert sein konnte, seine Sache dort zu verlieren, sondern weil es der Natur der religiösen Meinungen widerspreche, daß über sie durch Stimmenmehrheit entschieden werden könne; daß jeder das Recht habe, für sich darüber eins zu werden, was sein Glaube sei. - Der Glaube eines jeden Protestanten muß also sein Glaube sein, weil es sein Glaube ist, nicht weil es der Glaube der Kirche ist; er ist ein Mitglied der protestantischen Kirche, weil er freiwillig derselben beigetreten ist und freiwillig darin verharrt; alle Rechte der Kirche über ihn beruhen allein darauf, daß sein Glaube auch ihr Glaube ist.
1/164 Ist die protestantische Kirche, als sie ihr Gesetzbuch, ihre Konstitution in Ansehung des Glaubens entwarf, in allen ihren Handlungen diesem Grundsatz ihres reinen Kirchenrechts mit unwandelbarer Festigkeit getreu geblieben, so kann sie keinem Vorwurfe einer Unrechtmäßigkeit ausgesetzt sein. Die Lehrer aber, die sie gründeten, und die Beamten, die sie sich gab und von denen nachher noch die Rede sein wird, wurden zuweilen versucht, sich nicht bloß als solche Repräsentanten ihrer Gemeinden anzusehen und als solche zu handeln, denen ihre Gemeinde nur die Erklärung ihres Willens aufgetragen habe, sondern ihre Vollmacht als ausgedehnter zu betrachten, daß es von den Gemeinden ihrer Einsicht überlassen sei, untereinander auszumachen, was der Glaube der Kirche sei, - welches sowohl daraus erhellt, daß sehr viele Bestimmungen in den symbolischen Büchern der protestantischen Kirche so beschaffen sind, daß es wegen der dabei vorkommenden Subtilitäten unmöglich ist, daß sie als Meinung durch Beistimmung des ganzen Volks anerkannt angesehen werden können, und nur das Werk spitzfindiger Theologen sind, als auch [daraus: es] ist aus der Geschichte, wie einige dieser Schriften entstanden und als Norm des Glaubens angenommen worden sind, bekannt, daß die Sache meist allein unter den Theologen verhandelt worden ist; wobei nur solche Laien teilnahmen, die als Gewalthabende nötig waren, diesen Büchern die hinlängliche Autorität zu verschaffen und zu sichern. - Zwei Umstände können dabei als Rechtfertigung für die Theologen angeführt werden, [erstens] daß sie den symbolischen Büchern eine gelehrtere Form, manchen ihrer Lehren eine feinere Bestimmung zur Befriedigung ihrer Mitglieder selbst gegen die mit solchen Waffen streitende katholische Kirche geben mußten und daß ihnen der ungelehrtere Teil ihrer Kirche eine solche Behandlung seiner Glaubenslehren übergeben konnte, ohne an seinen unwandelbaren Rechten sich dadurch etwas zu entziehen. Es kann dagegen aber immer noch gesagt werden, daß die Theologen ihre gelehrteren Beweise, ihre spitzfindigeren Unterscheidungen ganz unbeschadet der Sache ihrer Kirche für ihre Schriften hätten aufbehalten können, da es doch hauptsächlich nur um die Legitimation ihres Glaubens zu tun war, indem das Volk darüber, daß es etwas glaubt, nicht durch Gründe legitimiert werden kann, die es nicht kennt; die symbolischen Bücher hätten in einer einfacheren Gestalt, die dann freilich nicht so polemisch gegen alles die Spitze geboten hätte, mehr das Ansehen einer Glaubensnorm gehabt, die nach dem feierlichen Grundsatz der protestantischen Kirche von der Einsicht des Volkes selbst als sein Glaube anerkannt worden sei - um so mehr, da die Waffen, die zu einer Zeit sehr gute Dienste tun, in der Folge unbrauchbar werden. So ist die gelehrte Form der symbolischen Bücher, aus der das Volk nie, sondern nur die Gelehrten bewiesen, jetzt auch insofern untauglich geworden, da in ihr die Theologen unserer Tage ihre Legitimation auch nicht mehr vorzeigen. Das Volk brauchte diese Waffen nie, und auch die Gelehrten verschmähen sie jetzt.
1/165 Der andere Umstand, der zur Rechtfertigung der Theologen, was Glaube des Volkes sei allein, ohne dieses, zu bestimmen, angeführt werden kann, ist der, daß sie sagen können, sie haben bei den späteren Büchern, worin der Glaube der protestantischen Kirche enthalten ist, nur als Ausleger der vorher von dem Volke selbst angenommenen Glaubensnorm gehandelt, und dieses Amt eines Auslegers habe ihnen ebenso unbeschadet der Glaubensrechte des Volks übertragen werden können. Und allerdings, wenn den ausgelegten Stellen der Glaubensnorm nur ein Sinn beigelegt werden konnte, so kann nichts gegen dies ihr Amt eingewandt werden. Allein wenn eine Lehre etwa zweier oder mehrerer Auslegungen fähig ist, und die eine ist von den Theologen angenommen worden, oder wenn von ihnen aus einem Satze Konsequenzen mit der strengsten Richtigkeit gefolgert und als Lehren der Kirche aufgestellt worden sind, so haben sie hierin eigenmächtig gehandelt. Denn um zu wissen, welche von beiden möglichen Auslegungen dem Sinn der Kirche gemäß sei, mußte diese vorher darum befragt werden, ebenso in Ansehung der Konsequenzen, indem es ein oft, freilich besonders bei Streitigkeiten wenig beobachteter, aber richtiger Kanon der Kritik ist, daß, wenn aus einem System noch so richtig Konsequenzen fließen, deswegen doch von dem, der diesem System zugetan ist, nicht gerade angenommen werden darf, daß er sich deswegen auch zu diesen Konsequenzen bekenne.
In Ansehung des Glaubens selbst findet eigentlich kein gesellschaftlicher Vertrag statt, man kann sich zwar verbinden, den Glauben der anderen zu achten, wie die Eigentumsrechte, allein es ist eigentlich eine bürgerliche Verpflichtung, das Recht des anderen, Freiheit in Ansehung seines Glaubens zu haben, zu ehren; man kann sich unmöglich und noch weniger seine Nachkommen verpflichten, etwas glauben zu wollen; denn jeder Vertrag ist am Ende im Willen gegründet, - nur etwas glauben wollen kann man nicht, und der Glaube der Kirche muß im strengsten Sinne ein allgemeiner Glaube dieser Kirche, d. h. aller Einzelnen sein.
Vertrag mit dem Staate
1/167 Wenn eine Gesellschaft von Menschen, wenn ein oder mehrere Staaten, als eine Kirche, mit einer anderen Gesellschaft, die insofern ein anderer Staat ist, wenn sie schon in anderen Rücksichten wieder in Verbindung stehen, oder mit Gliedern ihres Staates einen Vertrag macht, so hat sie von ihrer Seite wenigstens unklug gehandelt - denn sie hat die Bedingung, unter der der andere seinen Teil des Vertrags erfüllen soll, an Glauben und also an etwas Wandelbares gebunden und sich durch die Form des Vertrags in Gefahr gesetzt, entweder dem ersten, dem heiligsten Rechte jedes Einzelnen und jeder Gesellschaft, ihre Überzeugung zu ändern, zu entsagen, wenn ihr viel daran gelegen ist, daß der andere seine Pflicht erfüllt, - oder wenn sie ihren Glauben ändert, so verschwindet die Pflicht des anderen, die nur an diese Bedingung gebunden war. Mit ihren eigenen Staatsgliedern, wenn diese insgesamt den Glauben ändern, kommt zwar der Staat und die Kirche bald zurecht, und die protestantischen Bürger und Bauern zahlen noch die gleichen Abgaben, Zinsen, Zehnten und unzählige andere Kleinigkeiten, die sie der katholischen Kirche zahlten; zum Gottesdienst der jetzigen Kirche müssen sie dies beitragen, welchen einzurichten und zu halten auch Geld erfordert wird, - und Geschenke einer Kirche machen oder ihr Rechte einräumen [mit der Bedingung, daß sie dieselbe bleibt], wäre gerade, als wenn jemand einen Platz an einem Fluß verschönern wollte mit der Bedingung, daß eben dieselben Wellen immer an dem Platze, den sie jetzt bespülen, bleiben sollen. - Wohl, aber für diesen Altar Wachskerzen noch zu bezahlen, wo keine mehr gebrannt und gebraucht werden, diesem Kloster noch diese Abgaben zu liefern, in welchem kein Prälat und keine Mönche mehr sind, und unzählige dergleichen Gerechtigkeiten und onera mehr waren doch eigentlich nur für den katholischen Gottesdienst und Glauben bestimmt; wenn dieser wegfällt, so fallen notwendig auch die darauf gegründeten Rechte weg, und dadurch, daß die Abgaben, die man der neuen Kirche entrichten muß, in dem gleichen Umfang und als auf dieselben Rechte gegründet wie in der alten Kirche erhoben werden, ist wenigstens eine große Ungleichheit in den Abgaben der Mitglieder einer Kirche beibehalten worden, die man nicht billig nennen kann. Soll sich die Verpflichtung der Kontribuierenden, der Lehensleute und Leibeigenen noch jetzt darauf gründen, daß sie ja dieser Abtei, diesem Kloster, dieser Pfarrei untertänig, mit diesen Abgaben verpflichtet war und, da die jetzige Kirche alles Eigentum und Rechte der vorigen übernommen habe, sie auch in diese eingetreten sei, so ging doch jene Verpflichtung nicht gegen die Individuen oder gar gegen die Gebäude dieser Abtei usw., sondern gegen sie als Mitglieder, als Beamte der katholischen Kirche, d. h. gegen die Kirche selbst, und da die Kontribuierenden nicht mehr in dieser sind, da die katholische Kirche hier nicht mehr ist, so sollten mit ihr auch die aus ihr entspringenden und an sie gebundenen Rechte weggefallen sein.
Und wenn z. B. noch Katholiken in einem solchen reformierten Lande zurückgeblieben wären, könnten von diesen noch mit Recht die gleichen Abgaben gefordert werden, - könnte sie der Staat mit Recht fordern? Diesem bezahlen sie andere Abgaben, als Staatsbürger; diese kirchlichen Abgaben waren nie sein. - Die neue Kirche? Sie können mit Recht behaupten, nur der alten verpflichtet zu sein - und auch zu der neuen nichts beitragen zu dürfen, da sie nicht zu ihr gehören. Der ähnliche Fall findet in vielen katholischen, z. B. den österreichischen Ländern statt, der besonders seit Josephs Toleranzedikten manche Streitigkeiten und Verlegenheiten veranlaßt hat. - Sind die Akatholiken verbunden, noch die gleichen Abgaben, die sie vorher an die Kirche bezahlten, die gleichen Sporteln für Taufe, Beichtgeld, Unterhaltung der mancherlei Erfordernisse zum katholischen Gottesdienste, wie sie bisher verpflichtet waren, zu bezahlen? Nein, sagen die Protestanten, denn sie gehören ja nicht zur katholischen Kirche, und was sie bezahlten, bezahlten sie der Kirche. Ja, sagen die Katholiken, sie sind dieser Pfarrei, diesem Kloster noch das gleiche schuldig wie vorher, diese möchten zu einer Kirche gehören, zu welcher sie wollten. Hier argumentieren die Protestanten aus den umgekehrten Grundsätzen, die ihre Kirche gegen ihre Mitglieder geltend macht, und die Katholiken aus denselben, die die protestantische Kirche innerhalb ihrer im Munde führt.
1/170 Die gleichen Unbequemlichkeiten hat es, wenn eine Kirche mit anderen Staaten Verträge macht, als Kirche, die einen bestimmten Glauben hat; wenn sie als solche dem anderen kontrahierenden Teil etwas zur Pflicht machen will, so hat sie gleichfalls diese Pflicht an etwas gebunden, das sie das Recht hat zu ändern, da sie zu gleicher Zeit doch verlangt, die Pflicht des andern solle die gleiche bleiben. So haben die Protestanten die reichskonstitutionsmäßige Freiheit ihres Glaubens und Gottesdienstes mit vielem Blute erkauft - aber in allen Friedensschlüssen ist der Vertrag immer so abgefaßt, daß die katholischen Fürsten gegen die evangelische und reformierte Kirche die Verpflichtung, ihren Gottesdienst, ihr Eigentum zu schützen, auf sich genommen haben. Worin nun das Wesen der protestantischen Kirchen bestehe, dies haben diese in ihren Konfessionen und Symbolen feierlich erklärt. Weil nun diese Verträge mit Kirchen, insofern sie etwas Bestimmtes glauben, gemacht sind, so hat Piderit42) (wenn ich mich nicht irre) vor mehreren Jahren zu großem Ärgernis der Protestanten so argumentiert: der Glaube dieser ist [nicht mehr] derselbe, wie aus den Schriften der Repräsentanten ihrer Kirche, der berühmtesten Gottesgelehrten in Vergleichung mit ihren symbolischen Büchern erhellt; also können sie die Rechte, die ihnen von den Katholiken in den Friedensschlüssen zugesichert worden sind, nicht mehr fordern, denn man hat mit der Kirche, die ihren bestimmten Glauben angegeben hat, kontrahiert; und wenn die Protestanten noch die gleichen Rechte als geltend behaupten wollen, so müssen sie den Glauben der Kirche beibehalten, ihrem Recht, denselben zu ändern, entsagen und, wo sie geändert haben, zurücknehmen. - Ein solches sonst konsequentes Räsonnement wäre unmöglich, die Protestanten würden die durch keine Verträge verlierbare Freiheit, ihren Glauben zu bessern, nicht gebunden zu haben scheinen, wenn die Fürsten, welche die Friedensschlüsse machten, nicht als Oberhäupter oder Mitglieder einer Kirche, mit der Beihilfe der Theologen, die ihnen immer an der Hand waren und sich in einer solchen Wichtigkeit gefielen, sondern als Fürsten, d. h. als Oberhäupter ihrer Staaten, nicht für ihre Kirchen, sondern für ihre Staaten die Verträge gemacht hätten. - Freie Religionsübung zu haben und seinem Glauben getreu zu sein, ist ein Recht, in welchem der Mensch nicht erst als Mitglied einer Kirche, sondern als Staatsbürger geschützt werden muß, und seinen Untertanen dies zu sichern, hat der Fürst als Fürst die Pflicht; und kein göttlicheres Recht hätten die Fürsten von den Kontrahierenden als Pflicht von ihrer Seite fordern können, das sie freilich aber leider nur als Sieger erlangten, - und statt daß jetzt die Ausdrücke in den Verträgen so lauten, daß auch die reformierte und lutherische Kirche gesetzmäßige freie Religionsübung im deutschen Reiche haben sollte, so wären sie richtiger so gestellt worden, daß die katholischen Fürsten sich verbindlich machen, die freie Religionsübung der brandenburgischen, sächsischen usw. Staaten nicht beunruhigen und beeinträchtigen zu wollen; hätte man auch gesagt, die brandenburgische, sächsische Kirche, so wäre es ins gleiche gekommen, denn dies bedeutet einen Staat, insofern er einem Glauben, unbestimmt welchem, zugetan ist, und so hätte man das Vergnügen gehabt, nach Jahrhunderten von Barbarei und Jahren, die mit Strömen für dieses Glaubensrecht vergossenen Blutes bezeichnet sind, einen Fundamentalartikel des gesellschaftlichen Vertrags, ein Menschenrecht, das durch keinen Eintritt, in welche Art von Gesellschaft es sei, aufgegeben werden kann, rein, entwickelt und feierlich in den Verträgen der Nationen anerkannt zu sehen. - In der hohen Empfindung des Rechts jedes einzelnen und also auch aller, d. h. der Kirche, seinen Glauben zu verbessern, in seiner Überzeugung weiter fortzuschreiten, und auf der anderen Seite zugleich mit dem Gefühl, wieviel man von diesem Recht sich vergeben habe, daß alle jene Verträge der Kirche mit fremden Staaten für die den symbolischen Büchern anhängende Kirche gemacht wurden und in welche Inkonsequenzen gegen jenes ewige Recht der kirchliche Staat verfalle, wenn er innerhalb seiner den ganzen Vertrag dieses Staats auf gewissen Symbolen beruhend glaube und also den pünktlichen Glauben an dieselben mit Eifer bewahren zu müssen für Pflicht halte, - haben große Männer in neueren Zeiten dem Begriffe des Namens der Protestanten den Sinn vindiziert, daß er einen Menschen oder eine Kirche bedeute, sie sich nicht an gewisse unveränderliche Glaubensnormen gebunden habe, sondern die gegen alle Autorität in Glaubenssachen, gegen alle Verpflichtungen, die jenem heiligen Rechte widersprächen, protestiere; und wenn die Kirche mit dieser negativen Bestimmung zufrieden sein wollte, so hätte sie das Verdienst, den Staat an eine Pflicht, die er sonst verkannte, den Untertanen die Freiheit ihres Glaubens zu schützen, gemahnt und [das,] was er vernachlässigte, an seiner Statt verteidigt zu haben.
Durch jeden Vertrag, den die Kirche mit jedem oder einigen einzelnen Mitgliedern oder den jeder einzelne mit ihr macht, wenn dieser Vertrag Rechte betrifft, die eigentlich nur im bürgerlichen Staat stattfinden, wird sie ungerecht gegen sich selbst - oder gegen einzelne ihrer Mitglieder. Man fühlt dies nicht gerade, aber es muß sich über kurz oder lang offenbaren, und vergebens fordert dann ein Staatsbürger, der aus der Kirche tritt und damit bürgerliche Rechte verliert, diese vom Staate zurück, denn dieser hatte es versäumt, seine Rechte zu bestimmen, und da er es die Kirche an seiner Stelle tun ließ, so sieht diese seine Rechte als die ihrigen an und behauptet sie als solche, denn sie machte, was für ihren Zweck hinlänglich war, das allgemeine Recht, Freiheit des Glaubens und Gottesdienstes nur für einen einzelnen, für ihren Fall geltend.
Wenn aber die Bildung einer Kirche überhaupt in Ansehung des Glaubens nicht als ein Vertrag angesehen werden kann, aber aus der allgemeinen Gleichförmigkeit des Glaubens von selbst eine Kirche, eine Vereinigung zu einem Zwecke hervorgeht, so kann dieser Zweck Schützung und Erhaltung dieses Glaubens, Anordnung eines Gottesdienstes, der ihm gemäß ist, und Hervorbringung derjenigen Eigenschaften in den Mitgliedern sein, welche dem kirchlichen Ideale der Vollkommenheit gemäß sind.
1/171 Was nun die Schützung und Erhaltung des Glaubens betrifft, und es ist damit Schutz des Glaubens und zugleich der freien Übung des Gottesdienstes und der Aufrechthaltung anderer Anordnungen gemeint, so ist dies eigentlich eine Pflicht des Staates, und jener Schutz, jene Garantie ist notwendig im gesellschaftlichen Vertrage begriffen; und es ist nur in einem übelorganisierten Staate oder, wie schon gesagt, in einem Staate, der diese Pflicht nicht gekannt, sich dieses Schutzrecht nicht vindiziert hat, möglich, daß seine Bürger oder ein Teil derselben in den Fall kommen kann, dieses Recht mit Gewalt auch für ihren Teil behaupten zu müssen oder desselben nicht genießen zu dürfen. In diesem Falle sahen sich die Protestanten, und die Fürsten, die gegen einen anderen Teil der Staatsgewalt für das Recht der freien Religionsübung ihrer Untertanen mutig sprachen und tapfer fochten, haben dies aus Fürstenpflicht getan; von den Inkonvenienzen aber, daß sie nicht auch als Fürsten, sondern als Mitglieder oder als Oberhäupter einer Kirche den Frieden und die Verträge schlossen, haben wir oben geredet. Da die Kirche ihren Glauben also nicht gegen Gewalt schützen kann, so bleibt nichts übrig, als ihn gegen sich selbst zu schützen und zu erhalten.
1/173 Ist der Glaube, der geschützt werden soll, als allgemeiner Glaube anzusehen, von dem einer oder der andere im ganzen oder in einzelnen Teilen abwiche, so wäre ein solcher eben deswegen nicht mehr Glied der Kirche, und er hätte ihren Wohltaten entsagt, so wie sie keine Rechte mehr auf ihn hätte; sollte sie dennoch aber das Recht auf ihn haben, daß er verpflichtet wäre, sich von ihr belehren zu lassen und ihren Vorschriften, was er tun oder unterlassen sollte, zu gehorchen, so könnte dies Recht nur darin gegründet sein, daß er im Vertrag mit der Kirche sich auf zukünftige Fälle verbunden hätte, in der Bestimmung des wahren Glaubens der Mehrheit der Stimmen oder den Repräsentanten der Kirche zu vertrauen und sich von ihr darin leiten zu lassen; dies hieße aber der Kirche eine Art von Infallibilität zuschreiben, und gegen eine Autorität der Art zu protestieren, ist die höchste Pflicht eines wahren Protestanten. - Der Andersdenkende befände sich hier im Fall eines Übertretens der bürgerlichen Gesetze, von deren Machthabern er gezwungen wird, sie zu respektieren; von der Art aber kann der kirchliche Vertrag unmöglich sein - sie [sc. die Kirche] kann ihren Glauben, gleichsam ihre Gesetze, nur für den geltend halten, der dieselben freiwillig annimmt, freiwillig ihm gemäß glaubt und lebt. Es bleibt nur der Fall übrig, daß das Recht der Kirche sich darauf gründete, den Glauben, zu dem sich einer einmal bekannt hat, den allgemeinen Glauben der Kirche, nicht insofern er Glaube der Kirche, sondern insofern er einmal Glaube dieses Individuums war, gegen dieses selbst zu schützen. Der Andersdenkende befindet sich nicht sowohl in dem Falle des Verschwenders, dessen übriggebliebenes Vermögen der Staat in seine Verwaltung und Aufsicht [nimmt], der Staat schützt hier nicht sowohl das Recht des Verschwenders gegen ihn selbst, sondern das Recht der präsumtiven Erben oder der Gemeinde, die ihn sonst erhalten müßte - der Andersdenkende befindet sich gegen die Kirche eher im Fall des Wahnsinnigen, dessen sich der Staat außer anderen wichtigen Rücksichten auch deswegen anzunehmen verpflichtet ist, weil er sein Recht auf einen gesunden Verstand nicht mehr selbst geltend machen und nie dafür angesehen werden kann, es aufgegeben zu haben, und so übernehmen es die Verwandten oder der Staat, ihn wieder zurechtzubringen; so will auch die Kirche das Recht eines jeden an ihren Glauben geltend machen, - aber darin ist doch der Fall verschieden, daß es doch von jedem abhängt, ob er dieses sein Recht geltend machen will, er kann schlechterdings nicht dafür angesehen werden, wie der Wahnsinnige, daß er auf den Gebrauch dieses Rechts an einen gewissen Glauben nicht Verzicht tun könne und daß ihn in den Genuß ohne seine Einwilligung nolentem volentem einzusetzen Pflicht der Kirche sei; jeder muß wie vom Staat der Volljährige behandelt werden, dessen Willkür es überlassen wird, ein Recht geltend zu machen oder nicht. Aus diesen Grundsätzen ergeben sich die Schranken der Pflicht der Kirche, ihren Glauben innerhalb ihrer selbst zu schützen.
1/174 Es ist der Kirche nicht eine Pflicht, die aus dem Rechte eines anderen entspränge, in dessen Genuß er schlechterdings gesetzt werden müßte, sondern nur Pflicht, insofern sie sich diese selbst vorschreibt, voll von der Wichtigkeit ihrer Lehren für die Menschheit, voll von einem überfließenden Eifer, diese damit zu beglücken. Was sie tun kann, ist also Anstalten zu machen, daß jeder, auf den sie ihre Wohltaten ausdehnen will, instand gesetzt wird, zu ihrer Kenntnis zu gelangen; es muß dabei von der Willkür eines jeden abhängen, diese Mittel zu gebrauchen, denn Zwangsmittel oder Strafen anzuwenden hieße das Gute, wie die Spanier in Amerika oder Karl der Große in Sachsen, mit Gewalt aufdrängen wollen. Und abgerechnet, daß in einigen protestantischen Ländern die Versäumer des öffentlichen Gottesdienstes und des Abendmahls vor ein Gericht gefordert und, wenn die Versäumnis noch einigemal eintritt, gestraft werden; abgerechnet, daß in einigen Ländern, in denen von dem Staat die Kirche reformiert wurde, zwar niemand zur Verlassung seines Glaubens gezwungen werden sollte, aber bei Strafe anbefohlen wurde, die Predigten der neuen Lehren zu besuchen und dann selbst zu urteilen; abgerechnet, daß in einigen Gegenden die Juden, mit denen man es überhaupt nie genau genommen hat, von Zeit zu Zeit wenigstens durch Deputierte dem protestantischen Gottesdienste sollen beiwohnen müssen, - abgerechnet dieses, so hat sich die protestantische Kirche ziemlich in den angegebenen Schranken gehalten, da es hingegen die verhaßteste Seite der Geschichte katholischer Länder ist, wie und aus welchen Grundsätzen in diesen Andersdenkende als Rebellen gegen die Kirche, deren Glaube, durch Mehrheit der Stimmen oder durch absolute Macht bestimmt, Gesetz für jeden sein soll, als Rebellen gegen die Gottheit, deren Richteramt die Kirche an ihrer Statt zu handhaben sich anmaßte, behandelt worden sind, indem hier der kirchliche Vertrag ganz dem Vertrag der bürgerlichen Gesellschaft gleichgeachtet und dem kirchlichen Staat gleiche Rechte wie dem bürgerlichen Staat eingeräumt worden waren.
1/175 In Ansehung dieser Anstalten, ihre Lehre zu erhalten, nun kann allerdings ein Vertrag stattfinden, d. h. es kann hier der Mehrheit der Stimmen, Repräsentanten oder dem Fürsten überlassen werden, nach ihren Einsichten diese Anstalten zu organisieren, die Lehrer des Volks zu prüfen und anzuordnen. Ob diese Kirche das Recht haben könne, einen Beamten, den sie angeordnet, der aber mit seiner Gemeinde vom kirchlichen Lehrbegriff sich entfernt und sich von der Kirche lossagt, [abzusetzen,] darüber kann gar keine Frage sein, denn diese Gemeinde bildet jetzt eine Kirche für sich, über welche eine andere Kirche schlechterdings keine Macht haben kann, welche nur innerhalb ihrer als ein machthabender Staat angesehen werden kann. Die neue Gemeinde ist dieser Kirche und etwa auch dem Staate höchstens die Erklärung schuldig, sich von jener getrennt zu haben, eine Rechtfertigung keinem von beiden; und wollte etwa die alte Kirche diese Trennung nicht anerkennen wollen, den Staat, um sie zu verhindern, zu Hilfe rufen, welchen sie nahe bei der Hand hat, weil eine herrschende Kirche eine solche heißt, die die Rechte des Staats zu ihrem Vorteil ausübt, so wäre es unnachläßliche Pflicht des Staates, die neue Kirche in der Freiheit ihres Glaubens und der Übung ihres Gottesdienstes zu schützen. Eine andere Frage ist, die in neueren Zeiten ein sehr ausgebreitetes Interesse erhalten hat, ob die Vorsteher der Kirche, die Unrat merken, einem solchen Prediger Amt und Brot nehmen können. Sie behaupten ganz konsequent, es sei ihre Pflicht, den Glauben der Kirche zu schützen und dafür zu sorgen, daß dieser gelehrt werde; ein Prediger, der anders lehre, tauge also zu einem Beamten nicht. In der katholischen Kirche wird dies Recht der Kirche schlechterdings nicht bestritten; in der protestantischen Kirche dagegen räsonieren viele aus dem Grunde dagegen, daß es der Kirche unendlich mehr Ehre bringen würde, wenn sie Tugend und Wahrheit überhaupt zum Zweck ihrer Anstalten machte, und es sei gegen die Natur dieser beiden, sie an bestimmte Symbole binden zu wollen; in die Seelen derjenigen, die dies unternommen haben und die dies noch behaupten, sei nie kein Strahl von dem, was Wahrheit heißt, gefallen; würde eine Kirche und die Vorsteher derselben und des Staats Tugend und Wahrheit zum Ziele ihres Strebens machen, so würde es nie der Fall sein, daß sie einen rechtschaffenen, tätigen, fürs Gute und die Moralität seiner Gemeinde eifrigen Mann, der aber sich nicht genau an den kirchlichen Lehrbegriff seiner Gemeinde bände, deswegen schikanierten, sie würden es für eine Schande halten, mit einem solchen sich nicht vertragen zu können; alles was sie tun würden, könnte das sein, daß sie ihm hierin Nachahmung ihrer, nämlich Klugheit, d. h. Schonung der Meinungen anderer empfählen, und wenn er solcher Vorsteher der Kirche und des Staats würdig oder sie seiner würdig wären, so würde es auch kaum dieses Rats bedürfen.
1/176 Das wirksamste und daher auch häufig angewandte Mittel, den Glauben der Kirche zu schützen, ist, die Möglichkeit zu entfernen, daß ihre Mitglieder auf Zweifel, auf andere Glaubensmeinungen gerieten. Daß von innen, d. h. in ihnen selbst solche Zweifel, die aus eigener Tätigkeit des Verstands und der Vernunft entsprängen, verhindert werden, [dafür] ist auf mancherlei Arten hinlänglich gesorgt: dadurch daß die jugendliche Seele die ersten Eindrücke, die das ganze Leben hindurch immer eine gewisse Gewalt über den Menschen behalten, von der Kirche bekommt, daß die Lehren der Kirche mit allen Schrecken der Einbildungskraft gewappnet werden, daß sie, wie gewisse Zauberer den Gebrauch der körperlichen Kräfte zu hemmen vermögen sollen, alle Kräfte der Seele zu lähmen oder nur nach ihren Bildern hin zu zwingen vermögen; ferner durch die wenige freie Kultur dieser Kräfte selbst, durch die völlige Absonderung der Kenntnis der kirchlichen Lehren, die, in furchtbarer Majestät isoliert, die Verwandtschaft, die Vermischung mit anderen Lehren, die Abhängigkeit von anderen Gesetzen gänzlich verschmähen, - eine Absonderung, die wie zwei Wege nach verschiedenen Himmelsgegenden nie zusammentreffen, wo auf dem einen Wege[, dem] der häuslichen Angelegenheiten, der Wissenschaften, der schönen Künste, ein Mann mit dem tiefsinnigsten und gewandtesten Verstande, mit dem feinsten Scharfsinn, mit zarter Empfindung erscheint, den man nicht mehr erkennt, von allem diesem nichts mehr wahrnimmt, wenn man ihn auf dem kirchlichen Wege antrifft.
Von außen wird die Möglichkeit der Veränderung des Glaubens durch strenge Zensur, durch Bücherverbote usw. abgeschnitten, durch die Verhütung, daß nicht in Gesprächen, auf Kathedern oder Kanzeln fremde Meinungen debitiert werden - denn die Kirche hat die Pflicht, das Glaubenseigentum eines jeden zu schützen, und dieses Eigentum wird dadurch verletzt, wenn eigene Zweifel, Gründe anderer dem Gläubigen dies entreißen könnten. Jede Kirche gibt ihren Kirchenglauben für non plus ultra aller Wahrheit und geht von diesem Prinzip aus - einen Glauben, den man also wie Geld ins Gehirn einstreichen könnte, und so wird er denn auch wirklich behandelt -, und nach der Behauptung jeder Kirche ist auf der Welt nichts so leicht, als die Wahrheit zu finden, man braucht nur einen ihrer Katechismen in sein Gedächtnis aufzunehmen; und bei ihr gilt es nicht,
Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet,Rauscht der Wahrheit tief versteckter Born44) ,
sie hält öffentlichen Markt damit, der Fluß der kirchlichen Wahrheit rauscht lärmend durch alle Gassen, jeder kann von seinem Wasser sein Gehirn anfüllen.
1/177 45) Die Ausspender desselben sind die Lehrer der Kirche, die insofern auch ihre Beamten sind, sie nennen sich Diener des göttlichen Worts - [des Worts,] weil ihre Wissenschaft nicht aus ihrem innersten Leben geschöpft ist, weil es Worte sind, die an sie kamen, - Diener, weil sie nicht Herren, nicht Gesetzgeber sind, sondern einem fremden Willen gehorchen.
Die Art des Gottesdienstes selbst kann sowenig als der Glaube Gegenstand eines gesellschaftlichen Vertrags sein; wenn nämlich Gottesdienst im eigentlichen Sinne des Wortes - als gewisse Handlungen, die unmittelbar Pflichten gegen Gott sein sollen, nicht aus anderen Pflichten gegen sich oder andere Menschen herzuleiten sind - genommen wird, so muß die freiwillige Anerkennung einer solchen Pflicht allein den Grund der Verbindlichkeit zu derselben enthalten; und die Einsicht, daß etwas eine solche Pflicht ist, kann unmöglich der Mehrheit der Stimmen überlassen werden; zur Anordnung der Ausübung dieser allgemein anerkannten Pflicht aber kann ein wechselseitiger Vertrag geschlossen werden, dies der Mehrheit zu überlassen, welches in einer demokratischen Verfassung der Kirche der Fall wäre, oder in einer monarchischen oder aristokratischen Kirche es einer Regierung aufzutragen.
1/178 Diese verschiedenen Funktionen sind gewöhnlich und sehr natürlich vereinigt: die Geistlichen sind nicht nur freie Lehrer der kirchlichen Wahrheit, sondern zugleich Beamte, denen die Pflicht der Kirche, den Glauben derselben zu schützen, anvertraut ist, ferner Priester, d. h. die teils im Namen des Volks der Gottheit die Gebete, Opfer usw. darbringen, wodurch man sich bei derselben in Gunst setzen zu können vermeint, teils dabei dem Volke Anleitung geben und sich dabei an die Spitze stellen. Außerdem ist es noch vorzüglich ihr Amt, teils durch die dogmatische Lehre der Kirche, teils durch ihre Moral und sonstige Aufsicht und Ermahnungen das hervorzubringen, was man Frömmigkeit, Gottesfurcht nennt, und die also in jeder Kirche einen anderen Ton und Strich haben muß.
Welche Form die Moral in einer Kirche gewinnen muß
Die wichtigste Veränderung ist durch die Ausbreitung des Christentums in der Art, die Moralität zu befördern, vorgegangen; daraus ist nach dem Übergang der Kirche aus einer Privatgesellschaft in einen Staat - aus einer Privatangelegenheit eine Angelegenheit des Staats geworden, und was seiner Natur nach Willkür ist und war, ist Pflicht geworden, und zwar zum Teil ist ein äußeres Recht der Kirche daraus erwachsen. Die Kirche hat die Grundsätze der Moralität aufgestellt, außer dieser Moral zugleich die Mittel angegeben, sich diese Grundsätze zu eigen zu machen, und besonders auch über die Anwendung auf einzelne Fälle unter dem Namen der Kasuistik eine weitläufige Wissenschaft aufgestellt.
In dem moralischen System der Kirche ist ein Hauptzug, daß es auf die Religion und auf unsere Abhängigkeit von der Gottheit gebaut ist; das Fundament, worauf es erbaut ist, ist nicht eine Tatsache unseres Geistes, ein Satz, der aus unserem Bewußtsein entwickelt werden könnte, sondern etwas Gelerntes, und die Moral [ist] also nicht eine selbständige, in ihren Grundsätzen unabhängige Wissenschaft; das Wesen der Moralität also nicht auf Freiheit begründet, nicht Autonomie des Willens.
1/179 Mit der historischen Kenntnis wird angefangen, dieser ist vorgeschrieben, welche Empfindungen und welchen Gemütszustand sie hervorbringen soll, Dankbarkeit und Furcht - um uns unseren Pflichten getreu zu erhalten, deren Kriterium das Wohlgefallen Gottes ist, welches von einzelnen Pflichten bekannt ist, von anderen aber künstlich daraus berechnet werden muß. Diese Rechenkunst ist so sehr ausgedehnt und die Menge der Pflichten dadurch so unendlich vergrößert worden, daß der freien Willkür wenig mehr übriggelassen ist; und was als Pflicht an sich nicht gerade geboten oder verboten ist, das wird vollends in der Asketik wichtig, die gar keinen Gedanken mehr zollfrei, keine Handlung, keinen unwillkürlichen Anblick, keinen Genuß, welcher Art er sei, Freude, Liebe, Freundschaft, Geselligkeit unkontrolliert läßt, sondern jede Regung der Seele, jede Gedankenassoziation, jeden der Gedanken, die von Sekunde zu Sekunde den Kopf des Menschen durchfliegen, jede Empfindung des Wohlseins in Anspruch nimmt, durch eine ähnliche Rechnung, wie das System der Glückseligkeitslehre Pflichten deduziert, - durch eine lange Reihe von Schlüssen eine Gefahr zu deduzieren weiß. Die Asketik schreibt der Seele ferner eine Menge Exerzitien vor, durch die sie bearbeitet werden soll, und ist eine weitläufige Wissenschaft der Taktik, die gegen jeden Feind der Frömmigkeit, den jeder Mensch in seinem Busen hat, zu welchem ihm jede Lage, jede Ansicht werden kann, und besonders gegen den unsichtbaren höllischen Feind künstlich und regelmäßig manövrieren lehrt.
1/181 In allen einzelnen Fällen nun zu beurteilen, wie gehandelt werden soll, ist für den Laien und Ungelehrten allerdings sehr schwer, denn bei der Menge moralischer und Vorsichtigkeitsregeln können bei der allereinfachsten Sache mehrere derselben in Kollision kommen, und es gehört ein wohlgeübter Scharfsinn dazu, sich aus dergleichen jetzt verwickelten Fällen glücklich herauszufinden, wobei freilich der gesunde Menschenverstand an alle diese Präkautionen gar nicht gedacht und unmittelbare Empfindung gewöhnlich eine richtigere Handlungsart gegriffen [hat] als die gelehrtesten Kasuisten - und nicht, wie die Entscheidung dieser gemeiniglich ist, wegen einer aus der Handlung vielleicht und entfernt entstehenden Gelegenheit zu sündigen eine gute Handlung unterlassen hätte. Bei allen diesen Regeln der Moral und der Klugheit ist a priori verfahren worden, d. h. ein toter Buchstabe ist zum Grunde gelegt und auf ihm ein System aufgeführt worden, wie der Mensch handeln, empfinden, was diese und jene sogenannten Wahrheiten für Bewegungen hervorbringen sollen, - dem Gedächtnis ist über alle, selbst die edelsten Kräfte der Seele die gesetzgebende Gewalt eingeräumt worden. In wen nicht diese Fäden des Systems von Jugend eingewoben worden sind, und wer sonst durch Erfahrung an anderen und eigene Empfindung die menschliche Natur kennengelernt hat und nun mit dem System bekannt wird und darin leben soll, der befindet sich in einer bezauberten Welt; im Menschen des Systems kann er kein Wesen seiner Art erkennen, eher als in ihm noch wird er in den Feenmärchen des Orients und in unseren Ritterromanen Natur finden und sich dabei nicht sosehr als auf jenem Wege verirren, wenn er auf jene Dichtungen der Phantasie ein Lehrgebäude der Physik und auf diese Geburten unserer Tage eine Psychologie gründen wollte, - und wenn er sich vor Gott und den Menschen als einen armen Sünder und verdorbenen Menschen niederwirft, so ist bei der angeborenen Verderbnis unserer Natur ein solcher Fehler nicht der Mühe wert, sich vor Gott, sich selbst und anderen desselben schuldig zu erkennen, auch ohne dies sind wir ja nichts nütze, und ein Trost dabei ist, daß wir dies mit allen anderen Menschen ohnedem gemein haben, in Vergleichung mit welchen dann jeder noch [etwas] vorauszuhaben glaubt. - Wenn dann ein Mensch den ganzen von der Kirche vorgeschriebenen Gang von Erkenntnissen, Empfindungen und Gemütszuständen durchgelaufen ist und es doch nicht weiter gebracht hat als ein anderer, der alles dieses Apparats entbehrte, wie so manche Tugendhafte unter den sogenannten blinden Heiden, und [wenn] es zwar in Ängstlichkeit und Vorsicht, Unterwerfung und Gehorsam sehr weit gekommen, dagegen in Mut, Entschlossenheit, Kraft und anderen Tugenden, wodurch man allein fähig wird, das Beste der Einzelnen und des Staats zu befördern, dahintengeblieben ist oder gar leer ausgegangen ist, - was hat dann das Menschengeschlecht durch das mühsame Regelsystem der Kirche gewonnen? Vollends möchte man diese Frage aufwerfen, wenn man die zahlreichen Mengen der Heuchler in jeder solchen Kirche bedenkt, die alle jene Kenntnisse, Empfindungen, auch die Sprüche der Kirche innehaben, in solchen kirchlichen Übungen leben und weben; welche Kraft kann man ihnen zuschreiben, wenn sie doch alles beobachteten und taten, was die Kirche fordert, und doch dabei Bösewichter bleiben und Betrüger obendrein sind?
Einen Vorteil, und zwar einen großen hat der Staat oder vielmehr die Gewalthaber in demselben - denn jener ist dabei zertrümmert - erhalten durch dieses Vorhaben der Kirche, auf die Gesinnungen zu wirken, nämlich eine Herrschaft, einen Despotismus, der nach Unterdrückung aller Freiheit des Willens durch die Geistlichkeit völlig gewonnenes Spiel hat, - bürgerliche und politische Freiheit hat die Kirche als Kot gegen die himmlischen Güter und den Genuß des Lebens verachten gelehrt, und so wie die Entbehrung der Mittel, die physischen Bedürfnisse zu befriedigen, den tierischen Teil des Menschen des Lebens berauben, so bringt auch die Beraubung des Genusses der Freiheit des Geistes der Vernunft den Tod, in welchem Zustand die Menschen den Verlust, [mangelnden] Gebrauch derselben, Sehnsucht nach ihr so wenig fühlen werden, als der tote Körper sich nach Speise und Trank sehnt. - So ist durch den Versuch Jesu, seine Nation auf den Geist und die Gesinnung aufmerksam zu machen, der bei der Beobachtung ihrer Gesetze lebendig sein müsse, um gottgefällig zu werden, durch diesen Versuch ist unter dem Regiment der Kirche dieses complementum der Gesetze wieder zu Regeln und Ordnungen geworden, die immer wieder eines solchen complementi bedürfen; und dieser Versuch der Kirche ist wieder fehlgeschlagen; denn der Geist, die Gesinnung ist ein zu ätherisches Wesen, als daß er sich in gebietenden Buchstaben und Formeln festhalten oder in gebotenen Empfindungen und Gemütszuständen darstellen ließe.
1/182 Ein anderer Übelstand, der notwendig hieraus floß, ist der, daß diese Empfindungen, die im Laufe des Besserwerdens vorkommen sollen, und die Handlungen, die als Ausdrücke solcher Empfindungen angesehen werden - Abendmahl, Beichte, gewisse Almosengaben bei Gelegenheit derselben und während des Gottesdienstes -, öffentlich sind, dem kirchlichen Staate oder seinen Beamten dargebracht werden, die, weil sie solche Beamte sind, unsere Freunde sein sollen. Bei dieser öffentlichen Ausstellung seiner Fortschritte auf dem Wege der Frömmigkeit will nun nicht leicht einer dahinten bleiben, macht die Empfindungen und deren Zeichen mit, - und mehr kann die Kirche unmöglich gebieten und zustande bringen.
Auch unsere Sitten, insofern sie Empfindungen durch äußere Zeichen darlegen, beziehen sich nicht sowohl auf Empfindungen, die man wirklich hat, sondern die man haben soll, wie man beim Tode seiner Anverwandten Traurigkeit mehr empfinden soll, als wirklich immer empfindet, und sich die äußeren Zeichen dieses Gefühls nicht sowohl nach dem, was man wirklich fühlt, sondern was man empfinden soll, richten, wobei man sogar in Ansehung der Stärke und der Dauer der Empfindung übereingekommen ist; und da sich unsere öffentliche Religion auch in diesen Stücken - wie auch in der Trauer und [dem] Fasten in der Fastenzeit und dem Putz und Wohlleben der Ostertage - und viele unserer Sitten auf Regeln der Empfindungen beziehen, welche Regeln allgemein gelten sollen, so ist jetzt soviel Leeres, Geistloses in unseren Gebräuchen, da die Empfindung davon gewichen, uns immer aber dieselbe in der Regel aufgegeben ist. Nichts hat der Mönchsasketik und Kasuistik so sehr geschadet als die größere Ausbildung des moralischen Sinnes unter den Menschen und die bessere Kenntnis der Natur der menschlichen Seele47) .
1/183 Auf diese Weise hat die Kirche nicht nur eine Menge äußerer Handlungen vorgeschrieben, dadurch wir teils unmittelbar der Gottheit Ehre erweisen und uns bei ihr in Gunst setzen, teils dadurch eine solche Stimmung und Richtung unseres Geistes hervorbringen [sollen], die sie von uns verlangt, sondern die Kirche hat auch unserer Art zu denken, zu empfinden und zu wollen unmittelbar die Gesetze vorgeschrieben, und die Christen sind wieder dahin gekommen, wo die Juden waren; das Charakteristische der jüdischen Religion - die Knechtschaft unter einem Gesetze, von der frei geworden zu sein die Christen sich so sehr Glück wünschen - findet sich auch wieder in der christlichen Kirche. Der Unterschied besteht zum Teil in den Mitteln, indem die religiösen Pflichten der Juden gewissermaßen auch Zwangspflichten waren, welches sie zum Teil in der christlichen Kirche auch sind, indem derjenige, der sie unterläßt, hier und da noch verbrannt, fast allgemein aber der Rechte seines Staats beraubt wird. Das vorzüglichste Mittel, das eigentlich doch auch bei den Juden stattfand, ist Wirkung auf die Einbildungskraft, nur daß die Vorstellungen, die bei beiden gebraucht werden, verschieden sind - bei den Christen sind vorzüglich
Schreckfeuer aufgesteckt auf hohen Türmen,Die Phantasie des Träumers zu erstürmen,Wo des Gesetzes Fackel dunkel brennt.48)
1/185 Der Hauptunterschied soll darin bestehen, daß die Juden mit ihren äußeren Zeremonien der Gottheit genug zu tun glaubten, den Christen hingegen es eingeschärft werde, daß es dabei allein auf die Gesinnung ankomme, mit der zwei Menschen die gleiche Handlung erreichten; - die Gesinnung des Christen nun ist ihm ganz genau vorgeschrieben, in der Heilsordnung ist nicht nur die Folge seiner notwendigen Erkenntnisse, die allerdings fähig sind, deutlich gemacht zu werden, aber auch die Folge der verschiedenen Gemütszustände, die sich aus jenen und auseinander entwickeln sollen, genau vorgezeichnet - und die Kirche gebietet diesen Kursus durchzumachen -, und daß auch in der christlichen Kirche noch der widersprechende Zusatz, Empfindungen zu gebieten, hinzukommt, da in dem Judentum doch nur Handlungen geboten waren, dieser Unterschied ist nicht von der Art, daß dadurch der Zweck der Moral und Religion, Moralität bewirkt würde, sondern es ist an sich und war auch der Kirche unmöglich, auf diesem Wege mehr als Legalität und handwerksmäßige Tugend und Frömmigkeit hervorzubringen. - Die notwendigen Folgen davon, Empfindungen gebieten zu wollen, waren und mußten diese sein: Selbstbetrug, daß man die vorgeschriebene Empfindung zu haben, sein Gefühl mit dem, was man beschrieben fand, übereinstimmend glaubte, wobei aber eine solche hervorgekünstelte Empfindung der wahren, natürlichen unmöglich weder an Kraft noch Werte gleichkommen konnte; [die Folge] von diesem Selbstbetruge ist entweder falsche Beruhigung, die auf diese in dem geistlichen Treibhaus gewirkten Empfindungen einen hohen Wert setzt und sich viel damit meint und daher, wo jetzt Kraft nötig wäre, schwach ist und, wenn ein solcher Mensch dies selbst bemerkt, in Hilflosigkeit, Angst, Mißtrauen in sich verfällt - ein Seelenzustand, der oft bis zum Wahnsinn getrieben wird, so wie oft auch derjenige in Verzweiflung gerät, der mit allem guten Willen und aller möglichen Anstrengung doch seine Empfindungen noch nicht auf die Höhe getrieben zu haben glaubt, die von ihm erfordert wird, und da er sich im Felde der Empfindungen befindet und nie zu keinem festen Maßstab seiner Vollkommenheit gelangen kann (außer etwa durch Täuschungen der Einbildungskraft), so wird er sich in einer Ängstlichkeit befinden, der Kraft und Entschlossenheit fehlt und die nur im Vertrauen auf die unbegrenzte Gnade der Gottheit einige Beruhigung findet - nur eine kleine Erhöhung der Spannung der Einbildungskraft verwandelt diesen Zustand ebenfalls in Wahnsinn und Verrücktheit. Die gewöhnlichste Wirkung ist eine Art des oben angeführten Selbstbetrugs, da man bei allem Reichtum geistlicher Empfindungen im ganzen den Charakter behält und der gewöhnliche Mensch neben dem geistlichen haust, allenfalls von diesem durch Floskeln und äußere Gebärden ausstaffiert wird, im Handel und Wandel der gewöhnliche, sonntags aber oder unter seinen Brüdern oder vor seinem Gebetbuch ganz ein andrer ist; es ist oft zu hart, einen solchen Charakter der eigentlichen Heuchelei zu beschuldigen; zu dieser gehört das Bewußtsein des Widerspruchs zwischen den Beweggründen der Handlungen und dem Schilde, den man dabei aushängt; bei jenem fehlt dieses Bewußtsein hingegen sehr, und der Mensch hat schlechterdings keine Einheit; kommen diese beiden Arten von Gesinnungen wirklich in Kollision, und die fleischliche hat, wie dies sehr gewöhnlich zu sein pflegt, die Oberhand, so kann es dieser unter der ungeheuren Menge von moralischen und asketischen Geboten unmöglich an einem fehlen, mit dem das Vergehen in Beziehung gesetzt werden und dem Handelnden selbst unter diesem Überzug in einer lobenswürdigen Gestalt erscheinen kann. Am weitesten sind diese Spitzfindigkeiten bei den Katholiken getrieben; die lutherische Kirche hat von dem Äußeren besonders das meiste weggeworfen, aber ein System von Empfindungssatzungen und Regeln aufgestellt, das am konsequentesten von den Pietisten behauptet und geübt wird, denn ob diese schon nur eine Sekte dieser Kirche zu sein scheinen, so kann man doch nicht sagen, daß sie in ihrem Glaubens- oder Moralsystem von den Satzungen ihrer Kirche in etwas abgewichen sei, im Gegenteil scheint sie derselben System nur genauer auszudrücken, und wenn sie von dem größten Teil der Lutheraner sich auszuzeichnen scheinen, so kommt es daher, daß bei diesen die Natur und der gesunde Menschenverstand die Angemessenheit ihres Lebens und ihrer Gefühle zu ihrem Systeme hindert. Am meisten scheinen im ganzen die Reformierten Moral zur Hauptsache zu machen und die Asketik zu vernachlässigen.
Notwendigkeit der Entstehung von Sekten
1/187 Bei diesem Vorhaben der verschiedenen christlichen Kirchen, teils durch öffentliche Statuten und Satzungen, teils durch die hierzu nötige ausübende Gewalt die Gesinnung, die Motive der Handlungen festzusetzen, zu befehlen und hervorzubringen, und bei der Unmöglichkeit, durch diese Mittel über die Freiheit des Menschen zu regieren und mehr als Legalität hervorzubringen, mußte es von Zeit zu Zeit - oder die Kirche müßte es haben dahin bringen können, in einem Teil des Menschengeschlechts unwiderbringlich den Charakter der Menschheit auszutilgen, diesen Mangel zu einem unvertilgbaren Charakter einer Rasse zu machen -, es mußte von Zeit zu Zeit Menschen geben, die in dieser kirchlichen Legalität, in einem Charakter, wie ihn die Asketik zu bilden fähig ist, die Forderungen ihres eigenen Herzens nicht befriedigt fanden und sich fähig fühlten, ein Gesetz der Moralität sich zu geben, das aus Freiheit hervorginge49) ; behielten sie ihren Glauben nicht für sich allein, so wurden sie Stifter einer Sekte, die, im Falle sie nicht von der Kirche unterdrückt wurde, sich ausbreitete und, je mehr sie sich von ihrer Quelle an fortwälzte, wieder nur die Regeln und Gesetze ihres Stifters übrig behielt, die für ihre Anhänger nun auch nicht mehr Gesetze aus Freiheit, sondern wieder kirchliche Statuten waren; welches wieder die Entstehung neuer Sekten herbeiführte; und so immer - zuerst in der jüdischen Kirche, aus ihr ist die christliche Sekte entstanden, sie ist zur Kirche geworden, im Schoße dieser Kirche wurden wieder neue Sekten erzeugt, die dann auch zu Kirchen gediehen, und so muß es fortgehen, solange der Staat den Umfang seiner Rechte verkennt und entweder einen Staat einer herrschenden Kirche in sich entstehen läßt oder gar sich mit ihr assoziiert und so seine Befugnisse wieder überschreitet. -50) Der Grundfehler, der bei dem ganzen System einer Kirche zum Grunde liegt, ist die Verkennung der Rechte einer jeden Fähigkeit des menschlichen Geistes, besonders der ersten unter ihnen, der Vernunft; und wenn diese durch das System der Kirche verkannt worden ist, so kann das System der Kirche nichts anderes als ein System der Verachtung der Menschen sein. Die heilsame Trennung des Gebiets der Kräfte des menschlichen Geistes, die Kant für die Wissenschaft gemacht hat, diese Trennung ist von der Gesetzgebung der Kirche nicht gemacht worden, und Jahrhunderte werden noch vergehen, bis der Geist der Europäer im tätigen Leben, in den Gesetzgebungen jenen Unterschied wird erkennen und machen lernen, worauf das richtige Gefühl der Griechen sie von selbst gebracht hatte. Die moralischen Gebote der Vernunft werden nämlich in der christlichen Kirche sowie in jeder, deren Prinzip reine Moral ist, gerade wie Regeln des Verstandes behandelt51) und aufgestellt; jene sind subjektiv, diese objektiv; von der christlichen Kirche hingegen wird das Subjektive der Vernunft wie etwas Objektives als Regel aufgestellt.
1/188 Die Vernunft stellt moralische, notwendige und allgemeingültige Gesetze auf; insofern werden diese von Kant, obzwar in anderem Sinne als die Regeln des Verstands, objektiv genannt; diese Gesetze nun subjektiv oder zu Maximen zu machen, Triebfedern für sie zu finden, dies ist die Aufgabe, wo die Versuche unendlich divergieren. Jene Fähigkeit der Vernunft haben die Theologen selten abgeleugnet, und heutzutage gesteht man ihr dies so ziemlich allgemein zu -oder wenn sie es getan haben, so haben sie darunter vorzüglich das zweite verstanden, nämlich daß die Vernunft nicht imstande sei, ihrem Gesetze solche Triebfedern mitzugeben, die für sich dem Gesetze Achtung zu verschaffen und den Willen, demselben gemäß zu handeln, geneigt zu machen fähig wären; die christliche Religion gibt uns objektive Triebfedern, Triebfedern, die nicht das Gesetz selbst sind.
1/189 Die einzig moralische Triebfeder, Achtung für das Sittengesetz, kann nur in demjenigen Subjekt bewirkt werden, in welchem dieses Gesetz gesetzgebend ist, aus dessen Innern es selbst hervorgeht; die christliche Religion aber kündigt uns das moralische Gesetz als etwas außer uns Bestehendes, als etwas Gegebenes an und muß also trachten, ihm auf andere Art Achtung zu verschaffen. In den Begriff einer positiven Religion könnte schon dies Merkmal aufgenommen werden, daß sie das Sittengesetz den Menschen als etwas Gegebenes aufstellt. Auf diese Art ist die Tugend eine Kunst von sehr verwickelter Art geworden, da im Gegenteil ein unverdorbenes sittliches Gefühl, das selbst entscheiden darf, im Augenblicke zu entscheiden imstande ist - eine Kunst, die mannigfaltige Handgriffe und Übungen hat und die wie jede andere soll erlernt werden können, die aber dabei das sonderbare Schicksal gehabt hat, daß, während alle menschlichen Künste vervollkommnet worden sind und eine Generation von der anderen gelernt hat, die Moralität der Menschen allein nicht sichtlich zugenommen hat, sondern, ohne die Erfahrung der vorhergehenden Geschlechter nutzen zu können, jeder für sich selbst wieder von vorne lernen muß. Bürgerliche Gesetzgebungen und Verfassungen haben äußere Rechte der Menschen zum Gegenstand, die kirchliche Verfassung das, was der Mensch sich selbst oder Gott schuldig ist. Was nun der Mensch Gott und sich selbst schuldig sei, dies behauptet die Kirche zu wissen und setzt zugleich einen Richterstuhl, vor dem sie darüber richtet. Vor diesen hat sie alles, was in den Handlungen und Begebenheiten der Menschen Göttliches sein kann, gezogen und in ihr Gesetzbuch eingetragen, was die Menschen hierbei empfinden sollen, und auf diese Art einen weitläufigen moralischen Kodex aufgestellt, der teils enthält, was der Mensch tun, teils was er wissen und glauben, teils was er empfinden soll. Auf den Besitz und Handhabung desselben gründet sich die ganze gesetzgebende und richterliche Gewalt der Kirche; und ist es dem Rechte der Vernunft eines jeden Menschen entgegen, daß er einem solchen fremden Kodex unterworfen sei, so ist die ganze Gewalt der Kirche unrechtmäßig; und auf das Recht, sich selbst sein Gesetz zu geben, sich allein für die Handhabung desselben Rechenschaft schuldig zu sein, kann kein Mensch Verzicht tun, denn mit dieser Veräußerung hörte er auf, Mensch zu sein. Ihn aber daran zu verhindern, ist nicht die Sache des Staats - dies hieße den Menschen zwingen wollen, Mensch zu sein, und wäre Gewalt. - Die Entstehung aller Sekten in der christlichen Kirche im mittleren und neueren Zeitalter gründete sich auf das Gefühl einzelner Menschen, das Recht zu haben, sich selbst Gesetzgeber zu sein, aber in barbarischen Zeiten oder in einer Volksklasse geboren, die von ihren Herrschern zur Roheit verdammt ist, war das Prinzip einer solchen Gesetzgebung gewöhnlich eine erhitzte, verwilderte und unordentliche Phantasie, unter deren Ausgeburten zuweilen ein schöner Funken von Vernunft hervorblitzte, und wobei doch immer das unveräußerliche Menschenrecht behauptet wurde, aus seinem Busen sich Gesetze zu geben.52)
[Zusätze]
1.
1/192 53) Ein positiver Glaube ist ein solches System von religiösen Sätzen, das für uns deswegen Wahrheit haben soll, weil es uns geboten ist von einer Autorität, der unseren Glauben zu unterwerfen wir uns nicht weigern können. In diesem Begriff kommt fürs erste ein System religiöser Sätze oder Wahrheiten vor, die, unabhängig von unserem Fürwahrhalten, als Wahrheiten angesehen werden sollen, die, wenn sie auch keinem Menschen nie bekannt, von keinem Menschen nie für wahr gehalten worden wären, dennoch Wahrheiten blieben, und die insofern häufig objektive Wahrheiten genannt werden, - diese Wahrheiten nun sollen auch Wahrheiten für uns, subjektive Wahrheiten werden. Diejenigen Wahrheiten, die den Verstand oder die Vernunft betreffen, sollen von diesen als solche aufgenommen, diejenigen, die Gebote für unseren Willen enthalten, sollen von ihm als Maximen aufgenommen werden, und zwar ist derselben erstes Gebot, die Bedingung aller übrigen, dasjenige, das uns gebietet, jene Wahrheiten für solche zu halten - dies wird uns nämlich geboten von einer Autorität, der wir es schlechterdings nicht ausschlagen können zu gehorchen. Dieser Begriff gehört wesentlich in den Begriff eines positiven Glaubens, daß es für uns Pflicht ist zu glauben; denn historischer Glaube, ferner der Glaube an dasjenige, was uns Eltern, Erzieher, Freunde sagen, ist gleichfalls ein Glaube auf Autorität, allein dieser Glaube hat seinen Grund in einem Zutrauen zu diesen Personen, das willkürlich ist, das großenteils auf der Glaubwürdigkeit selbst beruht, die ihre uns gegebenen Nachrichten für uns haben, dahingegen der Glaube an die Autorität der positiven Lehren nichts ist, das in unserer Willkür ist, und das Zutrauen zu ihr vor aller Bekanntwerdung oder Beurteilung des Inhalts der gegebenen Lehren gegründet sein muß. Das Recht Gottes an uns und die Pflicht unseres Gehorsams gegen ihn beruht nun darauf, weil er unser mächtiger Herr und Gebieter und wir seine Geschöpfe und Untertanen sind, - auf seinen Wohltaten gegen uns und unserer Pflicht der Dankbarkeit, darauf ferner, daß er die Quelle der Wahrheit und wir Unwissende, Blinde sind: über diese Titel des Rechts bemerken wir nur, daß die zwei letzteren schon eine gewisse Liebe zur Wahrheit, schon eine Art von moralischer Gesinnung voraussetzen, daß besonders derjenige, der von den Wohltaten Gottes hergenommen ist, davon ausgeht, was erst erwiesen werden soll, - nämlich unsere Verpflichtung zur positiven Religion wird in diesem Fall daraus hergeleitet, daß diese eine Wohltat ist und aus Dankbarkeit gehorchen eigentlich soviel heißt, es Gott zu Gefallen tun, ihm die Freude machen usw. Der erste Grund unserer Verpflichtung ist der eigentliche gewichtige, besonders da man sich damit an den sinnlichen Menschen wendet, in dem eine moralische Gesinnung erst hervorgebracht werden soll: daß aus diesem Verhältnis gegen Gott diesem Wesen eine Art von Zwangsrecht zukommt, dessen Ausübung er nie entfliehen kann, - einem Herrn auf Erden kann der Sklave hoffen sich zu entziehen, sich aus dem Kreise seiner Macht herauszuziehen; aber nicht so Gott: nähme er Flügel der Morgenröte, so bist du da; verkröche er sich in das unterste Meer, so bist du auch da. Wer diese Übermacht eines Wesens nicht nur über die Triebe seines Lebens - denn eine solche muß jeder anerkennen, es sei nun unter dem Namen von Natur, Fatum oder Vorsehung -, aber auch eine solche Übermacht über seinen Geist, über den ganzen Umfang seines Seins anerkennt, der kann sich einem positiven Glauben nicht entziehen. Die Fähigkeit zu einem solchen setzt notwendig Verlust der Freiheit der Vernunft, der Selbständigkeit derselben voraus, die einer fremden Macht nichts entgegenzusetzen vermag. Hier ist der erste Punkt, von welchem aller Glaube oder Unglaube an eine positive Religion ausgeht, und zugleich der Mittelpunkt, um den sich alle Streitigkeiten deswegen drehen, und wenn er auch nicht zum deutlichen Bewußtsein kommt, so macht er doch den Grund aller Unterwürfigkeit oder Widerspenstigkeit aus. Hier müssen die Orthodoxen festhalten, hier nichts vergeben; - wenn sie auch einräumen, daß Moralität wirklich absoluter und höchster Zweck der Menschheit ist, wenn sie auch einräumen, daß die Vernunft imstande ist - weil sie es nicht leugnen können, was vor ihren Augen geschieht -, ein reines System der Moral zu erbauen, so müssen sie doch behaupten, daß sie doch für sich unvermögend ist, sich das Primat über die Neigungen zu verschaffen, ihre Forderungen zu realisieren, und sie müssen diese Forderungen, den Endzweck der Menschheit notwendig so bestimmen, daß wo nicht in Setzung desselben, doch in der Ausführbarkeit der Mensch von einem Wesen außer ihm abhängig sei. Dieses Unvermögen der Vernunft und die Abhängigkeit unseres ganzen Seins einmal vorausgesetzt, welches die notwendige Bedingung alles Folgenden ist, so ist der Beweis, daß eine gewisse, z. B. die christliche Religion eine solche positive von Gott gegebene Religion sei, ganz historisch zu führen, und dies ist nun um so leichter, weil wir mit Anerkennung unserer Dienstbarkeit eben dadurch den Maßstab einer anderen Prüfung aus der Hand gelegt, uns des Rechts, nach inneren Gründen, nach der Vernunftmäßigkeit derselben zu fragen, die Angemessenheit der erzählten Begebenheiten zu den Erfahrungsgesetzen zu untersuchen, gänzlich begeben haben. - Die Frage nach Vernunftmäßigkeit oder Vernunftwidrigkeit ist hier eine ganz müßige Frage, die etwa aus Langeweile kann angestellt werden, aber die schlechterdings nicht als zur Entscheidung meines Glaubens beitragend angesehen werden darf - vor dem höheren Gerichtshof, der einmal anerkannt ist, müssen alle niedrigeren schweigen. Was deswegen für wahr gehalten wird, weil es vernunftmäßig ist, liegt nimmer in dem Umfange meines positiven Glaubens, ob es zwar geschehen kann, daß, was ich anfangs bloß deswegen glaubte, weil der Glaube daran mir geboten war, ich nachher glaube, weil ich es nun meiner Vernunft angemessen finde, weil ich mich aus Gründen davon überzeugt habe; daß der ganze Inhalt einer positiven Religion fähig sei, endlich aus eigener Vernunft für wahr gehalten zu werden, dies erwarten oder fordern kann nur ein anderer, der frei von diesem positiven Glauben ist, oder von einem Gläubigen kann die Zurückführung seiner positiven Lehren auf Vernunft nur etwa darum unternommen werden, um einem solchen Fremden Genüge zu leisten. Eher wäre, wenn darüber Nachfrage gehalten würde, das Gegenteil zu erwarten von einer von Gott geoffenbarten Religion, welche also göttliche Wahrheiten, d. h. von Gott gedachte enthält, daß die Gedanken Gottes von menschlicher Vernunft nicht gefaßt, nicht ermessen werden können. - Wie ist nun ein positiver Glaube an solche Wahrheiten gedenkbar möglich, wie können sie subjektiv werden; wie ist das menschliche Gemüt in diesem Zustand affiziert, wie tätig, wie leidend? Die Ausdrücke, ein Glaube sei eine lebhafte, zum Handeln treibende, von Gefühlen begleitete Überzeugung, sind zu unbestimmt, als daß uns dadurch viel gesagt würde.
Die christliche Religion enthält teils Gebote über Erkenntnisse von Gegenständen, mit ihren praktischen Momenten, teils Gebote über Handlungen.
Die Möglichkeit, dem anderen seine Erfahrungen und Gedanken mitzuteilen, setzt voraus, daß er schon ähnliche gehabt habe, die wir ihm jetzt in einem anderen Zusammenhange zeigen und ihm aufgeben, sie auf die Art zu verbinden, die wir ihm jetzt angeben; setzt die Fähigkeit voraus, diejenigen Tätigkeiten in sich hervorzubringen, die wir ihm bezeichnen; die Wahrheiten der christlichen Religion nun, die sich aufs Erkenntnisvermögen beziehen, beziehen sich nun teils auf die Einbildungskraft, teils auf den Verstand, teils auf die Vernunft.
1/193 Geschichtliche Wahrheiten, die mit unseren übrigen Erfahrungsgesetzen übereinstimmen, nimmt die Einbildungskraft, unter Zulassung des Verstandes, auf, wobei ihr nichts neu ist als der Zusammenhang, in welchen sie nun schon vorhin gehabte Vorstellungen zu bringen angewiesen ist; sie nimmt sie zugleich mit der Nebenvorstellung auf, daß es wirkliche Erfahrungen waren, daß Gefühle vorhanden waren, die den Verstand zu einer allen Menschen, denen diese Gefühle gegeben worden wären, notwendigen Tätigkeit veranlaßt hatten; dies ist es, was hier der Glaube bedeutet. - Nun kommen aber geschichtliche Wahrheiten vor, von denen ein etwas geübter Verstand sogleich einsieht, daß sie seinen Gesetzen widersprechen, und die er also geneigt ist zu verwerfen, wie alle Wunder und andere übernatürliche Begebenheiten; er ist damit nicht befriedigt, daß man auf übersinnliche Ursachen verweist, denn eine solche Antwort versteht er gar nicht, ihm ist damit gar nichts gesagt - wie kann jetzt der Pflicht, zu glauben, Genüge geleistet werden? Die Einbildungskraft ist mit jener Angebung einer übernatürlichen Ursache vollkommen zufrieden - ihr ist [das] gänzlich gleichgültig -, aber der Verstand verwirft ihr Gedicht und erlaubt ihr gar keine Einsprache bei der Frage über Realität oder Nichtrealität einer Vorstellung; es muß also ein höheres Vermögen, vor dem der Verstand selbst verstummen muß, ins Spiel gezogen werden, und der Glaube wird zu einer Sache der Pflicht gemacht und in ein Gebiet des Übersinnlichen verwiesen, worin der Verstand gar nicht mehr erscheinen darf; in dieser Rücksicht heißt glauben so viel, als einen Zusammenhang von Begebenheiten, der der Einbildungskraft gegeben ist und bei welchem der Verstand immer einen anderen sucht, aus Pflicht, d. h. hier aus Furcht vor dem gewaltigen Gebieter festhalten, den Verstand dabei zwingen, zu diesem Geschäfte, das ihm ein Greuel ist, noch selbst die Hände zu bieten und den Begriff von Ursache zu leihen, aber, sobald er da sich weiter einmischen will, sogleich seine Forderungen aus dem Bewußtsein fortzuschaffen, den der Einbildungskraft gegebenen Zusammenhang zum Bewußtsein zu bringen und durch dessen Festhaltung jenen keinen Raum zu geben.
1/195 Die praktischen Momente nun werden der Vernunft gegeben, um Forderungen derselben zu befriedigen; sie gehen nicht auf den Willen, um diesen zu Handlungen zu bestimmen, sondern auf die an den Willen und die Sinnenwelt Forderungen machende Vernunft, oder [auf das] Gesetz. Der Vernunft sind im System einer positiven Religion nur Forderungen an die Sinnenwelt erlaubt, die diese Religion zu befriedigen verspricht; Forderungen an den Willen macht das Gesetz des Gebieters, die positive Religion selbst, die hierin Unterstützung verspricht -: dieser Wille nämlich, der an seine Kraft keinen Glauben gehabt hat und mit der [Kraft], die er sich noch zutraut, die Angemessenheit zu dem Ideale, das ihm die positive Religion aufgibt, unmöglich erreichen zu können fühlt, erhält die Versicherung, Hilfe von oben und Unterstützung zu erhalten. - Bei diesem Glauben wird zum Bewußtsein erhoben und reflektiert über das, was der Möglichkeit eines positiven Glaubens überhaupt zum Grunde lag, die moralische Kraftlosigkeit und das Gefühl, eine obzwar noch vorstellende und von gegebenen Vorstellungen getriebene Maschine zu sein, - es wird reflektiert über unsere Unbekanntschaft mit der Stärke dieses Räderwerks, über die von uns oft erprobte Unfähigkeit, von gewissen Vorstellungen getrieben zu werden, und damit wird die Hoffnung verbunden, wie der erste Beweger dieses Werkes, als ein guter und mitleidiger Herr, sich dessen annimmt und ihm nachhilft, wo es in Stockung geraten will. Der im positiven Glauben begriffene Mensch macht hier seinen ganzen Zustand getreu zum Objekt seiner Reflexion, nur daß, wie er sonst von den ihm in der positiven Religion gegebenen Vorstellungen bestimmt wird, er hier diese Bestimmung nicht durch das Medium der Vorstellung gegangen sich denkt, sondern daß sie auf seine Tätigkeit, sein Wesen selbst gehen werde. Was die Forderungen der praktischen Vernunft betrifft, die die positive Religion zu befriedigen verspricht, so sind sie von zweierlei Art; einige wünscht sie [sc. die Vernunft] nämlich realisiert zu sehen, vor der Realisierung anderer aber wäre es ihr bang - wegen beidem verspricht die positive Religion sie zu beruhigen. Schon der Ausdruck “die Vernunft wünscht” oder “es ist ihr bang” deutet darauf, daß die Sinnlichkeit hier ins Spiel kommt, daß es vielleicht eigentlich diese wäre, die es der Vernunft unter den Fuß [legt], jene Forderungen zu machen, und daß eigentlich sie es ist, die befriedigt sein will. - Wie kommt in dem besonders in neueren Zeiten berühmt gewordenen und bei allen Völkern vorkommenden Postulate der Harmonie der Glückseligkeit mit der Sittlichkeit die Vernunft zu einer Forderung an etwas, das sie in dieser Rücksicht als von sich unabhängig, unbestimmbar anerkennt? Die Vernunft, die in irgendeinem Subjekt zu einem Grade von Herrschaft, von Macht gediehen ist, gibt dem Bewußtsein dieses Gefühl von Sollen, von Herrschen; wendet sie sich damit an den Willen, der ein bestimmtes Objekt des Triebes hat, so ist dieser nach der von der Vernunft gegebenen Form tätig, bietet die physischen Kräfte auf; siegen diese oder unterliegen sie im Kampfe mit fremden widerstrebenden Kräften und ist der Wille [dabei] festgeblieben, so ist der Vernunft in jedem Falle Genüge geschehen, und wenn jemand den Tod der Ehre oder für Vaterland oder Tugend gestorben ist, so hat man nur in unseren Zeiten sagen können, der Mann wäre eines besseren Schicksals würdig gewesen. Wo die Vernunft einen Willen findet, der mehr von den sinnlichen Neigungen beherrscht wird, und wo sie selten Gelegenheit findet, sich an ihn zu wenden, in solchen Subjekten vernimmt die Sinnlichkeit ihre Stimme, ihr Soll; und erklärt dies nach ihren eigenen Bedürfnissen und deutet dieses Soll der Vernunft als ein Verlangen nach Glückseligkeit, welches Verlangen darin von der sinnlichen Forderung der Glückseligkeit aber verschieden ist, daß es auf eine Stimme der Vernunft sich gründet, daß es eine Macht dieser voraussetzt, ein Soll aussprechen zu können, - und diese durch Vernunft gleichsam legitimierte Forderung heißt dann Würdigkeit zur Glückseligkeit, und Unwürdigkeit derselben heißt ein Unvermögen der Vernunft, ein Soll auszusprechen, ein Unterliegen derselben und also auch eine Ohnmacht gegen die äußeren Umstände. In beiden Fällen heischt die Vernunft nicht Glückseligkeit unmittelbar - dieser Begriff kommt ihr sowenig zu als dem Verstand die Empfindung -, sie gibt dem Bewußtsein nur ihr Soll (oder nicht), das von der Sinnlichkeit aufgefaßt wird; jene bestimmt gar nichts, was das Objekt dieses Soll sein soll, sie hat kein Objekt ihrer Herrschaft. Auch so amalgamiert mit Sinnlichkeit, fordert die Vernunft Realisierung ihres Objekts55) , und da sie dies Gemische, indem sie durch die Beimischung von Natur geschwächt und verunreinigt ist, nicht realisieren kann, so fordert sie ein fremdes Wesen, dem die Herrschaft über die Natur beiwohne, die sie jetzt vermißt und die sie jetzt nicht mehr verschmähen kann.
1/196 In dieser Rücksicht heißt Glaube Mangel des Bewußtseins, daß die Vernunft absolut, in sich selbst vollendet ist, - daß ihre unendliche Idee nur von sich selbst, rein von fremder Beimischung geschaffen werden muß, - daß diese nur durch Entfernung eben dieses sich aufdringenden Fremden, nicht durch eine Anbildung desselben vollendet werden kann. Der auf diese Art bedingte Endzweck der Vernunft gibt den moralischen Glauben an das Dasein Gottes, der nicht praktisch sein kann insofern, als er den Willen [nicht] antreiben könnte, jenen Endzweck zu realisieren, sondern nur etwa den Teil des Endzwecks, der von ihm abhängt, wozu er durch die Betrachtung um so williger gemacht wird, daß die Sinnlichkeit dabei auch ihre Rechnung finden werde. Wer - wie z. B. ein Republikaner oder ein Krieger, der nicht gerade für ein Vaterland, aber doch für die Ehre kämpft - sich also einen Zweck seines Daseins gesetzt hat, in dem sich das zweite Stück, die Glückseligkeit nicht findet, der hat einen Zweck, dessen Realisierung ganz von ihm abhängt und also keiner fremden Beihilfe bedarf. Die positive Religion unterstützt jenen moralischen Glauben noch durch Bilder, durch Data für die Einbildungskraft, der sie jenes Objekt näherbringt, indem sie es so sehr zum Objekt macht, daß sie erzählt, es sei hier und da Menschen in der Erfahrung gegeben worden. Ein anderes berühmtes Bedürfnis der Vernunft, auf das sie sich schlechterdings keine befriedigende Antwort geben kann, ist die verlangte Beruhigung wegen der notwendigen Strafen, die auf Immoralität folgen müssen.
2.
56) Jedes Volk hatte ihm eigene Gegenstände der Phantasie, seine Götter, Engel, Teufel oder Heilige, die in den Traditionen des Volkes fortleben, deren Geschichte und Taten die Amme den Kindern erzählt und [diese] durch den Eindruck auf ihre Einbildungskraft an sich zieht und jene Geschichten bleibend macht. - Außer diesen Geschöpfen der Einbildungskraft leben in dem Andenken der meisten, besonders freier Völker die alten Helden der Geschichte ihres Vaterlandes, - die Stifter oder Befreier der Staaten fast weniger noch als die Tapferen vor den Zeiten, als das Volk sich in einen unter bürgerlichen Gesetzen stehenden Staat vereinigte. Diese Helden leben nicht isoliert, allein in der Phantasie der Völker; ihre Geschichte, die Erinnerung ihrer Taten ist an öffentliche Feste, Nationalspiele, an manche innere Einrichtung oder äußerliche Verhältnisse des Staats, an wohlbekannte Häuser und Gegenden, an öffentliche Tempel und andere Denkmäler geknüpft. Jedes Volk, das seine eigentümliche Religion und Verfassung oder das auch einen Teil derselben und seiner Kultur von fremden Nationen erhalten, aber sich dieselbe ganz angeeignet hatte, - Ägypter, Juden, Griechen, Römer haben eine solche Nationalphantasie gehabt. Auch die alten Germanier, Galen, Skandinavier hatten ihr Walhalla, wo ihre Götter wohnten, ihre Helden, die in ihren Gesängen lebten, deren Taten sie in den Schlachten begeisterten oder bei den Mahlen ihre Seele mit großen Entschlüssen füllten; sie hatten ihre heiligen Haine, wo diese Gottheiten ihnen näher waren.
1/197 Das Christentum hat Walhalla entvölkert, die heiligen Haine umgehauen und die Phantasie des Volks als schändlichen Aberglauben, als ein teuflisches Gift ausgerottet und uns dafür die Phantasie eines Volks gegeben, dessen Klima, dessen Gesetzgebung, dessen Kultur, dessen Interesse uns fremd, dessen Geschichte mit uns in ganz und gar keiner Verbindung ist. In der Einbildungskraft unseres Volkes lebt ein David, ein Salomon, aber die Helden unseres Vaterlandes schlummern in den Geschichtsbüchern der Gelehrten, und für diese hat ein Alexander, ein Cäsar usw. ebensoviel Interesse als die Geschichte eines Karl des Großen oder Friedrich Barbarossa. Außer etwa Luther bei den Protestanten, welches könnten auch unsere Helden sein, die wir nie eine Nation waren? welches wäre unser Theseus, der einen Staat gegründet und ihm Gesetze gegeben hätte; wo unsere Harmodiosse und Aristogitone, denen wir als Befreiern unseres Landes Skolien sängen? Die Kriege, welche Millionen Deutsche gefressen haben, waren Kriege der Ehrsucht oder der Unabhängigkeit der Fürsten, die Nation nur Werkzeug, die, wenn sie auch mit Erbitterung und Wut kämpfte, am Ende doch nicht zu sagen wußte: warum? oder was haben wir gewonnen? Die Reformation und die blutige Behauptung des Rechts, eine solche zu machen, ist eine von den wenigen Begebenheiten, an denen ein Teil der Nation ein Interesse genommen hat, und zwar ein Interesse, das nicht wie das an den Kreuzzügen mit der Erkaltung der Einbildungskraft verdunstete, sondern in dem das Gefühl eines bleibenden Rechts, des Rechts, in seinen religiösen Meinungen seiner selbst errungenen oder erhaltenen Überzeugung zu folgen, tätig war; aber außer der in einigen protestantischen Kirchen gewöhnlichen jährlichen Ablesungen der Augsburger Konfession, die jedem Zuhörer gewöhnlich Langeweile macht, und außer der kalten Predigt, die darauf folgt: welches ist das Fest, das das Andenken jener Begebenheit feierte? Es scheint, als ob die Gewalthaber in Kirche und Staat es gerne sähen, daß das Andenken, daß einst unsere Voreltern dieses Recht gefühlt und Tausende ihr Leben an die Behauptung eines solchen Rechts wagen konnten, daß das Andenken hieran in uns schlummere, ja nicht lebendig erhalten werde.
Wer mit der Geschichte der Stadt Athen, ihrer Bildung und Gesetzgebung unbekannt ein Jahr in ihren Mauern lebte, konnte aus den Festen sie ziemlich kennenlernen.
1/198 So ohne religiöse Phantasie, die auf unserem Boden gewachsen wäre und mit unserer Geschichte zusammenhinge, schlechterdings ohne alle politische Phantasie, schleicht unter dem gemeinen Volke nur hier und da ein Rest eigener Phantasie unter dem Namen Aberglauben herum, der als Gespensterglauben das Andenken eines Hügels erhält, auf welchem einst Ritter ihr Unwesen trieben, oder eines Hauses, wo Mönche und Nonnen spukten oder wo ein für ungetreu gehaltener Verwalter oder Nachbar noch keine Ruhe im Grabe gefunden hat, oder der als Geburt der Phantasie, die nicht aus der Geschichte schöpft, schwache oder böse Menschen mit der Möglichkeit einer Hexenkraft äfft, - dürftige und traurige Reste einer versuchten Selbständigkeit und eines versuchten Eigentums, welche vollends auszurotten als eine Pflicht der ganzen aufgeklärten Klasse der Nation vorgestellt wird und allgemeiner Ton ist, - durch welche Stimmung des feineren Teils der Nation, außer der Unbildsamkeit und Rauhigkeit des Stoffs selbst, die Möglichkeit, jenen Rest von Mythologie und damit die Empfindungsweise und Phantasie des Volks zu veredeln, völlig weggenommen wird. Die lieblichen Spiele eines Hölty, Bürger, Musäus in diesem Fache gehen für unser Volk wohl ganz verloren, da es, um des Genusses derselben empfänglich zu sein, in seiner übrigen Kultur zu weit zurück ist, wie auch die Phantasie der gebildeteren Teile der Nation von der der gemeinen Stände ein völlig anderes Gebiet hat und Schriftsteller und Künstler, die für jene arbeiten, von diesen schlechterdings auch in Ansehung der Szene und der Personen ganz und gar nicht verstanden werden, - dahingegen der atheniensische Bürger, den seine Armut von der Fähigkeit, seine Stimme in der öffentlichen Volksversammlung zu geben, ausschloß oder der sich gar als Sklaven verkaufen mußte, so gut als ein Perikles und Alkibiades wußte, wer der Agamemnon und der Ödipus war, den ein Sophokles und Euripides in edlen Formen einer schönen und erhabenen Menschheit aufs Theater brachte oder ein Phidias und Apell in reinen Gestalten körperlicher Schönheit darstellte.
Die Wahrheit der Charaktere in der Darstellung durch Shakespeare hat außerdem, daß viele aus der Geschichte bekannt sind, dieselben dem englischen Volk so tief eingeprägt und für dasselbe einen eigenen Kreis von Phantasievorstellungen gebildet, daß das Volk bei Aufstellungen der akademischen Gemälde die Gegenstände desjenigen Teils, wo die größten Meister wetteifern, der Shakespearegalerie, wohl versteht und frei genießen kann.
Diejenige Sphäre von Phantasievorstellungen, die dem gebildeten wie dem ungebildeten Teile unserer Nation gemein wäre, die religiöse Geschichte, hat für die dichterische Bearbeitung, wodurch die Nation veredelt werden könnte, außer anderen Unbequemlichkeiten in Ansehung des ungebildeteren Teils [den Nachteil], daß dieser zu steif an dem Stoffe als an einer Glaubenssache hängt, in Ansehung des gebildeteren Teils [den Nachteil], daß auch bei einer schöneren Behandlung von seiten des Dichters schon teils die Namen die Vorstellung von etwas Altfränkischem und Gotischem mit sich führen, teils wegen des Zwanges, mit dem sie von Jugend auf der Vernunft sind angekündigt worden, ein Gefühl von Unbehaglichkeit mit sich bringen, das dem Genusse der Schönheit, der aus dem freien Spiele der Seelenkräfte hervorgeht, zuwider ist; wenn auch in einzelnen Köpfen die Phantasie sich in Freiheit gesetzt hat und dem Schönen und Großen allein nachstrebt, so sieht man es im ganzen ihren Idealen oder ihrer Empfänglichkeit für diese an, daß sie ihr von dem Katechismus zugeschnitten worden sind.
1/199 Als sich der Geschmack an alter Literatur und damit der Geschmack an schönen Künsten ausbreitete, so nahm der gebildetere Teil der Nation die Mythologie der Griechen in ihre Phantasie auf, und die Empfänglichkeit desselben für diese Vorstellungen beweist ihre größere Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Verstande, der sich sonst nie enthalten konnte, sie in ihrem freien Genuß zu stören. Andere versuchten es, den Deutschen eine eigentümliche Phantasie, die auf ihrem Grund und Boden gewachsen war, wieder zu geben, und riefen ihnen zu: ist denn Achaia der Tuiskonen Vaterland? Allein diese Phantasie ist nicht die Phantasie der jetzigen Deutschen; die verlorene Phantasie einer Nation wiederherzustellen, war von jeher vergeblich und konnte im ganzen noch weniger Glück machen als Julians Versuch, der Mythologie seiner Voreltern in den Menschen seiner Zeit ihre vorige Stärke und Allgemeinheit zu geben, ein Versuch, dessen Gelingen viel mehr Wahrscheinliches für sich hatte, da in den Gemütern noch viel davon übrig war, da dem Kaiser noch viele Mittel zu Gebote standen, seiner Mythologie den Vorzug zu geben. Jene altdeutsche Phantasie findet nichts in unserem Zeitalter, an das sie sich anschmiegen, anknüpfen könnte, sie steht in dem ganzen Kreise unserer Vorstellungen, Meinungen und Glaubens so abgerissen da, ist uns so fremd als die ossianische oder indianische, und was jener Dichter in Ansehung der griechischen Mythologie seinem Volke zuruft, könnte man ihm und seinem Volke in Ansehung der jüdischen mit eben dem Rechte zurufen und fragen: Ist denn Judäa der Tuiskonen Vaterland?
1/201 Sosehr die Phantasie die Freiheit liebt, sosehr gehört dazu, daß die Religionsphantasie eines Volkes fest sei, daß sie ihr System weniger an bestimmte Zeiten als an gewisse bekannte Orte knüpfe; diese Kenntnis des Orts ist dem Volke gewöhnlich ein Beweis mehr oder der sicherste, daß die Geschichte, die man davon erzählt, wahr sei. Daher die lebendige Gegenwart, mit welcher die Mythologie der Griechen in ihren Gemütern war; daher die Stärke des Glaubens der Katholiken an ihre Heiligen und Wundertäter; den Katholiken sind diejenigen Wunder viel gegenwärtiger und wichtiger, die in ihrem Lande verrichtet wurden, als die oft viel größeren, die in anderen Ländern oder die selbst von Christus verrichtet wurden. Jedes Land hat gewöhnlich seinen Schutzpatron, der in diesem Lande besonders Wunder getan hat und dort vorzüglich verehrt wird. Außerdem glaubt sich jedes Volk durch die besondere Aufmerksamkeit, die ein solcher Schutzgott ihm geweiht habe, vorzüglich ausgezeichnet und geehrt, und dieser Vorzug vor anderen Völkern vermehrt seine Anhänglichkeit daran, wie dies der Fall bei den Juden ist. Hierdurch wird eine solche Phantasie einheimisch bei einem Volke. Das, was in unseren heiligen Büchern eigentliche Geschichte ist, wie der größte Teil des Alten Testaments, und nicht eigentlich wie das Neue Testament die Glaubenspflicht auf sich hat, also eigentlich zum Gegenstand der Volksphantasie werden kann, ist unseren Sitten, unserer Verfassung, der Kultur unserer körperlichen und Seelenkräfte so fremd, daß es fast keinen Punkt gibt, wo wir damit zusammentreffen, als hier und da die allgemein menschliche Natur, - und [ist] für jeden, der anfängt aufgeklärt zu werden, d. h. für die Gesetze seines Verstandes und seiner Erfahrung Allgemeinheit zu fordern - und die Anzahl dieser Klasse der Menschen steigt immer -, größtenteils ungenießbar und für nur zwei Klassen von Lesern zu gebrauchen, für die eine, die mit heiliger Einfalt in dem Sinn alles für wahr nimmt, daß sie überzeugt ist, es wäre auch für die allgemeine Erfahrung zugänglich gewesen, und für die andere Klasse, der diese Frage über Wahrheit und Unwahrheit für den Verstand dabei gar nicht einfällt, sondern die bloß an subjektive, an Wahrheit für die Phantasie dabei denkt, so wie wir sie an der Hand Herders lesen.58)
Die Griechen hatten ihre religiösen Sagen fast nur dazu, um Götter zu haben, denen sie ihre Dankbarkeit weihen, denen sie Altäre bauen und Opfer darbringen könnten; uns hingegen soll die heilige Geschichte mancherlei nutzen, wir sollen mancherlei in moralischer Rücksicht daraus lernen und ersehen. Aber eine gesunde moralische Urteilskraft, die mit diesem Vorsatz darangeht, ist gar oft genötigt, das Moralische in die meisten Geschichten hineinzulegen, ehe sie etwas Moralisches finden kann, und mit gar vielen wird sie überhaupt in Verlegenheit kommen, sie mit ihren Grundsätzen zu vereinen. Der Hauptnutzen und die Hauptwirkung, die ein frommer Mann dabei in sich verspüren kann, ist die Erbauung, d. h. die Erweckung dunkler heiliger Empfindungen (weil er jetzt mit Vorstellungen von Gott umgeht), deren Verworrenheit auf Gewinn an moralischer Einsicht Verzicht tut, aber gewöhnlich eine Verstärkung anderer sogenannter heiliger Leidenschaften, als eines mißverstandenen heiligen Eifers für Gottes Ehre, frommen Stolzes und Eigendünkels und einer gottergebenen Schlafsucht, mit zurückbringt.
Unterschied zwischen griechischer Phantasie- und christlicher positiver Religion59)
1/202 Es ist eine der angenehmsten Empfindungen der Christen, ihr Glück und ihre Wissenschaft mit dem Unglück und der Finsternis der Heiden in Vergleichung zu setzen, und einer der Gemeinplätze, wohin die geistlichen Hirten ihre Schafe auf die Weide der Selbstzufriedenheit und der stolzen Demut am liebsten führen, ihnen dies Glück recht lebhaft vor die Augen zu stellen, wobei dann die blinden Heiden gewöhnlich sehr übel wegkommen. Besonders werden sie wegen der Trostlosigkeit ihrer Religion, die ihnen keine Vergebung der Sünden verheißt, besonders sie ohne den Glauben an eine Vorsehung läßt, welche ihre Schicksale nach weisen und wohltätigen Zwecken leite, [bedauert]. Wir können aber bald gewahr werden, daß wir unser Mitleiden sparen dürfen, indem wir bei den Griechen nicht diejenigen Bedürfnisse antreffen, die unsere jetzige praktische Vernunft hat, - der man überhaupt wirklich sehr viel aufzubürden weiß.
Die Verdrängung der heidnischen Religion durch die christliche ist eine von den wunderbaren Revolutionen, deren Ursachen aufzusuchen den denkenden Geschichtsforscher beschäftigen muß. Den großen, in die Augen fallenden Revolutionen muß vorher eine stille, geheime Revolution in dem Geiste des Zeitalters vorausgegangen sein, die nicht jedem Auge sichtbar, am wenigsten für die Zeitgenossen beobachtbar und ebenso schwer mit Worten darzustellen als aufzufassen ist. Die Unbekanntschaft mit diesen Revolutionen in der Geisterwelt macht dann das Resultat anstaunen; eine Revolution von der Art wie die, daß eine einheimische, uralte Religion von einer fremden verdrängt wird, eine solche Revolution, die sich unmittelbar im Geisterreiche zuträgt, muß um so unmittelbarer in dem Geiste der Zeit selbst ihre Ursachen finden.
Wie konnte eine Religion verdrängt werden, die seit Jahrhunderten sich in den Staaten festgesetzt hatte, die mit der Staatsverfassung aufs innigste zusammenhing, wie konnte der Glaube an Götter aufhören, denen die Städte und Reiche ihre Entstehung zuschrieben, denen die Völker alle Tage Opfer brachten, deren Segen sie zu allen Geschäften anriefen, unter deren Panier die Armeen allein siegreich gewesen waren, denen sie für ihre Siege gedankt hatten, denen die Fröhlichkeit ihre Lieder sowie der Ernst seine Gebete weihte, deren Tempel, deren Altäre, Reichtümer und Statuen der Stolz der Völker, der Ruhm der Künste war, deren Verehrung und Feste nur Veranlassungen zur allgemeinen Freude waren, - wie konnte der Glaube an die Götter, der mit tausend Fäden in das Gewebe des menschlichen Lebens verschlungen war, aus diesem Zusammenhange losgerissen werden? Einer körperlichen Gewohnheit kann der Wille des Geistes und andere körperliche Kräfte, einer Gewohnheit einer einzelnen Seelenkraft [können] außer dem festen Willen andere Seelenkräfte entgegengesetzt werden; aber einer Gewohnheit der Seele, die nicht isoliert [ist], wie jetzt häufig die Religion ist, sondern die alle Seiten menschlicher Kräfte durchschlingt und mit der selbsttätigsten Kraft selbst aufs innigste verwebt ist, - wie stark muß das Gegengewicht sein, das jene Macht überwinde?
1/203 Die Bekanntschaft mit dem Christentum hatte die negative Wirkung, daß die Völker auf das Dürftige und Trostlose ihrer Religion aufmerksam gemacht wurden, daß ihr Verstand das Ungereimte und Lächerliche der Fabeln ihrer Mythologie einsah und sich damit nicht mehr befriedigte, - die positive Wirkung, daß sie das Christentum, diese Religion, die, allen Bedürfnissen des menschlichen Geistes und Herzens so angemessen, alle Fragen der menschlichen Vernunft so befriedigend beantwortet, die außerdem ihren göttlichen Ursprung noch durch Wunder beglaubigte, annahmen. Dies ist die gewöhnliche Antwort auf jene Frage, und die Ausdrücke: Aufklärung des Verstandes und neue Einsicht u. dgl., die man dabei gebraucht, sind uns so geläufig, daß wir große Dinge dabei zu denken und alles damit erklärt zu haben vermeinen, - und wir stellen uns jene Operation so leicht und die Wirkung so natürlich vor, da es uns ja so leicht ist, einem jeden Kinde begreiflich zu machen, wie ungereimt es ist, zu glauben, daß da oben im Himmel ein solches Rudel von Göttern, als die Heiden glaubten, herumrumorten, essen und trinken, sich herumbalgen und noch andere Dinge treiben, deren sich bei uns jeder gesittete Mensch schämt.
Wer aber nur die einfältige Bemerkung gemacht hat, daß jene Heiden doch auch Verstand hatten, daß sie außerdem in allem, was groß, schön, edel und frei ist, noch so sehr unsere Muster sind, daß wir uns über diese Menschen als ein uns fremdes Geschlecht nur verwundern können, - wer es weiß, daß die Religion, besonders eine Phantasiereligion, nicht durch kalte Schlüsse, die man sich da in der Studierstube vorrechnet, aus dem Herzen, am wenigsten aus dem Herzen und dem ganzen Leben des Volks gerissen wird, - wer es ferner weiß, daß bei der Verbreitung der christlichen Religion eher alles andere als Vernunft und Verstand sind angewendet worden, - wer, statt durch die Wunder den Eingang des Christentums erklärbar zu finden, eher sich die Frage schon aufgeworfen hat: wie muß das Zeitalter beschaffen gewesen sein, daß Wunder, und zwar solche Wunder, als uns die Geschichte erzählt, in demselben möglich wurden -: wer diese Bemerkungen schon gemacht hat, wird die oben aufgeworfene Frage durch jene Antwort noch nicht befriedigt finden.
Das freie Rom, das eine Menge von Staaten, die - in Asien früher, gegen Abend später - ihre Freiheit verloren hatten, sich unterworfen und einige wenige noch freie zerstört hatte - denn diese hätten sich nicht unterjochen lassen -, der Siegerin der Welt blieb allein die Ehre, wenigstens die letzte zu sein, die ihre Freiheit verlor. Die griechische und römische Religion war nur eine Religion für freie Völker, und mit dem Verlust der Freiheit muß auch der Sinn, die Kraft derselben, ihre Angemessenheit für die Menschen verlorengehen. Was sollen einer Armee Kanonen, die ihre Ammunition verschossen hat? Sie muß andere Waffen suchen. Was sollen dem Fischer Netze, wenn der Strom vertrocknet ist?
1/204 Als freie Menschen gehorchten sie Gesetzen, die sie sich selbst gegeben, gehorchten sie Menschen, die sie selbst zu ihren Oberen gesetzt, führten sie Kriege, die sie selbst beschlossen [hatten], gaben ihr Eigentum, ihre Leidenschaften hin, opferten sie tausend Leben für eine Sache, welche die ihrige war, - lehrten und lernten nicht, aber übten Tugendmaximen durch Handlungen aus, die sie ganz ihr eigen nennen konnten; im öffentlichen wie im Privat- und häuslichen Leben war jeder ein freier Mann, jeder lebte nach eigenen Gesetzen. Die Idee seines Vaterlandes, seines Staates war das Unsichtbare, das Höhere, wofür er arbeitete, das ihn trieb, dies [war] sein Endzweck der Welt, oder der Endzweck seiner Welt, - den er in der Wirklichkeit dargestellt fand oder selbst darzustellen und zu erhalten mithalf. Vor dieser Idee verschwand seine Individualität, er verlangte nur für jene Erhaltung, Leben und Fortdauer und konnte dies selbst realisieren; für sein Individuum Fortdauer oder ewiges Leben zu verlangen oder zu erbetteln, konnte ihm nicht oder nur [selten] einfallen, er konnte nur in tatenlosen, in trägen Augenblicken einen Wunsch, der bloß ihn betraf, etwas stärker empfinden. Cato wandte sich erst zu Platons Phaidon, als das, was ihm bisher die höchste Ordnung der Dinge war, seine Welt, seine Republik zerstört war; dann flüchtete er sich zu einer noch höheren Ordnung.
Ihre Götter herrschten im Reiche der Natur, über alles, wodurch Menschen leiden oder glücklich sein können. Hohe Leidenschaften waren ihr Werk, sowie große Gaben der Weisheit, der Rede und des Rats ihr Geschenk. Sie wurden um Rat gefragt wegen glücklichen oder unglücklichen Erfolgs einer Unternehmung und um ihren Segen gefleht, ihnen wurde für ihre Gaben jeder Art gedankt. Diesen Herrschern der Natur, dieser Macht selbst konnte der Mensch sich selbst, seine Freiheit entgegensetzen, wenn er mit ihnen in Kollision kam. Ihr [sc. der Menschen] Wille war frei, gehorchte seinen eigenen Gesetzen, sie kannten keine göttlichen Gebote, oder wenn sie das Moralgesetz ein göttliches Gebot nannten, so war es ihnen nirgend, in keinem Buchstaben gegeben, es regierte sie unsichtbar (Antigone). Dabei erkannten sie das Recht eines jeden, seinen Willen, er mochte gut oder bös sein, zu haben. Die Guten erkannten für sich die Pflicht, gut zu sein, aber ehrten zugleich die Freiheit des anderen, es auch nicht sein zu können, und stellten daher weder eine göttliche noch eine von sich gemachte oder abstrahierte Moral auf, die sie anderen zumuteten.
1/205 Glückliche Kriege, Vermehrung des Reichtums und Bekanntschaft mit mehreren Bequemlichkeiten des Lebens und mit Luxus erzeugten in Athen und Rom eine Aristokratie des Kriegsruhms und des Reichtums, und [man] gab ihnen eine Herrschaft und Einfluß über viele Menschen, die ihnen, bestochen durch die Taten jener Männer und mehr noch durch den Gebrauch, den sie von ihren Reichtümern machten, gern und freiwillig eine Übermacht und Gewalt im Staate einräumten, die sie sich bewußt waren, ihnen selbst gegeben zu haben und ihnen im ersten Anfall einer üblen Laune wieder abnehmen zu können. Aber nach und nach hörten sie auf, einen Vorwurf zu verdienen, den man ihnen so oft gemacht hat, nämlich undankbar gegen sie zu sein und bei der Wahl zwischen diesem Unrecht und der Freiheit das erstere vorzuziehen, Tugenden eines Mannes verfluchen zu können, die ihrem Vaterlande den Untergang brachten. - Bald wurde die frei eingeräumte Übermacht mit Gewalt behauptet, und schon diese Möglichkeit setzt den Verlust desjenigen Gefühls, desjenigen Bewußtseins voraus, das Montesquieu unter dem Namen der Tugend zum Prinzip der Republiken macht und die Fertigkeit ist, für eine Idee, die für Republikaner in ihrem Vaterlande realisiert ist, das Individuum aufopfern zu können.
1/206 Das Bild des Staates als ein Produkt seiner Tätigkeit verschwand aus der Seele des Bürgers; die Sorge, die Übersicht des Ganzen ruhte in der Seele eines Einzigen oder einiger Wenigen; ein jeder hatte seinen ihm angewiesenen, mehr oder weniger eingeschränkten, von dem Platze des anderen verschiedenen Platz; einer geringen Anzahl von Bürgern war die Regierung der Staatsmaschine anvertraut, und diese dienten nur als einzelne Räder, die ihren Wert erst in Verbindung mit anderen erhalten - der jedem anvertraute Teil des zerstückelten Ganzen war im Verhältnis zu diesem so unbeträchtlich, daß der Einzelne dieses Verhältnis nicht zu kennen oder vor Augen zu haben brauchte. Brauchbarkeit im Staate war der große Zweck, den der Staat seinen Untertanen setzte, und der Zweck, den diese sich dabei setzten, war Erwerb und Unterhalt und noch etwa Eitelkeit. Alle Tätigkeit, alle Zwecke bezogen sich jetzt aufs Individuelle; keine Tätigkeit mehr für ein Ganzes, für eine Idee - entweder arbeitete jeder für sich oder gezwungen für einen anderen Einzelnen. Die Freiheit, selbstgegebenen Gesetzen zu gehorchen, selbstgewählten Obrigkeiten im Frieden und Heerführern zu folgen, selbst mitbeschlossene Pläne auszuführen, fiel hinweg; alle politische Freiheit fiel hinweg; das Recht des Bürgers gab nur ein Recht an Sicherheit des Eigentums, das jetzt seine ganze Welt ausfüllte; die Erscheinung, die ihm das ganze Gewebe seiner Zwecke, die Tätigkeit seines ganzen Lebens niederriß, der Tod, mußte ihm etwas Schreckliches sein, denn ihn überlebte nichts; den Republikaner [hingegen] überlebte die Republik, und ihm schwebte der Gedanke vor, daß sie, seine Seele, etwas Ewiges sei.
1/207 Aber so, indem alle seine Zwecke, alle Tätigkeit aufs einzelne gingen, indem der Mensch für dieselben keine allgemeine Idee mehr fand, für die er leben und sterben mochte, fand er auch keine Zuflucht bei seinen Göttern, denn auch sie waren einzelne, unvollendete Wesen, die einer Idee nicht Genüge leisten konnten.60) Griechen und Römer waren mit so dürftig ausgerüsteten, mit Schwachheiten der Menschen begabten Göttern zufrieden, denn das Ewige, das Selbständige hatten jene Menschen in ihrem eigenen Busen. Sie konnten die Verspottung derselben auf der Bühne leiden, denn es war nicht das Heilige, das man in ihnen verspotten konnte; ein Sklave bei Plautus durfte sagen: si summus Jupiter hoc facit, ego homuncio idem non facerem61) , eine Folgerung, die seine Zuhörer seltsam und lächerlich finden mußten, da ihnen das Prinzip, was der Mensch zu tun habe, in den Göttern zu finden, ganz unbekannt war, die ein Christ hingegen richtig finden müßte. In diesem Zustande, ohne Glauben an etwas Haltbares, an etwas Absolutes, in dieser Gewohnheit, einem fremden Willen, einer fremden Gesetzgebung zu gehorchen, ohne Vaterland, in einem Staate, an dem keine Freude haften konnte, dessen Druck der Bürger allein fühlte, bei einem Götterdienste, zu dessen Feier, zu dessen Festen sie den Frohsinn, der aus ihrem Leben entflohen war, nicht mitbringen konnten, in einem Zustande, in welchem der Sklave, seinem Herrn ohnehin sehr häufig an natürlichen Fähigkeiten und an Bildung überlegen, bei ihm den Vorzug der Freiheit und Unabhängigkeit nicht mehr erblicken konnte, - in diesem Zustande bot sich den Menschen eine Religion dar, die entweder schon den Bedürfnissen der Zeit angemessen war, denn sie war unter einem Volke von ähnlicher Verdorbenheit und ähnlicher, nur anders gefärbter Leerheit und Mangel entstanden, oder aus der die Menschen dasjenige formen, sich an das hängen konnten, was ihr Bedürfnis heischte.
1/208 Die Vernunft konnte es nie aufgeben, doch irgendwo das Absolute, das Selbständige, Praktische zu finden, in dem Willen der Menschen war es nicht mehr anzutreffen; es zeigte sich ihr noch in der Gottheit, die die christliche Religion ihr darbot, außerhalb der Sphäre unserer Macht, unseres Wollens, doch nicht unseres Flehens und Bittens, - die Realisierung einer moralischen Idee konnte also nur noch gewünscht (denn was man wünschen kann, kann man nicht selbst vollbringen, man erwartet, es ohne unser Zutun zu erhalten), nicht mehr gewollt werden. Zu einer solchen, durch ein göttliches Wesen zustande zu bringenden Revolution, wobei die Menschen sich ganz passiv verhielten, machten auch die ersten Ausbreiter der christlichen Religion Hoffnung, und als diese Hoffnung endlich verschwand, so begnügte man sich, jene Revolution des Ganzen am Ende der Welt zu erwarten. - Sobald einmal die Realisierung einer Idee außerhalb der Grenzen menschlicher Macht gesetzt ist, und die damaligen Menschen fühlten sich zu wenig mehr fähig, so ist es gleichviel, wie weit der Gegenstand des Hoffens ins Unermeßliche ausgedehnt wird, und er war also fähig, alles, nicht für die Phantasie, sondern in der Erwartung der Wirklichkeit in sich aufzunehmen, womit eine orientalische Einbildungskraft in ihrer Begeisterung ihn ausgeschmückt hatte. Auch solange der jüdische Staat Mut und Kraft, sich unabhängig zu erhalten, in sich selbst fand, finden wir [die Juden] zur Erwartung eines Messias selten oder, wie viele wollen, nie ihre Zuflucht nehmen; erst unterjocht von fremden Nationen, im Gefühl ihrer Ohnmacht und Schwäche sehen wir sie nach einem solchen Troste in ihren heiligen Büchern graben; damals, als sich ihnen ein Messias anbot, der ihre politischen Hoffnungen nicht erfüllte, hielt es das Volk der Mühe wert, daß ihr Staat noch ein Staat wäre; welchem Volke dies gleichgültig ist, ein solches wird bald aufhören, ein Volk zu sein; und kurze Zeit nachher warf es seine trägen Messiashoffnungen weg, griff zu den Waffen, und nachdem [es] alles getan, was höchstbegeisterter Mut leisten kann, das grauenvollste menschliche Elend ertragen hatte, begrub es sich und seinen Staat unter den Ruinen seiner Stadt, und [es] würde in der Geschichte, in der Meinung der Nationen neben Karthaginiensern und Saguntinern, größer als die Griechen und Römer, deren Städte ihren Staat überlebten, dastehen, wenn das Gefühl dessen, was ein Volk für seine Unabhängigkeit tun kann, uns nicht zu fremd wäre und wenn wir nicht den Mut hätten, einem Volke vorschreiben zu wollen, daß es seine Sache nicht hätte zu seiner Sache machen, sondern unsere Meinungen [haben] und für diese leben und sterben sollen, zu deren Behauptung wir keinen Finger rühren. Der zerstreute Überrest der Juden hat zwar die Idee seines Staates nicht verlassen, aber ist damit nie mehr zum Panier eigenen Mutes, sondern wieder nur zur Fahne einer trägen Messiashoffnung zurückgekehrt. - Auch die Anhänger der heidnischen Religion fühlten diesen Mangel an praktischen Ideen; daß sie sich unter den Menschen finden sollten, fühlte ein Lukian, ein Longin, und die traurige Erfahrung, die sie darüber machten, ergoß sich in bittere Klagen, andere dagegen, wie Porphyr und Jamblich, versuchten es, ihre Götter mit einem Reichtum, der das Eigentum der Menschen nicht mehr war, auszustatten und dann von ihnen durch Zaubereien einen Teil davon als Geschenk zurückzuerhalten. Außer früheren Versuchen blieb es unseren Tagen vorzüglich aufbehalten, die Schätze, die an den Himmel verschleudert worden sind, als Eigentum der Menschen, wenigstens in der Theorie, zu vindizieren, aber welches Zeitalter wird die Kraft haben, dieses Recht geltend zu machen und sich in den Besitz zu setzen?
1/209 In dem Schoße dieser verdorbenen Menschheit, die sich von der moralischen Seite selbst verachten mußte, aber sonst als einen Liebling der Gottheit hochhielt, mußte die Lehre von der Verdorbenheit der menschlichen Natur erzeugt und gern angenommen werden; sie stimmte einerseits mit der Erfahrung überein, andererseits tat sie dem Stolze Genüge, die Schuld von sich abzuwälzen und [sich] im Gefühl des Elends selbst einen Grund des Stolzes zu geben, sie brachte zu Ehren, was Schande ist, sie heiligte und verewigte jene Unfähigkeit, indem sie selbst das, an die Möglichkeit einer Kraft glauben zu können, zur Sünde machte. Das Gebiet der Herrschaft der heidnischen Götter, die bisher nur in der Natur ihr Wesen trieben, wurde wie das des christlichen Gottes über die freie Geisterwelt ausgedehnt; ihm wurde nicht nur das Recht der Gesetzgebung ausschließend eingeräumt, sondern von ihm jede gute Regung, jeder bessere Vorsatz und Entschluß als sein Werk erwartet, nicht in dem Sinne, wie die Stoiker alles Gute der Gottheit zuschrieben, indem sie ihre Seelen als ihres Geschlechts, als einen Funken von ihr sich dachten, sondern in dem Sinne: als das Werk eines Wesens, das außer uns ist, dessen Teil wir nicht sind, das uns ferne ist, mit dem wir nichts Gemeines haben. Ebenso wurde selbst das Vermögen, gegen jene Einwirkungen Gottes sich passiv zu verhalten, noch durch die unaufhörlichen Ränke und List eines bösen Wesens geschwächt, das in das Gebiet des anderen sowohl im Natur- als im Geisterreiche beständige Streifereien machte; und als die Manichäer dem bösen Prinzip die ungeteilte Herrschaft im Reiche der Natur einzuräumen schienen, so vindizierte die orthodoxe Kirche gegen diese die Majestät Gottes entehrende Behauptung dieser billig den größten Teil derselben; das böse Prinzip war von ihr aber durch die Einräumung einer Macht im Reiche der Freiheit hinlänglich für diesen Verlust entschädigt worden.
Mit redlichem Herzen und einem gutmeinenden Eifer flüchtete sich das kraftlose Geschlecht zu dem Altar, auf dem es Selbständigkeit und Moralität fand und anbetete. Als aber das Christentum in die verdorbenere, vornehmere Klasse eindrang, als in seinem Innern selbst große Unterschiede von Vornehm und Gering entstanden, als der Despotismus alle Quellen des Lebens und Seins [immer] mehr vergiftete, legte das Zeitalter die ganze Unbedeutsamkeit seines Wesens durch die Wendung dar, die seine Begriffe von der Göttlichkeit Gottes und seine Streitigkeiten darüber nahmen, und es zeigte seine Blöße um so unverhüllter, da es sie mit dem Nimbus der Heiligkeit umgab und sie als die höchste Ehre der Menschheit hochpries.
1/210 Aus dem Ideal der Vollkommenheit nämlich, aus der einzigen Stätte, wo das Heilige verwahrt wurde, verschwand auch das Moralische oder wurde wenigstens in Vergessenheit gestellt. Statt des Moralischen, des wahren Göttlichen, von dessen Anschauung doch erwärmende Strahlen ins Herz zurückgeworfen worden wären, zeigte der Spiegel nichts mehr als das Bild seiner Zeit, Natur, zu einem Zwecke, den ihr der Stolz und Leidenschaft der Menschen beliebig lieh, - Natur, denn wir sehen alles Interesse des Wissens und Glaubens nach der metaphysischen oder transzendentalen Seite der Idee von der Gottheit hingewandt. Wir sehen [die Christenheit] weniger mit dynamischen Verstandsbegriffen beschäftigt, die die theoretische Vernunft ins Unendliche auszuspannen vermögend ist, als vielmehr damit, Zahlenbegriffe, die Reflexionsbegriffe von Verschiedenheit u. dgl., ja sogar bloße Wahrnehmungsvorstellungen von Entstehen, Schaffen, Erzeugen auf ihr unendliches Objekt anwenden und seine Eigenschaften aus Begebenheiten in seiner Natur herleiten. Diese Bestimmungen und Spitzfindigkeiten blieben nicht, wie sonst, in den Studierstuben der Theologen eingeschlossen, ihr Publikum war die ganze Christenheit, alle Stände, alle Alter, beide Geschlechter nahmen gleichen Anteil daran, und die Verschiedenheit in solchen Meinungen erregte den tödlichsten Haß, die blutigsten Verfolgungen, oft eine völlige Zerrüttung aller moralischen Bande und der heiligsten Verhältnisse. Eine solche Umkehrung der Natur konnte nicht anders, als sich aufs fürchterlichste rächen.
Was den Zweck betrifft, den sie dieser unendlichen Natur gaben, so war er von einem moralischen Endzweck der Welt weit entfernt, nicht nur auf die Ausbreitung der christlichen Religion eingeschränkt, sondern auf Zwecke, die eine einzelne Gemeinde, einzelne Menschen, besonders Priester sich setzten, die jedes Eigendünkel, Stolz, Ehrsucht, Neid, Haß und andere Leidenschaften ihm eingaben. Doch war es noch nicht Zeit zu der schöngemalten Vorsehungs- und Trosttheorie unserer Tage, die den Schlußstein unserer Glückseligkeitslehre ausmacht. Die Lage der Christen war größtenteils zu unglücklich, als daß sie viel Glückseligkeit auf Erden erwartet hätten, der allgemeine Begriff einer Kirche zu tief in der Seele, als daß das Individuum soviel für sich erwartet oder gefordert hätte. Aber desto stärker waren die Forderungen, die man machte, sobald man sein Interesse mit dem Interesse dieser Kirche in Verbindung setzen konnte. Sie verschmähten die Freuden der Welt und die Güter der Erde, die sie entbehren mußten, und fanden ihre reichliche Entschädigung im Himmel. An die Stelle eines Vaterlandes, eines freien Staats war die Idee der Kirche getreten, sie sich von jenem dadurch unterschied, daß - außerdem, daß in ihr keine Freiheit Platz haben konnte - jener vollendet sich auf Erden befand, diese hingegen mit dem Himmel aufs innigste in Verbindung stand, welcher dem Empfindungssystem der Christen so nahe war, daß das Hingeben aller Freuden und Güter keine Aufopferung scheinen konnte und nur denjenigen Zuschauern des Todes der Märtyrer außerordentlich vorkommen mußte, die jene Empfindung der Nähe des Himmels nicht kannten.
1/212 So hatte der Despotismus der römischen Fürsten den Geist des Menschen von dem Erdboden verjagt, der Raub der Freiheit hatte ihn gezwungen, sein Ewiges, sein Absolutes in die Gottheit zu flüchten, - das Elend, das [jen]er verbreitete, [hatte ihn gezwungen,] Glückseligkeit im Himmel zu suchen und zu erwarten. Die Objektivität der Gottheit ist mit der Verdorbenheit und Sklaverei der Menschen in gleichem Schritte gegangen, und jene ist eigentlich nur eine Offenbarung, nur eine Erscheinung dieses Geistes der Zeiten. Auf diese Art, durch seinen objektiven Gott offenbarte sich dieser Geist, als die Menschen so erstaunlich viel von Gott zu wissen anfingen, als so viele Geheimnisse seiner Natur, in so vielen Formeln, nicht wie sonst Geheimnisse von einem Nachbar dem andern ins Ohr, sondern in aller Welt ausgeschrien wurden und Kinder sie auswendig wußten; der Geist der Zeit offenbarte sich in der Objektivität seines Gottes, als er, nicht dem Maße nach in die Unendlichkeit hinaus, sondern in eine uns fremde Welt gesetzt wurde, an deren Gebiet wir keinen Anteil [haben], wo wir durch unser Tun uns nicht anbauen, sondern höchstens hineinbetteln oder hineinzaubern können, - als der Mensch selbst ein Nicht-Ich und seine Gottheit ein anderes Nicht-Ich war. Am klarsten offenbarte er sich in der Menge Wunder, die er erzeugte, die in Ansehung des Entschließens und der Überzeugung an die Stelle eigener Vernunft traten; am ungeheuersten aber, als für diesen Gott gefochten, gemordet, verleumdet, gebrannt, gestohlen, gelogen und betrogen wurde. In einer solchen Periode mußte die Gottheit völlig aufgehört haben, etwas Subjektives zu sein, sondern ganz zum Objekt geworden sein; und jene Verkehrtheit der moralischen Maximen ward dann ganz leicht und konsequent durch die Theorie gerechtfertigt. - Die Christen wissen durch die Offenbarung Gottes selbst, daß er der hocherhabene, des Himmels Herr, Herr über die ganze Erde, über die leblose [und] lebendige Natur, auch Herr der Geisterwelt ist; diesem König seine Ehrfurcht zu versagen [statt ihn zu ehren] auf die Art, wie er selbst befohlen hat, ist notwendig Undank und Verbrechen. Dies ist das System jeder Kirche, und nur darüber befolgen sie verschiedene Maximen, wer der Richter, Strafer dieses Verbrechens sein soll. Die eine Kirche verwaltet dieses Richteramt selbst; die andere verdammt in ihrem System, rührt aber keinen Finger, diesen Richterspruch schon auf Erden auszuführen, und ist dagegen versichert, daß die Gottheit selbst ihn ausführen werde, und der Eifer, durch Lehre oder andere kleine Mittel der Bestechung, oder [durch] Unterdrückung, die nur nicht bis zum Tode gehen durfte, [mitzuwirken], scheint nach und nach zu erkalten und ein Mitleiden an die Stelle des Hasses zu treten, eine Empfindung der Ohnmacht, die, sosehr ihr Grund ein Eigendünkel ist, der sich im Besitze der Wahrheit zu sein überredet, doch dem letzteren vorzuziehen ist. - Der freie Mann konnte jenen Eifer so wenig als dieses Mitleiden haben; denn als ein Freier unter Freien lebend, würde er keinem anderen das Recht zugestehen, an ihm bessern und ändern und sich in seine Maximen mischen zu wollen, auch sich nicht anmaßen, anderen das Recht streitig zu machen, zu sein, wie sie sind und wie sie wollen, gut oder schlecht. Frömmigkeit und Sünde sind zwei Begriffe, die den Griechen in diesem Sinne fehlten; jenes ist uns eine Gesinnung, die aus Achtung gegen Gott als Gesetzgeber handelt, dieses eine Handlung, die Gebote, insofern sie göttlich sind, übertritt; ἅγιον, ἀνάγιον, pietas und impietas drückt heilige Empfindungen der Menschheit und Gesinnungen oder Handlungen aus, die denselben angemessen oder zuwider sind; sie nennen sie zugleich auch göttliche Gebote, aber [nehmen] sie nicht im positiven Sinne, und wenn einem die Frage hätte einfallen können, womit er die Göttlichkeit eines Gebots oder Verbots erweisen wollte, so hätte er sich auf kein historisches Faktum, sondern allein auf die Empfindung seines Herzens und die Übereinstimmung aller guten Menschen berufen können.
3.
1/215 64) Der Streit über die Möglichkeit und Wirklichkeit der Wunder wird vor verschiedenen Gerichtshöfen geführt und wird nicht so bald aus der Verwirrung gesetzt werden können, als bis man die streitenden Parteien hierüber verständigt hat. Über die Wahrheit für die Phantasie sind alle einig, und nur der Phantasie derjenigen sind die Wunder unzugänglich, bei denen sich der Verstand immer dareinmischt. Wenigstens die Urteilskraft findet sich immer darein gezogen, um die Zweckmäßigkeit zu dem vorgegebenen Zweck zu beurteilen. Von seiten der ästhetischen Urteilskraft, der Freiheit der Einbildungskraft ist Herder der erste, vielleicht der einzige, der das Alte Testament in diesem Sinne behandelt hat, eine Bearbeitung, deren das Neue Testament nicht fähig ist. Die Bestreiter der Wunder ziehen die Sache gewöhnlich vor den Richterstuhl des Verstandes. Ihre Waffen sind die Erfahrung und die Gesetze der Natur. Die Verteidiger der Wunder verfechten ihre Sache mit den Waffen einer Vernunft, nicht der selbständigen, die unabhängig aus ihrem Wesen allein sich Zwecke setzt, sondern einer Vernunft, der von außen Zwecke gesetzt sind und die dann denselben gemäß reflektiert, bald untergeordnete Zwecke erfindet, bald höhere aus denselben erschließt. Der Widerspruch zwischen beiden Parteien: ob man bei Gründung der höchsten Wissenschaft für den Menschen von einer Historie ausgehen müsse, reduziert sich auf die Frage: kann der höchste Zweck der Vernunft ihr nur von ihr selbst gegeben werden, widerspricht es nicht dem Innersten ihres Wesens, wenn er ihr von außen oder durch fremde Autorität gesetzt wird - oder ist die Vernunft dessen unfähig?
Bei diesem Punkt allein sollten die Bestreiter der Wunder die Verteidiger derselben festhalten. Sich auf historische und exegetische Erörterungen einzulassen, auf ihr Feld sich zu begeben, heißt sein Recht nicht kennen oder es nicht behaupten, und die Verteidiger derselben haben gewonnenes Spiel. Denn wenn man auch von jedem einzelnen Wunder zeigen könnte, daß es sich natürlich erklären lasse (wobei jedoch alle bisherigen dergleichen Erklärungen bei den meisten im höchsten Grade gezwungen ausfallen und im ganzen nie für jedermann befriedigend ausfallen können, bis der Grundsatz allgemein geworden, durch keine Geschichte, keine Autorität könne der Vernunft ihr höchster Zweck gesetzt werden), so hat man dem Verteidiger schon zu viel eingeräumt. Wenn nur ein Wunder sich nicht erklären ließe, so hätte die Vernunft ihr Recht verloren. Dies ist der höchste Standpunkt, auf den wir uns stellen müssen. Auf die Führung des Streits vor dem Richterstuhl des Verstandes sich einzulassen, beweist schon, daß wir dort nicht recht fest stehen, daß uns die Erzählung von Wunderbegebenheiten stutzig gemacht hat, daß wir es nicht von dort aus allein wagen, sie von der Hand zu weisen, sondern daß die Tatsachen, die man uns als Wunder ausgibt, fähig sein könnten, jene Selbständigkeit der Vernunft umzustoßen.
1/216 Steigt man mit dem Wunderverteidiger auf das Feld des Verstandes herunter, so wird ein Langes und Breites über die Möglichkeit und Unmöglichkeit gestritten. Auch dieser Punkt wird gemeiniglich unentschieden gelassen, und wenn es zum Einzelnen kommt, fordert der Wunderbestreiter entweder, daß die Wahrnehmungen zu Erfahrungen erhoben, d. h. aus Naturgesetzen erklärt werden, oder, wenn er hieran zweifelt, so leugnet er die Wahrnehmungen selbst - und beide Teile verstehen einander nicht mehr. Der Verteidiger der Wunder kann nicht begreifen, welches Interesse der Bestreiter haben kann, die Wunder wegzuerklären oder zu leugnen, denn dadurch, daß sich der Bestreiter hierauf eingelassen, hat er seine Unentschiedenheit verraten, ob seine Vernunft für sich stehen könne oder nicht. Die Ungeschicklichkeit, die er bei seiner Ängstlichkeit zeigt und zeigen muß, alles erklären zu wollen, macht ihn teils verhaßt, weil man ihm dabei nur böse Absichten zutraut, teils verrät er, daß er sich auch noch vor dem geringsten Rest eines Wunders zu fürchten hätte und sich oft mehr zu betäuben als durch klare Einsicht ganz unbefangen Ruhe und Sicherheit zu erwerben suche. Stellt sich der Bestreiter aber aus polemischer Absicht, den anderen zu bekehren, auf einen niedrigeren Standpunkt, so unternimmt er, einen Mohren weiß zu waschen, und stürzt ihn in Zweifel und in einen Zustand ohne Haltung.
[Neufassung des Anfangs]65)
(1800)
Der Begriff der Positivität einer Religion ist erst in neueren Zeiten entstanden und wichtig geworden; eine positive Religion wird der natürlichen entgegengesetzt und damit vorausgesetzt, daß es nur eine natürliche gebe, weil die menschliche Natur nur eine ist, daß aber der positiven Religionen viele sein können. Schon aus dieser Entgegensetzung erhellt, daß eine positive Religion eine wider- oder übernatürliche wäre, welche Begriffe, Kenntnisse enthält, die für den Verstand und die Vernunft überschwenglich sind, Gefühle und Handlungen fordert, welche aus dem natürlichen Menschen nicht hervorgehen würden, sondern nur, was die Gefühle betrifft, durch Vorrichtungen gewaltsam hervorgetrieben [und], was die Handlungen betrifft, nur auf Befehl und aus Gehorsam, ohne eigenes Interesse getan werden.
Man sieht aus dieser allgemeinen Erklärung, daß, um eine Religion oder einen Teil derselben für positiv erklären zu können, der Begriff der menschlichen Natur und damit auch das Verhältnis derselben zur Gottheit bestimmt worden sein muß. In neueren Zeiten ist man nun mit diesem Begriff sehr beschäftigt gewesen, man glaubte mit dem Begriff der Bestimmung des Menschen so ziemlich im Reinen zu sein, um nun mit demselben als Maßstab an das Sichten der Religion selbst gehen zu können.
1/217 Es mußte ein langer, in Jahrhunderte sich ausdehnender Stufengang von Bildung dazu [durchlaufen sein], bis eine solche Periode kommen konnte, in welcher die Begriffe so abstrakt wurden, daß man sich überredete, die unendliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen der menschlichen Natur in die Einheit einiger allgemeiner Begriffe zusammengefaßt zu haben.
Diese einfachen Begriffe werden ihrer Allgemeinheit wegen zugleich zu notwendigen Begriffen und zu Charakteren der Menschheit; alle übrige Mannigfaltigkeit von Sitten, Gewohnheiten und Meinungen der Völker oder Einzelner wird dadurch, daß jene Charaktere fixiert sind, zu Zufälligkeiten, Vorurteilen und Irrtümern und damit die Religion, die zu dieser Mannigfaltigkeit paßte, eine positive Religion, weil die Beziehung derselben auf Zufälligkeiten selbst eine Zufälligkeit, aber als ein Teil der Religion zugleich heiliges Gebot ist.
Man hat es der christlichen Religion bald zum Vorwurf, bald zum Lobe gemacht, daß sie sich den verschiedensten Sitten und Charakteren und Verfassungen anpaßte. Die Verdorbenheit des römischen Staats war ihre Wiege; die christliche Religion wird herrschend, als dies Reich in seinem Sinken begriffen war, und man sieht nicht, daß sein Sturz durch dieselbe aufgehalten worden wäre; sie gewinnt im Gegenteil dadurch an Ausdehnung ihres Gebiets und erscheint zu gleicher Zeit als Religion der überverfeinerten, in den niederträchtigsten Lastern schwimmenden sklavischen Römer und Griechen und - der unwissendsten, wildesten, aber freiesten Barbaren. Sie war die Religion der italienischen Staaten in den schönsten Zeiten ihrer mutwilligen Freiheit im Mittelalter und der ernsteren freien Schweizerrepubliken, der in mannigfaltigen Stufen gemäßigten Monarchien des neueren Europas, sowie die Religion der niedergedrücktesten Leibeigenen und ihrer Herren; beide besuchen eine Kirche. Unter Vorangehung des Kreuzes haben die Spanier ganze Generationen in Amerika gemordet, die Engländer zur Verheerung Indiens christliche Danklieder gesungen. Aus ihrem Schoße sproßten die höchsten Blüten der bildenden Künste hervor, stiegen die hohen Gebäude von Wissenschaften empor, und ihr zu Ehren ist auch alle schöne Kunst verbannt, die Ausbildung der Wissenschaften zur Gottlosigkeit gerechnet worden. Unter allen Klimaten ist der Baum des Kreuzes gediehen, hat Wurzeln geschlagen und Früchte gebracht. Alle Freuden des Lebens haben Völker an sie geknüpft, und der unglücklichste Trübsinn hat in ihr seine Nahrung und Rechtfertigung gefunden.
1/218 Unendliche Modifikationen läßt der allgemeine Begriff der menschlichen Natur zu, und es ist nicht ein Notbehelf, sich auf die Erfahrung zu berufen, daß Modifikationen notwendig sind, daß die menschliche Natur niemals rein vorhanden war, sondern es läßt sich streng erweisen; es ist hinreichend, nur zu fixieren, was denn die reine menschliche Natur wäre. Dieser Ausdruck soll nichts in sich fassen als die Angemessenheit an den allgemeinen Begriff. Aber die lebendige Natur ist ewig ein anderes als der Begriff derselben, und damit wird dasjenige, was für den Begriff bloße Modifikation, reine Zufälligkeit, ein Überflüssiges war, zum Notwendigen, zum Lebendigen, vielleicht zum einzig Natürlichen und Schönen.
1/219 Damit erhält nun der anfangs aufgestellte Maßstab für die Positivität der Religion ein ganz anderes Aussehen. Der allgemeine Begriff der menschlichen Natur wird nicht mehr hinreichend sein; die Freiheit des Willens wird ein einseitiges Kriterium, denn die Sitten und Charaktere der Menschen und die damit zusammenhängende Religion hängen nicht von einer Bestimmung durch Begriffe ab; es müßte in jeder Form von Bildung das Bewußtsein einer höheren Macht und damit Vorstellungen vorkommen, welche für Verstand und Vernunft überschwenglich sind; es werden, wenn das gewöhnliche Leben der Menschen Gefühle, die in der Natur vorkommen müssen, nicht gibt, gewaltsame Anstalten notwendig, um jene Gefühle zu erzeugen, denen freilich von der Gewaltsamkeit immer etwas anklebt; ebenso werden Handlungen nur auf Befehl, aus blindem Gehorsam getan, welche die natürlichste Religion fordert, welche aber in Zeiten, worin alles unnatürlich geworden ist, ebenfalls wegfallen würden. Freilich ist nun die Religion positiv geworden, aber sie ist es auch nur geworden, sie war es ursprünglich nicht; die Religion muß nun positiv sein, weil es sonst gar keine geben würde. Sie ist nur als fremdes Erbstück vergangener Zeiten übrig, ihre Forderungen werden dann noch geachtet, und vielleicht desto höher geehrt und gefürchtet, je unbekannter ihr Wesen ist. Auch vor einem Unbekannten zu zittern, in seiner Handlungsweise seinem Willen zu entsagen und sich durchaus gegebenen Regeln wie eine Maschine zu unterwerfen, ohne allen Verstand durch Tun und Entsagen, Sprechen und Schweigen sich in kürzere oder lebenslängliche Dumpfheit eines Gefühls einzulullen, - alles dies kann natürlich sein, und eine Religion, welche jenen Geist atmete, würde deswegen keine positive sein - weil sie der Natur ihres Zeitalters angemessen wäre. Eine Natur, welche eine solche Religion erforderte, wäre freilich eine elende Natur; aber die Religion erfüllte ihren Endzweck, sie gäbe dieser Natur ein Höheres, wie sie es allein vertragen kann und worin sie Befriedigung findet. Erst wenn ein anderer Mut erwacht, wenn sie ein Selbstgefühl erhält und damit Freiheit für sich selbst fordert, nicht bloß in ihr übermächtiges Wesen sie setzt, dann kann ihr die bisherige Religion eine positive scheinen. Die allgemeinen Begriffe von der menschlichen Natur sind zu leer, als daß sie einen Maßstab für die besonderen und notwendig mannigfaltigeren Bedürfnisse der Religiosität abgeben könnten.
Man würde das Bisherige schlecht verstanden haben, wenn man darin eine Rechtfertigung aller Anmaßungen festgesetzter Religionen, alles Aberglaubens, alles kirchlichen Despotismus, aller durch falsche religiöse Anstalten erzeugten oder genährten Stumpfheit sehen wollte. Nein! der schwachsinnigste, härteste Aberglauben ist für ein seelenloses, menschliche Gestalt habendes Wesen nichts Positives, aber sowie Seele in ihm erwacht, und die Anforderung des Aberglaubens bliebe, so würde er positiv für den, der sonst ganz unbefangen unter ihm stand; für den Beurteiler aber ist er notwendig ein Positives, eben weil diesem als Beurteiler ein Ideal von Menschheit vorschweben muß. Ein Ideal der menschlichen Natur ist aber ganz etwas anderes als allgemeine Begriffe über die menschliche Bestimmung und über das Verhältnis des Menschen zu Gott. Das Ideal läßt sehr wohl Besonderheit, Bestimmtheit zu und fordert sogar eigentümliche religiöse Handlungen, Gefühle, Gebräuche, einen Überfluß, eine Menge von Überflüssigem, was vor dem Laternenlicht der allgemeinen Begriffe nur als Eis und Stein erscheint. Nur wenn das Überflüssige die Freiheit aufhebt, wird es positiv, d. h. wenn es Prätention gegen den Verstand und die Vernunft macht und deren notwendigen Gesetzen widerspricht. Die Allgemeinheit dieses Kriteriums muß dadurch beschränkt werden, daß Verstand und Vernunft nur dann Richter sein können, wenn an sie appelliert wird; was keinen Anspruch darauf macht, verständig oder vernünftig zu sein, gehört durchaus nicht in ihre Gerichtsbarkeit. Und hierin liegt ein Hauptpunkt, dessen Vernachlässigung so entgegengesetzte Urteile hervorbringt. Der Verstand und die Vernunft können alles vor ihren Richterstuhl fordern und machen leicht die Anmaßung, daß alles verständig, alles vernünftig sein solle, und somit entdecken sie freilich des Positiven genug, und das Schreien über Geistessklaverei, Gewissensdruck, Aberglauben hat gar kein Ende. Die unbefangensten Handlungen, die unschuldigsten Gefühle, die schönsten Darstellungen der Phantasie erfahren diese rauhe Behandlung. Die Wirkung ist aber auch diesem unpassenden Tun angemessen. Die verständigen Menschen glauben Wahrheit zu sprechen, wenn sie verständig zum Gefühl, zur Einbildungskraft, zu religiösen Bedürfnissen sprechen, und können nicht begreifen, wie ihrer Wahrheit widerstanden wird, warum sie tauben Ohren predigen; der Fehler ist, sie bieten Steine dem Kinde dar, das Brot fordert; wenn ein Haus gebaut werden soll, dann hat ihre Ware Brauchbarkeit. Aber ebenso, wenn das Brot auf Tauglichkeit zum Häuserbauen Anspruch machte, so würden sie mit Recht widersprechen.
1/220 In einer Religion können Handlungen, Personen, Erinnerungen für heilig gelten; die Vernunft erweist ihre Zufälligkeit; sie fordert, daß dasjenige, was heilig ist, ewig, unvergänglich sei. Damit hat sie aber nicht die Positivität jener religiösen Dinge erwiesen; denn der Mensch kann an das Zufällige und muß an ein Zufälliges Unvergänglichkeit und Heiligkeit knüpfen; in seinem Denken des Ewigen knüpft er das Ewige an die Zufälligkeit seines Denkens. Ein anderes ist es, wenn das Zufällige als solches, als dasjenige, was es für den Verstand ist, Ansprüche auf Unvergänglichkeit und Heiligkeit und auf Verehrung macht. Dann tritt das Recht der Vernunft ein, von Positivität zu sprechen.
1/221 Die Frage, ob eine Religion positiv sei, geht viel weniger den Inhalt ihrer Lehre und Gebote an als die Form, unter welcher sie die Wahrheit ihrer Lehre beglaubigt und die Ausübung ihrer Gebote fordert; es ist jede Lehre, jedes Gebot fähig, positiv zu werden, denn jedes kann auf eine gewaltsame Art mit Unterdrückung der Freiheit angekündigt werden, und es gibt keine Lehre, die nicht unter gewissen Umständen Wahrheit wäre, kein Gebot, das nicht unter gewissen Umständen Pflicht wäre, denn auch dasjenige, was allgemein als lauterste Wahrheit gelten mag, erfordert um seiner Allgemeinheit willen in den besonderen Umständen der Anwendung Einschränkung, d. h. hat nicht unter allen Umständen unbedingte Wahrheit. Die folgende Abhandlung hat deswegen nicht die Absicht zu untersuchen, ob es positive Lehren und Gebote in der christlichen Religion gebe; die Beantwortung dieser Frage nach allgemeinen Begriffen der menschlichen Natur und der Eigenschaften Gottes ist zu leer, das entsetzliche Geschwätze in diesem Tone ist durch seine endlose Ausdehnung und seine innere Leerheit zu langweilig geworden, hat zu sehr alles Interesse verloren, daß es vielleicht eher Bedürfnis der Zeit wäre, den Beweis des Gegenteils jener aufklärenden Anwendung allgemeiner Begriffe zu hören, versteht sich, daß der Beweis dieses Gegenteils nicht mit den Grundsätzen und der Methode geführt würde, welche der alten Dogmatik die Bildung ihrer Zeit darreichte, sondern aus dem, was wir jetzt als Bedürfnis der menschlichen Natur erkennen, jene nunmehr verworfene Dogmatik abzuleiten, ihre Natürlichkeit und Notwendigkeit aufzuzeigen. Ein solcher Versuch setzte den Glauben voraus, daß die Überzeugung vieler Jahrhunderte, das, was die Millionen, die in diesen Jahrhunderten darauf lebten und starben, für Pflicht und heilige Wahrheit hielten, - daß dies nicht barer Unsinn und gar Immoralität, wenigstens den Meinungen nach, gewesen ist. Wenn nach der beliebten Methode durch allgemeine Begriffe das ganze Gebäude der Dogmatik für ein in aufgeklärteren Zeiten unhaltbares Überbleibsel finsterer Jahrhunderte erklärt worden ist, so ist man doch so menschlich, hintennach die Frage zu tun, wie es denn erklärt werden könne, daß ein solches Gebäude, das der menschlichen Vernunft so zuwider und durch und durch Irrtum sei, habe aufgeführt werden können. Man läßt die Kirchengeschichte zeigen, wie auf einfache Wahrheiten, die zum Grunde lagen, nach und nach durch Leidenschaft und Unwissenheit ein solcher Haufen von Irrtümern aufgetragen worden sei, daß in dieser allmählichen, durch Jahrhunderte fortgesetzten Bestimmung der einzelnen Dogmen nicht immer Kenntnisse, Mäßigung und Vernunft die heiligen Väter geleitet hat, daß schon bei der Annahme der christlichen Religion nicht bloß reine Liebe zur Wahrheit, sondern zum Teil sehr zusammengesetzte Triebfedern, sehr unheilige Rücksichten, unreine Leidenschaften und oft nur aus Aberglauben stammende Bedürfnisse des Geistes gewirkt haben, daß überhaupt äußere, der Religion fremde Umstände, eigennützige Absichten, Gewalt und List nach ihren Zwecken den Glauben der Nationen modelten. Allein diese Erklärungsart setzt eine tiefe Verachtung des Menschen, einen grellen Aberglauben an seinen Verstand voraus; und sie läßt die Hauptfrage unberührt, nämlich die Angemessenheit der Religion an die Natur zu zeigen, wie die Natur in verschiedenen Jahrhunderten modifiziert war, mit anderen Worten, man fragte nach der Wahrheit der Religion in Verbindung mit den Sitten und dem Charakter der Völker und Zeiten, und die Antwort ist, daß sie eitel Aberglaube, Betrug und Dummheit war. Am meisten wird auf die Sinnlichkeit geschoben, die muß alles verschuldet haben; man mag ihr aber noch soviel Herrschaft zuschreiben, so hört der Mensch damit nicht auf, ein vernünftiges Wesen zu sein, oder seine Natur hat immer notwendig höhere Bedürfnisse der Religiosität, und die Art, wie er sie befriedigt, d. h. das System seines Glaubens, seines Gottesdienstes, seiner Pflichten kann nicht lautere Dummheit gewesen sein, noch so unreine Dummheit, die aller Immoralität Raum ließ.
1/222 Indem es als Zweck dieser Abhandlung angegeben wird, daß er nicht der sei, zu untersuchen, ob das Christentum Lehren in sich habe, welche positiv sind, sondern ob es überhaupt eine positive Religion ist, so können diese zwei Ansichten insofern in eine fallen, als selbst die Behauptung, die christliche Religion sei positiv oder nicht, mit allen daraus fließenden Folgen in die Religionslehre selbst hineinkommen könnte und also wirklich die Positivität einer einzelnen Lehre untersucht würde. Es kann freilich jede Ansicht des Ganzen selbst wieder isoliert und neben das übrige gestellt, also zu einem Teil gemacht werden; allein der Inhalt dieser Ansicht wird immer das Ganze betreffen. Ferner betrifft, wie oben erinnert worden, die Frage nach der Positivität nicht sowohl den Inhalt als die Art, wie die Religion etwas durchaus Gegebenes sein oder als ein Freies gegeben und frei empfangen werden soll.
Außerdem schließt diese Abhandlung die unendlich verschiedenen Formen aus, welche die christliche Religion in den verschiedenen Zeitaltern und unter verschiedenen Völkern gehabt hat; ebenso dasjenige, was in unseren Zeiten für christliche Religion gelten könnte; nichts ist vieldeutiger als dieser Begriff, sowohl was das Wesen derselben betrifft als ihre einzelnen Lehren und deren Verhältnis zum Ganzen und Wichtigkeit. Sondern was diese Abhandlung sich zum Zwecke macht, ist, in der unmittelbaren Entstehung des christlichen Glaubens, in der Art, wie sie aus Jesu Mund und Leben entsprang, nachzuforschen, ob darin Umstände vorkommen, welche eine unmittelbare Veranlassung zur Positivität geben konnten, dazu, daß Zufälligkeiten, als solche, für Ewiges genommen wurden, daß die christliche Religion überhaupt auf einer solchen Zufälligkeit gegründet wäre, eine Behauptung, welche von der Vernunft verworfen und von der Freiheit zurückgestoßen würde.
Die Zufälligkeit, aus welcher eine Notwendigkeit hervorgehen sollte, das Vergängliche, worauf sich in den Menschen das Bewußtsein eines Ewigen, das Verhältnis zu ihm in Empfinden, Denken und Handeln gründen sollte, dies Vergängliche heißt im Allgemeinen Autorität.
1/223 Daß die christliche Religion sich auf Autorität gründe, darin stimmen zwei Parteien überein; sie berufe sich zwar auf das natürliche Gefühl oder Sehnen des Menschen zum Guten und setze freilich das Aufsehen des Menschen zu Gott voraus, aber um den Glauben sich geben zu können, daß man das Wohlgefallen Gottes erworben habe, dazu verlange Jesus nicht bloß einen reinen und freien Gehorsam gegen den unendlichen Gott, wie die rein religiöse Seele ihn von sich fordern wird, sondern auch einen Gehorsam gegen bestimmte Vorschriften und Gebote befohlener Handlungen, Gefühle, Überzeugungen. Die zwei Parteien, die diese Meinung haben, unterscheiden sich darin voneinander, daß die eine dies Positive an einer reinen Religion für außerwesentlich, ja für verwerflich hält und wegen desselben auch der Religion Jesu den Rang einer freien und Tugendreligion nicht zugestehen will; die andere Partei hingegen setzt den Vorzug derselben gerade in dieses Positive, erklärt dies für das wahre Heilige und will alle Sittlichkeit darauf gebaut haben. Die Frage nach der unmittelbaren Veranlassung, daß die Religion Jesu positiv geworden sei, kann die letztere Partei gar nicht machen, da sie behauptet, sie sei positiv aus dem Munde Jesu gekommen, für alle seine Lehren, für die Gesetze der Tugend, für das Verhältnis Gottes zum Menschen habe Jesus nur auf seine Autorität und die Behauptung derselben durch Wunder usw. Glauben gefordert, und diese Partei hält es nicht für einen Vorwurf, was Sittah im Nathan [II, 1] von den Christen sagt: “Was noch von ihrem Stifter her / Mit Menschlichkeit den - [Aber]glauben würzt, / Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: / Weils Christus lehrt, weils Christus hat getan.” - Die Möglichkeit einer positiven Religion überhaupt erklärt diese Partei dadurch, daß in der menschlichen Natur sich Bedürfnisse finden, die sie selbst nicht befriedigen könne, und zwar seien ihre höchsten Bedürfnisse von dieser Art; die Widersprüche, die hieraus in ihr entstehen, können von ihr selbst nicht gelöst werden, und die Lösung derselben müsse etwas Fremdes aus Barmherzigkeit verrichten.
Nicht nur die religiösen Belehrungen und Gebote, sondern alle Tugendgesetze, die Jesus gab, gleichfalls für etwas Positives auszugeben, ihre Gültigkeit und die Möglichkeit, eine Erkenntnis davon zu erlangen, nur darin, daß Jesus sie geboten habe, zu finden, zeugt zwar von einer demütigen Bescheidenheit und einer Resignation, welche auf alles eigene Gute, Edle und Große in der menschlichen Natur Verzicht tut, aber wenn sie sich nur selbst verstehen will, so muß sie doch wenigstens voraussetzen, daß der Mensch ein natürliches Gefühl oder Bewußtsein einer übersinnlichen Welt und der Verpflichtung gegen Göttliches habe; entspräche einer von außen her kommenden Aufforderung zu Tugend und Religion in unserem Herzen schlechterdings nichts, wären es nicht eigene Saiten der Natur, die dadurch in uns angeschlagen werden, so würde das Unternehmen Jesu, die Menschen zu einer besseren Religion und zur Tugend zu begeistern, von gleicher Beschaffenheit und gleichem Erfolge gewesen sein als der Eifer des heiligen Antonius von Padua, den Fischen zu predigen, welcher sich darauf hätte verlassen können, daß das, was weder seine Predigt noch die Natur der Fische vermochte, durch ein völlig außer ihnen Vorhandenes, einen Beistand von oben in ihnen gewirkt werden könne.
1/225 Diese Ansicht des Verhältnisses der christlichen Religion zum Menschen ist nicht geradezu für sich selbst positiv zu nennen, sie beruht auf der gewiß schönen Voraussetzung, daß alles Höhere, alles Edle und Gute des Menschen etwas Göttliches ist, von Gott kommt, sein Geist ist, der von ihm ausgeht. Aber dann wird diese Ansicht zum grellen Positiven, wenn die menschliche Natur absolut geschieden wird von dem Göttlichen, wenn keine Vermittlung derselben - außer nur in einem Individuum - zugelassen, sondern alles menschliche Bewußtsein des Guten und Göttlichen nur zur Dumpfheit und Vernichtung eines Glaubens an ein durchaus Fremdes und Übermächtiges herabgewürdigt wird. Man sieht, die Untersuchung hierüber würde, wenn sie durch Begriffe gründlich geführt werden sollte, am Ende in eine metaphysische Betrachtung des Verhältnisses des Endlichen zum Unendlichen übergehen; dies ist aber nicht die Absicht dieser Abhandlung; sie legt die Notwendigkeit zum Grunde, daß in der menschlichen Natur selbst das Bedürfnis [liegt], ein höheres Wesen, als das menschliche Tun in unserem Bewußtsein ist, anzuerkennen, die Anschauung der Vollkommenheit desselben zum belebenden Geiste des Lebens zu machen, auch dieser Anschauung unmittelbar, ohne Verbindung mit sonstigen Zwecken, Zeit, Anstalten und Gefühle zu widmen. Dies allgemeine Bedürfnis einer Religion schließt noch viele einzelne Bedürfnisse in sich; inwieweit die Befriedigung derselben der Natur angehöre, inwieweit die Lösung der Widersprüche, in welche die Natur mit sich gerät, durch sie selbst aufgelöst werden könne, ob die christliche Religion die einzig mögliche Lösung derselben enthalte und ob diese Lösung durchaus außerhalb der Natur liege, ob der Mensch sie nur durch Passivität des Glaubens ergreifen könne, - diese Fragen, die Erforschung ihres wahren Sinns und ihre Entwicklung findet vielleicht sonstwo Platz. Wenn die durch die christliche Religion angegebene Lösung jener Aufgaben des menschlichen Herzens oder, wenn man will, der praktischen Vernunft nur obenhin, der äußeren Erscheinung nach, nämlich als bestimmtes Tun, bestimmte Lehre, von der Vernunft für Zufälligkeit erkannt wird, so ist im allgemeinen zu bemerken, daß nicht vergessen werden darf, daß das Zufällige nur eine Seite dessen ist, was für heilig gilt. Wenn eine Religion an ein Vergängliches ein Ewiges geknüpft hat und die Vernunft nur das Vergängliche fixiert und nun über Aberglauben schreit, so ist es ihre Schuld, oberflächlich zu Werke gegangen zu sein und das Ewige übersehen zu haben. In der folgenden Abhandlung werden nicht Lehren oder Gebote der christlichen Religion an diesen Maßstab allgemeiner Begriffe gehalten und nach ihnen abgeurteilt werden, ob sie in diesen Begriffen liegen oder ihnen widersprechen oder wenigstens etwas Überflüssiges und damit Unvernünftiges und Unnötiges wären; solche Zufälligkeiten, die dadurch, daß etwas Ewiges mit ihnen verknüpft ist, ihren Charakter der Zufälligkeit verlieren, haben deswegen notwendig zwei Seiten, und die Absonderung dieser zwei Seiten ist Trennung durch Vernunft; in der Religion selbst sind sie nicht getrennt, auf die Religion selbst oder besser: auf das Religiöse würden sich allgemeine Begriffe gar nicht anwenden lassen, weil es selbst kein Begriff ist. Von solchen nur von der Reflexion erst gemachten Zufälligkeiten wird hier nicht die Rede sein; sondern von solchen, die als Gegenstand der Religion selbst als Zufälligkeiten bestehen sollen, die als etwas Vergängliches eine hohe Bedeutung, als etwas Beschränktes Heiligkeit haben und der Verehrung würdig sein sollen; und zwar beschränkt sich die Untersuchung darauf, ob solche Zufälligkeiten schon in der unmittelbaren Stiftung der christlichen Religion, in den Lehren, Handlungen, Schicksalen Jesu selbst vorkämen, ob in der Form seiner Reden, in seinem Verhältnisse gegen andere Menschen, seine Freunde oder Feinde solche Zufälligkeiten erscheinen, die für sich oder durch die Umstände eine ursprünglich in ihnen nicht liegende Wichtigkeit erhielten, mit anderen Worten, ob in der unmittelbaren Entstehung der christlichen Religion Veranlassungen lagen, daß sie positiv wurde.
1/227 Wie die Bildung des Jesus gereift ist, über diese interessante Frage sind gar keine Nachrichten auf uns gekommen; in seinem männlichen Alter erst tritt er auf, frei von jüdischem Sinn, frei von der eingeschränkten Trägheit, die an die gemeinen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten des Lebens ihre einzige Tätigkeit verwendet, wie von Ehrgeiz und anderen Leidenschaften, deren Befriedigungen ihn genötigt haben würden, in den Vertrag der Vorurteile und der Laster einzutreten. Seine ganze Manier hat das Ansehen, daß er zwar unter seinem Volke erzogen, aber fern von ihm - und wohl länger als vierzig Tage - von dem Enthusiasmus des Reformators beseelt wurde; zugleich aber trägt seine Art zu handeln und zu sprechen keine Spuren irgendeiner damals vorhandenen Bildung eines anderen Volkes oder Religion an sich. Er tritt auf einmal jugendlich mit aller freudigen Hoffnung und zweifellosen Zuversicht des Erfolgs auf; der Widerstand, der ihm von den eingewurzelten Vorurteilen seines Volkes kommt, scheint ihm unerwartet; den ertöteten Geist freier Religiosität, die hartnäckige Raserei des Knechtssinns seiner Nation schien er vergessen zu haben. Durch einfaches Reden, durch Predigen im Herumziehen an eine große Menge gedenkt er seinem verstockten Volk das Herz umzukehren; er hält die zwölf Freunde, die noch nicht lange mit ihm bekannt sind, für fähig, diese Wirkung hervorzubringen; er hält seine Nation für reif, durch so ein Ausschicken von so unreifen Menschen, die [sich] in der Folge noch so viele Blößen geben und die wohl nur erst die Worte des Jesus nachsprechen konnten, aufgeregt und verändert zu werden. Erst durch die bittere Erfahrung der Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen verlöscht das jugendlich Unbefangene, und er spricht mit bitterer Heftigkeit, mit einem von feindseligem Widerstande gereizten Gemüt.
1/228 Was die Juden von der Zukunft hofften, die Vollkommenheit der Theokratie, ein Reich Gottes, davon sagte Jesus ihnen: es ist gekommen, es ist vorhanden; durch den Glauben daran wird es wirklich und jeder ein Bürger desselben. Mit dem Bauernhochmut der Juden war notwendig das Gefühl ihrer Nichtigkeit verbunden, das sie durch die Sklaverei unter ihren Gesetzen sich ewig geben mußten. Daß sie, daß der Sohn eines Zimmermanns Glieder des Reiches Gottes in ihrer elenden Wirklichkeit zu sein fähig wären, dies zu glauben, ihnen dies Selbstgefühl zu geben, war die einzige und freilich schwere Aufgabe; die Freiheit von dem Joch des Gesetzes [war] der negative Charakter jenes Glaubens. Jesus greift daher überall den toten Mechanismus ihres religiösen Lebens an; das jüdische Gesetz hatte sich so verdorben, daß auch für das Vortreffliche desselben eine Menge Ausflüchte, es zu umgehen, erfunden waren. Jesus vermochte freilich wenig gegen die vereinigte Macht eines eingewurzelten Nationalstolzes, der in die ganze Konstitution verflochtenen Heuchelei und Scheinheiligkeit und die darauf sich gründende Herrschaft der Volksführer. Jesus hatte den Kummer zu sehen, daß sein Eifer, Freiheit und Moralität in die Religiosität seiner Nation zu bringen, gänzlich scheiterte, daß selbst seine Bemühungen, wenigstens in einigen Männern bessere Hoffnungen und einen besseren Glauben anzuzünden, durch vertrauteren Umgang sie für sich selbst und zur Unterstützung seiner Bemühungen auszubilden, eine sehr zweideutige und unvollständige Wirkung gehabt hatten (Matth. 20, 20, ein Vorfall, der sich nach einem Umgang des Johannes und Jakobus mit Jesus von einigen Jahren zutrug; - Judas. Selbst in den letzten Augenblicken seines Aufenthalts auf Erden, einige Augenblicke vor seiner sogenannten Himmelfahrt, zeigten sie noch die jüdische Hoffnung in ihrer ganzen Größe, daß er der Israeliten Staat wieder herstellen werde, Acta [Apg.] 1, 6). Jesus selbst wurde ein Opfer des gegen ihn ausbrechenden Hasses der Priesterschaft und der gekränkten Nationaleitelkeit seines Volkes.
Es ist sehr natürlich zu erwarten, daß die neue Lehre des Jesus, von Judenköpfen aufgenommen, so frei sie für sich und mehr nur polemisch war, in etwas Positives verwandelt werden mußte, daß sie sich daraus, es mochte kommen wie es wollte, etwas, dem sie knechtisch dienen könnten, schaffen würden. Die Religion, die Jesus in sich trug, sieht man, war rein vom Geiste seines Volks; was in seinen Äußerungen vorkommt, das nach Aberglauben schmeckt, z. B. die Herrschaft der Dämonen über die Menschen, ist von einem Teile als entsetzlich unsinnig ausgeschrien [worden], von anderen hat es sollen durch die Begriffe von Akkommodation, Zeitideen u. dgl. gutgemacht werden; was über dergleichen von uns für Aberglauben Anzusehendes gesagt werden muß, ist, daß es nicht zur Religion gehört. Sonst war Jesu Seele frei, unabhängig von Zufälligkeiten, [war] Liebe Gottes und des Nächsten, heilig zu sein, wie Gott es ist, das einzige Notwendige. Diese religiöse Reinheit ist an einem Juden gewiß höchst bewunderungswürdig; seine Nachfolger hingegen sehen wir freilich jüdischen Zufälligkeiten entsagen, aber nicht vom Geist der Abhängigkeit von dergleichen überhaupt gereinigt; sie schaffen sich aus den Reden, aus dem, was Jesus für seine Person widerfahren ist, bald Regeln, Pflichtgebote, und freie Nachahmung ihres Lehrers geht in knechtischen Dienst gegen den Meister über.
Was ist nun das Zufällige, das in der Handlungs- und Sprechart des Jesus vorkommt und fähig war, für sich als Zufälliges, für ein Heiliges genommen und so verehrt zu werden?
1/229 Da unsere Absicht nicht ist, zu untersuchen, wie diese oder jene positive Lehre in das Christentum gekommen ist oder welche Veränderungen mit ihr nach und nach vorgegangen sind etc.
Eleusis66)
An Hölderlin (August 1796)
Um mich, in mir wohnt Ruhe, - der geschäft’gen MenschenNie müde Sorge schläft, sie geben FreiheitUnd Muse mir - Dank dir, du meineBefreierin, o Nacht! Mit weißem NebelflorUmzieht der Mond die ungewissen GrenzenDer fernen Hügel; freundlich blinktDer helle Streif des Sees herüber,Des Tags langweil’ges Lärmen fernt Erinnerung,Als lägen Jahre zwischen ihm und jetzt.Dein Bild, Geliebter, tritt vor mich,Und der entfloh’nen Tage Lust; doch bald weicht sieDes Wiedersehens süßern Hoffnungen -Schon malt sich mir der langersehnten, feurigenUmarmung Szene; dann der Fragen, des geheimernDes wechselseitigen Ausspähens Szene,Was hier an Haltung, Ausdruck, Sinnesart am FreundSich seit der Zeit geändert, - der Gewißheit Wonne,Des alten Bundes Treue fester, reifer noch zu finden,Des Bundes, den kein Eid besiegelte,Der freien Wahrheit nur zu leben, Frieden mit der Satzung,Die Meinung und Empfindung regelt, nie, nie einzugehn.Nun unterhandelt mit der trägern Wirklichkeit der Wunsch,Der über Berge, Flüsse leicht mich zu dir trug,- Doch ihren Zwist verkündet bald ein Seufzer, und mit ihmEntflieht der süßen Phantasien Traum.
1/230 Mein Aug’ erhebt sich zu des ew’gen Himmels Wölbung,Zu dir, o glänzendes Gestirn der Nacht! Und aller Wünsche, aller HoffnungenVergessen strömt aus deiner Ewigkeit herab;(Der Sinn verliert sich in dem Anschaun,Was mein ich nannte, schwindet,Ich gebe mich dem Unermeßlichen dahin,Ich bin in ihm, bin alles, bin nur es.Dem wiederkehrenden Gedanken fremdet,Ihm graut vor dem Unendlichen, und staunend faßtEr dieses Anschauns Tiefe nicht.Dem Sinne nähert Phantasie das Ewige,Vermählt es mit Gestalt)67) - Willkommen, ihrErhab’ne Geister, hohe Schatten,Von deren Stirne die Vollendung strahlt!Er schrecket nicht, - ich fühl, es ist auch meiner Heimat ÄtherDer Ernst, der Glanz, der euch umfließt.Ha! sprängen jetzt die Pforten deines Heiligtums von selbstO Ceres, die du in Eleusis throntest!Begeistrung trunken fühlt’ ich jetztDie Schauer deiner Nähe,Verstände deine Offenbarungen,Ich deutete der Bilder hohen Sinn, vernähmeDie Hymnen bei der Götter Mahlen,Die hohen Sprüche ihres Rats. -
Doch deine Hallen sind verstummt, o Göttin!Geflohen ist der Götter Kreis zurück in den OlympVon den geheiligten Altären,Geflohn von der entweihten Menschheit GrabDer Unschuld Genius, der her sie zauberte! -Die Weisheit Deiner Priester schweigt; kein Ton der heil’gen Weihn
1/231 Hat sich zu uns gerettet - und vergebens suchtDes Forschers Neugier mehr als LiebeZur Weisheit (sie besitzen die Sucher und Verachten dich) - um sie zu meistern, graben sie nach Worten,In die Dein hoher Sinn gepräget wär!Vergebens! Etwa Staub und Asche nur erhaschten sie,Worein dein Leben ihnen ewig nimmer wiederkehrt.Doch unter Moder und Entseeltem auch gefielen sichDie ewig Toten! - die Genügsamen - Umsonst - es bliebKein Zeichen deiner Feste, keines Bildes Spur.Dem Sohn der Weihe war der hohen Lehren Fülle,Des unaussprechlichen Gefühles Tiefe viel zu heilig,Als daß er trockne Zeichen ihrer würdigte.Schon der Gedanke faßt die Seele nicht,Die außer Zeit und Raum in Ahndung der UnendlichkeitVersunken, sich vergißt, und wieder zum Bewußtsein nunErwacht. Wer gar davon zu andern sprechen wollte,Spräch er mit Engelzungen, fühlt’ der Worte Armut.Ihm graut, das Heilige so klein gedacht,Durch sie so klein gemacht zu haben, daß die Red’ ihm Sünde deucht
1/233 Und daß er lebend sich den Mund verschließt.Was der Geweihte sich so selbst verbot, verbot ein weisesGesetz den ärmern Geistern, das nicht kund zu tun,Was er in heil’ger Nacht gesehn, gehört, gefühlt:Daß nicht den Bessern selbst auch ihres Unfugs LärmIn seiner Andacht stört’, ihr hohler WörterkramIhn auf das Heil’ge selbst erzürnen machte, dieses nichtSo in den Kot getreten würde, daß man demGedächtnis gar es anvertraute, - daß es nicht[Zum] Spielzeug und zur Ware des Sophisten,Die er obolenweis verkaufte,Zu des beredten Heuchlers Mantel oder garZur Rute schon des frohen Knaben, und so leerAm Ende würde, daß es nur im WiderhallVon fremden Zungen seines Lebens Wurzel hätte.Es trugen geizig deine Söhne, Göttin,Nicht deine Ehr’ auf Gass’ und Markt, verwahrten sieIm innern Heiligtum der Brust. Drum lebtest du auf ihrem Munde nicht.Ihr Leben ehrte dich. In ihren Taten lebst du noch.Auch diese Nacht vernahm ich, heil’ge Gottheit, Dich,Dich offenbart oft mir auch deiner Kinder Leben,Dich ahn’ ich oft als Seele ihrer Taten!Du bist der hohe Sinn, der treue Glauben,Der, eine Gottheit, wenn auch Alles untergeht, nicht wankt.
[Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus]68)
(1796 oder 1797)
- eine Ethik. Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt - wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat -, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt - aus dem Nichts hervor - die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. - Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.
So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.
1/234 Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also über den Staat hinaus! - Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören. Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen vom ewigen Frieden usw. nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind. Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, - Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. - Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.
Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, in dem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonieren - ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen - und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.
Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war - Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.
1/235 Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist’s, was wir bedürfen.
Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist - wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.
1/236 Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! - Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte größte Werk der Menschheit sein.